Gedanken Reinhold Knolls

Rezension von Orwell

eines Buches von 1940

George Orwell hatte damals lang geschwiegen. Er war sprachlos gewesen. Knapp vor Kriegsausbruch war 1939 die Übersetzung von James Murphy von „Mein Kampf“ bei „Hursts and Blacketts“ in England erschienen. Im März 1940 sah sich Orwell gezwungen, endlich auf die weit verbreitete Stimmung zu  reagieren, in der über Jahre Hitler als Lösung der Krise, der Resignation der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Es waren ja in den USA nicht nur Charles Lindbergh oder Walt Disney prominente „Parteigänger“ Hitlers geworden, John Kennedy reiste 1937 nach Berlin, hörte sich um und bewunderte das deutsche Regime, das in seinen Augen die  Folgen des 1. Weltkriegs zu bewältigen schien. In den „besseren Kreisen“ von Washington, New York oder Boston war es üblich, sich Geschichten von Hitler zu erzählen, wie tatkräftig er das neue „Reich“ auf Vordermann brachte  und die Okkupationen Österreichs und der Tschechoslowakei waren natürliche „Einverleibungen“ gewesen, die mit dem Motto skandiert wurden: Ein Volk-ein Reich-ein Führer.

Und in England? Die Königsfamilie war deutlich infiziert und Photos zeigen die spätere Queen Elisabeth II. als Kind mit strammem Hitlergruß. Da waren die Edwards und Andrews reif für Opportunismus wie die Lords der Industrie und Börse. Lord Mosley hatte halb aus Eitelkeit halb aus Abneigung gegen alles „Sozialistische“ eine Bewegung gegründet, die die deutschen NS-Gepflogenheiten kopierte. Im Vereinigten Königreich wie in den Vereinigten Staaten wäre der politische Infektionsprozess perfekt verlaufen, hätten „die Nazi“ mit mehr Sensibilität und ohne Mordlust etwas klüger den „westlichen Interessen“ entsprochen.

Für Europa war es ein Glück, obwohl die Stimmungslage sich selbst nach dem Überfall auf Polen keineswegs heftig gegen Hitler gerichtet hatte. Berlin war der Ort des politischen Fascinosum: die Aufmärsche, die Marschmusik, die Fanfaren aus Les Préludes bei den Wochenschauen. George Orwell schrieb: „In seinem Vorwort (James Murphy)….verfolgte der Übersetzer die Absicht, die Grausamkeit dieses Buches zu mildern und Hitler einen so menschlichen Ausdruck zu geben wie nur möglich. Zu dem Zeitpunkt (1939!) galt Hitler nämlich noch als respektabel.“

Das war zum Zeitpunkt der Rezension Orwells zwar nicht mehr so eindeutig, viele sahen sich in neuer Distanz zum Nationalsozialismus. Das war dieser morbiden Elite nicht leicht gefallen. Die zunehmend aggressive nationalsozialistische Propaganda sorgte sogar in den USA für eine politische Rückbesinnung. Das Lied, das beide Seiten zum letzten Gefecht aufforderte, die Kapitalisten ebenso wie die proletarischen Funktionäre, die sich bereits in den Schlössern und Villen der Reichen sahen, verstummte, denn nun stand der Weltkrieg vor der Tür. Orwell gestand: „An der Stelle muss ich zu Protokoll geben, dass es mir nie so richtig gelungen ist, eine Aversion  gegen Hitler zu entwickeln…..Das merkt man auch, wenn man Photos von ihm sieht – besonders,…..das Hitler in seiner frühen Braunhemden-Zeit zeigt.“ Für Orwell hatte er ein „mitleiderregendes Gesicht, wie ein Hund, das Gesicht eines Mannes, dem furchtbar Unrecht getan wurde.“

Diese Beobachtung vermag die bisher kolportierte Bedeutung von Demokratie und gesellschaftliche Gleichheit umzudrehen: das „gesamte progressive Gedankengut basiert ausschließlich  …auf Leichtigkeit, Sicherheit, Schmerzvermeidung…“ Da ist kein Platz für Patriotismus und militärische Tugenden. Hitler weiß, schrieb Orwell in „The New English Weekly“ im März 1940, dass es den Menschen „nicht nur um Bequemlichkeit, Sicherheit, kurze Arbeitszeit, Sauberkeit, Geburtenkontrolle und um gesunden Menschenverstand geht“. Deshalb bezeichnete er die Gegenspieler Hitlers in seinem Artikel „Zinnsoldatpazifisten“, allen voran Chamberlaine. Er stellt sich vor, wie ein Sozialist reagiert, der seine Kinder mit Zinnsoldaten spielen sieht. Er kommt nicht auf die Idee, einen ebenbürtigen Ersatz zu bieten.

So ergreift der Kriegsbazillus auch Sozialisten und die faschistische Wirtschaft ist robuster als „jedwede hedonistische Lebensauffassung.“ Die Diktatoren haben ihre Macht dadurch gefestigt, dass sie dem eigenen Volk unzumutbare Lasten aufbürdeten. Und Orwell setzt konsequent fort: „ Hitler hingegen hat ihnen vermittelt: Ich bringe Euch gute Zeiten….Ich bringe Euch den Kampf, Gefahr und Tod, und das Resultat war, dass eine ganze Nation sich ihm zu Füßen warf.“

Und jetzt sind wir mit einem Gedankenexperiment konfrontiert: Welchen Artikel würde George Orwell heute in welchem Magazin schreiben? Welche Personen wird er nennen, wenn er den wahnwitzigen Fortlauf des Kriegs um die Ukraine beschreiben soll? Was wäre als Neuigkeit zu bezeichnen? –  Putin ist nicht Stalin und Trump nicht ….Albert Speer?