Oder: Welches politische Paradigma wollen wir?
In der antiken Geschichtsschreibung mochte man keine Tyrannen. Man hatte deren Herrschaft sogar unverblümt beim Namen genannt: Tyrannis. Das ist der große Unterschied zur europäischen Geschichtsschreibung der Neuzeit. Diese hatte bereits Napoleon als großen Befreier vom Joch der feudalaristokratischen Königreiche gefeiert. Allerdings war die Armut durch die Revolution nicht gelindert worden, was die stille Hoffnung vieler war. Napoleon hatte die Armut durch den allgemeinen Wehrdienst zu lindern vermocht, allerdings durch Kriege, die nicht nur entlang des Rheins als Befreiung gefeiert wurden. Der Blutverlust war so hoch gewesen, dass Not und Hunger wie unverhofftes Glück galten: Man war mit dem Leben davongekommen. Von den 276.000 Soldaten, die gegen Russland in den Krieg zogen, überlebten 7000. Und es war nicht der einzige Feldzug, den Napoleon veranstalten ließ, um die alten Mächte zu stürzen oder sich mit einer davon zu vermählen: mit der Tochter des Kaisers Franz. Das war nicht seine einzige Inkonsequenz. Deren Höhepunkt war Napoleons Selbsternennung zum Kaiser der Franzosen. So hatte er bewiesen, die historische Funktion eines Kaisers nie verstanden zu haben. Freilich ahmten diesen politischen Unsinn der „österreichische“ Kaiser sofort und der „deutsche“ erst 1871 nach.
Es war in der Geschichtsschreibung nicht einmal das Blutbad Robespierre´s als Tyrannis bezeichnet worden, sondern erstmals las man vom Für und Wider, das es abzuwägen gilt. Der erste Historiker, der das Argument ins Spiel brachte, Politik aus dem zeitlichen Kontext zu „verstehen“, war Augustin Thierry (1795-1856) und plädierte zum Verständnis der Zeit fürs Quellenstudium – zu gleicher Zeit wie Leopold von Ranke. Ein distanzierter Bewunderer Napoleons war Goethe seit deren Begegnung am Fürstenkongress zu Erfurt 1808 gewesen. Damit hatte er nachhaltig jede politische Skepsis geschwächt. Napoleon kannte natürlich als „Zeitgenosse“ im Unterschied zu heutigen Politikern mehrere Publikationen Goethes (Leiden des jungen Werther, Theaterstücke) und plauderte mit Goethe geraume Zeit darüber. Von Goethe wird wohl die Einschätzung stammen, die später bei der Beschreibung künftiger „Staatsmänner“ eine große Rolle spielen wird, nämlich diese sollen weder nach menschlichen, noch nach historischen Maßstäben gemessen werden. Der politische Genius war geboren, der hierauf zu Hegels „Weltgeist“ mutiert.
Während Herodot, Thukydides, Xenophon, Polybios, Diodor oder Arrian – Spezialist in der Darstellung der Feldzüge Alexander des Großen – kaum ein gutes Haar bei Tyrannen finden, schwelgten 2500 Jahre später gut ausgebildete Historiker in ihrer Bewunderung für Hitler, Stalin oder Mao tse tung. Das sollte zu denken geben.
Erinnern wir uns doch an die Vorschusslorbeeren, die sowohl Wladimir Putin um 2000 als auch vor der ersten Wahl Donald Trump gestreut wurden. Man hätte meinen können, der gute Onkel kommt aus Moskau, nicht mehr aus Amerika. Putin konnte ernten, was zuvor Gorbatschow als „good will“ in Perestroika und Glasnost begonnen hatte.
Die griechischen Autoren, beginnend bei Herodot, hatten für Peisistratos nie etwas über. Dieser politische Freischärler aus der Umgebung Athens war als entfernt Verwandter von Solon kein Unmensch oder gar kriminell gewesen, kein Mörder, sondern „nur“ Macht besessen und zu allen politischen Schandtaten bereit. Er hatte seine politischen Konkurrenten in „offener Feldschlacht“ besiegt und die Unterstützung der Stadtbevölkerung „plebiszitär“ gewonnen. Wie Donald Trump hatte er sich einmal darüber empört, vom politischen Gegner verletzt worden zu sein. Wegen dieser Behauptung wurde ihm eine Leibwache von der Volksversammlung zugestanden! Mit dieser eroberte er 561 v. Chr. die Macht über Athen. Peisistratos wurde bald erneut vertrieben, doch mit einer Finte gelang ihm die Rückkehr: Er zog mit einer als Athene verkleiden Frau (Phye) feierlich in Athen ein. Dem leibhaftigen Erscheinen der Stadtgöttin konnte das Volk nicht widerstehen. Es erneuerte das Mandat für Peisistratos. Er wurde hierauf wieder vertrieben und eroberte nochmals 546 v. Chr. die Macht über Athen – bis zu seinem Lebensende 527 v. Chr.
Die Peisistriden setzten die Tyrannis fort. Einen von diesen hatten – nun bekanntlich – (siehe letzte Sendung zur Demokratie) Aristogeiton und Hamodios getötet. Zum Andenken schuf Phidias diese große Skulptur für die Volksversammlung.
Nun sind unsere drei Weltbeherrscher mit Peisistratos nicht zu vergleichen. Gemessen an diesen war Peisistratos ein Wohltäter und die Gesetze des Solon ließ er unverändert in Geltung. Der Tyrann gewährte Kleinkredite für die Bauern und gründete die Panathenäischen Spiele, sowie eine Tempelanlage, die dann erst Kaiser Hadrian vollenden ließ! Er initiierte den Aufschwung der athenischen Wirtschaft und sicherte Athen den ersten Platz in „Griechenland“. Immerhin hatte er eine Grundlage geschaffen, die die Chance einer Demokratie eröffnete, die Kleisthenes politisch ab 510 v. Chr. realisieren konnte.
Nun wird hier von mir keineswegs nur ein Bildungsauftrag erfüllt, den man als alter Lehrer immer bis ans Lebensende zu erfüllen hat, sondern es ist die Bestätigung für Manés Sperbers Überzeugung, dass eine Demokratie zu jeder Zeit Menschen mit untadeliger Rechtschaffenheit benötigt. Friedrich Dürrenmatt hatte im Vorwort zum Theaterstück „Der Mitmacher“ dieser Voraussetzung zugestimmt, da er das gesamte Stück vom Problem handeln lässt, dass Diktaturen zu ihrer „Vermenschlichung“ der Korruption bedürfen, hingegen Demokratien durch Korruption ruiniert werden. Aus diesem Grund schrieb ich, dass wir auch in den „westlichen“ Demokratien vom Machtspiel zwischen Komplizenschaft und Nötigung bedroht sind.
Garanten für die Fortsetzung dieser Bedrohung sind Wladimir Putin, Donald Trump, Benjamin Netanyahu, der „überragende Führer“ Xi Jinping und Modschdaba Chamenei. Wäre in den Satzungen der Vollversammlung der Vereinten Nationen ein Scherbengericht a la Athen vorgesehen, würden alle fünf Potentaten ins Exil geschickt werden – aber wohin?