Gedanken Reinhold Knolls

Thema für das Wintersemester 2024/25

Nächster Vorlesungstermin im Wintersemester 2024/25

jeden Montag um 13Uhr15 bis 14Uhr45 ab 7.10.2024

im: Seminarraum H 10

Rathausstraße 19, Stiege 2 (Hochparterre)

Thema: Kriterien einer neuen Gesellschaft

Vorschau

Die Vorlesung ist die Fortsetzung der neuen Bestimmungen der Gesellschaft nach Bruno Latour. Damit werden die folgenden Kriterien behandelt: Die Auflösung gesellschaftlicher Kontinuität. Also stürzen sogar demokratische Rechtsstaaten in eine Vertrauenskrise, da sie ihre gesellschaftspolitische Kompetenz einbüßten. Wie Bruno Latour betonte, geraten selbst Verfassungen in die Legitimationskrise, da sie naturontologischen Forderungen nicht zu begegnen wissen. Die gesellschaftsontologische und damit politische Gestaltung gibt vor, dass es die traditionelle Gesellschaft noch gibt. Das ist nicht im vollen Umfang gewährleistet. Die Politik und politische Verwaltung sehen ihre Intention vornehmlich nur mehr an einer Absurditätsminimierung orientiert. Sehr schnell stellt sich die Frage, ob es Gesellschaft im herkömmlichen Sinn noch gibt?

Es waren die Sozialwissenschaften, die behaupteten, über Spezialisationen würden sie einerseits „Vergesellschaftungen“ erfinden können, andererseits würde Gesellschaft aus dem Geist der Soziologie erst geboren werden (Emile Durkheim). Damit erklären sich die Wandlungsphänomene von der industriellen Gesellschaft zur postindustriellen, von der Bildungsgesellschaft zur Freizeitgesellschaft, von der Risikogesellschaft zur Multioptionsgesellschaft. Das lässt die Vermutung zu, dass wir im Moment nicht zu wissen, in welcher Gesellschaft wir leben. Bruno Latour hat diese Zweifel an dem Beispiel gezeigt, dass wir über eine verbindliche Ordnung unserer Wahrnehmungen und Erfahrungen nicht mehr verfügen, also ist selbst die soziokulturelle Ordnungstradition aufgelöst. Diese Desorientierung war durch die elektronischen Medien stark beeinflusst worden.

Innerhalb dieser Entwicklung gelangten die Menschen in eine tachogene Weltfremdheit. Sie trat ein mit der Aufkündigung traditioneller Beziehungsformen, mit dem Ende von Verbindlichkeit und Aufrichtigkeit. Begünstigt wurde der Wandel durch den Prozess der Infantilisierung unserer Lebensformen. Sie waren das Produkt der Komplexitätsreduktionen geworden, die sich weniger auf Steigerung des Vertrauens und der Vergewisserungsmöglichkeit einstellten, sondern in der Tendenz der „Weltvereinfachung“ zu neuer Lebenslüge verleitete. Dass das Soziale in den Augen der Menschen noch vorhanden zu sein scheint, liegt an der Konstanzfiktion, die über Verkörperungen und Vergegenständlichung durch Körpersprache aufrecht erhalten wird. Daher kam es zur Glanzzeit des Orientierungsdatenproduktionsgewerbes mit der Zweigstelle der Fiktionskonfektion. Also meint man, Gesellschaft noch immer so darstellen zu könnent, als bestünde die Möglichkeit, mit einer weithin dogmatisierten – also veralteten – Sozialwissenschaft der 70er Jahre fortfahren zu können. Es wird sich für die empirische Sozialforschung als Schlag ins Kontor der Auftragsforschung erweisen.

Nun werden in weiterer Folge die Stabilisatoren gegenwärtigen menschlichen Zusammenlebens dargestellt, wodurch der Eindruck des gesellschaftlichen Fortbestands erweckt wird: Es wird der Bestand der Enttäuschung, Ernüchterung, Frustration als Negativitätsbedarf für die Hypothese verwendet, wonach sich in dieser Wechselwirtschaft zwischen Positiv- und Negativillusionen die Gesellschaft weiterhin konstituieren kann. Daher geraten wir in das Klima der hysterischen Ängste, die aber selbst bei Lösungen wegen der Änderungsträgheit im menschlichen Negativitätsbedarf dennoch vorhanden bleiben. So ist für die Menge „gleichzeitig lebender Menschen“ die Übelstandsnostalgie konstitutiv und erweist sich als wesentliches Kriterium  für die soziologische Vorannahme von Gesellschaft, die sich als tachogen und weltfremd erweist.  –  RK