Gedanken Reinhold Knolls

Tourismus

Waren die letzten Jahrzehnte eine Vorbereitung auf das Weltende?

Sachdienliche Hinweise zur Beantwortung dieser Frage sind im  überschäumenden Tourismus zu finden. Wie ein  Tumor breitete er sich über die zivilisierte Welt aus: die „körpereigenen Tumorzellen“ – die Touristen – werden vom Immunsystem ihrer Kultur nicht mehr erfasst. Die Folge sind karzinogene Metastasen nicht nur in den traditionellen Ferienregionen. Diese Metastasen können jetzt überall weltweit auftreten und letztlich bleibt jede Intervention erfolglos. Es ist nicht einmal der Pandemie gelungen, den Touristenstrom einzuengen. Inzwischen gibt es keinen Winkel der Erde, der nicht auch touristisch vermarktet wird.

In „Masse und Macht“ schildert Elias Canetti eingehend den Mongolensturm, der Europa zwischen 1237 und 1240 ereilt hatte. Die relativ politisch stabilen Länder Osteuropas, noch in lockerer Bindung an Byzanz, einschließlich Ungarns, waren zerstört und über Jahre in der Entwicklung zurückgeworfen worden. Die „Mobilmachung“ zu Ferienbeginn ist die jährliche Wiederholung des Mongolensturms. Die zivilisatorischen Errungenschaften höhlen die kulturellen Fundamente aller jener Länder aus, die vom Tourismus zum Zielort erklärt werden. Es sind saisonale Wanderbewegungen, wenn man diesen alten Begriff aus der historischen Arbeitswelt bemühen will, deren Zweck nicht mehr dem Broterwerb und der Existenzsicherung gilt, sondern die Wanderbewegungen haben ihre Ursache im organisatorisch genutzten  demonstrativem Müßiggang. Zu seinen Folgen zählen nicht nur die vermehrten Dienstleistungen im Ferienparadies, die der monetären Urlaubsinvestition zu entsprechen haben, sondern auch die Abnutzung sensibler Regionen der Natur und Kultur. Mängel in der Ausstattung und Dienstleistung, fehlende Entwicklung des Qualitätstourismus werden durch attraktive Zielangaben ausgeglichen. Die zahllosen „Kulturdenkmäler“ und Meeresstrände werden dabei zu Lückenbüßer, die die Mängel und qualitativen Defizite in der Dienstleistung auszugleichen haben. Daher werden in der modernen Zivilisation die Relikte jeder Kultur zu Huren. Sie werden dem Mongolensturm des Tourismus in gleicher Weise angeboten, wie Thailand im „Sextourismus“ zum attraktiven Ziel avancierte.

Der attraktivste „Hit“ ist das Angebot großer Reiseveranstalter, noch einmal hautnah unberührte Natur zu erleben. Die Hurerei der Touristik dehnt sich schamlos über die letzten Schätze der Flora und Fauna aus. Der gängigste Verkaufsschlager für Kreuzfahrten ist die Besichtigung schmelzender Eisberge und letzter Eisbären.      

Einmal hatte die Erkundung der Welt ganz bescheiden begonnen. Im 17. Jahrhundert war der Wunsch nach Weltoffenheit ein Bildungsziel gewesen. Man meinte, über „Bildungsreisen“ Aufgeschlossenheit und Humanität zu erlernen. Wie junge Handwerker zur Verbesserung ihres Könnens kreuz und quer durch Europa wanderten, so später junge Adelige. Da waren schon längst die Spezialisten samt dem Team für den Kathedralbau in Europa unterwegs gewesen und wurden je nach Bedarf vom Stadtsenat, von Bischöfen und Fürsten angeheuert, so sie sich ebenfalls zu diesen waghalsigen Konstruktionen der Gotik entschlossen. Der letzte bekannte Absolvent einer „Walz“ in alter Form war in Österreich Ferdinand Hanusch, der spätere Sozialpolitiker und Gewerkschafter, der zu Fuß bis nach Rumänien gekommen war. Alle diese „Berührungen“ und Erkundungen dienten der Kenntniserweiterung.

Selbst der Kolonialismus war ursprünglich nicht als beliebige Landnahme und dreiste Okkupation betrieben worden, nicht als Unterwerfung riesiger Ländereien zum Zweck der Gründung eines Weltreichs, sondern diente vorab dem überseeischen Handel, den zuerst die Portugiesen ohne Eroberungspläne verfolgten. Sie bahnten ihre Routen durch die Weltmeere entlang der Küsten und gründeten da und dort nur kleine zivile Handelsniederlassungen.

Gleichzeitig hatten englische Adelige die Schätze der Renaissance entdeckt. Zuweilen finanzierten sie ihre Italien-Reisen durch das  Verfassen erster Reiseführer für adelige Neugier im 16. Jahrhundert. Im Grunde war mit den Italien-Reisen der abenteuerlustigen Lords die Renaissance erfunden worden. Erstmals hatte man im Reiseführer Objekte der Malerei, der Bildhauerei, der Architektur und die pittoresken Städte zu Sehenswürdigkeiten erklärt. Im Kielwasser reiselustiger Aristokratie folgten kunstverständige Händler, kauften für ihre englischen Auftraggeber die bekannten Gemälde großer Renaissance-Maler. Die gewünschten Gemälde kannte man bereits wegen des verbreiteten Anschauungsmaterials im Kupferstich. Die Maler selbst hatten in ihren Ateliers „Kupferstecher“ beschäftigt, um die Werke bekannt zu machen. Marcantonio Raimondi, Enea Vico  Diana Scultori und Benedetto Verino informierten die noble Welt Europas über das malerische Geschehen der Renaissance.

Im späten 19. Jahrhundert folgten den europäischen Kunsthändlern die   Experten, die die jungen privaten wie öffentlichen Sammlungen der USA mit den Gemälden aus dem „alten Europa“ versorgten. Der wohl bedeutendste und bislang größte Kunsthändler für „alte Meister“ war der Engländer Joseph Duveen. 1886 hatte er eine Filiale seines Londoner Unternehmens in New York gegründet und vermittelte den frisch gebackenen  Milliardären der USA europäische „Meister“. Für Duveen war die Kontaktperson und zugleich Experte für Renaissance-Malerei in Italien Bernard Berenson.

Noch gingen zu diesem Zeitpunkt die Objekte „auf Reisen“, nicht nur Skulpturen oder Gemälde, sondern zur Bestätigung der Weltmacht waren immer schon ägyptische Obelisken ein begehrtes Gut, das die meisten Hauptstädte Europas unbedingt haben wollten. Der letzte Interessent für Obelisken war Mussolini. Er legte Wert auf die im Park der Bankier-Familie Torlonia an der Via Nomentana in Rom gesammelten antiken Spolien.  Das Anwesen samt Villa hatte er von der Familie Torlonia um eine Lira im Jahr gemietet. Ebenso „reiste“ das große Ischtar-Tor von Babylon ab 1897 nach Berlin. Das gesamte mächtige Portal war fein säuberlich in den üblichen Zigarrenkästchen nummeriert, verpackt und versandt worden.  

Bis Freizeit und Reisen das neue Merkmal der Zivilisation wurde, bedurfte es gewaltiger sozialpolitischer Fortschritte in Europa. War das Reisen ein deutliches Zeichen für Wohlstand, so wurden gleichzeitig die aristokratischen Gepflogenheiten imitiert. Mit Sonnenschirm, Strohhut und Krinoline  bestieg man die Dampfer, überquerte das Mittelmeer in Richtung Arabien. Die Deutschen machten es vom Anfang an den mittelalterlichen Kaisern nach, reisten vornehmlich nach Rom und Süditalien und waren berühmt dafür, zur Verwunderung der Eingeborenen auf den Ruinen herumzusteigen. Noch grasten auf der Wiese, unter der die Reste des Forum Romanum ruhten, Kühe und zwischen ihnen die ersten deutschen Archäologen auf den Spuren von Johann Joachim Winckelmann. Gleichzeitig wanderten Millionen Europäer nach den USA aus. Um 1900 verließen eine Million Menschen die Donaumonarchie.

Wer hätte jemals gedacht, dass nach den ersten eleganten „Weltreisenden“ im weißen Anzug, Lackschuhen und Tropenhut nur 150 Jahre später Heuschreckenschwärme von Stadttouristen die ausgegrabenen Baudenkmäler erobern werden? Goethe reiste zweimal nach Italien, bequem und gemütlich und war nicht nur ein Liebhaber der kulturellen Bestände in Padua, Florenz oder Rom. Später folgte ihm zu Fuß Johann Gottlieb Seume, der von Leipzig bis Syrakus marschierte. Im Rucksack war die klassische lateinische Literatur. Die gelesenen Seiten riss Seume aus dem Buch, warf sie weg, um sein Gepäck zu erleichtern. Ein anderer Wanderer wurde im Biedermeier berühmt: Joseph Kyselak aus Wien. Zur gleichen Zeit war Ferdinand Freiligrath der Wanderer durch Westfalen. Kyselak wiederholte die Wanderungen über Stock und Stein in den Alpen, die zuvor schon englische Alpinisten im 18. Jahrhundert erkundet hatten.

Es waren Engländer, die den ersten Alpine Club 1857 gegründet hatten. Deren Beispiel folgte viel später Ernest Hemingway 1924/25 im Montafon. Der österreichische Alpenverein wurde 1862 gegründet, der deutsche 1873. Trotz der Behauptungen, Mathias Zdarsky sei der Pionier des Skilaufs gewesen, so  war Skifahren in der Schweiz zwanzig Jahre früher um 1870 voll im Gange. Zdarsky zählte auch zu den Wanderern entlang der Donau, in den Alpen. Seine spezielle Art des Skifahrens, angeregt durch Fritjof Nansen, probierte er um 1900 in Lilienfeld aus.

Eine nachhaltige Wende in der Erkundung der Welt war durch die Expedition Napoleons nach Ägypten verursacht worden. Diese steigerte die Neugier aufs Exotische und erweiterte das Sammelinteresse der europäischen Museen jenseits der Epochen von „Griechen und Römern“. Das gewaltige historische Interesse um 1800 führte zur systematischen Geschichtsforschung bei gleichzeitiger Veränderung der ästhetischen Vorstellungen: der Historismus beherrschte schnell die architektonischen Regeln fürs Stadtwachstum. Es war überhaupt ein Wendepunkt eingetreten. Mit der Rettung der bedrohten Kulturgüter und Kunstwerke vor der Zerstörungswut der Revolutionäre nach 1789 war das leere Königsschloss in Paris zum „heutigen Louvre“ geworden. Dieser Widmung folgte das Germanische Museum in Nürnberg. Aus den bisherigen adeligen Sammlungen aus Liebhaberei und Extravaganz in einer „Wunderkammer“ wurden öffentliche Museen mit wissenschaftlicher Systematik. Ein wichtiger Schritt im soziokulturellen Selbstverständnis nach der Revolution. Nach der Zerstörung des feudalen Luxus gewinnt das „Konservieren“ nicht nur politisch an Bedeutung. Da man bald in romantischer Pädagogik überzeugt war, die wenigsten würden Pyramiden, eine Sphinx oder die Grabkammern der Pharaonen sehen können, sollten der europäischen Öffentlichkeit die Fundstücke in Museen präsentiert werden. Es entsprach auch der imperialen Eitelkeit der Kolonialmächte, sich über besondere Reliquien der Kulturen eine weltgeschichtliche Rolle und Legitimation anzueignen und dem Volk sichtbar zu machen. Berlin wurde mit dem Tor von Babylon oder mit dem Pergamon-Altar berühmt, Paris mit einem Obelisken, den König Louis-Philippe auf dem Place Vendome aufstellen ließ, und mit dem „Stein von Rosette“. Das Britische Museum sammelte die Spolien von der Akropolis. Später zog das Metropolitan Museum in New York nach und ließ eine Pyramide über den Ozean transportieren, die jetzt vom Central Park umgeben ist.   

Das alles war noch im Einklang mit dem kulturhistorischen Selbstverständnis der Europäer und Amerikaner. Als neu entpuppten sich die Entdeckungsfahrten. Das war keine Spurensuche, um der kühnen Seefahrt Ferdinand Magellans von 1485 zu folgen, sondern die neue Verkehrstechnologie mit Eisenbahn und Schifffahrt beschleunigte die Möglichkeit, die Welt beschleunigt kennen zu lernen.

Alexander Humboldt war noch allein aus dem Grund nach Südamerika gefahren, um die Hypothese zu verifizieren, dass im Erdinnnern die Temperaturen steigen. Keinen Touristen interessiert heute ernsthaft, warum der Himmel blau und der Mond beim abendlichen Aufgehen rot ist. Ein Tourist fragt auch nicht, da ihn in Algarve nur das Verlangen nach kühlem Bier antreibt.

Die „Gesellschaftsreisen“ bewegten sich wie eine kleine Expeditionskompanie entlang der Küsten der Adria, fuhren zu den griechischen Inseln, versäumten nicht, Madeira anzupeilen oder nahmen Kurs auf Ägypten. Nach 1835 war man überzeugt, in der direkten Nachfolge von James Cook zu stehen.

In Wahrheit war der Pionier der Pauschal- und Gesellschaftsreise Thomas Cook. Ursprünglich Prediger einer baptistischen Gemeinde, organisierte er am 5. Juli 1841  die erste Eisenbahnreise für 520 Mitglieder eines Abstinentenvereins von Leicester nach Loughborough um 1 Shilling – heute etwa 3 bis 4 Euro. Gebucht war die Reise in der 3. Klasse ohne Anspruch auf eine Sitzgelegenheit. Für die Reisenden gab es eine Tasse Tee und ein Schinkenbrot. Es waren offene Waggons der Midland Railway, in der die Teilnehmer befördert wurden. Es war der Anfang! Bereits 1872 war von der Thomas Cook Company die erste Weltreise für 222 Tage angeboten worden. Ebenso konnten Kreuzfahrten auf dem Nil vereinbart werden.

Um die Jahrhundertwende waren die Varianten der Reiseorganisation voll entwickelt. Zwar fehlten noch die Transportmöglichkeiten, die mit Bus und Flugzeug im 20. Jahrhundert dominierten, doch mit dem  sozialen Wandel in den Industriegesellschaften war dann ab 1945 eine Wohlstandsgesellschaft entstanden, die immer weiteren Gesellschaftsschichten Träume und Traumreisen erlaubte.

Ein wesentliches Antriebsmoment war sogar von autoritären und totalitären Staaten beigetragen worden, denn zu propagandistischen Zwecken waren Ferien- und Urlaubsreisen paramilitärisch  organisiert worden – „Kraft durch Freude“, andererseits war der Transport hunderttausender Soldaten zu den vielen Frontabschnitten während der beiden Weltkriege zur Anregung geworden, unter friedlichen Bedingungen die Reisen zu wiederholen. Automatisch war für die Mitteleuropäer Italien, Frankreich oder Spanien attraktiv, um dort die ehemaligen Schlachtfelder zu besuchen. Die „Leistung“ des Faschismus ist aber weit höher einzuschätzen. Er vermochte das Verhältnis der Europäer zu ihrem eigenen Land in eine „koloniale“ Beziehung zu verändern. Das heißt, dass man sich immer mehr zeit- und raumunabhängig empfand, gleichsam ohne Ortszugehörigkeit, obwohl die uralte Sesshaftigkeit tief ins kulturelle Bewusstsein eingegraben war. Damit wurde das Pendeln zwischen Metropole und Umland, die sich mit den Arbeitsbeziehungen einstellte, zur Eingliederung in eine „Kolonialaktivität“ – samt den „Fremd“-, Saison- oder Gastarbeitern. Noch sahen die Ergebnisse besonders nach 1900 dem traditionellen nationalen Leben zum Verwechseln ähnlich. Diese „Koloniallaktivität“ konnte auch als Sozialismus  verstanden werden, der mit dem modernisierten Transportwesen untrennbar verbunden war.

Das erste Produkt, das den neuen Produktionsbedingungen und wegen des Arbeitszeitmodells berühmt wurde sowie dem Bedarf kommender „Massengesellschaft“ entsprach, war die von Henry Ford entwickelte „Tin Lizzie“. 1914 lief das verbesserte „Model T“ von 1908 in Detroit vom Fließband. Neugierig geworden reisten Fritz und Wilhelm Opel in die USA, studierten die Produktion des „Ford“ und 1924 war der erste „Opel“ aus Rüsselsheim am Markt. Aus Turin folgte 1936 das nächste Angebot am jungen Automarkt mit dem berühmten „Topolino“ (Fiat 500). Daher wurde wenig später ein „Volkswagen“ 1937 das Symbol für sozialen Aufstieg der Arbeiterschaft im Nationalsozialismus und ersetzte perfekt den nicht mehr empfundenen Ortsverlust. Das französische Pendant wurde 1936 als „Tout Petite Voiture“ entwickelt. 1939 kam der Krieg der Pariser Präsentation zuvor. 1948 wurde „die Ente“ 2CV in modifizierter Weise vorgestellt.

Die moderne Zivilisation im 20. Jahrhundert war nun grundsätzlich von diesem kolonialen Verhältnis ausgegangen, was noch wenige Jahrzehnte zuvor als „Heimat“ gegolten hatte. Das Kriterium der Neuheit war die „faschistische Perversion“ der Transformation des Körpers in eine Maschine, in ein Projektil. Angekündigt war diese Transformation im Surrealismus von André Breton und im Futurismus bei Filippo Marinetti. In Umkehrung war selbst eine Armee  zum Ideal „eines technisierten Körpers“ geworden samt „individualisierten“ Körperfunktionen. Die Technik war unversehens zum Dressurprogramm für den Menschen geworden, also hatte sich die Proportion von Mensch und Maschine zuungunsten des Menschen verschoben. Es war zum anthropogenetischen Unternehmen geworden. Das nationalsozialistische Programm der neuen Arbeitsverhältnisse hatte Albert Speer klar formuliert: „Bringen Sie nicht die russischen Kriegsgefangenen um, überlassen wir das der Arbeit.“

Zu bedenken ist, dass diese Anthropogenese der Moderne zur Voraussetzung der Mobilität, der Mobilisierung und „Mobilmachung“ wurde. Dafür war die Chance des „mobilen Körpers“ zu attraktiv, um dieser Versuchung zu entsagen und die Sehnsucht nach der Ferne ließ sich im Geschwindigkeitsrausch verwirklichen. Zuerst waren es negative Bestimmungen wie Verschleppung und Deportation, Emigration, doch mit dem Ende der Weltkriege und mit der Patt-Stellung im Ost-West-Konflikt bis in die 90er Jahre wurden diese „Bewegungen“ in ziviler und friedlicher Form fortgesetzt und erweitert. Jetzt war der Massentourismus nicht mehr aufzuhalten.     

Im Laufe der Entwicklung war der Fortschritt in Wohlfahrt und Technisierung vornehmlich an einem Kriterium gemessen worden: wer kann sich ausgedehnte Reisen leisten – mit Schiff, Flugzeug, Auto oder Eisenbahn? Noch schnitt die Eisenbahn anfänglich schlecht ab. Sie galt in erster Linie als Transportsystem für die industrielle Produktion und in zweiter Linie als Transportmittel für Arbeitskräfte. Noch dominierten vornehmlich „Individualreisen“. In der Folge hat die entwickelte Verkehrstechnologie diese „individuelle Besonderheit“ abgelöst und die Reiseveranstalter bündelten die Reisewünsche. So bildeten die Reisegruppen im Grunde Neigungsgruppen wie in den Schulen. Ab 1970 war diese Form vom Pauschaltourismus abgelöst worden.

Ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts war die Organisation von Urlaubszielen und Ferienreisen endgültig ein Geschäftsmodell geworden. Und es häuften sich Erwartungshaltungen der Urlauber, zu deren Wunschdenken vom Urlaub der Alkoholexzess ebenso dazugehört wie die Uffizien in Florenz. Bald war man auf den Gedanken gekommen, dass Fernreisen nicht nur den Horizont erweitern, sondern auch den Kontakt zu Drogen erleichtern.

Das Erscheinungsbild des Tourismus wandelte sich. Immer mehr Europäer verlangten nach dem Erlebnisurlaub am Meer oder am Bauernhof, an einem See mit Alpenpanorama, aber ebenso florierten die Fernreisen. Die Küste des Mittelmeers ist jedes Jahr ausgebucht, ebenso die Küstenorte der Türkei. Die Sehnsucht nach dem Süden wird mit dem Flug nach Gran Canaria gestillt, nach Madeira oder endet schon auf Mallorca oder gar an der spanischen Küste. Mit dem „Leben nach dem Ruhestand“ war der Städtetourismus zur unerwarteten Überbrückung der „toten Saison“ avanciert und bot den Reiseunternehmen ein stabiles zweites ökonomisches Standbein. Vor 40 Jahren hatte niemand geahnt, dass Millionen bei gestiegenem Wohlstand und nach Beendigung des Berufslebens ihre freie Zeit auf Reisen verbringen wollen. Städte besitzen den Vorteil, den Touristen den Anschein besonderen Interesses zu verleihen, gebildet zu sein und kulturelle Beflissenheit ostentativ unter Beweis zu stellen.   

Freilich ist die verbreitete Art des Erlebnishungers schwer zu stillen. Einerseits stiegen die Ansprüche in den Erwartungshaltungen, andererseits waren die Städte dem Zustrom der Rucksack-Touristen kaum gewachsen. Immer öfter sind ältere Menschen vom sonderbaren Wunsch motiviert, vor dem Tod noch einmal die Welt sehen zu wollen. Solange man auf keine Gehhilfe angewiesen ist, will man noch einmal die Welt durchqueren, deren Schönheit bewundern, deren Einzigartigkeit bestaunen. Es schlug die Stunde der Kreuzfahrten. Ohne auf  die eigenen Beine angewiesen zu sein, ohne einen Finger zu rühren, werden Tausende auf dem Schiff entweder durchs Mittelmeer gelotst, ziehen an Venedig, Dubrovnik bis Neapel vorbei und können ein Lied davon singen, oder werden gleich ins Nördliche Eismeer gebracht, um die noch vorhandenen Eisberge zu bestaunen. Zwar schmelzen diese dahin wie Butter an der Sonne, zwischendurch werden die Fäkalien der Kreuzfahrtsschiffe ins kristallklare Wasser geleitet, aber die Kreuzschifffahrer behaupten, Liebhaber von Natur und Umwelt zu sein, und meinen, ein Recht auf Besichtigung zu haben. So lautet die Begründung und bringt die gesamte Generation über 65 auf die Beine. Wenn man sich schon von dieser Welt verabschieden muss, dann verabschiedet man sich von dieser Welt mit Weltreisen. Aus den ersten Abenteurern und Entdeckern sind Millionen Reisende geworden. Allerdings sehen sie die Welt anders. Die vielen Reisen unterm Jahr lehren die Touristen die „topographische Amnesie“: sie sehen vorwiegend im Vergleich mit ihren letzten noch vorhandenen Erinnerungen die nächste Stadt, womit sie die Reichhaltigkeit ihrer bisherigen Erinnerungen immer schneller zu vergessen beginnen. Noch schneller schreitet das Vergessen voran, wenn vornehmlich die „apparative Wahrnehmung“ mit Telephon oder „iPad“ den eigenen Augenschein verdrängt. Das war möglich, denn der apparative Zuschnitt erzeugt konzentriert Bilder, die das menschliche Auge mit dieser Ausdauer eines Apparates nicht durchhält. Ein Hyper-Realismus wird im Modus der Wiedergabe produziert, der erst in der Reproduktion diese Hyper-Realität beim Betrachter zur Wirklichkeit macht. Also ist die hochtechnisierte Laser-Videographie unserer Augenzeugenschaft für immer überlegen. Damit ist der Blick des Touristen ausgestattet. Er hat sein Auge schon längst ans „Handy“ abgegeben und braucht es nur mehr fürs Lesen der Speisekarte am Lido.      

Es gibt sie wirklich, die Millionen Touristen, Amerikaner bis zu Chinesen: alle wollen die Welt sehen, aber was sehen sie?  Sicherlich geht es ihnen in erster Linie um das Abhaken aller Sehenswürdigkeiten der Welt, was früher die Briefmarkensammlung träumerisch repräsentierte. Es geht auch um den Abschied von der Welt, die mit der Lust auf den letzten Blick auf die Welt verklärt wird. Dass damit die Welt proportional zum Touristenstrom tatsächlich ruiniert, wird von allen riskiert. Wollte man früher der Kloake der urbanen Zonen entrinnen und freie Luft in einem Wald atmen, – es war Lewis Mumfords große Hoffnung, morbider Stadt zu entkommen, so hat der Tourismus die Kloake ubiquitär gemacht. Sie ist überall anzutreffen – und in vorher unberührter Natur doppelt.

Nun sind nicht die Fluchtbewegungen das Motiv des Tourismus, also die schlechte Wirklichkeit daheim mit der schönen Wirklichkeit auf den Antillen zu tauschen. In den Projekten der Modernisierung war der Zweck der Technisierung des Verkehrswesens nicht nur die deutliche Erhöhung der Geschwindigkeiten, sondern erlaubte auch dem Tourismus, die Mobilmachung immer größerer Teile der Bevölkerungen der „reichen Länder“ zu organisieren. Mit dieser Mobilität war das Ideal gesellschaftlicher Gleichheit schnell und konkret zu erreichen, während die sozialpolitischen Intentionen ins Stocken kamen. Es hatte sogar den Sozialismus bewogen, voll und ganz auf die Freizeitmobilität zu setzen, die den Fortschritt und Aufstieg in der Gesellschaft greifbar machte. Damit löste sich zum Teil die traditionelle soziale Verortung der Individuen im gesellschaftlichen Schichtmodell auf. Die Folge war die zunehmende Bedeutung eines fiktiven Ortes irgendwo, ein Nicht-Ort, der mit erhöhter Geschwindigkeit und gesteigertem Sozialprestige angepeilt wurde. Jedes einzelne Flugzeug erbringt den Beweis, dass der Wunsch nach Geschwindigkeit zur Destruktion der Entfernungen und auch der Biosphäre beiträgt, wie auch jede Art der Bewegung von der Vorstellung der Geschwindigkeit penetriert wird. Plötzlich gerät dieses Projekt in die Sprachbilder des Militärs, der Strategie und der Okkupationen. Die Aktionen der Touristen gleichen immer öfter einem Stellungskrieg und das Ziel ist die Zerstörung der „Seele“ von Ureinwohnern oder Eingeborenen.  

Gleichzeitig war die Gefährdung der Welt, der Natur, der Biosphäre noch nie so deutlich zu beobachten wie in den letzten Jahrzehnten. Der Club of Rome hatte es 1972 angekündigt. Die Botschaft ging bei dem einen Ohr hinein und beim anderen wieder hinaus So sind generell die Umweltbelastungen in den Sparten der Industrialisierung wie auch in den Sparten der Freizeitökonomie überproportional angestiegen. Es könnte geschehen, dass künftige Generationen, die ebenfalls einmal noch die Welt sehen wollen, sie nicht mehr zu sehen bekommen. Selbst der Südpol, gegenwärtig von nur drei Kreuzfahrtschiffen täglich als Ziel nominiert, das sind dann immer 4500 Touristen, wird sich verändert haben und auf Moos-bedeckter Erde sind die „Ein-Weg-Flaschen“ interessant, die nachweisen, dass die Touristen aus allen Ländern der Erde kommen. Überhaupt begegnet man entgegen den Versprechungen der Reiseveranstalter nicht mehr der Einmaligkeit der Natur, sondern einer exquisiten Auslese von Aluminiumdosen und Flaschen. Der Weg zu jedem Natur- oder Kulturdenkmal führt rechts und links vom Weg durch eine Dosen-Kultur, über die die archäologische Dokumentation in Zukunft Auskunft geben wird. Es sind ja nicht Cola – oder Red Bull-Dosen allein, die den Weg säumen. Der aufmerksame Beobachter wird an den Kultur-Denkmälern unserer Geschichte bemerken, dass in romanischen Mauerfugen sich die Zigarettenkippen häufen, oder vergessene unerlässliche Trinkflaschen zieren die Marmorsockel antiker Helden. Besonders unangenehm ist der morgendliche Marsch auf den Fuji, den Japaner früher aus religiösen Gründen bestiegen. Pfandflaschen aller Art, Speisereste, Kunststoff-Verpackungen, zurückgelassener Abfall weisen auf ein beliebtes touristisches Ausflugsziel hin, das nichts mehr mit Anbetung der Natur, mit der Erwartung des Sonnenaufgangs zu tun hat. Inzwischen ist auch die Besteigung des Mount Everest ins Programm der Reiseveranstalter aufgenommen worden. Prompt zieren die letzten hunderte Meter bis zum Gipfel die verschiedensten Hinterlassenschaften, bisweilen auch Tote. Es ist im „Erlebnisurlaub“ die neue Variante des gnadenlosen Tourismus entwickelt worden, bei dem man auch den Tod riskiert.

Niemand wäre beim Durchblättern des ersten „Baedeker“ 1827 auf die Idee gekommen, einen derartigen Ratgeber werde man in 200 Jahren nicht mehr brauchen. Statt der eingehenden Beratungen im alten Reiseführer übernahmen die „Trampelpfade“ der Touristen die Funktion der Bewertung der Sehenswürdigkeiten. So gibt es unterschiedliche Markierungen, bald Müll, Zigarettenkippen, Hinweisschilder und Wanderhändler, die aufs Besondere verweisen. Im Voraus kündigen sie schon die Lokale an, um die Erschöpften nach dem Besuch der Kirche St. Jakob in Rothenburg ob der Tauber in Franken, oder nach der Großwildjagd aufzunehmen und zu stärken. Noch am gleichen Abend bedauert man bei Kasseler Rippchen oder Sauerbraten, das Meiste nicht gesehen zu haben, denn der unverwandte Blick aufs Telephon ließ Vieles unbemerkt. Es klingt wie eine Drohung, sagen die fleißigsten Handy-Filmer, sie müssten nochmals herkommen, da sie das Meiste noch nicht gesehen haben.

Diese Beobachtungen berühren noch lange nicht den Kern des Problems. Man sagt, dass der Tourismus heute noch immer auf den Errungenschaften der Weltumseglungen, der Expeditionen, der Entdeckungen bislang unbekannter Territorien fußt und diese Entdeckungsfahrten für alle Interessierten nachzeichnen will. Obendrein versprach das „freie Meer“ immer die Einebnung aller kulturellen, religiösen oder moralischen Spannungen. Im Schatten dieses unendlichen Freiraums ist die Nutzung der Weltmeere dennoch von den schlimmsten Verbrechen durchsetzt. Anfänglich schwärmte man, die freie See und der unendliche Raum lassen nicht nur die Enge der Städte und Landesverordnungen hinter sich, sondern hier erlebt man die Grundlage einer Freiheitserfahrung. Es war ein gewaltiger Irrtum. Britannia rules the Waves. Das war nicht nur zum stolzen Lied avanciert, sondern veränderte das freie Meer in ein „Seereich“, in dem die grausamsten Verbrechen begangen wurden. Wer hätte am Beginn dieser mutigen Entschlüsse, ins Unbekannte aufzubrechen, vermutet, dass nicht nur die versklavten Ruderer regelmäßig die ersten Opfer beim Kampf der „Seemächte“ sein werden, sondern selbst auf Schiffbrüchige lauerten Strandräuber. Oft war wegen falscher Leuchtfeuer im 17. Jahrhundert ein Schiff gestrandet und die Besatzung wurde massakriert, ausgeraubt und ermordet. Es kam zu „Exzessen, die durch den Umgang mit dem Meer geheiligt werden…“ schrieb ein Zeitgenosse und Beobachter der stark forcierten Seefahrt in der Neuzeit. Wichtig war überdies, dass hier nicht staatliche Politik dahinter steckte, die „Seeorganisationen“ waren nicht das Produkt der Staaten, sondern waren anfänglich das Ergebnis des individuellen Handelsgeistes. Im Kielwasser der Handelsschifffahrt entstand das Versicherungswesen und der Zweig der Versicherungsmathematik. Erst mit den „Fuhrleuten des Meeres“ war die Entwicklung der ersten Industrienation der Welt möglich geworden und bald diente der kommerzielle Tausch ökonomischen Interessen.

Aus dieser Freibeuter-Gesinnung erwuchs dem Tourismus der grenzenlose Anspruch, alle Territorien der Welt zu bereisen. Es waren stets nur friedliche Zwecke genannt worden, eigentlich jede Kreuzfahrt ein Lehrpfad und obendrein sah man sich im Dienst an der Völkerverständigung.

Und hatte sich eine kulturelle Disposition dieser revolutionären Perspektive entzogen, so hatte noch Jean-Baptist Colbert in der Verwaltungskorrespondenz mit Ludwig XIV. gewettert, die „Franzosen seien nicht imstande, ein allgemeines Seereich zu schaffen“. Die Rückstand in der Kolonialpolitik erklärt sich aus einer bedauerlichen Vorliebe: „So sehr man sich auch in Marseille vergnügen kann, es gibt keine Handelsgesellschaften…Eher vernachlässigen sie das beste Geschäft der Welt als eine Vergnügungsfahrt in ein Landhaus zu versäumen, und mehr noch, sie wollen keine großen Schiffe, sie wollen nur kleine Barken, damit jeder seine eigene  hat…“

Was Colbert in der Korrespondenz als Mangel beklagte, wäre das Remedium heute, nämlich das irdische Glück in Einfachheit und Unabhängigkeit zu suchen. Daran war in der neuzeitlichen Bestimmung Europas kaum gedacht worden. So entstanden in den Neigungen zur Weltbeherrschung Utopien, die aber weit weniger vom Motiv der Klassenantagonismen abhingen, was später von Marx vermutet wurde, sondern generell vom Hass auf die Erde. Es zählt auch diese Facette zum geistesgeschichtlichen Fundament des Tourismus.

Nicht nur wegen letzter Blicke, nicht nur wegen gerade verabsäumter Blicke, rasen täglich tausende Flugzeuge um die Welt, stechen Dutzende Kreuzfahrtschiffe in See, stauen Autokolonnen auf Transitrouten, sondern den marodierenden Touristen bietet sich die Möglichkeit, oder die Leichtgläubigen ließen sich überreden, dass sie tatsächlich alle zusammen die Herrschaft über die Welt antreten – erbarmungslos und rücksichtslos. Kreuzfahrtschiffe, Jumbo-Jets und Autobusse würden diesen Hass über die Meere auf alle Kontinente übertragen, bis die Reste des Garten Eden ein Club Mediterranée geworden sind. Tausende reisen täglich in die entferntesten Regionen unserer Welt und gelten als auserwählt, da nur ihnen der letzte Blick auf einen Eisberg geboten wird. Freilich ist ihnen der Zweck der Reise nicht mehr bekannt, denn sie müssten beim Schmelzen des Eisbergs wie bei einem Sieg in lauten Jubel ausbrechen!

Und es kommt der gruselige Gedanke hinzu, dass ein Wettlauf des Sterbens ausgetragen wird: zwischen uns und der Welt.  

Die Touristen haben den Vorteil, das Kräftemessen mit der Welt in Freizeitkleidung zu begehen. Wegen dieses Wettlaufs fallen sie in Heerscharen zumeist in Badekleidung über die alten Stadtzentren her, besetzen einst wichtige Plätze großer Stadtgeschichte. Sie sind gleichsam immer die ersten am Platz, sind schneller als die Sonne und würdigen die ehrwürdigen Gebäude mit dem Blick aufs Smartphone. Die Blicke lösen sich erst vom Telephon, wenn es die Speisenkarte zu lesen gilt. So sind nicht gotische Kathedralen Anziehungspunkte, kein Palazzo und kein Parlament, sie sind einzig und allein nur ein Anlass, am gleichen Ort einen wirklichen Anziehungspunkt in Augenschein zu nehmen, eine Pizzeria, ein Straßencafé, ein Restaurant, einen Würstelstand – oder gar Mitgebrachtes vor dem Invalidendom zu kauen. Und da auf den historischen Plätzen auch die Fressmeilen über ihre Standorte verfügen, lungern die Touristen auf den Plätzen herum wie Kriegsgefangene einer entwaffneten Armee. Also hört man, sich zwar noch einmal eine Reise über alle Welt gegönnt zu haben, doch man gönnt sich dann keinen einmaligen Blick, sondern nur einen nach einem freien Sessel im Eissalon am Markusplatz.

Das alles ist zulässig. Vor allem ist es zulässig, wenn sich Touristen beim Essen den Kopf über die Zukunft der Erde zerbrechen. Ausgerechnet Touristen beklagen die Uniformierung der Welt, dass die Städte unter einer Gleichförmigkeit leiden, die offenbar zum modernen Städtebau gehört und bemerken nicht, dass nur Glas und Beton ihrem Ansturm gewachsen sind. Sie beschweren sich über das ewig gleiche Nudelgericht von Hongkong bis Santiago, essen es dennoch am Wenzelsplatz in Prag oder am Piccadilly Circus. Also erleben sie die Vielfalt des Weltkulturerbes in den jeweiligen Souvenirläden. In Salzburg ist ein Überangebot an Mozart vorhanden, in Bayreuth Richard Wagner, wahrscheinlich in South Dakota das Memorial für  Sitting Bull und in Bombay das Taj Mahal in der Glaskugel bei Schneegestöber. Und keine Stadtverwaltung bleibt bei dem Entschluss, in ihren historischen Gebäuden keine Fast-food-Kette zuzulassen. Da die längste Verweildauer der geführten Touren durch Gemäldegalerien im Museum-Shop ist, so verdanken die romanischen Basiliken, die finsteren Burgen des Mittelalters das längere Verweilen dem Photographieren mit Handtelephon. Unmittelbar darauf wird den Daheimgebliebenen mit SMS mitgeteilt, dass es im Escorial unerträglich schwül ist, doch damals auf der Akropolis war es noch heißer, dass die Verpflegung zu wünschen übrig lässt und „die  Spanier“ faul sind.

Mit dem Tourismus wurde die Zerstörung der Welt in gezielter Weise organisiert. Möglichst viele Menschen dorthin zu bringen, wo man noch Kultur oder Natur vermutet, gilt als offizielle Verlautbarung für jene, die behaupten, kulturbeflissen zu sein oder die Natur über alles zu lieben. In Wirklichkeit steckt die gelungene Methode dahinter, jene Erinnerungsstätten dauerhaft zu vernichten, die sich über hunderte Jahre gehalten haben. Kein Erdbeben, keine Flutkatastrophe, keine Feuersbrunst oder Epidemie und Seuche, keine Belagerung und kein Trommelfeuer der Artillerie, kein historisch-politischer Wandel konnten die wirklich wichtigen Eckpunkte der Menschheitsgeschichte ähnlich nachhaltig ruinieren wie der Tourismus.

Die beeindruckende Siedlung der Inka in Peru, Machu Picchu, erbaut um 1420, konnte nur dadurch bewahrt werden, dass man den Zugang für Touristen einfach sperrte. Zuvor hatten Zehntausende Touristen in zwei, drei Monaten jeweils einen Stein aus den Mauern gebrochen und zur eigenen Erinnerung aus 2400m Höhe wieder hinunter ins Tal und nach Hause getragen. Was Inka-Indianer in mühevoller Arbeit vor 600 Jahren auf den Berggipfel brachten, war in wenigen Wochen wieder unten. Die Touristen hatten wie Termiten das in Kürze zerstört, wofür man über zwei Jahrhunderte Aufbauarbeit geleistet hatte.

Es liegt auf der Hand, den Tourismus mit der nachhaltigen Wirkung einer britischen Expeditionsarmee zu vergleichen und vermutlich war selbst nach Artilleriefeuer von den betroffenen Städten mehr erhalten geblieben als nach ein paar Jahren touristischer Entdeckungsfreude. Diese Rücksicht hatten die beiden A-Bomben auf Hiroshima und Nagasaki nicht mehr walten lassen. Beide wieder errichteten Städte sind aber gerade wegen ihrer Vernichtung ein beliebtes Ziel der Reiseunternehmen: Wer das Gruseln erlernen will, bucht Hiroshima So wird selbst die mahnende Erinnerung an die Opfer und an die schreckliche Zerstörung vom geilen Blick der Touristen endgültig gelöscht. An diesem Ort verwandelt sich der gewohnte ostentative Müßiggang der Touristen zur vulgären Schamlosigkeit.

Wenn nun Touristen Land und Leute aufsuchen, so meinen sie, mit ihren Reisekosten generell einen Beitrag zum Erhalt der Kultur  zu leisten. Wie Jagdgesellschaften behaupten, mit ihrer Leidenschaft, auf Tiere zu schießen, seit jeher zur Arterhaltung beigetragen zu haben, so behaupten sie im gleichen Atemzug, dass ihr sogenannter gezielter Abschuss die Auslese der Wildtiere gewährleist.

Die Touristen verwenden ähnliche Argumente wie die Jäger bei ihrer Einschätzung des Tourismus. Im Brustton der Überzeugung versichern sie, dass erst mit den Touristen in vielen Ländern die Wertschätzung der Kulturgüter bei den Eingeborenen geweckt wurde. Erst mit den organisierten Gesellschaftsreisen ist die Neugier der Stadtverwaltung und der Bewohner für die eigene Geschichte angeregt worden. Wem ist die internationale Aufmerksamkeit für Chartres, für die Kathedrale von Wells oder Canterbury zu danken?  Und weil damit auch ein riesiges Geschäft zu machen ist, werden die Kulturdenkmäler restauriert und der historische Bestand erhalten. Gleiche Dienste leisten die großen Nationalparks der Natur, die schon längst zerstört worden wäre, würde nicht mit dem Eintrittsgeld die Natur erhalten werden, die es rundherum nicht mehr gibt. Und die Tourismusverbände schwärmen bei Wiederholung ihrer Argumente davon, dass ohne sie viele Kulturgüter längst verschwunden wären, würde man nicht das Interesse von hundertausenden Touristen geweckt haben. Also gelangen über Vermittlung von Reiseveranstaltern Millionen Menschen in die entferntesten Winkeln der Erde und wecken zahllose Kulturgüter unnachsichtig aus dem Dornröschenschlaf. In die Mauern kritzeln sie ihre Initialen wie einst Kyselak, tappen Gemälde an oder zupfen an Fäden persischer Textilkunst. Das zählt wahrscheinlich zu den bleibenden Reiseerinnerungen. Also bemüht man sich, für die Touristen noch mehr unvergessliche Reiseerlebnisse zu gestalten – rund um die Welt. Hier ein Ritt auf einem Kamel zu ägyptischen Pyramiden, dort eine geführte Wanderung auf den Mount Everest, da die Jagd auf Eisbären oder eine gelungene Erlegung eines Blauwals, und immer wieder das Angebot von Safaris, um jene Tiere lebend zu sehen, die daheim  bereits als Bettvorleger dienen.

Die Touristen begründen ihr Recht auf Reiseerlebnisse mit dem Argument, so sie es nicht gesehen und erlebt haben, hätten es andere gesehen und erlebt. Und die Menge der Reiselustigen berechtigt die Souvenir-Produzenten, diesen die jeweilige Geschichte und Kultur eines Landes, eines Kontinents in Imitationen nahe zu bringen. Die Aura der Originalität schwindet, wie schon längst die Stille in der Würdigung der Mumien in den Museen nicht mehr vorhanden ist, ja ihnen wurde sogar die Würde geraubt, die Anerkennung ihrer historischen Kultur in der Achtung der Totenruhe. Der Tourist schreitet in den Museen wie ein Feldherr in Turnschuhen über Schlachtfelder unglücklicher Menschheit, über die Grabplatten in den Kirchen, in den Mausoleen und hält sein Leben für seinen persönlichen Sieg über die Toten. Der Tourist fühlt sich über alles erhaben. Er fühlt sich lebendig, weil er seine Lebensgier mit den einst Mächtigen unter der Grabplatte vergleicht und ihnen mit heimlichem Vergnügen den erbärmlichen Tod attestiert, da er, obzwar nur Tourist und Lohnbuchhalter, immerhin lebt. Dennoch will er zur Bestätigung seiner Überlegenheit noch einen letzten Blick auf einen Epitaph werfen.

Die Reisegesellschaft wartet bereits ungeduldig beim Bus und versteht nicht, dass einer oder gar zwei noch Photos von einer Sphinx machen wollen, von einem Zentauren oder einem Zikkurat.

Die Reiseplaner sind zunehmend verzweifelt, denn was können sie den Millionen Touristen Einmaliges noch anbieten, die alles schon gesehen haben, was gerade noch Platz hat neben unvergesslichen Essenserlebnissen von zartem Schlangenfleisch und Seespinnen. Noch getraut man sich nicht, das zu vergegenwärtigen, was bei den Touristen ohnehin eine beliebte Illusion ist, nämlich einen Blick auf Originale zu werfen. Man ist nicht weit davon entfernt, den touristisch „besuchtesten“ Ort der Welt einfach zu kopieren.

Wenn also Hallstadt dieser Ort ist, der im Jahr von 1,2 Millionen Touristen durchquert wird, dann sollte man ernsthaft daran denken, in Gehentfernung diesen Ort am Hallstädter See zwei-, dreimal aufzubauen und die Touristen nach Kategorien durch Hallstadt A, B oder C zu führen. Je nach Qualität der Nachahmung würde niemand wirklich den Unterschied wahrnehmen, alle würden zufrieden und dem Reiseveranstalter dankbar sein, dass ein Blick auf und in Hallstadt gewährt wurde. Vielleicht kann man auch Migranten in landesüblicher Kleidung durch die Orte als bodenständige Zitate ziehen lassen, eine Blasmusik vielleicht, um den Touristen das alte Leben vorzuspielen, wie es einmal vor ihnen war.

Dieses Modell könnte eine Empfehlung für alle kleinen Ortschaften in der Welt werden, die das Pech haben, ein Beispiel authentischer Siedlungskultur und Lebensführung zu sein. Da haben es Großstädte leichter. Sie hatten offenbar nie eine andere Funktion zu erfüllen als Zehntausenden Menschen, auch täglich, einen Stadtwanderweg anzubieten und für Fressen und Saufen im Freien unter Sonnenschirmen vorzusorgen. Eine andere Funktion sollen ja Städte nie gehabt heben, diskutieren vornehmlich Touristen bei Sauerbraten und Weißbier. Das Urteil über Rom, Kopenhagen, Barcelona oder Budapest hängt von der Güte der Kasseler Rippchen und von der Kühle bayrischen Weißbieres ab.

Wenn es auf den Tourismus ankommt, wären die nächsten attraktiven Reiseziele die realistische  Wiederholung von Verdun oder am Isonzo. Immerhin könnte man innerhalb der Ausdehnung dieser Schlachtfelder alles nachstellen. Wie Spielzeugeisenbahnen die Wirklichkeit imitieren, können Reiseveranstalter auf anderen Gebieten Vergleichbares verwirklichen – und mehr. Muss denn immer alles nachgestellt werden? Wie man die Welt nicht nachstellen kann, denn auf ihr leben wir, so kann man innerhalb dieser Welt alles imitieren, was Neugierige immer gereizt hat.

Der Beschluss war schnell gefasst. Man dachte an ein Simulationsmodell vom Isonzo, an eins von Verdun, an eins von Stalingrad – vielleicht auch an Hiroshima. In der Werbung  wird man ankündigen müssen, eine perfekte A-Bombe zur Detonation zu bringen – eben wie damals. In wenigen Tagen wird das Angebot des Reiseveranstalters überbucht sein…. Immerhin hatten sich für den Abschuss des letzten Eisbären weltweit 120.000 Interessenten gemeldet. Im nächsten Brain storming wurde die Idee ventiliert, die beiden Gruppen zu vereinen. Die Liebhaber der Katastrophenszenarien erhalten das Angebot, die Nachbildung von Tschernobyl und Fukushima zu besuchen, hingegen jene, die im Krieg den Vater aller Dinge sehen, werden vergünstigte Reisen zur Schlacht um Troja und Masada angeboten. Der kollektive Selbstmord in der Festung ist zugleich die symbolische Rettung der Welt.