- Vor Entscheidungen wird oft der Rat erteilt, besser mit allen zu irren als allein recht zu behalten. Es wird behauptet, ein derartiger Satz umschreibt eine Tugend in der Demokratie. Es zählt zum Interesse der Teilnehmer, Mehrheiten zu erzielen. Und es sind erfahrene politische Köpfe, die dem Satz zustimmen und so zu ihrem politischen Erfolg kamen. Also heißt es, wenn alle es sind, steht man hinter keinem zurück. Da ist man auf der richtigen Seite. Und wie oft ist der, der zum Rufer in der Wüste wird, in den Augen aller anderen ein Narr. Es ist so wichtig, dem Strom zu folgen, lautet die Erfahrung. Im Fließen des Stroms erfährt man die Bestätigung, nicht auf der falschen Seite zu sein. In kritischen Situationen besteht das größte Wissen im Nichtwissen oder in der Einbildung, es nicht wissen zu können. Umso mehr muss man sich in der Gruppe integrieren, denn in ihr lebt man und von ihr lebt man. Da die Ignoranten in der Mehrzahl sind, liegt es schließlich immer an einem selbst, zu entscheiden. Wo kann oder muss man die Leute abholen, um in der Mehrheit zu bleiben? Wenn nicht, muss ich mich mit mir abfinden. Um allein bleiben zu können, muss man entweder die Unabhängigkeit Gottes haben oder ein genügsames Tier sein.
- Tendenziell möchte ich den Sinn dieser Sätze umdrehen. Es wäre schön, mit allen übrigen klug zu sein, um nicht als unwissender Narr allein zu bleiben. Vielleicht suchen deshalb einige ihre Originalität in Wunderlichkeiten zu bewahren. Die sind jetzt alle beim Fernsehen, in einer veralteten Kommunikationskultur.
Stimmen diese Sätze?
- Sind sie nicht vom neuen Zeitgeist inspiriert? Die Gedanken dahinter entstammen der Überzeugung, dass es keine objektive Wahrheit gibt. Dieser Behauptung stimmen alle zu. Ein Narr, der glaubt, es gibt die Wahrheit. Jeder hat seine Wahrheit, heißt es. Das ist eine merkwürdige Wahrheit….Die Folgen: Zweifel verweigern das eigenständige Denken und raten zur Anbiederung. Gerade jetzt. Soeben opfern wir unsere alten, lang gehegten und begründeten Vorsätze, mit denen wir die Mechanismen der Demokratie aus dem Geist unserer Verfassungen ausstatteten. Wenn sich hier zwischen gesellschaftlicher Wirklichkeit und politischem Anspruch ein Widerspruch ergibt, kann das folgendermaßen aussehen: Humane Regeln in der Zuwanderung und soziale Integration schmälern die Ausstattung des Wohlfahrtstaats. Die berüchtigte Multioptionsgesellschaft samt ihren missverstandenen Freiheiten und Wünschen verwandelt sich zu Fragmentierungen und Singularitäten. Ob wir da noch von Gesellschaft sprechen können?
- Die Demokratie ist der nächsten Generation eine lästige Fußfessel. Die großen Konzerne, Bankriesen, Börsen, die mächtigen Ketten und multinationalen Organisationen lehren, Demokratie ist nationale Eigenbrötelei. Vielen schwebt Kim il-jung als Alternative vor Augen, würde er sich nicht immer eigenhändig lächerlich machen.
- Nordkorea als Muster für die europäische „Staatenwelt“? Einen Geschmack davon gab es bereits durch Adolf H. und Iwan St. Deren politische Bedeutung stellt die grausamen Konsequenzen in den Schatten. Die einen Wünschen eine zwar rechtsradikale DDR zurück, die anderen erwarten die Vollstreckung von Zucht und Ordnung mit Abschiebung oder Lager. .
- Wirklichkeit und politische Überzeugungen fallen auseinander. Das ist die Stunde der Populisten. Mao-Bibeln kursieren nur bei Idealisten von Gestern. In der Herrschaft der Informationsorgane werden politische Vorstellungen im Computerspiel zur imaginären Wirklichkeit. Mit Maschinengewehren, Ufos und Samurais besiegen Einzelkämpfer beliebige Geisterreiche und geheimnisvolle Mächte. Jeder wird zu seinem James Bond bereits in der U-Bahn.
Was ist jetzt wichtig?
- Wer brandmarkt noch den Verrat am Frieden? Wer verurteilt eine Regierung in Fällen legalisierter Ungerechtigkeit? Wie werden politische Intentionen unterbunden, die mittelbar und unmittelbar Hasswellen heraufbeschwören? Wie konkret ist in unserer Demokratie die Achtung vor der einzelpersönlichen Würde? Die internationalen Organisationen und Schiedsgerichte sind fast zur Untätigkeit verurteilt, sind sie doch in imperialistische, ökonomische und soziokulturelle Konflikte verstrickt. Die internationalen Einrichtungen, allen voran die Vereinten Nationen, zeigen sich erstaunlich wirkungslos. Die massenpsychologische Verhetzung der Welt nimmt zu, billigste Schlagworte machen schnell die Runde und beanspruchen eine weltbeglückende Geltung.
- Wo die politische Ethik endet und den Menschen seiner moralischen Pflichten entbindet, tritt der Verfall ein und die Akteure der Weltpolitik handeln als wären sie vom Wahnsinn beherrscht. Unter dem Einfluss der sozialen Medien nimmt die „Wertzerrüttung“ zu und die ethischen Gleichgewichtsstörungen schwächen den demokratischen Konsens. Immer häufiger geraten Irrsinnselemente in die politischen Pläne, mobilisieren alle Arten von Atavismen, Barbareien und erzwingen des Schweigen der Vernunft. Pseudoabsolute Wahngebilde verschärfen die Freude am Konflikt, stärken die Veruntreuungen von Verträgen und Abkommen. Nichts erscheint haltbar – im Gegenteil: Die politische Doktrin scheint Angst und Schrecken verbreiten zu wollen als Nachweis der Macht.
Was fehlt:
„Willkommene Kenntnisse. Gescheite Leute sind mit einer eleganten und geschmackvollen Gelehrsamkeit ausgerüstet, haben ein zeitgemäßes Wissen von Allem, was an der Tagesordnung ist, jedoch mehr auf eine gelehrte als auf eine gemeine Weise; sie halten sich einen geistreichen Vorrat witziger Reden und edler Taten, von welchem sie zu rechter Zeit Gebrauch zu machen verstehen. Oft lässt sich ein guter Rat besser in der Form eines Witzwortes anbringen als in ernster Belehrung; und gangbares Wissen hat Manchem mehr geholfen als sieben freie Künste, die keinen Kurswert haben.“
(aus: Gratian, Handorakel, übersetzt von Arthur Schopenhauer, Leipzig oJ., S. 16)