Gedanken Reinhold Knolls

Provokation

Festspiele stärken den kulturpolitischen Aberglauben, dass die bisherigen Zuschreibungen, Österreicher seien generell  musikalisch, „begnadet für das Schöne“ und leicht durch Musik zu begeistern, stimmen. Das muss der heranwachsenden Bevölkerung schon in den Volksschulen eingebläut worden sein. Fast könnte man annehmen, die Verse von August Ewald zählen zum festen Bestand der musischen Erziehung im Schulunterrichtsgesetz. Im Gedicht „Österreich“, publiziert in den „Alpenländischen Monatsheften“ 1931, war zu lesen:


„Musik ist unserer jungen Menschen Schreiten,

Musik, von allen Hängen jubelt sie,

Und selbst der großen Städte Nüchternheiten

Berückt die allgemeine Melodie.“

Diese Verse nähren mit jedem Neujahrskonzert die Überzeugung, dass nicht die „Prunkrede“ Ottokar von Hornecks in „König Ottokars Glück und Ende“ die wahre Eigenschaft des Österreichers hervorhebt, sondern es ist diese sprichwörtliche Walzerseligkeit, dank Fernsehstationen mehrfach verbreitet, die unser großzügiges Geschenk an die Welt ist. Da vergisst man gern auf die stetig sinkende Qualität der „Walzerwiedergaben“. Man wartet ja im Grunde eh  nur auf den Radetzkymarsch, um im rhythmischen Klatschen aller Welt diese angeborene Musikalität im Fernsehen zu zeigen. Da haben pazifistische Einwände keine Chance.  

Mit diesem gelungenen Selbstbetrug hatte man sich jahrelang eingebildet, das gesamte Bundesgebiet, alle neun Bundesländer samt Wien sind in Musikfragen das europäische Maß aller Dinge. Festspiele in Salzburg, Bregenz, Wien, das Brucknerfest in Linz, die Schubertiade in Hohenems und der bunte Operettenreigen in Mörbisch, oder das Woodstock der Blasmusik in Ort im Innkreis lassen ein dichtes Netz der Musiktradition vermuten.

Sieht man aber als Besucher näher hin, wird man feststellen müssen, dass alle diese Darbietungen von Menschen im Rentenalter besucht werden. Bei Abenden der Kammermusik wird man selten Zuhörern begegnen, die jünger als 80 sind, die Abonnementkonzerte der Wiener Philharmoniker werden von einem Publikum frequentiert, dessen Durchschnittsalter etwa 65 beträgt. Der Grund für derart „jugendliche Zuhörer“ liegt daran, dass Kinder der Musiker pflichtgemäß zuhören sollen. Durch sie wird der Altersdurchschnitt unverhältnismäßig verjüngt.

Die „klassische Musik“, also von Mozart Beethoven oder Schubert, profitiert in erster Linie von der gestiegenen Lebenserwartung der Abonnenten, von der recht guten ärztlichen Versorgung. Diese Vorteile täuschen dann über mehrere Aspekte kulturellen Wandels hinweg. Gäbe es nicht diese Vorsorgemedizin, die gut organisierte Prophylaxe durch Krankenkassen und Lebensversicherungen, würden die Reihen der Zuhörer nicht mehr besetzt sein. An Klavierabenden dominieren im Publikum teils Kinder, die ehrgeizige Eltern zum Klavierspiel zwingen, Klavierlehrer, Verwandte des Interpreten und in Wien studierende Japanerinnen, Koreaner und Chinesen. Diese sind schuld, dass Wien noch immer den Ruf einer Weltstadt der Musik besitzt. Dass diese den Altersdurchschnitt der eingeborenen Musikbegeisterten ebenfalls senken, wird nicht wahrgenommen.

Nun bemüht man sich, die großen Events in das kulturelle Bewusstsein zu integrieren. Zum Kulturprogramm zählt ab sofort das Donauinsel-Fest mit nahezu 3,3 Millionen Besuchern,  der Nova Rock in Nickelsdorf vereint 220.000 Zuhörer, am Electric Love Konzert im Salzburgring nehmen durchschnittlich 180.000 Besucher teil, am FM4 Frequency in Sankt Pölten 130.000 und an der Linzer Klangwolke etwa 100.000 Besucher.

Im Vergleich dazu können im goldenen Saal des Wiener Musikvereins nur 1,700 am Konzert teilnehmen, an einer Aufführung in der Wiener Oper nur 2.100 maximal.   

Dieses neue Verhältnis von Event-Musik zur klassisch-traditionellen Form der Musik sollte zu denken geben. Dem Problem wird man nicht gerecht, wenn man diesen musikalischen Abarten die genuine Fortsetzung europäischen Musikschaffens zuschreibt. Man muss sich endlich eingestehen, dass es einen mehrfachen Bruch in der musikalischen Tradition gegeben hat. Beim Donauinsel-Fest werden ja nicht die Pioniere neuer Musik zitiert, Alban Berg oder Anton von Webern, es wird ja nicht einmal ein Walzer von Dimitri Schostakowitsch gespielt, sondern im Dröhnen der Lautsprecher, im Schmerz der Gehörorgane wird Heavy Metal geboten oder Austropop. Die sogenannte U-Musik hat der zeitgenössischen E-Musik den Garaus gemacht. Technisch generiertes Kreischen, ostinate Rhythmen, vor deren Folgen Igor Strawinsky im „Sacre de Printemps“ warnte, da sie zur Vorbereitung des Menschenopfers dienen, was ja dann kurze Zeit später in Auschwitz zur Wirklichkeit wurde, sind die Ausdrucksformen, die die bisherige Musiktradition vor und nach Johann Sebastian Bach in Frage stellen. Es geht nicht mehr um die „Finessen“ eines „wohl temperierten Klaviers“, auch nicht um die Bewältigung der vormaligen „griechischen“ Tonlagen der Psalmen durch Monteverdi, sondern der Lärm der Welt wird durch den Lärm elektronischer Instrumente ergänzt.

Nun kann man die Gegenprobe anstellen.

An jedem Sonntag werden die Kirchenbesucher zum Singen angehalten. Je nach Wunsch entscheiden Priester und Organist über die Kirchenlieder. Und sollte sich der zeitgenössische Geschmack durchsetzen, wird man bald bemerken, dass Text und Liedkomposition ab 1970 nicht mehr harmonieren. Der Notenwert nimmt auf die Länge eines Vokals keine Rücksicht, oder der Vokal nötigt den Komponisten zum Arpeggio; entweder entspricht der vorgegebene Rhythmus nicht dem Liedtext, oder der Text bildet keine Einheit mehr mit der Liedkomposition. Deutlich ist es in der gesungenen Form des „Vater unser“ zu hören, wenn der unverzichtbare Teil des Gebets gleichsam im Eiltempo nachgereicht werden muss, um dann im „tutti“ von Orgel, Melodie und Gesang sich wieder zu formieren. Im unglaublichen Kitsch wird das Motiv der Einleitung wiederholt….Das Beispiel soll besagen, dass die Kirchenkompositionen nach 1970 – im Unterschied zur „Deutschen Messe“ Schuberts oder im Unterschied zu Michael Haydn eher selten eine Korrespondenz zwischen Melodie und Text aufweisen. Es überwiegt der Kitsch, der sich eigentlich vor den Liedern der reformierten Konfessionen (Paul Gerhardt, Heinrich Schütz, Johann Neumark, Georg Muffat etc.) bis in den Boden hinein schämen müsste.

Nun muss man versuchen, zwei Fragen zu beantworten. Die eine Frage betrifft  die Gleichzeitigkeit des Geplärrs aus Lautsprechern gegenüber der Jämmerlichkeit verkommenen Liedgesangs in den Kirchen. Ist die musikalische Tradition in den christlichen Kirchen zu Ende gegangen, die einmal enorme Qualität erreicht hatte? Beispiele für misslungene Lieder im liturgischen Gebrauch sind „Atme in uns, Heiliger >Geist…“ im Gotteslob 346, „Wenn wir das Leben teilen“ in GL 474 und „Ich bin das Licht der Welt…“GL 491. Es finden sich noch mehr Beispiele, die gerade noch von professionellen Musikern und Sängern dargeboten werden können, aber nicht mehr von einer ungeübten Kirchengemeinde. Man kann sagen, dass es kein gemeinsames musikalisches Ausdrucksniveau mehr gibt. Dieses hat es gegeben, wenn man sich der Volksliedbewegung von Carl Friedrich Zelter (1758 – 1832) entsinnt. Goethe wie Beethoven hatten Zelter sehr geschätzt, wie dem Briefwechsel zu entnehmen ist.

Die zweite Frage berührt diese unselige Trennung zwischen U- und E-Musik. Da muss man leider einen sehr berühmten Komponisten des „Musikpopulismus“ beschuldigen, was natürlich die „Musiknation Österreich“ im Herzen trifft. Die Trennung war vor allem in der Unterscheidung zwischen Oper und Operette deutlich zu hören gewesen. Wenn Franz Lehar sich einbildete, „der Puccini von Bad Ischl“ zu sein, so mag das hingehen, aber zu jedem politischen Ereignis, ja sogar für den „Boxer-Aufstand“ einen Marsch zu komponieren, „Auf nach China“ op 64/1900, verstößt gegen jeden Geschmack. Das gleiche trifft auf den „Piave-Marsch des 106. Regiments“ zu, der noch 1917 die Isonzo-Kämpfer zu ermuntern gehabt hätte – der furchtbarsten Schlacht im Laufe des 1. Weltkriegs.

Nun war Johann Strauß ein bei weitem größerer Opportunist, allerdings nicht unmittelbar in kriegerische Ereignisse musikalisch verwickelt. In der Musik hatte er auf höchstem ästhetischem Niveau komponiert, doch zugleich recht billige Aspirationen seines Tanzpublikums erfüllt. Mit „Ohrwürmern“ – vom „Kaiserwalzer“ bis zur „blauen Donau“ hatte er den musikalischen Erwartungen in vergleichbarer Weise genügt- wie Karl Lueger den politischen.

So ist der Urheber der U-Musik identifiziert. Und da es landesweit einen Aufschrei geben wird, in Johann Strauß einen musikalischen Lueger zu sehen, muss man es auf diese Auseinandersetzung ankommen lassen. Mit dieser Trennung wird das musikhistorische Erbe in 15 Jahren mit dem Tod des letzten Abonnenten endgültig verloren gehen. Damit gerät auch die ernste zeitgenössische Musik in Vergessenheit: Das trifft ab Bela Bartok und Leos Janacek, György Ligeti, Olivier Messiaen, Pierre Boulez, Wolfgang Rihm etc.

Die Zukunft der Rock- und Popmusik wird eine immer schnellere technische  Produktion von Musik sein. Als individuelles Ausdrucksmoment bleiben Gitarre, Bass und Schlagzeug erhalten, dazu eine zum Exzess neigende menschliche Stimme, wobei die „Männerstimme“ zum Sopran mutiert. 

Hatten viele Komponisten in den 20er Jahren gemeint, die Musik sei an ihrem Ende, man orientierte sich am Ausbleiben neuer Instrumente – die große Ausnahme war das Saxophon, das dann George Gershwin zu hohen Ehren brachte – auch Wilhelm Furtwängler war der Ansicht, dass die spätromantische Musik nicht mehr übertroffen werden kann, so kann der Todesstoß von der in der Künstlichen Intelligenz bereitgestellten Musik ausgeübt werden. Das  Attentat auf die Musik kann nur deshalb erfolgreich sein wird, da es den Musikunterricht weder in kulturwissenschaftlicher Intention gibt, noch in der Praxis im Erlernen eines Instruments….

(Auch an diesem Zerstörungswerk hat Österreich einen entscheidenden Anteil gehabt….)