Vor einer neuen Vermessung der Welt:….
Wladimir Putin ist der große Gewinner dieser strategischen Prophylaxe der USA-Israel gegen den Iran. Mit dem Ölpreis samt Sperre der Wasserstraße von Hormus klingelt es bei der russischen Staatskasse in höchsten Tönen. Nun kann man nicht beurteilen – oder noch nicht – ob es nach dem Schlag der Achse Washington-Jerusalem gegen den Iran auch eine weiterführende strategische Planung gibt. Jedenfalls schien man überrascht worden zu sein, als die Verbindung zur „Außenwelt“ des Welthandels vom Iran abgeriegelt wurde. Ebenso war man in den „allwissenden“ Militärstäben vom Angriff des Iran auf die Golfstaaten überrascht. Sie waren plötzlich zu Kombattanten der USA und Israel erklärt worden. Angeblich hatte China im Verein mit Pakistan den Iran jüngst zu Verhandlungen mit den USA gedrängt.
Noch kann man keine Nachahmung vergleichbarer militärischer Interventionen prognostizieren. Die Methode verspricht aber einigen Erfolg und kann sich als probates Mittel für eine andere Art der Außenpolitik erweisen. Vielleicht nennt man diese dann im Fachjargon eine „militärische Prophylaxe“.
Und der Vorwurf des US-Präsidenten, die NATO habe im Fall des Iran ihre Beistandspflicht für die USA nicht erfüllt, war zu erwarten. Damit will Trump dem Bündnissystem einen Strick drehen, um es über kurz oder lang auch zu beenden, selbst auf die Gefahr hin, die Stützpunkte in Deutschland zu verlieren, die man gerade jetzt im Krieg gegen den Iran dringend benötigt. Zwar hatte es den Anschein, es wiederhole sich die Kritik an NATO und Europäischer Union, doch schon längst betreibt der US-Präsident mit Europa ein Katz und Maus-Spiel und will die neunmalklugen Europäer von jedem Tisch internationaler Politik wegweisen.
Noch wichtiger ist für den Beobachter, dass die seit einiger Zeit bestehende Achse nach Moskau mit den militärischen Interventionen der USA seit Venezuela offenbar zum fixen Bestand neuer Weltpolitik zählt. Für eine derartige Interpretation spricht das beredte Schweigen Putins zur Intervention gegen Teheran, wie umgekehrt der geschwätzige US-Präsident seinem Amtskollegen im Kreml im Krieg gegen die Ukraine keine Steine mehr in den Weg legt und ebenfalls schweigt. Dass der US-Vizepräsident James David Vance in Budapest den Wahlhelfer im Auftrag von Trump „und“ Putin spielt, ist bemerkenswert und festigte die Übereinstimmung, die Europäische Union grundsätzlich als wirkungslosen Staatenbund vorzuführen. Dieser Auftritt von Vance in Budapest hatte Orban auch den Rücken für die Zeit nach den Wahlen zu stärken. Es wird nicht allein dessen Entscheidung sein, ob er nach einer möglichen Wahlniederlage die Hilfe seiner großen Freunde annehmen muss oder nicht. Diese Variante, die in wenigen Tagen Wirklichkeit werden kann, hat den „Europäern“ noch immer nicht die Augen geöffnet…
Die neuen Machthaber der Welt entpuppen sich in ihrer vulgären Überheblichkeit als bedrohliche Imitatoren der bekannten Scheusale der Weltgeschichte: Nero, Iwan IV. der Schreckliche, Tamerlan oder Kim il-Sung sen. sind nur Beispiele aus einer langen Liste. Zur Orientierung gibt es zwei wichtige Hinweise für die Einschätzung dieser Machthaber: Boris und Arkadi Strugazki schrieben den Roman „Es ist schwer ein Gott zu sein“ (1964). In diesem Science fiction-Roman wird eine anti-intellektuelle Diktatur beschrieben, die dem Reich Putins gleicht: Intellektuelle werden verfolgt, die Wissenschaft ist nicht frei, es herrschen Willkür und Polizeigewalt. Daher kann es auf „Arkanar“ keinen Fortschritt geben, es fehlt an politischer Vernunft und das politische System benötigt zunehmend die Polizei.
Trump könnte sofort und ohne Kostüm den „König Ubu“ von Alfred Jarry (1896) spielen. Er müsste nicht einmal den Text lernen, sondern seine Wortmeldungen aus den „social media“ wiederholen. Damals wollte das Theaterstück die politischen Funktionäre der Lächerlichkeit preisgeben. In derber, vulgärer und infantil-chaotischer Sprache bereichert sich König Ubu ungehemmt, regiert nach Willkür und Laune und zeigt damit einige Parallelen zum Roman der Brüder Strugazki.
Sowohl im Roman als auch bei „König Ubu“ fehlt eine Szene, die das Büro der in Wien residierenden OSZE zeigen müsste. Die Vertreter der Mitgliedstaaten wählen einhellig mit Begeisterung Putins Lieblings-Dolmetscherin Daria Bojarskaja zur Leiterin der internationalen Wahlbeobachtung in Ungarn. Sie ist für ihre Vernetzung bekannt und berüchtigt. Gleichzeitig beschuldigt Viktor Orban unter beifälligem Kopfnicken der Großen dieser Erde den ukrainischen Präsidenten, ein Attentat auf die Öl-Pipeline von Russland nach Ungarn zu planen. In Monologen behauptet er, dass die Ukraine Russland angegriffen habe und die Europäische Union selbst die Chancen Europas kläglich verspielt. Die Chancen wären sofort vorhanden, würde man sich in die Arme Putins begeben.
Nun hebt sich der Nebel nicht nur im Theater, sondern langsam hebt er sich überall; Konturen werden sichtbar, die man bislang nicht glauben wollte. Da scheinen ja die „Richtigen“ im selben Boot zu sitzen. Unter ihnen ist Xi die Ausnahme, denn sein Schweigen ist zugleich Beispiel von Macht und Disziplin. Und Netanyahu scheint die bunte Runde zu ermutigen, ja keinen Krieg zu beenden. Gott bewahre! Nach der Zerstörung des Gaza-Streifens setzt er die Angriffe am Territorium von Libanon fort. Es scheinen sich die Worte zu wiederholen, die Paul de Lagarde 1884 als „völkischer Nationalist“ geschrieben hatte: „Mit der Humanität müssen wir brechen, denn nicht das allen Menschen Gemeinsame ist unsere eigenste Pflicht, sondern das nur uns Eignende ist es.“
Dem können unsere weltpolitischen Bootsfahrer nur beipflichten. Xi wird dazu wohlweislich schweigen. Selbst schlechte Nachreden vermeidet er grundsätzlich. Bei Trump ist dessen Narzissmus das Gebot der Stunde. Die Haltung Putins ist hingegen gespickt mit verschlagener reancune und Hinterhältigkeit. Nur Orban verwandelt sich in einen dreisten Zigeunerbaron und Netanyahu hält jeden Friedenswunsch für eine Maskerade von Schwächlingen.
Wenn man sich vorstellt, dass Hannah Arendt den Zusammenbruch aller geltenden moralischen Normen im öffentlichen und privaten Leben in den 30er und 40er Jahren miterlebte, so war damals den Machthabern bewusst, „dass (man) in der Tradition des Humanismus jenen Hemmschuh ausmachen konnte, den es zu überwinden galt: Mögen wir inhuman sein! ….Mögen wir Unrecht tun!….Mögen wir unsittlich sein!….Nach Jürgen Goldstein, Menschlichkeit. Vom Plan der Humanisierung der Welt, waren diese Imperative zu Hitlers Handlungsnormen geworden. Hauptsache war, damit erfolgreich zu sein. Heute hören und lesen wir von diesen schon wieder!
Dabei war es nicht in erster Linie um die Art der Machtergreifung gegangen, sondern um die Zerstörung der Sprache, wie Karl Kraus mehrmals festgehalten hatte. Heute leiden wir unter dieser Zerstörung weit mehr, ja bemerken an der politischen Sprache die Verwahrlosung und Rohheit.
Was ist heute wieder möglich?
Die Sprache Putins besteht aus permanenten Drohungen. Seine alter ego Ex-Präsident Dmitri Medwedew war der erste, der sich nicht scheute, zuerst Finnland mit der Vernichtung durch eine Atombombe zu drohen. Die Sprache von Donald Trump ist ebenfalls eine der permanenten Bedrohung. So meinte er, den Iran in die Steinzeit „zurück zu bomben“. Seine Reden sind von erschütternder Primitivität und Torheit. Angeblich sollen so vor 4 Jahrhunderten die Illiteraten und Analphabeten gesprochen haben – die Klientel von Grimmelshausen, Francois Villon oder Sebastian Brandt im „Narrenschiff“ oder in den „Lalebüchern“ (Schildbürgern 1598). Netanyahu kann man überhaupt auf das Konzept von Carl Schmitt eingrenzen, wonach es entweder nur Freunde oder Feinde gibt. Orban hingegen lügt und weiß wahrscheinlich, dass er lügt.
In durchaus vergleichbarer Situation hat Sigmund Freud 1941 vom Scheitern des „Kulturexperiments Mensch“ gesprochen. Damals war die Situation zwar schlimmer und auswegloser. Wir sind aber am besten Weg dorthin.
Die Weltpolitik ist von einem forschen Brutalismus gekennzeichnet. Was der Bitcoin auf der Börse in der Gier der Geldvermehrung bewirkte, vermag in der übereinstimmenden politischen Obszönität die Achse zwischen Washington-Jerusalem-Moskau.