Gedanken Reinhold Knolls

Ein Plädoyer für die Brennessel…

Es ist eine merkwürdige Eigenschaft der Natur, Annäherungen der Menschen aus Neugier oder Notdurft abzuwehren. Sie besitzt zwar keine moderne Mittel der Abwehr, Drahtzäune, Mauern und Verbotsschilder, aber die blaufrüchtige Kratzbeere erfüllt recht bald sogar entlang neuer Forststraßen diesen Wachdienst der Natur. Die rubus caesius bildet zum Leidwesen der Schwammerl-Sucher Hecken, ein undurchdringliches Gestrüpp, weshalb man lieber auf der Forststraße bleibt und auf den Genuss der Brombeeren verzichtet.  Jede Annäherung wird ohne Unterschied mit Kratzwunden bestraft oder die Dornen verkrallen sich in der Kleidung.

Wehmütig denkt man an die fast harmlosen Dornen der Wildrose, Die Heckenrose ist selbst an sonnigen Abschnitten des Weges inzwischen selten geworden.  

Es gibt aber wirkungsvollere Waffen der Natur. Immerhin zählt die unerwartete Soziabilität der Brombeere zur versöhnlichen Eigenschaft, nämlich auch als Heilpflanze zur Verfügung zu stehen. So berichten es noch Lehrbücher der „Excursionsflora“ aus 1897, ohne mitzuteilen, worin die therapeutische Wirkung besteht. „Bt. 2häusig, einzeln; Krb. groß, weiß; Fr. blauschwarz. B (Riesengeb.); hingegen B. getheilt, höchstens die obersten ungetheilt; Pfl. mehr oder weniger bestachtelt; niemals (außer bei verkümmerten Pfl.) einzeln….“
Nun waren früher Forstwege angenehm zu erwandern, gäbe es heute nicht die wüsten „Mountainbiker“, die wag- und halsbrecherisch die Natur als Sportgerät missbrauchen.

Von ihnen wird jeder Wanderer im maßvollen Schritt Joseph von Eichendorffs Taugenichts in Gegenden vertrieben, deren  natürliche Überreste Toteislöcher der Eiszeit waren. Sie sind leicht zu umrunden, bieten keine Gelegenheit zum Baden, entsprechen weder den Erwartungen von Urlaubern, noch der landwirtschaftlichen Nutzung. Aus diesem Grund gelten sie als Naturlandschaft. Hinweisschilder belehren den Eindringling, was er tun oder unterlassen soll. Daher waren rund um den „Teich“ Pflanzen vorhanden, die man heute eher aus Büchern kennt, aus botanischen Gärten oder plattgedrückt im Diarahmen.  
Am Egelsee, ehemals interglaciales Toteisloch, soll es 22 Orchideenarten gegeben haben, sagt der oberösterreichische „naturkundliche Wanderführer“ von 1980. Die kaum mehr bekannte spirodela polyrrhiza – die Teichlinse war dort daheim, die kleine Wasserlinse ebenso. Aus der Erinnerung kann man verschiedenste Seltenheiten rekapitulieren, die man heute nicht mehr antrifft: wer kann sich an den Rosskümmel erinnern? den Wasser-Knöterich, den Froschlöffel, den Gilbweiderich oder an die Sumpfkratzdistel? Damals hätte man zitieren können: Wer zählt die Völker, nennt die Namen…?

Wo sind heute das Myosotis palustris, das Sumpf-Vergissmeinnicht, das Mädesüß? Das alles flankierten Schwarzerle und Fichte.

Diese 1980 angekündigte Vielfalt wird man nicht mehr vorfinden. Soll ab nun in der Natur das Gleiche gelten, was wir bislang übers Menschenbild in Parteiprogrammen lasen? Die meisten Mitglieder einer Partei gleichen in natura nicht dem Ideal, das im Programm beschrieben wird. Jede Pflanze ist eindeutig identifizierbar, doch woran erkannt man den Christen, den Sozialisten, den Liberalen? Nur der moderne Faschist ist unzweifelhaft zu identifizieren. Die Tugenden der Heilpflanzen sind unermesslich, doch die politischen Tugenden stoßen schnell an ihre Grenzen noch während der Koalitionsverhandlngen.  

Den Botaniker wundert der gegenwärtige Zustand überhaupt nicht. Jede Botanikerin weiß, wie radikal über Jahre dieses florale  Angebot der Natur am Egelsee geplündert wurde. Es begann damals mit  der Asphaltierung des alten Weges, um Urlauber an verregneten Tagen zu kurzen Spaziergängen zu verleiten.  

Warum hat man nicht schon früher jeden Zugang untersagt? Das Cypripedium calceolus, der Frauenschuh, das Epipogium oder Widerpart, das Kohlröschen oder Nigritella hätten überlebt. Heute dominiert  ein unverwüstliches Braunwurzgewächs die wenigen sonnigen Stellen an Waldwegen, natürlich auch am Egelsee. Die Buddleja Davidii hat das Erbe der Orchideen angetreten, der „Schmetterlingsflieder“ wurde zum Trost für die Verluste.

Interessant ist, dass die Buddleja in älteren „Botanikführern“ noch nicht vorkommt. In den „Pflanzen der Heimat“ von 1969 gab´s stattdessen den „Efeublättrigen Ehrenpreis“, die Veronica hederaefolia, auf jedem Acker oder auf Schutthalden. Sie ist die entfernt Verwandte der Buddleja. Den robusten Charakter hat der Sommerflieder geerbt und setzt sich daher in Gräben, Teichen, feuchten Böden durch – und jüngst auch auf trockenem Geröll.

 Maßnahmen zum Pflanzenschutz sind von den Behörden nicht zu erwarten. Jeder Naturschutz steht unter dem Gebot von Nettogewinn, Umsatzsteigerung und Einsparung von Personal. Nun ist ein Feuchtbiotop von Faktoren abhängig, die nur schwer zu simulieren sind.

Der Mangel an stickstoffhaltigem Boden verwehrte der Brennessel die wichtige Rolle im wirksamen Naturschutz. Sie kann so wenig ausrichten wie auch die Distel oder Balsaminen in der Abwehr zudringlicher Neugier versagen.

Da lobt man bald morastige Feuchtgebiete. Die gab es noch vor der Zeit industrialisierter Landwirtschaft. Dem Unkundigen erscheinen Feuchtgebiete als lächerliche Versuche der Natur, die „grüne Hölle“ des Djungels zu imitieren. Mitten im Alpenvorland gibt es kleine Bestände unveränderter Natur – wild, unzugänglich, befremdend. Die üppige Vegetation ist dort einfarbig grün, definiert von Cornaceaen oder Arten des Evonymus, dem Pfaffenkäppchen. Beide lieben den Kalk im Untergrund, leben bescheiden und machen ungern der Pimpernuss Platz. Dicht verhangen von den verschiedenen Reben, selbst Wilder Wein kann hier sein Unwesen treiben – Parthenocissus – der Knöterich – Lonicera -, die Winde und Waldrebe, insgesamt ein Tummelplatz für spielende Kinder, wäre nicht an den feuchten Rändern eine Spur von Schwarzerde erhalten geblieben –  der ideale Platz der Brennessel.

Wären am Egelsee schon 1980 Brennesseln gewesen, kein Mensch in kurzen Hosen würde die Orchideen ausgerissen haben, niemanden hätte der Klatschmohn im Frühsommer gestört. Ja im Weizenfeld nebenan war der Papaver Rhoeas das Tüpfelchen in dem graugrünen Weizenfeld. Da konnte man sich von den Erinnerungen an die Gemälde von Claude Monet nicht losreißen. Man ging, blickte hinüber zum Klatsch-Mohn und auf der anderen Seite war der Glyzerietum maximae, der Wasserschwaden-Röhricht. Selbst  der Landwirt hielt seinen Traktor an – damals! -, wunderte sich über die  Vielfalt der Natur, schaltete den Motor ab, um die Betrachtung des Wanderers nicht zu stören – damals!

Es fehlt die Brennessel an allen Ecken und Enden. Sie kann den Zudringlichkeiten Einhalt gebieten. Die Urtica mit ihren Hautreizungen hätte die Begehrlichkeiten sofort beendet. Hätten wir im politischen Leben eine Brennessel  – die urtica dioica – wir hätten weiterhin den tadellosen Rechtsstaat, denn wer verbrennt sich gern die Finger wie eben die Brennessel die Waden mit Jucken straft. Wer würde sich noch rücksichtslos einen Weg zur betula pubescens  bahnen, wenn ihm die Brennessel den Weg versperrt. Sie ist der Schutz der Biotope, die Wächterin der natürlichen Harmonie der Flora.

Heute sind die Wege entlang eines Toteisloches asphaltiert. Schnell geht man am Egelsee vorbei als würde ein Gewitter am Himmel stehen.  Und große Tafeln erklären, was einmal war. Was 1980 zu sehen war, ist jetzt auf der lehrreichen Tafel zu lesen, von der Flora und Fauna. Auf ihr wird nicht versäumt, eindringlich auch vor dem Borkenkäfer zu warnen.