Sollte man sie fragen – die Europäer -, was sie an Europa schätzen, dann schwärmen sie von Freiheit, Wohlstand und Demokratie. Sollten sie näher befragt werden, die gleichen Europäer, dann erzählen sie von den Vorteilen Europas, von stolzer Geschichte, vom hohen Grad ihrer Zivilisation und multinationaler Vielfalt, vom Bekenntnis zur Meinungsfreiheit in offener Gesellschaft, von Toleranz und Weltoffenheit. Die Europäer wissen nach den Jahrhunderten der Kriege und Konflikte, wie wichtig Frieden ist.
Also ist die überwiegende Mehrheit der Europäer gegen Krieg, Fremdenhass und Rassendiskriminierung. Und natürlich sind die Europäer „großmehrheitlich“, wie die Schweizer sagen, gegen Faschismus, gegen Diktaturen generell und empören sich im Brustton ihrer Überzeugung über Verletzungen des Rechtsstaats und über Einschränkung personaler Integrität.
Dennoch sind nur wenige Europäer bereit, für diese großen Errungenschaften einzutreten. Es hat sich dieser merkwürdige Widerspruch eingeschlichen, der entweder bewusst geleugnet, oder es wird der Zusammenhang von Freiheit und Bewahrung von politischer Souveränität nicht verstanden. Es herrscht die allgemeine Überzeugung, Unabhängigkeit, alle Arten der Libertät, die individuelle Selbstbestimmung, unbeschränkte Reisefreiheit, Wohlstand und „das Recht auf den eigenen Bauch“ bleiben erhalten, selbst wenn Putin, Trump oder Xi über Europa regieren sollten. Das ewige Lächeln der Kommissionspräsidentin verspricht jedem Europäer, dass auch heute nichts so heiß gegessen wie gekocht wird.
Die Mehrheit der Europäer ist überzeugt, kein Konflikt vermag ihre persönliche Lebenswelt zu beeinträchtigen – und wenn, nur marginal. Sollte der Demokratie in Europa irgendeine Gefahr drohen, so liegt es an der traditionellen Fortsetzung der Bindung an die USA. Eine knappe Mehrheit der Europäer sieht in den USA den schlimmeren Feind als in der russischen Föderation. So wurde das Gerede populär, immer weniger Verständnis für den Krieg in der Ukraine zu haben. Da habe Kiew Europa fast in Geiselhaft genommen. Immerhin gäbe es mit Putin billige und zuverlässige Energieversorgung und zugleich eine befreiende Alternative zu den Verrücktheiten in Washington.
Die Europäer sind heute überzeugt, das mutige Zeugnis für politische Freiheit in der damaligen Zeit der Unterdrückung und politischen Ohnmacht im Weltkrieg kann man mit unserer Gegenwart nicht vergleichen. Nicht wenige unter den europäischen Genussmenschen sehen in den Märtyrern für Freiheit und staatliche Souveränität halsstarrige Extremisten, die weder zu leben verstanden, noch fähig waren, sich mit Hitler, Stalin, mit Franco oder Mussolini zu arrangieren. Heute sind die Europäer mehrheitlich überzeugt, es kann regieren, wer da will, im Lebensstil wird sich nicht nur nichts ändern, sondern Politik hat vornehmlich die Aufgabe, um jeden Preis den Frieden zu sichern. Dann werden die gebratenen Tauben weiterhin in den Mund fliegen.
Die meisten Europäer können sich vorstellen, so der Lebensstil beibehalten werden kann, die politischen Freiheiten lieber aufzugeben, als den Frieden zu gefährden. „Nur keinen Krieg“, sagen fast alle Europäer, und waren natürlich seit jeher für Zivildienst und haben in den Wehrdienstverweigerern immer schon die wahren Helden gesehen.
Daher will eine immer kleinere Minorität die Errungenschaften in Europa verteidigen, obwohl die überwiegende Mehrheit den Wohlstand und das politische „Drumherum“ in Europa nicht missen möchte: Wohlstand, Urlaub in Übersee, Auto und 35-Stunden-Woche, Fortzahlung der Bezüge im Krankheitsfall. Eine absolute Majorität der Europäer ist für den Fortbestand des vollklimatisierten Biedermeier.
Somit würden heute die wenigsten Europäer den Sinn des Theaterstücks „Biedermann und die Brandstifter“ von 1948 verstehen. Vielleicht würde Gottlieb Biedermann Herrn Schmid heute sogar behilflich sein, die Brandsätze im eigenen Haus zu horten. Ebenso wenig begreifen heute die Europäer Vaclav Havels heroischen „Versuch in der Wahrheit zu leben“. Darauf folgt prompt die dumme Frage, die offensichtlich seit langem buchstäblich eingeimpft wurde: Was ist schon Wahrheit?
Europäer halten nicht viel von der Wahrheit. Unter ihnen zählen jene zu den klügsten, sollten diese auf die Frage antworten: Jeder hat seine Wahrheit. Deshalb gibt es keine Wahrheit. Seither darf jeder das behaupten, was ihm gerade einfällt und der Weisheit letzter Schluss ist: jeder besitzt seine Wahrheit.
Diese typisch europäische Figuration des Bewusstseins enthüllt in erster Linie die Neigung zu Distanz und Skepsis. Sie sind die Tugenden kritischen Denkens. So man skeptisch ist, lässt man sich nicht mehr ein x vor ein u machen. Die Mehrzahl der Europäer bilden sich ein, aus Skepsis gegenüber Verführungen immun zu sein. Sie glauben mehrheitlich niemandem mehr, keiner Kirche und keiner Wissenschaft. Daher ist ein Drittel der Europäer gegen eine Impfpflicht. Das bezeichnen sie als ihre Klugheit. Zur Beglaubigung ihrer Skepsis hat jeder seine persönliche Lebenserfahrung. Schnell gibt sich darin Anpassung und Opportunismus zu erkennen.
Sind jetzt alle Europäer „Herr Karl“ geworden?!
Diese literarische Figur hat Helmut Qualtinger mit überzeitlicher Aktualität versehen. In dieser fehlt nur noch das Motiv aus der 9. Symphonie Beethovens in den Worten von Kurt Sowinetz. Es wird zum Portrait des Europäers in einer anarchischen Selbstbehauptung: „Alle Mensch´n san mir z´wider – i mecht´s in die Goschn hau´n…..
Und die Antwort der Mehrheit der Europäer folgt diesem Refrain. Was gibt es da zu verteidigen? Was bedeutet den Europäern heute Verfassung und Grundgesetz, Menschenrechte und Internationaler Gerichtshof in den Haag? Was ist an Europa noch ernst zu nehmen? Gibt es außer Fressen und Sex noch andere vitale Interessen?
„Stelle Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin….“
A pro pos: Dem Hitler verdanken wir die Autobahn….