Gedanken Reinhold Knolls

Leitfaden zur Zerstörung eines Hauses

Der Titel mag verwirren, doch unmissverständlich will er provokant für eine Erneuerung der städtischen Bausubstanz plädieren. Bekanntlich ist für jede moderne Stadtentwicklung der historische Hausbestand die größte Herausforderung. Immer eindeutiger stellt sie die Stadtplanung vor die Entscheidung zwischen Erneuerung und Erhaltung. Jeder kann davon ein Lied singen, so er mit Stadtplanung, Stadterneuerung oder der zeitgemäßen Nutzung städtischer Räume konfrontiert ist. Ehrgeizige wie einer Modernen verpflichtete Innovationen sind im Städtebau inzwischen fast nicht mehr durchzusetzen, da nahezu automatisch ein Widerstand auf allen Ebenen sich einstellt. Und aus vielen Beispielen ist zu erfahren, dass der Einspruch gegen eine zeitgenössische Baugesinnung oft erfolgreicher ist als erwartet. Ein retardierendes Moment behindert das Stadtwachstum. Das Zusammenspiel von Stadtpolitik und ihrer Verwaltung, Stadtplanung und privater Projektbetreiber ist zumeist von Einwänden belastet, die den Zustand einer Stadt sentimental zu zementieren wünschten. Also gewinnt man den Eindruck, dass so großartige stadtplanerische Eingriffe, wie diese die Champs Elysee in Paris darstellen, der Kurfürstendamm in Berlin oder die Wiener Ringstraße, heute nicht mehr durchgesetzt werden können. Ebenso ist aber auch die Frage berechtigt, ob man derartige Straßenzüge überhaupt noch planen will?

Die Widerstände gegen Projekte größerer Art im Detail zu beschreiben, würden wohl den Rahmen dieses Leitfadens sprengen, doch bei jeder Art der Planung ist mit diesem Veto zu rechnen, in jeder Stadt in Europa. Es muss im Interesse jedes Einzelnen sein, der sich für das Baugeschehen in Städten engagiert, die wichtigsten Einwände gegen Neuerungen im Stadtwachstum zu kennen; doch das ist schon ein Schritt, dem weit wichtigere voranzugehen haben.

Will man an Entwicklungsplänen festhalten, so diese auch von der Stadtgemeinde gebilligt wurden, so wird man schnell erleben müssen, dass mit Umzügen, Unterschriftaktionen und Besetzungen heute jede Erneuerung heftig kritisiert wird, ja Momente der Erregung heraufbeschwört, die jeden Engagierten in Stadterneuerungen frustrieren.

Leider ist in der Ausbildung für Stadtentwicklungen viel zu selten die Rede von diesen Widerständen, von Lobbies, die für eine Beibehaltung überkommener bis veralterter Stadtstrukturen votieren. Also sind die Verantwortlichen in der Stadtplanung und Stadterneuerung meistens überfordert, wünschen sich Argumente gegen eine ideenlose Konservation vermeintlicher städtischer Idyllen, erhalten aber keine zweckdienlichen Hinweise, wie sie ihr Ziel der Erneuerung erreichen können. Weder wurden sie über die Art des Widerstands gegen Innovationen aufgeklärt, noch werden Methoden gelehrt, wie Modernisierungen Platz greifen und wie gleichzeitig alle Hürden überwunden werden können.

Es ist überhaupt erstaunlich, dass gerade die Stadt Wien unbemerkt und erfolgreich mit dem Widerstand gegen Neuerungen seit vielen Jahren umzugehen vermochte und darin sogar als Pionier gelten kann, wie eine Modernisierung aussehen soll, ohne dass etwa mit Gegenwehr gerechnet werden muss. In Wien war eben nicht der politische Eklat eingetreten, der etwa den Konsens einer Planung des neuen Bahnhofes in Stuttgart zerstört hatte. Besser bekannt unter „Stuttgart 21“ hatten die Bauträger und Planer in ihrem nicht nachvollziehbaren Elan ein merkwürdig überzogenes Konzept nicht durchzusetzen vermocht, das dann eher ängstliche und kleinmütige wie sich oppositionell gebende Anrainer zu Fall bringen konnten. Da war man bei einer ähnlichen Planungsaufgabe für einen Zentralbahnhof in Wien weit erfolgreicher, weil behutsamer vorgegangen wurde. Doch das ist hier nicht das Thema, will aber darauf verweisen, dass bei jedem Hausbau ähnliche Konflikte heraufbeschworen werden können. Und das ist das Thema des Leitfadens, diese gefährlichen Klippen zu überwinden. Es soll die Methode erläutert werden, wie mit ganz vernünftig erscheinenden Mitteln eine Stadterneuerung oder gar Erweiterung durchgesetzt werden kann – eben ohne Widerstände und ohne zu weitgehenden Aufwand, also beispielsweise mittels Polizeieinsatz Planungsintentionen durchzusetzen – die extreme Form der Auseinandersetzung!

Mit der Ausbildung junger Bauingenieure, mit den Unterweisungen, wie mit Immobilien in einer Stadt ökonomisch rational umgegangen werden soll, mit der Gewinnung großer Investoren hat man speziell in Wien im Verein mit der vorbildlichen Stadtverwaltung eine Struktur geschaffen, die nunmehr als die Grundlage der umfassenden Stadterneuerung gilt. Ja, es bildete sich eine informelle Kooperation in allen Belangen der Stadterneuerung, was deshalb Beachtung verdient, da die bisherigen Stellen der Stadtverwaltung gut in dieses System integriert sind, ja zuweilen sogar als Motoren der Neuerungen und Initiativen angesehen werden können. Dieser seltene Umstand, dass auch Verwaltungsstäbe, die bislang für innovationsfeindlich gehalten wurden, an der Spitze von Stadterhaltung und –erneuerung zu finden sind, ist ermutigend und hat in Wien selbst noch viel zu wenig Beachtung gefunden.
Mit der über Jahrzehnte geltenden Rechtslage war das Baugeschehen in Wien ziemlich behindert, im Grunde fast zum Stillstand gekommen. Vornehmlich galt der Grundsatz, der aus einem missverstandenen Denkmalschutz abgeleitet wurde, entweder das Bestehende zu erhalten oder aber nach Veränderungen den vormaligen Bestand wieder herzustellen. Nicht nur in der Architekturlehre war somit eine Lähmung eingetreten, sondern insgesamt waren nahezu alle Bauträger verzagt und mutlos geworden, der Stadt neue Akzente zu verleihen. Während deutsche Städte die Verwüstungen nach dem 2. Weltkrieg als eine Chance nutzten, um im Wiederaufbau neuen Intentionen der Stadtplanung zu folgen, ja selbst die Planungen der DDR konnten hier durchaus als Beispiele dienen, wäre die Bauausführung qualitativ etwas besser gewesen, so war Wien im Dornröschenschlaf und kaum zu erwecken. Für moderne Stadtentwicklung waren die Bombenschäden durch Luftangriffe in Wien nicht umfassend genug, um sich zu rigoroseren Maßnahmen der Stadterneuerung und des Wiederaufbaus zu entschließen. So hing man lang historischen Städtebildern an, einer angeblich „schönen Stadt“. Diese Idyllen waren das Muster für phantasielose Ergänzungen, also Restaurierungen, an deren Spitze der Wiederaufbau des gotischen Domes im Stadtzentrum größte Bewunderung fand. Als Wahrzeichen der Stadt hatte er wieder so zu erscheinen, wie er am Ende des 17. Jahrhunderts sich in das Bewusstsein der Menschen eingeprägt hatte. Unbekannt waren die umfassenden „Regotisierungen“ durch Friedrich Schmidt, sie wurden auch nicht bewusst wahrgenommen, sondern verführten zur Annahme, dass der Dom immer ein gotischer gewesen war. Dieses Beispiel lehrt, dass man gerade in Wien mit einem Traditionsbewusstsein zu kämpfen hat, das sich lang genug jeder Neuerung erwehren konnte, selbst wenn die Argumente dafür historisch nicht korrekt waren.

Ein recht gutes Beispiel einer völligen Fehlplanung war der berüchtigte Streit um das Rathaus in Graz vor mehr als vierzig Jahren. Da war es wirklich zur Volksabstimmung gekommen. Und die Stadtbevölkerung hatte die Wahl zwischen der Restaurierung des historistischen Rathauses aus dem 19. Jahrhundert oder aber einem Neubau nach den alten und noch bestehenden Plänen des barocken Rathauses aus dem 18. Jahrhundert. Diese Groteske war ein Schlag ins Gesicht jedes zeitgenössischen Verständnisses für Architektur. Es war leider nur ein Beispiel für die vorherrschende Baugesinnung in diesem Land, die dann mühsam geändert werden konnte. Und hier hat Wien zumindest für Österreich eine Vorreiterrolle eingenommen.

Nun muss man sich einmal vergewissern, wie die damalige Lage gewesen war. In bunter Reihe sind die großen Verhinderungen zu nennen, die eine Modernisierung von Stadt und Land unmöglich machten. Da war die glücklose Volksabstimmung gegen ein Atomkraftwerk in Zwentendorf, der Protest gegen die Errichtung eines Wasserkraftwerks an der Donau bei Hainburg, die Ablehnung der Öffnung des Wiener Sternwarteparks und auch die sang- und klanglos in Vergessenheit geratene Initiative, aus Wien eine Olympiastadt zu machen. Es ist abzuwarten, wie die Stadtverwaltung sich gegenüber den Protesten der Anrainer rund um die Steinhof-Gründe verhalten wird, da nach Schließung einiger Teile des Spitals eine alternative Widmung des Grundstücks geplant ist. Es ist das Bestreben der Gemeinde, so kann vermutet werden, die kapitalstarken russischen „Oligarchen“ in dieses künftige Nobelghetto zu locken, das bereits über basale Sicherheitsvorkehrungen verfügt.

Bislang waren die meisten Ansätze neuer Planungen für sensible städtische Zonen im Keim erstickt worden. (Es ist bis heute ein Rätsel geblieben, wie da größere Baufirmen überlebten.) Vor allem war kein Investor zu finden, der sich ja nach Verlautbarung eines Projekts sofort eine blutige Nase geholt hätte. In bester Erinnerung ist die Initiative, die jenseits von der Wiener Ringstraße eine Lockerung der Bestimmungen über Bauklassen und Bauhöhen für den dritten Bezirk erreichen wollte und umgehend einen Sturm der Entrüstung entfachte. So war man lang darauf verwiesen, erst jenseits der Donau jene Moderne zu Wort kommen zu lassen, zu der sich Wien schon längst zu bekennen gehabt hätte. Die innerstädtischen Bezirke waren fast zum Absterben verurteilt und zeigten das Bild, in ihrer eigenen Historizität verkommen zu müssen.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs hatte man auch in Wien erkannt, vor neuen Aufgaben zu stehen, eben die imaginären wie geistigen Stadttore endlich zu öffnen. Mit der neuen Attraktivität Wiens, das nun nicht mehr an der Grenze zwischen West und Ost lag, war nicht nur die oft beschworene Brückenfunktion für Europa wieder deutlich geworden, sondern von Wien sollten auch die Initiativen einer weitergehenden Integration der vormaligen „Ostblock-Staaten“ in die Europäische Union ausgehen. Endlich konnten wieder jene Kontakte aufleben, die über Jahrhunderte mit den Nachbarländern geknüpft worden waren, also fanden auch wieder jene Zuwanderungen statt, die einmal die gewaltige Stadterweiterung Wiens im 19. Jahrhundert bewirkten. Wenn man sich vorstellt, dass die Erweiterung von Bratislava einen neuen dicht besiedelten Stadtteil nach 1950 notwendig machte – Petrzalka, so wäre bei normalen politischen Bedingungen diese Bevölkerung früher gleich nach Wien gezogen. Und damit ist die Frage verbunden, wo diese neuen „Wienerinnen und Wiener“ hätten wohnen sollen?

Daran erkennt man recht gut, dass die bekannte Mentalität in Wien, die sich gegen jede Modernisierung und Stadterweiterung wirksam quer legte, durch den Umstand gerechtfertigt schien, auf Dauer von keiner normalen Bevölkerungsentwicklung belastet zu werden, ja sich diesem Wandel musste man sich gar nicht erst stellen, da es ihn eben nicht gegeben hatte. Es mag übertrieben klingen, doch die meisten Wiener waren über die Undurchlässigkeit des Eisernen Vorhanges nicht unglücklich.

Nun muss man sich fragen, wieso in Wien dieser Widerstand gegen Neuerungen sich so stark formieren konnte, der durch die Zeit des Kalten Krieges begünstigt erschien. Diesen Stillstand empfand man dann auch als Bestätigung einer mehr oder weniger ausreichenden „Stadtkultur“, die keinerlei Änderung benötigt. Wien war auf bestem Weg ein vorbildliches Schilda zu werden, da es die Schildbürger bereits gab. Selbst die Stadtverwaltung sah sich hier bestätigt und war am derartigen Stolz auf Stagnation nicht unbeteiligt. Nun war diese Wiener Mentalität das Ergebnis einer spezifischen Populärliteratur, die mit den Bildbänden zur Wiener Architektur zwischen Schönbrunn und Belvedere ihren Ausgang nahm und in zahllosen Reiseführern eine Fortsetzung fand. Es war zur übereinstimmenden Meinung zwischen Einwohnern und Touristen gekommen, Wien sei besonders schön, habe Atmosphäre, verzeichne eine niedrige Kriminalitätsrate und verfüge über eine gute Infrastruktur, die fortwährend auch verbessert wird. Die vielen bunten Bildbände erzeugten eine pittoreske Schauseite der Stadt, die geeignet war, die Schattenseiten unsichtbar zu machen, obendrein war der Stadt eine Geschichte angedichtet worden, die jedoch eine der Habsburger Kaiser war. Jahrzehnte später nach dem Ersten Weltkrieg war der Monarchie eine Bedeutung zuerkannt worden, die sie nur selten in Wirklichkeit besessen hatte, war aber gut geeignet, ein fruchtbarer Boden für die zahllosen Märchen und Legenden abzugeben, die man vorerst den Touristen als leckere Kost vorsetzen wollte. Bald waren diese „Geschichten“ von den Einwohnern weit mehr geglaubt worden als von den wohlwollensten Wien-Besuchern. Der Höhepunkt der peinlichen Geschmacklosigkeiten ist dann die Revitalisierung des „Sisi-Mythos“ geworden, einer halb wahnwitzigen wie halb wahnsinnigen Kaiserin. Diese Publikationen, die im Grund recht gelungene Werbeschriften waren, kostümierten sich als kunsthistorische Monographien, dokumentierten Schokoladeseiten, die man den kaiserlichen Sammlungen entnommen hatte. So war es nicht mehr möglich, die Folgen dieses Werbefeldzugs kritisch zu kontrollieren, rechtzeitig die Weiterverwertung dieser populären Kunstgeschichte zu unterbinden. Dem realen Wert der Fakten wurden zusätzliche Wertinhalte verliehen, wodurch dann auch die Vermarktung erleichtert wurde. Plötzlich waren die Wohnhäuser, die Otto Wagner geplant hatte, zu einer trade mark der Stadt geworden, an den Einbänden der Wien-Bücher war die vergoldete Kugel der Sezession von Joseph Olbricht ein beliebtes Motiv, obwohl man mit dem Geist dieser Zeit des Fin de siècle nichts anzufangen vermochte. In dieser warenmäßigen Zubereitung wucherte der Vorrat von Stilblüten panegyrischer Begeisterungen, die mit allen Mitteln versuchten, die Objekte der Künste und Wiener Architektur auf die Ebene peinlichen Kitsches zu rücken. Und dieser hatte somit einen Wiener Charakter gewonnen. Die Stadtverwaltung selbst samt ihren Verwaltungsstäben drängte die historischen Beispiele Wiener Architektur in eine Akklamationsrolle, nämlich ihren Bestand und Zustand würden sie gegenwärtig jenen Stadtvätern verdanken, die sich regelmäßig für die Erhaltung einsetzten, ja sogar aktuell dafür kämpften, dass Hofburg und Heldenplatz, Paläste und kleine Gassen des Stadtzentrums unverändert blieben. Die historischen Bauwerke hatten ein Zeugnis über die Güte der Stadtverwaltung abzulegen, waren also im Grunde genötigt worden, etwas zu beglaubigen, wofür sie weder Eignung noch Baugesinnung besaßen.
Dieser Umstand ist dann maßgebend gewesen, nur unter Einschränkungen Neuerungen und Veränderungen in der Stadt durchzusetzen. Und das war die Ursache für Adaptionen im Altbestand, also für Restaurationen, die gleichzeitig auch eine Modernisierung zu sein hatten. So erschienen „Modernisierungen“ im Gewand des traditionellen Verständnisses der Architektur. Es erklärt das Dilemma, das am Baugeschehen während der 60er und 70er Jahre zu beobachten war. Man sah sich vor der vergleichbaren Aufgabe wie damals, als man die historischen Gebäude zu elektrifizieren begann. Dabei war es aber nicht geblieben. Nach und nach war man dazu übergegangen, nicht nur mutiger bei modernen Adaptierungen zu sein, sondern erstmals begann man in Fachkreisen darüber zu diskutieren, ob es denn nicht denkbar ist, die vorhandenen Raumprogramme in historischen Gebäuden neu zu definieren? Es war der kleinmütige Versuch in den 70er Jahren, endlich Bedenken äußern zu können, also ob nicht ein berühmtes und geschütztes Haus nicht doch einige Mängel aufweist, die man bei anstehender Renovierung beseitigen sollte. In erster Linie war die Umwidmung städtischer Palais von diesen Diskussionen betroffen. Einerseits waren nach den Kriegsschäden unbefriedigende Sanierungen vorgenommen worden, andererseits hatte man für den Gestaltungscharme der 50er Jahre immer weniger übrig, auch wenn es durchwegs sehr bemühte Restaurierungen gewesen waren, wie die nicht mehr vorhandenen Wiener Bahnhöfe nachweisen hätten können, der Süd- und Westbahnhof.

Kurzum: Immer öfter verstand man unter einer Renovierung auch eine Modernisierung. In dieser Mischung konnte man Neuerungen gleichsam auf leisen Sohlen und verstohlen zur Geltung bringen und zugleich war es auch in der ökonomischen Nutzung belohnt worden. Da konnten die Immobilienpreise endlich angehoben werden, denn nun entsprach eine vormalige Belle Etage der zeitgenössischen Vorstellung vom Großraumbüro. In der Architekturkritik lobte man diese mutigen Versuche als bezwingenden Eindruck von Lebensnähe. Jetzt habe man endlich die geschlossene monumentale Einheit wieder greifbar gemacht, die man fast schon für verloren glaubte. Räume konnten wieder erlebt und genutzt werden und die zeitgenössischen Ausstattungen machten gleichzeitig das Flair der Geschichte zum besonderen Reiz. Lang war über solche Projekte geplaudert und debattiert worden, was aber an einer breiteren Öffentlichkeit vorbeiging. Der Grund ist leicht zu erraten: es waren Debatten über Innenräume, über die erstmals abgehängten Plafonds, die diese finsteren und schwermütigen Gewölbe zum Verschwinden brachten wegen der Heizkosten, über Trennwände aus Glas oder über rührende Gesten in Formen zahlloser pflegeleichter Blattpflanzen zur Errichtung menschenfreundlicher Arbeitsplätze. Zur Unterteilung der vormals barocken Räume eigneten sich hervorragend die Rigipswände, von denen behauptet wurde, sie würden umgehend entfernt werden können, sollte es eine neue Widmung des Raumes wieder geben. Man veränderte und gleichzeitig konnte man behaupten, in Wahrheit nichts verändert zu haben. Neonlichtbalken schenkten endlich diesen düsteren Palästen ein gleißendes Licht und waren somit der bekannteste Eindruck für Modernisierung geworden. Die Innenstadt-Schlösser wurden zu idealen Bürobauten. Endlich konnten sie auch einen Nutzen erfüllen, an dem man nun schon über Jahrzehnte gezweifelt hatte. Längst hätte man diese Paläste abgerissen, hätten es nicht ausgerechnet prekäre politische Verhältnisse verhindert, die jeden Entwicklungsplan als sinnlos erscheinen ließen – bis nach 1945.

Nun kann man lang über diese Wirkungsgeschichte berichten, die sich im Grunde jeder Erinnerung geschickt entzieht. Wie man alltägliches Handeln zumeist nur schwer rekonstruieren kann, so war es fast unbemerkt zu Veränderungen gekommen. Und in diese „Gedächtnislücken“ schamhafter Adaptierungen in historischen Gebäuden, die ja zugleich eine Notwendigkeit zu sein schienen, wollte man eben diesen Hausbestand endlich wieder nutzen, begann man im Vereine mit den städtischen Behörden zu planen, zu bauen, zu modernisieren. Auch wenn die Mittel der Modernisierung bescheiden erscheinen, eben die Raumtrennungen mittels Novopanplatten und Gipskarton. Es waren immerhin kleine und doch auch wieder unverdrossene Versuche, das Verständnis für moderne Architektur zu zeigen. Man war also nicht hinter dem Mond geblieben, doch man musste Glauben machen, die Renovierung sei nur Restaurierung und zugleich eine sensible Umgestaltung, um die Gebäude einer breiteren Öffentlichkeit wie Nutzung zugänglich zu machen. Somit war Entwurfslehre eingeengt auf Verschnitte und Kompromisse. Das alles war begrüßt oder gebilligt und mit diesen Mitteln war nahezu unbemerkt modernisiert worden. Nun hatte man wirklich gemeint, ein Palast sei erstmals wieder belebbar und begehbar geworden, in ihm sei es wieder möglich zu leben und zu arbeiten, was er offenbar unmittelbar nach seiner Fertigstellung vor 300 Jahren nicht gewährleistet haben soll.

Nach der Umplanung der Struktur im Inneren des Hauses, ging es endlich auch darum, sich über diese alten Fassaden den Kopf zu zerbrechen. .

Die Frage, wie das Problem der zahllosen Fassaden einer Stadt zu lösen ist, war vorerst in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Weltkrieg dadurch gelöst worden, dass diese behäbigen, üppigen Reste des Historismus, der Zierrat und die peinlichen Dekorationen beseitigt wurden. Jetzt war das Zinshaus wirklich ein Zinshaus geworden. Mit dem Abschlagen dieser üppigen Stuckaturen war die ungeschminkte Wahrheit dieser Zinskasernen ans Tageslicht gekommen. Es waren Häuser zur Unterbringung unterprivilegierter Stadtbewohner, die mit ihren bescheidenen Mietzahlungen die Erhaltung des Hauses mühsam mitfinanzieren mussten. In Wien war die niedrige Miete nach 1918 ein Teil der Sozialpolitik gewesen, was auf Kosten des Hausbestands ging.

Die erste „Modernisierung“ der Fassaden war die Beseitigung der voluminösen Schmuckelemente. Man hätte es auch als Krise des Objekts bezeichnen können, von der die Reaktionen der Kritiker behaupteten, sie würde bald die Krise der Stadt signalisieren. Man war ja nicht bei den „Dutzendgebäuden“ stehen geblieben. Wie man im Inneren die Struktur der Häuser veränderte, so war Schritt für Schritt die „Reinigung“ der Fassaden vom Zierrat als neue Ehrlichkeit qualifiziert worden. Endlich wollte man diesen Architekturlügen den Kampf ansagen. Ja, ein Haus ist eben nichts anderes als eine quergestellte Schuhschachtel, in der die Fenster die nötigen Öffnungen sind, um hinter den Mauern die Menschen am Leben zu lassen. Und im Zuge der Renovierungen war nicht nur der Gegensatz von geschichtlicher Stadt und moderner Metropole immer deutlicher hervorgetreten, sondern die wichtigen und wesentlichen Gebäude, die für die Geschichte der Stadt standen, sollten nicht mehr als Fragmente der Vergangenheit bleiben, die nicht mehr in das Straßenbild integriert werden müssen. Das hatte eine Musealisierung zur Folge, die einerseits die weiteren Gestaltungspläne der Stadt belasteten, andererseits aber von den Verpflichtungen zur ästhetisch anspruchsvollen Planung befreiten. Neben dem „vorbildlichen“ Palast, der zum Museum seiner selbst wurde, stellte man ein zeitgenössisches Haus, dessen Reduktionismus und Glätte ein Kontrastprogramm bietet, eben die Tilgung jeder Lüge aus einer obsoleten Ästhetik. Die historische Fassade ruft noch die handwerkliche Gediegenheit dank damaliger Ausbeutungen in Erinnerung, ist aber zugleich das Beispiel eines problematischen Kostenaufwands, den zu tragen die heutigen Investoren nicht mehr bereit sind. Da war eben an allen Ecken und Enden gespart worden und dabei half die geschwindelte Berufung auf Bauhaus und andere Architektur-Bewegungen bis Le Corbusier, um sich jede weitere Auseinandersetzung mit Ästhetik zu ersparen. Einem vermeintlich standardisierten Ich der Stadtbewohner stellte man das standardisierte Wohnobjekt gegenüber.

Diese Ausführung, die auf erstem Blick wenig mit dem Zweck der Studie zu tun zu haben scheint, ist als Voraussetzung nötig, um die Schritte der Modernisierung in weiterer Folge verstehen zu können. Wie die Absolventen der Architekturschulen während des Nationalsozialismus erst nach 1945 zu planen und bauen begannen, weshalb wir weit später mit ebensolchen Gebilden beglückt wurden, die ein totalitäres Regime einmal vorgesehen hatte, so spezialisierte sich die Ausbildung nach 1945 darauf, mit an der Wirklichkeit orientiertem Sachverstand die verdrängte Moderne bescheiden ins Spiel zu bringen: der Stil der 50er Jahre. Die Zurückhaltung bei den Entwürfen neuer Fassaden war weniger aus Resignation geschehen, sondern sollte die vertikal gedachte Fläche für alle möglichen Zeichen und Signale werden, die ideale Reproduktionsfläche für die Leuchtreklamen, ein Schock der oszillierenden Bilder. Die Fassade ist nicht mehr der sichtbare Ausdruck der äußeren Erscheinungsform von Baukörpern, sondern hat nur mehr die Kubatur zu zitieren, die ehemaligen Maße ursprünglicher Planung. Weit wichtiger ist, dass Fassaden, wie erwähnt, Reproduktionsflächen der Reklamen sein sollen. Und da war man sich in Wien überraschend schnell einig gewesen, dass man diesen Gestaltungswahn einer Fassade von Vorgestern nicht mehr benötigen wird. Hätte es einen Wahlspruch gegeben, so würde er geheißen haben: Schluss mit diesen Lügen. Und nach Errichtung der Baugerüste benötigte man keine Stuckateure mehr, sondern Bauhilfsarbeiter, um den Zierrat abzuschlagen. Es war fast schon ein revolutionärer Akt, der allen am Baugeschehen Beteiligten gut zu Gesicht stand, so fortschrittlich hatten sie sich gefühlt. Überhaupt war bei den Baukosten der Anteil des Arbeitslohnes niedrig gehalten worden, denn erstmals benötigte man keine Fachkräfte mehr, sondern konnte bei der Art neuer Gebäude mit Bauhilfsarbeitern das Auslangen finden. Diese Einsparungen waren durch die modere Technologie des Bauens und durch den Einsatz effizienter Baumaschinen verwirklicht worden. Sie hatten dann den entscheidenden Beitrag zur zeitgenössischen Architektur geleistet, denn die Möglichkeiten ihres Einsatzes entschieden über die Art der Planung und Errichtung. Wie eben die Motorisierung des Straßenverkehrs die Ausdehnung einer Stadt und deren Bevölkerungswachstum erlaubte, so bestimmten die qualitativ hochwertigen Kräne, Bagger und Baumaschinen, die fabrikmäßige Herstellung des Betons und dessen Anlieferung, die schnelle Fertigung neuer Baustoffe und die Produktion von Fertigteilen das Aussehen der neuen Gebäude, die das Ergebnis einer strikt rationalen und ökonomischen Planung waren.

Trotzdem konnten selbst diese, zuweilen bescheidenen Fortschritte in der Modernisierung auf Dauer nicht befriedigen. In weiterer Folge waren zwei Phänomene ausschlaggebend. Man verfügte erstmals über ausreichend Geldmittel, um noch am Ende der 60er Jahre mit umfassenden Renovierungen des Hausbestands zu beginnen. Da erkannte man, dass die wichtigste Verbesserung die Fenster sein werden, die in Wien in überwiegendem Maß inzwischen 100 Jahre geworden waren. Der Tausch der alten Wiener Kastenfenster in die zeitgenössischen Varianten war ein wesentlicher Schritt, um ein kongeniales Pendant zur glatten Fassade zu erhalten. Verschiedene Materialien erhielten gegenüber dem morschen Holz den Vorzug: Aluminium und Kunststoff. Sie verliehen den Fassaden endlich einen unverwechselbaren Charakter, zeigten in ihrer Reduktion auf die wesentlichen Funktionen, nämlich Wind, Sturm, Regen, Schnee, Kälte oder Hitze aus dem Wohn- oder Büroraum abzuhalten, ein klare Schematisierung bei der Neugestaltung der Fassaden. Das war wie ein Plädoyer für gesellschaftliche Gleichheit gewesen. Es war ein weiterer Schritt im Kampf gegen die Lügen-Fassaden der Vergangenheit. Der Wunsch nach neuen Fenstern entpuppte sich nicht nur als gelungene Maßnahme, über Provisionen erstmals wieder zum Gewinn zu kommen, der durch Zinseinnahmen kaum zu erzielen war, sondern endlich war mit neuen Fenstern der Baubestand mehrheitlich aus seiner erzwungenen Historizität befreit worden. Das hatten vornehmlich die Hausverwaltungen erkannt und nutzten diese Chance eines zusätzlichen Einkommens auf Provisionsbasis. Ein wenig „schlitzohrig“ war natürlich diese Begeisterung für die neuen Kunststoff-Fenster schon gewesen, war aber hingenommen worden, denn wie sonst hätte man am Altbestand einen Beitrag zur Modernen leisten können? Also hatte man entgegen der anfänglich wortreich angepriesenen Empfehlung, die neuen Fenster würden eine bei weitem bessere Funktion und Haltbarkeit aufweisen als ihre veralteten Vorgänger, noch den positiven Effekt, dass sie nach einiger Zeit sowohl eine Reparatur benötigen, also auch die perfekte Abdichtung gegenüber der „Umwelt“ zuweilen einen Hausschwamm verursacht. Es waren Auswirkungen, die in sehr subtiler Weise eine durchgehende Modernisierung und teilweise Erneuerung der Bausubstanz erzwangen. Es lag auf der Hand, dass man diesen ersten großen Schritt zum Wandel städtischer Erscheinungsbilder mit Förderungen aller Art begünstigte und die Entscheidung erleichterte, die Mühe eines Austauschs der Fenster auf sich zu nehmen.

Das zweite Phänomen, das die Modernisierung in Wien erheblich förderte, waren die öffentlichen Bauvorhaben der 70er Jahre, die vorerst jenseits der Donau errichtet wurden. Die UN-City, das Kongress-Zentrum, die Planung neuer Siedlungsgebiete am Beispiel der Großfeld-Siedlung, der Per-Albin-Hanson-Siedlung oder Am Schöpfwerk und Alt-Erlaa waren die Lebenszeichen der Modernen in Wien und durchaus gelungene Beispiele städtischer Akzente, die sich positiv gegenüber einer absterbenden Altstadt behaupteten und der Stolz der eifrigen Stadtverwaltung wurden. Recht erfolgreich konnte man wenigstens hypothetisch den früheren Vorwurf von Le Corbusier entkräften, der bei einem Kongress der CIAM von 1938 den Planern lautstark vorgeworfen hatte, sie seien ein „Minimistenverband“, der den Bewohnern jene Ästhetik vorenthält, die man so nötig hat wie Brot und Butter…..Mit begründeter Selbstsicherheit hatte man sich in Wien rechtzeitig des Vorwurfs entledigt, man würde einen Nescafé der Architektur herstellen, was man Mies van der Rohe und Ludwig Hilbersheimer bei der Renovierung eines Stadtviertels in Detroit 1955 unterstellt hatte.

Das Wachstum der Stadt rund ums Zentrum war dennoch nur begrenzt zur Kenntnis genommen worden. Noch immer war in der Auffassung der Stadtbevölkerung innerhalb des Ringes die Identität der Stadt aufbewahrt, was auch darin zum Ausdruck kommt, dass die Wiener und Wienerinnen noch immer sagen, sie würden „in die Stadt gehen“, selbst wenn sie in Stadtbezirken leben. Und diese „Stadt“ büßte von Jahr zu Jahr an Funktionen ein, was nur der Städtetourismus zu kaschieren vermochte. Und der bewunderte Althausbestand war in Wirklichkeit das entscheidende Hemmnis in der Entwicklung zur Modernen. Und dafür war die zwingend gewordene Erneuerung der Fenster von unschätzbarer Bedeutung. Damit konnte das proportionale Gefüge der Fassaden nachhaltig verändert werden, womit den Argumenten für die angeblich getreue Restaurierung des Altbestands der Wind aus den Segeln genommen werden konnte. Die Steingewände werden nachhaltig nicht nur verändert, sondern auch in ihrer Festigkeit den neuen Kunststoffrahmen angeglichen. An zahllosen Beispielen ist nun gut zu erkennen, dass mit neuen Fenstern die Integration alter Gebäude in die neue Bausubstanz gut bis sehr gut gelingt, ja, dass eine Einheitlichkeit erzielt werden kann, die selbst den Fassaden alter Häuser nicht zuzutrauen war. Also war die Beseitigung der alten Fenster zugleich auch ein wertvoller Beitrag zur Dauerrenovierung der meisten Häuser, so dass die fortwährenden Bauarbeiten, die nach je einem Jahrzehnt nötig wurden, den Prozess des Modernen hervorragend symbolisierten. Modern war wohl von der Auffassung begleitet worden, dass stets alles im Fluss ist, im Wandel begriffen, ja gerade die Häuser in der Stadt sind ein Widerspruch zu dieser Dynamik, der die Architektur erst seit kurzer Zeit Rechnung trägt. Schon mit dem Einbau der neuen Fensterprofile war dieser Dynamik Ausdruck verliehen worden und beendete diesen bedrückenden Anblick des Veraltens, angeblicher Harmonie und diese Aufdringlichkeit einer Geschichte.

Kleiner Exkurs

Der Nachteil einer Geschichte der Architektur liegt gerade dort, wo die Autoren meinen, der Modernen einen neuen und gebührenden Stellenwert zuerkennen zu müssen. Und es geschieht mit der Betonung solitärer Leistungen, vom Opernhaus in Sydney bis zu den Projekten des Städtebaus unter Oscar Niemeyer in Brasilien. Wien wird da nicht mehr vorkommen. Wurden in Wien also keine ebenbürtigen Leistungen erbracht? Es wird eben nicht bedacht, dass es weit weniger die „Vorzeigebauten“ sind, die die moderne oder zeitgenössische Architektur charakterisieren, sondern insgesamt sollte das allgemeine und übliche stilistische Wollen einer Zeit, der Standard des Planens und Entwerfens in den Vordergrund gerückt werden, die gemeinsam viel deutlicher Richtungen erkennen lassen als einzelne Bauwerke. In der Wiener Architektur nach 1945 sind starke „landesgebundene“ Aussagen zu entdecken, die den Gemeindebauten anzusehen sind. Was da als Ziel dieser Architektur angesehen wurde, ja welche ideologischen Voraussetzungen ins Spiel gebracht wurden, geht in der Mehrheit der Fälle von politisch motivierten Entscheidungen aus, deren Verwirklichung entweder durch Architekten aufgenommen und gelöst wurden, die eigens mit der Planung beauftragt waren, oder aber ein Projekt wurde einem Architekturkollektiv überantwortet, das ebenfalls an Entwürfen dann arbeitete und sie umsetzten. So lag es auf der Hand, dass diese Entwürfe auch dort als Maßstab dienten, wo Baulücken in der Innenstadt nach dem Krieg zu schließen waren.

Es geschah in vorbildlicher Weise in vorgefertigten, industrialisierten Massenwohnbauten, die sich bemühten, einerseits den expressionistischen Stil der 20er Jahre fortzusetzen, andererseits die Planungsrationalität des Nationalsozialismus mehr oder selten weniger berücksichtigten, auch wenn es nicht opportun war, sich in dieser Tradition zu begreifen oder sich gar mit dieser zu identifizieren. Wie oft war aber in Fachgesprächen damals zu hören, wie vorbildlich der Bau der Autobahn nach 1933 in Deutschland war, die flotte Errichtung diverser Arbeitersiedlungen oder gar Lager.

Der Bau privater Einfamilienhäuser in Wien gedieh weit langsamer und auch nur in den dafür geeigneten Regionen der Stadt, also rund um Alte Donau oder aber an den städtischen Randzonen zum Wienerwald hin oder entlang der Donau in Richtung Korneuburg. Die bekannte „Werkbundsiedlung“ um 1932 im 13. Wiener Gemeindebezirk konnte hingegen nicht als Vorbild für weitere oder spätere Bauvorhaben der Gemeinde Wien herangezogen werden. Es darf vermutet werden, dass dieser provokante Stil einer Architektur weder bei der Stadt, noch bei künftigen Bauträgern eine entsprechende Gegenliebe erfuhr. Es war eine andere Moderne, die mit jener des Expressionismus der Gemeindebauten nichts gemein hatte. An diese Tradition wollte man unter keinen Umständen anknüpfen. Diese Vorbehalte scheinen heute besser verstanden zu werden, denn in letzter Konsequenz führen Projekte wie die „Werkbundsiedlung“ oder die Siedlung „Weißenhof“ in Stuttgart zu einem Planungsfetischismus, der einem korrekten Verständnis der Modernen zuwiderläuft.

In den „Gemeinschaftswohnhäusern“ von Wien, die sich bei den ersten Planungen nach 1945 bewusst gegenüber der gesellschaftlichen Funktion des Lebens und Wohnens vom „amerikanischen Lebensstil“ distanzieren wollten, trachtete man die Sozialisation der Bewohner erneut zu stärken, also jenen Typus zu schaffen, der wohl im Film „Ein echter Wiener geht nicht unter“ das adäquate Echo fand. Es war ein sozialdemokratisches Architekturkonzept, das mit der Errichtung der Wiener Stadthalle nach einem Entwurf von Roland Rainer Ende der 50er Jahre einen Kontrapunkt zu setzen beabsichtigte gegenüber Burgtheater und Staatsoper. Ohne es nun im Detail nachzuzeichnen, war der Anschluss an die Moderne bei Repräsentationsbauten bald gefunden, hingegen beim Wohnhausbau verfolgte man ganz andere Kriterien, die man als Entwicklung einer genuin post-proletarischen Binnenkultur beschreiben kann. Der stärkste Einfluss auf das Wiener Bauprogramm kam traditionell aus West-Deutschland, wobei man in Wien zu wenig bedachte, dass durch die Teilung des Nachbarlandes in Ost und West es keine mit Wien vergleichbar große Stadt in der Bundesrepublik gab. Also war der Einfluss auf Wien vor allem durch einen gewissen Provinzialismus deutscher Mittel- und Kleinstädte geprägt worden. Immerhin lohnte sich dieser Versuch der Adoption deutscher Nachkriegsarchitektur, denn so blieb diese, von Bauingenieuren so gepflegte „Verbundenheit“ auch nach 1945 erhalten. Allerdings hatte man mit anderen Proportionen zu rechnen, die eher unbefriedigend übertragen wurden. Das war den nach 1945 errichteten Häusern am Stock-im-Eisen-Platz anzusehen. Also vis a vis der gotischen Kathedrale wurde nach den Maßen der zerbombten Häuser dieser betulich deutsche Wiederaufbau-Stil nachgeahmt, der in Nürnberg oder Erlangen in bescheidenerer Dimension zu bewundern ist. Erst vor wenigen Jahren hatte man die Fassaden dieser Gebäude erheblich verändert und sie dem Warenhaus von Hans Hollein angepasst.

Die „besseren“ Genossenschaftsbauten, für die die künftigen Bewohner einen Beitrag zu entrichten hatten, orientierten sich an Gelsenkirchen oder Rosenheim. Dennoch war es ein Schritt in die richtige Richtung, denn er förderte die Bauwirtschaft und jene Architekten, die ihre vormaligen Ausbildungsziele der 30er Jahre nicht relativieren mussten. Außerhalb der Innenstadt war ein ansehnlicher Architekturmix entstanden, der sich zwar nicht sowjetischer Vorbilder gemäß der ideologischen und räumlichen Nähe oder gar Verwandtschaft bediente, ja so tat, als würde der „freie Westen“ jede Affinität zum „Ostblock“ verbieten, aber de facto blieb die Nähe zur nationalsozialistischen Bautradition wie ein verheimlichtes Erbe erhalten. In der Stadtplanung hatte man ja jene Richtlinien bewahrt, die für Wien 1938 vom Berliner Architekten Hanns Dustmann vorgesehen wurden, sollte es einmal das Verwaltungszentrum Südost-Europas sein. Entsprechend dieser Vorarbeiten, die Dustmann den Ehrentitel eines „Architekten der Hitlerjugend“ einbrachten, konnte man nach 1945 die Stadt gut und übersichtlich entwickeln – sei es, dass die UN-City dort placiert wurde, wo man das Regierungszentrum für Südosteuropa vorsah, speziell nach der geplanten Schleifung des 2. Bezirks jenseits des Donaukanals (diese erfolgte nur teilweise und erlaubte die durchwegs gelungene Erneuerung des Pratersterns), sei es, dass man jenen Zentralbahnhof dort hinstellen wollte, wo er gegenwärtig im Bau ist – immerhin fast 80 Jahre nach dem Berliner Entwurf. Dass in diesem Entwurf für die Achse von der damaligen Schatzkammer samt Reichskrone über Heldenplatz, den beiden Museen zum Flakturm in der Stiftskaserne auch ein spezielles Museum vorgesehen wurde, das heute als Museumsquartier auch präsent ist, verwundert nicht. Allerdings unterblieb die Marmoreinfassung für den Flakturm nach einem etwaigen „Endsieg“. Die neu errichteten Siedlungen – etwa Per-Albin-Hansson-Siedlung oder Großfeld-Siedlung sind daher ebenfalls dort zu finden, wo sie Dustmann vorgesehen hatte.

Diese Zwischenbemerkung will in Erinnerung rufen, dass der spezifische Weg Wiens in die moderne Architektur nicht etwa über die Rekonstruktion der Entwürfe von Adolf Loos, Josef Hoffmann oder gar Josef Plecnik lief, auch nicht über Richard Neutra oder Ernst Plischke, sondern im beachtlichen Talent zur unaufdringlichen Alltagsarchitektur verblieb man lieber in der Anonymität, die man seit den Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts über Gebühr gepflegt hatte, etwa in der namenlosen Reihe der Zinshäuser entlang des Wiener Gürtels. Und in dieser Namenlosigkeit war das Moderne eher in den Versionen einer Bedarfsarchitektur gemäß der politischen Bedingungen eher gefragt als das Extravagante der Bauhaus-Tradition.

Dieses Rüstzeug eines anonymen Bauens war schließlich wichtiger denn je, da sich immer häufiger ein Denkmalschutz zu Wort gemeldet hatte. Es ist schwer abzuschätzen, inwieweit die Belange des Denkmalschutzes entweder eine Modernisierung verhinderten, oder aber forcierten. Der Denkmalschutz begünstigte in Wien stets die „kleinere“ Lösung, sollte es Alternativen gegeben haben, bevorzugte die Anpassung und nicht die Spannung. Wenn es also eine Tugend des Österreichischen gibt, die Grillparzer im „König Ottokar“ gezeichnet hatte, so war wohl der Denkmalschutz in den Ausführungen und Einflussnahmen auf Planungen stets bemerkbar in der Art der Kompromisse. Da er ja im Selbstverständnis keine Bremse eines künstlerischen Wandels sein wollte, ja da auch keine Unterstützung von den berufenen Eliten oder Wirtschaftskreisen erfuhr, so musste er immer konsensfähig sein, also zum Zeitpunkt erheblicher künstlerischer Fragen bei Renovierungen eher sich zurückzuhalten, gleichsam dem freien Kräftespiel der Interessen eine Norm und Form vor Augen führen, die es dann eh nicht zu erfüllen galt. Es wird später zu beschreiben sein, wie der Denkmalschutz mit eingezogenem Schwanz die feuerpolizeilichen Bestimmungen bekräftigen und billigen muss, die die Bauunternehmen wie eine Nötigung anzuwenden wissen. So hat man die gegenstrebigen Faktoren in Schach zu halten, indem man den nötigenden Vorschriften zur Erhaltung eines Gebäudes die Gefahrenmomente ins Treffen führt, die ein altes Gebäude eo ipso heraufbeschwören kann.

Die neuen Fenster waren zum Beispiel wie ein reinigendes „Gewitter“ neuen Gestaltungswillens ins Land gezogen. Zur allgemeinen Verwunderung wagte man es nicht, sich zu widersetzen. Die neuen Fenster waren als eine Notwendigkeit hingenommen worden, obendrein eine kostengünstige Verbesserung des Altbestands, so dass zum Glück sich erst spät eine Kritik zu Wort meldete. Da war ein Großteil der Entscheidungen bereits gefallen. Weit wichtiger war, dass man im Grunde „unter der Hand“ einen Modernisierungsschub verzeichnen konnte, der ohne viele Worte akzeptiert wurde. Man kann sagen, die Verbreitung der neuen Fenster in den alten Fassaden war so erfolgreich wie der rechtzeitige Eintritt in die illegale NSDAP vor 1938. In Massen war man damals dieser Partei beigetreten, womit so viele Hoffnungen verbunden waren und gleichzeitig war man eine Vielzahl unliebsamer Gegner los. Die neuen Fenster waren so funktional und modern wie die Neuorganisation des Deutschen Reiches nach dem Anschluss Österreichs und gleichzeitig war ein Profit in Aussicht gestellt, erstmals wieder eine Art Gewinn. Die Jagd nach den alten Wiener Kastenfenstern, die Otto Wagner stets bevorzugte, war so rigoros wie die Einhaltung der Nürnberger Gesetze. Allerdings muss man beobachten, dass der so begehrte Einbau der Kunststoff-Fenster oder der Aluminiumrahmen beispielsweise ein ähnliches Vergnügen versprach wie das Ausstechen eines Auges. Mit dem Auswechseln der Fenster waren endlich nicht nur diese melancholischen Augen beseitigt worden, dieser Defätismus, der sich die gute alte Zeit zurück wünschte, sondern im Grunde erblindeten die Fassaden – was auch von Vorteil war. Mit den alten Fenstern hätte man den Fassaden fast diese Lüge geglaubt, nämlich eine Ästhetik zu wünschen, eine Harmonie, die sich auf die Menschen auswirkt. Mit den neuen Fenstern sahen diese Gebäude bei weitem nicht mehr so schützenswert aus, was auch der Zweck der Veränderung war, nämlich einen Gleichheitsgrundsatz durchzusetzen. Endlich war dieser Nimbus der Gebäude gebrochen, die hochstaplerisch für eine völlig falsche Geschichte einstehen. Die Hofburg würde bei weitem nicht diese Überheblichkeit ausstrahlen, würde man endlich in die Fassaden die modernen Kunststoff-Fenster anbringen, die glatten Alu-Profile oder braun gestrichene profillose Querleisten. Man darf es als einen Anspruch einer neuen Gegenwart formulieren, etwa das Schloss Belvedere durch das Entfernen der alten monströsen Fenster „erblinden“ zu lassen, wo es sich doch so selbstsicher einbildet, die Krönung des ansteigenden Parkgeländes zu sein. Zum Glück gewährt der Überblick vom Belvedere aus, dass es inzwischen zahlreiche mutige Versuche zur Modernisierung gibt, den Ausbau der Dachböden, die Dachgärten, die Aufstockungen auf einem eher minderwertigen historischen Baubestand, die zahllosen Neugestaltungen, die in ihrer Baugesinnung den Betrachtern zur Kenntnis bringen, sich um das alte Schloss des Prinzen nicht mehr zu kümmern. Diese altbackene Einfalt, die einmal als Ensembleschutz formuliert wurde, hat entlang der Prinz Eugen-Strasse das verdiente und erwünschte Ende gefunden.

2

Den „Fenstertausch“ an den Anfang der Ausführungen gestellt zu haben, war damit zu begründen, dass es das einprägsamste Beispiel einer ersten Bemühung um Modernisierung ist. Neue Fenster haben schon vor vielen Jahren den Schluss nahe gelegt, dass endlich einer veralteten Bausubstanz eine Neuerung gegönnt wird, die selbst ein recht altes Haus wieder auf die Höhe der Zeit bringt. Im Bereich der Innenstadt waren diese neuen Fenster ein Merkmal florierender Betriebe und Gewerbe, ein Beispiel dafür, dass die Zeit nicht stehen bleibt, und es ist als ein Versuch zu werten ist, Neues und Altes zu amalgamieren. Und wenn es einmal gelungen war, neue Fenster in der Fassade eines Altbaues anzubringen, so waren immerhin alle weiteren und späteren Schritte zu Generalsanierungen und genereller Veränderung vormaliger Wohnsituationen erheblich erleichtert. Die Einwände des Denkmalschutzes konnten zerstreut werden, da einmal schon die Fenster gebilligt wurden und jeden weiteren Schritt der Modernisierung zu missbilligen, kann nicht im Interesse dieser schützenden Hand sein, denn sie hätte zuvor schon allen Anfängen wehren müssen. Und da ist bei den Verhandlungen mit den Behörden sehr zu empfehlen, sich überrascht und fassungslos zu geben, so eben, dass man schon fest mit allen Zustimmungen gerechnet hatte. In zweiter Linie kann man durchblicken lassen, dass man an das ökonomische Wohl der Stadt gedacht hatte, an Arbeitsplätze und Gründungen neuer Wirtschaftsstandorte, die das Absterben des Stadtzentrums eher verhindern als ein eifersüchtiges Bewahren einer Vergangenheit, die schon der nächsten Generation nichts mehr zu sagen weiß. Der „Fenstertausch“ ist eben der Auftakt zur Modernisierung, mit deren Hilfe diese nostalgische Bestimmung einer schönen Stadt in Frage gestellt wird. Und eine „schöne Stadt“ ist eher für ein Museum geschaffen, nicht für städtische Betriebsamkeit.