Gedanken Reinhold Knolls

Österreichs neuer Weg zurück

Wäre es nicht so prekär, gäbe es jetzt viel zu lachen: Ohne hängen zu bleiben hatte er sein Referat wortwörtlich von seinen Unterlagen abgelesen. Arthur Seyss- Inquart  hatte ebenfalls einmal laut vorzulesen, allerdings stammte das Manuskript aus Berlin. Die Intention war ähnlich: auch er sprach von Ehrlichkeit, Anstand und auch von Vertrauen. Beide schienen heute wie damals überzeugt, dem Willen der Mehrheit, dem Land und der Verfassung zu folgen. Allerdings konnte unser Referent nichts Vergleichbares entscheiden, was sein Vorgänger zu entscheiden schien: Einmarsch, Volksabstimmung und Anschluss. Nach vollbrachter Rede trat Seyss-Inquart wider Willen ins zweite Glied zurück. Das können wir vom Neuen am Ballhausplatz nicht erwarten. Der brennt darauf in diesem Zimmer zu sitzen, um endlich diesen Geist auszutreiben, den Robert  Musil in der Person des Sektionsrats Tuzzi beschrieben hat.

Noch gibt es aus Berlin keine Regieanweisung. Die „Panjebrüder“ schlafen noch! Noch schaffen Weidel, von Storch, Chrupalla oder Höcke das nicht,  was er zusammenbrachte. Aber bald! So gern hätte er diesen Gesinnungsgenossen zugerufen: Machtergreifung! Nein, die lassen auf sich warten.  Ohne mit einer Wimper zu zucken, sprach der Parteichef gut 40 Minuten über Ehrlichkeit. Dessen Sätze sind wie ein Referat im Seminar am Institut für Politikwissenschaften. Mir kann man Vertrauen, sagte er, ohne rot zu werden. Dieses Vertrauen müsse die Volkspartei erst gewinnen, nämlich sein Vertrauen – und das sagte er drohend. Vertrauen lernte er beim Bergsteigen – und Härte. Beide zusammen sind seine Tugend.

Vielleicht hatte Seyss-Inquart als Innenminister auch so gedacht. Allerdings war er recht glücklos. Er wurde den Geruch des illegalen Nazi nicht los. Er hatte eben keinen Pilnacek an seiner Seite. Dieser eiferte dem berüchtigten Sektionschef Hecht nach. Dieser hatte 1934 Mittel und Wege gefunden, um die Schließung der Parlamentssitzung zu erwirken. Mit einem Hecht an seiner Seite hätte er als  ehrlicher Innenminister schon früher alle Beamten seines Ministeriums verhaften können.
Deshalb hütete er sich, Versprechungen zu machen, Ankündigungen, Pläne. Fix ist nur, das Budgetdefizit wird die ÖVP auslöffeln müssen. Dafür braucht er sie. Die haben sich das selbst eingebrockt. So sprach er. Wie er sprach, so wird er da gar nichts auslöffeln, sondern er wird der ertrinkenden ÖVP  die Hand reichen – fürs Auslöffeln.

Und die wird ohne Wenn und Aber fürs Auslöffeln bereit sein. Den Hintermännern liegt ja nichts am weiteren Bestand dieser Partei. Man wird ihn sogar bitten, als neuem Führer mit Proskynese huldigen zu dürfen. Am Ende des Referats bedauerte er, im Saal keinen Spiegel zu finden. So gern hätte er sich jetzt gesehen. Jetzt würde in seiner Erinnerung selbst jetzt Jörg Haider ziemlich klein aussehen….   

Alles wird wunderbar!