Vom Verlust der Wertrationalität in Politik und Gesellschaft
Die Eckpunkte der Theorie sozialen Handelns nach Max Weber mussten früher Studierende der Sozialwissenschaften „auf Knopfdruck“ aufsagen können. Also war auch der Unterschied zwischen Wert- und Zweckrationalität geläufig. Ebenso waren auch die Eigenschaften traditionalen und affektuellen Handelns als bekannt vorausgesetzt worden. Anspruchsvoller ist, den Kontext sozialen Handelns zu ermitteln: Ist der allgemeine Schulbesuch für eine künftige Bildungsgesellschaft zweckrational? Ist das in „Gymnasien“ geforderte Erlernen lateinischer Grammatik ein wertrationales und zugleich auch soziales Handeln, um die Voraussetzungen europäischer Kultur verbindlich zu erfahren?
Bei Emile Durkheim lautet die Erklärung, dass soziales Handeln „nicht anders geschehen kann als durch Zwang.“ Es zählt zu „Arten des Kollektivseins“, soziales Handeln gehört also zu „soziologischen Tatbeständen anatomischer und morphologischer Ordnung.“
Dies alles muss man sich in Erinnerung rufen, um endlich den enormen soziokulturellen Wandel zu begreifen, der die Wertrationalität unseres Handelns in den Hintergrund drängt. Früher haben Handlungstheorien für eine Menge sozialer Theorien gesorgt, doch heute werden sie von Kommunikationstheorien ersetzt. Das begründete den Erfolg von Paul Watzlawick aus Kärnten Im „Eisbergmodell“ behauptete er, dass der überwiegende Teil der Kommunikation im Unbewussten und im Unterbewussten verbleibt, nur „ein Achtel“ davon gelangt an die Oberfläche der Sprache. Somit ist die Sprache nur zu einem geringen Teil das Merkmal unserer sozialen Kompetenz. Die Voraussetzung der Hypothese Watzlawicks war die Entdeckung von Sigmund Freud, dass im Versprechen überraschende Eruptionen des Verdrängten unkontrolliert ans Tageslicht drängen. Den hörbaren Teil des Versprechens empfängt heute öfter das Telefon als ein Gesprächspartner – und Google antwortet.
Es war an der Zeit, nicht mehr vom sozialen Handeln zu reden, sondern vom Verhalten. Davor war die Verhaltenslehre noch ein Gegenstand der „Ethologie“ und galt der Erforschung tierischen Verhaltens – in den Beobachtungen von Konrad Lorenz und Karl Frisch. Seither dominiert auch in den Sozialwissenschaften das „sozialen Verhalten“. Der Mensch wurde zum Bündel von Reiz- und Reaktionsschemata – ein instrumentalisiertes Individuum nach Erving Goffman.
Die der Zweckrationalität zugeordneten Verhaltensweisen, die sich in einer technisierten Umwelt gut einspielten, mutieren generell zum sozialen Wert. So kommt in den Sozialwissenschaften Ethik kaum noch vor. Auf „gemeinsame und verbindliche soziale Werte“ kann man sich bei der gegenwärtigen sozialen Reziprozität nicht verlassen. Die große Dialog-Philosophie vor 100 Jahren bei Martin Buber, Ferdinand Ebner und Edmund Husserl ist inzwischen vergessene Gesellschaftsgeschichte, die schon damals der Totalitarismus brutal zerstört hatte.
Ein kurzer Blick in einen Waggon der U-Bahn lehrt, dass die Kommunikation sich „großmehrheitlich“ auf Geräte der Kommunikationstechnologie bezieht. Das Beispiel soll die Veränderung der sozialen Situationen bestätigen. Daher ist jetzt die Kommunikationstechnologie die Befreiung vom Zwang, Unterhaltungen mit Menschen zu führen. Jeder potentielle Gesprächspartner verblasst gegenüber dem Smartphone. Die virtuelle Beziehung hat immer Vorrang. Allerdings war schon seit einiger Zeit der Dialog in der Wortkargheit verdurstet. Hatte man früher über Gott und die Welt geplaudert, heißt es, so stockt heute der Dialog, denn über die Glaubwürdigkeit der Aussagen muss erst Google entscheiden. „Quod non est in Google, non est in mundo“ lautet heute der alte Merksatz. Den familiären Redefluss hat das Fernsehen schon vor 60 Jahren brüsk unterbrochen. So waren die Nachrichten ab halb acht der Beginn der one-way-Kommunikation. Vater, Mutter, Kindern wurde Schweigen geboten. Es war die letzte Mitteilung von ihm/ihr an ihn/sie. Seither mühen sich Moderatoren, das Gespräch in Gang zu bringen. Es gelang aber nur bei der „Wunderübung“ von Daniel Glattauer 2017 – im Drehbuch für den Film.
Das Gespräch zwischen Menschen hat an Glaubwürdigkeit verloren und daher ist im Dialog keine „Wertrationalität“ zu erwarten. Deshalb muss eine stets lauter werdende Hintergrundmusik zur Schallumwelt werden und die Sprachlosigkeit überbrücken. Autos fahren nächtens wie Discotheken durch die Straßen und die Insassen sitzen schweigend nebeneinander. Das Plappern per Medien ist das Ergebnis der Monologe aus Einsamkeit. Byung-Chul Han nennt sie Empörungswellen, „deren Fluidität und Volatilität…nicht geeignet sind, den öffentlichen Diskurs zu gestalten.“ Dieser Diskurs entledigte sich jeder „Wertrationalität“, denn die Beachtung der Meinung anderer, Respekt, der im Zuhören beginnt, Wahrung der Integrität des Nächsten wird von den hysterisch gesteigerten Empörungen weggespült. Es entsteht eine Skandalgesellschaft dank sozialer Medien, in der jeder täglich seine Ehre verliert und keine Aussicht auf Zukunft generiert.
Nun hat die deutsche „Shell-Studie 2024“ über „Werthaltungen“ von Jugendlichen zwischen dem 12. und 25. Lebensjahr bestätigt, dass die „traditionellen Werte“ – Freundschaft, Familie, feste Bindungen, Bildung – in einem deutlich schwächeren historisch-politischen oder weltanschaulich-soziokulturellen Zusammenhang stehen als 2019. Die traditionelle, konfessionell (christlich) geprägte Weltanschauung teilen nur mehr 38% deutscher Jugendlicher. (78% der muslimischen Jugendlichen in Deutschland gaben an, sich an den Vorschriften ihrer Religion zu orientieren.) Dahingegen wurden zunehmend „soziale Werte“ „in den letzten beiden Jahrzehnten materialisiert“, z.B. Klimaschutz oder die Verringerung des CO2-Ausstoßes und die Problematik der Kernenergie. Will man diese auch von Medien geförderte „Einstellung“ interpretieren, so zeigen die „sozialen Werte“ die Tendenz, dass die Handlungskonsequenz nicht mehr mit der „Wertorientierung“ korrespondiert. Das beweist der tägliche Transport Zehntausender in ferngelegene Urlaubsregionen. Somit werden aus den genannten „Werten“ Wünsche.
Wenn Gesundheit einen hohen individuellen Wert darstellt, so folgt daraus nicht – wie früher, ein dem Wert entsprechendes Leben zu führen – im Gegenteil. Das Bekenntnis zum gesunden Leben hindert nicht am Konsum diverser Drogen. Damit ist die angeblich realisierbare „Wertrationalität“ im sozialen Handeln zum Wunsch geworden, das kein adäquates wertorientiertes Handeln nach sich zieht. Vor fünfzig Jahren zählte es noch zur allgemeinen Mentalität oder zum Zeitgeist einer Gesellschaft, dass der Vollzug der Wertrationalität zur klaren Handlungsdisposition nötigt – etwa im Erreichen von Sparzielen. Trotz der Dominanz einer Konsumgesellschaft scheinen soziale Werte von ihrem Vollzug völlig abgekoppelt zu sein. Die Einebnung des „sozialen Handelns“, wie es noch Max Weber verstanden hat, zeigt den Menschen immer mehr im Verhalten als Konsumenten und nicht als „zoon politikon“. Auf der digitalen Agora, wo Wahllokal und Markt, Polis und oikos (Ökonomie) in eins fallen, erscheint kein politisch kompetenter Bürger mehr, sondern es sind Konsumenten, die wie Nomaden nach gutem Leben suchen. Die politische Umfrageforschung hat sich schon längst ein Beispiel an der Marktforschung genommen – seit „The People´s Choice“ von Paul Lazersfeld 1944 in den USA. Es ist keine Ermutigung der Demokratien zu erwarten. Die politischen Systeme des „Westens“ befinden sich eher auf dem Weg zur digitalen Überwachungsgesellschaft, mit Populismen rechts wie links. Den wenigsten ist bewusst, dass sie mit ihren elektronischen Geräten stille Teilhaber des digitalen Panoptikums werden. Die Geschwätzigkeiten auf „Twitter“, „facebook“ oder „Instagram“ und „Linkedin“ sind die Vorbereitungen für die „biopolitische Disziplinargesellschaft“ (Byung-Chul Han). Mit den allgemeinen Verwirrungen und Empörungen fällt der Verlust jeder Unterscheidbarkeit von „Wert- oder Zweckrationalität“ nicht auf. Das ist auch der Grund für die abnehmende Wertschätzung der Demokratie, des Parlamentarismus, des Rechtsstaats.