Gedanken Reinhold Knolls

Zur Technik

Die Debatte über den Einfluss der Technik auf unsere Zivilisation hatte einmal damit begonnen, dass behauptet wurde, es gäbe einen Unterschied zwischen unserem neuzeitlichen Blick und dem der Antike. Dieser Behauptung war die Überzeugung vorangegangen, es muss eine andere Art des Sehens gegeben haben. Die Beschaffenheit unserer Wahrnehmung muss sich eben geändert haben, denn der visuelle Reiz des Parthenon ist wohl ganz anderer Natur als der Reiz eines gotischen Domes. Allein in der Malerei sollten wir doch generell Unterschiede wahrnehmen, wo doch regelmäßig behauptet wird, dass hier eine Übereinstimmung herrschen müsse. Das ist bereits dann wahrzunehmen sollten wir die Art des Sehens bei einem Maler mit dem des Betrachters vergleichen. Eine Vergleichbarkeit ist eben überhaupt nicht der Fall, denn der Blick des Malers orientiert sich am Interesse, das einen speziellen Darstellungsinhalt wiedergeben will. Nun müssen wir den Vergleich fortsetzen und haben damit zu beginnen, unser Verhältnis zur Natur nach ähnlichen Unterschieden zu charakterisieren. Somit ist vorauszuschicken, dass das Phänomen der Technisierung nicht in der Gegenüberstellung von Natur und Technik zu beschreiben ist, sondern dass im Verhältnis des neuzeitlichen Menschen zur Welt auf der Basis der Anschauung der vorhandenen Wirklichkeit Differenzierungen eintreten, in denen ein Bewusstsein der Zeit, ja sogar des Zeitalters eingeschrieben ist. Mit der reformatorischen Leidenschaft war ein Zeitabschnitt in voller Absicht eröffnet worden, warum nicht auch in anderen Bereichen der Kultur, Gesellschaft, Herrschaft und auch Wissenschaft? Die Folge war der Verlust der Vertrautheit mit der Welt, was im Kontrast zwischen Tizian und Hieronymus Bosch zu sehen ist.

Von diesem Vertrauen in die Welt war vielleicht noch der Humanismus getragen, war im Grunde die erste kulturelle Orientierung in Europa aufs längst Vergangene und wählte das Muster nicht aus der eigenen Geschichte, sondern wollte sich „idealtypisch“ in den Mustern der Antike wiederfinden, weshalb es schwer sein sollte, im Skulpturenprogramm  zwischen damals zeitgenössischer und antiker Bildhauerei zu unterscheiden. Könnte man nicht den berühmten David von Michelangelo für ein Werk der griechischen Klassik halten? Und umgekehrt: könnte nicht der Athlet in der Wiener Antikensammlung ein Beispiel der Renaissance sein?

Im Aufgang des 17. Jahrhunderts war dieses „klassische“ Erbe aufgebraucht. Vielleicht fällt den geehrten Zuhörern doch auf, dass es zwischen Raffael und Hieronymus Bosch einen Unterschied gibt und dazwischen liegt weniger als ein Jahrhundert. Was ist denn da passiert?

Verwundert es noch, wenn Pascal das Abgründige sieht, die dunkle Unergründlichkeit. Wenige Jahre nach Bosch malt Ruisdael der Ältere diese menschenleeren Gemälde drückender Natur, die Zeugnisse der Zivilisation fast verschwunden. Das ist noch beklemmender als die Naturkatastrophen bei Jan Brueghel.

(Ich merke, dass ich Ihnen „sozialen Wandel“ über Gemälde beibringen will. Ich bin nicht sicher. Ich möchte jetzt nicht schreiben, dass diese Mitteilungen in den Gemälden nicht ausschließlich Ausdrucksweisen des Kapitalismus sind, oder gar den Zustand veralteter Geldwirtschaft wiedergeben.)

Jedenfalls gilt, dass wir hinnehmen mussten, dass die Natur nicht für uns zubereitet wurde und keine zuverlässige Voraussetzung unserer Existenz. Daher kann man, wie oft soll ich das schreiben?, das griechische techné nicht beliebig übertragen. Wir leben ab der Renaissance nicht mehr im Kosmos griechischer Ordnung. Daraus waren die philosophischen Grundfragen der Griechen entwickelt worden. Der unverwandte Blick in den Kosmos während klarer Nächte – weshalb auch Thales von Milet prompt in den Brunnen fiel und das Lachen einer thrakischen Magd geerntet hatte – hatte für die Griechen etwas beruhigendes und war Gegenstand der theoretischen Anschauung der „Dinge“ – im Sinne der Anschauung Gottes. (Theorie = theos oráo) Weder Giordano Bruno noch Blaise Pascal oder Leonardo besaßen diese vertrauensvolle Ansicht des Kosmos. Es überwog der Schrecken vor dieser Unendlichkeit. Schließlich und endlich war der Mensch aus dem geozentrischen Weltbild unsanft hinausgeworfen worden. Das Besondere an Leonardo war, dass er diesen Schrecken der Unendlichkeit, die Fremdheit der Natur als Herausforderung begriff, die Gefährdungen zu überwinden. Gerade das naturwissenschaftliche Denken von Punkt zu Punkt (Geometrie, analytische Geometrie nach Descartes) weiß um dieses Wagnis, einen Abgrund überwinden zu müssen – und vielleicht ist hier die neue Eigenschaft der Transzendenz miteingeschlossen, die ja den Sprung begleitet – oder diesen als Überhöhung für sich reklamiert. Hier soll das Unbehagen überwunden werden, das doch von so vielen unbekannten, geheimnisvollen Dingen abhängt. So zuversichtlich man auch sein mag, das 17. Jahrhundert bot dafür wenig Anlass, so war eine Gewissheit formuliert worden, nämlich dass dieser unwägsame Zuschnitt unser Leben ausmacht.. Wir haben in den Fährnissen das Unbehagen, die Unruhe, auch den Schrecken als  Bedingungen verstanden. Dieser Schritt ist in der Philosophie von John Locke zu verfolgen, der seine Aussagen als Kommentar zur „uneasiness“ auslegt. Wir begegnen also der Unruhe. Während also die Griechen den Blick ins Universum mit Erstaunen immer wiederholten, so würden wir diese alten Wahrnehmungen nicht wiederholen können. Wir begegnen der Erde nicht mehr mit Erstaunen, sondern mit Schrecken, Unruhe und Unbehagen.

(Es amüsiert, dass genau in dieser Phase des Jahrhunderts Christian Huygens die „Unruhe“ für die Taschenuhr erfand.)

Es ist ja zum Greifen nah, dass das charakteristische Element der Technik diese neuzeitliche Unruhe ist, obwohl die verschiedenen Funktionen nicht einmal ordentlich spezifiziert wurden, zwischen Genetivus obiectivus und Genetivus subiectivus. Das Problem der Technik ist ja zweierlei und wir hören nicht einmal einen Techniker an, wie er sein Fach sieht. Für die Ideologen ist das sehr angenehm, die Technik vom Techniker zu trennen.

Wenn ich boshaft die Sache bedenke, dann ist es ein Merkmal der Philosophie, Problemzusammenhänge zu übersehen. Wie sonst könnte man ungestört große Bögen in der Geschichte erkennen, sollte man sich an einem Punkt zu lange aufhalten, an dem „es sich spießt“. Es ist die Ursache dafür, dass Philosophen keine Historiker mögen und Historiker keine Philosophen. So ist ja die Rezeption Leonardos recht unterschiedlich. Den einen war  besonders die Entwicklung von Kriegsmaschinen aufgefallen, hingegen nicht dessen Versuch, die bedrohlichen Konstellationen zu überwinden, was andere wieder bemerkten.

Nun hat uns Husserl ermahnt, wir sollten zu den Sachen selbst kommen! Im Fall der Technik gibt es mehrere Angebote. Im allgemeinen will man uns belehren, das alles habe im Paradigma des Griechischen gelegen, weshalb die Technik immer schon die funktionale  Geneigtheit für Ausbeutung und Kapitalismus gehabt haben soll – ohne nur eine Minute lang zu bedenken, dass in diesem Funktionsverständnis von Technik ein Zeitunterschied von gut 2000 Jahren vorliegt. Mich hatte es immer gewundert, denn die Technik müsste im Grunde schon beim Bau der Pyramiden ein Problem gewesen sein, eben nicht nur eines bei der Lösung der Transportprobleme, sondern auch eines der Ökonomie. Das scheint aber eine nur untergeordnete Bedeutung gehabt zu haben.

Soeben erhielt ich die Nachricht, dass wir recht unsanft das geozentrische Weltbild verlassen mussten. Im gleichen Bogen flogen angeblich politisch gleich die Landstände, Zünfte mit. Anders kann man ja Machiavelli nicht verstehen!

Die Vielzahl der technischen Funktionen lässt ein gemeinsames „Einheitsmoment“ nicht zu. Apparate, Vehikel, Antriebs- und Speicherungsaggregate, Instrumente manueller und automatisierter Funktion, Leitungen, Schalter, Signale – es ist ein Universum von Dingen. Am besten wird wohl der Begriff der Technisierung sich eignen, diese Dynamik in den  verschiedensten Bereichen darzustellen. Ernst Kapp, der 1877 das erste Buch zu einer „Philosophie der Technik“ geschrieben hat, will überhaupt aus diesen Erfindungen und Entwicklungen besserer Werkzeuge die Geschichte rekapitulieren. Nun können wir einen Vergleich anstellen. So wir noch einen Baum bemerken, so stehen wir vor einer unerschöpflichen theoretischen Dimension, die aus einem „genialen“ Wirkungsablauf entsteht, nämlich aus der Photosynthese. Betrachten wir eine Dampflokomotive, so ist uns keine Funktion fremd, zumindest könnten wir im Konstruktionsbüro nachsehen, wie die Maschine konstruiert wurde.

Nun müssen wir korrekter Weise festhalten, dass Technik zugleich auch die Summierung neuartiger Probleme verursacht: Unfall, Lärm, Abgase, Abfälle, Abwässer, das Arbeitstempo, das uns Maschinen auferlegen und die Abweichung vom üblichen Lebensrhythmus. Dabei kommt es zu einer überraschenden Argumentation, denn die von der Technik verursachten Probleme würden durch Technik lösbar sein. Das Ausbleiben von technischen Lösungen wird dadurch erklärt, dass solche nicht oder noch nicht ökonomisch rentabel sind.

Nicht nur seit Charlie Chaplins Film zu „Modern Times“ ist uns klar geworden, dass sich das Verhältnis von Mensch und Maschine umzukehren beginnt. Der maschinelle Ablauf verlangt die Anpassung des Menschen und zugleich wird im Film gezeigt, dass der traditionelle Umgang nach den alten Fertigkeiten des Hämmerns, Schraubens, Sägens, Nagelns, Klebens, Schweißens und Drehens obsolet erscheinen und die Technik in ihren eigenen Gesetzen eine eigene Richtung einschlägt. Es ist nicht nur das Veralten technischer Einrichtungen enorm beschleunigt, sondern daraus schafft sich auch die nahezu zwanghafte Vorstellung von Vollendung oder Vollendbarkeit. In der Technik liegt der Zwang zur Vollstreckung des Prinzips der Technizität. Wenn nach Einschränkung oder gar Überwindung der Technik gerufen wird, hat man das Prinzip in der Technizität nicht verstanden, nämlich grundsätzlich Denkbares buchstäblich umzusetzen, sich in die Wirklichkeit einzunisten.

Das erste Mal kommt diese Vorstellung bei Rousseau zur Sprache, wenn er die Unumkehrbarkeit der Geschichte voraussetzt und daraus ableitet, dass der Gesellschaftszustand dem Status der jeweils gegenwärtigen Lage im Ablauf der Geschichte zu entsprechen hat. Gegen Diderot fordert er eben nicht die Rückkehr zur Natur, sondern im Rückblick auf die Natur den Vollzug gesellschaftlicher Entwicklung, die sich im artifiziellen Gefüge der Vergesellschaftungen ergeben soll. Jetzt werden wir verstehen, warum der Historismus durch seine Einsicht in die Irreversibilität der Geschichte mit der Kritik an Kultur und Gesellschaft die Dynamik der Neuzeit steigerte – bis heute und daher sehr gut fürs Bewusstsein fortschreitender Technisierungen geeignet ist.

Nun haben wir an diesem Punkt endlich ein Antriebsmoment in der Geschichte vor uns, das als Dynamik der Technisierung gleichsam von selbst zu laufen beginnt und im Grunde nicht um jeden Preis Kapital, Entfremdung, Monopole und Ausbeutungen benötigt. Es reicht die Technizität, um den Fortschritt voranzutreiben und daher steht sie bei weitem mehr im Mittelpunkt als die vermeintlichen Triebkräfte zwischen Kapital und Gier. Die ökonomischen und politischen Faktoren sind die Kriterien für die zusätzlichen Beschleunigungen und wandeln sich in gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse. (Vielleicht wäre hier der Vergleich mit China interessant, nach Joseph Needham und Benjamin Nelson, wo technischer Fortschritt stattfand, ohne dass die feudale Struktur eine nachhaltige Änderung erfuhr.)

Nun müssen wir allerdings nochmals mit dem Köhlerglauben aufräumen, es gäbe ein Verhältnis oder einen Gegensatz zwischen Technik und Natur. Dass dann die Griechen dazu erfunden werden, macht die Sache noch undurchsichtiger bei gleichzeitiger Arrogation eines historisch-logischen Ablaufs. Dieser griechische Begriff enthält Geschicklichkeiten und Fertigkeiten, die man allesamt erlernen kann. Sehr zur Enttäuschung aller „Technik-Begeisterten“, die darin die Chance zur grenzenlosen Kapitalakkumulation erhoffen, bedeutet Technik den Umgang mit Dingen, die man herstellen kann, die man täglich produziert, ohne die Dinge selbst zu verstehen. Im Sinne Husserls kann man behaupten, dass über Technik der Unterschied zwischen Sachverstand und Sachbeherrschung zu erkennen ist. Und das ist der Punkt bei den Griechen gewesen, mit Technik diese beiden Möglichkeiten zu nutzen. Die Sophisten im 5. vorchristlichen Jahrhundert haben diesen Typus „Technik“ erstmals dargestellt und auf den Gebieten der Politik und des Rechtswesens angewendet. Gemäß der Sophisten reichte es zu wissen, wie die Dinge „gehen“ oder „laufen“ – im Grunde wie heute ein Anwalt oder Richter, der von rechtsphilosophischen Fragen unbelastet ist – also sind die Kunstgriffe und –kniffe zu erlernen, die Regeln und Handgriffe, die zielorientiert eingesetzt werden. Die Einsicht in das Recht war zurückgestellt hinter dem Erfolgsprinzip und für dieses waren die sachlichen Gründe des geregelten Ablaufs entscheidend. (Es ist doch wunderbar, dass Sophokles in der Antigone zwei „Rechtsordnungen“ gegenüberstellt, was uns heute in der Spannung zwischen Menschenrecht und Verfassung oder Verwaltungsrecht  geläufig sein könnte. Dass dann Antigones Gehorsam dem göttlichen Recht gegenüber zählt, ist das großartigste Dokument einer Liebe bis über den Tod hinaus. Siehe dazu Paolo Prodi, Vom göttlichen Recht zum Menschenrecht))

Unsere ganze Tradition ist durch den wirksamen Widerstand bestimmt, den Sokrates, der selbst aus der Sophistik kommt, formuliert hatte, nämlich alles Können stets im Horizont des Erkennens auszuüben, alle Geschicklichkeit nicht aus der sie begründenden Einsicht zu entlassen, alle Richtigkeit durch die Frage nach der Rechtlichkeit normieren zu lassen. Allerdings war hier ein Höhepunkt der Philosophie erreicht, der nicht lange durchzuhalten war. Sei es, dass mit dem Ende des delischen Seebunds, sei es mit dem späteren Zusammenbruch Athens die politischen Voraussetzungen nicht mehr gegeben waren, jedenfalls trennen sich Philosophie und Rhetorik, was ja Platon anmerkte, und die „unbezogene“ bloße Redetechnik sieht sich aus der Pflicht zur Wahrheit entlassen. Jetzt macht die Gegenüberstellung des Künstlichen, Technischen und der Natur einen Sinn, da diese „Technik“ des Redens den Sinn der Zweckmäßigkeit erfüllt, doch der Wahrheit entbunden. Im Lateinischen ist diese Trennung klar zum Ausdruck gekommen in scientia und ars.

Wenn man nun behaupten kann, dass diese beiden Begriffe als Theorie und Technik übersetzbarsind, dann erlitt die Philosophie gerade dort ihre Niederlage, wo sie ihren Anspruch auf „Erkenntnisleitung“ einbüßte. Das war in der Spätantike der Fall, woran ja bekanntlich Cicero zerbrochen war, denn er vermochte die Republik nicht zu retten; das war der Fall im Spätmittelalter. Die artes liberales emanzipierten sich dann, behaupteten für sich eine Philosophie, in der unter Beweis gestellt wurde, wozu der Mensch fähig ist. Er müsse nicht einmal alles und das auch nicht bis zum Ende wissen, denn er verfügt über seine Schaffenskraft, die zu Einmaligem befähigt. Gerade in  diesen Endphasen einer Zivilisation setzt entweder die Skepsis ein, oder die Mystik. Nunmehr gibt die darin enthaltene Philosophie den Weg frei für den Könner, der nicht nach einer Rechtfertigung seines Handelns fragen muss. Ab nun heißen der Ingenieur wie auch der Geometer: philosophus. Man hätte damals im Blick auf die Zukunft vermuten können, die Selbstbehauptung der Philosophie wird sich nur gegenüber der Technik formulieren können und dennoch an Kompetenz verlieren.

Unter diesem Aspekt werden nunmehr die Fragen nach Natur, Kunst, Technik gestellt und es war eben noch nicht aufgefallen, dass Kunst und Technik sich aus einer Künstlichkeit ergaben. Stattdessen suchte man in der Aufklärung nach den natürlichen Voraussetzungen des Genies, des Wunderkinds und hatte nicht bemerkt, dass man die Eigenschaften der Wunderkinder eher als Automaten ansah, sie mit einem Roboter in Menschengestalt verglich– wie eben die Puppe in „Hofmanns Erzählungen“. Es ging sogar soweit, dass aus dem Ideal weiblicher Schönheit das Mannequin, ein Männchen wurde.

Es lag auf der Hand, dass man die Frage nach der natürlichen Natur zu beantworten suchte. Die Weigerung, in der Technik eine autonome und usurpatorische Institution zu sehen, begründete die Auffassung, Technik sei eine Folgeerscheinung der Natur. Technik habe sich während der „Kultivationen“ oder im Zivilisationsprozess über das Natürliche gelegt und man könne diese vorangegangene Natürlichkeit wieder freilegen und einen „vortechnischen“ Zustand rekonstruieren. Bereits Lukrez hatte in „De rerum natura“ in dieser Methode die Eigentlichkeit des Menschen erkennen wollen, um daraus die Entwicklungsschritte zum homo sapiens abzuleiten. So beginnt es mit der Bewahrung des Feuers, mit der Erfindung des Pfluges, mit Acker- und Obstbau und steigert sich zur Bekleidung und Wohnung. Parallel dazu stellen sich Vergesellschaftungen ein, die einmal mit der natürlichen Sittlichkeit begonnen haben, um sich dann in Gesetzen, Familie, Sprache, Religion und Eigentum zu entfalten. Bereits bei Lukrez denkt man an Arnold Gehlen, der erst über die Steigerung des zivilisatorischen Standards die Entlastungen des Menschen wahrnimmt und dazu meint, dass damit die Vernatürlichungen des Menschen in der Spätkultur eintreten. Man ist nicht von dem Vorwurf entfernt, dass nach solchen Entlastungen von der natürlichen Daseinsvorsorge zur Dekadenz nur ein kleiner Schritt ist. Und Lukrez bemerkte eine recht ungewöhnliche Seite in der Entwicklung des Menschen. Der Mensch scheint von der Natur immer unabhängiger zu werden. Es finden Selbstermächtigungen statt, wodurch der Mensch sogar der Gegenspieler der Natur werden kann. Das gelingt mit ingenium und Erfindungskraft, die Ausschöpfung der natürlichen Anlagen des Menschen unterbleibt und der Mensch ist nicht mehr das ausgewogene Naturgeschöpf sondern sieht sich als Vollstrecker seiner Möglichkeiten. Sigmund Freud wird es später als Triebluxurierungen bezeichnen, die die Selbstgenügsamkeit im vormaligen Naturzustand bewusst übertreten. Es ist also Technik nicht aus der bislang geübten Gegenüberstellung zur Natur zu verstehen, und auch nicht als Erweiterung der Natur, die Technik ist auch nicht der Fortschritt schlechthin, der sich als Kulturschicht langsam über die Natur legt, sondern die Technisierung tritt im Grunde spontan in der Geschichte auf. Die Flaschenzüge und Hebebühnen sind weder der Natur abgeschaut worden, noch sind sie Ergebnis systematischen Experimentierens, sondern es sind die ersten Anwendungsbereiche mathematischer Logik, so wirksam wie die konzentrierte Beobachtung der Gestirne über lange Zeit für die Schiff-Fahrt. Die Technisierung steht in keinem Zusammenhang zur menschlichen Natur, im Gegenteil: schnell zwingt die Technik den Menschen zur Anpassung, zum Denken gemäß der Kategorien der Technizität, denn fast automatisch stellt sich diese Aufdringlichkeit ein –  wegen der mangelhaften Natur des Menschen.

Nun müssen wir in dieser Darstellung erkennen, dass hier die „säkularisierten Götter“ völlig fehlen, also wir benötigten zur Charakterisierung weder Kapital noch Markt, kein Springen von Quantität in Qualität, sondern Technisierung stellte sich ein wie die Idee von Brunelleschi, auf dem Dom zu Florenz diese Kuppel zu errichten, ein Abbild des Kosmos. Diese Kuppel, die wahrscheinlich die vergleichbare Bedeutung hat wie die Flachkuppel über dem römischen Pantheon, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass hier keine Naturauffassung die Erkenntnisleitung besaß, sondern ein technisches Ingenium, das sich gegenüber aller bisherigen Natur präsentiert.

Eigentlich sollten wir erneut beginnen. Nach Husserl, in schrecklich verkürzter Form, ist Lebenswelt von sich aus gegeben, denn sie ist bei schlichter Erfahrung gestern, jetzt und auch künftig um uns, ohne dass wir gleich mit der Erwähnung der Objekte, der Dingwelt beginnen. Allerdings von sich aus ist die Lebenswelt nicht tätig oder gar wie eine Voraussetzung unserer Existenz ein Vormund, sondern in ihrer mannigfaltigen Steigerung „springt“ aus ihr unvermutet eine konstruktive Verfügbarkeit, ja es tritt die Technisierung ein als hätte ein Wort das andere ergeben. Es scheint eine Art des blinden Zufalls zu sein, doch diese Hypothese für die Lebenswelt will sich nur vom teleologischen Zwang lösen, oder gar von der zwanghaften Fiktion, dass Geld die Welt beherrscht. Dass die geschilderten Bilder, Ereignisse, Phänomene gesehen werden konnten, ist das Ergebnis, diese vorgängige Blindheit zu heilen, sehen zu lernen. Zu sehen ist, wie Edmund Husserl in der „Krisis der neuzeitlichen Wissenschaften“ konstatierte, dass diese, vor allem die Naturwissenschaften ihren Ursprung aus der umgestalteten Lebenswelt vergessen haben. Das soll nicht unbeabsichtigt gewesen sein, um den Anspruch aufrecht zu erhalten, das menschlichen Streben nach Erkenntnis zu dominieren und die Richtung vorzugeben. Das Ergebnis war der Siegeszug der Mathematik,. Denn über sie sei die „Wahre Welt“ zu entdecken, sie sei die exakte Wissenschaft und verdiene es, das Bewusstsein des Menschen zu strukturieren. Die „Ideenkleider“ (Husserl) verraten nur so viel, dass die Technisierung zu ganz bestimmten dinglichen Wirklichkeiten führt – im weitesten Sinn zu Maschinen. Diese funktionieren so gut, denn wir fanden in den Methoden der Maschinen das wahre Sein, die Wirklichkeit, die vermeintliche Echtheit der Zustände. Das Phänomen der Technik wird mehr oder weniger von einem realen Mechanismus repräsentiert, während umgekehrt der Mechanismus die Plausibilität des Technischen täglich nachweist. Es ist daher kein Zufall, wenn die Rechenmaschine die Pionierin der Technisierung wurde. Und sie erreichte eine Perfektion, die die Leistungen des menschlichen Gehirns überholte. Für die Lebenswelt bedeutete es, diese Fertigprodukte perfekten Rechnens nicht nur in das menschliche Handeln und denken zu adoptieren, sondern diese Leistungen gemäß undurchschaubarer Methoden absolut zu setzen, zum Vorbild für alles andere zu nehmen, allerdings ist die kritische Kontrolle nur nach messbaren Erfolgen oder Misserfolgen ausgerichtet. Während wir also die Elektronik unserer Autos nicht mehr verstehen, ja im Reparaturfall ist es angezeigt, diese ganze Anlage zu erneuern. Den Produkten wird zugestanden, sich durch sich selbst zu ersetzen und die Intervention des Menschen wird als Störung empfunden.

Vermutlich ist das Gedicht vom „Zauberlehrling“ von Goethe eine sehr realistische Einschätzung der technischen Leistungskraft und Husserl hätte der Intention zugstimmt, denn es scheint der Fall zu sein, dass das menschliche Handeln immer deutlicher verhängnisvoll endet. Es ist vis a vis der Technik die aktive Unwissenheit anzumerken, die im Störfall Ratlosigkeit offenbart – oder aber nach gelungenem Experiment Überheblichkeit. Wir sind die Schausteller für die Perfektion der Maschinen geworden – doch zugleich hilflos in unseren desorientierten Aktionen. Das eigentliche Verhängnis liegt am Umstand, dass wir unsere Zurüstung der Theorie veränderten. Eine Theorie ist stolz darauf, da und dort, hie und da einen Beitrag zur praktischen Umsetzung ihrer Konzepte zu leisten, greift also nicht zurück ins Reservoir unseres Wissens, sondern Theorie ist fast als weltfremd desavouiert, oder wird dort hingenommen, so die Praxis nicht irritiert wird. Es fällt schwer, hier über  die Sozialwissenschaften nicht abzuhandeln, aber wenn in der Habilitation von Habermas es noch „Theorie und Praxis“ geheißen hat, so hat sich inzwischen die Theorie der Praxis untergeordnet, so dass sie bis zur Unkenntlichkeit verändert wurde. Das merken wir daran, dass heute alles Theorie genannt wird, was früher noch eine Hypothese war. Ein Bärendienst hatte hier das theoretische Konzept des Marxismus geliefert, denn es hatte sich nie in seiner hypothetischen Zuständigkeit prüfen wollen, sondern unterzog das gesamte soziale Geschehen entweder einem Ideologieverdacht, oder aber vulgären Herrschaftsinteressen, wobei dem zu widersprechen das Verdikt des falschen Bewusstseins nach sich zog.

Husserl hätte angesichts dieser umgreifenden Technisierung gewünscht, die Theorie wäre die Praxis schlechthin geworden, was nicht als Wortspiel gemeint war. Nun muss man zur Diskussion stellen, ob die Technisierung mehr oder weniger die Linie der Geschichte ab der Neuzeit zu dominieren vermochte, oder aber bewirkte die Technisierung eine Abweichung in der Geschichte, der noch keine Korrektur widerfuhr. Es ist Husserl zu danken, ab nun die Geschichte nicht determiniert zu sehen, sondern ambivalent.

Die Frage nach dem Merkmal der Neuzeit ist wohl bei Galilei zu finden, der ja begonnen hatte, die idealisierte Natur der vorwissenschaftlich anschaulichen Natur zu unterschieben. Man kann sagen, was ja Husserl ausführlich getan hat, dass Galilei ein teils entdeckender und teils verdeckender Genius gewesen war.

                                                                                                                                                                                                                                                    Diese Überlegung zeigt in sehr realistischer Weise die Neuzeit als Entdeckung und Verdeckung. Da wurde eben Amerika entdeckt und dort der Transport der Glaubenswahrheit in der Theologie verdeckt. (Luther wurde ja in Deutschland nur politisch verstanden!) Eine wichtige Lage, die dieses neue Verständnis  am besten repräsentierte, war die Gartenbaukunst, die mittels Technik den kompletten Ersatz der Natur durch Pseudo-Natur zu leisten begann. Dennoch müssen wir bei dem Motiv unserer Frage verbleiben: Ist eine Entdeckung die Voraussetzung der Verdeckung? So leicht ist das nicht zu beschreiben. Diese Dichotomisierung klingt so schlüssig, erreicht den Rang des Wirklichen, wird aber wahrscheinlich eine zu große Retusche für die Menge der historischen Stoffe sein. Husserl meinte, Wissenschaft schwebt im luftleeren Raum über der Lebenswelt, hat sich also so weit von der Wirklichkeit entfernt, dass sie eben kaum mehr etwas zu sagen hat, außer der Lebenswelt eine Spiegelung anzubieten, eine Doublette.

Nun erreichen wir einen weiteren Punkt, der die Technisierung nicht in einem kontroversiellen Verhältnis zur Natur zeigt, sondern in welchem Verhältnis steht die Technisierung zur Geschichte. Dabei ist zu beobachten, dass wir unsere primäre Erfahrungen, ja die Bereitschaft, Erfahrungen zu sammeln, auf die Technisierung abstellen, also uns der primären Anschauung entziehen, was sich letzten Endes auch auf unsere Theorien auswirkt. Mittels Technik haben wir ja nicht nur die Beschleunigung auf unsere Seite gebracht, sondern scheinen uns mit den Grundlagen unseres Wissens nicht mehr abgeben zu müssen. Die Probe aufs Exempel kann man in den Beobachtungen anstellen, so man nach den Funktionsunterschieden in Mechanik und Elektronik fragt. Außerdem bewegt sich die Technisierung scheinbar außerhalb der Geschichte, friert die Zeit in Augenblicke ein und in diesen wird der Verstand gefragt, die Empathie für die Maschine, hingegen wird der Anspruch der Vernunft aus den Augenverloren. Wenn wir uns also auf diese Differenz einlassen, zwischen Verstand und Vernunft zu unterscheiden beginnen, was  uns ja Kant lehrte, so wird die Vernunft stets von der Intention begleitet, einen Gegenstand zu erfassen und dessen Dimension zu erkennen. Der Verstand sieht sich vornehmlich als Fähigkeit, die Reibungsverluste im Ablauf von Funktionen zu mindern, er ist gleichsam ein Teil der Maschine, des Apparates und kann sowohl die Fehlerquellen ausmachen oder gar beheben, wie er auch Verbesserungen ermitteln kann. Daraus ergibt sich die lebenspraktische Frage, wie man den Verstand zur Vernunft bringen kann?

Wenn wir uns endlich aus der Gegenüberstellung von Natur und Technik verabschieden, dann wird es wohl weit dringlicher sein, das Verhältnis  der Technik zur Geschichte zu klären. Wenn stets betont wird, die Zuspitzung zur Modernen erhielten wir durch die beiden Revolutionen, durch die industrielle und französische, wobei wir die amerikanische in ihrer Bedeutung unterschätzen und verdrängt haben, dass von ihr die Stichworte der Menschenrechte nach Europa gelangten, so waren diese beiden Eckpunkte, oder besser gesagt die drei, zwar Zäsuren in der Geschichte, doch zugleich lösten sie das bisherige Verständnis für Geschichte auf. Das politische Handeln schien nicht mehr aus Erfahrung, Tradition, historischen Verbindlichkeiten entwickelt zu sein, was ja das Kernstück der feudalen Systeme war und oft genug zu heftigem Streit führte, sondern nach den Zäsuren war das politische Handeln wie ein Entwurf für künftige erstrebenswerte Zustände zu sein, war also an eine Zukunft gerichtet, die am besten über wirtschaftliches Wachstum verstanden wurde. Damit war eine gewaltige Einstellungsänderung zur Geschichte nötig geworden. Obzwar der Historismus eine Korrektur sein wollte, sehr viele Bestände aus der Erinnerung zurückholen wollte, was ja an der Architektur sofort zu erkennen ist, doch es war auch nur ein weiterer Schritt in Richtung Virtualität, die ebenfalls in der Architektur wahrzunehmen ist. In ihr wurden zwar je nach Belieben die alten Formensprachen wieder verwendet, aber in der Baukonstruktion waren hinter den üppigen Imitationen barocker oder gotischer Fassaden schon längst Stahlbeton und Glas, Eisentraversen und gusseiserne Formungen verwendet worden. Somit spielte man Geschichte, wie sie dann auch in den Nachahmungen der mittelalterlichen Festzüge gespielt würde, für Hans Makart die Entwürfe lieferte oder für die Dekorationen großbürgerlicher Wohnungen Franz von Stuck.

Mit der Technisierung verlässt der Mensch die tradierten handwerklichen Arbeitsschritte, die Fortsetzung der Fertigkeiten in der Herstellung, sowie der Vollzug der praktischen Umsetzung in den Gewerben nicht mehr an die alte Redlichkeit gebunden ist. Somit gehen auch die theoretischen Bezüge verloren, wie etwa die Kenntnisse über Konstruktion und Entwurf. Dank der Folgen der industriellen Revolution ist der alte Webstuhl nicht mehr die Umsetzung vielfältiger Entwurfsideen, sondern der mechanische und von Dampf getriebene Webstuhl stellt auf Produktivität um, auf Steigerung der Leistungen und auf Wachstum. 1787 hatte Edmund Cartwright eine eigene Weberei mit Dampfwebstühlen eröffnet, die eine völlig neue Arbeitsorganisation notwendig machten und aus dem alten Beruf des Webers wurde einer der Fabriksarbeit. Der Punkt ist, dass die alten Arbeitsweisen des Webens an Wertschätzung verloren und die historischen Bezüge gehen verloren. Wie die mechanische Weberei den Menschen für den funktionalen Ablauf instrumentalisiert, die Leistungssteigerung immer größeres Interesse an sich zieht, in dem Ausmaß steigt auch die „Unvorbildlichkeit“ der früheren Arbeitsvollzüge. Und so verliert sich die Bedeutung der Geschichte. Jetzt ist diese „Kernspaltung“ zwischen Vernunft und Verstand leicht nachzuvollziehen. Nun vermehren sich die komplexen Problemlagen. Über die Technisierung, wie bereits erwähnt wurde, wird der Gebrauch des Verstands für die Fertigung immer wichtiger, hingegen die Vernunft als Instanz der Reflexion ist beinahe in eine Unterbestimmung geraten. Sie ist im industriellen Vorgehen auch nicht mehr nötig, denn die Maschinen scheinen ja die Materialisierungen der Vernunft zu sein, ja es gibt sie dann vornehmlich in der Minderung zur instrumentellen Vernunft. Die Technisierung lässt das nicht lange gelten. In der Umsetzung technischer Innovation unter Beteiligung dieser instrumentellen Vernunft ist mit der Umsetzung und Fertigstellung der „Idee“ Vernunft nicht mehr gefragt, bzw ausgelagert in den reibungslosen Ablauf der Maschinen. Ständig werden die „Zeichenwerte“ dieser Produktionsstätten vermehrt, gesteigert, sind im Grunde nach oben hin grenzenlos, doch damit entsteht Besitz, hingegen keine Begründung von Eigentum oder Ausübung von Herrschaft, die sich nicht um eine Legitimation kümmern muss. 

Vor einem halben Jahrhundert wurde in der Schule zur Erklärung von Elektrizität die Klingel verwendet. Nun ist eine Türglocke die Vorgängerin gewesen. Deren Funktion war leicht zu beobachten. Kaum hatte man einen Seilzug bewegt, bewegte sich am Ende die Glocke und kündigte einen Gast an. Wichtig ist, dass man den Ablauf der Funktion deutlich gewahr wird, dass man der Urheber des Läutens ist, über welche komplizierten Züge ein Läuten möglich wird. Will man aber bei einer elektrischen Klingel den vergleichbaren Effekt erzielen, so dient ein Druckknopf dazu, der eigentlich ein Versprechen ist. Das Drücken des Knopfes bewirkt Kontakte, die ich nicht sehen kann, deren Wirkung ich nicht vorhersehen kann. Die Verrichtung der Hand ist mit dem Effekt unspezifisch und heteromorph. Der Seilzug offenbarte sofort die Funktion, das Ziehen setzt sie in Gang. Die elektrische Klingel ist in ihrer Funktion im Grunde unsichtbar wie Schrödingers Katzer. Wir lösen eine Wirkung nur aus und der gewünschte Effekt ist apparativ stets fertig, verbirgt sich aber zugleich und verrät nichts vom Zustandekommen des Läutens. Gleichzeitig offerierte er eine mühelose Verfügbarkeit. Während der alte Klingelzug verrostet sein kann, aus Altersschwäche mehrfach geflickt und die Rollen haben ihre Lauffähigkeit eher eingebüßt, weshalb wir mit Mühe mehrfach am Seilzug ziehen müssen, auch horchen, ob überhaupt das gewünschte Resultat erzielt wird, so verspricht die elektrische Klingel nach geringer Mühe eine zuverlässige Leistung, so kein Kurzschluss das ganze Haus betroffen hat.

Nun haben wir bei der elektrischen Klingel zugleich die Beobachtung gemacht, dass nicht nur geheimnisvolle Gehäuse und Vorkehrungen zu machen waren, sondern unsere Handlungen werden zunehmend unspezifisch. Es ist eines der wichtigsten Einsichten, dass unsere Handlungen an Handwerklichkeit einbüßen. Während der Klingelzug unsere physische Energie benötigt, so nutzt die elektrische Klingel eine Energie, die von irgendwoher kommt, mehrmals Transformationen erfuhr, um dann diesen simplen Klingelton zu erzeugen. Obendrein verdrängten wir erfolgreich, dass die Energiequelle vermutlich hunderte Kilometer entfernt ist und durch enorme Anstrengungen und zuverlässige Schaltungen bis zu dieser ominösen Klingel kommen. Der Druck auf den Knopf ist das Selbstverständlichste auf der Welt, die erwartete anonyme Leistung, doch gleichzeitig wurde uns die Einsicht in den Leistungsablauf genommen. Es wurde uns die Überschaubarkeiv t einer Funktion entzogen. Und gleichzeitig sind wir für die Direktschaltung frph, dass eine Menge Komplexität eingespart wurde, nämlich um eine direkte Verbindung von Intention und Resultat herbeizuführen, Befehl und Produkt, Anordnung und Produkt, Wille und Werk. Die Koppelung dieser Funktionen ist der Technisierung gelungen. Es verwundert daher nicht, dass wir heute täglich das erleben, was wir als eine der ersten Sätze in der Bibel gelesen haben: fiat lux! Es werde Licht!

Immer öfter wurde unsere Welt von Auslösefunktionen gekennzeichnet, dafür nimmt die Auswechselbarkeit der für diese unspezifischen Handlungen nötigen Personen immer mehr zu. Natürlich steigt auch die Verwechselbarkeit der Auslöser und kann automatisch zu Katastrophen führen aus einer gesteigerten Irrtumsanfälligkeit. Es liegt auf der Hand, dass das wieder nur Apparaturen vermeiden helfen, denn schon längst ist klar, dass der Mensch selbst das schwer kalkulierbare Risiko darstellt. Es entschwindet unserer Gewissheit, dass hinter diesen einfachen Mechanismen unglaublich viele Entdeckungen, Erfindungen die Voraussetzung sind. Und schließlich nimmt man schon nicht mehr zur Kenntnis, dass es im Alltag zahllose Knöpfe wie den Klingelknopf gibt, die aber ganz verschieden Effekte auslösen. Einmal ist das Minutenlicht am Gang, ein andermal betätigt man die Ampel des Fußgängerübergangs und schließlich wird man bei einem Test den gleichen Druckknopf betätigen müssen, um die Reaktionsgeschwindigkeit zu messen. Der Punkt ist freilich, dass hinter der gleichen Gestaltung eines Druckknopfes zahllose Funktionen ausgelöst werden, die diese abstrakte Uniformität der Schalter und Druckknöpfe nicht von vornherein verrät. Ja, wir wären enttäuscht, würden wir diese Drähte und Schrauben sehen, diese eher sehr einfachen Lösungen, die den Kontakt zu den Energiequellen entweder herstellen oder unterbrechen. Nun werden wir weiters feststellen müssen, dass Technisierung offenbar das Faible hat, mit dem Angebot einer Funktion erst gar nicht Fragen aufkommen zu lassen. Dabei geht es nicht so sehr um Konstruktionsgeheimnis oder Funktionsprinzip, sondern Technisierung heißt, dass hinter den perfekten Gegenständen stets erwartbare Lösungen angeboten werden. Die Gegenstände, die uns mit der Technisierung vertraut machen, funktionieren einfach, sie sind das Auslösbare und Abrufbare und es ist unser Fingerdruck, der das Vorhandensein dieser Schalter legitimiert. Die theoretische Sinngebung ist fast verschwunden, dafür ergibt sich ein neuer Sinn, die erzwungen sind über Bedürfnisse und rationaler Einrichtung von Funktionen. Damit man aber solche Einrichtungen montiert, wird eine Reihe von Motiven und Geltungsfiktionen erzeugt und fördert den Eindruck des Artifiziellen. Und damit diese Künstlichkeit in unseren Alltag eindringen kann, erzwingt die eine Einrichtung die nächste und der techn ische Aufwand steigt. Wer einmal  eine Tonanlage installieren wollte, kommt bald dahinter, wie viele zusätzliche Voraussetzungen er erfüllen muss, damit überhaupt ein Ton aus dem Lautsprecher kommt. Dieses Labyrinth, das dann in den elektrischen Zuleitungen ein Zeugnis ablegt, in dem halben Dutzend von Kabeln und Verbindungssteckern, Multisteckdosen und weiteren Zusätzen, ist dann die geduldete Technisierung, die sollte man sie zum Verschwinden bringen, eine grundsätzliche Veränderung des Haushalts einfordert. Das Ideal solcher Manipulationen ist die Umkleidung, die vioelen Blenden unterhalb des Plafonds, der künstlichen Produkte, die eine Selbstverständlichkeit geworden sind. Fragen dürfen da keine gestellt werden, es ist unmöglich, etwa den Monteur über die Notwendigkeit dieser Schaltungen zu befragen, ob diese nötig sind, ob der Kabelsalat den neuen Komfort darstellt, ob diese ästhetischen Störungen mit der Menschenwürde vereinbar sind, irgendwie zu rechtfertigen? Diese künstliche Realität, bestehend aus Fremdlingen unter den vorgefundenen Dingen der Natur, kann sich leicht behaupten, denn mit der Technisierung tritt man ein ins Universum der Selbstverständlichkeiten, aus denen nun die Lebenswelt aufmunitioniert wird.

Wahrscheinlich ist das Phänomen der Technisierung an Hand des schon erwähnten Beispiels deshalb so komplex, denn generell auf den Alltag bezogen, haben die technischen Geräte die Tendenz gleichsam in der Gebrauchswelt zu verschwinden, oder sich in diese so zu integrieren, dass diese als fester, fixer und ohnehin schon immer vorhandener Bestand nicht mehr richtig wahrgenommen werden. Die Technisierung begleitet eine Fraglosigkeit, also eine Selbstverständlichkeit.   Das wäre das gebräuchliche Verständnis, bei dem aber die Integration des Technischen nicht halt macht. Man merkt es ja am Mobil-Telephon, wie es begonnen hat, die Lebenswelt zu regulieren, ja fast ein Diktat auszuüben. Der bisherige Fundierungszusammenhang wird gelöst und damit geraten die technischen Hilfen in einen ganz anderen Zusammenhang zur Lebenswelt. Das kann man damit gut vor Augen führen, dass eine technischer Fortschritt so unscheinbar zu sein scheint, dass er noch lange kein Gegenstand unserer Beachtung wird, doch bald wird dieser Zustand soweit verändert und entwickelt sich, dass der gleiche Gegenstand in den Mittelpunkt unserer Beachtung gerückt ist. Als es noch das Festnetztelephon gab, haben wir uns dennoch aus dem Haushalt entfernt und nahmen bedenkenlos das Risiko auf uns, einmal nicht erreichbar zu sein. Mit dem Anrufbeantworter, begannen wir die Anrufer zu vertrösten, damit teilten wir mit, zwar nicht anwesend zu sein, doch wir würden uns nach der Rückkehr sofort melden. Alle die Angebundenheit löste sich mit dem mobilen Telephon auf. Einerseits sind wir dauerhaft erreichbar – überall, andererseits erlebt man eine deutlichere Frustration, wenn diese permanente Erreichbarkeit eigentlich schwieriger geworden ist als zur Zeit des Festnetztelephons. Jetzt schalten viele ihr Telephon bewusst ab, um nicht gestört zu werden, oder aber nehmen das Gespräch nicht an. Mit der Aussicht auf eine permanente Erreichbarkeit wird das Verwehren eines Gesprächskontakts emotional verarbeitet, zwischen Geltungsverlust und grober Unachtsamkeit.

Wir bemerken die immanente Dynamik dieser Geräte und so ein Kontakt abgelehnt wird empfinden wir die Ablehnung mehr als nur einen misslungenen Gesprächskontakt. Niemanden erreicht zu haben, heißt heute, Opfer einer Unfreundlichkeit zu sein. So ereilt uns die Frage nach den Gründen der Ablehnung. Will er/sie das Spiel nicht unterbrechen? Telephoniert er/sie gerade mit anderen? Er/sie müssen doch sehen, dass ich anrufe? Wollen er oder sie ungestört die Nachrichten am Telephon verfolgen? Auffallend an diesem inneren Dialog ist die Personalisierung in den Überlegungen, wobei das Gerät diese verursacht, doch es von den Folgen des vorenthaltenen Gesprächs frei gesprochen wird. In Aussicht gestellt wird die Selbstverständlichkeit des Systemablaufs und der dadurch mögliche Erfolg einer Kommunikation. Ohne es bemerkt zu haben, wird die damit vorgegebene Lebenswelt über die Technisierung zu einer abhängigen Größe.

Nun können wir uns verschiedentlich die Frage stellen, ob wir unsere eigene Instrumentalisierung durch Technik vermeiden können? Es wird nicht realistisch sein, die über Technisierung erreichten Veränderungen wieder zurückzuschrauben. Freilich muss man stets bedenken, dass eine durch Technisierung verursachte Regression immer wieder zu beobachten ist. Arnold Gehlen hat es drastisch damit charakterisiert, dass er von einer Relation zwischen Urmensch und Spätkultur sprach. Damit meinte er, dass über die Technisierung derartige Entlastungsphänomene eintreten, die uns gleichsam die Rückkehr in vorgeschichtliche Verhaltensweisen erlauben. Dem ist nichts hinzuzufügen, es ist wahrscheinlich der Fall, dass wir den Prozessen der Infantilisierung unterliegen, was ja daran zu erkennen ist, wenn die mobilen Telephone gleichzeitig Spielkonsolen sind. Es kommt also nicht zu einer Bewältigung dieses technischen Angebots, sondern zu einer erstaunlichen Anpassung ans Zerstreuungsangebot. Wir sind kaum in der Lage, bei den technischen Geräten das Angebot nur auf die gewünschte Funktion zu beschränken. Das Angebot der Möglichkeiten weckt die Neugier, auch wenn es schließlich in ein ergebnisloses Herumtippen endet. Es ist wie der ungebahnte Wegh in den Urwald der unübersichtlichen Funktionen und endet zumeist in Frustration. Der Phänomenologe wird erkennen, dass in den Geräten stets die authentische Rechtfertigung enthalten ist, die Instanz einer Intention, die uns diesem Anpassungsdruck aussetzt. Wir ahnen, dass wir den „Gedankenschritten“ des Geräts nicht folgen können, dass wir in diesem Labyrinth herumtappen und gleichzeitig an Zeit verlieren. Ja, wir merken nicht, dass unser gesamter lebensweltlicher Horizont ins Wanken gerät, da die Stunden zerrinnen während der Zeit der Faszinationen.

Im ersten Anstoß, was mit der Frage an sich selbst beginnt, wollen wir unsere eigene Rationalität zurückholen und lassen diese Verführungen. So wollen wir unsere eigene Geschichte rekonstruieren, die wir während der Betätigung dieser Geräte verloren, oder im Grunde hatten wir geschichtslose Stunden. Wir können dieser Geschichte nur die persönlichen Misserfolge zuordnen, die uns den Zugang zum Gerät begleiteten. Wir haben erlebt, nichts erlebt zu haben. Daraus ist der Widerspruch zur Technisierung zu begründen, der nicht in die Konsequenz des Maschinensturms mündet, sondern sich gegen die Formalisierung theoretischer Leistungen wendet, die eben in der Technisierung ihr Ende finden. Dieser Umstand ist immer bewusst zu machen, dass nicht die Wissenschaft in eine Automatik fällt, nicht in die Bestätigung der Ergebnisse aus Rechenmaschinen das Bewenden sieht, sondern es sollte auffallen, dass Technisierung immer nur das Fertige reproduziert und nur scheinbar Innnovationen kreieren. Die Welt gewinnt nichts an Sinnhaftigkeit, sollten uns technische Modelle lehren wollen, die gelungene Abbildung zu sein. Das Neue kann nur gedacht werden entlang eines Lebenswillens, der sich nie zufrieden geben wird, so dieser in eine Maschine integriert werden soll.

Wir können es auch drehen und wenden wie wir wollen, wir werden immer an den Punkt stoßen, wo die Verantwortung des Menschen nahezu gegenstandslos erscheint, aufgehoben oder gar eine fiktionale Bestimmung aus der Vergangenheit. Je mehr wir in die Technisierung geraten, desto mehr erfahren wir den Anpassungsdruck. Jeder kann es bestätigen, der einmal in die Mühle empirischer Forschung geraten ist, deren Ergebnisse die Erfahrungswelt auszuschalten scheint, die Wirklichkeit fast nicht mehr zum Vorschein kommt, denn soeben soll eine tatsächliche Wirklichkeit zum Ausdruck gekommen sein, zumeist banal wie langweilig. Wenn man empirischen Forschungsergebnissen glauben darf, dann ist die Repräsentanz der Gesellschaft unauffällig, unausgewogen, unzufrieden und ungläubig. Eigentlich nimmt es Wunder, dass es dennoch Entwicklung oder Wandel gibt, dass es überhaupt zu Ereignissen kommt, die in die Geschichte einzurücken sind.

Es wird schwer nachzuweisen sein, dass die Akte der Formalisierungen in den Gesellschaftswissenschaften weitestgehend dienstbare Versuche einer Funktionalisierung sind. Es ist die unbemerkte Verwandlung in der Technisierung, dass nämlich die Bereiche der Anwendbarkeit sozialwissenschaftlichen Wissens sich vollkommen aus der Einsicht in die sozialen Konstellationen entfernten, denn im Grunde ist das alles bereits mechanisiert. Wir sind hier erneut an einem Punkt angelangt, an  dem sich in den Sozialwissenschaften die unreflektierte Wiederholbarkeit einstellt, dennoch ein Fundament zu bilden vermögen, dessen Voraussetzung aber nicht mehr aktualisiert werden muss. Gewiss hat die relativ stabile Gesellschaft im „Westen“ nach 1945 zu dieser Einschätzung angeregt, sie mehrmals beglaubigt, weshalb wir nicht sehr gut auf mögliche Wandlungsphänomene vorbereitet sind, etwa auf Migration, Integration, Arbeitslosigkeit und weitere labile zwischenmenschliche Relationen. Was hier zur Andeutung kommt, ist das Dilemma, das uns seit der Neuzeit begleitet: das Befremden zwischen Philosophie und Wissenschaft. Will man sich die philosophischen Schriften ansehen, merkt man sofort, dass das Ideal bei der Identifizierung der Problemlagen die ausholende Darstellung ist, hierauf die Typisierung möglicher vergleichbarer Phänomene, deren Ursache und Wirkung, hingegen kann Philosophie keiner Methode folgen, hingegen Wissenschaft will im Bewusstsein endlichen Wissens Gewissheit schaffen, in der Methode die Zuverlässigkeit erreichen. Und diese nimmt zu, je ähnlicher die Wirklichkeiten zu sein scheinen, was ja in den Modellbildungen zum Ausdruck kommt. Es ist der Grund, weshalb wir heute Gesellschaften durch ihre hervorgehobenen Eigenschaften zu definieren beginnen: von der Bildungs- und Wissensgesellschaft, Mediengesellschaft oder Freizeitgesellschaft, industrielle Gesellschaft oder postindustrielle… etc. Wir kommen dahinter, dass wir gleichzeitig in mehreren Gesellschaften leben, doch nicht wir leben in ihnen, sondern diese Gesellschaften kehren nur unsere präzisierten Eigenschaften hervor, verabsolutieren diese und sind bestätigt, wenn man diese Eigenschaften dann auch vorfindet.

Diese sehr gemeine und abschätzige Darstellung zeigt nur, dass mit dieser Trennung die Technisierung es leicht hatte, in alle Bereiche vorzudringen, die sich von der Philosophie zu emanzipieren trachteten. Natürlich war diese Trennung nötig geworden, denn die Interessen ließen sich nicht mehr zur Deckung bringen. Die Debatte geht um Sinnverlust und Sinnverzicht. Es kann ein Sinnverlust stattgefunden haben, wenn die Analysen nur mehr die Spiegelungen betreffen und die Wirklichkeit nicht mehr wahrzunehmen vermögen. Die Analysen zu steigendem oder sinkenden sozialen Wohlstand können nicht aussagen, wie diese Mängel oder gar die Vorteile zu einer gesellschaftspolitischen Gestaltungskraft beitragen – oder auch nicht. Der Sinnverzicht hingegen stellt in erster Linie klar, dass grundsätzlich ideologische Positionen ausgeschaltet werden, nicht berücksichtigt werden.  

Nun war bei bereits zu erkennen gewesen, dass es ihm um ein Wissenschaftsprogramm ging, das den Zweck hatte, einen systematischen Aufbau des Wissens zu unternehmen, um nicht immer wieder auf einen Anfang zurückgeworfen zu werden, um nicht immer wieder die Philosophie mit ihrer Ursituation des Anfangs zu belasten. Das Wissenschaftsprogramm erlaubt den zweckmäßigen sinnvollen Aufbau, wovon nicht nur alle Bereiche des Wissens profitieren können und im Analogieverfahren Wissen ermitteln, sondern es wird Wissen für Generationen verfügbar, die Forschung beginnt nicht immer bei der Stunde Null, sondern setzt auf der soeben erklommenen Stufe der Erkenntnis an. Darin steckt eine zuverlässige Methode, die eine Reihenfolge der Deduktionen darstellt, die in etwa der Analogie der Zahlenfolgen gleicht. Es ist also nicht mehr das Gedächtnis erforderlich, das doch recht unzuverlässig sein kann, sondern aus dem Wissenschaftskanon zwischen Erkenntnis und Deduktion kann letztlich eine Formalisierung erreicht werden. Zwar war man im 17. Jahrhundert noch nicht so weit, noch fehlten die Schritte zum Empirismus, doch schon Leibniz hat diese Konstruktion gekannt und sich mit ihr grundsätzlich auseinandergesetzt. Für Leibniz war klar, dass das Erkenntnisideal von Descartes in hohem Maß der Mathematik ewntznommen wurde und sieht dahinter, dass im Grunde ohne gültigen Beweis kein weiterer Schritt im Deduktionsverfahren unternommen werden darf. Es ist eine völlig unphilosophische Annahme, nicht etwa, weil Descartes der Spekulation entgehen wollte, eher verbrieftes Wissen allein gelten lassen wollte, doch mit dem Schritt in die analytische Geometrie nach Euklid muss man sich da und dort mit einem Beweisverzicht zufrieden geben, weshalb dieser Zuschnitt zu einer ars progrediendi wurde, zur Kunst des Fortschreitens. Würde man bei den Annahmen der Geometrie auf die Beweiswürdigung der Axiome und Postulate gewartet haben, so hätten wir vermutlich bis heute keine Geometrie entwickeln können. Also war der Beweisverzicht fast ein kreatives Element geworden, nämlich die Forderungen nach Beweisen aufschieben zu dürfen. Es ist fast wie eine Bedingung für die Möglichkeit des Erkenntnisfortschritts.

Also stehen wir vor Formationen des Wissens, die auch Elemente des Unerfüllbaren enthalten. Gerade bei Husserls phänomenologischen Analysen ist es eine unerfüllbare Forderung, nämlich die Antinomie zwischen Unendlichkeit und Anschauung darzustellen. In allen Synthesen der empirischen Betrachtung gibt es nahezu automatisch eine Selektion der zahllosen Aspekte eines Dings. In der Verpflichtung zur Empirie sollte es das äquivalente Ideal des Durchlaufenbs aller möglichen Perspektiven geben. Es ist ein unerfüllbarer Wunsch. Husserl beschrieb den Umstand in seinen „Logischen Untersuchungen“ mit den Worten: „Die einem empirischen Ding entsprechende und uns versagte reine Anschauung steckt zwar in gewisser Weise in der vollständigen synthetischen Anschauung desselben darin, aber sozusagen in verstreuter Weise und immer wieder vermengt mit signitiven Repräsentanten.“ Somit ergibt sich der paradoxe Umstand, dass wir sehen sollten, was nicht sichtbar ist, dem Gesehenen weniger Bedeutung zuerkennen sollten und erst nach dieser Reflexion würden die die reine Anschauung erhalten, denn unter diesen Bedingungen sehen wir endlich die Sache selbst. Das hat natürlich erstaunliche Konsequenzen. Auf der untersten elementaren Stufe unseres Wahrnehmens neigt unser Intellekt zuvorderst zur Formalisierung. So werden selbst Erlebnisse formalisiert, wenn wir sie in Vergleichen darzustellen beginnen. Husserl wusste natürlich von diesem Zwiespalt zwischen Fortschritt und erfüllter Anschauung, was er ja im Aufsatz zur „Krisis der europäischen Wissenschaften“ thematisiert hatte. Die Lösung zeichnet sich ab, wenn der Philosophie nun die Funktion zukommt, wenn das zügellose Fortschreiten der Wissenschaften den Kontext verliert. Das Ausgelassene und Übersprungene in den Wissenschaften soll von der Philosophie beigebracht werden, das ist ab nun die Funktion, die sich Husserl von der Philosophie wünscht. Also fügt er den Gedanken hinzu: „An sich ist der Fortgang von sachhaltiger Mathematik zu ihrer formalen Logifizierung und ist die Verselbständigung der erweiterten formalen Logik als reiner Analysis oder Mannigfaltigkeitslehre etwas durchaus Rechtmäßiges, ja Notwendiges: desgleichen die Technisierung mit dem sich zweitweise ganz Verlieren in ein bloß technisches Denken. Das alles kann und muss vollbewusst verstandene und geübte Methode sein. Das ist es aber nur, wenn dafür Sorge getragen ist, dass hierbei gefährliche Sinnverschiebungen vermieden bleiben, und zwar dadurch, dass die ursprüngliche Sinngebung der Methode, aus welcher sie den Sinn einer Leistung für die Welterkenntnis hat, immerfort aktuell verfügbar bleibt; ja noch mehr, dass sie von aller unbefragten Traditionalität befreit wird, die schon in der ersten Erfindung der neuen Idee und Methode Momente der Unklarheit in den Sinn einströmen ließ.“

Das alles klingt befremdend und lässt die Frage zu, was das noch mit Technik zu tun hat? Um das zu erklären, muss man sich wieder vergegenwärtigen, dass die Renaissance eine ganz andere Interpretation der Wirklichkeit pflegte. Auf der einen Seite waren wir nicht mehr im Mittepunkt des Universums, flogen unsanft in eine Unterbestimmung, die wir so noch nie erlebten, auf der anderen Seite vermochten wir unsere eigene Wirklichkeit zu schaffen. Und es geschah ja weit mehr, wenn wir uns das 15. Jahrhundert ansehen. So lag es nahe, dass sich die Philosophen vor der Aufgabe sahen, jetzt nicht nur unsere Wirklichkeit systematisch zu rekonstruieren, sondern im Bewusstsein zu denken, auf dieser Welt allein zu sein. Dass es nicht schon damals einen Existentialismus gab, sollte eigentlich erstaunen. Also setzte sich Descartes damit auseinander, diese eigenständige Wirklichkeit zu bestimmen und erfahrbar zu machen. Dafür verwendete er die Reziprozität von Erkenntnis und Methode. Neu daran war, dass etwa die Offenbarung nicht mehr als Hilfe für Erkenntnis betrachtet wurde. Die ganze Scholastik hatte die Offenbarung als Leitlinie angesehen und induktiv die Eigenschaften Gottes, der Welt, die Menschwerdung Gottes zu erschließen versucht. Die Renaissance bricht dieses Verfahren ab. In umfangreicher Weise werden diese Angelpunkte des Philosophierens durch Willensfreiheit und Gewissen ersetzt. Es ist die Ableitung aus der Ebenbildlichkeit des Menschen. Wenn am Beginn der Unterschied in der Malerei erwähnt wurde, dann wohl mit dem Grund, den veränderten Blickpunkt deutlich zu machen. Und nun geht es um den realen Bestand, der im Grunde auf recht ungewöhnliche Weise ermittelt wird. Es ist der Zweifel, der schließlich den Zweck hat, im Jargon der Eigentlichkeit den Gegenstand zu bestimmen. Bis der Gegenstand über alle Zweifel erhaben ist, so lange ist er ungewiss, eher Ergebnis von Spekulationen. Nun hat uns ja Husserl belehrt, dass inmitten dieser Erkenntnis-Methoden-Relation die letzthinige Bestimmung des Gegenstands nicht erreicht wird, letztlich jeder Empirismus sich klar sein muss, dass mit dem Unbestimmbaren zu rechnen ist, so ist es nicht mehr ein Teil des Geheimnisses, ein unbekannter Teil, den wir als Naturwunder bezeichnen würden, sondern es ist nur ein bislang unbekannter Teil des Gegenstands, etwa wie die Rückseite des Monds, die wir inzwischen aber schon kennen.

Und Husserl folgerte aus diesem Komplex der Bestimmtheiten, die nicht ohne das Unbestimmte existieren, dass ausgerechnet die Technik uns damit konfrontiert. Dem Problem entgingen wir freilich, weil wir im technischen Denken uns auf die Funktionsabläufe konzentrieren und dieses merkwürdige zivilisatorische Artefakt in seiner Eigentlichkeit nicht weiter verfolgen, also das nicht analysieren, was in der Technisierung vor sich geht. Inzwischen kann man das so umschreiben, dass die Legitimität der Technisierung eine Neuheit darstellt, geschichtlich ohne Vorbestimmung einsetzt und die Philosophie die historisch unvorbildlichen Sinnstrukturen zu erläutern hat.

Nun enthält die Phänomenologie in ihrer Einschätzung der Technik eine Unendlichkeitsimplikation. Das heißt, dass es war keine Vorgeschichte für die Technik gibt, sie ist eben nicht einfach mehr als das bisherige Handwerk, sie hat aber alle Zukunft für sich. Man kann sie kaum mehr einschätzen, wohin überall ihre Entwicklung gehen wird. In dieser Unendlichkeit, in dieser offenen Zukunft kann die Phänomenologie noch eine befriedigende Interpretation anbieten, nämlich die Technik in eine Geistesgeschichte einzureihen, deren Zielvorstellung bedeuten kann, dass mit und in ihr die Wahrheit und Daseinserfüllung eintritt. Eigentlich kann man diese Visionen als Platonismus bezeichnen. Die adäquate Einsicht dieses geistigen Entwurfs, also die unvermittelte Anschauung dieser Ideen kann als den Kern dieses Platonismus bezeichnet werden. Nun kann auch das Gegenteil behauptet werden. Wenn Plato Rhetorik und Dialektik verurteilte, so aus dem Beweggrund, dass hiuer Techniken angewendet werden, die sich vom Verhältnis zur Wahrheit oder Erkenntnis lösen. Somit ist die Technik aus der geistigen Legitimität aus der europäischen Tradition ausgeschlossen. Es erklärt vielleicht, warum wir noch immer in der Technik eine geistige Errungenschaft zweiter Ordnung sehen. Mit Rhetorik und Dialektik war eine Beliebigkeit eingetreten, die den Sophisten geholfen hatte, beliebig Gegenstände des Denkens oder gar der Bildung zu bestimmen. Das war eben das Ergebnis der diskursiven Methode des Sokrates, sich gegen die  Dialektik zu positionieren, deren beliebige Methode als Entbindung von jeder Verantwortung anzusehen, in ihr nur eine formale Potenz zu erblicken, ein pures Können in der Rhetorik, die dann beide für den Daseinsvollzug unbrauchbar erscheinen, zumindest in den Rang der Lüge geraten. Gewiss war das im Christentum fortgesetzt worden, vor allem in der Engführung von Theorie und Glück. Diese sind in der visio beatifica zusammengefasst und waren die Grundlage des neuen Optimismus während des Zusammenbruchs der Spätantike.

An dieser Einschätzung schließt sich die Aufgabe Husserls an, nämlich den Sinn des menschlichen Daseins nicht in einer Erfüllung zu sehen, nicht im Erfüllen eines Pflichtenkanons, sondern er wird bestenfalls ein Funktionär in einem übergreifenden Zusammenhang sein. Die Unendlichkeit der Theorie als Forschung erfordert Übertragbarkeit, Methodisierung, Formalisierung, Technisierung. Diese Rolle des Menschen als eines Funktionärs hat Voegelin aufs Äußerste kritisiert und diesen Menschheitsfunktionär als eine Bankerotterklärung in der Phänomenologie bezeichnet. Im Brief an Schütz regte er sich darüber maßlos auf, da eben der Philosoph sich der Sprache der Ideologien bediente.

Nun müssen wir dort fortsetzen, wo die Phänomenologie aus der Lebenswelt heraustreten muss, sie das Universum der Selbstverständlichkeiten verlässt und sich nun einer Kontingenz gegenübersieht, nämlich der Beurteilung der Wirklichkeit nach dem Kriterium des Notwenigen und dem Kriterium des Möglichen. Nun berührt diese Wirklichkeit schnell die Fundierungen der technischen Einstellungen gegenüber dem Vorgegebenen. Von daher müssen wir Zivilisation begreifen, in der eben die von der Natur gegebenen Fakten keine weitere Ausdehnung, keine Neuerung und obendrein ihre Rechtfertigung verliert, nämlich einfach so zu sein und so zu bleiben. Dies fördert die Erfahrung des denkbar Unvollständigen, wie wir es eben bei Leonardo erlebt haben, sich eben die Verbesserung der Natur auszudenken. Das wird schließlich zum Antrieb der Innovation und jetzt wird das Mögliche denkbar und vorstellbar. Also beginnt man die Natur entweder zu verbessern oder gar mit fundamentaler Kritik an ihr. Durch die Realisierung des Möglichen wird der Spielraum für Erfindung und Konstruktion eröffnet und wird zur Grundlage einer konsistenten und sich selbst rechtfertigenden Kulturwelt.

Somit müssen wir erkennen, dass die durch die phänomenologische Methode ermittelte Kontingenz zwischen dem Notwendigen und Möglichen in der Wirklichkeit gegeben ist, also wird in der Neuzeit die Technik zum Merkmal der Modernen und kann sich auf ein gesteigertes Kontingenzbewusstsein im Mittelalter berufen. Der Mensch bezieht auch hier einen Mittelpunkt im  Selbstverständnis. Er ist der sich selbst schöpfende und schöpferische Geist geworden. Husserl äußerte daher den Verdacht, dass diese Ermächtigung des Menschen, ein Schöpfer zu sein, auf Dauer die stabile Lebenswelt erschüttern wird. Die traditionelle  Lebenswelt steht der Technik noch fremd gegenüber, muss aber zusehen, wie alle Bereiche davon erfasst werden. Damit lässt sich dann auch der überraschende Wandel der Lebenswelt nachvollziehen, denn sie steht zur Technisierung in einem konfliktorischen Verhältnis. Technik ist wie eine andere Welt der Welt und dreht unser Denken langsam aber stetig in die Richtung eines technisch interpretierbaren Bewusstseins. Blumenberg hat es die Entselbstverständlichung genannt. Es wird ja nicht nur alles in Frage gestellt, die letzte Selbstverständlichkeit ihrer Gewissheit enthoben, sondern die Lebenswelt selbst verliert ihre naive Gegebenheit. Die Lebenswelt erfährt ihre Enthüllung und zugleich Zerstörung ihres  wesentlichen Attributs der Selbstverständlichkeit. Nichts ist, wie es vorher war und wie es sein wird. Es ist ein Thema der Literatur seit dem 18. Jahrhundert, zwar den Erkenntnisgewinn bis an die Spitze treiben zu wollen, doch der Verlust des Mystischen, des Unsagbaren, ja des Geheimnisses, das in jedem Leben verborgen ist, treibt ins Unglück, sogar in den Wahnsinn. Ausnahmsweise hat hier Richard Wagner ein Motiv dieses Dramas in der „Götterdämmerung“ erkannt und ästhetisch nahe gebracht. In der Fähigkeit zur Imitation und Substitution hat die Technik ihre Rolle als Doppelgängerin der Natur angetreten und das Kontingenzbewusstsein vom Nötigen und Möglichen zur musikalisch ästhetischen Überhöhung verändert, zwischen Scheinbarem und Anscheinenden. Somit wird gleichzeitig das philosophisch nicht einzuholende Sich-Vorweg-Greifen des Menschen zwar provoziert, das aber immer schon zur Natur der Technik zählt.

Wir müssen mit einiger Bestimmtheit nun an alle Phänomene denken, die uns seit der Entwicklung der Technik als Innovationen begleiten, immer aufs Neue sich einstellen als wären die Entwicklungen als eine Raumspirale zu denken und wir haben uns daran gewöhnt, dass alle Messzahlen der ökonomischen, der kulturellen oder sozialen Entwicklung danach orientiert sind. Es verwundert nicht, wenn dieser Verlauf in schwindelerregende Höhen hinaufklettert, ja wir erwarten es, fordern es und jede geringfügige Verlangsamung oder gar ein kleiner Einbruch in dieser Vorwärtsentwicklung stürzt die Welt in Unruhe und Besorgnis. Diese neue Lebenswelt, so artifiziell sie auch erscheinen mag, überwindet die alte, weshalb es keinen Vergleich mehr gibt.

Nun fehlte es bei Husserl nicht an Versuchen, diesem unerbittlichen Zuschnitt zu entkommen. Die Phänomenologie soll als Instrument in der Lage sein, die freie Variation des wesensnotwenigen Invariablen wieder offen zu legen. Etwas holprig in der üblichen Sprache der Philosophie nach 1900 formulierte er, dass das „unzerbrechlich Selbige im Anders und Immer-wieder-Anders, das allgemeine Wesen“ zum Vorschein bringt, das den neuzeitlichen Geist gegen die Neuzeit selbst wenden wird. Darin kommt eine Variation zum Ausdruck, die sich einerseits in der Phantasie frei auszudrücken vermag, andererseits sollte ein Bewusstsein der Beliebigkeit möglich werden, die immer neue Varianten öffnet, und die Möglichkeiten entfaltet. Das ist keineswegs neu, wie es auch nicht überrascht, denn allzu oft hatte man inzwischen erfahren können, dass zwar die Emanzipationsforderungen erhoben wurden, doch regelmäßig in  Sackgassen gerieten. Das Faktische sollte überwunden werden, um dann den Weg ins Wesentliche zu öffnen. Zwar haben wir diesem Vorgang die neuartige Existenz der Sozial- und Humanwissenschaften zu verdanken, fast schien es, als wäre ein Lichtstreif am Horizont, doch bald entpuppten sich die Hoffnungen als unbegründet. Damit waren zwar Elemente der Modernisierung der Wissenschaften einhergegangen, doch darin war nicht mehr von der idealisierten Lebenswelt die Rede, sondern von einer Welt der industriellen Gesellschaft oder der postindustriellen. Die Soziologie trennt sich endgültig von der Sozialphilosophie.

Nuzn wird man die Trauerfälle der gesellschaftlichen Entwicklung in der jüngeren Geschichte leicht sammeln können. Die Aktualität der phänomenologischen Analyse zeigte eindeutig das Drama betroffener Bevölkerungen, die die Spielart europäischer Geschichte nicht teilten. Sie waren von der Technisierung buchstäblich überfallen worden. In diesen exotischen Gesellschaften fanden die Transplantationen von Wissenschaft und Technik statt und nahezu wehrlos hatten sie sich diesen Herausforderungen ergeben. Denkt man zurück, so hatten schon traditionale Gesellschaften den Schwung dr Technisierung kaum verkraften können, es reichte eben nicht, Industrielle in den niederen Adel zu erheben. Ein vergleichbarer effekt war in den vorindustriellen Gesellschaften zu beobachten, in denen Eliten den Fortschritt forcierten und die an die herkömmliche Lebenswelt gebundenen Bevölkerungsschichten in neue Formen der Abhängigkeit und fast Sklaverei erniedrigten. Die Technisierung bedeutete keineswegs eine realistische Loslösung aus der traditionalen Gesellschaft, bedeutete nicht, einen Schritt in Richtung Demokratie gegangen zu haben, sondern es wurde die historische Kontinuität zerbrochen, die sich dann in der Arkanpraxis als exogene Überlagerung fast unberührter Lebenswelten zu behaupten versuchte. Die Selbstverständlichkeit geschlossener Verständnis- und Verhaltenskodifikationen gerieten in eine ambivalente Akzeptanz, die ja im Tourismus nur zu oft als Attraktion vermarktet wird. Die retardierenden Momente gesellschaftlichen Selbstverständnisses vermögen sich nur schlecht gegenüber einer zivilisatorischen Ungeduld zu behaupten, oder anders formuliert, die geforderten Entwicklungen verlaufen weder in der Stringenz der internationalen Herausforderungen, in denen es offenbar klar ist, wie eine Gesellschaft auszusehen hat, noch in den Mustern verkürzter historischer Entwicklungen.

Nun muss man sich schon vor Augen halten, dass Husserl diese enormen Beschleunigungen mit Skepsis verfolgte. Ohne noch von der Zukunft zu wissen, war es Husserl klar, dass der Vorwurf der Unterentwicklung federführend den Aufholprozess anleiten wird und  auf der Strecke bleibt der Sinnvollzug, der doch für die Kultur von Gesellschaften ein wesentlicher Teil der Identität zu sein scheint. Die Kompensation wird durch die Technisierung angeboten. Ja sie ist das Allerweltsmittel, ab morgen zu den modernen Staaten zu zählen. Sinnvollzug und Ideologisierung sprechen bald die gleiche Sprache und ab nun muss der Prozess der Industrialisierung auch deshalb vorangetrieben werden, um die historischen Verformungen des Gesellschaftlichen in die Irrealität zu treiben.

Im Anschluss an Husserl fehlt dann in unserer üblichen Reflexion, ob nicht an eine Pathologie des Technischen zu denken ist, die uns doch täglich begegnet. Dort läge die Chance der Sozialwissenschaften, sich doch dem je eigenen Modernisierungskonzept zu stellen, das nicht einfach im bockbeinigen Beharren die historische Form von Sozialismus wünscht, sondern ab nun lautet das Desiderat, wie ist Technik in die Lebenswelt zu integrieren? Leider ist das in dieser Schärfe kaum diskutiert. Im Sinne der Technisierung folgt die Debatte dem Thema, in welchem Ausmaß Technisierung noch innerhalb der anthropologischen Rahmenbedingungen verbleibt. In Wirklichkeit sollte die Antinomie der Technik berücksichtigt werden, nämlich die Spannung zwischen Leistung und Einsicht zu reflektieren. Dier Leistungsstärke der Technik fördert keineswegs die Einsicht in das, was wir hier tun. Husserl hat diese Diskrepanz zur Sprache gebracht, verschärft und uns als Frage aufgegeben.                                

Nun ist es schwierig, nicht in die bekannte Tonart zu verfallen, dass nämlich die Technik in unser Leben eintritt, ohne dass wir darauf vorbereitet gewesen sind. Wir kennen die alten Bedenken, die seit Nietzsche oder gar Spengler geäußert wurden, wobei das größte Problem dabei ist, dass automatisch bei jeder Analyse von Technik auch noch die Lügen mitentwickelt werden, so ist man natürlich kritisch in höchstem Maß bei gleichzeitigem Gebrauch der Technik für die Kritik. Keine Zeile könnte darüber gelesen werden, würden es nicht technische Einrichtungen erlauben, diese zu verbreiten. Es ist die Technisierung, die unsere bisherigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sprengten. Es kommt zu einem völlig anderen Verständnis von Recht und Eigentum, die Gleichförmigkeit der Arbeit erlaubt einerseits eine Massengesellschaft, auf der anderen Seite löst sich diese in Kleingruppen auf, in informelle Bindungsformen, die bald ein eigenes Leben für sich beanspruchen. Ebenso erlaubt die neuartige Form des Konsumierens diese Möglichkeit fast als Freiheit anzusehen, ja es kompensiert hervorragend die bislang vorenthaltenen Inhalte im Katalog politischer Freiheit. Nun beobachten wir derartige Einwendungen gegenüber der Technik, dass wir sogar bereit zu sein scheinen, diese nicht in unseren traditionellen Kulturbestand aufzunehmen. Technik in unserem Verständnis hat noch immer etwas Magisches an sich, denn einerseits dominiert sie wie ein übergroßer Mensch, andererseits ist sie die kleinste Dienerin, die man sich vorstellen kann, die uns mit Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit ausstattet, mit Mobilität und vielfachen Entlastungen von schwerer Arbeit. Die Technik hat es soweit gebracht, dass sie uns wie ein Organersatz das Leben zu meistern hilft. Nun haben Naturwissenschaften, der praktische Teil in der Art der Technik, die kapitalistische Produktionsweise einander ergänzt und ein neues Sinngefüge geschaffen. In der Technik nun eine besondere Kraft erkennen zu wollen, liegt im Wunsch, durch sie die Stabilisierung unserer natürlichen Umwelt zu erreichen. Damit wird einem uralten Bedürfnis Rechnung getragen, dass nämlich die Abläufe in der Natur gleichförmig bleiben sollen, keine böse Überraschung soll das Leben irritieren. Dennoch gibt es die Katastrophen, die unvorhersehbaren Katastrophen und bald hat die Technik den Rang erhalten, eine wirkungsvolle Beschützerin zu sein. In ihrer artifiziellen Gestalt ist sie zugleich das Veto gegen die Zufälle der Natur. Natürlich war dieses Anliegen verständlich, denn in den Naturbeobachtungen stand die Regelmäßigkeit im Mittelpunkt des Interesses. Es war in Ägypten die Aufgabe der Sterndeuter, diesen Rhythmus zu erkunden. Und die Abweichungen gaben ausreichend Rätsel auf. Man dachte die Natur als einen Kreisprozess, also als einen Automatismus! Und daran entzündete sich eine Faszination, dass es eben einen vorrationalen Antrieb gibt, der schließlich auch in der Technik seine rationale Wiederholung findet. Wenn man nun bei Betrachtung der Kinder feststellt, welche Faszination von der Technik ausgeht, kann verstehen, dass hier fast eine magische Anziehungskraft am Werk ist und das hat nichts mit einem intellektuellen Reiz zu tun.

Will man es psychologisch deuten, dann neigt der Mensch dazu, die Rätselhaftigkeit seiner Existenz, seines eigenen Wesens aus irgendwelchen mythischen  Urgründen die Selbstdeutung vorzunehmen. Wichtig ist dabei, dass hier hypothetisch ein Nicht-Ich vorangestellt wird, etwas Anderes-als-Menschliches. Nun meint man oft, darin liegt der Zweck der Religionen, darin ist eine Antwort hineinpro jiziert, die die Leerstellen unserer Vernunft ausfüllt. Das ist natürlich weitgehend ein typisches Ergebnis positivistischen Denkens, das sich schon langem mit der Technisierung vermählte. Nun wird oft behauptet, dass die Weltanschauung des Menschen einerseits aus diesem Resonanzphänomen produziert wird, also aus einer Deduktion der Vorstellung eines dominierenden Nicht-Ich, andererseits ist die Erfahrungswelt aus Rückkoppelungen gestaltet und führt zur Disponibilität der Verhaltensweisen – je nach Umweltbedingung. Das kann man so darstellen, wird aber wenig befriedigen, denn dieser Reduktionismus lässt zu viele Fragen offen.

In dieser angedeuteten und zugleich unbefriedigenden Individualisierung können wir in etwa nachvollziehen, warum die Technisierung so schnell und nachhaltig nahezu alle Bereiche des Lebens und damit der Gesellschaft zu bestimmen begann. Die Verschwisterung mit der industriellen Produktionsform machte es doppelt schwierig, nämlich die Technisierung als solche zu analysieren, unabhängig von der Industrialisierung, wie die Industrialisierung das Ausmaß der Technisierung erst gar nicht intendiert hatte, denn für lange Zeit fand man mit dem Dampfwebstuhl ebenso das Auslangen wie mit der Dampfmaschine. Das heißt, und das ist vielleicht keine uninteressante Hypothese, dass in der Umsetzung technischen Könnens keineswegs die Absicht verstärkt wird, immer weitere Schritte zu unternehmen, eine dauerhafte Verbesserung zu wünschen, sondern irgendwann scheint ein Punkt erreicht, an dem das Interesse an der Innovation erlischt. Deshalb haben Beobachter dem Krieg diese Innovationskraft unterstellt, denn er muss mit den besten Errungenschaften zum Erfolg geführt werden, somit ist die Technik die geeignete Hilfe. Wir wissen inzwischen, dass die Telekommunikation über die Kriege gewaltige Verbesserungen erfuhr und es ist nicht sicher, ob wir jemals diesen gegenwärtigen Standard erreicht hätten, würden nicht strategische Interessen daran geknüpft gewesen sein. Und wenn heute diese elektronischen Innovationen eine so große Rolle spielen, dann ist sofort der Hintergedanke dieser Entwicklung präsent oder drängt sich auf, nämlich eine bessere Poliziierung der Gesellschaft zu erreichen. Es sieht aus wie der Erfolg im Weltbürgerkrieg der Ideologien.

Nun werden wir schwer darüber hinwegkommen, in den diversen Erscheinungsformen „Gerinnungen“ der Technisierung zu erblicken. Wir hatten erwähnt, dass diese ersten Menschen bis hin zu den ersten Hochkulturen in die Natur oder in ihren Abfolgen das Interesse bestätigt finden wollten, dass es eigentlich um eine Art Technik geht, die selbst auf den Menschen zugreift, auf die Funktion der Organe und physiologischen Besonderheiten. Da ergab sich wirklich ein Weltbild, wenn wir einmal vom Wunder am Berg Sinai absehen, das den Menschen in diesen Kreislauf zu integrieren wünschte. Die Technisierung hat nur das vollendet, was in der Anlage bereits angedacht war, nämlich die politischen und sozialen Prozesse sogar unabhängig von der Natur zu sehen, ja es finden eigenständige Abläufe statt, die über eine von der Natur unabhängige Gesellschaftsontologie erklärt werden können. Allerdings begleitet dieser Versuch neuer Welt- und Daseinsinterpretation eine durchgängige Intellektualisierung. In diesem Prozess besseren Verständnisses, wofür etwa die Aufklärung steht, findet eine Verringerung der Anschaulichkeit statt, ein Verlust der Unmittelbarkeit und Zugänglichkeit. Das muss man immer wiederholen, dass genau das Versprechen der ausreichenden Erklärbarkeit der Welt und des Daseins zur bildungspolitischen Initiative führt, das Prinzip verkündet, alles könne von allen gewusst werden, doch gleichzeitig steigt nicht nur die Komplexität der Sachverhalte, sondern auch die Vorstellungen unserer physikalisch interpretierten Welt werden ungegenständlich, verlieren sich in kaum nachvollziehbare Fakten, deren Bedeutung kaum mehr zu ermessen ist. Amüsant ist, dass die Psychologie sich endgültig entschied, eine Naturwissenschaft zu sein und in mathematischen Modellen den Menschen darzustellen versucht. Natürlich stehen damit psychische Aberrationen nicht mehr im Mittelpunkt der Psychologie, sondern die Hypothese eines bestimmbaren Normalverhaltens. Schon längst erscheint der Mensch in der Form höherer Mechanik. Die Mathematisierung trat ihren Siegeslauf bis zur Ökonomie an, ja sie ist die Voraussetzung für jeden Einstieg ins wissenschaftliche Leben. Offenbar hatte man sie zur fundierenden Wissenschaft für alle Arten der Technisierung erklärt und damit den Vorgang einer Entsinnlichung der Welt eingeleitet. Die Soziometrie und Statistik dominieren die Soziologie, die auch noch nach Max Weber als Geisteswissenschaft konzipiert war. Gerade die Geschichtswissenschaft verliert ihre Reputation wegen ihrer Anschaulichkeit, gerät in den Verdacht schwer durchzuhaltender Subjektivität und sollte stattdessen alle Bereiche zusammenfassen und gleichzeitig darstellen, wie die Bezugssysteme in der Gesellschaft, in der Politik, Ökonomie oder Kultur sich ändern.

Nun können wir behaupten, dass parallel zur Technisierung eine Verbegrifflichung und Entsinnlichung eingetreten ist. Das eine meint, dass wir bestrebt sind, alles auf den Begriff hin zu formulieren und so es uns gelingt, sind wir bereits stolz darauf als hätten wir ab nun die Sache selbst verstanden, wobei die größte Gefahr dann eintritt, wenn wir nicht nur den Gegenstand unserer Erkenntnis auf einen Begriff hin charakterisieren können, sondern wir vermuten dann hinter dem Begriff selbst keine weitere Dimension des Gegenstands. Genau das meint dann die Entsinnlichung, in der die Aura des Gegenstands endgültig ihre Dimension verliert. Wenn wir uns erinnern, hat ja Wittgenstein in der Betrachtung seiner Schreibtischlampe lang beschrieben, dass der Schirm keine eindeutige Grenze zwischen Licht und Schatten erkennen lässt. Je länger er das Phänomen beobachtete, dass eben eine Grenze schwer zu definieren ist, was ja in der Physik nahegelegt wird, kam er wegen der zuwiderlautenden Beobachtung zu dem Schluss, dass in diesem Zwischenbereich im Grunde die Wahrheit des Lichts zu erkennen ist. Das ist keineswegs eine Spekulation, eine wilde Hypothese, vielmehr die Wiederkehr der sinnlichen Wahrnehmung, über die die Bestimmung von Licht vermutlich genauer erfolgt als in den kalten Schlussfolgerungen von „wenn – dann“ oder „nichts – als“ Die zweite Variante ist die Folge der Verbegrifflichung. Sie lässt keine andere Erscheinungsform mehr zu, weshalb das eine nicht viel mehr ist als eben ein anderes. Über diese Methode der Philosophie erhielten wir wunderbare Bestimmungen des Menschen, in denen er eben nichts anderes ist als ein nichts. Somit stehen wir in diesen Komperativsätzen, in denen tendenziell der Mensch schlecht abschneidet. Wir kennen ja seine Bestimmung in den Verlautbarungen, ein Mängelwesen zu sein. Zoologen belehrten uns, dass wir in unserer Ausstattung in keinem Bereich wirklich erstrangig sind. Es darf daher vermutet werden, wir sind nicht einmal im intellektuellen Bereich bemerkenswert, denn wie oft stellte sich das Nachdenken, die Verzögerung in der Entscheidung als ein Nachteil heraus. Darüber werden wir uns nicht lang unterhalten, doch unter dieser Bedingung müssen wir in Erinnerung rufen, dass wir in der Technisierung ein offenes System entwickeln, das uns bestenfalls noch für Initialzündungen benötigt. Wollen wir ein wenig in die Poesie abschweifen, so hatte die moderne Form ab Mallarmé deutlich zu erkennen gegeben, dass selbst in der Lyrik die Intellektualisierung und Entsinnlichung thematisiert wurde. Gottfried Benn meinte in konsequenter Übereinstimmung, dass ein Gedicht mit Trennung und Gegenüberstellung von angedichtetem Gegenstand und dichtendem Ich nur die Entsinnlichung zum Ziel haben kann. Das naive Objektivieren von Wahrnehmungen wurde fragwürdig und daher für den Dichter auch die Objektivierung von Stimmungen. Diese Sprachbilder, die uns noch bei Trakl berührten, sind nicht mehr zu gebrauchen, denn das Sprachbild selbst schien eine unzulässige Subjektivierung zu sein, oder ließ eine Überhöhung in eine andere Dimension nicht zu. Eigentlich distanzierte man sich gegenüber einer äußeren und inneren Natur, die ja einmal unsere Empfindungen strukturiert hatte. Das alles gibt es nach Gottfried Benn nicht mehr, denn die Natur kennt keine Worte und umgekehrt sind Worte ungeeignet, die Natur zu substituieren. Noch deutlicher ist in der zeitgenössischen Lyrik die nahezu notorische Abkehr von jeder Assoziation, die aus einer Wirklichkeit gewonnen werden kann. Es übersteigt sogar den Surrealismus, der noch in der Verdrehung die Wirklichkeit in eine befremdend andere Wirklichkeit transformiert, aber ohne die die uns geläufige Wirklichkeit nicht auskommt.

Nun ist es uns bislang geläufig gewesen, in der Soziologie die Gegenüberstellung von Organismus und Organisation thematisiert zu haben. Ja seit Ferdinand Toennies ist die Gegenüberstellung perfektioniert worden und er entwickelte diese Begrifflichkeit zur Charakterisierung der beiden sozialen Verweilformen in Gesellschaft und Gemeinschaft. Und wir treffen auf eine ähnliche Unterscheidung auch bei Durkheim, wenn er sein Konzept der Solidarität in mechanische und organische strukturiert. Seit dem 18. Jahrhundert treffen wir auf diese Unterscheidungen und diese hängen damit zusammen, dass mit dem Einbruch der Technisierung in die Lebenswelt eine generelle Umstellung erfolgte. Das betraf ja nicht nur den Wechsel in den Wirtschaftskörpern, den Übergang von den Ständen, Innungen und Zünften in Haushalte, die über die ersten mechanischen Webstühle verfügten, also aus Arbeitsgemeinschaften bildeten sich kleine private Unternehmungen, die schließlich von der Fabriksorganisation aufgesogen wurden. In Goethes „Wilhelm Meister“ wird die Veränderung der Gewerbelandschaft in ein Industrierevier erstmals bemerkt und zugleich auch festgehalten, dass Arbeitskräfte nicht mehr gebraucht werden, auch nicht in den vormaligen landwirtschaftlichen Bereichen mehr Platz finden, sondern zur Auswanderung gezwungen sind. Überhaupt wird bei der Technisierung darauf vergessen, dass in erster Linie die Landwirtschaft von dieser Entwicklung ergriffen wurde. Die ersten Kenntnisse gezielter Fruchtwechselwirtschaft, die ökonomischere Nutzung der Anbauflächen, weshalb das Vieh im Stall bleiben musste oder generell sich zwischen Land- und Viehwirtschaft zu entscheiden, schuf völlig neue Arbeitsformen, die gleichsam schon die Vorhut der Technisierung waren.

Das war dann das Signal für ein weites Eindringen der Technik, die eben die bislang getroffene Unterscheidbarkeit zwischen Organismus und Organisation zu unterlaufen begann. Wir sehen das deutlich im Konzept von Kant, in der er in strikter Organisation den gesellschaftlichen Frieden gesichert sah, ja es ist letztlich das Recht, das den Rahmen bildet in in gleicher Weise die individuellen wie die sozialen Bedürfnisse berücksichtigt. Daher war ihm die Vernunft so wichtig, denn ohne sie würde das Regelsystem zerbrechen. Und wirklich war ein Teil der Aufklärung von dieser Idee angeleitet, die Organisation der Gesellschaft in einer Republik zu gewährleisten, ja das Ideal hätte sich in der Konstitution der Gelehrtenrepubliken einmal darzustellen, in den neuen Formen der Akademien der Wissenschaften, die noch im 17. Jahrhundert gegründet worden waren. Dieser Geist der Aufgeklärtheit und des Wissens würde schließlich die Republik benötigen, um einerseits der Tyrannei zu entgehen, die sicher schlimmer als der fürstliche Absolutismus empfunden wurde, andererseits sollte eine Volksherrschaft vermieden werden, die über einen Bürgerkrieg kurzfristig die Macht ergreift. Diese Überlegungen zeigen bereits an, dass man in experimenteller Weise über soziale Verortungen zu denken begann, dass man auch in experimenteller Weise die Verwaltungen zu gestalten begann, beide zusammen waren die nötige Antwort auf die verheerenden Folgen des 30-jährigen Krieges. Es war, wie schon erwähnt wurde, die Grundlage für die schnelle Auffassungsgabe für technische Möglichkeiten.

In weiterer Folge, mit der zunehmenden Industrialisierung war ein völlig neues Verständnis der Wissensformen kreiert worden. Uns ist ja heute völlig geläufig, dass man etwa im Bereich der Künste und Wissenschaften die Kompetenz einem speziellen Wissen zuschreibt, das nunmehr den Fachmann benötigt. Die Kreativität, die in der Technisierung sich multiplizieren konnte, benötigte nicht nur ein Personal mit spezialisierter Ausbildung, sondern ab nun genügte nicht einmal mehr ein Überblickswissen, um über spezielle Bereiche etwas auszusagen. Die Einarbeitungen in atonale Musik, in Charakterologie, in Verhaltensforschung erfordern ein intensives und planmäßiges Studium, in den meisten Fällen sogar eine überdurchschnittliche Spezialbegabung. In der negativen Fassung kommt es zur Geburt des Laien. Andererseits hat der berufstätige gebildete Mensch keine ausreichende Möglichkeit, an den Zeitereignissen teilzunehmen.

Die Distanz, die nunmehr gegenüber Wissenschaft und Kunst entstanden war, konnte noch in der Art eines Religionsersatzes bewältigt werden, was sich aber im Fortschritt immer mehr als Unmöglichkeit herausstellte. Man konnte dank der nahezu industriellen Kunstproduktion im 19. Jahrhundert noch Wagnerianer und in der Wissenschaft Darwinist werden, was für die Lebensorientierung auszureichen schien, doch später war selbst diese esoterisch anmutende Verbindlichkeit  verloren gegangen. Diese Dispositionen lösten sich auf, also was uns als Zeitzeugen präsentiert wird, erweist sich oft als Beispiel der Überforderung innerhalb der eigenen Lebenszeit. Was nun damit gesagt wird, bedeutet nicht die bekannte Überforderung in der Zeit der Tyrannei, denn diese betrifft die Menschen in westlichen Demokratien in gleicher Weise. Die Überforderung war dadurch gegeben, dass über die Industrialisierung die traditionellen Prämissen der sozialen Ordnung und auch der Ethik oder Sittlichkeit entkräftet wurden. Es war zwar nicht alles zusammengebrochen wie etwa in den Tyranneien, aber die bisherigen ethischen „Einstellungsmuster“ zeigten deutlich Merkmale der Schwäche in der Beurteilung der neuen, nunmehr anorganischen Natur, der Elektrizität, der Kohle und der Atomenergie. Wir erlebten in der Steigerung der Produktions- und Verkehrswirtschaft die relative Unentschlossenheit, eine Bewertung von der Grundproduktion an vorzunehmen, also über Beschränkungen zu diskutieren, über das Ausmaß erlaubter Mittel nachzudenken, also insgesamt eine Ethik als politisches Kriterium zu entwerfen. Die Vermischung von Technisierung zum Industrialismus und Kapitalismus erlaubte die Schaffung von Superstrukturen, die über privatwirtschaftliche Organisation ein ungeahntes Ausmaß erreichten und die politischen Entscheidungsmechanismen zu dominieren begannen. Diese neuen Komplexe erwiesen sich unzugänglich für ethische Kriterien, erst mit der Protestbewegung gegen Atomenergie war eine Ethik zur Sprache gekommen. Dabei war das noch nicht das Kernproblem. Für unsere Frage nach den Folgen der Technisierung war es weit wichtiger, dass wir diese Umsetzungen in industriewirtschaftliche Erfolge, in die Ausstattung der Gesellschaft zu einer Wohlstandsgesellschaft einer Methodik verdankten, unserer revolutionären Art der Erkenntnisweisen verdankten, nämlich dem Experiment. Was wir seit dem Beginn der Neuzeit an Erkenntnissen sammelten, verdanken wir dem naturwissenschaftlichen Experiment. Michel Foucault hat bereits darauf verwiesen, dass diese Nachstellung der Natur im Experiment unter Voraussetzungen möglich wird, für die die Bedingung des Idealen angeordnet wird, ebenso Bedingungen der Abstraktion und Vereinfachung. Man beherrscht im Experiment den Vorgang nur insofern theoretisch, als man ihn auch praktisch beherrscht. Indem die Natur gleichsam abstrakt geworden ist, ja vielleicht auch ihren organischen Charakter einbüßte, wird sie nicht mehr als die tatsächliche Natur wahrgenommen, weshalb sich nur schwer ethische Bedenken formulieren lassen. Bedenken wir, dass wir am Ende des 18. Jahrhunderts die natürlichen Beschaffenheiten in eine organische und anorganische Chemie trennen konnten. Stößt man hingegen sehr schmerzvoll auf technische Grenzen, also auf Grenzen der Machbarkeit, dann sind diese im nächsten Anlauf zu überwinden. Wie wir schon früher bei Husserl anmerkten, wendeten wir uns dem Möglichen zu, weshalb es im Grunde nur vorläufige Grenzen gibt. In der Verkehrsgeschwindigkeit lernten wir zum Beispiel, dass wir jedes Jahrzehnt ab 1880 unsere Mobilität beschleunigen konnten, ja es ist der Fall eingetreten, dass wir von Jahr zu Jahr mehr und schneller beförderten – bis eben jene Grenze erreicht wurde, die sich aus der Logistik ergab. Wenn Abfertigungen länger dauern als die Flugzeit selbst, bewegt sich dieses Modell ins Absurde. Zuvor merkten wir am Autoverkehr, dass eine massenhaft auftretende Mobilität nuir mehr scheinbare Vorteile ermöglicht. So war man in den vergangenen Jahren im Sommer mit dem Fahrrad schneller von München nach Salzburg als mit einem Auto mit 300 PS. Diese Entwicklung berührt die psychomoralischen Einwände fast gar nicht. Dass es gegenwärtig der Fall sein kann, bedeutet eher, dass dieser Zustand politisiert werden konnte. Allerdings ist eine Auseinandersetzung darüber als politischer Meinungsunterschied denkbar, denn in allen diesen Fragen gibt es keine ethische Verbindlichkeit, sondern erfüllt eher die Kriterien eines Konfliktstoffs.

Nun erkennen wir natürlich einen Mangel, denn sofort fällt einem beim Wort „Technik“ das Machtdispositiv ein, das eine sehr enge Beziehung mit diesen Innovationen eingegangen ist. Wer über diese Mittel der Technik verfügt, hat vermutlich die Macht in Händen. Nun muss man zur Erklärung beifügen, dass zuerst einmal das Phänomen der Technisierung zu behandeln war, das noch unabhängig von Machtstrukturen zu sehen ist. Die meisten machen den Fehler, so sie an Technik denken, dass sie damit die Merkmale der Gegenwart verknüpfen. Bei Technik denken viele gleich an Flugzeug, Panzer, Auto, riesige Maschinen, elektronische Datenverarbeitung, neueste Fernmeldesysteme. So schnell war das aber nicht vom Himmel gefallen. Unter Technik ist bereits die Züchtung von Pflanzen und Tieren zu verstehen, also jene Fähigkeiten, die breits Naturvölker zu entwickeln begann en. Und aus der Geschichtswissenschaft erfahren wir, dass die Metallverarbeitung im kulturellen Fortschritt eine enorme Rolle spielte. Technik war gebraucht worden beim Abbau von Salz oder beim Schürfen von Gold und Silber. Das Interesse, sich über diese Mittel einen Vorteil zu verschaffen, war ja bei den Naturvölkern noch frei von Politik, so wir diesen Begriff aus Aristoteles verwenden. Also behaupte ich, dass erst grundlegende Entscheidungen zu der Bedeutung von Technik in jeweiliger Kultur führten, die dann freilich auch zu politischen Zwecken verwendet wurde. Wenn Schießpulver angeblich in der chinesischen Kultur weit früher erfunden und für besondere Feste verwendet wurde, so war in Europa die zweifelhafte Suche nach synthetischem Gold die Ursache, diese zerstörerische Kraft zu entdecken, die ab nun die Konfliktaustragung in Europa erheblich veränderte. Dass dann dadurch das Machtgefüge einen Wandel erfuhr, ist dann schnell erkennbar und führte zu den anfänglichen Erfolgen bislang wenig erfolgreicher politisch-militärischer Intentionen. Es genügte eben die Verfügung über Feuerwaffen, um für einige Zeit eine Ebenbürtigkeit zu erzielen, die die altmodischen Ritterformationen schnell besiegen konnten. Der deutsche Bauernkrieg, wie ihn Hegel beschrieben hatte, wäre bald im Sand stecken geblieben, wären nicht Feuerwaffen verwendet worden. Und die erste republikanische Verfassung unter Michael Gaismair hätte wohl überhaupt keine Verwirklichung erfahren, wäre nicht dieses Projekt durch den  Gebrauch des Schießpulvers ermöglicht worden. Allerdings wendete sich bald das Blatt und die feudalen Machtstrukturen behielten wegen durchgreifender Militärreformen wieder die Oberhand.

Diese kurze Rückschau soll nur den angeblichen Mangel beantworten, dass nämlich bisher die Technisierung nicht im Sog des Politischen gesehen wurde. An dem Punkt möchte ich überhaupt die Frage anschließen, ob denn an diesen anfänglichen Innovationen die Politik eine derart unmittelbare Beteiligung beabsichtigte, so wir unter Politik die königlichen und Fürstenhöfe verstehen, die nur militärisches Interesse zeigten. Und wenn das englische Parlament 1714 eine hohe Belohnung jenem aussetzte, der eine funktionierende Schiffsuhr zu konstruieren versteht, dann eher um die halbstaatliche Kolonialpolitik zu subventionieren. Das war schließlich John Harrison, einem Tischler, um 1735 bis 1745 gelungen. König Georg III. setzte sich persönlich dafür ein, dass ihm die Belohnung ausbezahlt wurde. Diese wesentliche Erfindung, die ab nun ein präzises Navigieren erlaubte, war nur ein Vorspiel einer neuen geistesgeschichtlichen Konstellation, die mit der Aufklärung eingetreten war. Sie hatte bis heute unsere geistige Konstitution bestimmt. Die Gegenbewegungen waren damit nahezu automatisch in einen Irrationalismus geraten oder aber wurden für irrationalistisch gehalten. Genau diese Tendenz muss man in der Beachtung der Aufklärung einbeziehen und konnte sich gerade noch in den philoophischen Formen des Existentialismus behaupten. Wie auch immer das Zeitalter der Aufklärung beendet wurde, sie hatte dennoch tiefe Spuren hinterlassen. Werner Heisenberg hatte das mit der Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Religion beschrieben, wenn er gerade der Religion zubilligt, die unerwähnt gebliebene andere Dimension zuzuerkennen, die zur gleichen Wirklichkeit zählt, wie diese von der Physik interpretiert wird. Neu ist eben die Mitteilungsfähigkeit der modernen Seele, die es ohne die Aufklärungskultur nicht gegeben hätte. Und dort, wo die Mitteilung unterbleibt, vermutet man Verdrängung und Vergessen oder Sublimationen aller Art, Sprachlosigkeit und fiktionale Einengung. Nun wissen wir, dass die Aufklärung gegen alle Beschwörung an ein Ende gekommen ist, jedoch blieben die Konsequenzen erhalten. Es gibt die daraus resultierenden Selbstverständlichkeiten, die über Bildung und Wissen stabilisiert wurden. Nun kann man festhalten, dass zwar die Überzeugung der Allmacht der Vernunft in diesem Umfang nicht mehr gültig ist wie im 18. Jahrhundert, dass eben niemand mehr geneigt ist, diesen Grundsatz als gesellschaftspolitisches Axiom anzuerkennen, doch diese Überzeugung hatte sich in der Epoche der Industrialisierung formalisiert und führten zur grenzenlosen, optimistischen Bereitschaft für Zielsetzungen, Planungen und Neuorganisationen. Damit haben wir die Bereitschaft uns angeeignet, in Fundamente unserer Existenz einzugreifen, Kernbestände der Natur zu manipulieren und Ausgangslagen oder Bedingungen zu revidieren. Wir hörten inzwischen vom Machbarkeitswahn, der uns zu Grenzüberschreitungen verleitete. Mit einem Reaktorunfall war in Erinnerung gerufen worden, dass diese Überzeugung nicht beibehalten werden kann. Umgehend bildeten sich politische Alternativ-Bewegungen, die sich den Katalog des Clubs of Rome zu eigen macht.

Es fehlt nur noch, dass wir dieserEntwicklung insgesamt das Etikette der Modernisierung verleihen, ja vielleicht es auch alös Epoche der Modernen bezeichnen können. Die Kunst ist vielleicht die erkennbarste Zeugin, wenn sie einerseits polemisch alle bisherige Kultur zu diskreditieren vermag oder meint, es tun zu können, andererseits verschließt sie sich der bisherigen Gewohnheit von Wahnehmbarkeit und verbleibt im Konzept der Entsinnlichung. Die große Errungenschaft ist die Rechtfertigung des irdischen Glücks und zur Erreichung scheint die industrielle Gesellschaft wie geschaffen zu sein. Es sind ja nur die sozialen Rahmenbedingungen entsprechend zu formulieren und das Recht auf Wohlleben ist eine selbstverständliche Grundannahme. Wir müssen jetzt gar nicht weiter ausholen, wie rasant die Ausstattung der Grundbedürfnisse anwuchs und dank der industriellen Produktion auch ausreichend Konsumgüter dafür zur Verfügung stellte. Nun wird dieser Prozess als irreversibel angesehen und entsprechend sank die Frustrationstoleranz. Diese unglaublich steile Entwicklung, die die nördliche Hemisphäre der Erde immer mehr von der südlichen trennt, war eine neue Herausforderung geworden. Denn nicht genügte es, das Glück zum Greifen nahe zu haben, sondern die Enttäuschungen stiegen im gleichen Maß, ja innerhalb dieser Wohlstandsziele beklagte man den Verlust der Freiheit, ja man sah sich von den Konsumritualen gefangen. Die Natur gibt keine Grenzen mehr vor, die uns zu irgendeinem Verzicht zwingen, zumindest sind wir dann in der Lage schnell für Kompensation zu sorgen. Und es fehlt nicht an Autoren, die diesen rasenden Irrlauf der hochentwickelten Zivilisation beschreiben, kritisieren, ja dessen Ende wünschen. Henri Bergson, George Sorel oder Max Scheler sind sich darin einig, dass da eine grenzenlose Pleonexie eintrat, alle sozialen „Gruppen“ dominiert. Damit waren Begehrlichkeit, Anmaßung und Herrschsucht in einem gemeint. Und Bergson schrieb: „Das Rennen nach dem Wohlleben ist in immer schnellerem Tempo vor sich gegangen auf einer Rennbahn, zu der sich immer dichtere Massen hindrängen. Heute ist es die wilde Jagd.“

Nun muss man hier nicht fortsetzen. Es ist bekannt, dass die Mehrheit der Intellektuellen mit Sorge auf die weitere Entwicklung blickten, ja sogar zum Sündenfall bereit waren, im Totalitarismus eine Heilung zu sehen, ein Zurückdrehen auf einen historischen Normalzustand. Es wird die Wirkung der Technisierung sein, genau diese rückwärtsgewandte Utopie nicht mehr zuzulassen. Obendrein war es unmöglich, in der Tyrannei den Keim eines Neuanfangs vermuten zu können, sondern sie zeigte eindeutig, dass mit der Rückkehr in welchen historischen Zustand auch immer, eine Privilegierung der neuen Elite intendiert war.

Nun sollten wir mit einer Geschichte fortfahren, die uns besagen will, in welch vertrauter Nähe die Technisierung geraten war und welchen enormen Plänen sie zur Verwirklichung half.1859 befand sich Werner von Siemens auf der Rückreise nach Europa. Er war nach Aden gereist, um die unterseeische Telegraphenleitung zu kontrollieren, die vom Roten Meer bis nach Indien reichen sollte. Es war ein gewaltiges Projekt, dass sowohl wissenschaftlichen Aspekten ebenso entsprach wie technischen. Werner von Siemens, der diesen Auftrag erhielt und nun den Fortgang der Arbeiten selbst kontrollieren wollte, hatte diese Erkundungen der Tauglichkeit dieser überseeischen Verbindung überprüft und zufrieden machte er sich wieder auf den Heimweg. In seinen Lebenserinnerungen von 1902 berichtete er, dass er mitten in der Nacht durch einen schweren Stoß geweckt wurde. Es folgten weitere und bald war ihm klar, wie auch den anderen 500 Passagieren, dass das Schiff gegen ein Korallenriff gefahren war. Das Schiff begann relativ rasch zu sinken. Da er halb bekleidet in der Kabine lag, hatte er sich schnell aufgerafft und auf Deck geeilt. Alle rannten zu jenem Teil des Schiffes, der sich noch hoch über dem Wasser erhoben hatte. Aber wie reagierte Werner von Siemens? „Ich errichtete mir eine kleine Beobachtungsstation, mit deren Hilfe ich die weitere Neigung des Schiffes an der Stellung eines besonders glänzenden Sterns verfolgen konnte, und protokollierte von Minute zu Minute das Resultat meiner Beobachtungen. Alles lauschte mit Spannung diesen Beobachtungen…Alles lauschte mit Spannung diesen Mitteilungen. Der Ruf ´Stillstand´ wurde mit kurzem freudigem Gemurmel begrüßt, der Ruf ´Weitergesunken!´mit vereinzelten Schmerzenslauten beantwortet……“

Der Sinn der Darstellung liegt darin, dass die Angst vor dem endgültigen Untergang des Schiffes durch eine geeignete Beobachtung kompensiert wird und damit ein geordneter Ablauf der Rettungsaktion eingeleitet werden konnte. Es ist im Grund ein Experiment auf Leben und Tod. Es ist die zur Technik gewordene Wissenschaft, die zur Angstbewältigung beiträgt. Und jedes Ereignis hat die Debatte zur Folge, ob nun ein Unglück generell als Warnung anzusehen ist, als deutlichen Hinweis auf Grenzen, oder aber dennoch eine Fortsetzung erfolgen soll, natürlich unter Berücksichtigung der bislang unterschätzten Gefahrenquellen. Es war mit Tschernobyl bislang der Höhepunkt in derartigen Auseinandersetzungen. Fukushima war hingegen keineswegs von solchen grundsätzlichen Erwägungen kommentiert worden, sondern es war die Folge unglücklicher Umstände, die diese Katastrophe auslösten. In der Sprache der Technik bezeichnet man solche Unglücksfälle eine Havarie. Der Ursprung dieser Bezeichnung ist nicht nur die Beschreibung durch Unglück erzwungene Handlungsabläufe, sondern ist zugleich auch ein Ansatz zur Schadensberechnung gewesen. Wenn also ein Handelsschiff in einen Sturm geriet und zur Bewältigung der Gefahr Güter über Bord geworfen werden mussten, so war das als Havarie bezeichnet worden. Die Eigentümer der geretteten Güter mussten dann für den entstandenen Schaden aufkommen und einen höheren Frachtpreis zu bezahlen. Bei den früheren Versicherungsverträgen war ausdrücklich bei möglicher Havarie von der Angst geschrieben worden, da man sich bis zur wohlbehaltenen Ankunft der Güter Sorgen machen musste. Nun liegt ein Jahrhundert hinter uns, das in nahezu perfekter Weise Wissenschaft und Technik vermählte. Im 19. Jahrhundert war das zum Stein der Weisen geworden, dass mit dieser Kombination nahezu alles erreicht werden kann. Emil Du Bois-Reymond schrieb in seiner „Culturgeschichte und Naturwissenschaft 1877 im typischen Stil des Wissenschaftsoptimismus: „Was kann der modernen Cultur etwas anhaben? Wo ist der Blitz, der diesen babylonischen Turm zerschmettert? Man schwindelt bei dem Gedanken, wohin die gegenwärtige Entwicklung  in hundert, in tausend, in zehntausend, in hunderttausend und in immer noch mehr Jahren die Menschheit führen werde. Was kann ihr unerreichbar sein?“ Immerhin war das der Ausschnitt einer Rede des Rektors der Berliner Universität und Mitglieds der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Während wir uns im Schatten der Pandemie im Grunde vor der blamablen Einsicht etwas hilflos auf basale Verhaltensmuster reduzieren müssen, mit Erstaunen die unterschiedlichen Positionen in einer Wissenschaft zur Kenntnis nehmen müssen, hatte es eine vergleichbare Skepsis, ja überhaupt die Vorstellung von Grenzen der Machbarkeit vor 200 Jahren nicht gegeben. Der Technisierung, deren Standard mit unserem nicht zu vergleichen ist, war in ihrer rüden Zurüstung und grobschlächtigen Mechanik mehr Vertrauen entgegengebracht worden als unseren komplexen Regelungs- und Mess-Systemen. Ebenso würden wir diesen Wissenschaftsimperialismus nicht fortsetzen wollen, der einmal überzeugt war, mit der Natur alles machen zu können, was man gerade im Sinn hatte.

Wir haben in den früheren Ausführungen mehrmals darauf Bezug genommen, dass eben diese Vermählung im 19. Jahrhundert sich den Ergebnissen der Aufklärung bediente, diese anzuwenden begann und daraus entstand diese spezifische Industriekultur samt ihren Gesellschaften. Die kulturelle Selbstverständlichkeit, in der diese Entwicklung sich gleichsam wie von selbst beschleunigte, war ein Motor der Modernisierung geworden, ohnedass es rechtzeitig begriffen worden wäre. In einem Vorwort zu einer Soziologie-Geschichte hatte Friedrich Tenbruck das Phänomen erwähnt, das in seinem Fall die Soziologie betraf. Er meinte, mit der Einbeziehung soziologischen Wissens in nahezu alle Daseinsbereiche vor etwa 50 Jahren war gleichzeitig der Reflexionsprozess in der Soziologie verloren gegangen, als alles war gleichsam „soziologisch“ geworden, was schließlich nichts mehr aussagt. Es trat der Verlust geistiger Bewältigung der Soziologie ein. Wie wir aus der Zeitgeschichte gut erkennen können, im Grunde diese Herausforderung der Interpretation geistig nicht bewältigt zu haben, so war in vergleichbarer Form auch die Technisierung außerhalb unserer Fähigkeit zur geistigen Reflexion geblieben. Die sogenannten Technik-Soziologien nehmen die technischen Fortschritte als Teil sozialen Wandels wahr oder überhaupt als Bereicherungen, die Technik-Philosophien überlegen, welches neue Lamento angestimmt werden soll. Dank der Erfolge der Technik scheint sich über sie und durch sie der alte Traum zu verwirklichen, von dem Condorcet hoffte, dass die Menschheit von ihren Ketten befreit werden, der Herrschaft des Zufalls entrinnen wird und „sicher und tüchtig auf dem Wege der Wahrheit, der Tugend und des Glücks vorwärtsschreitet.“ Da gibt es keine Sorge, ob das wohl grundsätzlich für unsere Biosphäre geeignet ist? Ein Beweis, dass es eben in der Aufklärung keine dominante Vorstellung von Angst gegeben hat, also sie war kein Thema in der gesellschaftlichen Mentalität, findet sich natürlich in der französischen Enzyklopädie von d´Alambert und Diderot nurt als Umschreibung. „Angst“ ist mehr oder weniger umschrieben mit „angoisse“ zwischen den Begriffen von „peur“, „fayeur“ und „terreur“. Alle diese Bezeichnungen beziehen sich auf die römische Geschichte. Angst war ein Zustand in weiter Vergangenheit.

Nun scheint nach der Wissenschaft die Technik die Rolle übernommen zu haben, den Menschen die Angst zu nehmen. Wie schon im ersten Buch über Technik von Kapp die Besonderheiten der technischen Ausstattung dargestellt wurden, die Entwicklungen der Motoren und Maschinen, so war nie die Möglichkeit erwähnt worden, dass da einmal etwas schief gehen könne. So zeigen auch die Lehrbücher keinen Hinweis, dass Lokomotiven entgleisen können, Autos explodieren und Flugzeuge abstürzen. In  der Technisierung ist die Optimierung der Lebensumstände das Ziel, dessen Einlösung erwartet wird. Nun muss man in Erinnerung rufen, dass im 17. Jahrhundert eine zweifache Entwicklung eingetreten ist, die viel zu wenig beachtet wird. Dass die Naturwissenschaften eine eigene Heimat erhielten, beweist die Gründung der Akademien der Wissenschaften in London und Paris, die erste Akademie in Florenz unter der Patronanz der Medici galt eher der Standardisierung der Ästhetik in der Kunst. Auf der anderen Seite zeigte nicht nur Norbert Elias, dass gleichzeitig eine Verhaltensänderung eingetreten war. Oft war darauf verwiesen worden, dass der fürstliche Verwaltungsstaat nicht nur an seiner Modernisierung interessiert war, sondern er war gleichsam die Garantie für Sicherheiten geworden, die ja während des 30-jährigen Kriegs verloren gegangen waren. Wie uns die Zeit nach 1945 als eine Phase von Wiederaufbau und Etablierung gesicherter politischer Verhältnisse in Erinnerung geblieben ist, so war die Zeit nach 1748 ähnlich gewesen. Die politisch-administrativen Stabilisierungen brachten Institutionen mit sich, wie etwa die Schule, die systematische Erfassung der Bevölkerung für Themen der Bildung und Ausbildung, wie schließlich damit auch Disziplinierungen eintraten, also Verhaltensregulierungen. Während uns Pieter Brueghel und andere ein sehr lockeres Volksleben schilderten, eine Ausgelassenheit und erstmals auch Skepsis, ja es werden auch Katastrophen zum Bildinhalt, so war etwa 80 Jahre später dieses unordentliche gesellschaftliche Gefüge des ausgehenden 16. Jahrhunderts wie verflogen. Die Mensachen hatten plötzlich erlernt, gesittet zu sein, si zeigten ihre Affekte und Gefühle nicht mehr spontan undungezügelt. Sondern nun ist in erster Linie ein Benehmen gefragt, das sich am Zusammenleben der Menschen orientiert. Elias beschreibt, dass es erstmals Tischsitten gab, dass es Tageseinteilung und –planung gab, sowie man begonnen hatte, die Bedürfnisse aufzuschieben. Es scheint zu einer deutlichen Steigerung der Selbstkontrolle gekommen zu sein. Elias schildert den Gegensatz zur Vergangenheit sehr drastisch. Im Grunde, so man dieser Schilderung folgt, scheinen die Menschen ähnlich der Tiere gelebt zu haben, sie lebten im und dem Augenblick, genossen ihre Freude und Lust, um, dann plötzlich in nackte Angst und Flucht umzuschlagen. Das Lebensgefühl war an einer Unmittelbarkeit gebunden, die eigentlich den Gedanken an eine Zukunft erst gar nicht hochkommen ließ.
Wenn man so will, begannen wir ab dem 17. Jahrhundert uns so zu verhalten, damit wir dann mehr als 200 Jahre später endlich als Patienten von Sigmund Freud geeignet sind. Zur Selbstkontrolle gesellte sich ein neuer Zustand, der die sozialen Zwänge in Selbstzwänge umwandelte. Eine weitere wichtige Quelle ist bei Michel Foucault „Das Leben der infamen Menschen“. Darin schilderte er diese merkwürdige Relation zwischen absolutem König und den einfachen Leuten, die das Regime deshalb akzeptiert hatten, da sie sich einbildeten, in der Denunziation des Nachbarn gleichsam die königliche Ermächtigung dafür zu haben und nun diese Macht auch ausübten. Deren Interesse deckte sich mit den halb-imaginären, halb-realen Interessen des fürstlichen Absolutismus. Gleichzeitig findet der Landesausbau statt, also die Durchorganisation der neuen politischen Konstruktionen nach dem Frieden von Münster und Osnabrück 1648. Es war buchstäblich eine neue Zeit angebrochen, in der der vormalige Kaiser in erster Linie ein Landesherr wurde.

Diese Vorgeschichte hat den Sinn, dass die „Kurzschließung“ von Technisierung und Kapitalismus nicht nur Voraussetzungen benötigte, sondern dass eine derartige Hypothese zu viele Verkürzungen in sich trägt, um einen seriösen historischen Befund zu bieten. Es wäre mit der Erklärung zu vergleichen, so man sagt, Arbeitslosigkeit und Nationalsozialismus würden eine Entsprechung haben, die die Geburt der Tyrannei ermöglichte.

Nun wollen wir hier nicht in diesen Vergleichen verbleiben, die ja nur den Wert einer Paranthese haben. Entscheidender ist, wodurch die Technisierung ein seelisches Fundament erhält, dass die Ängste vor der Natur geringer werden, dass die Natur sogar als Idylle und Erholung angesehen werden kann. Dass es nicht die Natur ist, von der wir meinen, dass es sie sei, beweist die Entwicklung des französischen  Regelgartens, der in seiner vollendeten Form Natur nur mehr imitiert, diese verbessert oder sogar durch Neuzüchtungen ins Absurde treibt. Hier ist bereits der Vorgeschmack der Technisierung enthalten, nämlich mittels Natuir eine bessere Natur anzufertigen. Noch sind es ästhetische Gesichtspunkte, nach der die Natur gestaltet werden soll, noch sind es Gesichtspunkte, die aus der Landschaftsmalerei übertragen werden, doch bald wird die Agrartechnik den verbliebenen Teil des Besitzes dominieren, mit Pflug und ersten Geräten. Am deutlichsten wird diese Veränderung in Goethes „Werther“. Werther kennt Gewitter und weiß auch, wie sie entstehen. Hingegen die Frauenzimmer haben noch diese ursprünglichen Ängste und wollten schon gar nicht aus dem Fenster sehen, denn sie hatten Angst vor dem Unwetter, vor Blitz und Donner. 1774 gab es noch diesen Schrecken. Der Prozess der Rationalisierung wird letztlich auch diese „Urängste“ beseitigen und nun wird das Wort Max Webers von der „Entzauberung der Welt“ wegen der Modernisierung erstmals Wirklichkeit. Alle diese Entwicklungen erhielten eine wissenschaftliche Begleitung. Am Anfang waren die Naturwissenschaften noch allein auf weiter Flur, doch bald gesellte sich zu ihnen die Philosophie gemeinsam mit der Literatur und dann folgten schon die neuen Sozialwissenschaften in der Gestalt der Ökonomie, politischen Wissenschaft oder „Polizeywissenschaft“, natürlich die Jurisprudenz.

Man kann sagen, wir haben den Menschen in der Neuzeit darauf hin „programmiert“, dass Angst nur mehr einen Platz im Gewissen hat, die Angst gilt einem psychoanalytischen Über-Ich und somit ist es das Ergebnis, das die Technisierung als Medikament benötigt. Immanuel Kant beschreibt in der „Metaphysik der Sitten“ diesen Zustand in einer etwas zu lapidaren Form: „Jeder Mensch hat Gewissen und findet sich durch einen inneren Richter beobachtet, bedroht und überhaupt im Respekt gehalten, und diese über die Gesetze in ihm wachende Gewalt ist nicht etwas, was er sich selbst macht, sondern es ist seinem Wesen einverleibt. Es folgt ihm wie sein Schatten, wenn er zu entfliehen gedenkt.“

Diese der Aufklärung verpflichtete Darstellung war die Folge der allgemeinen Religionskritik, die bald jede Religion als die Ursache aller Ängste identifizierte. Nun zeigte Kant das Bild eines von Ängsten geplagten Menschen, der über Vernunft die Selbstkontrolle über sich, seinen Körper zu gewinnen trachtete. Ein Indiz ist auch seine nahezu zwanghaft erscheinende Gleichförmigkeit des Tagesablaufs, der Wunsch nach unveränderter Umwelt. Er beschreibt auch, die Ängste perfekt verdrängt zu haben, so er zur Tagesarbeit zurückkehren konnte.

Im 19. Jahrhundert änderte sich die Bedeutung der Ängste. Sie gerät vollends in den Schatten der Wissenschafts- und Technikbegeisterung und wird aus einer sozialen Disposition, wie sie noch in der Aufklärung verstanden wurde, zu einer individuellen. Es ist ein psychischer Defekt, deren Reparatur dadurch erfolgen kann, so man sich daran gewöhnt. Angst erscheint  situationsbedingt zu sein, eine Neigung sich über Bevorstehendes den Kopf zu zerbrechen und der Gemütszustand entspricht endlich der Wortfindung Schopenhauers, nämlich einem Pessimismus zu entsprechen. Obwohl man sich im Pessimismus an die Angst gewöhnen kann, so wird zur Therapie die Stärkung des Willens vorgeschlagen. Und wieder ist der Unterschied in der neuen französischen Enzyklopädie deutlich geworden, wenn sie um 1850 die Angst als Teil eines psychischen Leidens sieht. Die chronische Angst soll bei den Anämischen, den Blutkranken, den Neurasthenikern, den Nervenschwachen gehäuft auftreten und wirklich fehlt es nicht an Vermutungen, dass Angst einen Standesunterschied zu erkennen gibt. Der Gesunde ist nicht ängstlich. Also müssen wir zu dem Schluss kommen, dass mit der zunehmenden Beherrschbarkeit von Natur, die menschliche Natur miteinbegriffen, was mit der Technisierung munter voranschreitet, die Individualisierung der Ängste zum Thema wird. Sören Kierkegaard hat es als Bestand seiner psychischen Disposition erfahren: „Es ist eine Angst über mir, ich kann nicht einmal sagen, was es ist, was ich nicht verstehen kann.“ Heidegger wird es eine grundlose Gestimmtheit nennen, die auch Nietzsche erfasste und viele andere Gelehrte. Bekannt ist, dass eine sogenannte Neurasthenie Max Weber über Jahre heimgesucht hatte und er vollkommen arbeitsunfähig gewesen war. Gerade bei den großen Gelehrten kommt es zu Erschöpfungszuständen, als hätte die Jagd im Fortschritt, in der namenlosen Geschwindigkeit der hereinbrechenden Neuigkeiten und Erkenntnisse diese Opfer gefordert, die Selbstausbeutung und die kompromisslose Widmung der Sache wegen. Kierkegaard trug deprimiert ins Tagebuch ein: „Alles Verderben wird jetzt von den Naturwissenschaften kommen.“

Das Besondere an diesen Berichten liegt darin, dass wir langsam erkennen können, dass wir mit diesen Vorfahren eine Geistesverwandtschaft haben, vergleichbare Dispositionen, Lebensentwürfe und Enttäuschungen, Frustrationen und Wünsche. So wenig wir die Mutmaßungen über einen Menschen der Renaissance wirklich nachvollziehen können, etwa diese unglaubliche Entfaltung einer Lebensfülle mit zahllosen Raffinessen und außergewöhnlichen Reizen und Sinnlichkeiten, jetzt, ab dem 19. Jahrhundert beginnen wir uns mit den damaligen Fragen zu identifizieren. Die zunehmende Homogenisierung des Alltags in den gewachsenen Städten, die Gleichförmigkeiten im Tagesablauf, die durch die Zeitmessung verursachte Gleichzeitigkeit der Lebensrhythmen haben die Menschen in langsamen Schritten in die industrielle Welt integriert und daraus eine Industriegesellschaft geformt, die nicht mehr von der Natur bedroht werden konnte, sondern nur mehr in der sozialen Differenzierung  mit arm und reich. Und wir verstehen das Unbehagen, ehe es noch Freud zu formulieren vermochte, weil wir heute diese Befürchtungen kennen, mit denen wir konfrontiert werden. Wir befürchten eine Überbeanspruchung unserer Umwelt, die die toxischen Chemikalien kaum mehr aufzunehmen vermag oder wir ängstigen uns vor Strahlenbelastungen – und dann doch wieder nicht. Überall dort, wo wir durch Technisierung unsere Vorteile im Alltag nicht missen wollen, werden wir die Belastungen für gering erachten, überall dort, wo wir unser Alltagsempfinden irritiert empfinden, konstituieren wir Bürgerrechtsbewegungen und alternative Szenen. Niemand wird wahrhaben wollen, dass die Magnetfelder, die unser Kommunikationssystem ermöglichen, gesundheitliche, also gehirnphysiologische Belastungen darstellen, während Windräder als Störung empfunden werden, weil sie genau jene ästhetische Stabilität der Umwelt durchbrechen, die schon Kant zu seiner Beruhigung benötigte. Erwin Chargaff meinte sogar, dass wir vermutlich an unserem „Überwissen“ eher zugrunde gehen als durch atomare Katastrophen oder Pandemien.                                                                                                                                                                                                                                               Er überspitzte diese Anmerkung noch dadurch, dass er meinte, wir sterben von den Naturwissenschaften, also hatte sich irgendwann der Spieß umgedreht. Während Werner Heisenberg der Religion eine eigenständige und reale Dimension der Wirklichkeit zuschrieb, befürchtet Chargaff, dass wir mit Genmanipulation, Genetik und Eingriffe in den gentischen Code zusammen mit der Atomspaltung unsere Existenz unmittelbar bedrohen. Sie sind die Furchterreger unserer Zeit. Inmitten dieser gewaltigen Modernisierungsprojekte, der intensiven Bemühungen, Hunger in der Welt zu beseitigen, unter enormen Einsatz Probleme mittelfristig zu lösen, sind Angst und Furcht Bestandteil politischer Propaganda geworden. Der Sieg der einen Partei wird von der anderen als ein weiterer Schritt in den Untergang bezeichnet und berechtigte Zweifel werden laut, ob eine Bevölkerung sich überhaupt im Klaren war, dieser Option folgen zu wollen. Deutlich tritt die Schwächung kollektiver Vernunft ein, die wir noch vor vier Jahrzehnten als Motiv der Politik angesehen haben. Natürlich hatten wir damals nicht gesehen, dass diese kollektive Vernunft das historische Verstehen ebenso zerstört wie die Fähigkeit zur systemimmanenten Kritik. Sie war unter dem Prätext der Versachlichung politischer Fragen erfolgreich geworden, entsprach in etwa dem Entwurf, den Karl Popper in der „offenen Gesellschaft“ als Rezept angeboten hatte und schien geeignet zu sein, die Dauer der postindustriellen Gesellschaft gemäß der neuen Lebensentwürfe nach Daniel Bell zu gewährleisten. Die Störfälle ließen doch Brüche erkennen, die obendrein darauf aufmerksam machten, dass das Gewebe zwischen Technisierung und Kapitalismus dichter geworden war als es den demokratischen Kriterien lieb sein konnte. Also machte sich ein Zivilisationspessimismus breit, der ja auch begründet war, denn welche Phänomene hatten die gesellschaftliche Entwicklung zu diesem Standard getrieben? Nun könnte man die Liste der Einwände umfangreich ergänzen, die vornehmlich aus Denaturierungen bestehen wird, wenn aus Freiheit durch Konsum substituiert wird, wenn soziale Sicherheit sich in einen „Beobachtungskapitalismus“ verwandelt oder die Herausforderung der größten Migrationswelle in der Geschichte von den demokratischen Nationalstaaten nicht bewältigbar erscheint. Zu allem Überdruss haben sich zahlreiche „Parallelstrukturen“ entwickelt, die die bislang homogene und soziologisch wohl interpretierte Gesellschaft fragmentarisierte. Und jenseits der Gesellschaften und Staaten entwickelten sich von der Ökonomie dominierte Strukturen, die dem Stichwort der Globalisierung eher entsprachen als die Vergleichbarkeit der technischen Ausstattungen. Nun ist der Zustand eingetreten, von dem Georges Devereux behauptete, dass er von den Motien der Angst und der Methode beherrscht wird. 1967 war also die Analyse vorgelegt worden: „Je mehr Angst ein Phänomen erregt, desto weniger scheint der Mensch in der Lage, es genau zu beobachten, objektiv über es nachzudenken und angemessene Methoden zu seiner Beschreibung, seinem Verständnis, seiner Kontrolle und Vorhersage zu entwickeln.“ Immer mehr müssen wir erkennen, dass wir mit den Untersuchungsgegenständen affektiv verstrickt sind. Daher sind wir von dieser Störung in unserer Beobachtung behindert, da wir meinen, es müsse doch der naturwissenschaftlichen Objektivität weiterhin Rechnung getragen werden. Das ist zwar grundsätzlich ein lobenswerter Standpunkt, aber taugt nicht in der Bedrängnis, zu Entscheidungen gezwungen zu sein. Denn hinter diesen Objektivierungen entpuppen sich bald handfeste Interessen, was generell Daten verzerrt oder manipuliert, was also die vormalige Objektivität der Erkenntnis durchkreuzt. Das führt einerseits zu einer Welle von Verdächtigungen und Unterstellungen, also zu der schon genannten „Kultur“ der Empörung, die über die Kommunikationstechnologie das Zerrbild einer Partizipation am öffentlichen Geschehen bietet. Und der Wissenschafter schützt sich vor seiner Angst, „indem er bestimmte Teile seines Materials unterdrückt, entschärft, nicht auswertet, falsch versteht, zweideutig beschreibt, übermäßig auswertet oder neu arrangiert.“ So formulierte es Devereux und hat wohl große Zustimmung erhalten. Die große Hoffnung ist an ihr Ende gekommen, dass über Wissenschaft unsere Existenzangst eingedämmt werden kann, im Grunde nur auf das Realtitätsprinzip des Sterbens beschränkt schien. Die Wissenschaft hat sicherlich Magie und Religion deutlich aus der Gesellschaft verbannt, aber nun wird sie ihre  eigenen Probleme nicht los, denn eines hat sie nicht in gleichem Maße eingeübt, nämlich die Reflexion über die Wirkungsgeschichte der Technik und Wissenschaft. Bislang galten Wissenschaften als untadelig, da sie ohne Furcht waren. Ohne Zaudern und Sorge hatte der Chirurg seine Eingriffe vorgenommen, hat ein Restrisiko in Kauf genommen und der Heilungserfolg war der Wissenschaft gut geschrieben worden, obwohl die Konstitution des Patienten vielleicht einen ebenso großen Anteil hatte, über die wir aber nichts erfahren. Dieser Fortschritt ist zum Stillstand gekommen. Und die Reflexion ist darin behindert, neue Fragen zu stellen, denn diese würden als Störung der Interessen empfunden werden. Sollen wir also wieder das Fürchten lernen? Sollen wir statt Physikbücher zu studieren, wieder mehr die Märchen der Gebrüder Grimm lesen?

Nun müssen wir wieder zur Technisierung zurückkehren. In der Zwischenzeit hatten wir ja die Problematik erörtert, ob nun die Technik nicht in anthropomorpher und soziomorpher Gestaltung auftritt, ja sie war in alle Daseiensbereiche eingedrungen und hatte uns erst gar keine Zeit gelassen, in einem Prüfungsverfahren sie in unsere Welt zu adaptieren. Wir wären von der Technisierung buchstäblich überfallen worden, würden sich nicht grundlegende Änderungen in unserer historischen Entwicklung zugetragen haben, die uns die Technik wie die Rettung in letzter Stunde erscheinen ließ. Diese Überraschung wäre fast gelungen, doch wir hatten inzwischen unsere Selbst- und Daseinsinterpretation geändert. Wie wir von Norbert Elias erfuhren, war vornehmlich der Europäer in diese eigene Form der Wissenschaftlichkeit eingetaucht und die ersten Ergebnisse hatten ihn belehrt, die Welt des Glaubens und der Magie relativieren zu können. Die Wissenschaftliche Aussage bedeutete mehr als die Verkündung der Schrift. Und schließlich war dies auch wieder eine Rationalisierung, die angesichts der katastrophalen Zustände in Europa nötig war. Alois Dempf hatte einmal das Zerbrechen dieser Einheit, die bis ins Spätmittelalter gehalten hatte, in den Kompensationen veranschaulicht, also statt der Konfession war die Wissenschaft aufgetreten, das einigende Band der Weltanschauung war in die Ästhetik, in die Kunst abgewandert und die verlorene Ordnung war durch das Recht aufzuwiegen. Dazu eigneten sich dann die neuen Formen der Selbstkontrolle und erstmals war dazu Erziehung eingesetzt worden. Mit diesem Katalog war endlich die Mutation des Menschen möglich geworden, nämlich zu seinem eigenen Nutzen die Technisierung zu fördern. Hans Jonas hatte an diesem Punkt vom Prinzip der Verantwortung gesprochen und in seinen Studien eine Philosophie der Technik entworfen, die eben nicht diesem rasanten Fortschritt hinterherrennt, sondern stellte sich die Frage, was denn das Resultat sein wird?  

Um nun  die Technisierung in ihrer fundamentalen Auswirkung zu analysieren, hatte Hans Jonas die Methode angewendet, das Thema nach „Stoff“ und „Form“ darzustellen. Er meinte: „Die formale Dynamik der Technologie als eines fortlaufenden kollektiven Unternehmens, das nach eigenen „Gesetzen der Bewegung“ voranschreitet“, ist der eine Punkt der Analyse. Der andere ist der „substantielle Inhalt der Technologie, bestehend in den Dingen, die sie im menschlichen Gebrauch stellt, den Vermögen und Gewalten, die sie uns verleiht, den neuartigen Zielen, die sie uns eröffnet oder diktiert, und den veränderten Weisen menschlichen Handelns und Verhaltens selber.“ Nun haben wir inzwischen schon erfahren, dass Technik eigentlich immer schon den Anwendungsbereich in den Kulturen gestaltete, jedoch waren diese Kenntnisse eifersüchtig gehütet worden und waren als Monopole als Herrschaftswissen geschützt. Das chinesische Porzellan, die griechischen Feuer in Byzanz, die Fortschritte im technischen Bereich des Militärs, vom Steigbügel bis zu den ausgeklügelten Steinwurfapparaturen, das alles waren Techniken, aber hatten im Wesentlichen die Alltagspraxis fast unverändert gelassen. Neu an der modernen Technik ist ihre Rastlosigkeit, dass sie nämlich unmittelbar nach einer Erfindung oder Neuerung sofort den nächsten Schritt im Auge hat, also es gibt keinen Sättigungspunkt mehr, sondern die Zwecke „verflüssigen“ sich, erfahren eine bis dahin ungeahnte Ausdehnung und niemand wird sagen können, wo und wann diese neuen Gestaltungen enden werden.

Will man den Gegenstand der Technologie bestimmen, so wird man erkennen können, dass sie sich gegenüber früher deutlich unterscheidet. Früher war Technik ein dauerhafter Zustand, der eine nur unmerkliche Veränderung erfährt. Vielleicht ist es am Beispiel eines Hammers zu zeigen, dass dessen Funktion gleich bleibt und wir über Jahrhunderte damit Nägel einschlugen. Die neuen Apparate der Technik zeigen grundsätzlich ein prozessuales Geschehen an, eine fortlaufende Funktion, die sich im Verständnis des apparativen Ablaufs beliebig ausdehnen lässt. So eine Antriebswelle bekannt ist, wird sie wohl immer häufiger völlig verschiedene Zwecke erfüllen müssen. Die formale Dynamik schafft eine neue Produktionsweise und dementsprechend neue Erwartungshaltungen. Die Technisierung unserer Lebenswelt erreicht nie einen Sättigungspunkt, einen Zustand, mit dem man es genug sein lassen will, sondern immer ist dieses Bedürfnis vorhanden, an einen weiteren Schritt zu denken. Und neu ist auch, dass es eigentlich eine technische Ökumene gibt, also gibt es im Grunde keine Gesellschaft, die nicht sofort technische Errungenschaften adoptiert. Der Zustand der Gesellschaft kann noch so dürftig sein, unter dem Standard einer Entwicklungsgesellschaft und könnte durchaus auch als eine „unterentwickelte“ Gesellschaft bezeichnet werden, dennoch würden gerade aus politischem Prestige die neuesten Neuigkeiten gerade dort Verbreitung finden. Bekanntlich sind die technischen Ausstattungen im Kommunikationswesen gerade in solchen Gesellschaften zu finden, die noch weit von unserem Standard entfernt sind. Bislang haben wir ja Technik im Rahmen von Wissenschaft beschrieben, ja eine Reziprozität vorausgesetzt, vor allem nach der Einrichtung technischer Wissenschaften an technischen Hochschulen vor 150 Jahren. Im Grunde war die Grundlage für die Ausbildung in  technischem Wissen in den Offiziersschulen und späteren Militärakademien geschaffen worden. Die Ausbildung für den „Genie-Stab“ war auf praktisch-technische Bereiche konzentriert und die Absolventen waren sofort in der militärischen Führung kooptiert worden. Die erste „zivile“ Ausbildung war mit der Gründung der Ecole polytechnique in Paris 1794 möglich geworden und bald folgten in Deutschland, beginnend in Nürnberg 1801 bis Karlsruhe 1825 technische Lehranstalten, die schnell hohe Bedeutung erhielten. In den beiden letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts boten die technischen Hochschulen ein ebenbürtiges Ausbildungsprogramm wie Universitäten und verliehen auch akademische Grade, den Diplomingenieur oder den Doktor der Technik. Dieses Doktorat an einer technischen Hochschule hatte den Charakter der Habilitation und rechtfertigte zu einer weiteren Karriere im Hochschulbereich.

Dieser historische Abriss zeigt die schnelle Spezialisierung und gesellschaftspolitische Wertschätzung technischer Kenntnisse. Sehr kritisch äußerte sich währenddessen Friedrich Nietzsche in seinen Vorträgen über den „Niedergang der Bildungsanstalten“, denn ihm war natürlich diese berufsspezifische Ausbildung ohne philosophische oder philologische Reflexion ein Dorn im Auge. Ganz Unrecht hatte er natürlich nicht, doch mit der Technisierung der Lebenswelt war eine eindeutige Richtung vorgegeben, die für ein kritisches Raisonement oder gar für eine skeptische Analyse dieser Wissensformen keinen Platz hatte und – auch keine Zeit. Somit war ein spannender Wandel eingetreten. Betrachtet man die historische Abfolge der Erfindungen und praktischen Entdeckungen, so waren sie anfänglich von Amateuren gemacht worden, Amateure experimentierten und hantierten mit Geräten herum und es zählte zu deren Talent, dass aus den Basteleien die Umsetzung weittragender technischer Ideen gelang. Das Wunderkind auf dem Gebiet der Technik war Thomas Alva Edison gewesen. Ab 1850 war eine deutliche Professionalisierung eingetreten, die natürlich in den technischen Hochschulen eine Heimat fand. Der Amateur hatte keine Möglichkeit mehr, diesem Fortschritt zu folgen, der durch die Institutionalisierung gelungen war. Vermutlich muss man den Geisteswissenschaften hochnäsige Überheblichkeit vorwerfen, der Philosophie sogar ein Pflichtversäumnis, denn die Bedeutung der technischen Entwicklung war völlig falsch eingeschätzt worden, als wäre es um eine neuartige intellektuelle Spielwiese gegangen, ja im Grunde hatte die Philosophie erst vor etwa 100 Jahren erkannt, was in den Sozialwissenschaften schon weit früher geläufig war. Durkheim entwickelte für dieses Phänomen der lebensweltlichen Technisierung das Konzept der mechanischen Solidarität, sah in der Arbeitsteilung eine gewaltiges Moment gesellschaftlichen Wandels und unabhängig von den traditionellen Merkmalen gesellschaftlicher Konstitution entstand eine industrielle Gesellschaft, die vornehmlich über die ökonomisch-politischen Reaktionen zu identifizieren war. Natürlich bemerkten Sozialhistoriker den gesellschaftlichen Wandel, natürlich interpretierten Sozialphilosophen diese neuen sozialen Formen, die mit der Industriearbeit eingetreten waren, doch es gab keinen verbindlichen soziopolitischen Referenzrahmen mehr, der in Europa so unterschiedliche Lebenswelten zwischen spätfeudaler Hofhaltung und dem Elend in den Industrierevieren verbunden hätte. Die Technisierung machte es besonders augenscheinlich, dass mit ihr nicht nur neue Lebensformen zwischen Kapitalisten, Spekulanten und lohnabhängigen Arbeitern entstanden, sondern auch gewaltige Änderungen im alltäglichen Lebensvollzug zu verzeichnen waren. Man kann sogar behaupten, dass die Gründung der Art-and-Craft-Bewegung in England den Versuch machte, diese gesellschaftlichen Entbindungsformen, die in der Industrialisierung eingetreten waren, mittels verbindlichem Design wieder zu vereinen. John Ruskin und William Morris hatten um 1850 die Idee, dass die Gefahr eines Herausfallens aus der vormaligen verbindlichen Kultur gebannt werden kann, sollten ästhetisch gelungene, kostengünstige und zur Verbreitung geeignete Formen und Gestaltungen Eingang in die Haushalte finden. Dieser Gedanke fand eine Fortsetzung in den Wiener Werkstätten und später in der spezifischen Arbeiterkultur in Wien oder Dresden nach 1918. Man hatte also sehr wohl erkannt, dass die Technisierung eine Verflachung der Lebensgewohnheiten mit sich bringen kann, so man keine adäquaten Angebote erzeugt, die vornehmlich eine neue bürgerliche Kultur bis in bescheidene Lebensverhältnisse zu transportieren beabsichtigen. Die Experimente wurden in der Werkbundsiedlung in Wien und in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart verwirklicht. Davor waren bereits Arbeiter-Wohnsiedlungen errichtet worden, in Shoreditch in England oder in Essen.

Natürlich ist ebenso ein neuartiges Phänomen aufgetreten, dass nämlich neue Techniken neue Zwecke erzeugen, an die zuvor niemand gedacht hatte. Vermutlich war das Telephon eine Erfindung, die eben das Gespräch über riesige Distanzen erlaubte und nun war damit eine völlig neue Kommunikationsform in der Gesellschaft entstanden. Und später war man sogar Augenzeuge diverser Ereignisse geworden. Ins Wohnzimmer wurden Bilder geliefert, die man früher sich in der Phantasie ausmalen musste. Das heißt, dass die Technisierung den Gegenständen menschlichen Begehrens neuartige Bedürfnisse hinzufügte. Es war somit ein dialektisches Verhältnis entstanden, das in der Lage war, die Vorstellungswelt in jede Richtung auszuweiten, sei es  in der Berührung aller möglichen Schrecknisse, sei es in der Chance, an diesen Entwicklungen als Nutznießer teilzunehmen. Und damit werden die über Technik entstandenen Innovationen zu Lebensnotwendigkeiten, so sie einmal zu einer sozialökonomischen Gewohnheitsdiät geworden sind.

Nun ist diese neue sozioökonomische Situation aufs Engste mit dem Begriff des Fortschritts verbunden, der schließlich sowohl zu einem Merkmal der Entwicklung werden konnte, als er auch in dieser Art der Technisierung eine Automatik darstellt. Fortschritt ist daher kein Begriff einer Wertzuschreibung, was ja mit dem Wort in anderen Anwendungsbereichen geschehen ist, sondern ausschließlich als Beschreibung zu gebrauchen. Nun kennen wir aus der Industriegeschichte die jeweiligen Einstellungen, neben dem Fortschrittsoptimismus gibt es auch Fortschrittsreaktionen, die sich grundsätzlich gegen diese überwältigenden Erfolge wehren und als Maschinenstürmer diesem Fortschritt Einhalt gebieten wollen. Jedenfalls bezeichnet der Fortschritt, der als Eigenschaft der Technik zugeschrieben wurde, eine nicht aufzuhaltende Bewegung, eine gleichsam sich selbst vorantreibende Kraft, die immer Neues schafft und uns rastlos herausfordert, wodurch die Gegenwart zu einem generell schon auf die Zukunft bezogenen Zustand mutiert. Den Begriff des Fortschritts durch einen anderen zu ersetzen gelingt nicht, ja so wertfrei ist er auch wieder nicht, um bei der Beschreibung verbleiben zu können. Heute sind wir in der Lage, diese Wunder der Technik endlich einzuschätzen. Einerseits scheinen sie einem selbstreferentiellen Prozess zu gehorchen, lösen Versprechen ein, andererseits nehmen wir mit Schrecken zur Kenntnis, dass in diesem Vorantreiben auch zerstörerische Kräfte wirksam werden, die uns den Segen als Fluch erscheinen lassen.

Nun müssen wir dazu zwei Fragen erörtern, die wir vielleicht gar nicht beantworten können. Die eine Frage lautet: Warum verursacht die Technologie diese Rastlosigkeit, oder aus welchen Eigenschaften wird dieses Antreiben notwendig? Die andere Frage richtet sich eigentlich an die Philosophie selbst: Wie können wir die Bedeutung dieser Tatsachen erklären und welche philosophischen Folgen haben nun diese Tatsachen?

Gewiss ist eines der Antriebsmomente, die wahrscheinlich von Beginn an eingemahnt wurden, der Wettbewerb, das Profitstreben, also schlechthin der Kapitalismus. Über diese Wirtschaftsform konnte sich die Technisierung zu einer gesellschaftspolitischen Bedeutung aufschwingen, die es bislang noch nicht gegeben hatte. Nun besteht die Gefahr, dass man nur mehr über den Kapitalismus jede weitere Entwicklung betrachtet und die Technisierung wird als Begleitmusik recht unliebsamer ökonomischer Zusammenhänge bewertet. So wichtig nun diese Phase auch sein mag, die im 19. Jahrhundert alle bisherigen Wirtschaftsweisen in den Schatten stellte, so wenig ist damit die Technisierung erklärt, die nunmehr selbst das individuelle Handeln zu dominieren vermag. Und da spielt es eben keine Rolle, ob dieser Einfluss unter kapitalistischen oder sozialistischen Bedingungen erzielt wird.
Das Besondere an der Technisierung ist die Sammlung höchst unterschiedlicher Triebkräfte, die im Grunde nichts miteinander zu tun haben. Es mag der Wettbewerb eine Rolle gespielt haben und weiterhin spielen, doch in gleicher Weise spielt das Bevölkerungswachstum eine Rolle, die überraschende Wirkung der Mechanisierung in der Landwirtschaft, wodurch die Arbeitskräfte in die Industrieregionen abwandern. Es ist aber die Ausschöpfung der Naturreserven an der Technisierung ebenfalls beteiligt. Es ist damit auch die Situation eingetreten, dass den Technikfolgen mit Technik begegnet wird, also ein „Spirale“ entstand, die die Technik wie von selbst vorantreibt. Die Umsetzung der Träume war am Beginn das Thema, die technische Revolution versprach eine nachhaltige Wirkung und Besserung der Lebensverhältnisse, also die utopischen Visionen waren in  greifbare Nähe gerückt, doch die „Unfälle“, die „Umweltkatastrophen“, die Folgen für den menschlichen Lebensraum nahmen ebenso zu und plötzlich war immer seltener von diesem Traum die Rede, von der Steigerung des Lebensstandards. Zuvor gab es den unstillbaren Appetit auf Steigerung der Möglichkeiten, auf Realisierung kühner Erwartungen, doch gegenwärtig ist ebenso von Ernüchterung die Rede, von der Frage, vielleicht doch nicht alles machen zu können, was technisch für möglich gilt. Die Traumfabrikanten, die vor einem halben Jahrhundert diesen gewaltigen industriell-merkantilen Komplex schaffen konnten, sind zwar ein wenig in Verruf gekommen, das Himmelblau Hollywoods wurde trüb und erhielt Flecken, doch noch immer gibt man sich Hoffnungen hin, dass es die Technisierung sein wird, die die Probleme dieser Welt eher lösen wird als die Beibehaltung der bisherigen Maßnahmen. Natürlich hatte man damals bei dem Bau der Staudämme oder der Abholzung weiter Regionen für effizientere Nutzungen nicht präzise wissen können, welche ökologischen Folgen eintreten werden, doch nun ist es zu sehen und vermutlich sind die Kosten einer Reparatur so hoch, dass die bisherigen Gewinne nicht ausreichen werden, um diesen Schaden zu beseitigen.

Nun scheint die fortlaufende Technisierung den Pessimismus der Spezialisten für Untergänge zu bestätigen. Oswald Spengler hatte den Untergang des Abendlandes mit einigem Aufsehen verkündet, ihm folgte Heidegger nach, der im westlichen Geist einen Todestrieb vermutete, nämlich einen Willen zur grenzenlosen Macht über die Dingwelt, die schließlich im Erschöpfungszustand endet. ^Das lehrt uns recht anschaulich, dass die Technisierung nicht wegen wirtschaftlicher Erwägungen vorangetrieben wird, es ist für die Technisierung nicht wesentlich, in der Ökonomie zu dominieren, sondern wenn die Beherrschung der Dingwelt möglich wird, wie es Heidegger prophezeite, dann sind Machtausübung und Kontrolle bei weitem interessantere Motive zur Technisierung. Gerade große Staaten, die vor dem Problem ihrer Organisation der Gesellschaften stehen, gerade Staaten mit autoritären Strukturen benöigen die Technisierung auf den Gebieten der Kommunikation, Information und dem Verkehr, um funktionieren zu können. Somit ist selbst ein autoritäres Regime in der Lage ein Superorganismus zu sein und vermutlich sind die Systemausprägungen durchaus mit den Marktgesellschaften zu vergleichen. Selbst in China wird man die Technisierung vorantreiben, natürlich vor allem die Kontrollmechanismen, so dass man behaupten kann, gerade der Marxismus hat sich aus technischen Gründen der Technik verschrieben, denn diese erlaubt die Vorstellung einer Befreiung der Menschheit von den Zwängen der Daseinsbewältigung. Selbst wenn es eine kommunistische Weltgesellschaft geben sollte, würde sie ohne diese technischen Ausstattungen nicht existieren können.

Nun können wir das Blatt drehen und wenden wie wir wollen, alle unsere Vorstellungen von Gesellschaft werden von der Prämisse geleitet werden, dass es einen unbegrenzten Fortschritt geben kann, da es immer Neues und Anderes geben wird, gewiss beschleunigt und begünstigt durch das engmaschige Netz der Kommunikationen. Wir müssen uns vorstellen, dass trotz der gewaltigen physischen Leistungssteigerungen der Menschen, irgendwann ein Punkt erreicht wird, den man vermutlich nicht mehr übertreffen kann. Wie auch immer die Bestmarke im 100-Meter-Lauf sein mag, 9 Sekunden oder darunter, es wird eine Grenzmarke geben, die ein Mensch nicht mehr unterbieten wird. Im Gegensatz dazu ist die Technik immer in der Lage, solche Grenzwerte zu unterschreiten, ja diese werden erst gar nicht in Extrapolationen erwogen, sondern alle diese Grenzen warten darauf, durchstoßen zu werden. Die Konsequenz dieses Umstands lautet, dass eine Technologie, die einer Natur und Wissenschaft mit solch offenem Horizont zugepasst ist, die gleiche, immer erneute Offenheit für deren Umsetzung in praktisches Können genießt – derart, dass jeder ihrer Schritte einen nächsten einleitet und niemals ein Halt durch interne Erschöpfung der Möglichkeiten eintritt. Das beste Beispiel ist das Automobil selbst. Mit der weltweiten Verbreitung war nicht nur ein Markt geöffnet worden, der jedem die individuelle Bewegungsfreiheit verspricht, sondern recht bald waren die technische Ausstattung und eine perfekte Konstruktion ausgereift. Es war nur mehr die Variation des Designs als Gestaltungskraft übrig geblieben. Zwar war aus energiepolitischen Gründen die Sparsamkeit im Energie- und Kraftstoffverbrauch ein Thema geworden, aber es war mehrheitlich an manipulative Veränderungen gedacht worden und weniger an ernst zu nehmende Alternativen bei den Antriebsaggregaten.

Natürlich hat uns die Gewöhnung an den technischen Fortschritt abgestumpft, kaum können wir noch über die technischen Wunderwerke staunen, eher verstärkten die Entwicklungen unsere feste Überzeugung, dass es eine virtuelle Unendlichkeit gibt, eine unerschöpfliche Quelle für Neuerungen aller Art. Allein diese Überzeugung verlagerte unsere Bejahung wissenschaftlichen Fortschritts immer mehr auf die technischen  Wissenschaften und von ihnen ließen wir unser Wirklichkeitsverständnis beeinflussen. Es war lange Zeit eine unhinterfragte Allianz zwischen Wissenschaft und Technik entstanden, aus der wir überhaupt unser Welt- und Daseinsinterpretation schöpften. Es war eine ontologisch-epistemologische Prämisse geworden, über die wir unsere Wirklichkeit zu begreifen begannen, ohne diese einmal analysiert zu haben. Wir weigerten uns, diese Voraussetzung als Antrieb der technologischen Dynamik anzuerkennen, sondern Technik erschien uns hundert Jahre lang als Hilfe, Unterstützung, Beschleunigung und verbesserter Erreichung unserer Ziel- und Zweckvorstellungen. Wiederholt muss darauf verwiesen werden, dass das Einmalige und Großartige an der Technisierung genau dieses Spannungsmoment berührt, dass nämlich jedes Produkt in der letzten Erscheinungsform natürlich verbesserbar ist, noch weiter ausgereift werden kann und daher noch lange nicht am Ende der Entwicklung ist. Der Techniker selbst denkt bei Betrachtung der Maschine sofort daran, was verbessert werden kann, oder auch, daran, ob das Einsparungspotential nicht doch noch gesteigert werden kann.

Diese Anmerkung legt den Vergleich mit der klassischen Kathedral-Gotik nahe. Was im Historismus vollendet wurde, war im Hochmittelalter bewusst als ewige Baustelle verstanden worden, als sichtbares Gebet, das ja kein Ende haben darf. So waren die wichtigsten Kathedralen unvollendet geblieben und für jene Menschen später ein unerträglicher Anblick, nämlich diese gotischen Bauwerke entsprachen nicht den ästhetisch-kunsthistorischen Kriterien im Historismus, der grundsätzlich von der Vorstellung einer Vollendung seit der Renaissance ausgegangen war. Also war die Debatte um die Fertigstellung des Kölner Doms das wegweisende Zeichen, dass die mystische Bestimmung der Kirche nicht mehr bedacht wurde, sondern nur mehr die Perfektion der Baukunst. Gegenüber der Technik entwickelten wir die reziproke Einstellung, denn wir verschreiben uns dieser Pseudo-Mystik technischer Wunderwerke und verlieren während des Bewunderns den Zweck aus den Augen. Also werden Automobile produziert, die bis zu 400kmh fahren können, über hunderte Pferdestärken verfügen, obwohl uns geläufig sein sollte, dass uns nur mehr die Geschwindigkeit von 130kmh erlaubt ist, die wir dann auch nicht nutzen können, so wir im Verkehrschaos stecken bleiben. So würde ein Radfahrer im Sommer von München aus schneller in Salzburg sein als ein Automobil. Die technische Zurüstung macht das Auto trotzdem attraktiv, denn dank Technik ist die Zeitvergessenheit eine neue Art der Vergeudung.

Wenn wir nun ein anderes Thema erörtern, so ist es erneut die Untersuchung des Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Technik. Es wurde mehrmals erwähnt, dass diese Beziehung sich nicht zwingend ergeben hat. Die ersten Schritte zur Erkundung der Natur, der Umwelt, die man zuerst astronomisch erfassen soll, galten  einer theoretischen Neugier, die einmal Grundsätzliches über die Natur aussagen wollte. So erscheint die Physik Newtons fast simpel, die Natur selbst erschien recht einfach, ja die Kräfte und Erscheinungen waren als elementar zu bezeichnen, weshalb auch die Ordnung der Natur recht einfach aussah. Sie schien Universalgesetzen zu gehorchen und einige davon hatte Newton selbst formuliert. Noch sah man die Natur als ein Schauspiel an und die Kräfte waren zwar keine Gottheiten mehr, die Phänomene waren kein Nachweis mystischer Vorgänge, dennoch war ihnen der Mensch unterlegen, ja hatte seine Herrschaft über die Welt eingebüßt, was ja nach den Katastrophen im 17. Jahrhundert nicht verwundern darf. Ein Indiz für diese veränderte Position des Menschen in der Welt war das Globe-Theatre, die historischen Königsdramen Shakespeares, die rücksichtslos die Intrigen, Grausamkeiten und Bosheiten zeigten, denen der König von der Loge aus zusehen musste.

Erst im 19. Jahrhundert, speziell nach der Universitätsreform nach Wilhelm von Humboldt war die Organisation der Naturwissenschaften systematisch vorangetrieben worden, um wohl auch den Vorsprung der französischen und englischen Gelehrten einzuholen. Die Beschäftigung mit den Themen der Naturwissenschaften steigerte das Wissen, kaum war die eine Entdeckung erfolgreich interpretiert worden, folgte die Nächste. Das Wissen wuchs fast in der Art einer geometrischen Reihe und man musste dennoch den Eindruck gewinnen, dass die Natur sowohl unerforschlich bleibt, gerade weil man immer mehr über sie wusste, als sie auch in ihrer „Bewegung“, in ihrer Lebenskraft wahrgenommen wurde. Es war also eine Entdeckung in den Naturwissenschaften nicht bloß die Wiederkehr verloren geglaubten Wissens, sondern sie eröffnete die Einsicht in immer neue Wendungen und Bewegungen. Diese neuen Kenntnisse fließen Schritt für Schritt in eine naturwissenschaftliche Praxis ein, erreichen ihre Professionalität und verdrängen den Amateur, zuerst den Alchimisten und dann die zahlreichen Erfinder, die die Pioniere in der technischen Innovation waren. Der neue Aspekt sieht nun ein Kooperationsverhältnis vor, in dem die theoretischen Wissenschaften die die Technologie als Instrument nutzen, das heißt, erst jetzt verdient diese Praxis die Bezeichnung Technik in unserem heutigen Sinn. Diese Technik liefert nun ihre Ertgebnise wieder zurück an die Naturwissenschaft. Es finden also zahlreiche Neuerungen statt, die durch die Verbindung zwischen theoretischem Wissen und praktischen Anwenden eine grundlegende Veränderung hervorrufen. Beide treiben einander an, beide ergänzen einander und in dieser Phase sind wir noch weit entfernt von industriellen Verwertungszusammenhängen. Also die kapitalistische Nutzung lässt vorerst noch auf sich warten und tritt so richtig um 1870 ein. Beiden Bereichen ist vorerst gemeinsam,. Dass sie ihrem Erkenntnistrieb folgen, ist ein Prozess gegenseitiger Ansteckung und es ist nicht zu entscheiden, welche Seite da mehr oder weniger Anteil an dem Fortschritt hat. Wenn in der Philosophie, Sozialphilosophie und damit Soziologie die Debatte vom Zaun gebrochen wurde, dass das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis unbefriedigend sei, so war eben das Verhältnis Naturwissenschaft zur Technik/Technisierung zum Muster genommen worden. Damit gerieten die Gesellschaftswissenschaften insgesamt unter den Druck, die Reflexionen nur insofern für gültig anzusehen, so diese in eine Praxisrelevanz münden. Das heißt, dass in erster Linie das Wissen einen neuen und anderen Stellenwert erhielt. Die Zeit der philosophischen Reflexion um ihrer selbst willen war vorbei. Diese aristokratische Selbstgenügsamkeit des Denkens war in den Universitätsreformen kaujm mehr berücksichtigt worden. Es hatte den Anschein nach 1968, dass nur der Marxismus diesem Forderungsprogramm der Praxisrelevanz genügen kann. In der Philosophie gab man im Grunde die Wahrheitssuche auf und das technologische Syndrom hatte eine eindeutige Sozialisierung des theoretischen Bereichs bewirkt. Ab nun waren die sozialen Bedürfnisse nach speziellem, technikorientierten Wissen ausgerichtet und der Zweck war, dass damit die Utopien des Wohlstands und des Wohlergehens näher rücken werden. Mit den ersten Schritten der Technisierung war die Arbeitszeit im gleichen Umfang wie früher nicht mehr nötig und parallel zu den Forderungen beschäftigte man sich mit der künftigen Freizeitgesellschaft. In ihr sollen die Sinnfindungsprozesse des Menschen stattfinden, der Lebensvollzug seine Selbstbestimmung finden und die Aussicht auf eine Eigengestaltung des Daseinsentwurfs in immer rosigeren Farben dargestellt worden. Während die Wissenschaft sich zunehmend als Betrieb deklarierte, von sich behauptete, einen Pfadfinderdienst für die gesellschaftliche Zukunft zu leisten, war die Muße am unteren Ende der arbeitenden Bevölkerung eingekehrt als Freizeit, als Zeitvertreib und gestiegenem Konsumerismus. Das war in erster Linie die Ernte aus der Technisierung, dass die Arbeitslast erleichtert wurde und das „Frei-Sein-von-Arbeit“ das sozialpolitische Ziel. Diese Annäherungen waren dann in einem sozialpolitisch domestizierten Kapitalismus möglich geworden, der damit den Wettbewerb gegenüber der Sowjetunion für sich entscheiden konnte.

Sehr oft wird die Auswirkung der Technisierung mit Kapitalismus verwechselt, da die technische Entwicklung durch Investoreninteressen zwar beschleunigt wird, aber generell bleiben die technischen Möglichkeiten erhalten, wie auch die Interessen daran einen unterschiedlichen Einfluss ausüben. Erst die späteren Konzentrationen der Interessen fördern die Wissenschaften, so sich das Wissensgebiet als lukrativ für weitere Verwertungen erweist. Für die Technisierung waren die bevorzugten Wissensgebiete Mechanik, Chemie, Elektrodynamik, Kernphysik und zuletzt Biologie. Man kann zur Erklärung einen Lehrsatz von Galilei anwenden, dass nämlich die „via resolutiva“ so weit entwickelt wurde, also das Analyseverfahren zuverlässige Erkenntnisse erlaubt, so dass die „via compositiva“ ermöglicht wird, also die über die Analyse gewonnenen Elemente können nun in neuen und anderen funktionalen Zusammenhängen verbunden werden. Es findet eine Synthetisierung statt, die eine generell andere Struktur aufweist und neue Funktionen erfüllt. In der Biologie hat sich diese Möglichkeit erst zuletzt ergeben, speziell durch die Entwicklung der Molekularbiologie.

Man kann diese Ergebnisse durchaus als technologische Revolution bezeichnen, über die dann sehr schnell deutliche soziale Veränderungen eingetreten waren. So muss man neben den bekannten politischen Revolutionen die industrielle Revolution hinzuzählen, die nicht nur eine gesellschaftliche Veränderung bewirkte, sondern vor allem die dauerhafteste Wirkung erzielte. Wenn man es vergleicht mit der russischen Revolution, die immerhin die Themen über hundert Jahre zu bestimmen vermochte und im Kalten Krieg als eine Altzernative zum Westen angesehen wurde, so ist dieser Einfluss gemessen an der industriellen Revolution von relativ kurzer Dauer gewesen. Obendrein setzte sich die Technisierung allgemein durch und wurde zu einem globalen Phänomen.

Die industrielle Revolution hatte vor etwa 300 Jahren damit begonnen, in relativ naiver Weise  die menschliche Arbeitskraft zu entlasten. Im Konzept war an technisch bedingte Innovationen noch gar nicht gedacht worden. Mit Optimismus begleitete man die Produktivität der mechanischen Dampf-Webstühle, die mit weniger Arbeitern und mit höherer Produktivität die Leistungskraft steigerten. Man hatte noch gar nicht daran gedacht, dass sich mit diesem Antrieb auch andere Maschinen in Gang setzen lassen. Die industrielle Revolution bewirkte vorerst den Wandel in der Herstellung der Nahrungsmittel, der Bekleidung, Behausung, der Werkzeuge und Transportmittel. Die materiellen Notwendigkeiten wurden in erster Linie besser abgedeckt. Eigentlich berücksichtigte man weit weniger die Maschinen, die diesen Fortschritt ermöglichten. Immer werden nur die Produkte erwähnt, die Produktivität bewundert und die schnellere Verteilung der Güter, doch weit weniger ist in der Sozialgeschichte die Maschine beachtet worden, die eben nicht wie ein weiteres Weltwunder bestaunt wurde. Dass es vielen Menschen unheimlich war, zeigen ja die Reaktionen gegenüber der Eisenbahn, die Rosegger erzählte. In Vöcklabruck wurden die ersten Eisenbahnzüge mit Steinen beworfen. Da auch  andere Vorkommnisse verzeichnet wurden, scheint man gegen jede Art der Modernisierung negativ reagiert zu haben. So war nicht nur der Maschinensturm vor 170 Jahren eine völlig verfehlte Kampagne, ein Fehlschlag und Ausdruck der Hilf- und Ratlosigkeit, sondern diese Phänomene zeigen an, dass Modernisierung und Technisierung einige Zeit benötigten, um endlich im Alltagsbewusstsein keinen Widerspruch mehr hervorzurufen. Heute würde man umgekehrt die Behinderung im Gebrauch technischer Geräte als eine unzumutbare Einengung der Lebenswelt wahrnehmen und unter Umständen sogar ähnlich reagieren wie einst der Großvater Roseggers gegenüber der Semmeringbahn. Mit der Technisierung war in das alte Verhältnis des Menschen gegenüber der Natur eine dritte Bezugskraft hinzugekommen, die den Menschen ofrfenbar in ein Dilemma stürzte. Ist die Technik nun eine weitere oder zweite Natur – oder nicht? Hatte man damit gar die Büchse der Pandora geöffnet? Man muss sich nämlich diesen neuen Kreislauf vorstellen, der nahezu ab surd anmutet: Dampfgetriebene Wasserpumpen erleichterten den Kohlenabbau, verlangten ihrerseits Extrakohle zur Heizung ihrer Dampfkessel, weitere Kohjle für die Hütten und Essen, die jene Kessel herstellten, weitere für den Abbau der benötigten Eisenerze, weitere für deren Transport zu den Hütten. Mehr vonbeidem – Kohle und Eisen – für die nötigen Schienen und Lokomotiven, die in den gleichen Hütten etc hergestellt wurden, mehr für den Transport des Hüttenprodukts zu den Grubenschächten und umgekehrt, und endlich nochmals mehr für die Verteilung der reichlicheren Kohle an die Verbraucher außerhalb dieses Kreislaufs, die zunehmend wieder aus Maschinen bestanden, die ihr Dasein der erhöhten Verfügbarkeit von Kohle verdankten und den Bedarf nach ihr und den Hüttenprodukten weiter erhöhten – und so fort.

Nun können wir mehrere solche „Kreisläufe“ beobachten und vielleicht hatte Goethe im „Zauberlehrling“ gar nicht so unrecht, wenn er darin die lawinenartige Zunahme des Schäumens beschrieb. Es werden über die Technik reziproke Prozesse in Gang gesetzt, die dann erst das Interesse der Investoren oder Kapitalisten wecken und diese verursachen dann die Beschleunigungen, die Ausweitungen der neu erdachten Funktionen. James Watt hatte vermutlich keine Vorstellung davon, was seine Dampfmaschine alles bewirken wird, sondern vermutlich hatte er am Anfang einen nahezu kindlichen Erfinderstolz und war glücklich, eine so einfache Antriebstechnik erfunden zu haben. Es ist uns gut bekannt, dass es nicht dabei blieb. Wir müssen anmerken, was wir sehr selten tun, dass die Maschinen ihre eigene „maschinelle Umwelt“ hervorrufen, ohne die die einzelne Maschine nicht existieren kann. Gleichzeitig verkürzt sich die Lebensdauer dieser technischen Ausstattungen, denn nichts ist schlimmer als das „Veralten“, das sich immer mehr von einer realen Abnutzung entfernt. Das „Veralten“ steht unter dem Druck nahezu irrationaler Vergleiche, wie man es vom Auto kennt. Das „komperative“ Veralten bei landwirtschaftlichen Geräten führt zu einem unausgesprochenen Wettlauf bei der Anschaffung des Neuesten vom Neuen und die Scheunen sind gleichsam ein Museum durchaus betriebsfähiger Maschinen und Geräte. Gleichzeitig fällt auf, dass mit der Umwandlung bisher gebrauchter Güter in neue Werkstoffe eine völlige Verfremdung eintritt. Der Mensch in den Bürohäusern, die aus Stahl, Glas und Beton sind, hören auf, den Charakter der alten Behausungen zu haben, stellen die Manie des Entwerfens vor die benötigten Bedingungen der Nutzung. Heute ist ein Haus ein Gebilde aus vielen Systemen, so dass Heizung, Belüftung, Lift, Beleuchtungssysteme, Kühlung es zu einer fortwährend arbeitenden Maschine machen.

Ein noch umfassenderer Schritt war die Umwandlung natürlicher Substanzen in Kunststoffe, die nahezu unabhängig von den natürlichen Gegebenheiten völlig neue Verwendungsmöglichkeiten anbieten. Die Petrochemie eröffnete diesen Weg und zeigte den Erfolg einer Wissenschaft, die das Rüstzeug für alle artifiziellen Produkte zur Verfügung stellt. Die Ingenieurkunst leistete in den molekularen Konstruktionen noch mehr als in der Mechanik. Nun greifen wir in die Infrastruktur der Materie ein, können ungeahnte Nutzungsmöglichkeiten ausweiten oder gar bislang unbekannte erfinden, Es war ein gewaltiger Sprung, der die bisherigen Techniken um Längen übertraf, die wir uns ja im Brot-Backen, bei der Weingärung, bei der Herstellung von Tongefäßen angeeignet haben. Also alle vorantiken Techniken  waren nur bescheidene Nutzungen natürlicher Grundlagen, ja trachteten mit Ehrgeiz der Natur ein Schnippchen zu schlagen, seien es mechanische Verbesserungen gewesen wie die Flaschenzüge, seien es Geschicklichkeiten bei der Salzgewinnung, die chemisches Wissen nutzten.

Die Maschinen waren bald Kapitalgüter geworden und deren Funktion ermunterte Investoren, in bislang unbekannte Bereiche des Wirtschaftens zu investieren. Die sozialhistorische Komponente hatte den finanziellen Einsatz noch lohnender erscheinen lassen, denn mit der Modernisierung der Agrarwirtschaft noch im 17. Jahrhundert waren die Landarbeiter und deren Familien nicht mehr benötigt worden. Die Freiheiten der Aufklärung ließen es zu, dass die ehemaligen Landarbeiter in die Städte flüchten konnten, bald arbeitslos waren und Opfer einer bisher kaum bekannten Pauperisierung wurden. Das war die industrielle Revolution zur rechten Zeit gekommen und schien wie eine ideale Lösung dieses sozialen Problems, was sich aber bald als ein Irrtum herausstellte. Dennoch waren die Maschinen bis in die Sphäre der Konsumenten vorgerückt und das war immerhin eine Neuheit, die mit keiner in der Geschichte verglichen werden konnte. Das Merkmal von Erfindung, Verbesserung der Eigenschaften, Produktion und massenweise Verbreitung wurde das Auto, das das ganze bisherige Verkehrs- und Transportwesen revolutionierte. Und die Liste von Neuheit und Veränderung wird immer länger, ausgiebiger und es wird in keinem Haushalt die apparative Ausstattung mehr fehlen. Das Zusammenwirken von Mechanik, Chemie, Elektrizität und Bereitstellung der Energiequellen erlauben das Wachstum der Technisierung, die zwar vom militärischen Bereich oft angeregt wurde, aber im zivilen Bereich erst diese globale Verbreitung gefunden hat. Und schließlich gelangen in den Haushalt völlig neue technische Errungenschaften, die eben weder Arbeit abnehmen, noch den Kraftaufwand sparen, sondern nur unsere Sinne zu erweitern vermögen,. Arten der Kommunikation ins Unfassbare ausdehnen und die bisherige Form von Sozialisation überrunden: Telephon, Radio, Fernsehen, Tonbandgeräte, Rechenmaschinen. Das heißt, die Wandlung der Maschinen und Apparate entwickelt eine neue soziale Dimension, der Bewältigung offenbar weit zurückbleibt. Am Badeplatz liegen vier, fünf Menschen und zwischen ihnen findet kein Dialog statt. Keine Unterhaltung ist hörbar, so banal sie auch sein mag, etwa über Essen, Wetter und Kritik an nicht anwesenden Personen. Alle sehen gebannt auf ihr Smartphone und offenbar unterhalten sie sich nur mehr mit diesem. Da eine Menge an Funktionen angeboten wird, kann man nur nach Altersgruppe schätzen, welcher Dialog hier bevorzugt wird. Vom Spielen, das Schreiben irgendwelcher belanglosen Informationen an Freunde, das Ablesen aktueller Nachrichten, bis zur Google-Suche nach geeigneten Antworten in ausgefallenen Wissensbereichen wurde zur hauptsächlichen Form eines Dialogs, der sich nur mehr an technische Geräte richtet. Nun sind es Erzeugnisse, die sich ans Bewusstsein richten, die das Mutieren der Maschinen beschleunigt, ja zu unverzichtbaren Begleitern des Alltags machen. Nun ist das Zauberwerk dahinter die Elektrizität, die letztlich diese relative Unsichtbarkeit der Wirkungskräfte erlaubte und zugleich die Eindringlichkeit bei den Individuen steigert.

Mit der Elektrizität ist die Künstlichkeit in der Technisierung immer deutlicher geworden, ja es schien, als könne die materielle Grundlage dafür aus unserem Gesichtskreis fast verschwinden. Die erforderlichen Geräte wurden immer kleiner und schneller, tüchtiger und zugleich wuchs die Kapazität der Funktionen. Elektrizität war eine Energiequelle geworden, die erst nach Umwandlungen aus den bereitgestellten Möglichkeiten der Natur eine abstrakte und effiziente Kraft wurde, die von den Menschen als nicht zur Natur gehörig wahrgenommen wird. Man musste wirklich auf eine Reihe wissenschaftlicher Entdeckungen warten, ehe die Elektrizität eine effiziente Quelle werden konnte und für diese Abstraktionen im Leistungskatalog zubereitet werden konnte. Die Elektrizität verdankt ihrem Umstand einer Theorie, im Unterschied zu allen anderen mechanischen Entwicklungen, und aus der Theorie heraus war sie eine höchst reale Entität geworden. Um wieviel mehr überrascht die Kernenergie, die ausschließlich aus einer Theorie hervorging ohne vorhergehende Erfahrung oder Abschätzung ihrer Wirkung. Während Dampf oder zumindest Feuer bekannte elementare Kraftquellen waren, so überragt die Kernenergie diese um eine Vielfaches, doch ohne einer korrekten Einschätzung der Folgen. Ab nun können wir diese Energiequellen nur innerhalb utopischer Szenarios beschreiben, seien diese nun ein Segen oder ein Fluch. Die Elektrizität war die erste unkörperliche Energiequelle, ein Artefakt, dennoch zur Umwandlung von Energie in Licht oder Kraft geeignet. Die Theorie musste also einen Standard erreichen, der eine Umsetzung in die Praxis erst erlaubte. Die erste Anwendung der Elektrizität war in der Telegraphie möglich, in der nicht mehr die Umwandlung in Kraft von Interesse war, sondern die Umwandlung in Impulse, Signale und Zeichen. Es waren die Umwandlung und der Transport einer unstofflichen Realität gelungen, ohne Gewicht und Volumen. Erstmals beeindruckte die Geschwindigkeit, mit der die Nutzung der Elektrizität verbunden war. War früher das Anzünden einer Kerze zwar keine schwere Arbeit gewesen, so war der Effekt vergleichsweise mager geblieben, denn selbst ein mehrfacher Gebrauch schuf keine zuverlässigere Lichtquelle. Bis in die letzten Winkel konnte ein Licht gebracht werden, dank Elektrizität. Und das Wunder, das ja nicht nur die Millionenstädte in helles Licht getaucht hatte, wurde noch übertroffen durch elektronische Technik. Noch nie war eine derartige Abstraktion von Mitteln und Zwecken erreicht worden, dass nämlich durch neuartige technische Übertragungsmechanismen, die nahezu den Vergleich mit den Gehirnzellen eines Menschen zulassen, das Unsichtbare und Ungreifbare zu den Eigenschaften der Nachrichtentechnik wurden. In dieser Hinsicht war die elektronisch-industrielle Revolution mit noch nachhaltigeren Folgen als die erste industrielle Revolution. Nun geht es nicht mehr um die Deckung natürlicher Bedürfnisse, was ja bislang die industrielle Produktion im Sinn hate, sondern die neue Kommunikationstechnologie entspricht dem Bedarf nach Information und Kontrolle. Dramatisch wird die Sache, denn nun wird das das erste Erfordernis der modernen Zivilisation. Zwei Drohungen drängen sich realistisch in den Vordergrund: die Bedrohung der Arbeitsplätze durch Automatisierung und die zweite bedroht die Natur.

Nun wissen wir, dass die bisherigen Anforderungen uns zwar über die Maßen belasten, aber noch sind es Bereiche, die über die Physik das Repertoire der leblosen Natur nutzen. Bei der Elektrizität haben wir erfahren, dass sich diese erstmals aus den physischen Bedingungen unserer Erde fast befreien kann, doch nun stehen wir schon in einer weiteren Entwicklung, die über die Biologie Anregungen aufnimmt, die Baupläne des Lebens selbst nachzuahmen, zu verbessern, ja vielleicht auch überhaupt zu ersetzen. An ihr erkennen wir recht schnell, was uns eigentlich schon im Alltag auffallen könnte, dass wir uns auf eine Freiheit ohne Norm hinbewegen. Es muss doch einmal auch angemerkt werden, dass die Evolutionslehren seit Darwin darauf angelegt waren, unser historisch begründetes soziokulturelles Menschenbild zuerst zu relativieren, um es hierauf zu zerstören. Nun war die Genetik sogar ein Grundstein solcher Hypothesen geworden und ermunterte eine spezielle Technologie, mit der genetischen Ausstattung des Menschen zu manipulieren. Es gibt gegenüber diesen Entwicklungen auch keinen Einspruch oder ein Veto, denn das würde ja bekanntlich den hohen Wert der Wissenschaft beeinträchtigen. Mikrobiologie führt uns vor Augen, dass es im Grunde eine Generalvollmacht gibt, nämlich das zu tun, was physisch ausführbar ist und gleichzeitig metaphysisch für zulässig erklärt wird. Würden wir in diesem Bereich an einen Punkt gelangen, an dem uns der genetische Mechanismus bekannt sein wird, so ist nicht nur diese Schrift entziffert, sondern wir können auch beginnen, diesen Text endlich umzuschreiben. Wie immer wird man damit beginnen, eine Not zu lindern, aber diese Hochherzigkeiten gelten nur am Beginn kühner Pläne. Ja, inzwischen hören wir schon die Herausforderung, dass mit solchen Manipulationen endlich die Entwicklung selbst in die Hände der Wissenschaft gerät. Es ist keine Utopie mehr, doch diese Verfügungsgewalt über einen genetischen Code wird im ersten Moment so aussehen als würden wir fehlgegangene Mutationen korrigieren – wie etwa schlechte Zähne, oder Fehlhaltungen in der Anatomie. Dabei wird es gewiss nicht bleiben. Wir werden uns die Frage stellen, ob der Mensch nicht überarbeitet werden soll? Wir werden fragen, ob wir nicht selbst die Nachkommen entwerfen sollten? Die bisherige Reproduktion ist viel zu unzuverlässig und wird bald ein Hohn auf unser Wissen sein, dass sich anbietet, eine Vielzahl von Fehlentwicklungen auszumerzen. Wir kennen ja aus der Geschichte die Versuche, Menschen zu züchten. Noch im 20. Jahrhundert hatte man ernsthaft solche Pläne verfolgt und experimentell in ihrer Eignung zu fördern versucht. Was wird künftig im Vordergrund sein: das menschlich Wünschenswerte oder nur die unbefriedigende Korrektur allzu deutlicher Mängel? Es wird eine noch viel brisantere Debatte über das „Bild des Menschen“ geben als bisher. Die Rufe künftiger Gegner wird man nicht verstehen, denn sie gehören einer Welt von gestern an, die wirklich keine Fürsprache mehr verdient. Weder theologisch noch philosophisch sind wir auf diese Fragen vorbereitet!

Nun konfrontierte uns der Fortlauf der Technisierung mit einer Reihe von Problemen und Fragen. Bislang galt, dass jede menschliche Handlung einer ethischen Prüfung standhalten muss. Man kann auch sagen, dass die moralische Prüfung grundsätzlich gegeben sein muss, ja dieses Handeln könnte eine Tendenz zum Guten wie zum Bösen besitzen. Es wird daher eine Beurteilung nach ethischen Kriterien notwendig. Die Schwierigkeit besteht, dass die Technik nach der geschilderten Disposition beurteilt werden kann, sie kann sich dieser aber auch wieder leicht entziehen, denn generell wohnt der Technik in diesem Punkt eine Ambivalenz inne. So muss sich die Technik unserer Tradition der Ethik nicht in dem Ausmaß stellen wie unser Handeln, denn schon längst war sie ein Ausdrucksmittel der Macht geworden, einer menschlichen Macht, die sich in der Technik eine Form der Durchsetzung ihrer Interessen angeeignet hat. An diesem Punkt verschmelzen Technisierung und Kapitalismus. Nun wissen wir, dass jede menschliche Fähigkeit die Tendenz zum Missbrauch haben kann. Eine Rede kann natürlich für sich die Freiheit des Wortes beanspruchen, hingegen wissen wir ebenso gut, dass eine Rede auch zur Täuschung dient, zur Lüge und Verstellung. Die Ethik ist in der Lage, das zu unterscheiden und sollte rechtzeitig vor diesem Missbrauch warnen. Wir sind aber in dem Moment überfordert, die Ethik kann uns da kaum zur Seite stehen, wenn die Komplexität der über Technik erzielten Veränderungen beide Seiten in gleicher Weise enthält, nämlich gute wie schlechte. In der aktuellen Debatte über die Windräder in Deutschland konnte man sehr gut sehen, wie die Abwägung der Interessen nicht mehr gelingt und zu antagonistischen Haltungen führt. Es ist nun allgemein der Fall in der Technisierung, dass der moralische und unmoralische Gebrauch der Interessen nicht mehr Sache qualitativer Unterscheidungen und auch nicht die Sache von Absichten ist, sondern bald verlieren sich die Beurteilungen im Irrgarten quantitativer Mutmaßungen. In der Debatte über Atomkraftwerke hatten wir genau diesen Zustand erreicht, daraus war im Grunde ein Glaubenskrieg entstanden und es gab keinen möglichen Konsens, aus dem ja etwa ein demokratisches System leben muss. Eine Antwort hat nur mehr ein Ungefähr der Folgen zum Gegenstand und es kann keine objektive Beurteilung mehr stattfinden. So haben wir es oft erlebt, dass die Segnungen der Technisierung bald auch negative Seiten zeigen, die man dann nur mehr bewältigen kann, sollte man einer betroffenen Minderheit die veränderte Umwelt einfach zumuten. Das heißt, dass es nicht um eine böse Absicht geht, die mit Technik verwirklicht wird, sondern die Technikfolgen, die auf lange Zeit dann zu ertragen sein werden, kann man nur mehr aus der Diskussion herausnehmen und zu einem Ist-Zustand erklären, der eben durch einen speziellen Zustand der Zivilisation eingetreten ist. Und die langfristigen Wirkungen sind eine Eigenschaft der Technik. Sie wird eben dafür eingesetzt, dauerhaft ein Problem zu lösen, Schwierigkeiten zu meistern oder Mängel zu beheben. Immer ist diese Tendenz mit dem Risiko des „Zuviel“ verknüpft, denn irgendwann ist der ursprüngliche Vorteil nicht mehr zu erkennen, ja es sieht so aus als würde er verspielt worden sein,  und der in der Technik enthaltene Keim zum „Schlechten“ kommt immer deutlicher zum Vorschein. Und genau dieser Dynamik der Technisierung ist die eigentümliche Kraft zuzuschreiben, den alten Freiraum für eine neutrale Bewertung zunehmend einzuengen. Und die Absurdität nimmt zu, so man bedenkt, dass die anfänglichen Erfolge sich ins Gegenteil verkehren und ein Versagen der Technik wie ein unverhoffter Gewinn. Auf diese Problematik hatte schon Husserl aufmerksam gemacht und war sogar der Auffassung, dass wahrscheinlich die Technisierung nicht wirklich in unsere Lebenswelt integrierbar ist, sie wird sehr wohl die Lebenswelt bestimmen, doch die Menschen selbst instrumentalisieren.

Nun müssen wir im Rückblick feststellen, dass in der Geschichte der Besitz der Macht nicht gleichbedeutend war, diese umgehend auch auszuüben. So kommen wir aus einer Geschichte, die zumindest in der Theorie eine Menge gewusst hat, doch die Umsetzung dieses Wissens war nicht das Thema der Forschung, der Neugier, der Sammlung des Wissens. Das bringt ein neuartiges Phänomen der Modernen an den Tag, nämlich plötzlich wie Barbaren zu brüllen, dass Wissen Macht ist. Es ist nur die Begründung gewesen, die Lebensgestaltung künftig auf die Aktualisierung des technischen Potentials auszurichten und möglichst viele Teilbereiche mitzunehmen, mitzugestalten und damit im Grunde zu okkupieren. Das ist eben der Mangel an der Technik-Soziologie oder gar Philosophie, dass sie beide sich natürlich hinter diesem Aufstieg des Technischen hinterherjagen und dieser Entwicklung den Charakter der Normalität verleihen. Damit fehlt ein Grad der Reflexion, es fehlt daher die Berücksichtigung der soziokulturellen Verwerfungen, der Minderung des Werts der Arbeit für den Menschen. Es wird das Erscheinungsbild der Technisierung sogar ermuntert, sich immer fortzubewegen, also wird die Technik zur Macht, die Dinge in permanente Tätigkeit zu versetzen. Die Teilnahme an dem Lauf der technischen Innovation schafft diese Illusion der Gleichheit, weil eben alle ein Telephon haben, einen Laptop oder anderes und die integrative Kraft der persönlichen Mitteilungen ist nicht mehr am Menschen orientiert, sondern ist ein fortwährendes Spielen mit den Geräten, ein Kundig-Werden, über das eine Maschine entscheidet.

Erinnern wir uns an den ersten „Techniker“ der Neuzeit, Leonardo da Vinci, dann war es seine Intention, die natürlichen Hindernisse aus dem Weg zu schaffen. Diese Hindernisse konnten topographische sein, Flusstäler, die es zu überqueren galt, Flugmaschinen, um schneller voranzukommen, aber auch Kanonen, um sich Feinden zu entledigen. Das alles war zwar ein Entwurf geblieben, aber die Idee schien irgendwie umsetzbar zu sein, irgendwann würde es gelingen, zu fahren, zu fliegen, das zu sehen, was bislang unsichtbar war. Das fürstliche Kunstkabinett hatte dafür ein Faible und da war alles gesammelt worden, was skurril schien, eine Tollheit oder eine Einmaligkeit. Und dabei war es geblieben. Das Problem der Technisierung in der Gegenwart bleibt nicht auf eine museale Präsentation beschränkt, sondern sie wächst, hat die Tendenz zum Großen und Globalen. Es kann sogar zur grotesken Situation kommen, dass die Erde für die Technik zu klein ist. Wie man an den Stellflächen der Autos ermessen kann, benötigen sie gleichsam als Individuen ein Mehrfaches an Platz als der Besitzer und das Verhältnis ist noch schlechter, sollten sich alle diese Vehikel in Bewegung setzen. Wenn man sich vorstellt, dass es in der Stadtplanung vor 70 Jahren hieß, die Stadt habe autogerecht zu sein und die erste, die das wirklich umzusetzen wünschte war Stuttgart, so kann man heute erkennen, welchem Unsinn man aufgesessen ist. So war für die Städte eine gewaltige Hypothek entstanden, die obendrein den Lebensraum des Menschen einschränkte, denn auf den Hauptverkehrsstraßen wird man kaum sich freiwillig aufhalten wollen. Die Hypothek wird größer, sollte man bei solchen Entwicklungen erkennen, dass die unmittelbaren Vorteile jetzt die erheblichen Nachteile von morgen sein werden. Das Handeln auf solche Szenarien auszurichten, ist eine völlig neue Situation und bedingt eine Ethik, die sich mehr und erstmals mit einer Zukunft zu beschäftigen hat als mit der Gegenwart.

Nun haben wir bereits Hinweise, dass dieses „Anthropozän“, in dem wir leben, die Möglichkeit eröffnet, mit unseren genetischen Grundausstattungen zu experimentieren, ja wir haben bereits angebliche philosophische Entwürfe, die uns dazu bestimmen wollen, da in dieser Mutation eine Lebenschance erblickt wird. Also in Publikationen ist die Sorge dokumentiert, das Leben vielleicht zu verlieren, wenn nicht dieses oder jenes geschieht, die Welt zu zerstören, so Klima und Naturschutz keine Beachtung finden. In keiner Zeile wird darauf aufmerksam gemacht, dass in erster Linie die Frage zu beantworten ist, wie wir mit unserer Technisierung umgehen wollen? Gewiss beruhigen uns auch Arbeiten, dass eben die Erde Schwankungen unterliegt,  die Extrapolationen von Temperatur, CO2 oder Absterben der Meeresfauna eine natürliche Entwicklung erfüllen und es sind die Panikmacher, die die Menschen kopflos machen. Das ist nur bedingt richtig. Man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass die Relationen erheblich verändert wurden, die es etwa zwischen Energie und Umwelt gibt, zwischen Wasser und Bedarf, zwischen Ernährung für Milliarden und Lebensraum der Tiere. Völlig töricht zu meinen, es musste sich nur der Grad der Effizienz steigern, hingegen die objektiven Veränderungen würden allemal in der Norm geblieben sein. Und hier wäre die Sozialgeschichte eine Lehrmeisterin für den gewaltigen Wandel, der sich innert drei oder vier Jahrhunderten europäischer Geschichte abspielte, aber nun sich in einer globalisierten Welt fortsetzt. Natürlich trage ich hier Eulen nach Athen, jeder weiß darüber mehr als ich, doch erstmals hat es keine Konsequenz für unser Handeln. Seit der aus dem Darwinismus entlehnten Ethik von Singer hatte man sich eine humanistische Tarnkappe aufgesetzt und di Diskussion über den Wert des Lebens stets mit einer aufgedrängten Entscheidung begonnen. Hier leidet ein Totkranker Mensch. Wollen Sie ihn so leiden lassen. Sein Tod steht nahe bevor. Wollen Sie diese Unmenschlichkeit vertreten, ihn so leiden zu lassen? Liegt darin noch die Menschenwürde? Oder: Hier ist ein behindertes Kind. Es wird nie ein Leben vollziehen können, von dem wir meinen, dass es ein erfülltes Leben sein soll. Wollen Sie diesem Kind diese Qualen einer Behinderung auferlegen, nur um einer fragwürdigen ethischen Position zu genügen? Ist es nicht bei weitem menschlicher, dem Kind dieses Leid zu ersparen? Und welche Schilderungen benötigen wir noch?
Wir wissen, dass dank Technologie in der Medizin in erstaunlicher Weise Leben bewahrt werden kann. Wir wissen auch, dass wir erstmals mit diesem Dilemma konfrontiert werden, nämlich ein Leben verlängert zu haben, halten aber dann den Preis fürs Überleben zu hoch. Wir behaupten sogar, würde der Betroffene entscheiden können, würde er sich für die Euthanasie entschieden haben. Im Grunde hatte schon Peter Singer seine Ethik aus einem Darwinismus im Vereine mit mondänen Glücksvorstellungen abgeleitet. Und dieses Erfolgsrezept passte einerseits sehr gut zu den Wünschen nach Perfektibilität, die ja die Technik zu bieten scheint, so dass wir zunehmend die düsteren Seiten des Lebens auszugliedern begannen und als untypisch für einen befriedigenden Daseinsvollzug ansehen. Die Glückserwartungen stiegen in gleicher Geschwindigkeit wie die technischen Entwicklungen und hatten wirklich eine neue Form kulturellen Selbstverständnisses hervorgerufen, aus dem die technischen Attribute nicht mehr wegzudenken sind. Sie sind die bei weitem attraktiveren Ansprechpartner an Stelle der Mitmenschen geworden, wenn man sich die Verhaltensweisen ansieht. Es ist ja nicht die langweilige Fahrt in der U-Bahn, die zur Kommunikationsmaschine greifen lässt, sondern bei Familienfeiern, bei Veranstaltungen aller Art liegt das Telephon neben dem Suppenteller, oder vor Konzerten muss die Aufforderung erfolgen, die Geräte abzuschalten.

Nun war in weiterer Folge über die Technologie die Vorstellung von gottgleichen Menschen in die Diskussion gekommen und Yuval Harari hat in dieser Vereinigung samt Agnostizismus die Selbsterschaffung des Menschen als die nächste Stufe der Zivilisation ausgegeben. Mit der Datenreligion meinte man, biochemische Algorithmen mit elektronischen kombinieren zu können und darin lassen sich mathematische Gesetze erkennen, die offenbar die bisherigen Unterscheidungen etwa von Mensch und Tier nicht mehr zulassen. Elektronische Algorithmen werden die biochemischen entschlüsseln, heißt es. Für Harari wird alles recht einfach unter der Voraussetzung, wir verschreiben uns einem Humanismus, den wir erstmals für uns selbst und über uns selbst ermitteln müssen. „Wenn das Leben so einfach ist ohne ein verbindliches Drehbuch oder einen Zweck, dann sind die Menschen auch nicht auf irgendeine vorgegebene Rolle beschränkt. Wir können tun, was wir wollen – vorausgesetzt, wir finden eine Möglichkeit. Nichts setzt uns Schranken außer unsere eigene Unwissenheit. Seuchen und Dürren haben keinen kosmischen Sinn – aber wir können sie beseitigen. Kriege sind kein notwendiges Übel auf dem Weg in eine bessere Zukunft – aber wir können Frieden schließen. Nach dem Tod wartet kein Paradies auf uns – aber wir können ein Paradies hier auf Erden schaffen und darin ewig leben, wenn wir ein paar technische Schwierigkeiten überwinden.“ (275) Es wird allgemein behauptet, gegen diesen agnostischen Humanismus wird man schwer argumentieren können, es sei denn, man sieht sich einer anderen Schöpfungsgeschichte verpflichtet, der man aber nur den Rang eines Märchens zuschreibt. Relativ schnell wird man aber erkennen müssen, dass unter diesem pragmatischen Humanismus noch lange keine Bestimmung zu erkennen ist, was denn das Wünschenswerte für die Menschen sein soll. Was wird die Wahl darüber beeinflussen und letztlich zu welcher Position wird man sich durchringen, die ja der Mehrheit eine Zufriedenheit verspricht. Mehr denn je stehen wir vor dem Problem, dass eine Besinnung auf das „Bild des Menschen“ dringender und gebieterischer nach einer Antwort verlangt, die der menschlichen Vernunft bislang in dem Ausmaß noch nie zugemutet wurde. Darin liegt vermutlich die Ursache für die gegenwärtige Desorientierung, die uns nur deshalb nicht als Belastung erscheint, denn dank Technisierung meinen wir darin unsere Freiheit zu erblicken.    

Man kann nun in der Beobachtung der Arten der Akzeptanz von Technik den Eindruck voranstellen, dass Technik als wertfrei angesehen wird, ja darin liegt ja ihre generelle Unbescholtenheit, denn wir sind es, die sie gebrauchen samt unseren Absichten. Sollten technische Fehler auftreten, so wird nicht das Ende der  technischen Umsetzungen gefordert, sondern weit eindeutiger eine Verbesserung, über die künftig ähnliche Gebrechen vermieden werden sollen.

Immer wieder erleben wir, dass gerade im sozialen Kontext Technik einerseits als Vollenderin gesellschaftlicher Wünsche geschätzt wird, andererseits werden die Technikfolgen meistens als bewältigbar dargestellt, so man auch willens ist, das zu tun. Es wird aber kaum das Problem aus einer Perspektive betrachtet, in der die Technik in die schon genannte Enge treibt, so dass eine Beurteilung bloß quantitativer Mutmaßungen unterliegt. Die ethische Neutralität verdankt sich der gesellschaftspolitischen Unschlüssigkeit, nicht nur Risiken abzuwägen, sondern überhaupt darüber urteilen zu können, von welchem Punkt an der anfängliche Segen in einen Fluch umschlägt.

Bis zu diesem Punkt ist die Technisierung ein willkommener Glücksgriff, eine Heilsbringerin, doch jede Technik ist auf ein langfristiges Ziel hin ausgerichtet, also wird der Fluch irgendwann mit Gewissheit auch eintreten. Nach Abschaltung aller Arten von Kraftwerken merkt man anschließend, dass die Stilllegung nicht das Ende der Wirkungen ist und Auswirkungen ist, sondern ab nun stehen nur mehr Kosten ins Haus, die vermutlich die vormaligen Gewinn aufwiegen werden. Die Technisierung hat eben die Tendenz zum Zuviel, ja sie kann nur mit diesem Risiko die Leistungsfähigkeit nachweisen. Wie eben ein Auto keine Besonderheit ist, vielleicht war es einmal ein technisches Wunderwerk, aber die Attraktivität liegt in der Vermehrbarkeit, im Zuviel, in der Leistungskraft, die schließlich den Stillstand in der Hoffnung auf allgemeine Mobilität bewirkt. Und dabei ist das Auto noch das einfachste Beispiel, um Goethes „Zauberlehrling“ zu bestätigen. Viel zu selten werden die politischen Konsequenzen aus der Technisierung dargestellt, um den allgemeinen Wandel charakterisieren zu können. Anfänglich schienen ja die liberalen Demokratien einen Siegeslauf angetreten zu haben, da sie den Totalitarismus überlebten und ihnen auch gelang, die illiberalen Systeme in Europa auszumerzen: die Reste aus dem Faschismus – Spanien, Portugal,  dann Griechenland, Zypern, schließlich waren die südamerikanischen Staaten auf die Welle der Demokratie kurz aufgesprungen wie Brasilien und Argentinien, ebenso in Südostasien Taiwan und Südkorea. Das änderte nichts am Umstand, dass die demokratischen Mechanismen nicht mehr über jene Macht verfügten, die ein Rechtsstaat benötigt. Politik war vornehmlich administrativ verstanden worden, war nicht die alte ausübende „Gewalt“, die auch zur Außenpolitik befähigt, verlor also erheblich an Attraktivität, was den politischen Irrationalismus förderte. Im Allgemeinen vermutete man hinter den Repräsentanten der Politik anonyme Mächtige und deren Seilschaften, geheimnisvolle Kräfte würden ihre Interessen schamlos durchsetzen und jedes Vorkommnis galt hierfür als Nachweis. Klar ist, und das ist vermutlich der einzige richtige Gedanke bei Harari, dass die Macht nicht in die demokratischen Gremien, Institutionen und auch nicht zum Wahlrecht des Wählers zurückkehren wird. Der sichtbare Teil der Macht wird sich dem Namen nach der traditionellen Einrichtungen bedienen, aber diese sind ausgehöhlt wie der Senat in der Zeit der römischen Soldatenkaiser. Wie der Nationalsozialismus den Berliner Reichstag nicht auflöste, sondern dessen Funktion zur flachen Propaganda missbrauchte, so wird es diese Symbole der Demokratisierung weiterhin geben, doch sie werden nichts bedeuten. Die Bestimmung der Löhne und Preise liegen schon lange nicht mehr in den Händen eines politischen Interventionismus oder gar politischen Körperschaften. Es wird vielleicht zum Vorteil der Technisierung gehören, dass autoritäre und totalitäre Rückfälle kaum möglich erscheinen, maximale Variante wird wohl die ungarische Regierung sein. Das wird in anderen Kontinenten anders verlaufen, Nordkorea wird das groteske Beispiel einer Diktatur bleiben, allerdings um in dessen Schatten die rechtsstaatlich-liberalen Unzulänglichkeiten in China zu verdecken.

So wir uns wieder zurückbesinnen, werden wir immer wieder zu wiederholen haben, dass die Technisierung in den Folgen der elektronischen Revolution eine Äquilibrierung der Gesellschaften bewirkte, ja es ist die Art der politischen Interessen nachhaltig verändert. Man verwaltet also ein Land, führt es aber nicht mehr. Der Vorwurf mag lauten, dass kleingeistige Bürokraten die Politik gestalten, aber es ist die Alternative zum Größenwahnsinn im 20. Jahrhundert. Freilich ist das schon längst eine allgemeine Tendenz geworden, denn man ist in den Gremien der technologischen Intelligenz der festen Überzeugung, wichtige Entscheidungen eher dem freien Markt zu überlassen. Damit liefern sie Politikern die perfekte Ausrede für Nichthandeln und Nichtwissen. Beide können in den Medien zur politischen Klugheit inszeniert werden. Harari resumierte: „Politiker glauben nur zu gern, dass sie die Welt deshalb nicht verstehen, weil sie sie nicht verstehen müssen.“   

Die Schwierigkeit dieser Ohnmacht liegt darin, dass politische Intentionen immer öfter technologischen Visionen folgen, also im Sinne der Anstrengung der deutschen Bundesregierung, die Digitalisierung samt Ausstattung zum Schulfach zu erklären. Das bedeutet aber, dass wir Strukturen schaffen, die sich nicht nur deutlich von den traditionellen Institutionen unterscheiden, sondern auch völlig neue und andere Kontrollfunktionen benötigen, so der demokratisch-politische Kontext erhalten bleiben soll.

Die Mehrdeutigkeit des politischen Tuns mittels Technik wird die bisherige politische Wirklichkeit überrollen und eine befremdende Gegenwart schaffen. Man muss sich vorstellen, dass die Technik die Lebensgestaltung zwischen Arbeit und Muße dominiert und eine laufende Aktualisierung des technischen Potentials verursacht. Wie wir bereits darstellten, liegt es in der Anlage der Technologisierung, sich immer mehr auszubreiten, sich immer neue Territorien in unseren Handlungsspielräumen anzueignen, der Anwendungsbereich nimmt immer größere Dimensionen an und zählt bald zu den Lebensbedürfnissen. Ein Blick in die diversen sozialen Räume beweist das im Nu. Was aber weiterhin übersehen wird ist der Umstand, dass die Technik gerade wegen ihres ununterbrochenen Tuns eine eigenständige Größe wird, die die Relationen zwischen Besitz und Ausübung von Macht verwischt, die Charakteristik beider Positionen mischt sich ins kollektive Handeln. Daraus ist die Technisierung nicht mehr zu trennen und so erlauben diese Bereitstellungen die Entwicklung neuer Fähigkeiten, stärken das Arsenal der Mittel, erhalten eine schon beschriebene Dynamik und eine denkbare ethische Bürde, die ja stets mit Handeln verbunden ist, verliert ihre Kompetenz.  

Aus diesen Überlegungen formte Hans Jonas seine Verantwortungsethik. In ihr ist neu, dass wir nicht nur die jeweiligen Technikfolgen abzuschätzen haben, was stets zu heftigen Kontroversen samt wildwüchsigen Behauptungen führt, sondern erstmals haben wir eine völlig neue Konstellation von Macht zu bedenken, die über die elektronischen Medien entstanden ist. Wir haben über diese neuen Formen der Macht zu entscheiden und tragen gemäß unserer politischen Kompetenz dafür die Verantwortung. Die ethische Dimension, die unserem Handeln adäquat sein soll, setzt keineswegs die alten ethischen Normen außer Kraft. Es werden die Zehn Gebote ebenso ihre Gültigkeit behalten wie die Kardinaltugenden nicht veraltet sind, neu ist, dass die zeitliche Dimension einbezogen werden muss, die eben der Dauerhaftigkeit der Technisierung Rechnung trägt, neu ist, dass auch die Dispositive der Macht wegen ihrer Technisierung und der gelungenen Datenkombinatorik eine Veränderung in eine Arkanpraxis bewirken, die ein kaum überblickbares Netzwerk erlaubt. Das dazu gehörige Szenario ist uns inzwischen geläufig: Wir vermögen mehr als alle Generationen der Geschichte vor uns und haben dafür außerordentliche Machtmittel entwickelt, die uns gleichzeitig an den möglichen Rand des Abgrunds führen. Das bedingt eine völlig neue gesellschaftliche Konzeption. Die Automatisierung hat die Arbeitsethik in den Hintergrund gedrängt, gleichzeitig erlaubt die Technik einen langen Arm des Handelns, der über Kontinente ausgestreckt werden kann. Die biochemischen Manipulationen lassen den Gedanken zu, dass der Mensch im Grunde nach unserer Vorstellung, unserem Bedarf und unseren Idealen geklont werden kann. Die Achillesferse wird der Verbrauch von immer mehr Energie sein  und darüber laufen die Debatten in höchst konventioneller Weise.

Nun hat der Mensch dank der wissenschaftlichen Fortschritte eine enorme Möglichkeit der Machtausübung erhalten, die wir uns ja nicht konventionell danken dürfen, sondern in der Form der Inanspruchnahme der Natur, in der Form der Mobilität oder in der Erweiterung der Bedürfnisse, die sich bis zur Mußegesellschaft ausweiteten. Diese Möglichkeiten sind Gegenstände der Macht, die sich unabhängig von den realen politischen Strukturen öffneten. Wir haben ja auch gesehen, dass nur ein Quäntchen solcher Verwirklichungen dank Technik zum Einsturz von Systemen führten, die meinten, weit gefestigter zu sein. Die Reisefreiheit, die sich ja ohne Auto nicht ergeben hätte, begrenzte nicht nur den Einfluss der sowjetischen Weltmacht, sondern Stück für Stück verabschiedeten sich die treuesten Vasallen. Es ist vorstellbar, dass auch in anderen Bereichen ähnliche Transformationen stattfinden. Das heißt noch lange nicht, dass es nur autoritäre politische Systeme betrifft, ebenso können Demokratien aus unerklärlichen Gründen ihre Reputation verlieren. Wer hätte gedacht, dass in der atemberaubenden Geschwindigkeit die Institutionen der USA erodieren, während deren Präsident seine Meinungen und Pläne über Twitter äußert. Überhaupt ist über die elektronischen Medien das ganze Gewäsch von Facebook, Linkedin etc ununterbrochen über die ganze Welt ausgebreitet und aus der vormaligen Information wird eine der Desorientierung und Desinformation. Mit der Technisierung ist gleichzeitig ein Glaubwürdigkeitsdefizit eingetreten, das vor allem die Übereinstimmung  in der Einschätzung von Fakten zerstört. So muss man bedenken, wenn Demokratien auf politischen Konsens aufgebaut sind, so ist natürlich über die Kommunikationsmedien eine Übereinstimmung  gleichsam torpediert, wird allzu gern dem Stolz geopfert, etwas besser oder früher zu wissen als andere. Das ganze ereignet sich bei zunehmenden Beschleunigungen und eine Information erhält ihre Bedeutung weniger über ihren Inhalt, weit mehr über die Aufdringlichkeit ihrer Präsentation. Obwohl die Gesellschaft – oder was auch immer man darunter versteht – darauf programmiert ist, glücklicher oder gar zufriedener werden zu wollen, überwiegt das Interesse an Unglücksnachrichten, Mitteilungen über Katastrophen oder drohenden Weltuntergängen. Es kann also am Konzept von Harari etwas nicht stimmen, der uns unter der Voraussetzung rechtmäßigen Gebrauchs der Technik das Glück über kurzen Weg verheißt, vor allem dann, wenn uns Maschinen die Last der Entscheidung abnehmen, in welche Richtung wir uns zu bewegen haben. Sehr schnell geraten wir an den Kreuzungspunkt von Entscheidungen, scheinen aber zu wenig darauf vorbereitet zu sein, weshalb der Entscheidungshorizont von Mentalitätslagen bestimmt wird, von zufällig eingetretenen Sympathie- oder Antipathiestrukturen, von Einschätzungen der jeweiligen Bilder in Medien und schließlich setzt sich die Individualität des modernen Menschen aus zwei Motivationsgrößen zusammen, nämlich das nomadisierende Bewusstsein regelmäßig mit neuen Attraktionen zu versorgen – wie eben eine Herde in der Savanne den Futterplätzen und dem Wasser nachgeht, und gleichzeitig im Narzissmus die Individualität zu entwickeln, obwohl sie sich von den anderen Individualitäten gar nicht so eklatant unterscheidet. Wenn Arnold Gehlen in einem Band von der Spannung zwischen Urmensch und Spätkultur gesprochen hat, ja gerade in der Technik die Erleichterung erblickte, in ein urgeschichtliches Dasein zurückzukehren, was gleichzeitig das Signum der Spätkultur wurde, so bestätigt das Erscheinungsbild in den Fußgängerzonen und Discotheken diese Ambivalenz, so man in diesen Einzeltänzen den Menschen wahrnimmt, in den Tätowierungen und in der unbewussten Neigung zur Darstellung grenzenloser Aggression und Autoaggression. Es scheint die lange Friedensdauer in Europa diese Entwicklung noch forciert zu haben und die zeitgenössischen Künste legen ein Zeugnis dafür ab, dass Vereinzelung und Vereinsamung immer häufiger eintreten, um ein Leben führen zu können, das man zu zweit nicht aushalten würde. Die Kommunikationstechnologie hat uns vom Nächsten so weit entfernt wie etwa die Automatisierung  vom Sinn und Wert der Arbeit.          

Vielleicht hat die Technisierung nach dem Aufbrauchen ihrer Segnungen eine Kernspaltung verursacht, weshalb der Mensch für die natürliche Harmonie und Ausgewogenheit die Empfindsamkeit verlor und sich in der idealen Struktur seiner technischen Gehäuse  wohler fühlt als in einer Natur, die durch die unzähligen Mutationen unwirtlicher wird, unzugänglicher und gefährlicher.

Nun sind die letzten Passagen schon wie Schlussworte und müssen dennoch wieder zurückgezogen werden, denn die geschilderten Prozesse erfahren keinen Abschluss, denn es wäre ja zugleich das Ende unserer Geschichte. Immerhin war die Darstellung von einer Hypothese begleitet worden, die allen bisherigen so angenehm zusammenpassenden Fügungen von Technisierung und Kapitalismus widerspricht. Das heißt, dass Technisierung als Zusammenfassung aller technischen Errungenschaften und Veränderung unserer sozialen Welt nicht erst mit der Industrialisierung begann, nicht erst mittels Schubkraft des Kapitals sich durchsetzte, sondern eine Technisierung ist im Menschen immer angelegt gewesen, das heißt ich stets ein weitere Funktion eines Gegenstands sich überlegt zu haben. Technisierung beginnt mit dem Bearbeiten eines Steins zum Keil, mit dem Schmelzen von Kupfer, mit dem Formen von Keramik mittels Töpferscheibe, um dann in kühnen architektonischen Plänen eine Steigerung der Zusammenarbeit zum Zweck kühner Konstruktionen zu erfahren. Vermutlich schwingt im griechischen Wort der Technik noch jene künstlerische Dimension mit, n die erst viel später im industrial design erinnert wird. Es ist aber nur der Nachweis, dass die Technisierung diese Nutzung ebenfalls in sich birgt, doch inzwischen hatte man nach der Entwicklung des Dampfwebstuhls ganz andere Interessen bevorzugt. Da beginnt für die Technisierung angeblich erst das große Thema, obwohl diese in jeder Epoche eine Rolle spielte, eine wichtige Aufgabe erfüllte, allerdings war der ökonomische Nutzen nicht das bestimmende Motiv gewesen, um aus der technischen Produktion jene Vorteile zu ziehen die uns aus den Namen der Konzerne und Industriegiganten geläufig sind. Und für diese war dann die Herstellung der Güter nahezu eine Nebenbeschäftigung geworden, denn die Börsenkurse dieser Unternehmungen versprachen weit höhere Einnahmen und Gewinne als der Verkauf dieser vormaligen Erfindungen, in deren Kosten die Löhne der unbezahlbaren Menschen steckten.

Allerdings war mit dieser Entwicklung eine Konsequenz erkennbar geworden, die natürlich im Wesen der Technik steckt. Durch die Verknüpfung mit dem wissenschaftlichen Fortschritt war die Tendenz zu erkennen, dass alles, was man sich ausdachte, auch gemacht werden kann. Daraus bezog die Technisierung ihre Grenzenlosigkeit, man kann fast sagen ihre „Weltherrschaft“. Es war nahezu ein Zwangsgesetz geworden, dass wirklich getan wird, was man als Möglichkeit ins Auge gefasst hatte. Und so nebenher haben wir zu erfahren, dass dann ein Leben ohne diese technischen Ausstattungen für dürftig, für zurückgeblieben oder unterentwickelt gehalten wird. So wenig Menschen sich vorstellen können ohne dieses Telephon leben zu können, so muss man sich dennoch in Erinnerung rufen, dass es doch früher ein durchaus ebenbürtig erfahrenes Glück gab, eine ebenso starke Zufriedenheit oder das Lebensgefühl qualitativ nicht als schlechter angesehen werden kann.

Nun müssen wir nochmals rekapitulieren, dass Technik, Technisierung und Technizität Bedingungen meinen, die die Prozesse einer Art der Selbstschöpfung nahelegen und unsere bisherige Kenntnis von Mechanismen übersteigen. Es sind die elektronischen Apparate, die gleichsam wie bei Denkprozessen ihre neuen Einstellungsweisen selbsttätig entwickeln und nahezu eigenmächtig zu bestimmen beginnen. Im Grunde hatte Hegel bereits davor gewarnt, eine zu simple Erklärungsweise solcher Vorgänge anzuwenden, um bei den gewohnten Interpretationen zu verbleiben. „Es muss als ein Hauptmangel der neueren Naturforschung angesehen werden, dass dieselbe auch da, wo es sich um ganz andere und höhere Kategorien als die des bloßen Mechanismus handelt, gleichwohl diese letztere…so hartnäckig festhält und sich dadurch den Weg zu einer adäquaten Erkenntnis versperrt. – Was hiernächst die Gestaltungen der geistigen Welt anbetrifft, so wird auch bei deren Betrachtung die mechanische Ansicht vielfältig zur Ungebühr geltend gemacht.“(I, 353: Die Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften) Genau diese Beschreibung macht uns darauf aufmerksam, dass wir in den Beständen der Welt eine zwingende Funktionalität annehmen, Hegel hatte es noch als Mechanismus bezeichnet, die wie symbiotische Formen gemeinsam entstehen, eine eigenständige Konstitution bilden und somit in weitestem Sinn sich einer weiteren Gestaltbarkeit durch den Menschen entziehen. So wird Ökonomie und industrielle Entwicklung verbunden, als revolutionäres Ereignis zum Paradigma künftiger Welt und verewigt somit scheinbar die spezifische Form jeder folgenden Vergesellschaftung Nun sind die historischen Formen immer von einem Wandel begleitet, der in seiner eigenständigen Wirkung wie ein Geist der Geschichte solche festen sozialen Formen wieder zerlegt, entgegensetzt und daraus neue Kombinationen zu entwickeln vermag. Regelmäßig war die Linearität einer historischen Entwicklung unterbrochen worden, waren Zäsuren eingetreten und es wäre eine ehrenvolle Aufgabe der Geschichtswissenschaft, die Frage zu untersuchen, was von den vorangegangenen Epochen oder Kulturen bestehen blieb oder weiterhin zum festen Bestand zählt? Oder gilt ein anderer kultureller „Mechanismus“, der gerade schon Vergessenes durch Neues zu kompensieren versucht?

Wir werden hier nicht fortsetzen. Die Technisierung greift in unser bisheriges Verständnis von Geschichts- und Gesellschaftsphilosophie ein und wird unter solcher Bedingung nicht nur zu einem Zeichen  in der Gegenwart, sondern scheint auch die Kompetenz des Menschen wie in einer Tyrannei zu schmälern. Und sofort sind zahllose Philosophen zur Stelle die diesen Verlust bestätigen als wäre ein unstrittiger Nachweis ihre vornehmste Aufgabe und bestätigen die geläufige Ansicht nicht nur von der Imperfektibilität des Menschen, sondern benennen auch für alle Zukunft, dass in den technischen Vorschreibungen der Mensch noch am besten aufgehoben und verwaltet scheint. Nun hat Hegel keineswegs dieser Intention entsprochen, auch wenn er im Rechtshegelianismus in der Weise interpretiert wurde. In dieser Richtung ist der Mensch generell in seiner Unselbständigkeit ein Betreuungsfall, sei es, dass der Staat diese Aufgabe übernimmt, oder die Institutionen des Rechts und der Kultur schon längst diese Funktionen ausgeübt haben. In letzter und soziologisch relevanter Form hat diese Skepsis gegenüber dem Menschen Arnold Gehlen vertreten, weshalb für ihn es keine Überraschung ist, wenn sich der Mensch dem Automatismus des Maschinellen hingibt, darin jene Entlastungen erfährt, die anfänglich begrüßt wurden, doch en Menschen immer mehr in den Bann zogen, bis eben die Umkehrung eintritt, in der die Technik den Menschen instrumentalisiert.

Nun hat Hegel nicht in dieser Konsequenz gedacht, sondern in der „absoluten Mechanik“ einmal festgehalten, dass es die Gravitation ist, die einerseits die materielle Körperlichkeit schafft, andererseits sich zu einer Idee realisiert. In der typischen Art des Philosophen beschreibt er im §269 eigentlich recht anschaulich, wie sich Technik ergibt: „Die allgemeine Körperlichkeit urteilt sich wesentlich im besondere Körper und schließt sich zum Momente der Einzelheit oder Subjektivität als erscheinendes Dasein in der Bewegung zusammen, welche hierdurch unmittelbar ein System mehrerer Körper ist.“ Natürlich war zuerst das Sonnensystem im Blick, in dem die Gravitation seit Newton eine wesentliche Ordnungskraft bildet, doch man kann aus den Randbemerkungen den Schluss ziehen, dass die aus der Physik denkbare Übersetzbarkeit ins Gesellschaftliche durchaus für möglich gehalten wird. Es ist eine weitreichende Bestimmung, denn von nun beginnen ereut die Vergleiche gesellschaftlicher Erscheinungsbilder mit der Natur, bzw werden zur Erklärung Beispiele aus der Natur herangezogen. In allen Fortschritten haben wir die in der Natur vorzufindenden Kräfte zu nutzen verstanden, warum soll also das nicht in ähnlicher Weise für die Gesellschaft gelten? Und es gelang ja Verbesserungen für die nötigen Abstraktionen in Modellen  vorzunehmen und darin war man immer weiter vorangeschritten. Warum sollte das gesellschaftspolitisch nicht möglich sein? Das war in etwa die entscheidende Frage in der Aufklärung, dass nämlich Naturontologie und Gesellschaftsontologie eine Verwandtschaft zeigen, die den Vergleich der Modelle zulässig erscheinen lässt.

Mit diesen Ableitungen scheint es auf der Hand zu liegen, immer häufiger den Gedanken zu folgen, dass eben die Naturwissenschaften eine ontologische Bestimmung enthalten, Naturontologie eben, und somit immer mehr in die Bereiche der Gesellschaftsontologie eindringen. Bei Hegel ist es in der Darstellung der Psychologie zu bemerken und das hat zu unserem Thema deshalb eine Verknüpfung, denn ab nun nistet sich die Technisierung unserer Lebenswelt teils ins Bewusstsein ein, wird Bestand unserer humanen Axiomatik, so wird man es einmal darstellen müssen, und zugleich scheinen wir an diese mechanischen Prozesse Teile unserer sozialen Kompetenz abzugeben. Es wäre nun falsch, darin einen Pessimismus zu erblicken, die Beschreibung nicht für bare Münze zu nehmen, wo es doch gilt, in einer präzisen Wahrnehmung von Arbeitsteiligkeit bereits darin den Umstand zu erkennen, dass kein Mensch zum erheblichen Teil alles nur für sich schafft, nur für sich Tätigkeiten beginnt, sondern in der Kooperation Steigerung seiner Kräfte und zugleich die Vollendung seiner Vorstellungen erlebt. De Zusammenarbeit wird wohl beim Bau einer Kathedrale nicht anders gewesen sein wie bei der Verlegung der ersten Eisenbahngeleise durch einen Kontinent. Das hat ja Hegel recht gut wiedergegeben, wenn er die Selbständigkeit der Individuen wie einen Naturzustand beschreibt, der im Grunde die Bestimmungen der Freiheit noch gar nicht erfüllen kann, sondern in der Aufgabe dieser Selbständigkeit nimmt er zwar die Unselbständigkeit auf sich, doch sie ist zugleich die Voraussetzung, sie in Formen der Freiheit aufzuheben. Für Hegel beginnen hier die gemeinschaftsbildenden Faktoren zu wirken, also Staat und Recht. Für unser Thema ist es deshalb von Bedeutung, denn mit der Technisierung änderten sich diese Vergesellschaftungen und werden zunehmend über die Technisierung bestimmt. Nun wird die Vorstellung der Freiheit nicht mehr als die Aufhebung der Unselbständigkeit im Gemeinwesen verstanden, sondern ihr widerfährt die Individualisierung im Gebrauch der technischen Geräte und deren Angebote in diversen Freizügigkeiten. Wie Freiheit im totalitären Regime sofort als Reisefreiheit verstanden wurde und die politische in eine Unterbestimmung geriet, so erfährt das Individuum über die technologische Zurüstung die offene Welt, die Grenzenlosigkeit der Möglichkeiten, die eigenmächtige Fähigkeit zur Interpretation objektiver Tatsachen und die elementaren Formen bürgerlicher Gesellschaft verlieren an Bedeutung, ja sind sogar zum Teil unvorbildlich geworden. Die Technisierung hatte die Wirklichkeit in ein Vexierspiel uminterpretiert und vermochte  das Absurde zur Darstellung zu bringen, nämlich alles sehen zu können, doch dadurch mit Blindheit geschlagen zu sein. Will man sich hier an die Bestimmung des Bewusstseins nach Hegel erinnern, dann ist es durchaus denkbar, dass „das sinnliche Bewusstsein als Verhältnis … nur die dem abstrakten Ich oder formellen denken angehörigen Kategorien enthält, die ihm Bestimmungen des Objekts sind.“(§418) Das heißt, dass das sinnliche Bewusstsein nur das wahrzunehmen vermag, was in Beziehung zu den Kategorien des formellen Denkens steht. Es erklärt die Blickverweigerung, weshalb wir den gesamten Bereich der Technisierung als Normalität begreifen, deren Fortschritt als natürlich einbeziehen und darin sogar unsere Bestätigung der Personalität erfahren. Vermutlich ist das Verlangen nach den zahllosen Passwörtern bei Zugriffen auf elektronische Datenverarbeitungen die Einübung der neuen Personalität, die uns weismachen soll, eine Eigentlichkeit und Unverwechselbarkeit in höherem und technischen Maß zu besitzen: vermutlich gewinnen wir heute aus diesen unausgesetzten Forderungen nach Identitätsbeglaubigung unsere Bestimmung als Subjekt.

Bei Hegel gab´s die Schwierigkeit, dass er die naturwissenschaftlichen Errungenschaften noch nicht in deren Verwertungszusammenhang begriff. So beschreibt er in den Paragraphen zur Elektrizität die Formen der Wirksamkeiten, die durch die beiden Pole realisiert werden, doch inwieweit diese neuen Lichtquellen das soziale Leben beeinflussen, die Tätigkeiten auch während der Abendstunden zulassen, die Lebensvollzüge in den Städten ausdehnen und nun dafür eine völlig neuartige Organisation der Energieverteilung hervorrufen, alle diese Bereiche bleiben offen, obwohl sie doch zu einem wesentlichen Teil zur Sozialphilosophie gehören. So erfahren wir nichts über diese merkwürdige Zwanghaftigkeit, anstatt wir unsere Welt der Technisierung auch geistig zu bewältigen versuchen, vermuten wir in ihr eine gewaltige Spielkonsole, und die Technisierung wird die Grundlage unserer Existenz.

Ein ganz anderes Problem beleuchtet den Umstand, der diese Verbindung zwischen Forschung und Technisierung betrifft. Hatte Shushana Zuboff in ihrem „Beobachtungskapitalismus“ schon mehrfach erwähnt, dass die technologischen Innovationen in Laboratorien erfolgen, die im Naheverhältnis zu den bekannten Elektronik-Konzernen stehen, so ist diese Tatsache genauer zu erörtern. Es ist die aus den Forschungseinrichtungen das völlig ausgelagerte und vom universitären Bereich völlig unabhängige Expertengremium entstanden, das in Kombination von Kommunikationstechnologie und Verhaltenspsychologie im Grunde futuristische Szenarien realisiert. Es ist bislang die letzte Errungenschaft, die bereits während der 60er Jahre begonnen hatte, als man die Schwäche der Forschungseinrichtungen an den Universitäten zu beseitigen trachtete. In der damaligen Bundesrepublik Deutschland und Österreich hatte man die Max-Planck-Institute und Boltzmann-Institute gegründet, die in Personalunionen mit den Universitäten verbunden waren, aber jenseits der offiziellen Wissenschaftsbudgets finanziert worden waren. Mit zunehmender Selbständigkeit waren auch Forschungseinrichtungen von der Industrie finanziert worden, freilich mit der allgemeinen Kritik an der staatlich organisierten Forschung die ineffizient und nicht produktorientiert arbeiten würde. Zusätzlich wurde die Grundlagenforschung immer mehr „praxisorientiert“ und versteht sich auch als Zulieferer für „know-how“. Natürlich ist klar, dass kein Physiker Kernforschung am Schreibtisch daheim machen kann, aber es fällt sofort auf, dass solche Arbeiten immer im Zusammenhang mit Unternehmen stehen. Das führt zur Einsicht, dass heute Forschen nicht im Theoretischen bleibt, sondern immer auch an Umsetzungen denkt. Während Hegel im Grunde den theoretischen Gehalt der „philosophischen Wissenschaften“ beschrieben hat, so ist heute eine vergleichbare theoretische Durchdringung von Forschungsfragen undenkbar. Und diese allgemeinen Schilderungen sind auch als Hinweise auf die Technisierung gemeint, also ist die vormalige Trennung, die man noch in der „Philosophie der Technik“ bei Kapp lesen konnte, dass Naturwissenschaften sich gegenüber ihren technisch-praktischen Implikationen grundsätzlich enthalten, schon längst verwischt, verknüpft und verbunden. In den naturwissenschaftlichen Gehversuchen, von Aristoteles bis Kepler, war man sich immer klar gewesen, in das astronomische Gefüge nie eingreifen zu können, ja es war nie im Bereich der Vorstellung. Das ist mit der Weltraumfahrt anders geworden und es ist sogar die Absurdität eingetreten, dass bereits über Grundstücke am Mond gestritten wird. Heute ist das Eindringen in die Geheimnisse der Natur zur Manipulation der Natur geworden. Natürlich ist nicht zu erwarten, dass die Subventionen in Milliardenhöhe vornehmlich kontemplativen Anschauungen dienen, einfach Wissen akkumulieren, um sich daraufhin den Vorwurf des Orchideenfaches gefallen lassen zu müssen. Die tendenzielle Neigung, die Technisierung der Lebenswelt voranzutreiben, hat wenigstens an einem Punkt Nachdenklichkeit einkehren lassen: Der Abwurf der Atombombe über Hiroshima und Nagasaki. Otto Hahn hatte die Möglichkeit der Kernspaltung ergründet, doch ohne diese grauenhafte Umsetzung hätten wir vermutlich an diese tödliche Wirkung nicht geglaubt. Der Schock saß so tief, dass man die Atombombe bis jetzt als strategisches Mittel nicht mehr einsetzte. Das hat uns dahingehend zu belehren, was natürlich dann auch für die Biowissenschaften gelten muss, dass das Errichten von Sicherheitsvorkehrungen gegenüber der grenzenlosen wissenschaftlichen Entwicklung nötig ist und eine Begründung erhalten muss, die erstmals die wissenschaftliche Neugier bremst. Würden wir in dieser Konsequenz die künftigen Möglichkeiten einschätzen und daraus die Einsicht gewinnen, nicht alles tun zu können, was wir können, so hat das gewaltige gesellschaftspolitische Folgen. Zum Beispiel wäre dieser gewinnträchtige Wirtschaftsbereich geächtet, würden die ökonomischen Gewinnchancen ins Bodenlose fallen. Das ist eine weitere Folge einer Technisierung, die sich eben nicht mehr mit den bisherigen  Schritten vergleichen lässt. Zunächst wurde ein theoretisches Interesse an wissenschaftlichen Fragestellungen von der Neugier verdrängt, in welcher Weise Bekanntes kompensiert werden kann und hierauf experimentierte man zur Ermittlung völlig neuer Erscheinungsformen. Das heißt, es geht ja nicht mehr um Forschung, sondern um eine Experimentierfreude, die weder Grenzen kennt, noch kann ihr Einhalt geboten werden, denn schon längst entspricht diese dem grenzenlosen Spieltrieb des Menschen. Das heißt, dass in immer mehr Bereichen der Technisierung kein legitimes Wissensinteresse mehr besteht, nämlich diesen Weg weiter zu verfolgen.

In der Zwischenzeit sind diese Fragen in der Biomedizin offen gestellt worden, doch ist die Antwort fast erwartungsgemäß in Richtung weiterer Experimente vorangeschritten. Tiere werden also geklont und vermutlich auch schon Menschen. Die weitere Folge wird sein, dass die bekannte Endlichkeit des Lebens überwunden werden kann, so man den alten Prototypen klont und dieses Kunstprodukt entweder als Ersatzteillager heranzieht, oder aber überhaupt dazu übergeht, durch gelungenes Klonen den Prototypen verschwinden zu lassen. Dieses technisch reproduzierte Leben ist natürlich von anderer Dauer, von  anderer Beschaffenheit – und vielleicht entspricht es weit mehr unseren Erwartungen als dieses alte Leben mit der Aussicht auf den sicheren Tod zu führen. Jetzt steht man vermutlich knapp vor dieser gewaltigen Errungenschaft wirklich langen Lebens, wofür Ägypter völlig vergebens die Pyramiden gebaut haben – oder chinesische Kaiser in den Katakomben eine Armee versammelten. Interessant bleibt, dass die ethischen Dispositionen keine deutliche Normierung mehr kennen, das heißt eher anpassungsorientiert an den jeweils neuesten Stand angeglichen werden und von diesem Punkt an auch keinen verbindlichen zivilisatorischen Standard mehr verkörpern. Wie in künstlerischen Fragen so ist auch in der Wissenschaft das Argument schnell zur Stelle, dass eine Beschränkung die Freiheit der Wissenschaft gefährdet, was wohl der liberale Rechtsstaat in erster Linie zu gewährleisten hat. Im Grunde stehen die ethischen wie moralischen Kriterien dieser Zivilisation vor ihrer Kapitulation, Ihnen passiert das gleiche Schicksal, das schon zuvor die Philosophie betraf, die sich ja im Grunde auf dem Fluchtweg in den Positivismus der analytische Philosophie zwar politische Beurteilungskriterien gemäß Demokratie noch offen hält, aber ethische Kriterien nach Zeitgeist und Mentalitätszwang formuliert – so hier überhaupt noch eine Kompetenz beansprucht wird. Die Philosophie sieht sich in ihrer analytischen Variante als Partnerin der Naturwissenschaften und Mathematik und bietet eher eine Wissenschaftstheorie an als sie eine Ratgeberin für Lebenslagen ist. So ist die Bindung der Wissenschaft an die Technologie immer enger geworden und nahezu grundsätzlich ist die Philosophie in diesen Rahmenbedingungen gefangen, weil sie immer weniger ihrem eigenen genuinen  philosophischen Empirismus misstraut und den empirischen Teil in den Naturwissenschaften adoptiert.  

Nun war diese Engführung von  Naturwissenschaft und Technisierung schon dadurch vorhergesehen worden, dass Francis Bacon die Formulierung gewählt hatte, dass Wissen Macht bedeutet. Damals war es als Erkenntnis der Natur verstanden worden, als ein Durchdringen dieser Geheimnisse der Natur. So war diese Ermächtigung über die Natur als Macht dargestellt worden, die dem Menschen gerade wegen seiner Erkenntnisse und Erfahrungen zusteht. Und die Tradition der Machtausübung gegenüber der Natur ließ allen Respekt vergessen, ja hätte man diesen gegenüber der Natur gefordert, hätte es niemand verstanden. Und war es die Technologie, die diese Ausweitung der Macht ermöglichte, Schritt für Schritt, so war das Durchschauen der Natur das durchgängige Motiv auch bei Descartes gewesen und die Ehrfurcht vor dem Wunder der Natur war endgültig verloren gegangen. Und das erkennt man an der Forschungspraxis in den Naturwissenschaften. Diese waren überzeugt, man müsse eben Scheu, Respekt oder Ehrfurcht vor ihrem Untersuchungsgegenstand ablegen, um in diese Welt eindringen zu können. Es war eine Vivisektion.