Gedanken Reinhold Knolls

Winnetou und Karl May

. . . und nicht nur Karl May . . .

Endlich ist es gelungen: Lange hatte man auf den Prozess einer kulturhistorischen Selbstreinigung gewartet! Endlich ist es gelungen, den bekannt üblen Einfluss der Trivialliteratur auf unsere Jugend zu unterbinden. Zu aller Überdruss war in dieser Trivialliteratur ein falsches Geschichtsbild über Jahrzehnte hinweg transportiert worden. Was ist die in den zahllosen Romanen vermittelte geographische Kenntnis wert, wenn sich mit Osmanischem Reich und Arabien, Skipetaren oder  mit Sioux-Indianern und Navajos in Nordamerika, mit dem Kapitän eines englischen Frachters im chinesischen Meer, mit den Streifzügen in den Cordilleren Einstellungen des Autors ermitteln lassen, die nicht nur unzeitgemäß sind, sondern auch unserem moralischen Verdikt verfallen. In mehr als dreißig Bänden hat ein Autor, der Sachsen kaum je verlassen hatte, zwar Bestseller geschrieben, die über hundert Jahre später die Neugier jugendlicher Leser noch immer wecken, aber der Preis war, dass damit auch ein falsches Weltbild in den Kinderstuben erhalten blieb. Es ist daher einer Initiative zu danken, der es gelang, die Neuauflage zumindest eines dieser alten Bände zu unterbinden. Endlich hatte der Verlag eine alternative Fassung zu „Winnetou“ zurückgezogen. Der Name eines Kleinkriminellen, der sich über diese Romane seine Phantasiegebilde erträumen und leisten konnte, war erstmals aus dem Verlagsprospekt gestrichen worden. Diese unsachgemäße Interpretation der Lexikon-Artikel und der Landkarten während der Haftzeit hatten ein Gemisch wilder Urteile und Vorurteile hervorgebracht. Also hilft auch nicht die Wertschätzung des Autors für seinen fiktiven Häuptling der Apachen, Karl May vom Vorwurf des Rassismus zu befreien.

Und älteren Lesern war es bald klar gewesen, dass selbst das brüderliche Verhältnis eines Mannes aus Radebeul zu seinem erdachten Indianer in Nordamerika nichts anderes war als ein Merkmal wilhelminischer Kolonialpolitik. Der Unterschied zur  englischen oder französischen Kolonialpolitik war, dass man im wilhelminischen Deutschland überzeugt war, am deutschen Wesen würde die Welt genesen.

Und in Arabien war das Verhältnis von Karl May zu Hadschi Halef Omar durchwegs ähnlich, obwohl der Indianer-Häuptling als Verkörperung  von Rousseau´s „l´homme sauvage“ meilenweit über dem Wüstensohn erhaben war. Der arabische Nomade hatte bereits Kontakt mit der Zivilisation, also war er bereits verdorben, was den Naturvölkern noch erspart blieb. Allein im Inneren Klein-Asiens soll es ein rätselhaftes monotheistisches Volk gegeben haben, wird berichtet, das zuerst vom islamischen Nachbarn als „Dschesidi“ (Teufelsanbeter) diskriminiert, doch später dank Karl Mays religionsphilosophischer Bildung als fast christlich identifiziert wird. Durch Mara Durimeh war dieses Volk in einen höheren Bewusstseinsstand versetzt worden  und übertraf natürlich alle jene, die mehr oder weniger als Verbrecher oder korrupte Beamte zwischen Bagdad und Stambul lebten.

Eigentlich erfolgte mit der Rücknahme der Neufassung von „Winnetou“ endlich der richtige Schritt in die richtige Richtung. Wie schon zuvor die ethnologischen Sammlungen in Europa ihre Bestände an die ursprünglichen Eigentümer zurückgeben, so muss ebenso eine Umkehr in unserem Bewusstsein stattfinden. Auch wenn es schwer fällt, ausgerechnet aus Winnetou ein Fallbeispiel zu machen, vor allem wenn eine fast homoerotische Beziehung zwischen dem Autor und dem Indianer vermutet werden kann, also die Ermordung der Schwester Nscho-tschi und deren Vater war im Roman ein Glück für May, denn fast hätte er Winnetou nur als Schwager hinnehmen können. Ebenso hätte wir früher Probleme haben können, da wir Karl Mays Liebe für die Pferde fast als Sodomie interpretieren dürfen – aber heute spricht das alles eher für den Autor als gegen ihn. Bekanntlich beschrieb er, bei den Pferden geschlafen zu haben, im Orient mit Rih und in den USA mit Hatatitla oder Iltschi.

So muss man den Vorwurf gegen Karl May sehr vorsichtig formulieren, denn die Verdachtsmomente latenter Homosexualität und Sodomie gelten heute nicht mehr als strafrechtlicher Tatbestand – im Gegenteil. Also bleibt nur mehr dessen Ethnozentrismus über, ja ein Eurozentrismus, der im Zeitalter der Multiethnizität und Multikulturalität für doppelt unerträglich gilt. Der Verlag hat damit zurecht ein variierte Neuauflage von „Winnetou“ rechtzeitig zurückgezogen.

Freilich bleibt die Frage unbeantwortet, ob das nicht generell zu regeln ist, nämlich die Bestände der europäischen Bibliotheken zu prüfen und erforderlichenfalls Autoren auch zu eliminieren, die unseren heutigen Kriterien der Toleranz und Gleichberechtigung nicht entsprechen. Walter Scott hat in seinen Romanen „Ivanhoe“ und „Der Templer und die Jüdin“ eindeutige Indizien seines Antisemitismus erkennen lassen, wie andere, aber ebenso inkriminierende Kriterien mit gleichen Folgen gegen Daniel Defoe in „Robinson Crusoe“ im Umgang mit „Freitag“ und „Donnerstag“ geltend zu machen sind. Sollte nicht auch Jonathan Swift aus den Beständen der Bibliotheken entfernt werden, der ja offenbar schwere Vorurteile in „Gullivers Reisen“ gegenüber Kleinwüchsigen und auch gegen Riesen erkennen lässt, die mangelnde Intelligenz bei Pferden verspottet oder sich über gewachsenes Brauchtum anderer Sozietäten mokiert. Selbst Jules Verne ist hier einmal zu überprüfen, ob nicht in seinem Roman „In 80 Tagen um die Welt“ Überheblichkeit gegenüber anderen Kulturen thematisiert ist, also auch hier begegnet man einem Eurozentrismus.

Somit ist generell zu überlegen, ob nicht schon das literarische Vermächtnis aus der Antike zu kontrollieren ist – also ab „Odyssee“, wenn Odysseus sein Überleben durch Mord und Verführung/Vergewaltigung (?) zu sichern versucht – gegen Polyphem oder Nausikaa.

Noch steht uns eine Menge Arbeit bevor!

An einem Punkt sollte aber ein Exempel statuiert werden. Nirgendwo ist der Einfluss einer Kunstgattung auf spätere Politik und politisches Bewusstsein so deutlich wahrzunehmen, wie beim Zeitgenossen unseres zitierten Autors aus Radebeul. Ebenfalls aus Dresden hatte er mehr als nur unser musikalisches „Weltbild“ verändert. Wenn also Karl May nicht publiziert werden soll, dann sollte man noch weniger Richard Wagners Opern zur Aufführung bringen. Obendre4in sind die Libretti wilde Entnahmen aus den Grimm´schen Göttersagen, bewusste Klitterung der literarischen Quellen und wüste Eigenmächtigkeiten im Umgang mit den Originalen. In dessen Biographie obsiegt ja nicht nur ein grenzenloser Opportunismus, sondern er ist bereit, alles zu tun, um zu Geld zu kommen. Noch 1848 auf den Barrikaden Dresdens, scharwenzelt er wenige Zeit danach schon um den bayrischen König Ludwig. Und viele Wortmeldungen und Aufzeichnungen zeigen Wagner nicht nur als Rassisten, sondern in der Rolle des Beckmesser in „Meistersinger“ karikiert er zum Gaudium seines Publikums jüdische Verhaltensweisen.
Nun mag man über den Einfluss der Musik Wagners auf spätere Zeiten verschiedener Meinung sein, es bleibt die Tatsache bestehen, dass in den Schriften sowohl Antisemitismus wie auch Antifeminismus sich die Waage halten. Das ist der eigentliche Skandal an der Aufführungspraxis von Wagner-Opern, dass diese ungeheuerlichen Entgleisungen gleichsam übersehen und übergangen werden. Wie schon die „Zauberflöte“ vom Spielplan der Opern zu streichen wäre wegen der Vorbedingung, die Pamina für die Aufnahme in den Bruderbund Sarastros erfüllen muss, umso mehr „Lohengrin“, dessen Verschweigen der Herkunft gegenüber Elsa für legitim gehalten wird. Wagner teilt also das in der Philosophie verbreitete „Frageverbot“ zwischen Marx und Nietzsche. Das besagte, so man kein Jünger der philosophischen Schule ist, verwirkt man das Recht, Fragen zu stellen. Bei Wagner daher wortwörtlich: „Nie sollst Du mich befragen….“ Bislang hatte dieses autoritäre Prinzip bei Wagner niemand „hinterfragt“.

Nun besitzen wir heute neue Kriterien für die Beurteilung unserer Kulturgüter. Würden wir diese endlich ernst nehmen, so wäre das gesamte musikalische Schaffen Wagners aus dem Repertoire der Opernhäuser zu streichen. Die Darstellung der Frau als minderwertig, gleichsam als überständiges Naturwesen wie Tiere in der Rolle der Kundry in „Parsifal“, die Minderwertigkeit des Mime in „Siegfried“, für den Wagner seinen Federstiel tief in die Tinte des Antisemitismus getaucht hatte, das sind nur zwei Beispiele einer ungeheuerlichen wie unerträglichen Disposition, die vielleicht im 19. Jahrhundert einen Platz beanspruchen konnte, aber im 21. Jahrhundert nichts mehr zu suchen hat. Im Grunde wäre der ganze Zirkus um Bayreuth umgehend zu schließen. Ein Ausweg wäre, einen Kompormiss vorzusehen: Man könnte dem Gedanken folgen, einmal im heiligen Festspielhaus andere Musik zu spielen als Wagner. Das war sofort abgelehnt worden als hätte man eine Entweihung geplant. Obwohl inzwischen Kirchen besudelt, Synagogen beschmiert und die Demontage von Denkmälern gefordert werden, soll das Festspielhaus als letztes Heiligtum erhalten bleiben. Der heilige Hain hehrer und höchster Musik muss der  Identifikationsort für Deutsche in Deutschland sein und bleiben. So hatte es Wagner bestimmt, dann auch Cosima, weshalb auch Hitler nach Bayreuth eilte um als Deutscher unter Deutschen deutscher Musik zu huldigen.

Also bleibt nur noch eine Frage: Was hat Karl May falsch gemacht? Warum wird sein Roman „Winnetou“ verbannt und vielleicht auch noch verbrannt, während Wagner die Asche nicht fürchten muss, aus der heute kein Phönix mehr auftaucht?

Wird neuerdings die „deutsche Welt der Abenteuer“ des Karl May ernst genommen – und jene pseudogermanische Mythen Wagners noch immer nicht?