Gedanken Reinhold Knolls

Orban und Putin

Ein etwas anderes Szenario…..

Die große Krise hat Europa noch nicht erreicht. Am Höhepunkt kann es einen gewaltigen militärischen Konflikt  – nach russischer Prognose 2029 – geben, dessen Ausgang ziemlich leicht vorhersagbar ist: die Kräfte der „Selbstverteidigung“ sind in Europa gering und die Bereitschaft zur Verteidigung begrenzt.

Das das innige Einverständnis zwischen Viktor Orban und Wladimir Putin hat auch eine andere Begründung als die Verträge über begehrte Erdöl- und Erdgaslieferungen zu moderaten Preisen. Es ist denkbar, dass Orban seine Hintergedanken Putin schon längst nahebrachte, die sich bei ihm im Laufe der Jahre angesammelt hatten. Orban lebt geistesgeschichtlich noch in der ungarisch-nationalen Empörung.

In jedem Eisenbahnzug an der neuen ungarischen Grenze wurde 1919 bis 1921 jedem Fahrgast mündlich und schriftlich vom Bahnpersonal mitgeteilt: nem, nem, soha (nicht, nicht, niemals!) Deshalb weht am Parlament an der Donau auch die Sekler-Fahne, die den Anspruch Ungarns auf rumänisches Territorium in Erinnerung ruft. Zweidrittel der Landesfläche gingen am Ende des 1. Weltkriegs für Ungarn verloren.  

Und Putin sieht in Orban seine „Schlüsselfigur“, über eine bessere verfügt er nicht. Orban kann die „Europäische Union“, ja den gesamten „europäischen Westen“ spalten. Nach der vorlauten Ankündigung von Donald Trump, die USA ab nun außerhalb der NATO zu sehen, ist ja dieses Rest-Europa ohnehin lächerlich kraftlos oder mit Haut und Haar Moskaus Seite verfallen. Und Putins Reaktion auf die US-amerikanische Erpressung war die Aufkündigung der Abkommen über militärische Zusammenarbeit zwischen Russland, Portugal, Frankreich und Kanada. Man kann es als Zwickmühle bezeichnen, in die Europa geraten ist.  

Nun haben Russland und Ungarn ein ähnliches gemeinsames historisches Schicksal. So verwenden sie beide ein sehr ähnliches Narrativ über die erlittenen Verluste. Was Ungarn 1919 traf, hatte die Sowjetunion 1989 getroffen: die Auflösung der Union führte zur Unabhängigkeit der Mitgliedstaaten der sowjetischen Union. In den Augen Putins war es ein abgefeimter Plan von NATO und EU, Russland für immer zu demütigen. Also haben sich zwei Opfer der historischen Entwicklung „Nach gewaltigen Zäsuren“ getroffen.  

Die Wut Orbans richtet sich gegen jene „Westmächte“, die Ungarn jeder Bedeutung beraubten, die Wut Putins gilt den gleichen Gegnern, die sogar das „alte“ Russland aller historischer Kontinuität berauben wollen. Putin war gegenüber dieser Strategie des „Westens“ zuvorgekommen und hatte mit der Besetzung der Krim das „Gesetz des Handelns“ an sich gerissen. Orban würde er geraten haben, ebenso zu verfahren. Man soll den „Vorortefrieden von Trianon“ einfach negieren, der seit mehr als 100 Jahren Ungarn „transchierte“. Es ist immer der „Westen“, der die eine politische Alternative abwürgen will.

Putin kennt die Demütigung, die er hinnehmen musste, um seine Arbeit als russischer Präsident geschickt auf sein Ziel hin zu orientieren. Wie einen Lehrbuben hatte man ihn um 2000 in den Parlamenten herumgereicht, wie ein Vieh war er vorgeführt worden, um sich den Unsinn anzuhören, wie Russland eine Demokratie werden kann. Unterdessen hatte er nur eine Waffe geschickt in Position gebracht: Russlands Erdöl und Erdgas. Da war der europäische Hochmut schnell verflogen. Und bei jedem Kooperationsvertrag hatte er nur an die Arrondierung des Reiches gedacht, an die alten Grenzen unter Peter dem Großen – und weiter. Eigentlich zählen auch Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg und Vorpommern, Thüringen zum russischen Einflussbereich – von den baltischen Staaten nicht zu reden. Wegen Gorbatschow war alles verloren gegangen!

Orban hätte im Grunde die gleiche Geschichte zu erzählen, auch Ungarn hatte seine „Kronkolonien“ eingebüßt.

Diese übereinstimmende Sicht der Lage bringt Orban und Putin zusammen. Es ist das Herzensanliegen beider, die alten Grenzen wieder herzustellen, Orban will es gar nicht wissen, wie schnell er in russische Dienste geriet. Die Belohnung aus Moskau war hoch. Aus Putins Großmut empfängt Orban billigeres Öl und Erdgas. Es ist verwunderlich, dass beide noch keinen Beistandspakt schlossen. Damit würde der Druck auf Brüssel deutlich steigen.

Und ein Bündnis Moskaus mit Budapest würde Putin eine überraschende Alternative bieten: Niemand würde in Berlin, Paris, London oder Helsinki vorhersagen können, wo die nächste Schlacht geschlagen wird: vor Riga oder Rosenheim, Leipzig oder Laibach? Bislang war man überzeugt, ein russischer Angriff würde die baltischen Grenzen zu Russland betreffen. „Mit“ Ungarn gibt es die große Chance, weit nach Mitteleuropa bis an die Ostgrenze der Schweiz vorzustoßen und im Unterschied zum Baltikum wird es keine nennenswerte Gegenwehr geben. In Mitteleuropa gibt es keine Finnen oder Schweden!

Noch scheint der polit-militärische Hebelarm Orbans schwach zu sein, doch schon zur nächsten Wahl werden nationale Themen im Mittelpunkt sein. Und Putin wird sich nicht lange bitten lassen, Orban mit Rat und Tat zu unterstützen. Bald wird man es überall lesen können, dass Kroatien, die Vojvodina, Burgenland, Siebenbürgen, ein Stück von Transkarpatien in der Ukraine und Nordungarn (Slowakei) heimzuholen sind. Und Putin wird sich nicht zwei Mal bitten lassen.

Und es kann schneller geschehen als uns lieb ist, dass die Generalstäbe Ungarns und Russlands schon längst die Köpfe zusammenstecken, während Schulkinder in Mittel- und Westeuropa gegen die Erneuerung der Wehrpflicht demonstrieren. Vielleicht werden bereits morgen die Freundschaftsverträge zwischen Putins Partei und den Neonationalen Verbänden in Westeuropa sogar erneuert? Zur „ukrainischen Frage“ erklärte der ungarische Außenminister Peter Szijjarto unlängst in Wien: „Der europäische Mainstream versucht Friedensverhandlungen zu untergraben…“

Alles ist möglich….