Gedanken Reinhold Knolls

1000 und eine Nacht…..

Die großen Erzählungen der Weltliteratur sind weithin bekannt. Großteils blieben sie als Kinderfassungen im kulturellen Gedächtnis. Daran erkennt man ihr Veralten – wie Friedrich Nietzsche festgestellt hatte. Weltliteratur wurde zur billigen Abenteurergeschichte und schied damit als Kontext unseres historischen Bewusstseins aus. Die perfekte Erniedrigung dieser Weltliteratur ist deren Verwendung für Fernsehserien. Aus der Rekonstruktion unserer Herkunft, zu der jetzt auch die chinesischen Romane  hinzuzuzählen sind, wurden „stories“ und unterscheiden sich kaum von den Erzählungen aus dem „Wilden Westen“ Amerikas. Man könnte meinen,  Fennymore Cooper hätte die Odyssee verfasst oder Charles Sealsfield (recte Carl Postl) das Nibelungenlied. Das hatten die fürsorglichen Bearbeitungen der antiken Werke im 19. Jahrhundert offensichtlich beabsichtigt. Aus Odyssee und Ilias wurden „Heldensagen des klassischen Altertums“, aus „Gullivers Reisen“ ein Reisebericht durch eine skurrile Welt, aus dem „Nibelungenlied“ ein nationalistischer Mythos.

Schließlich wurde auch der Inhalt dieser Dokumente zur „Selbstbeschreibung der Menschheit“ so verändert, dass man kaum einen Unterschied zu den grotesken Berichten wahrnehmen kann, die in Reaktion auf Religionskriege, Bauernaufstände und Versuche zur Revolte geschrieben wurden – zu Sebastian Brandts „Narrenschiff“, weit früher zu „Pantagruel“ von Francois Rabelais, den Gedichten von Francois Villon oder den „Lalebüchern“, von denen die possierlichen Schildbürger stammen.

Eine große Erzählung würde höhere philologische Aufmerksamkeit verdienen, würden wir noch in einer Zeit des Bildungsbürgertums und noch nicht im Posttelevisionszeitalter leben – das träfe auf die Erzählungen aus 1000 und einer Nacht zu.

Einer der Pioniere der Arabistik hatte sie entdeckt, Antoine Galland (1646 – 1715). Die erste Ausgabe dieses Erzählmarathons erschien 1704. Es war eine unvollkommene Edition. Wie hätte Galland damals den Ursprung dieser alten indischen Erzählungen zur Gänze entdecken können?

Im 15. Jhdt. galten nur 550 Erzählungen als bekannt, die um 250 n. Chr. entstanden waren und ins „Mittelpersische“ einflossen, in diese orientalische  Sprache und Erzähltechnik. Ein wenig müssen wir unsere Phantasie bemühen und in den persischen Elfenbeinminiaturen diese Märchenwelt entdecken. In diesem historischen Konvolut gibt es auch reale Personen der Geschichte, die noch in die Zeit des Sassaniden-Reichs gehören. Die Großkönige Chosrau I. und II. (531-579) kommen in drei „Gute-Nacht-Geschichten“ persönlich vor. Chosrau I. kann man als Portrait noch immer in numismatischen Sammlungen auf der Silberdrachme bewundern.

In der ersten Geschichte begegnet der Großkönig während der Jagd einem klugen Mädchen. Sie ist schlagfertig und verblüffte die hochmütige Jagdgesellschaft. In der dritten Geschichte erhält der Großkönig Chosrau II. einen Fisch. Der König schenkt dem Fischer 4000 Dirham. Die Königin findet diese Belohnung zu hoch. Nach langen Debatten im Hofstaat und durch geschicktes Verhalten des Fischers erhält er diesen Betrag nochmals. Der Großkönig beschließt, künftig nie mehr auf den Rat einer Frau zu hören. Es war die Erzählung in der 390. Nacht

Offenbar erschien Galland der Umfang seiner Erzählsammlung zu dürftig und fügte eigenmächtig die bekannte Erzählung „Sindbad der Seefahrer“ hinzu. Nachdem Galland den maronitischen Christen Hanna Diyab um 1709 kennengelernt hatte, erzählte ihm dieser weitere Geschichten. Sie wurden ebenfalls Teil der Erzählungen bis heute: Aladins Wunderlampe und Ali Baba und die vierzig  Räuber. Und später kamen noch Erzählungen hinzu, vom Prinzen Achmed und dem Geist Peri Banu, die von der 271. Nacht bis zur 285. erzählt wird. Abul Hassab war ebenfalls von Hanna Diyab hinzuerfunden worden – 337. bis 386. Nacht – und die berühmten Geschichten um Harun al- Raschid – die berühmteste der drei Geschichten über Harun al-Raschid wird von der 947. bis zur 952. Nacht erzählt. Interessant ist, dass alle Übersetzer nach Galland diese Geschichten übernahmen und somit den Eindruck erweckten, als würden diese zum Kanon der Quellentexte zählen.

Da die Rahmenhandlung bestens bekannt blieb, wurde sie nie einer Prüfung und Korrektur gemäß dem gegenwärtigen Kulturmuster des Feminismus unterzogen, Frauendiskriminierung historisch nachzuweisen und an solchen Texten Korrekturen vorzunehmen, sollte Wasser auf den Mühlen der Suffrageten sein. Scheherazade, die Erzählerin, hatte sich freiwillig für einen König als Ehefrau gemeldet, der seinen Frauenhass aus Enttäuschung so weit getrieben hatte, jede frisch angetraute Gemahlin nach der Hochzeitsnacht ermorden zu lassen. Die Tochter eines Wesirs war mutig genug und überzeugt, vielleicht dieses Morden durch fortwährendes Erzählen nach drei Jahren beenden zu können.

Die  erste Veröffentlichung der Erzählungen fiel in die Periode großen Interesses am Orientalischen, weshalb ja Montesquieu die Kritik und die politischen Empfehlungen in der Form „Persischer Briefe“ vor 1748 verfasst hatte.    

Tatsächlich war es Claudia Ott 2010 gelungen eine Handschrift aus 1610 in der Tübinger Bibliothek zu entdecken, in der Teile jener Ausgabe der Erzählungen enthalten sind, die auch Galland für seine Übersetzung verwendet hatte. Sie gilt mit den von ihr übersetzten Neuauflagen überhaupt als die kompetenteste Kennerin dieses gewaltigen Werkes. Nun muss man festhalten, ehe man sich im Historismus auf solche Projekte der Neuübersetzung gestürzt hatte, dass die Authentizität der Unterlagen noch keine textkritische Übersetzung empfingen. Galland hatte noch freie Hand in der Wiedergabe dieses orientalischen Talents des Erzählens. Nach Urteil von Jorg Borges hatte Galland die „schlechteste, schwindelhafteste und schwächste Fassung“ drucken lassen, sie war aber die meistgelesene….

Von der Fassung Gallands waren bedeutende Dichter begeistert: Edgar Allan Poe, Thomas de Quincey, Samuel Coleridge, Stendhal (Marie-Henri Beyle) und Alfred Tennyson. Also blieben deutlich bessere Übersetzungen ungelesen.

Die Begeisterung verdankt sich dem Interesse am Orientalischen im aufgeklärten Publikum und genau zu diesem „Trend“ schuf Mozart 1782 die „Entführung aus dem Serail“. Gallands Edition der zwölf Bände 1717 war ein Welterfolg und in jeder Bibliothek waren diese Erzählungen präsent. Bald gab es Übersetzungen ins Arabische (!) und „Hindustanische“.

Selbst in der deutschen Ausgabe 1839/1841 erwähnte „Doktor Weil“ den Umstand, dass „der unverzeihliche Galland“ sehr großzügig mit dem Original verfuhr. Die Schönung und Reinigung des Textes hatten die Prüderie zur Patin. Für die nächsten Übersetzer war damit die Erotik in den Erzählungen ein Interessenschwerpunkt geworden.

Hatte Galland galante Szenen umschrieben oder vorsichtig formuliert, so war Richard Burton unmissverständlich direkt und beachtete Anstandsregeln nicht mehr. Hieß es bei Galland: „Er begab sich geraden Wegs zum Gemach der Prinzessin, die, nicht darauf gefasst, ihn wiederzusehen, einen der geringsten Diener ihres Hauses in ihrem Bett empfangen hatte.“  So schrieb Burton dazu, dass die Prinzessen „einen schwarzen, nach Speisefett und Ruß stinkenden Koch“ ins Bett genommen hatte.

Nun hatte sich zwischen Richard Burton und Edward Lane fast ein Wettbewerb im Übersetzen von „1000 und einer Nacht“ entwickelt. Edward Lane hatte eine Ausgabe 1840 herausgegeben. Lane (1801- 1876) versah seine Übersetzung mit Fußnoten, teils um unschickliche Szenen zu tadeln, teils lässt er nach eigenem Ermessen Textpassagen aus, wenn ihm diese zu frivol erschienen. Immer wieder entzog sich Lane der Darstellung des Liederlichen, Erotischen und Frivolen, was er offenbar als Puritaner nicht verantworten wollte. Wichtig bleibt in dessen Ausgabe die philologische Präzision, die genaue Analyse des Textes. Er war der erste, der ein Wörterbuch für Arabisch-Englisch herausgegeben hatte.

Sein Gegenspieler Burton (1821-1890) war in jeder Hinsicht anders. Dieser war ein Weltenbummler, beherrschte 17 Sprachen und war überall daheim. Als Derwisch verkleidet betrat er den Tempelbezirk von Mekka und küsste die Kaaba. Dennoch fand er Zeit, seine Schriften zu publizieren, was immerhin 74 Bände umfasste. 1885 hatte er 10 Bände von „1000 und einer Nacht“ veröffentlicht.

Nun muss man eine literatursoziologische Anmerkung vornehmen, um zwischen den Zuhörern im Orient und den Lesern im Okzident zu unterscheiden. Der Vortrag der Erzählungen fand während der Spätantike auf Märkten arabischer Städte vor Analphabeten, Tagedieben, Krämern, Wanderhändlern, Spitzbuben, Taglöhnern und Sklaven statt; die schönen gebundenen Ausgaben lasen Gentlemen im Club, gebildete Kaufleute, Die einen glaubten an weit zurückliegende Wunder, die anderen glaubten nicht einmal an steil ansteigende Aktienkurse, die einen bevorzugten Schauergeschichten und anzügliche Derbheiten aller Art, die anderen verbrachten viel Zeit bei ihrem Schneider und Schuster, lasen die Zeitungen und staunten allemal, weil es außerhalb ihrer Welt noch eine andere Welt gab. In philologischer Hinsicht musste der Übersetzer diese bis weit übers Mittelalter hinaus reichende Sittengeschichte wiedergeben, auf der anderen Seite durfte er die Subskribenten nicht verschrecken und sollte daher nicht gegen den „guten Geschmack“ verstoßen.

Die Publikation in der Fassung von Burton erntete heftige Kritik, Entsetzen. Selbst die Enzyclopedia Britannica empfahl 1911 die mildere Fassung von Edward Lane. Der Kritiker  Stanley Lane-Poole bemerkte, die Übersetzung sei „not so exact in scholarship, nor so faithful to its avowed text….“ So waren dann weitere Ausgaben erschienen, wovon die Edition 1899-1904 von Joseph-Charles Mardrus und danach die deutsche Version von Enno Littmann 1928 die besten waren, der auch die deutschen Fassungen von Gustav Weil 1838  und Gustav Henning 1896 ersetzte.  

Nun muss man sich die Frage stellen, ob diese Erzählungen, die bis in die Kinderzimmer eindringen konnten, sowohl das Kriterium der Weltliteratur erfüllen, als auch von hohem literarischen Wert sind? Die Antwort ist gerade heute schnell gefunden. Die Sammlung nimmt ja nicht nur ihren Ausgang von einer dramatischen Situation, in der Scheherazade durch Erzählen ihr Leben rettet – mit dem Erzählen von „Dauergeschichten“ beginnen ja auch die merkwürdigen Abenteuer des Archivars Korim bei Laszlo Krasznahorkai in „Krieg und Krieg“ – sondern im Sinne der Postmodernen wird das Erzählen selbst zum Gegenstand der Erzählung. Die Sammlung ist aber mehr als „die große Erzählung“, die die postmoderne Philosophie zu ihrem Thema wählte. Sie ist auch mehr als ein Einblick in die Sozialgeschichte des Orients, in eine andere kulturell bestimmte Phantasiewelt, sondern sie besticht in ihrem „magischen Realismus“.

Alle Erzählungen haben insgesamt den Zweck, die Dimension der „conditio humana“ zu beschreiben, soll sie in der Klugheit eines Kalifen zum Ausdruck kommen, oder in der Erbärmlichkeit des Königs Schahriyar, der schon in der Rahmenerzählung grausam und rachsüchtig erscheint. Allerdings kennen die Erzählungen weitere Minderwertigkeiten. Diese Kriterien erfüllt der Schneider in der Geschichte des Buckligen zwischen der 24. und 34. Nacht. Er ist feig, lügt und ist ständig damit beschäftigt, die eigene Haut zu retten. In derselben Geschichte übernimmt der Barbier eine andere, aber in ihrer Niedrigkeit vergleichbare Rolle wie der Schneider: geschwätzig, selbstgefällig und lächerlich. Es beginnt in der 28. Nacht und diese Geschichte wird bis zur 32. fortgesetzt.

Schlimmer ist die Geschichte über einen Wesir, der neidisch und intrigant ist. Allerdings – und das ist der besondere Reiz der Geschichte, bringt den Wesir die eigene Bosheit zu Fall. Es ist die 13. Nacht. Die Alternative zum neidischen Wesir ist der geizige Kaufmann, der Gegenstand der 14. Nacht ist. Obwohl reich, beherrschen ihn Geiz, Gier und Angst. So enthüllen sein aufwändiges Getue und Angeberei seine innere Armut. Ein anderes Kapitel ist der eifersüchtige Ehemann. Jahrhunderte vor Othello wird diese zerstörerische Kraft dargestellt, die nicht vertrauen kann, nichts glaubt und sich immer betrogen fühlt.

Die Erzählungen, die in ihnen versteckte Raffinesse und Klugheit Scherahazades, weisen auf eine Interpretation hin, die grundsätzlich in den Erzählungen nicht urteilt und nicht verurteilt, nicht bewertet, aber auch nicht neutral bleibt. Mit dem Tractatus politicus von Spinoza kann man den Modus des Erzählens klar charakterisieren: „Über die menschlichen Dinge nicht lachen, nicht weinen, sich nicht empören, sondern begreifen.“ Genau das ist die Intention dieser vielen Geschichten und das machte „1000 und eine Nacht“ zur Weltliteratur….

PS.: Die Angaben, in welchen Nächten welche Erzählungen vorgetragen wurden, wären ohne die Unterstützung Künstlicher Intelligenz nicht möglich gewesen. Die Zählung der Nächte orientiert sich an der Ausgabe von Gustav Weil. Es verblüfften die Darstellungen der KI, die eine vollständige Rezension dieser Erzählungen anbietet, wie die literaturkritische Einschätzung sich strikt an der Kompetenz vor 100 Jahren orientiert, jedoch die fortgesetzte Untersuchung älterer Quellen lässt die Künstliche Intelligenz noch an ihre Grenzen stoßen. Es werden keine endgültigen Grenzen sein….