Alles schon mal da gewesen….
Die politische Öffentlichkeit hatte mit einiger Genugtuung und Schadenfreude die Nachricht aufgenommen, dass Elon Musk in den letzten Tagen „ein paar Milliarden“ verlor. Ebenso war der Börsenkurs des Elektroautos gefallen. Viele freute es, obwohl die meisten den Grundsatz teilen, dass Geld die Triebkraft aller Dinge ist – nervus rerum. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Geld die Triebkraft unserer Tätigkeiten ist, obwohl von Anfang an das Wirtschaften im Mittelpunkt war. Das ist heute auch den Akteuren in den USA nicht ganz klar.
Im alten Italien tauschten Hirten und Bauern Vieh und Hühner, was den Wohlstand des Landes ausmachte. Im Namen dieses Landes ist der Überfluss erhalten geblieben, denn Italien hieß Viteliu – Kälberland. So war das erste lateinische Wort für Geld: pecunia – darin kommt das Vieh – pecu – wieder zum Vorschein.
Obwohl die Römer schon seit langen Kupfermünzen verwendeten, war der Wert des Viehs die „Leitwährung“ geblieben und hatte bei den Stammesbewohnern den „wahren“ Wert definiert. Das galt bei den Umbrern, Sabellern und Oskern. Solange pecunia ans Vieh „gebunden“ war, dominierte eine bäuerlich organisierte Staatswirtschaft – bis in Caesars Tage. Ab Caesar wurde das Geld aus seiner Wertrelation zunehmend gelöst, was in der inflationären Entwicklung zu erkennen ist. Die Virtualität von Geld wurde 2000 Jahre später im Bitcoin noch weit übertroffen. Trump überbot diese imaginäre Bedeutung, da er einen eigenen „Bitcoin“ zwei Tage vor Amtsantritt als angeblicher Privatmann einrichtete, sowie auch für seine Gemahlin. Diese Beständigkeit und Willenskraft war nichtmehr gefragt, die einst das Römische Weltreich ausgezeichnet hatten. Man hatte im politischen Motto die bäuerlichen Tugenden in der Spätantike beibehalten: parsimonia et duritia – Sparsamkeit und Härte.
Zum Beispiel war Cato Censorius, der ältere Cato – (um 200 v. Chr.) noch Landwirt gewesen, stieg zum Feldherrn und zu politischen Ämtern auf und Cicero spottete über ihn, dass er noch nach Kuhmist roch: pedibus compensari pecuniam – Schnelles Marschieren über weite Strecken ist Geldes wert. Der alte Cato war das Urbild eines Römers: ein rothaariger, blauäugiger Bauer, kräftig, sparsam und Härte gewohnt. So stellte ihn Cicero in der Rede zu L. Flacco dar.
Aber nicht nur pecunia erinnert an die alte Geldwirtschaft, sondern auch die Finanzgebarung. Das ist inzwischen in jedem Punkt Geschichte geworden. Da es weder Konjunktur noch Spekulation gab, reichte es, die Steuern alle fünf Jahre festzusetzten – den Census. Es dauerte lang, bis die Steuer auch den Wohlstand der Elite zu erfassen begann. Der gesellschaftliche Wandel von bäuerlicher Kargheit zur Konsumgesellschaftg wurde unter dem Titel der Luxuria besteuert.
Allerdings zeitigte die Verdrängung bäuerlicher Tugenden enorme Folgen. Wie die historischen US-Potentaten entpuppte sich derselbe Cato, der soeben noch als Tugendbold galt, ab 170 v. Chr. als Sklavenhalter. Er kaufte billige, ungelernte Sklaven ein, richtete sie ab und verkaufte sie mit erheblichem Gewinn. Im Grunde war er der erste bekannte Kapitalist. Sein berühmtes Diktum, das Lateinschüler bis heute lernen müssen: Ceterum censeo Carthaginem esse delendam – im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss, entsprang nicht der Zerstörungswut eines wahnwitzigen Generals, sondern er wollte aus Gründen der Konkurrenz, den Öl- und Weinhandel Karthagos zerschlagen. Wie Trump heute die ökonomischen Konkurrenten treffen will, so auch Cato, der seinen Hass mit Interessen verband.
Der Sieg über Karthago in drei punischen Kriegen brachte Unsummen an Münze nach Rom. Nun war Rom vom Geldfluss überfordert. Über 500 Jahre hatte man keine Idee, wie mit Geld umzugehen ist, also man investierte weder in die heimische Agrarindustrie, noch erfand man Fertigungsbetriebe der vorindustriellen Ära. Man hatte bestenfalls die Infrastruktur für militärische Interessen geschaffen – mit Straßen und Brücken. Später war man klüger geworden und so wurde die römische Glasindustrie führend – wie der Gründer der kunsthistorischen Wiener Schule, Alois Riegl, beschrieben hat. Weder wurde der Bergbau modernisiert, noch die Schifffahrt gefördert. Investitionskapital hätte es in Hülle und Fülle gegeben. Da Rom den Außenhandel im Unterschied zu Karthago nicht kannte, war alles Geld entweder „auf Kante“ gelegt worden, oder für Wahlkapitulationen fürs „Volk von Rom“ aus dem Fenster geworfen worden. Rom blieb den Fortschritt in der Finanzentwicklung schuldig, erwies sich als schwerfällig und korrupt und hatte nichts übrig für Technik, Wissenschaft und Naturforschung. Trump war zu dieser „austerity“ gegenüber Wissenschaft und Naturforschung zurückgekehrt. Der politische Schwerpunkt Roms war der Krieg, hingegen jede Zahlenoperation war wie eine Geheimwissenschaft gehandhabt worden, vornehmlich von gebildeten Sklaven. So gab es in Rom Kapitalisten ohne Kapitalismus und man war wahrscheinlich auch stolz darauf, nur geringe Fortschritte erzielt zu haben. Die bedeutendste Innovation war der gebrannte Ziegel, der mächtige Gebäude erlaubte, von dem „Griechen“ nur hätten träumen können. Während die Griechen an der Dachkonstruktion scheiterten, die Dächer waren vornehmlich von Holzläden gedeckt worden, so kannten die Römer auch den Dachziegel, der jedes Haus vor Witterungen schützte. So war der wirtschaftliche Erfolg Roms vom Ausplündern und nötigenden Tributzahlungen erzielt worden, also war der Warenimport mit dem erpressten Geld der Provinzen bezahlt worden. Es war ein teuflischer Kreislauf eröffnet worden, denn in den späteren Jahrhunderten nach Augustus und den Soldatenkaisern versiegten diese Einnahmequellen und die römische Naturalwirtschaft kehrte zu ihrer vormaligen Bedeutung zurück, somit wurden Grund und Boden sehr kostbar. Das ist heute kein unbekanntes Phänomen. Das kennzeichnete die letzte Phase des weströmischen Reiches, nämlich mit dem Verkauf an Grund und Boden waren die Bundesgenossen bezahlt worden, die Verteidiger des Reiches im Norden und im Nahen Osten. „Barbaren“ wurden zu politischen Größen wie Stilicho, Aetius, Ricimer, Odoaker. Mit dem Schmelzen des Staatsschatzes waren die Legionen nicht mehr zu halten und zugleich stieg die Produktion wertloser Münzen und bis heute findet man diese Metallassignaten auf Feldern und Äckern. Den berühmten römischen Sesterzen waren – vielleicht wie in naher Zukunft ein Bitcoin – plötzlich total entwertet worden.
Das luxuriöse Rom lebte auf den nahen gelegenen Latifundien. Im Großgrundbesitz sah man den Reichtum gesichert, auch die Macht, die man im Senat mit Nepotismus ausübte. Die Kriegssklaven waren eine billige Arbeitskraft, durch die Geschlechtertrennung noch weit entfernt, ein Proletariat zu gründen. Da war das Geld zum Untier geworden, Sallust nennt es so, nicht mehr gehorsam wie das Kalb am Strick des Metzgers, sondern wild, erbarmungslos. So schrieb Sallust im Brief an Caesar II, §98. Da kannte sich Sallust sehr gut aus, denn er war für seine anrüchigen Geldgeschäfte berüchtigt.
Zu der Zeit galt die Staatskasse noch als „heiliger Fiscus“, da ja auch die Kaiser göttlich waren. War schon Demosthenes von der Wirkung des Geldes beeindruckt, so musste Cicero diesen nervus rerum als Triebfeder für alle Kriege anerkennen, deren Erfolge von unermesslichen Summen abhängig sind – primum nervos belli pecuniam infinitam. Später hat der für den habsburgischen Kaiser kämpfende Montecuccoli das bekannte Zitat hinzugefügt: Für den Krieg benötigt man Geld, Geld und Geld. Dass dann Cicero in mehreren Prozessen erfolgreich war, wo die Anklage höchste Funktionäre des Imperium der Abzweigung von Steuergeld beschuldigte, so im Schauprozess gegen Verres und es klingt eine gewisse Resignation mit, dass eben die vectigalia nervos esse rei publicae: Der Verlust an Steuern machte deutlich, dass „die Steuern der Nerv des politischen Gemeinwesens sind“. Nun war eine deutliche Kriminalisierung der Steuereinhebung schon unter Pompeius eingetreten, denn die Steuereintreibung besorgten extra ernannte Zöllner – publicani, die über einen Pachtvertrag ihr gewinnbringendes Gewerbe ausübten. Das wird bald in den USA der Fall sein, sollte die „Bürokratiereform“ a la Elon Musk fortgesetzt werden. So war ein System der Erpressung und Nötigung inauguriert worden, die den berühmten Rechtsinstituten Roms eine harten Schlag verlorener Glaubwürdigkeit versetzten. Hieronymus war im 2. Jahrhundert klar: dives aut iniquus aut iniqui heres – der Reiche ist entweder ein Bösewicht oder der Erbe eines Gauners.
Den Höhepunkt bildete ausgerechnet der für „konservative“ Gesinnung bekannte Historiker Sallust, der als Prokonsul in der Provinz Neu-Africa ein unvorstellbares Vermögen erpresst und das Vermögen für Gärten am römischen Monte Pincio verwendet hatte. Mit dem Blut afrikanischer Steuerzahler war ein Lustgarten beeindruckender Qualität errichtet worden. Gleichzeitig erteilte er Caesar den Rat, wo Reichtum und Ruhm erstrebenswert ist, sollten alle Güter käuflich sein. Konsequent formulierte Apuleius in seinen Metamorphosen: auro soleant adamantinae etiam perfringi fores: Gold geht durch alle Türen. Also folgt daraus die politische Spruchweisheit: plus potest qui plus valet – mehr vermag, wer mehr besitzt! Oder, was Benko nun zu bereuen hat, denn der antike Spruch hat in seinem Fall alle Geltung eingebüßt: res amicos invenit – wer Gold hat, findet auch Freunde. Das war die übereinstimmende Meinung bei Plautus, dem Komödiendichter, und Terenz. Darüber machte sich Horaz lustig, da er knapp anmerkte: virtus post nummos: die Silbermünzen sind vor der Tugend. Dieses Zitat musste Luther gekannt haben, da er in den Tischreden Horaz in eine neue Redewendung kleidete: qui non habet in nummis – Wer kein Geld hat, dem hilft auch nicht die Frömmigkeit.
Und aus aktuellen Anlässen ist Petronius in der Cena Trimalchionis, cap 53, sehr anschaulich zu lesen, was in der Spätantike Reichtum ausmachte und den Lebensstil der societas ruinierte: der Schreiber hatte für den 26. Juli in die Buchhaltung einzutragen: „500000 Scheffel Weizen in die Magazine verbracht, 500 Ochsen eingefahren,…Am selben Tag 10 Millionen Sesterzen in die Kasse abgeführt, weil sie nicht anders unterzubringen waren….“
Das klingt sehr stark nach den neuen Interessen der Brisc-Staaten, denen die Trump-USA noch immer nicht angehört. Vielleicht ebnet ihm hier Putin den Weg zur Mitgliedschaft.
An diesem Punkt wurde Reichtum der alleinige Sinn, also verlor die reale Welt an Festigkeit und Wirklichkeit. Gerade am Ende der Republik, also mit Caesar gab es die reichsten Römer in Rom und das Sprichwort machte die Runde: Bei diesen Glückspilzen wurde selbst Blei zu Gold! – in manu illius plumbum aurum fiebat. Crassus der mit Caesar und Pompeius das erste Triumvirat bildete, besaß am Beginn seiner Regentschaft rund 7 Millionen Sesterzen, am Ende seiner Karriere aber 170 Millionen. Vielleicht kann man in ähnlicher Weise den Kapitalbesitz von Trump am Ende seiner Amtszeit ermessen?
Es gab auch das Gegenteil: Marcus Antonius hatte im 38. Lebensjahr 40 Millionen Sesterzen Schulden, war aber weder von der Last irritiert noch beteuerte er, diesen Fehlbetrag langsam irgendwann abzubezahlen.
Nun war das Wort Luxus am Ende der römischen Republik ein Merkmal der Zivilisation geworden. Gleichzeitig war für den gesellschaftlichen Zusammenhalt diese Entwicklung eine Katastrophe. Die Gesellschaft in Rom war gespalten: hier dominierte unfassbarer Luxus, dort herrschte die Not der Proletarier. Spekulativ errichtete Zinshäuser brachen zusammen und begruben die Bewohner unter sich. Sie galten als rohe und unverdauliche Masse, schrieb Ovid in den Metamorphosen: rudes indigestaque moles. Jetzt musste das Kollosseum herhalten, das grausame Vergnügen, dem Juvenal das politische Motto gab zur Beruhigung des Proletariats: Panem et circenses.
Erst jetzt war der Zeitpunkt gekommen, mit dem Geld selbst Geschäfte zu machen. Ein nobler Ritter, obendrein alter römischer Adel, Atticus benannt, nahm für geliehenes Geld 100% Zinsen und selbst Brutus lieh Geld für 48% Zinsen. Da könnten sogar die neuen Oligarchen noch etwas lernen! Da war ein Schlaraffenland in Griffweite, denn der neue Geldadel verbrüderte sich mit der Staatsgewalt. Diese Räuberei schrie wirklich zum Himmel –res clamat ad Dominum. Und Lucanus setzte in den Pharsalia fort: ibi fas ubi proxima merces – Wo das meiste Geld, dort ist das Recht.
Und das Geld erhielt immer mehr gesellschaftliche Eigenheiten. Die sonderlichste Eigenheit gewann es wohl unter Kaiser Vespasian im 1. Jahrhundert. Er verkaufte nämlich den Urin der Bedürfnisanstalten Roms an die Gerber und Tuchmacher. Da sich sein Sohn Titus darüber mokierte, hielt ihm Vespasian ein Geldstück unter die Nase und fragte ihn: Hat es einen üblen Geruch? Titus verneinte. Und die Antwort des Kaisers war ein geflügeltes Wort geworden: non olet – es stinkt nicht. Sueton berichtete diese Geschichte. – Später gab es sogar einen Kaiser, der sich bewusst vor diesem Sumpf der Macht, der Mächte und des Geldes hütete, ja dem Grundsatz gehorchte, den er selbst aufgestellt hatte: amicus optima vitae possessio – das höchste Gut im Leben ist ein Freund. Der Tod Albrechts II. 1439 wurde wegen seiner würdevollen Treuherzigkeit und Vornehmheit im ganzen Reich betrauert. In Erinnerung blieben die Tugenden der Bescheidenheit und Demut.