Von der Biopolitik zur Psychopolitik
Die letzten wie auch die künftigen Wahlen in den USA, in Moldawien, in Vorarlberg, Brandenburg und zur Europäischen Union oder sonst wo auf der Welt, zeigen ein übereinstimmendes Bild: Eine unzufriedene Bevölkerung übt Rache an jenen, von denen vermutet wird, dass diese die Schuld an der Krise insgesamt, am Ausbleiben der Konjunktur, an den Energiepreisen, an der Verunsicherung durch Migration haben. Es ist die Folge einer langen Geschichte, die ausnahmsweise weit vor der nationalsozialistischen Machtergreifung begann. Wir stehen nicht mehr unter dem Richtschwert staatlicher Todesmacht wie im Absolutismus, sondern erliegen den Einflüsterungen der Biomacht. Sie führt uns eine Freiheit vor Augen, die uns von der imaginären Welt der Medien aufgedrängt wird. Die Biomacht schenkt uns das Gefühl zu leben, auf dieser Welt einzigartig zu sein, sie steigert unsere Vergnügungen und Lebenslust. War die vormalige Todesmacht eines Souveräns harte und ungerechte Verwaltung, Kontrolle und Körperstrafen, der Mensch ein gefügiger Bauer am Schachbrett, so kennt die Biomacht zwar solche Unfreiheit nicht, aber sie ist weit feinmaschiger, enger, dennoch kaum spürbar. Sie kennt weder offene Willkür noch die polizeistaatliche Grobheit des Perlustrierens auf offener Straße. Dennoch greift die Biopolitik schnell in soziale Prozesse ein, verändert Verfassungen als hätten sie unsere Wunschträume zu erfüllen. Also beginnen die Gesetze deutlich engmaschiger zu werden, komplexer und komplizierter und bald verheddern wir uns in neuen Regeln. Die Biomacht räumt sogar als die große Freiheitsversprechung die individuelle Entscheidung über die Geschlechtszugehörigkeit ein. Daher müssen die Gesetze immer häufiger der Natur entsprechen und das Recht orientiert sich nicht mehr am Standard unserer Zivilisation. So werden Gesetze zu unbeabsichtigten Fallstricken. Es ist eine neue und merkbare Steuerung der Bevölkerung eingetreten, die bald aus Gründen der political correctness „ferngelenkt“ oder gar ferngesteuert erscheint. Die Biomacht greift in biologische Prozesse ein, zuletzt sogar gegen Milchkühe. Jetzt wissen wir, dass diese die schlimmeren Klima- oder CO2-Sünder sind als Kreuzfahrtsschiffe, Flugverkehr oder Kohlekraftwerke.
Wir meinen, die Biopolitik erfasst eben vornehmlich Fortpflanzung und Sterbetafeln, statistisch ermittelte Lebenserwartung, Gesundheit oder Drogenmissbrauch. Vor wenigen Jahren besaßen wir den „Köhlerglauben“, keine Biomacht der Welt würde das Bewusstsein der Bevölkerung beeinflussen können. Die schlimmste Befürchtung war einmal, ein Big Brother würde uns gängeln und uns der Freiheit berauben. „Animal Farm“ war George Orwells Szenario von 1945, das mit Demokratie und Rechtsstaat in weite Ferne gerückt wurde.
Das Panoptikum der Digitalisierung sieht keinen Überwachungskapitalismus vor, auch keine Disziplinargesellschaft, sondern – wie es Byung-Chul Han nennt – eine psychopolitische Transparenzgesellschaft. In ihr ist die „große Unbekannte“ in der Lage, unsere Gedanken zu lesen und zu überwachen, uns „zu verstehen“ und uns das zu bieten, was wir gerade am Wunschzettel notierten. Shushana Zuboff hat dazu „Im Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ eine lange Liste dieser Maschinen ermittelt, die unsere geheimen Wünsche zu erraten scheinen – bis zur Waschmaschine. Die Biopolitik erlaubte hingegen noch keinen direkten Zugriff auf unser „Innenleben“, was inzwischen der Gegenstand der Psychomacht geworden ist, sich nämlich in unsere psychosozialen Prozesse einzuschalten.
Diese Beobachtungen brachten Chris Anderson auf die Idee, dass die psychopolitische Transparenzgesellschaft keine Theorie mehr benötigt, sondern die Datenmengen sind inzwischen derart angewachsen, weshalb man sich nicht mehr bei Prognosen auf fehlerhafte oder falsche Modellbildungen verlassen muss. „Sie müssen sich nicht einmal mehr für überhaupt irgendein Modell entscheiden“, schrieb Anderson 2008 in dem Artikel „The End of Theory“. Wie auch Zuboff behauptete, ist die Analyse der „Big Data“ die Grundlage der Ermittlung jeder beliebigen Wirklichkeit, weshalb wir keine Sozialtheorie mehr benötigen. „Es ist vorbei mit jeder Theorie des menschlichen Verhaltens, von der Linguistik bis zur Soziologie. Vergessen Sie die Taxonomie, die Ontologie und auch die Psychologie.“
Diese Unmengen an Daten, die wir heute sammeln können, erlauben die Ermittlung der Verhaltensmuster der „Massen“ und sind der Beginn der digitalen Psychopolitik. Da war der Musikautomat „Alexa“ der bescheidene Anfang gewesen, der uns nach kurzem Betrieb jene Musik bot, für die wir einige Vorliebe zu erkennen gaben.
Das Unbewusste der Menschen ist kein Rätsel mehr, es kommt buchstäblich alles an den Tag, wie eben weit früher jeder Filmapparat das „Optisch-Unbewusste“ sichtbar machte. Wir wissen heute, dass wir im Film Zeit und Raum dehnen oder verkürzen können, wir wissen, dass die Kamera eine „andere Natur“ zeigt, denn sie hat diesen technischen „Augen-Kontakt“ geschlossen, den wir nachher im Film wahrnehmen. So dürfen wir erstmals in der Geschichte unseren Augen nicht mehr trauen. Die Kamera vermag mehr zu erklären als wir wahrnehmen. Sie kann mit ihrem technischen Zuschnitt unterbrechen, dehnen und verkleinern, die Hektik des Stadtlebens erlebbar und sichtbar machen, oder aber lässt uns in der Idylle eines Filmschnitts träumen.
Mit den neuen Datensätzen haben wir das altmodische Hilfsmittel der Kamera, die zu unserem Auge geworden ist, bei weitem überboten. Wir können das Kollektiv-Unbewusste erfassen, wie eben eine Kamera erstmals das Optisch-Unbewusste zu erfassen vermochte – in jedem Kurzfilm von Charlie Chaplin. Jetzt stehen wir vor dem „Digital-Unbewussten“, denn nun kann die Psychomacht den Menschen von innen her beobachten und bald überwachen. Die digitale Psychopolitik bemächtigt sich des allgemeinen Verhaltens, erlaubt die Programmierung durch Theatralisierung sozialer Situationen. Das Konzept der Rollentheorie erfährt jetzt seine radikale Umsetzung.
So mutet die in Wahlen erkennbare Flucht in den Populismus oder ins Nationalistische wie das erste Ergebnis der gelungenen Psychopolitik an – nämlich dorthin zu eilen, wo die Kontrolle, die Überwachung, das Regieren mittels enorm erweiterter Datensätze bereits unmissverständlich angeboten wird.