Eduard Meyer (1855-1930), Caesars Monarchie und das Principat des Pompejus, Stuttgart Berlin 1922 (1918). – geschrieben um 1910.
Zitate aus dem Buch Seiten 5 bis 8.
Prolog
„Dieser Entwicklung nachzugehen und sie in ihrer Einzelgestaltung richtig zu erfassen, hat nicht nur ein historisches Interesse ohnegleichen, sondern ist lehrreich auch für die Gegenwart und Zukunft. Wenn nicht alles täuscht, wird im Laufe des nächsten Jahrhunderts die große Republik Nordamerikas, deren Wesen und Entwicklung mit der Roms überhaupt viel mehr Ähnlichkeit hat, als der oberflächliche Betrachter ahnt, einer ähnlichen Krise entgegengehen: je mehr sie in die Weltpolitik hineingezogen wird und damit die äußere Politik und die militärische Macht in den Vordergrund tritt, je mehr gleichzeitig ihr innerer Aufbau sozial und wirtschaftlich sich umgestaltet, um so unabweisbarer wird auch hier die Auseinandersetzung werden zwischen den demokratischen Prinzipien der Verfassung den legitimen Organen des Staats auf der einen Seite, und ihnen gegenüber den Persönlichkeiten von überragender Stellung, seien sie wirklich von überragender Stellung, seien sie wirklich von inneren selbständigem Wert oder mag der Zufall sie auf ihren Platz gestellt haben, in deren Hände unvermeidlich die großen Entscheidungen gelegt sind.“
Wenn Eduard Meyer eine Zukunft der USA skizziert hat, so ist es keine Spekulation gewesen, sondern er stellt die Entzweiung in der Konstellation der Macht dar. Wenn wir stolz darauf sind, in der Gewaltenteilung ein probates Mittel erfunden zu haben, um absolute Macht zu domestizieren, so hält das nicht auf Dauer, wenn dieser Staat überdimensional zu wachsen beginnt. Aus diesem Grund müssen auch wir in die amerikanische Frühgeschichte eintauchen, um dort nach Faktoren zu suchen, die einen Trump erlauben – inzwischen theoretisch.
Im zweiten Teil rekonstruieren wir die Diskrepanz, die sich einerseits aus der Wahrheitsdefinition des Pragmatismus ergibt, andererseits die Hypothese zulässt, dass schließlich die ungewöhnliche Ausgestaltung der Wirklichkeit a la Trump eine ähnlich logische Bestimmung zulässt. Also hören wir:
Wenn der „Geist der USA“ in der Darstellung römischer Spätantike einige Vergleichbarkeit besitzt, ist das keineswegs weit hergeholt. In den Zitaten der amerikanischen Stadtplanung, in der Anlage von Washington sind diese klassizistischen Zitate mehr als nur ein Kontrapunkt gegen die europäische Palastkultur des ausgehenden 17. Jahrhunderts, mehr als nur ein merkwürdig prahlerischer Republikanismus, sondern mit dem Kapitol war nicht nur das Gegenstück zur Peterskirche in Rom errichtet worden, eine bewusste Frontstellung der frühen amerikanischen Freimaurer, sondern zugleich war das Kapitol wie eine gotische Kathedrale eine ewige Baustelle, zwar nicht als Symbol des dauerhaften Betens und Bauens, sondern als fortgesetzte Tätigkeit zur Errichtung einer Weltmacht. Das letzte Gebäude wurde 2008 eröffnet. Das Kapitol ist als bewusste Kontinuität zum Tempel auf dem römischen Kapitolberg errichtet worden. Somit ist der Ahnherr des Kapitols der Tempel des Jupiter Optimus Maximus.
Nun hatte im Wahlkampf im Herbst 2024 der Gouverneur von Minnesota, Tim Walz (1964), Parteigänger von Kamala Harris (1964), zum Gegenkandidaten angemerkt, dieser sei ein seltsamer Typ. Er gebrauchte das Vokabel „weird“, was eine viel schlimmere Bedeutung hat: krude, verschroben, ein schiefer Typ. Und er steckte den Vizepräsidenten J.D. Vance (1984) gleich dazu. Der ist überhaupt ein Wendehals, wurde vom Saulus zum Trump-Paulus, war daher vor der Wahl überall unten durch. Was macht also diesen alten Mann aus, der mit seiner Fönfrisur die Welt in höchste Aufregung versetzt?
Wenn wir die Kriterien von Jürgen Habermas wiederholen, die er in der Frankfurter Allgemeinen im vergangenen März formuliert hatte, dann erwarten wir von aller Politik Richtigkeit, Wahrhaftigkeit, Wahrheit, Verständlichkeit. Diese führen die Politik in ihre Diskursfähigkeit, gleich ob konservativ oder sozialdemokratisch, liberal oder verfassungspatriotisch. Es wäre großartig, würden jene, auf die „weird“ zutrifft, keinen Zugang zur Politik erhalten. Und wer wählte einen Kandidaten, der in seinen vielen Reden behauptete, die US-Demokraten schlachten Babies ab, oder unverheiratete Frauen mangelt es an Führungskraft? Und ein Dutzend Philologen bemühten sich, die Propaganda Trumps (1946) als Lügengewebe zu enttarnen, verloren aber den Umstand aus den Augen, dass die Wähler genau diese verlogene Schilderung eines Sachverhalts begeistert. Für diese Wähler entsprachen die Sprachentgleisungen den eigenen Kenntnissen, der eigenen Lebenserfahrung und wählten deshalb Trump. Das Atout war, ein Gefühl der „White Supremacy“ verbreitet zu haben. Demgemäß waren alle Mexikaner an der Grenze Vergewaltiger, die Angehörigen afrikanischer Staaten „Shitholes“. Und diese Beschimpfungen waren durchdekliniert worden – vom Sexismus bis zur Gewaltbereitschaft. Wegen Trumps „Weirdness“ hält man ihm immer noch die Treue, nicht nur Farmer, deklassierte Weiße oder Modernisierungsverlierer, sondern auch die Evangelikalen, die berüchtigten katholischen Kreise, die Trump über Jahre zu seinem Klientel umfunktioniert hatte und ihm den Rücken stärken. Damit hatte er die Swingstates gewonnen. Es ist vornehmlich das amerikanische Kleinbürgertum, dessen soziale Situation immer prekärer wird, daher in Trump einen „Zampano“ sieht, der es aus diesem Loch herausholt.
Das führt direkt zu unserer Frage: Wo befinden sich die Wurzeln dieses Erfolgs? Ist es wirklich möglich, mit diesen sonderbaren fast schon pervers erscheinenden Dispositionen in den USA eine Mehrheit zu erhalten? Wie sieht es da mit der amerikanischen Ideengeschichte aus? Wer sind die Vordenker, die nun Trump Schritt für Schritt zu realisieren beabsichtigt?
In den USA gibt es wirklich jenen konservativen Geist, der traditionell Eliten und Institutionen grundsätzlich misstraut. Das ist der Unterschied zum europäischen Konservativismus. In den USA zielt er darauf ab, Ordnungen zu zerstören. Die US-Konservativen verstehen einander im gemeinsamen Hang zum zivilen Ungehorsam. Sie begreifen Rechtsbrüche als konstitutiv für die Zukunft. Wir müssen also hinunter in die philosophische Schattengeschichte des nunmehrigen Präsidenten….
Die Gründerväter der amerikanischen Demokratie waren keineswegs Muster der Liberalität oder gar „Früh- oder Vor-Linke“. Die Doppelrevolution von 1776 und 1789 war eine konservative Sezession gegenüber der Reformpolitik der englischen Krone. Gewiss hatte Samuel Adams (1722-1802) die Regie der Sezession an sich gerissen, es waren Progressive, die bisweilen jakobinische Züge erkennen ließen. Davon war in der Verfassung von 1789 nicht mehr viel vorhanden. Sie war gut konservativ. Es waren keine politischen Experimente vorgesehen. Wählen durften nur weiße Protestanten mit einigem Besitz, nicht unähnlich dem Kurienwahlrecht, das es in Europa gab. Die führende politische Elite war gespalten, den Fortschritt verkörperten Thomas Jefferson (1743-1826) und Thomas Paine (1736-1809), die Konservativen hatten in George Washington (1732-1799) und Alexander Hamilton (1755-1804) ihre Anführer. Diese beiden beriefen sich auf Edmund Burke (1729-1797). Er war der politische Philosoph, der entschieden die Aufstände in Paris verurteilte und sich geweigert hatte, die politischen Konsequenzen anzuerkennen. So war er der gesuchte Ideologe des ancien regime und dessen Werke waren von Friedrich Gentz ins Deutsche übersetzt worden. In der amerikanischen Übernahme fehlte freilich der von Burke beschworene Traditionalismus, hingegen blieben in der Verfassung libertäre Züge erhalten – wie etwa die Gewaltenteilung. Die Tendenz war vereinfacht formuliert: Freiheit statt Gleichheit. In der Mitte stand der Schutz des Eigentums und ein von Skepsis geprägtes Menschenbild. Beides wurde im Wild-West-Film zum obligaten Thema und Mentalität. Der US-Konservativismus war stets „unfeudal“, während die Europäer zu ihrem Legitimismus zurückkehrten. Allerdings führte sich Washington wie ein König auf, verwirklichte auf seinem Landgut eine schloss-artige Anlage, deren Seitenrisalite die schwarzen Sklaven nach Geschlecht getrennt, beherbergten. Hamilton agierte gleichsam als Kanzler und lenkte die Regierung. Bei der Wahl 1800 verweigerte Hamilton dem Sieger Thomas Jefferson die Anerkennung, worauf sich die Anwälte von Trump 2020 beriefen. Schon um 1800 war man überzeugt, dass ein Gericht in keinem Fall einen Präsidenten belangen kann.
Nun hatte Trump beim ersten Amtsantritt das Portrait von Andrew Jackson (1767-1845) ins Oval Office hängen lassen. Was fand er an Jackson so bewundernswert? Vielleicht, weil sich Jackson hemdsärmelig einer arroganten Elite widersetzt hatte? Jackson bildete sich ein, er sei die Stimme des einfachen Mannes. Es herrschte die Sorge, dass Jackson die USA autoritär führen will. Jefferson war besonders besorgt. Und irgendwie wundert man sich weniger über Trump, wenn man den Wahlslogan von Jackson kennt: „Vote for Andrew Jackson who can fight, not John Quincy Adams who can write.“ 1824 erzielte Jackson die Stimmenmehrheit, scheiterte aber an den Wahlmännern. Also behauptete bereits Jackson, dass man ihm die Wahl gestohlen hat. 1828 zog er nochmals in den Wahlkampf, diesmal erfolgreich, aber die Voraussetzungen seines Sieges waren grauslich. Noch nie war so plump gelogen, diffamiert, beleidigt worden, wie damals. Und sofort erließ Jackson die nötigen Weisungen: Einfuhrzölle für alle Waren, Ende jedes US-Engagements in Übersee. Beide Themen gehören seither zu den „Fixpunkten“ der US-Außenpolitik. Es wundert, dass nicht schon Jackson den Wahlspruch ausgab: America first! Jackson richtete seinen Regierungskurs nationalistisch, protektionistisch und isolationistisch aus. Allerdings erhielten alle Weißen ab dem 21. Lebensjahr das Wahlrecht. Damit wusste Jackson die besitzende elitäre Schicht zu überwinden.
Beleuchten wir die Entwicklung in den USA zwischen 1910 und 1950: Merkwürdig war, dass die US-Konservativen, mit und seit Hamilton im Dauerverdacht autoritärer Staatsführung standen, doch drehten sie den Spieß um. Eine Bewegung „Old Right“ mobilisierte gegen das „Big Government“ der Progressisten. Diese hofften, ihre Reformen über einen starken Staat durchzusetzen und galten ab jetzt als autoritär. Man wollte damals die Reform der Wirtschafts- und Sozialpolitik, sowie Frauenwahlrecht und außenpolitischen Interventionismus. Repräsentanten der neuen USA waren Woodrow Wilson (1856-1924) und später Franklin Roosevelt (1882-1945). Sie machten die USA zum Modellstaat des Westens und prägten den Anspruch auf „Hüter der Weltordnung“. Die „Old Right“- Bewegung, die grosso modo die später von der „Tea-Party“ in der Ära von George Bush fortgesetzt wurde, beharrte hingegen auf Familie, Dezentralität und Weltabgewandtheit. Die „Old Right“ gründete 1940 einen Club „America First Comitee“, in dem sie generell gegen den Kriegseintritt war.
Die republikanischen Präsidenten waren in den 20er Jahren schon auf gleichem Kurs wie Trump: Steuersenkung, Migrationsbeschränkung, Schutzzölle. Diese Politik war großteils in „Old Right“ von Henry L. Mencken (1880-1956) angeregt und leidenschaftlich vertreten worden. Er war der Organisator der wichtigen Zeitschriften ab 1920, übersetzte Nietzsches „Antichrist“ und war zugleich entfernt verwandt mit Bismark. Mencken war der angesehenste Journalist in den USA der 30er Jahre. Vor allem kämpfte er in seinen Kritiken gegen den bigotten US-Puritanismus. Gemäß seiner Meinung zerstört dieser die intellektuelle und künstlerische Freiheit. Ihm war die „moralische Orthodoxie“ zuwider, die die künstlerische Qualität der Modernen erbarmungslos verdammte. In seinen „Notes on Democracy“ um 1926 kündigte er eine deplorable Entwicklung an, die die „moralische Orthodoxie“ heraufbeschwören wird: „…alle Chancen sind auf Seiten des Mannes, der eigentlich der Abwegigste und Mittelmäßigste ist, – der die Vorstellung, dass ein Geist ein regelrechtes Vakuum sei, am talentiertesten zerstreuen kann. Das Präsidentenamt neigt Jahr um Jahr mehr zu solchen Männern. Mit der Vervollkommnung der Demokratie wiederspiegelt dieses Amt mehr und mehr die innere Seele des Volkes. Wir bewegen uns auf ein erhabenes Ideal zu. Eines großen und glorreichen Tages wird der Herzenswunsch der schlichten Leute endlich erfüllt und das Weiße Haus mit einem geradezu Debilen geschmückt sein.“
Diese Satire war keineswegs weit hergeholt. Sie war nämlich Wasser auf den Mühlen der politischen Philosophin Ayn Rand (1905-1982). Sie entstammte einer Familie russischer Einwanderer. Sie war zum Prototyp einer Amerikanerin geworden, die die Merkmale der Mentalität voll verkörperte, daher den strikt wirtschaftsliberalen Kurs leidenschaftlich in ihren Schriften propagierte. Also hatte sie jede Ethik nur insofern gelten lassen, wenn in ihr individuelle Interessen die Oberhand behalten. Sie vertrat einen uneingeschränkten Kapitalismus und in jedem Kollektivismus sah sie die Einschränkung der Individualität. So war sie zur meist gelesenen Autorin geworden. Auch nach ihrem Tod 1982 waren die politischen Schriften gern gelesen worden.
Seit den 60er Jahren formierte sich eine weitere konservative Bewegung, die den Kampf sowohl gegen ein „Big Government“ zum Motiv ihrer Politik wählte, sich auch entschieden gegen die Sowjetunion in Position brachte. Der Kalte Krieg geriet in seine entscheidende und „heiße“ Phase. Diese Neokonservativen änderten die oft wiederholten und bekannten Grundsätze von „Old Right“. Sie waren nun „kriegsbereit“, sahen darin eine patriotische Pflicht, und zu aller Überraschung schätzten sie ihren starken Staat als Grundlage der amerikanischen Weltmacht. Nun war nicht der Fortschritt im Fokus der gesellschaftspolitischen Ziele, sondern weit mehr der heroische Kampf gegen das „Böse“. Die Sowjetunion war die Verkörperung des Bösen und wurde fast wie der leibhaftige Teufel gehasst. Inmitten dieser erzkonservativ-amerikanischen Position schlich sich auch die Überzeugung ein, die USA würden einen besonderen Auftrag zu erfüllen haben und verlieh den politischen Intentionen ein „Sendungsbewusstsein“, das überall in der Welt belächelt wurde. Ein begeisterter Kämpfer gegen das Böse war der Publizist, Irving Kristol (1920-2008). Mit den Altkonservativen teilte er die Überzeugung, dass Moral ein Ergebnis von Traditionen ist. Deren wichtigste Funktion ist, die politische Ordnung zu bewahren. Kristol war davon überzeugt, den politischen Zweck mit allen Mitteln zu erreichen: „Wir sind Utilitaristen, keine Moralisten. Unser Ziel ist die Wohlfahrt postindustrieller Gesellschaft, nicht die Wiederbelebung eines Goldenen Zeitalters.“ Jetzt war die Jumelage mit dem Neoliberalismus perfekt. Die plausible Engführung von Moral und politischer Ordnung brachte Ronald Reagan (1911-2004) an die Macht. Das Programm war daher klar: Globalisierung der Wirtschaft und US-amerikanische Vormachtstellung in der Welt. In direkter Linie spielte diese Überzeugung, ja politisches Glaubensbekenntnis, in die Hände des älteren George Bush (1924-2018). Hier neoliberal, da außenpolitisch interventionistisch. Das führte Bush den Älteren in die Kriege gegen Irak und Afghanistan. Früher hatte Trump diesen Interventionismus schwer kritisiert. Das hinderte die Neokonservativen nicht, ihn zu unterstützen. Die frühesten Unterstützer Trumps waren John Bolton (1948), der immerhin sich nach seiner Entlassung aus Trumps Diensten sich eindeutig gegen weitere Machtaspirationen gestellt hatte, und Michael Pompeo (1963). Pompeo war dann Trumps Außenminister. Beide beeinflussten die Außenpolitik gegenüber dem Iran, Bolton sah schließlich die versäumte Chance als schweren Fehler, den Iran nicht vom Atomprogramm abgebracht zu haben. Die Möglichkeit hätte bestanden. Sehr große Unterschiede waren zwischen Bolton und der offiziellen Syrien- und Koreapolitik erkennbar, die nicht alle Neokonservativen mit Trump teilten.
Und die Politik ab den 60er Jahren?
Die Drehscheibe im US-Nachkriegskonservativismus war der Philosoph Leo Strauss (1899-1973). Strauss war schnell in aller Munde, denn am Beginn seiner Karriere holte er zu einem Rundumschlag aus, der sowohl den Liberalismus, dessen wirtschaftliches Gewand, als auch die gut situierte Bürgerlichkeit traf. Bei Leo Strauss war schnell klar, dass der Nutzen über die Tugenden zu stellen ist. Eilten und Adel, also europäische Geschichte, waren ihm insgesamt nicht geheuer. Er diagnostizierte, dass das Bürgertum grundsätzlich politisch instabil ist, da es über kein solides Wertfundament verfügt. Das Bürgertum sei wie „ein Fähnchen im Wind“, ja sein Hauptmerkmal ist ein politischer Opportunismus, der sich sogar in der Art eines „Vorauskonformismus“ zu erkennen gibt, So ist das Bürgertum zu beliebigen Anpassungen fähig. Leidtragender dieser charakterlichen Mängel ist der Staat selbst, vor allem, wenn er seinen Kurs an der bürgerlichen Wohlfahrt ausrichten will. Strauss hatte erhebliche Zweifel an der Urteilsfähigkeit des Volkes, der Menge. Mit schamloser Offenheit rät er dem politischen Akteur zum Schwindel, empfiehlt Halbwahrheiten zu verkünden. In vielen Texten liest man die versteckten Aufforderungen zu Tricks und Täuschungen, um das Staatsschiff auf Kurs zu halten. Man kann sogar behaupten, Strauss sei der zweite Macchiavelli, denn er würde an Politikers Stelle nichts unversucht lassen, seinen Vorteil zu wahren.
Das war auch der Grund, weshalb sein Schüler Allan Bloom (1930-1992) kulturkritische Essays über den moralischen Verfall der USA schrieb. Im „Decline of the American Spirit“ hatte er die Universitäten bezichtigt, in den Ausbildungsprogrammen vom Geist und Anforderungsprofil der Wissenschaften weit entfernt zu sein. Aus gesellschaftspolitischen Erwägungen missbraucht man die Universitäten zu Agenturen von Gleichheit und Gleichbehandlung und verwechselt sie mit den Instrumenten der Sozialpolitik. Damit würde die Pflicht zur wissenschaftlichen Erkenntnis nicht nur verletzt, sondern die künftigen Mängel in der Ausbildung werden auch nicht ausbleiben. Die Neokonservativen folgten dieser Einsicht und teilten auch die Diagnose vom allgemeinen Verfall der Bildungsinstitutionen: Es war parallel dazu auch die Analyse und Diagnose von Staat und Gesellschaft bei Francis Fukuyama (1952) und Paul Wolfowitz (1943). Sie waren Blooms Schüler gewesen und durch ihn waren sie darauf trainiert, die allgemeine Entwicklung zu beurteilen. Speziell Fukuyama hatte die westliche Welt überhaupt mit dem Ende der Geschichte konfrontiert. In einem Hegel-Verschnitt attestierte er dem Weltgeist, müde geworden zu sein. Ausgangspunkt war der berühmte Satz Hegels: „Wie die Eule der Minerva zu fliegen beginnt, wenn die Dunkelheit bereits eingesetzt hat, blüht die Philosophie auf, wenn eine Geschichte an ihr Ende gelangt.“ Er sah, dass auch für die Sowjetunion das Ende gekommen ist, sodass die politische Form der liberalen Demokratie übrig bleibt. Doch war er von den beiden Lehrern beeinflusst worden, von Allan Bloom, dem Analytiker des Niedergangs, und von Samuel Huntington, der im „Clash of Civilization“ die künftige Geschichte als Kampf zwischen Zivilisationen beschreibt. Der erste Theoretiker, der diese Annahme publizierte, war weiterhin unbekannt geblieben, Ludwig Gumplowicz, der noch vor 1900 in Graz Ähnliches im „Rassenkampf“ befürchtet hatte.
Fukuyama war unter Reagan und dem älteren Bush Strategieberater der amerikanischen Außenpolitik gewesen, Bloom war hingegen zum Berater des Präsidenten Reagan aufgestiegen. Im Gegensatz zu Fukuyama war Wolfowitz unter George Bush dem Älteren Berater geworden und zugleich der Motor der globalen Verbreitung des „Modell des Westen“ in allen Belangen.
Sie alle liefen unter der Bezeichnung sogenannter „East-Coast-Straussians“, die bald von den „West-Coast-Straussians“ unterschieden wurden. Die „West-Coast-Straussians“ fanden ihren Mentor in Harry Jaffa (1918-2015). Sie scharten sich ums kalifornische „Claremont Institute“, setzten die bei Konservativen häufig bevorzugte Linie des Isolationismus fort und plädierten für einen strikten Kurswechsel in der amerikanischen Politik. Eigentlich wollten Sie den Ausstieg der USA aus der Weltpolitik. Sie wollten also das Ende der Globalisierung erreichen und dass sollte der Tenor der US-amerikanischen Außenpolitik sein. Ein anderer der Gruppe, Michael Anton (1969), befürwortete für die USA unter Berufung auf Leo Strauss das politische Modell des Caesarismus. Ebenso plädierte er für einen „neuen Caesar“, der allerdings die politische Ordnung zuerst suspendieren muss, um sie erneuert wieder zu errichten. Das ist vermutlich ein politisches Motiv bei Donald Trump. Man kann diese Tradition auch so interpretieren, dass seit den 70er Jahren es durchaus denkbar war, einmal Wirtschaft, Kulturleben, Bildungseinrichtungen auf „Null“ hinunterzufahren, um dann neu anfangen zu können. Hier muss man die spezielle Art des US-Konservativismus in Erinnerung rufen, der sich im ersten Schritt die Zerstörung der gewachsenen politischen Ordnung vorstellen kann. Damals hätte man diese Hypothese für absurd abgetan, seit Trump ist sie es nicht mehr. Der Unterstützer dieser These, Peter Thiel (1967), sah überhaupt bereits ein „Straussian Moment“ in der Gegenwart, nämlich die Ankündigung einer Situation, in der alles ungewiss wird, ja sogar mit der bewussten Prekarisierung der Gesellschaft gerechnet wird. Gleich am Beginn seiner Gedanken zweifelte Peter Thiel an den Kräften des „Westens“, sich künftig gegenüber den Feinden zu behaupten. Der „Westen“ verfüge auch über keine Selbstheilungskräfte. Also müsse der „Westen“ auf den Pfad der Tugend zurückgeführt werden. Die „constitutional machinery“ samt ihren „cheks und balances“ hindere die Begabten, Talentierten, Männer mit Intentionen ihre Fähigkeiten in die Waagschale der Politik zu werfen, um die alte Republik wieder herzustellen. Also müssen man die Alte Republik zuerst hinwegfegen. Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand, dass Trump diese Positionen nicht nur kannte, sondern teilweise im engen Umgang sich von diesen anregen ließ, Ähnliches zu versuchen. Sind also die absurden Lügen, irrationalen Extempores nur dazu da, diesen höheren ordnungsbildenden Zweck samt der Voraussetzung der vorausgehenden Zerstörung zu erfüllen, den er bislang vor der Öffentlichkeit verbarg? Es wird eine Hypothese bleiben. Vor allem nötigt es den Präsidenten, bei der rastlos rasenden Umgestaltung das Tempo beizubehalten. Dennoch hatte Strauss angenommen, dass Trump einem erratischen Liberalismus anzuhängen scheint, den er früher heftig kritisiert hatte?
Die 80er Jahre
Die 80er Jahre waren von einer neuerlichen Wende charakterisiert, wobei die Konservativen jetzt im Paläokonservativismus gesehen wurden. Das hatte sehr viel mit Leo Strauss zu tun. Noch hatte man ihn für fortschrittlich gehalten, für einen verkappten Liberalen. Er schien zwar altmodisch zu sein, was ja dadurch bewiesen ist, da Strauss in den 50er Jahren noch demokratisch gewählt hatte. Die Themen werden aber gewechselt. Reuig kehrten auch die Paläokonservativen in den Schoß der „Old Rights“ zurück. Das ging nicht ohne Erfüllung diverser Wünsche: Die Regierung müsse die Beamtenschaft reduzieren, die USA sollte ihre Bedeutung in der Weltpolitik erheblich verringern, allfällige „Mangelerscheinungen“ im Konsumangebot durch Protektionismus kompensieren. Es waren durchwegs merkwürdige Ratschläge, die bewusst bis an die Grenze legaler Verwaltung gegangen waren. Also konnte man sich vorstellen, dass die Regierung, regelmäßig bis Trump mit der Forderung nach einem Minimum an Bürokratie konfrontiert wird, auch dem Wunsch nachkommen soll, sich aus dieser verdammten verflochtenen Welt herauszuhalten und allfällige Mangelerscheinungen sind durch Protektionismus zu kompensieren. Was es in den USA nicht gibt, aber benötigt wird, könne man selbst im Isolationismus importieren. Erstmals werden Migrationsprobleme laut, erstmals zerbricht man sich den Kopf, wie denn diesen Wanderungsbewegungen vom Süden nach Norden Einhalt zu gebieten ist.
Die Paläokonservativen begegnen dem Multi-Kulti-Egalitarismus der Neocons mit dem Glaubensbekenntnis an eine natürliche Hierarchie, an Familie und Patriotismus. Jetzt entflammen die Studentenproteste auch in den USA und die Schüler von Herbert Marcuse (1898-1979) machen von sich reden: Paul Gottfried (1941) oder der Publizist Sam Francis (1947-2005). Francis ärgerte der aufgeblähte Mechanismus des Staates. Dieser aufgeblähte Staat ist es, der die Vorteile der Demokratie auffrisst. Kein Wunder, merkte Francis an, denn die Regierung befinde sich in den Klauen dieser „technokratisch-kleptokratischen Klasse. Noch wird das Begriffsinventar der politischen Kritik nicht bemerkt, aber es kommt in den Analysen des „technokratisch-kleptokratischen“ Staats zum Vorschein. Das Remedium wäre die Wiederentdeckung des weißen Amerikaners. Dem weißen Mann wird aber von Medien und Universitäten der Kopf verdreht. Francis nutzte seinen Einfluss auf seinen Mäzen Pat Buchanan (1938), einem republikanischen Politiker und Kommunikationschef im Weißen Haus unter Reagan. So entstand das Verlangen, dass sich alles ändern muss. Die Stunde schlug diesem neuen Geist bei den Wahlen 1992 und 1996, die aber Francis nicht mehr erlebte. Man sagt, dessen Gedankenwelt sei die Blaupause des politischen Programms von Trump. Diese Hypothese ist schwer haltbar, aber sie reift zusehends heran.
Und die 90er Jahre?
Jetzt stellt sich heraus, dass für die nächste Generation Konservativer die Neo- und Paläocons keine ausreichende Anziehungskraft besitzen. Die „Old-Right-Bewegung“ kann mit deren Kriterien wenig anfangen. Dank der medialen Läuterung entstand ein Sammelbecken für Lifestyle-Rechte, deren Zulauf aus den Reihen der White Supremacists, den erwachten Neonazis, den Kulturkämpfern gegen Transgender und aus der Aufmerksamkeit der Wokeness gekommen war. In ihr wurde Steve Bannon (1953) groß, Trumps Chefstratege bis 2017.
Allerdings beim Sturm aufs Kapitol am 6. Jänner 2021 konnte man sie sehen, die Reservearmee der Empörten. Da war nur angedeutet worden, was geschehen kann. Die „Old-Rights“ haben nur Spott und Hohn über für staatliche Ordnung oder demokratische Traditionen, für Gerichte und Ordnungskräfte. Man weiß seit 2021 von der Drohung, durch Aufstand und Bürgerkrieg und Chaos die Macht über den Ausnahmezustand zu besitzen.
Und seit den 90er Jahren?
Die religiöse Indifferenz der „Old Rights“, die in Gebaren, Kleidung, Tätowierung deutlich aufmerksam machen möchten, sie befänden sich wieder im vorchristlichen Heidentum, rufen den Widerstand der „Theocons“ auf den Plan. Es sind ebenfalls Krieger der Kulturen, berufen sich aber bei ihrem Feldzug auf die Bibel. Sie wissen, dass alles Handeln vom Segen Gottes begleitet wird. Die Kriterien sind regelmäßig der Widerspruch zur gesellschaftlichen Alltagspraxis: Abtreibungsverbot, Ehemonopol für Heteros, die Schöpfungslehre im Schulunterricht aber kreationistisch. Es sollen Maßnahmen sein, die den Sittenverfall, den Mangel an öffentlicher Sicherheit und Ordnungsverlust anhalten. So sind die evangelikalen Christen die wichtigsten Förderer und Unterstützer von Trump und ihnen begegnet man überall, in Schulen, in Ämtern, bei Gericht. Es sind die braven Bürger, wohlgesittet, schamhaft, auch überzeugt, dass Trump die USA ins neue Jerusalem verwandelt. Parallel dazu existiert die postliberale Bewegung, die Obama sehr förderte. Sie ist mehrheitlich katholisch und deren Vordenker ist Patrick J. Deneen (1964) mit dem Buch „Why Liberalism failed“. Hier liest man über die Schattenseiten des Liberalismus und Deneen will einen sozialkonservativen „Regime Change“ erreichen. Der Punkt, wo diese Ansätze einige Berechtigung haben, liegt am Umstand, dass Neoliberalismus und die Ablenkungsmanöver der „Wokeness“ zu Armut und Spaltung der Gesellschaft führten.
Nun muss man den Begriff „Wokeness“ näher bestimmen. Entstanden war er in den 30er Jahren, war anfänglich als Aufmerksamkeit gegenüber Diskriminierung und Vorurteil gedacht. Das Ergebnis soll eine Selbstkontrolle sein, die Verhütung unbedachter Annäherung an rassendiskriminierende Gruppen oder gar unbedachte Äußerungen, die rassistisch verstanden werden können, sollten unterlassen werden. Daher war das Wort „Wokeness“ zuerst in der afro-amerikanischen Umgangssprache geläufig. Bald widerfuhr dem Begriff aber eine inflationäre Entwicklung, denn nicht nur das Gebot der Selbstkontrolle verleitete zur Selbstgerechtigkeit, die recht gut zur „puritanischen Moral-Zelebration“ passte, sondern es war auch die Anwendung bis in die Bereiche eines Woke-Capitalism oder in ein Woke-Washing vorgedrungen. 2014 war der Begriff wieder mondän geworden: nach der Erschießung von Michael Brown Ferguson durch die Polizei machte „Wokeness“ wieder die Runde. Einerseits durchlief der Begriff die schwarz-amerikanische Minderheit, die aber bald die Vergeblichkeit dieser Art von Selbstkontrolle bemerkt hatte, ja diese auch in Frage zu stellen begann. Daraus war eine Art der Anti-Elite hervorgegangen, die man gemäß „Wokeness“ ebenso ablehnen sollte, da nun die Diskriminierung den umgekehrten Weg einschlug. Zur Popularisierung von Wokeness trug ein Lied von Redbones bei, „Childisch Gambino“, oder war die Initialzündung für die MeToo-Bewegung oder „Time´s Up“. Immer öfter wurde es zu einer Taktik der Aufmerksamkeit gegenüber anderen und die selbstbezogene Reflexion war selten geworden.
Patrick Deneen war nun der ernst zu nehmende Publizist, der aber nicht den Weg zum Marxismus nehmen wollte, sondern zum Kommunitarismus, letztlich zu einem pragmatischen Programm der Aussöhnungen. Es sind hochherzige Ziele gewesen, doch je versöhnlicher sie klingen, desto größer wird die Distanz zu Trumps Politik werden.
Und die US-Politik seit 2007?
Die Neoreaktionäre, die bis in höchste Vermögensstufen zu finden sind, kümmern sich weder um Kulturkampf, noch um Religion oder Sozialreform. Der gegenwärtige Zustand des Landes kommt den Neoreaktionären sehr entgegen. Sie verdienen mehr denn je. Das lässt sie auf die Idee kommen, diesen Zustand nach Möglichkeit für immer beizubehalten. Das nährt die Hoffnung, man könne hier eine Neo-Monarchie anpeilen. Allerdings müsste dieser „Kaiser“ das Land wie ein Unternehmen führen mit eiserner Hand und neuem Besen. Dieser krause Gedanke ging vom Silicon Valley aus, der Wortführer war ein Programmierer und Blogger in Philosophie: Curtis Yarvin (1973). Er sieht im Land einen „Deep State“, verrottet und verkommen, die Demokratie zur Farce degradiert. Yarvin träumt davon, dass es eine neue Einigkeit geben kann, wie damals um 1780. Die Einheit soll die fortschrittliche Glaubensallianz zwischen Medien, Universitäten, Bürokratie vereinen und zugleich den politischen Konsens zwischen Demokraten und Republikanern stiften. Auf dieser Grundlage könne eine neue Politik entstehen. Yarvin nennt es „The Cathedral“. Die größte Gefahr geht von den Oligarchen aus, denn diese wollen den Staat in Ruhe ausplündern. Also schwärmt Yarvin vom Monarchen, der alles zusammenhält und wie in einem romantischen Schauspiel bei Ferdinand Raimund als Präsident einen Landesvater ersehnt. Der Monarch könne so agieren wie Washington und die Regierung führt ein Hamilton. Peter Thiel und der Vizepräsident J. D. Vance zählen zum Freundeskreis von Yarvin….
So haben wir im Ablauf der Jahrzehnte den US-amerikanischen Konservativismus vor Augen, der
1. noch rechtschaffen bei den Gründungsvätern die politische Disposition bestimmte, aber
2. im Verlauf 100 Jahre später von klassischen Themen des „Old Right“ dominiert wurde. Um 1960 galt für konservativ
3. eine weltpolitische Sendung in scharfer Front gegen die Sowjetunion und der „Westen“ galt verbindlich als politisches Modell. Es war das Thema Dutzender Politologen über Jahrzehnte, die ihre Hörer auf dieses Modell einschworen und überzeugt waren, dass dieses Modell stets am Ende jeder Entwicklung nahezu automatisch sich einbürgert.
4. galt Konservativismus in den USA als Position von Leo Strauss, nämlich moralischen Verfall zu beklagen, dessen Ursache im Liberalismus gesehen wurde. Daraus entstand
5. der Neokonservativismus nach Francis Fukuyama und Paul Wolfowitz. Dagegen stellte sich während der 80er Jahre
6. der Paläokonservativismus, also die Wiedererweckung längst vergessener politischer Positionen. In den 90er Jahren entwickelte sich 7. der Theokonservativismus, der sich auf die Bedeutung der evangelikalen und katholisch orientierten Gruppen stützt. In ihnen wird eine pseudo-traditionale Überzeugung vertreten, die sich über die Interpretation der Bibel legitimiert sieht. Ab 2007 gewinnen
8. die Neoreaktionäre an Bedeutung, die nicht den Kulturkampf fortsetzen wollen wie die Theokonservativen, sondern einfach ein monarchisches Prinzip der Staatsführung wünschen.
Nun wurde in der bisherigen Darstellung die politische Geschichte der USA teils gestreift, teils wiederholt, zumindest auf die Frage zugespitzt, ob Trump in dieser Kontinuität amerikanischer Seltsamkeiten zu sehen ist. Die bisherigen Erläuterungen haben teilweise die Frage beantwortet und in Trump eine Fortsetzung der verschiedenen konservativen Richtungen vermuten. Immer mehr scheinen sich diese politischen Überzeugungen von der Zeit der „Gründerväter“ der USA entfernt zu haben. Nun kann auch dieser Wandel und die Verbreitung der Inhalte aus der Rolle der Medien abgeleitet werden.
Politisch entscheidend war wohl die Entdeckung der Werbung für den Einfluss auf Mentalität und Bewusstsein. Die Beeinflussung der Konsumenten in der Reklame, konzipiert im sozialpsychologischen Entwurf durch einen Neffen Sigmund Freuds, Edward Bernays (1891-1995, war zuerst als „Propaganda“ (1928) von der Zigarettenfirma „Marlboro“ angewendet worden. Bernays hatte den Konzern während der Wirtschaftskrise 1929 in den USA beraten und unter anderem Frauen als neue Zielgruppe gewonnen. Dieses Erfolgsrezept war bald in der politischen Propaganda und Wahlwerbung in den 30er Jahren eingesetzt worden. Die Berühmtheit dieses Konzepts war weltweit rezipiert worden, weshalb das Buch von Bernays zur Lieblingslektüre von Josef Goebbels wurde.
Wenn man dann für die konservative Mentalität die Dokumentation „Zivilcourage“ von John Kennedy (1917-1963) zur Erklärung heranzieht, so kommt darin keine Person vor, die mit Trump verglichen werden kann, doch es zeigt die politische Bedeutung des zivilen Ungehorsams. Die dargestellten Senatoren oder Gouverneure folgen in ihrem Handeln dem Druck ihrer politisch-moralischen Überzeugung und interpretieren in dieser Weise ihr imperatives Mandat. Diese politische Verantwortung war bei den historischen Persönlichkeiten der amerikanischen Geschichte fast wie ein verbindlicher Verfassungsartikels befolgt worden. In Trump steckt zwar auch ziviler Ungehorsam, ist vielleicht die sehr freizügige Handhabung seiner unkonventionellen Geschäftspraxis, aber es ist nicht jener Ungehorsam, der einmal aus einem Befehlsverweigerer einen Maria-Theresienritter machte. Trump ist als Präsident seiner öffentlichen Rolle gegenüber ungehorsam. Bei Trump ist es das Willkürliche, die Neigung zum Schwadronieren, die seine Halbbildung deutlich zu erkennen geben. Wir müssen erst lernen, in Millionären Halbgebildete zu sehen, da wir bisher in diesen die Perfektion des Humanen vermuteten.
Nun beschäftigt uns eine genuin philosophische Frage. Was bedeutet es, wenn die Aussagen von Trump das problematische Verhältnis zur Wahrheit offenbaren, wie er „alternative Fakten“ schafft und sie als tatsächlich und wirklich hinstellt. Das mag zwar zum Teil aus seiner kaum erträglichen Überheblichkeit stammen, mit der er seine Erfolge nie unter den Scheffel stellt, jedoch alles andere schildert er nach Belieben wie Baron Münchhausen. Er behauptet, Demokraten, Bürokraten und Immigranten sind für diese prekäre Lage verantwortlich. Alles klingt wie die düstere Prognose eines Paranoikers. Demokraten würden Säuglinge hinrichten, begünstigen die Einwanderung von Kriminellen und Beamte stinken vor Faulheit. In der ersten Amtszeit zählte die „Washington Post“ 30573 „falsche oder irreführende Aussagen“.
Nun kann man der Philosophie den Vorwurf nicht ersparen, an dieser Wahrheitsmisere einige Mitschuld zu haben. Die französische Postmoderne hat ein Klima geschaffen, in dem man sich von der Vorstellung objektiver Wahrheit verabschiedete. Will man es genau nehmen, hätte man im Grunde Trump nichts entgegenzusetzen. Denker wie Jacques Derrida (1930-2004), Gilles Deleuze (1925-1995) behaupteten, dass es in Wirklichkeit nur vermeintliche Wahrheiten gibt, Resultate von Sprache und Macht. Die Wahrheit hängt von den Ergebnissen der „Diskurse“ und „Dispositive“ ab. Das trifft aber bei Trump nicht zu, da seine Aussagen kein Ergebnis eines methodischen Denkens sind, sondern eher seinem Eskapismus entspringen.
Nun gelten „bei Amerikanern“ etwas andere Gepflogenheiten des Denkens und der Dialoge. In den Literatur- und Kulturwissenschaften haben Christopher J. Scalia und Pascal Engel (1954) eindeutig behauptet, dass es eine inneramerikanische Denkströmung gibt, die der Postfaktizität einige Relevanz zubilligt – dem Pragmatismus. Schon im Redestiel scheint diese Hands-on-Mentalität des Pragmatismus besser zu Trump zu passen als eine hermetische, verkopft-verspielte Denkweise französischer Poststrukturalisten. Barak Obama (1961) selbst bemerkte 2016, Trump sei nicht ideologisch, sondern „pragmatisch“, wobei man alle beiden Augen zudrücken muss, um diese Einschätzung durchgehen zu lassen.
Was ist das also, der Pragmatismus bei Trump?
Will man Trump nach diesem Gesichtspunkt prüfen, muss man unter Anleitung von Ludwig Marcuse (1894-1971) ins amerikanische Denken des 19. Jahrhunderts einkehren. In Massachusetts entstand der Pragmatismus und dessen Wahrheitsbegriff hat William James (1842- 1910) klar formuliert. Da heißt es: „Wahrheit besteht in der Übereinstimmung der Gedanken mit der Realität, wie sie an sich ist.“ Für Europäer sei kurz daran erinnert, dass es in der Scholastik lautete: Adaequatio rei et intellectus. Es heißt also, die Wahrheit besteht an und für sich, sie existiert und ist unveränderlich. William James modifiziert recht geschickt, weil eben pragmatisch: Wahrheit vollzieht sich in der Bestätigung durch unsere Erfahrung. Und die Bestätigung besteht daraus, dass sich eine Vorstellung von Wahrheit sich gleichzeitig auch als förderlich erweist oder nützlich. Es erweist sich also die Aussage als wahr, man kann sagen: doppelt wahr, wenn sich mit ihr eine nützliche Funktion verbindet. So scheinen die Pragmatisten eine bewundernswerte wie bewunderte Normalität zu verkörpern, die sich bei ihnen wie ein Realitätsprinzip regelmäßig einstellt. Erst unter einer Wiederholung dieser klaren Ermittlungen von Wirklichkeit und Wahrheit, kann man schließlich das Verhältnis zur Wahrheit bei Trump nachvollziehen. Dieses Verhältnis wird von ihm sicherlich nie als prekär wahrgenommen, Die Wahrheit wird über den Willensakt real. James schrieb demgemäß: „Für unsere Vorstellungen zahlt es sich aus, bestätigt zu werden. Unsere Verpflichtung, nach Wahrheit zu suchen, ist Teil unserer allgemeinen Verpflichtung, das zu tun, was sich auszahlt…Die gleichen Gründe finden wir im Fall von Reichtum und Gesundheit. Die Wahrheit erhebt keine andere Art von Anspruch und legt uns keine andere Art der Verpflichtung auf als gesund und reich zu sein. Alle diese Ansprüche sind bedingt; es sind die konkreten Vorteile, die wir meinen, wenn wir das Streben eine Verpflichtung nennen.“ James beschreibt hier die Wahrheit aus einem ökonomischen und darwinistischen Begriffsinventar. Also vergrößert sie das, was unsere Handlungsfähigkeit ausmacht. Die Wahrheit ist offenbar das, was sich lohnt und dem Leben dient.
Mag James da und dort beteuert haben, dass er nie Relativismus oder gar Willkür gemeint hat, eine unwahre Vorstellung würde sich ja in der Wirklichkeit auf Dauer nicht bewähren, so ist es schwer ihm das nicht vorzuwerfen. Die einzige Kontrollmöglichkeit liegt in unserer Vorstellungskraft, da deren Wahrnehmungen zu unseren bisherigen Vorstellungen passen müssen. Nun wird man so vernünftig sein und Phantastereien nicht die Qualität einer Wahrheit zuschreiben. Heißt es aber nicht, dass eine Behauptung, die sich in der Wirklichkeit bezahlt macht, wahr ist? Man kann also sagen, sollten die Anhänger von Trump dessen Lügen Glauben schenken, was ihm ja zur Macht verhilft, könnte man darin eine Form der Verifikation erblicken – eine „Bewahrheitung“.
Nun finden sich Ähnlichkeiten solcher Ausführungen immer bei den Pragmatisten. Für John Dewey (1859-1952) ist Wahrheit, was befriedigt. Richard Rorty (1931-2007) war überzeugt, von seiner Annahme, dass es eine Vielzahl vorläufiger Wahrheiten gibt, die sich als nützlich erweisen müssen. Für Rorty war die Vorstellung, dass es nur eine objektive Wahrheit gibt ein Götzenbild ohne praktische Relevanz. Im Kommentar dazu formulierte Mark Edmundson (1954) von der Virginia University, dass Rorty als Philosoph die Wahl von Trump vorhersagte. In seinem Buch „Stolz auf unser Land“ 1998 meinte Rorty, dass man im wechselhaften politischen Kontext „einfach so tun müsse, als ob die Wahrheit für eine Weile in den Urlaub gegangen wäre.“
Nun war die europäische Rezeption des Pragmatismus nicht immer freundlich und erfreulich. Man vermutete zu Recht, dass diese geschickte Argumentation eine Variante des amerikanischen Erfolgs- und Profitstrebens entsprach. Max Horkheimer (1895-1973) sah im Pragmatismus die kongeniale Version zur „instrumentellen Vernunft“, ja darin äußert sich außerhalb jedes meditativen und kritischen Nachdenkens „mit einer fast entwaffnenden Aufrichtigkeit der Geist der bestehenden Geschäftskultur.“ Nun nimmt es nicht wunder, dass der Pragmatismus mit dem Siegeslauf in der Zeit der technischen Innovationen begann, im wirtschaftlichen Aufschwung, in der Stahl- und Ölindustrie, bei den Eisenbahnunternehmen und dem Investmentbanking. Dass diesem Aufschwung die Korruption folgte, war zu erwarten. Im Pragmatismus ist auch die bedauerliche Infektion erkennbar, die einer Idee mit wirtschaftlichem Erfolg die Auszeichnung eines beinahe göttlichen Gnadenstandes verleiht. Das durchtränkte die amerikanische Alltagskultur. So wurde Meditation oder gar Grübeln Zeitverschwendung und begünstigte die Annahme, dass flexible Anpassung weiter trägt als Prinzipien.
Diese Vorwürfe führten zu leidenschaftlichen Protesten. Da wird der Pragmatismus als fortschrittliche, die Liberalität fördernde und demokratisierende Kraft gesehen, die eine enge Beziehung zur Empirie einging und ohne die die Naturwissenschaften nicht denkbar sind. Der Pragmatismus stand also diesen Erfolgen Pate. Freilich ist mit diesem Verweis auf Fakten und Empirie das Wahrheitsproblem im Pragmatismus nicht gelöst. Noch immer besteht die Überzeugung, Wahrheit bewahrheitet sich über das Kriterium der Nützlichkeit. Dass damit die Nachbarschaft zwischen Ethik und Wahrheit in die Brüche geht, liegt auf der Hand. Entsprechend dieser Grundhaltung im Alltag werden auch Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit in diesen Funktionsablauf einbezogen, gelten also nur kraft von Erfahrungen, und sind vorläufig, von Konventionen und Traditionen bedrängt. Mit dieser Relativierung, diee in alle Bereiche eindringt, wird es denkbar, mit welcher Begründung wir Fakten richtig wiederzugeben haben?
Nun stehen wir genau in dieser Postfaktizität. Trump ist von den vielen Texten sicher unberührt. Er lebt diesen Pragmatismus und sein Erfolg erlaubt ihm, die nötigen Reflexionen zu vergessen. Im Pragmatismus spiegelt sich die Moderne wieder, in der Erosion des Wahrheitsbegriffs. In der postmetaphysischen und kapitalistischen Gegenwart ist der Relativismus das oft eingenommene und auch missbrauchte Allheilmittel. Bei Trump findet diese Moderne ihre groteske Zuspitzung.
So wird man zur Charakterisierung dieses US-amerikanischen Präsidenten wieder zu Eduard Meyer zurückkehren müssen. In seiner Darstellung der letzten 40 Jahre der römischen Republik beschreibt er einen der Hauptakteure schonungslos. Wie beim Zitat am Beginn ist auch hier die Relevanz gegeben. Wieder steht der 23-jährige Pompejus im Mittelpunkt:
„Die rücksichtslose Art, mit der Pompejus immer wieder die Partei wechselte und seine Anhänger und Werkzeuge kühl fallen ließ, die Heuchelei, mit der er seine Absichten zu verhüllen suchte und verlangte, dass ihm, dem scheinbaren Widerstrebenden, die Stellung aufgedrängt werde, die er im Herzen begehrte, nicht weil er sich über Gesetz und Moral hinwegsetzte – tiefere ethische Empfindungen lagen ihm ganz fern -, sondern weil er die formale Korrektheit, die ihm imponierte, nicht beobachten konnte, das alles sind abstoßende Züge und zeigen ganz wie sein äußerst charakteristisches Portrait die kleine, verschmitzte Persönlichkeit, die die Rolle eines großen spielen möchte, der sie in keiner Weise gewachsen ist. ….In Wirklichkeit treten Pompejus´ politische Anschauungen und Absichten aus seiner gesamten Laufbahn ganz klar und unzweideutig hervor. Der Gedanke, die Republik zu stürzen und sich zum Monarchen zu machen, lag ihm fern, und die Versuchung, die im Jahr 70 wie im Jahr 62 an ihn herantrat, sich an der Spitze einer ihm völlig ergebenen Armee offen gegen die Regierung aufzulehnen wie Caesar und sich durch einen Staatsstreich der Alleinherrschaft zu bemächtigen, hat er beide Male abgewiesen und sein Heer entlassen, wenn auch im Jahre 70 erst nach langem Zögern und nachdem er seine Absichten durchgesetzt hatte. Der Krieg zwischen Caesar und Pompejus war nicht etwa, wie er oft ….dargestellt ist, der Kampf zweier Prätendenten um das Königtum.“ Vielmehr sind es drei Gestaltungen des Staats, die hier miteinander ringen: (1.) die alte Republik in der Form der Senatsherrschaft – die sogenannte Demokratie, das heißt die Herrschaft der Kapitalisten, und rivalisierend neben ihr die des hauptstädtischen Pöbels, war durch Sulla und bei ihrem nochmaligen Erhebungsversuch unter Lepidus und Marcus Brutus vernichtet, und lebt wohl noch als Ideal in einzelnen Köpfen, spielt aber politisch kaum eine Rolle mehr….“ (2.): „die absolute Monarchie Caesars, und zwischen ihnen diejenige Gestaltung, die Pompejus erstrebte, (also 3.): die militärische und politische Leitung des Staates durch den amtlosen Vertrauensmann des Senats und der Aristokratie…“
Natürlich geht Donald Trump nicht den gleichen Weg wie Pompejus in der Spätantike, aber wie so oft besitzen die entscheidenden Szenen bei allen Diktaturen eine fatale Ähnlichkeit. In erster Linie lernt man, wie die Institute der Staatsordnung ihre Funktionalität einbüßen, und der Dominator zunehmend aus dem politischen Verfassungsgeflecht herauswächst. Die Opposition degradiert sich selbst zur Zuschauerin und ebnet im Grunde den Weg zur Macht. So sind wir Zeugen einer Entwicklung, die darin ihren Antrieb erhält, das Recht, die Verfassung zu ignorieren, aber mit der Behauptung, jene erst zu verwirklichen. Diese formale Ableitung, wie diese seither immer wiederholt wird, ist keine Rechtfertigung im Rechtssinne, denn kein noch so gut gemeinter Zweck kann einen Rechtsbruch begründen. Das formale Merkmal, dem Trump immer näher kommt, liegt in der Selbstermächtigung höchster Autorität, die rechtlich imstande ist, das Recht aufzuheben und eine Diktatur zu autorisieren. Selbst die Herbeiführung eines den Prinzipien normativer Richtigkeit entsprechenden Zustands verleiht keine rechtliche Autorität. Es benötigt buchstäblich das Absterben des Staates, worüber überhaupt keine Klarheit besteht, da man den Eintritt des Staatstods stets nur ideologisch konstatiert, und daher der scheinbar überraschende Zugriff der Diktatur während der Agonie der staatlichen Organe erfolgt. Genau diesen staatlichen Hirntod will Trump erreichen….
PERSONENVERZEICHNIS
Adams Samuel 1722-1802
Bannon Steve 1953
Bernays Edward 1891-1995
Bismarck Otto 1815-1898
Bloom Allan 1930-1992
Bolton John 1948
Buchanan Pat 1938
Burke Edmund 1729-1797
Bush George 1924-2018
Deleuze Gilles 1925-1995
Deneen Patrich 1964
Derrida Jacques 1930-2004#
Dewey John 1859-1952
Engel Patrick 1954
Francis Sam 1947-2005
Freud Sigmund 1856-1939
Fukuyama Francis 1952
Goebbels Joseph 1897-1945
Habermas Jürgen 1929
Hamilton Alexander 1755-1804
Harris Kamala 1964
Horkheimer Max 1895-1973
Jackson Andrew 1767-1845
Jaffa Harvy 1918-2015
James William 1842-1910
Kennedy John 1917-1963
Kristol Irving 1920-2008
Marcuse Herbert 1898-1979
Marcuse Ludwig 1894-1971
Mencken Henry 1880-1956
Nietzsche Friedrich 1844-1900
Paine Thomas 1736-1809
Pompeijus Gnaeus 106-48
Rand Ayn 1905-1982
Reagan Ronals 1911-2004
Roosevelt Franklin 1882-1945
Rorty Richard 1931-2007
Scalia Christopher
Strauss Leo 1899-1973
Thiel Peter 1947
Trump Donald 1946
Trotzki Leo 1879-1940
Vance James 1984
Walz Tim 1964
Washington George 1732-1799
Weinheber Josef !()“-!)$%
Wilson Woodrow 1856-1924
Wolfowitz Paul 1943
Yarvin Curtis 1973