Gedanken Reinhold Knolls

Obszönität – soziologische  Gedanken zur Gegenwart

Relativ schnell kann man sich „ein Bild“ von einem ungeheuerlichen Netzwerk machen. Die Westlich-amerikanische Prominenz war darin verstrickt und selbst ein englischer Prinz verlor seine Reputation. Die Rede ist von Instituten der Perversion. Sie erlaubten unseren „Eliten“ den aufregenden Besuch der Gärten aller Lüste als müssten die grauslichen Darstellungen bei Maquis de Sade in Szene gesetzt werden. Die Stichworte waren bei näherer Untersuchung zu Personen geworden, heute allgemein bekannt: Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell. War zuvor der weite Bereich der Nötigung und Erpressung aufgedeckt worden, das Schlüsselwort war dafür Harvey Weinstein gewesen, so war es dessen Gepflogenheit geworden, dass nur über ihn und über sein Kanapee eine Rolle im Film vermittelbar wurde. In beiden Fällen waren die immer wieder aufbrechenden Willkürakte mit Sexualität kontaminiert, wobei Jeffrey Epstein der wichtigere war, denn in dessen System war auch eine Systematik zu erkennen, die Lustgewinn vermutlich mit elitärer Zugehörigkeit und Erpressbarkeit vereinte.

Die Schilderung bedarf keiner eingehenderen Erörterung, es genügt die Vorstellungskraft, um einerseits zu erkennen, wie über Sexualität intime Wunschvorstellungen in der Perversion transformiert wurden, andererseits hat die Auslese der Prominenten die Verbindlichkeit eines Striptease-Lokals ermöglicht, in der dann Prinz Andrew aus dem Haus Windsor als Leitfigur übrig blieb, als blamiertes Opfer, ein Ausgestoßener und für immer Stigmatisierter.

Eigentlich müsste man die Offenheit der Animierlokale in den Darstellungen von Henri Toulouse-Lautrec rühmen, denn in diesen war mit den Klängen von Offenbachs Walzer bald das Auslangen gefunden worden, bald waren die Intimkontakte strikt reglementiert und waren mit den Plakaten des Malers Bestand öffentlich-bürgerlicher Moral geworden. Das hatten Epstein/Maxwell nicht im Sinn. So war dieser Garten der Lüste auf Palm Beach in Kalifornien, der um ein Tempelartiges Gebäude errichtet worden war, im Unterschied zum weltbekannten Moulin rouge ein Geheimtipp für Triebbefriedigung und perverser Grausamkeit. Einige junge Frauen hatten diese Veranstaltungen nicht überlebt. Im Unterschied zu den sonderbaren Affinitäten US-amerikanischer Präsidenten war der englische Prinz als Verlierer übrig geblieben.

Das alles ist über diese Ereignisse schon zu viel gesagt. Dass sie nun wie die Ouvertüre weltweiter Gefährdung aussehen, wie die notwendige Folge, die die Grausamkeiten eines Kriegs notwendig erscheinen lassen, berechtigt den Ausgangspunkt der Analyse in der Darstellung der Obszönität. Sie deckt die Untiefe auf, die natürlich weit in den Bereich der Politik reicht, diese durchzieht immer wieder wie eine Herausforderung oder Versuchung den Menschen, gerade weil der Betroffene in seiner hohen Funktion fast auf den Gedanken gekommen war, ein Übermensch zu sein. Die Demokratie wie auch konkurrierende Systeme weisen immer wieder die Tendenz auf, Menschen an ihrem intimsten und damit schwächsten Punkt zu treffen. Wahrscheinlich sind die Systeme, die der Vorstellung der Gleichheit aller gewidmet wurden, besonders anfällig. Die Repräsentation eines politischen Amtes scheint so viele Frustrationen anzuhäufen, so viele Entsagungen einzufordern, weshalb die imaginierte Vorstellung von Lust und Macht eine merkwürdige Kraft gewinnt. Regelt zwar die Demokratie Machtausübung und trennt die administrativen Funktionen der öffentlichen Verwaltung von allen Arten der Korruption, wenigstens im Idealfall, so bleibt aber das individuelle Erleben von Machtentfaltung aus, äußert sich in „zeremoniellen“ Einsperrungen, die die Betroffenen auf Dauer in absurde Situationen bringen.

Und sollte einer davon unberührt bleiben, dann ist diese erstaunliche Selbstdisziplin wahrscheinlich eine starke homoerotische Neigung, die sich entweder in Männerbünden konstituiert und ausleben lässt, oder den Ausweg in die Freude an der Uniformierung der Menschen zum Truppenkörper oder „Militärballett“ sucht. In diesem kommt erst die homoerotisch aufgeladene Männlichkeit zur vollen Erscheinung.

Beides war in der Geschichte der Fall. Totalitäre Männerbünde decken die homosexuellen Eskapaden bis in politische Konstellationen oder zeigen in der Faszination am Militär ihre ästhetische Komponente. Alle diese Themen pendeln zwischen Psychoanalyse und Soziologie. 

Nun hat es der Auserkorene, der Erwählte, der Übermensch schwer. Die Annäherung der Klienten aus der „sozialen Umgebung“ ist unangenehm aufdringlich, zumeist ein Wünschen, Flehen, Bitten, Winseln, immer untertänig und will sich für jeden Gunsterweis mit allem nur denkbaren oder undenkbaren Entgegenkommen revanchieren. So fällt es dem „Spender der zahlreichen Gunsterweise“ schwer, sich den Angeboten und Gelegenheiten zu entziehen. Es wird fast Übermenschliches verlangt, hier also in Distanz zu bleiben, den Abstand und Anstand zu wahren, wo doch die Hinfälligkeit bereits die aufgeschobene Entspannung verspricht, die sogenannte Triebabfuhr, das schnelle Abenteuer.

Nun wird aus den Darstellungen klar ersichtlich, dass sich ausgerechnet demokratische Systeme recht schwach erweisen, denn in ihnen ist der der Demokratie unterstellte Tugendmythos die Voraussetzung aller politischen Rechtfertigungen und asketischen Lebensentwürfe. Für Pareto waren es Instinktmechanismen, die in ihrer „Derivation“ die Macht der Ideologie begründen.

Gerade die Gründer der Arbeiterbewegungen zeichneten sich darin in ihren moralischen Grundhaltungen aus, weshalb sie oft die Nachrede ernteten, in privaten Belangen kleinbürgerlich, ja rechte Spießbürger zu sein. Bei diesen waren die Sittengesetze gleichsam inkarniert, die asketische Lebensform die Voraussetzung ersehnter Gleichheit der Menschen. Sie ist nur im strengen Sittengesetz erreichbar, in der Selbstbeschneidung, Selbstdisziplin und Kasteiung. Das zeichnete auch die ersten Präsidenten der USA aus, eben Benjamin Franklin, der sich zum Tagebuch verpflichtete, um seine Fehler aufzuzeichnen, die künftig vermieden werden sollen. Nach langer Debatte mit seiner Frau erlaubte sich der Präsident fürs Ansehen seines Amtes ein Silberbesteck, bei dessen Anschaffung ihm nicht wohl war.

Diese zahllosen Geschichten, die immerhin zur wichtigen Besinnung ermuntern sollen, werden überall dort erwähnt und nacherzählt, wo seit dem Mittelalter eine kleine und städtische Bürgergemeinde in der Selbstverwaltung die beste und geeignetste Form des politischen Lebens erblickte, sehr streng und puritanisch, bis eben in der Literatur am Ende des 16. Jahrhunderts eine Karnevalisierung aufgedeckt wurde, ein merkwürdiger Zwang zum Exzess. Davon berichtete Jacob Burckhardt in seiner „Geschichte der Renaissance in Italien“. Damit schilderte er den Zusammenbruch des sozialen Gefüges der oberitalischen Städte und den Verlust aller politischen Kompetenz. Hier war der strenge Bürgersinn Geschichte geworden. Er hatte sich immer wieder in Reformbewegungen religiöser Observanz zu Wort gemeldet, die bald zwischen Albigenser und Wiedertäufer gejagt und ermordet wurden, doch selbst in der säkularisierten Form in Westeuropa, in den Niederlanden, in Norddeutschland und teilweise in England waren diese Minderheiten der Kern, aus dem die Eignung zur demokratischen Gesellschaft gewachsen war. Besonders Thomas von Aquin hatte im „de regimine principum“ um 1270 einerseits die Fürstenherrschaft als politische Normalität beschrieben, doch andererseits diese als die ungerechteste Form für die Entwicklung eines sozialen Gemeinwohls bezeichnet.

Es war die freie Rede der Reformation, die Verwendung der Landessprache an Stelle des Lateinischen, die die verschütteten Freiheiten in Erinnerung rief. Es war die Pflicht zur Disputation, die aus den Kirchengemeinden an die jungen Universitäten übertragen wurde und von dort in die Ratsversammlungen der Gemeinden und Bürgerschaften gelangte. Ohne diese Marksteine wäre der Gedanke der Demokratie nicht möglich gewesen. Und zugleich war mit diesem Gedanken an die menschliche Würde gedacht worden, an ein alternatives Naturrecht, wie es Ernst Bloch so brillant schilderte.

Natürlich sollte man jetzt ein wenig Zurückhaltung üben, denn ohne die Vorformen in den Bischofskirchen und Mönchsorden wäre der Gedanke der alternativen Lebensordnung nie zur Alternative der politischen Ordnung gediehen.

So muss dieser Punkt immer wieder Erwähnung finden, auch um den Preis, dass gerade hier auch  das Spezifikum des Obszönen seine Wurzel findet: es liegt offenbar „in der Natur“ der freien Meinungsäußerung. Und in deren historischen Analyse müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass im Missbrauch unserer Tage die freie Meinungsäußerung dank Medien oder sozialer Medien zur blanken Obszönität verkommt. Die Missetat des Prinzen kann nicht schwerer wiegen als der Missbrauch des freien Wortes zur politischen Zote.

Wenn wir hier an dieser Stelle an die Geschwätzigkeit denken, die unseren Alltag durchsetzt, werden wir recht schnell wahrnehmen, was unserer Demokratie zugefügt wird: das Absurde als politische Doktrin.

Und von nun an können wir ermessen, wie sich in dieser Obszönität die Kriterien des Politischen verschieben, was gemeinhin als Populismus apostrophiert wird. Wenn also die freie Meinungsäußerung, die einmal in voller politischer Verantwortung vorgetragen wurde, nur mehr ein Vehikel der Skandalisierungen ist, nur mehr ein Beitrag zum politischen Amusement, so hat sich die politische Verbindlichkeit in der Gesellschaft aufgelöst. Das hatte Richard Sennet im „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens – Die Intimität der Tyrannei“ 1986 vorhergesagt, allerdings war der Niedergang des öffentlichen Lebens auf der „Schiene“ der Obszönität noch nicht wahrgenommen worden.

Genau an diesem Punkt endet auch die Gesellschaftsanalyse bei Niklas Luhmann. Wenn einmal nach seinen Worten das Vertrauen zwischen den Menschen die Reduktion der gesellschaftlichen Komplexität erlaubte, so stehen wir heute vor der Unlösbarkeit komplexer Probleme, da wir einander nicht mehr vertrauen können, ja nicht mehr entscheiden können, was an Aussagen wahr oder Lüge ist. Die freie Meinungsäußerung entpuppt sich heute als Spiel mit der gelungenen Lüge. Was einmal die Propaganda oft vergeblich erreichen wollte, nämlich ihr zu glauben, ist heute kaum mehr auseinanderzuhalten, da alles entweder Gegenstand der Propaganda ist, oder aber der bewussten Irreführung.

Die „Propaganda“, das Manuskript von Edward Bernays war 1928 in den USA publiziert worden, verfolgte zuerst den Zweck der Markenwerbung und war nach eifrigem Studium von Josef Goebbels und seiner Mitarbeiterin Elisabeth Noelle-Neumann zur politischen Propaganda umgemünzt worden. Barnays versuchte in den USA in seinem Werbefeldzug für Marlboro, die Firma litt an enormen Einbußen im Verkauf der Zigaretten, das Rauchen auch Frauen näher zu bringen, auch mit Methoden, die er von seinem Onkel Sigmund Freud für die Werbung transponierte. Aus ihr wurde die politische Propaganda totalitärer Systeme, etwa der Sowjetunion, Deutschlands und aller folgenden Diktaturen.

Dieser Erfolg war nicht nur der Todesstoß für die europäischen Demokratien, sondern korrumpierte die erforderliche politische Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit. Seither kann bei politischen Fragen die Wahrheit nicht mehr ermittelt werden. Deren Rekonstruktion blieb Zeit seines Lebens die Bemühung Karl Poppers mit seinem Plädoyer gegen alle „geschlossenen Gesellschaften“.

Es war Poppers Stoßrichtung, mit der Ideologiekritik einerseits politische Argumente insgesamt zu läutern, diese im Realitätsbezug darzustellen, andererseits war damit der Zugang zu Erkenntnis und Kenntnis im Positivismus klar hervorgetreten, die Grundlage einer offenen Gesellschaft. Somit war im politischen Positivismus eine Übereinstimmung gefunden worden, der die Parteien bewog, sowohl innerhalb eines „Verfassungskonsens“ zu handeln, als auch die bisherigen tradierten ideologischen Positionen zu relativieren, würden diese ja einer ideologiekritischen Prüfung nicht standhalten können. Damit war die Zeit der Versachlichung der politischen Optionen während der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts eingetreten. So erfolgreich dieser Konsens für die Stabilität des demokratischen Systems war, so förderte es gleichzeitig eine besondere Form sozialer Homogenität, die immer stärker die nationale Identität formatierte, die bald in Widerspruch zu den laufenden Integrationsprozessen geriet. Bald war während dieser Entwicklung unserer Gegenwart jenes Phänomen zu beobachten, das zum Arbeitsgebiet von Ludwig Gumplowicz in Graz vor 1900 geworden war: es war im Zuge der ethnischen „Durchmischungen“ in der Donaumonarchie zum immer stärkerem Wunsch nach „Entmischung“ gekommen. Ein „neuer Nationalismus“ war entstanden, der mit den nationalen Regungen der Romantik nichts mehr gemein hatte. Gumplowicz war in seinen Behauptungen sogar so weit gegangen, dass nicht der von Karl Marx erwartete Klassenkampf stattfinden wird, sondern ein mörderischer „Rassenkampf“ das Ende der europäischen Friedensordnung einläuten wird. Schließlich war dieses Ende in Europa auch 1914/1939 eingetreten – nach der Machtergreifung Hitlers 1933.

Immer muss man vor dem Hintergrund dieser Hypothesen heute „hinzudenken“, dass die „Globalisierung“, vor allem die weltwirtschaftliche Entwicklung die soziale Homogenität, die einmal als „Rassismus der Staatsbürgerschaft“ bezeichnet wurde, immer mehr unter Druck setzt. Die Belastung steigt immer mehr an, vor allem im Verlauf der größten Wanderungsbewegungen der Weltgeschichte, weshalb die Konsensdemokratie ihre politischen Tugenden weder pflegen noch zu retten vermag. Parteien waren in ganz Europa entstanden, die sich nicht nur ein anderes politisches System vorstellen können, sondern das Übel der negativen Entwicklungen in der Handlungsunfähigkeit parteienstaatlicher Demokratie erblicken.

Genau mit dieser Kritik stimmen die lauten extremistischen und radikalen Meinungsäußerungen überein, übernehmen die Tonart der Empörung und sehen in der gesellschaftlichen Entwicklung eine einzigartige soziale Deklassierung der eingesessenen Bevölkerung. Die „politische Identität“ in Europa neigt immer mehr zu nationalistischen Positionen, die man für überwunden glaubte.   

Die freie Meinungsäußerung als Kernstück der Demokratie war zwar nicht obsolet geworden, aber hatte den Charakter der Obszönität angenommen, die ja in den Ausdrucksformen der zeitgenössischen Kunst oft genug provokant-vorausschauend vor Augen geführt wurde.

Man hätte vor Jahren der Meinung sein können, dass Jürgen Habermas rechtzeitig in seinem Modell der Kommunikationen eine „regulative Idee“ vorgesehen hatte, um in der Redefreiheit eine normative Funktion zu sehen. Darin war das Vorhaben enthalten, dass jede Rede weder natürlich noch künstlich Einschränkungen erfahren darf, noch vom Staat vorgeschrieben wird.

Nun sind die Voraussetzungen einer unbedingten Ausübung der Bedingungen von Rederecht und Meinungsfreiheit in der Demokratie gründlich verändert. Wir stehen immer öfter grundsätzlich in unvollkommenen, völlig inhomogenen Kommunikationssituationen, die die soziale Wirklichkeit zu bestimmen begannen. Es ist die Realität der Gewalt, es ist der Terror seit „Charlie Hebdo“, der eine Meinungsfreiheit nur bedingt zulässt.

Jede heftige Reaktion wird berechtigt sein, die an der Bedeutung unserer oft bedenkenlos geäußerten Meinungsfreiheit Zweifel äußert. Dazu bedarf es keines US-amerikanischen Vizepräsidenten, der in Europa sogar in Deutschland von der Unterdrückung freier Meinungsäußerung gesprochen hatte.

Es ist gewiss richtig, aber nicht wirklich erklärbar, dass jene sozialen Klassen oder gar Eliten über kulturelle und geopolitische Macht verfügen, gleichzeitig die Möglichkeit legitimer Meinungsäußerung kontrollieren, ja sogar monopolisieren. Diese Konstellation hatte der US-Vizepräsident nicht im Sinn seiner Kritik, sondern er meinte eine deutsche Rechtspartei, mit deren Inhalt er offenbar zu sympathisieren scheint, die aber in der deutschen politischen Öffentlichkeit gemieden wird. Der Hinweis aufs Meinungsmonopol besagt „nur“, dass das enorme ideelle Kapital freier Rede und Meinungsäußerung privatisiert erscheint. Im „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ hatte Habermas diesen Wandel von Beginn an im 18. Jahrhundert in England beschrieben. Darin konnte einmal die Triebfeder zur Demokratie entdeckt werden, die von „schriftstellernden Privatleuten“ in Gang gesetzt wurde. So ist sie inzwischen sichtbarer geworden, doch einer Veränderung unterzogen worden – in Richtung Unterhaltung und Spaßgesellschaft.

Inzwischen sind die Regulative einer Ausschließung von Meinungen oder Standpunkten gut entwickelt, ja von den Akteuren der Meinungsfreiheit in den Medien nahezu internalisiert worden, weshalb Diskurse erst gar nicht stattfinden. Sie kommen nicht zu Wort, bestenfalls werden Meinungen Jahre später entdeckt, wie es das Beispiel von Konrad Heiden zeigt, der jüngst in einer Biographie von Stefan Aust als dem „ersten Feind Hitlers“ entdeckt wurde.                                                                                                                         

Das Kriterium der Obszönität wird sofort sichtbar, wo Meinungsäußerungen in die emotionale Form der Empörung geraten, vorerst scheinbar berechtigt. Hier fand bereits die performative Verschiebung statt denn es begegnen einander die aus Bürgerkriegen geläufigen Gewaltakte: eine diskursive Gewalt entgegnet einer strukturellen Gewalt. Der Protest der Minderheiten, der „Unterdrückten dieser Erde“ ruft eine Gegengewalt hervor, die sich immer häufiger auf das Terrain öffentlicher Sicherheit, sozialen Friedens zurückziehen muss, also versuchen wird, in der Anwendung struktureller Diskursgewalt die „Unbeteiligten“ oder Gleichgültigen auf ihre Seite zu ziehen. Regelmäßig ist es der Hinweis auf die „Ruhestörung“, die ein probates Mittel ist, eine Mehrheit für sich zu gewinnen.

Es wird von der politischen Vernunft abhängen, inmitten dieser Konflikte eine Lösung zu finden, ohne wesentliche Kriterien der Meinungsfreiheit einzuschränken. Es muss jedem klar sein, dass jede Beschränkung die Demokratie in „ihrem Geist“ der Freiheit trifft.

Nun muss auch noch ein Umstand erwähnt werden, der zum Narrativ in Europa wurde: in der unlauteren, weil historisierenden Kolonialgeschichte und im Rassismus wird oft die Behauptung geäußert, dass bestimmte Völker oder Kulturen die Reife der freien Meinungsäußerung nicht erwarben oder dass es zum Vorteil dieser Gesellschaften ist, wenn autoritäre Regierungen diese Freiheiten unterbinden. In dieser Behauptung wird die freie Rede zum „Westlichen Wert“, ein Merkmal fortgeschrittener Zivilisation und untrennbar mit der liberalen Demokratie verknüpft. Unterschwellig wird behauptet, diese Völker haben keine Eignung zur Demokratie. Es ist die Kehrseite politischer Obszönität, im Grunde Subkontinente als unfähig zu charakterisieren, freie Meinungsäußerungen akzeptieren zu können. So muss man sich der Interpretation von Judith Butler anschließen, die in ihrem politisch-extremen Realitätssinn klar formuliert, dass es immer darum geht, „irgendwo Macht zu haben, anderswo aber nicht. Da wechseln in dieser Perspektive Opfer und Verfolger die Plätze. Es wäre an der Zeit, daraus die komplexe Lehre der historischen Artikulationen von Rasse, Geschlecht und Sexualität zu ziehen.“

Das führt gleich zur Schlussfolgerung, dass künftig ein Völkerrecht in der Epoche der Globalisierung gleichzeitig Kommunikation und Demokratisierung berücksichtigt. Es müssen endlich Kommunikation und Meinungsäußerung als Gemeingüter anerkannt sein, allerdings mit der schwierigen Aufgabe, entsprechend den kulturellen Differenzen aus der Strafwürdigkeit freier Meinung herauszukommen, ohne aber die traditionell-kulturellen oder religiösen Grenzen zu verletzen. Es wird das gegenwärtige Modell europäischer Schamlosigkeit kein Ratgeber sein können, um in Pakistan oder in den Emiraten eine derartige Meinungsfreiheit einzufordern. Der Terroranschlag wegen Charlie-Hebdo in Paris war Lehre genug, dass es nicht um Blasphemie oder antireligiöse Affekte geht, die in unserer Rechtsordnung theoretisch ja ebenso Beachtung finden, sondern es sollte vornehmlich der Aspekt im Mittelpunkt stehen, zumindest den Zugang zu den kulturellen Ressourcen zu sichern und die Äußerungsmöglichkeiten als „symbolisches Kapital“ zu kontrollieren.

Nun klingt das alles so, als wäre es letztlich möglich, das Überhandnehmen der politischen Obszönität zu mäßigen, auf ein Maß zu beschränken, dass sie dann nur mehr das Thema in schlüpfrigen Kabarett-Szenen ist. In Wirklichkeit ist mit der Zunahme politischer Obszönität zu rechnen. Waren es zuvor Absichten, die soziokulturelle Homogenität, oft genug als Kirchhoffriede beschimpft, zu irritieren, wozu sich bildende Künstler über Jahrzehnte aufgerufen fühlten und in Aktionen, die Unfreiheit in der Freiheit personifizieren wollten, so steigerte sich dieser Aktionismus in real vollzogene Lebensäußerungen, in Kommunen, die nach außen ihren Fortschritt verkündeten, im Inneren aber ein System ungebrochener Gewalt und Herrschaftsausübung zelebrierten. Berühmt wurde die Mühl-Kommune, die in bewusster Abkehr von traditionellen wie akzeptierten Lebensformen ein Zusammenleben der Kommunarden organisierte, das sich schließlich als vor-geschichtliches Patriarchat entpuppte. Ähnlich einer Sekte war umgehend für alle Mitglieder mit Ausnahme Otto Mühls ein Kommunikationsverbot verhängt worden, eine Redeverbot, ein Verstoß würde zum Ausschluss aus der Kommune geführt haben. Es war eine invers gesteuerte Gemeinschaft erstrebt worden, die in freier Liebe, im Grunde gemäß eines Herdenverhaltens von Wildtieren ihre Beziehungen streng hierarchisch gestalteten und nur deshalb gebilligt waren, da die Rechtsordnung zum Schutz der Person sich nicht mehr legitimiert genug sah, gegenüber alternativen Lebensentwürfen zu intervenieren. Der rechtsstaatliche Schutz der Freiheit nahm in Kauf, die Integrität der Person vor Missbrauch in der Kommune nicht schützen zu können. Allein die Darstellung dieses Verlaufs provokanter Gewaltausübung zeigt die Macht der Obszönität, die sich sogar mit dem Mantel des Schutzes der freien Meinungsäußerung bekleiden darf. Diese keineswegs einmalige Erscheinung drängt zur Frage, wie und seit wann in Europa im 20. Jahrhundert diese obszöne Verhöhnung des Schutzes der Person eine Akzeptanz findet? In der Untersuchung dieser rätselhaften Phänomene kam Peter Trawny zum Ergebnis, dass es die Fernwirkung des Nationalsozialismus ist. Dieser hat nach Trawny nur eine historische Abfertigung erhalten, hatte wie bei einem Rätselheft auf der folgenden Seite die Auflösung in der Zeitgeschichte angezeigt, hingegen waren alle weiteren Fragen, nämlich erstmals „Nationalsozialismus zu denken“ unerforscht geblieben. So wenig das erste Buch von Max Picard über das NS-Regime Beachtung fand, so stößt  auch diese Frage Trawnys auf wenig Verständnis. Picard hatte zur Suche aufgefordert- „Hitler in uns selbst“ 1946 – umso weniger wird man der Aufforderung folgen, diese folgenschwere Geistesgeschichte des Hasses aufzudecken. Und hier liegen vielleicht die Wurzeln oder gar Triebfedern, die Blüten des Hasses in der Obszönität zu feiern. „Es geht um einen fanatischen Hass, der sich an der Fixierung und der  Wiederholung des Einen – des Todes – berauscht. In einer solchen Schleife von Hass und Gewalt, einem solchen Zirkel, entfaltet sich eine Weltanschauung, die die ganze Welt mit Krieg und Genozid überziehen sollte.“ Und in dieser Bereitschaft zum Orgiasmus in Krieg und Genozid ist die Obszönität das Leitmotiv.