Vorlesung für Sommersemester 2025
Für Soziologen kommt das Wort „Gegenwartsgesellschaft“ leicht über die Lippen. Dank der sogenannten Bindestrich-Soziologie vermag man verschiedene Faktoren zu benennen, die sowohl den Forschungsschwerpunkt a priori definieren, als auch über die Methode entscheiden. Allein die Abfolge von der Bildungsgesellschaft nach Pierre Bourdieu zur Wissensgesellschaft bei Nico Stehr umfasst gewaltige gesellschaftliche Veränderungen, die sich mit Beibehaltung wissenschaftlicher Schwerelosigkeit gut beschreiben lässt. Das Attraktive an der Wissensgesellschaft scheint zu sein, dass sie ohne Lernen konstituiert werden kann.
Gab es einmal eine Soziologie der Arbeit, deren anfänglichen Wandel Helmut Schelsky ironisch beschrieb, da er formuliert hatte: Die Arbeit tun die anderen, so war in weiterer Folge nur mehr die Freizeitgesellschaft im Focus des soziologischen Interesses. Obwohl sich niemand um die historische Arbeit von Thorsten Veblen, „The leisure class“ kümmerte, war die Freizeitgesellschaft die Folie für alle weiteren Interpretationen sozialer Wohlfahrt. Zwar hatte Daniel Bell in der Darstellung „postindustrieller Gesellschaft“ letztmals daran erinnert, dass es noch Menschen gibt, die arbeiten, aber das ist schon lange her: 1972. Diese neue Gesellschaftsform war einerseits mit der Entdeckung der Multioptionsgesellschaft von Peter Gross neu bebildert worden, andererseits war Ulrich Beck mit der Risikogesellschaft auf einem realistischen Weg, da er Schwankungen, Krisen, unvorhergesehene Ereignisse als Störfaktoren in Erinnerung rief, die das Schlaraffenland in Frage stellen. Ab nun war die Gesellschaftspolitik auf Vermeidung der Störungen ausgerichtet. Doch damals, am Ende der 70er Jahre glaubte niemand so recht an nachhaltige Störungen, wie ja auch Francis Fukujamas „Ende der Geschichte“ eher als Nervenkitzel eines Präsidentenberaters von Ronald Reagan und George Bush empfunden wurde oder Samuel Huntingtons „Clash of Civilication“ als Irritation, nämlich neue Konfliktstoffe und Konfliktebenen heraufzubeschwören, die nur einem einfallen können, der noch tief in einer unvorbildlichen Geschichte des 19. Jahrhunderts steckt.
Beide Autoren, sowohl Fukujama, als auch Huntington haben zu aller Überraschung an eine historische Dimension gesellschaftlicher Entwicklung erinnert, die natürlich aus vielerlei Gründen, ja auch einigen wenigen berechtigten Gründen auf heftige Kritik stießen. So sehr waren die Sozialwissenschaften auf eine Moderne fixiert, die sie selbst erfunden oder ermittelt haben. Die Publikation von Bruno Latour, „Wie waren noch nie modern“ hatte für die späteren Sozialwissenschafter kaum Bedeutung gewonnen. Vielmehr beschäftigte man sich mit dem Übergang von der Phase der Studentenbewegung der späten 60er Jahre zur Phase der daraus hervorgegangenen Bürgerrechtsbewegungen und Anti-Atom-Protestbewegungen der 70er Jahre. Friedrich Tenbruck hatte damals bemerkt, dass in diesem „Weltbürgerkrieg der Ideologien“, so hieß der Titel der Festschrift für Emil Nolte, die Reflexion über Gesellschaft in der Soziologie zunehmend seltener wurde, da auch die Reste der Frankfurter Schule zum Erliegen kamen oder schnell zu den Erhebungstechniken neuer Bürgerlichkeit überliefen. Jedenfalls hatte man Gesellschaft völlig jenseits jeden geschichtlichen Werdegangs untersucht. Das beste Beispiel war die fortgesetzte Familiensoziologie, die leicht über den Erklärungsnotstand hinwegsah, etwa durch Beibehaltung familiärer Rollen, die inzwischen in die Miniaturen des Patchwork übertragen wurden.
Es soll daher einmal gesagt worden sein, dass wir gegenwärtig ziemlich unsanft in eine historisch anmutende, für ehemalig gehaltene Welt verstoßen wurden, die uns so überfordert wie die Entdeckung Amerikas oder die zu beherzigende Annahme, sich in einem heliozentrischen Weltbild zu befinden. Beide Ereignisse lösten Revolutionen unserer Reflexionen, unserer geistigen Bestimmung aus. Wenn etwa die Entdeckung des Gedichts von Lukrez in einer Klosterbibliothek jenseits der Alpen um 1410, durch Poggio Bracciolini, einem päpstlichen Schreiber, einen noch größeren Einfluss ausübte und die Geburt der Renaissance einleitete, so haben wir im Gegensatz zum 15. Jahrhundert die Wirkung unserer bisherigen Kenntnisse deutlich verschlafen. Wenn das Gedicht von Lukrez „über die Natur der Dinge“ zur neuen Sichtweise der Wirklichkeit zwang, so waren wir nahezu professionell blind für unsere eigene Gegenwart gewesen. Lukrez behauptete nichts weniger im letzten Jahrhundert vor Christus, dass es eine von Göttern unbeeinflusste Wirklichkeit gibt, die allerdings im Gegensatz zu den kernigen Wiedergaben bis Joachim de Fiore noch in optimistischer Schönheit formuliert wurden.
„…Kaum nämlich ist die Pforte des Frühlings aufgesprungen und es wirkt, plötzlich befreit, die Brise des Zephyr, da, Göttin, künden die Vögel sich an, ins Herz getroffen von deinen mächtigen Pfeilen. Dann toben das Wild und das Vieh über üppige Weiden, schwimmen durch wilde Ströme. Von deinem Zauber gefangen, begierig folgen sie alle dir, willig, wohin du sie führst. Dann senkst du verführerische Liebe ins Herz aller Kreaturen, die leben in den Meeren und Bergen und fließenden Strömen und in der Vögel belebtem Dickicht, auf grünenden Fluren; den leidenschaftlichen Trieb senkst du in sie, ihre Art zu vermehren…“
Dieser Prolog eröffnet dem Beobachter die Neugier auf die Physik, auf die Optik, weshalb Bruneleschi den Betrachter aufs Baptisterium in Florenz durch die winzige Öffnung einer kleinen Dunkelkammer blicken lässt, um den Unterschied von Wirklichkeit zur optischen Wirklichkeit zu ermessen. So hatte es Paul Feyerabend in seiner Studie „Wissenschaft als Kunst“ beschrieben. Diese Sorgfalt haben wir nicht mehr. Daher entgehen uns wesentliche Erscheinungen, glauben in empirisch begründeter Einfalt die Vielfalt erklären zu können, verstehen aber immer weniger davon.
Nun ist das Lamento für eine Lehrveranstaltung ungeeignet. Wir hätten auch für Poggio Baracciolini kein Verständnis, dem Bibliomanen, der nach der Abwahl seines Chefs 1417 beim Konzil von Konstanz, dem Papst Johannes XXIII., genügend Freizeit hatte, nach Abschriften antiker Schriften zu fahnden.
Wenn ähnlicher Eifer heute die Sozialwissenschaft befallen sollte, müssten sie zumindest in dem lexikalisch erfassten Fahrplan der Ereignisse bemerken, wie sehr die Ereignisse der Welt in die Gesellschaften eindringen, sei es, dass aus diesen die Emanzipationen gewonnen werden, sei es, dass die Einkerkerung des Bewusstseins perfektioniert wird. Es ist die Macht der Ideologien, Erklärungen anzubieten, bald geeignet, die Welt besser zu verstehen, bald untauglich wegen der Irreführung in der Interpretation von Tatsachen. Es war im Grunde eine Ungeheuerlichkeit, dass die bis dato allwissenden Sozialwissenschafter anlässlich des Falles der Berliner Mauer beteuerten, von der Ankündigung dieses Ereignisses nichts gewusst zu haben – Berlin! Das wurde zum allgemeinen Narrativ, um nicht eingestehen zu müssen, mit Blindheit geschlagen worden zu sein.
Welcher Sozialwissenschafter wäre heute bereit, eine vergleichbare Handlung zu vollziehen wie der Erzbischof von Riga, den päpstlichen Siegelring einem Goldschmied zu geben, um diesen zusammen mit dem päpstlichen Wappen zu zerschlagen. Welcher Sozialwissenschafter wäre bereit in Anerkennung der Aufrichtigkeit von Agnes Heller einzugestehen, dass wir alle, also die Gesellschaft im Dilemma zwischen Leben und Freiheit steckt, dass die Freiheit den Tod bedeutet und Weiterleben die Unfreiheit.
Also werden die kommenden Veranstaltungen zwei Bereiche zu erfüllen haben: einerseits die Chronologie der Ereignisse in Erinnerung zu rufen, andererseits deren Bedeutung in den diversen Reflexionen zu schildern. Bruno Latour rät zu der Einengung des Untersuchungsgegenstands, also zu einem Jahrzehnt, von dem häufig behauptet wird, dass in diesem eine Zeitenwende stattfand. Heute sehen wir darin eine Erleichterung unserer Erkenntnisse, sollten wir in den Formen der Darstellungsweisen eine Selektion vornehmen. Diese ist eben die Nacherzählung der Geschichte der 70er Jahre, die vielfältiger ist als hier nur die Regierungszeit von Bruno Kreisky zu beleuchten, andererseits fällt in diesem Zeitraum der Tod von Ernst Bloch, oder das Ringen um die Identität in Sexualität und Wahrheit als feministische Wende. In diesen Zeitraum gehört nicht nur der erste atomare Unfall, sondern auch die neue Esoterik, die spirituelle Begründung einer Weltordnung.
So wird zu je einen Abschnitt der 70er Jahre nicht nur der historisch-politische Verlauf wichtig sein, sondern auch die Reaktion im „gesellschaftlichen“ Bewusstsein. Noch immer gilt die von Bruno Latour bemerkte Trennung zwischen wissenschaftlicher und politischer Macht, allerdings geht seiner Ansicht nach nicht das Subjekt verloren, sondern das Subjekt geht daran, Physik, Psychologie, Recht, Theologie zu verändern, wie Hobbes im Leviathan schon vorweggenommen hatte. Gleichzeitig finden die Neuentwürfe statt, für die Latour den Physiker Robert Boyle ins Treffen führt.
Latour schrieb: „Darin liegt das ganze moderne Paradox: Wenn wir die Hybriden betrachten, haben wir es mit Mischungen von Natur und Kultur zu tun; wenn wir die Reinigungsarbeit betrachten, sind wir mit einer totalen Trennung zwischen Kultur und Natur konfrontiert. Der eine, Boyle, beschränkte sich auf die Wissenschaft der Dinge, der andere, Hobbes, auf die Politik der Menschen. In dieser „cross pressure“ haben wir unsere Betrachtungen durchzuhalten, von denen wir bis heute zum Teil nicht wissen können, welchen Sinn sie hatten, in welchem Bedeutungsrahmen sie in unser Bewusstsein aufgenommen wurden oder ob wir überhaupt in der Lage waren, selbständig und selbstbewusst diese neuartigen Phänomene zu erfassen.
Gerade im Rückblick kommt uns der Gedanke, ob es uns immerhin geläufig ist, in so vielen Gesellschaften gelebt zu haben oder zu leben. So ist die Frage weiterhin von einiger Wichtigkeit, sich schon jetzt zu entscheiden, in welcher Gesellschaft wir leben. Einmal hatte ich zur Erklärung oder gar Klärung des Umstands, in welcher Gesellschaft wir leben, das Gemälde von Claude Monet herangezogen, das den Impressionismus inaugurierte: L´impression soleil levant. Dieses grandiose Gemälde konfrontierte uns zumindest mit zwei Wirklichkeiten, nämlich einerseits mit dem Bericht eines Malers über den Sonnenaufgang, andererseits mit einer überraschenden Eigenständigkeit der Farbgebungen. Schmutzig graue Farbtöne überwiegen, sind sofort der Widerspruch zum gemeinten Inhalt des Gemäldes, doch wider Erwarten drängt sich der Sonnenaufgang in den Vordergrund, halb nervös gespiegelt im Wasser, halb tatsächliche Wirklichkeit. Es wird ein trüber Tag werden. Mit dieser Beschreibung haben wir die Methode des Vortrags vor Augen: Wirklichkeit und subjektives Erlebnis. Hier die zuweilen horrenden Vorkommnisse, Einmarsch der sowjetischen Armee in Afghanistan, Zusammenbruch Nicaraguas, Änderung der chinesischen Wirtschaftspolitik, dort grüne Bewegung oder die neue Tanzmusik und biopolitische Wende.