Zu unserem Erstaunen passt die alte Facon noch immer. Es gibt eine zeitlose Mode. Im Moment ist in der Politik jeder dernier cri unerwünscht. Je älter die Klamotten oder Platituden desto beliebter sind sie. So sieht Europas Krise aus. Sie brachte Jörg Haider, Marie Le Pen, Viktor Orban, Alice Weidel oder Beatrix von Storch ganz nach oben. Zuerst war Alexander Gauland im altmodischen Tweed-Sakko ein gemütlicher Herr, im Mimikry des Reichsjägermeisters, und strahlte eine vertrauenswürdige Korpulenz aus.
In Naturverbundenheit und im unzerstörbaren Volkstum siedelten sich die „Verantwortungslosen“ an. Um sie sammelten sich die Deklassierten und Modernisierungsverlierer. Gemeinsam sind sie eine neue Klasse geworden: die „Masse“.
Sie wuchs schnell zur bedrohlichen Größe heran. In der Verbreitung von Nationalismus und neuer Ordnung war der Feuereifer größer als früher die Begeisterung fürs Vereinte Europa. Ab nun sah sich dieses Sozialkonglomerat berufen, das Volk zu sein. In ihm sammelten sich auch die von der modernen Ökonomie Beleidigten und Zu-Kurz-Gekommenen, die Gekränkten, die Hochmütigen, die um ihr Sozialprestige bangen, und die deklassierten „kleinen Leute“ ohne Selbstvertrauen, die sich an der Demokratie rächen wollen. Die Vielzahl der kleinen Führer, Geert Wilders in den Niederlanden oder Polens Jaroslaw Kaczynski repräsentieren die neue Donquichotterie in Europa. Deren Nationalismus soll die Folgen der Globalisierung beseitigen. Diese Umkehrung, in der nationalen Vergangenheit die Zukunft zu sehen, gefährdet die politische Stabilität der Mitgliedstaaten der EU. Die Europäer werden keineswegs behütet und geordnet in die Idyllen der Vergangenheit zurückkehren können. Sie werden andere Franzosen, Ungarn, Slowaken oder Belgier sein – nämlich nationalistische Ethnien, die sich in der EU in einem „Völkerkerker“ sehen, wie damals „die Tschechen“ in der Donaumonarchie. Das war die große Chance für Karl Lueger gewesen Ist die vergleichbare „Verfremdung“ das politische Ziel für „unseren Herbert“ ab 2016?
Das Seltsame an unserer Zeit ist die Faszination am Widerlichen. Die Lüge erlaubt das dummdreiste Wechselspiel zwischen modischer Modernität und Rückfall zu Lederhose und Taschenfeitel
Als Redner ist „unser Herbert“ für seinen Hass berüchtigt; sein Hass ist bald monströs, bald zynisch, dann wieder ein Rundumschlag, der alle trifft, nur jene im Bierzelt nicht. Die sind bereits durch Wort und Bier betäubt. Noch können sie johlen und schlagen sich auf die Schenkel. Sie haben in langen Sitzungen „unseren Herbert“ produziert. Und sie produzieren immer noch am laufenden Band in jedem Land Seltsames, Widerliches und weitere Herberts. Sein starker Mundgeruch stört sie nicht.
Was ist das Erfolgsrezept der Führer der chauvinistischen Parteien in Europa? Zum Beispiel sammelt „unser Herbert“ die Trümmer des Bürgerlichen und der Opfer des Kapitalismus noch im Bierzelt ein. Er beginnt sie zu formen, oder hat nicht sie ihn „nach ihrem Bild“ geformt? Sind nicht die angsterfüllten Traumgebilde die Quelle seiner Reden? Allzu gern will er den Wunsch nach gewaltsamer Beseitigung der Ursache aller Ängste erfüllen. Das erwarten sie von ihm. Die Zuhörer wissen sofort, wer schuld an der Misere ist. Und wer´s noch nicht weiß, dem sagt es Herbert klar und deutlich: die anderen und die EU. Hat „unser Herbert“ den alten Parteien die „Masse“ entführt und zieht sie wie der berüchtigte Rattenfänger von Hameln hinter sich her?
Natürlich könnte sich jetzt „unser Herbert“ vor Lachen den Bauch halten. Er könnte sich diebisch freuen, wenn Politologen raten, diese obskuren politischen Kräfte an eine Koalitionsregierung zu binden. Man stelle sich vor, eine deutsche Bundesregierung mit Herrn Höcke! In Österreich gab es das bereits.…
Nicht selten werden diese weisen politologischen Sprüche ernsthaft in Medien diskutiert. Ja, unverzüglich würde „unser Herbert“ den Umfrageforschern vorführen, was er alles kann, was sie sich nicht einmal in kühnsten Träumen erwarteten. Da wiederholt sich eine Konstellation, die Franz von Papen als rationale Beilegung der politischen Konfliktstoffe bewertete – also die Koalition mit Hitler kraft Billigung durch Hindenburg – o sancta simplicitas! .
Als hätten sie es in Österreich nicht schon zur Genüge gezeigt, was sie alles können: als Vizekanzler, als Finanzminister, als Innenminister, als Außenministerin, als Abgeordnete im National- und Bundesrat, als Landtagsabgeordnete und Gemeinderäte.
Merkwürdigerweise rutschen dann immer „Vokabeln“ in die Reden unseres rechten Flügels, die zur „Fachsprache“ des Nationalsozialismus zählen. Von daher stammt der Mundgeruch. Und immer öfter lassen sich diese Termini technici in der Alltagssprache finden. Sie gehören bereits zum politischen Sprachschatz, den Jörg Haider halb ironisch und halb provozierend in seine Umgangssprache einbezog. Jetzt ist es bereits die gebräuchliche „Parolen-Sprache“ in den Vorfeldorganisationen von H.´s Partei. Da ist „unser Herbert“ mitten „drin“, sieht sich unter Seinesgleichen verstanden und weckt politische Hoffnungen der grauslicheren Sorte…..
Neu daran ist nur die kriecherische Hinwendung zu Russland. Es ist aber nicht das „Russland Alexander Solschenizyns, Igor Strawinskijs oder Kazimir Malevichs, sondern das Neue Russland von Putin, Iljin und Dugin. Diesem Amalgam fühlt sich Europas „Rechte“ verbunden. „Unser Herbert“ behauptet immer wieder steif und fest, als neutrales Land muss Österreich zu Russland die gleiche Beziehungsqualität aufweisen – wie zur EU.
Nun schöpft „unser Herbert“ seine rhetorische Kraft aus der Art seiner Rückschau auf „vergangene bessere Zeiten“ Und er tut so, als würde er für bürgerliche Schichten ein bürgerliches Lebensgefühl und eine bürgerliche Lebenshaltung retten können. In dieser imaginären Bestimmung schafft er während der „Rosinenfütterung“ seiner Parteigänger im Bierzelt das neue Kollektivbewusstsein, das den radikalen Neubau in Kultur und Gesellschaft prophezeit.
Die unausgesprochene Orientierung bietet noch immer die „legendenumsponnene Programmversammlung“ vom 24. Februar 1920 im Münchener Hofbräuhaus: (Punkt 8) „Jede weitere Einwanderung Nichtdeutscher ist zu verhindern. Wir fordern, dass alle Nichtdeutschen, die seit 2. August 1914 in Deutschland eingewandert sind, sofort zum Verlassen des Reiches gezwungen werden.“ Und Punkt 23: „Wir fordern den gesetzlichen Kampf gegen die bewusste politische Lüge und ihre Verbreitung durch die Presse. Um die Schaffung einer deutschen Presse zu ermöglichen, fordern wir, dass a) sämtliche Schriftleiter und Mitarbeiter an Zeitungen, die in deutscher Sprache erscheinen, Volksgenossen sein müssen; …“
Wer glaubt, dass diese Gedanken nur ein Albtraum der Geschichte waren, irrt gewaltig. Die Propagatoren des Neuen und Allmächtigen sind zugleich deren Akteure. Hier sehen die europäischen Rechtsextremen zwischen Palermo und Danzig ihre historische Funktion und Aufgabe.
Der Weltanschauung „unseres Herbert“ begegnet man an allen Ecken und Enden im Staat und in der Gesellschaft, in der Zeitung und im Café. Die flächendeckende Mobilisierung des „kolonisierten“ Bewusstseins ist inzwischen auf Gewaltphantasien aufgebaut, auf populärer Propaganda, die in den sozialen Medien und an den Stammtischen eine unglaubliche Breitenwirkung erzielt – trotz der Halitosis „unseres Herbert“.
Die Stimme der Vernunft ist leiser denn je. Und tatsächlich ist die Situation eingetreten, dass viele Menschen den Verlust der politischen und der persönlichen Freiheit nicht mehr so bedrohlich oder bitter empfinden, gemessen an den Bedrohungen an Europas Grenzen. Man meint allen Ernstes, mit Mundgeruch könne man leben. Die Freiheit hat ihre anziehende Wirkung eingebüßt, denn in den Lebensvollzügen war sie zum Bestandteil des Konsums geworden. Ihre gediegenen politischen Inhalte besitzen nicht mehr jene Attraktivität wie zur Zeit des Eisernen Vorhangs. Daher scheinen Politiker nicht mehr darauf warten zu wollen, bis die nächsten Innovationen das gesellschaftliche Leben beeinflussen, sondern sie sehen sich dem Zwang ausgesetzt, den Entwicklungen mit Populismus vorgreifen zu müssen, manchmal auch über „einengende gesetzliche Schranken der Verfassung“ hinweg. (In diesem Augenblick kommt wieder die Erinnerung an Christian Pilnacek hoch….) Die Facon des politischen Schnittmusters könnte aus 1923 oder 1925 sein…..