Gedanken Reinhold Knolls

Quo tendis mundus?

Paradoxe Gedanken

Der Krieg in der Ukraine währt jetzt länger als der 2. Weltkrieg. Wie lange der militärische Konflikt im Raum Iran-Naher Osten dauern wird, kann niemand vorhersagen. Andere Krisenherde gibt es, für deren Erweiterung hat Donald Trump vorgesorgt, auch wenn im Moment es ruhig zu sein scheint. Wie die Auseinandersetzungen mit den Anrainerstaaten der USA fortgesetzt werden, kann schwer beurteilt werden. Ob Grönland, Island oder Panama wie Venezuela kurzfristig okkupiert werden, ist ebenfalls unklar. Die Optionen wurden zwar gegen alle diplomatischen Regeln vollmundig angekündigt, doch ob eine militärische Invasion bevorsteht oder nicht, hängt von den geheimnisvollen Plänen im Weißen Haus ab.

Russland ist hier etwas leichter einzuschätzen. Es hat 2020 einen Krieg begonnen und rechnete mit einem vollen Erfolg. Die nächsten Schritte hätten gemäß der russischen Wunschliste ablaufen sollen. Die Einnahme der baltischen Staaten, der Einfluss Russlands auf Europa wie in Zeiten der Sowjetunion wären die nächsten, wahrscheinlichen Ziele gewesen.

Im Reigen der Aggressoren wird selten China genannt. Die Ursache ist das stets besonnene Verhalten von Xi Ping, der weder zum Bramarbasieren neigt wie Donald Trump, noch zur durchschaubaren Verschlagenheit Wladimir Putins. Die große Volksrepublik hat im gewaltigen Raum Südostasiens große Pläne, die den Anspruch auf Taiwan bei weitem übertreffen. Im Fadenkreuz der imperialistischen Begierde sind Australien und Neuseeland. Erstmals in der Geschichte verfolgt China Interessen, die außerhalb seines Festlandes liegen. Allerdings ist es nicht die chinesische Art, pubertär mit „Säbeln zu rasseln“. Da weiterhin das alte Lehrbuch „Die Kunst des Krieges“ von Sunzi um 500 v. Chr. in Kraft ist, zählt selbst ein kleiner Handelsvertrag der Volksrepublik zur  umfassenden Strategie – wie die Investitionen in afrikanische oder europäische Häfen. Fast könnte man meinen, dass selbst China-Restaurants als kulturpolitische Initiative zur Strategie gehören.Woran sollen sich Auslands-Chinesen orientieren? – wenn nicht an den weltpolitischen Ansprüchen Pekings und an den drei Buddhas in den Restaurants, die eine interne Zugehörigkeit zu einem Clan signalisieren, deren organisatorische Mittelpunkte in China sind.

China ist keine politische Unbekannte mehr. Diese alte Weltmacht verfolgt Schritt um Schritt mit ökonomischer Militanz das Ziel, die einzige Weltmacht der Welt zu werden.

Die „alten“ Weltmächte haben im Zuge ihrer militärischen Interventionen erstaunliche wie unerwartete Schwächen gezeigt. Man kann vermuten, dass mit den gegenwärtigen nicht-atomaren Mitteln ein Krieg generell von diesen nicht mehr gewonnen werden kann. Das war nach der sowjet-russischen Intervention in Afghanistan um 1979 erstmals der Fall. Die USA handelten sich als nächste dieses militärische wie politische Scheitern ein. Afghanistan gewann eine merkwürdig-anachronistische „Selbständigkeit“, die seither das Land wieder in die Frühgeschichte der Zivilisation führt.

Wegen der häufigen Drohungen zählt sogar Nord-Korea zur „Kernfamilie“ der Weltmächte. Es ist der einzige Staat, der regelmäßig mit dem Einsatz atomarer Waffen droht, darin sogar glaubwürdig erscheint. Dadurch hatte Kim il-jung ein unverhältnismäßig hohes Ansehen erzwungen.

Mit der Schwäche der „alten“ Weltmächte, Großbritannien und Frankreich sind schon längst aus dem Rennen, ist die Hoffnung verbunden, dass der Weltfriede durch militärische Ohnmacht gewährleistet bleibt. Wäre es nach den Expertisen höchster Militärs gegangen -. etwa nach den österreichischen Blitzkriegexperten des Bundesheeres oder nach Aussagen aus der deutschen Bundeswehr etc. – hätte Russland die Ukraine in drei Wochen 2020 besiegen müssen. Damit hatte man zur Desinformation alle Nachrichten gefüttert, doch heute ist noch immer Krieg und niemand weiß, wie dieser enden soll. Die Blitzkriegexperten waren überzeugt, dass die militärische Revanche Israels für das Massaker vom Oktober 2023 die Kontrolle über den Ghaza-Streifen schnell erreichen wird. Ebenso war Trump überzeugt, sein „Stahlgewitter“ über Teheran würde den Iran sofort in die Knie zwingen. Ergebnis ist die technisch-militärische Erschöpfung der US-Streitmacht und ein gewaltiger Prestigeverlust Israels. Die Blamage für die USA ist kaum zu überbieten, hatte man doch mit der Blockade der Straße von Hormus nicht ernsthaft gerechnet.

Diese Nachrichten führten zur Geringschätzung militärischer Kapazität der alten Weltmächte. Es klingt fast wie eine Friedensbotschaft. Neu und „revolutionär“ ist, dass der Anteil der Soldaten am militärischen Geschehen sinkt, der Einsatz neuer Technologien steigt. Man kann bereits von einer neuen Ära eines „Stellvertreterkriegs“ sprechen, denn Roboter führen das aus, was früher Sturmabteilungen bei hohen Verlusten leisten mussten. Allerdings kann diese neue Ebenbürtigkeit die Gefahr atomarer Schläge erhöhen. Wladimir Putin, noch mehr in die Enge getrieben als es jetzt schon der Fall ist, kann ebenso zum Atomschlag Zuflucht nehmen, wie Kim il-jung das gleiche Mittel anwenden würde, um sein Selbstwertgefühl und die internationale Beachtung beizubehalten. Donald Trump hat zwar wie ein Condottiere der Renaissance Interventionen angekündigt, doch erfolgreich waren die militärischen Einsätze nur im Drogenkrieg rund um die Gewässer Mittelamerikas, während der Konflikt mit dem Iran diese Militärmacht überforderte.  

Der Umfang künftigen Konfliktpotentials hängt von der politischen Interpretation des historischen Erbes jener Staaten ab, die in den erlittenen kolonialhistorischen Demütigungen ein Motiv zu ihrer Anerkennung und Ebenbürtigkeit erblicken. Werden Indien, Südafrika, Brasilien oder Argentinien Interesse zeigen, der Familie der Großmächte anzugehören? Werden diese bereit sein, die damit verbundenen Belastungen auf sich zu nehmen oder werden sie diese Agenda grosso modo China überlassen – wie es die Teilnahme an dem BRICS-Bündnis ab 2009 vermuten lässt?

Es gibt bereits „regionale“ Mächte, die sich aus ihren alten Bevormundungen zu emanzipieren wünschen: Pakistan, Türkei, Aserbeidschan als regionale Schlüsselmacht, Nigeria und Indonesien. Saudi-Arabien wird wie die Arabischen Emirate nach der Rolle in der Energiewirtschaft eine geopolitische Macht werden, ebenso kann Mexico einen internationalen Anspruch auf Geltung und Beachtung in Konkurrenz und Alternative zu  den USA erwerben.

In der Zäsur der machtpolitischen Tektonik der Welt wird China für eine völlige Änderung der Strukturen und Orientierungen sorgen, vermutlich auch für neue politische Akzente, die die europäisch-westlichen Demokratien völlig überwinden. In diesem Zusammenhang war die europäische Einigungsbewegung zu spät und zu langsam entwickelt worden, um noch ein ernst zu nehmender Widerpart sein zu können…..

Stat sua cuique dies…..   

(Jedem steht sein Tag bevor)

Vergil Aeneis