Gedanken Reinhold Knolls

Festschrift Buchhandlung & Antiquariat Schaden

Habent sua fata libelli

 Damals, als es noch keine Bücher sondern Codices gab, hatte Quintilian (35-96) in den Papyri die vornehme Aufgabe gesehen, –  adiuvant urbanitatem –das allgemeine Wohlgefallen zu fördern und zu unterstützen. Darin sah er den Sinn jeder Lektüre. Und nicht viel später hatte Seneca ( 4 v.Chr. – 65) in den epistulae morales et Lucilium jedem Leser den Rat gegeben: „Gib also die Hoffnung auf, die großen Meister im Auszug kosten zu können. Du musst sie ganz schauen, dich ganz mit ihnen beschäftigen.“ – Certis ingeniis immorari est innutriri oportet, si velis aliquid trahere quod in animo fideliter sedeat…Probatus itaque semper lege. Et si quando ad allos divertere libuerit. Ad hos revertere.- Freilich fügte Seneca noch die Bemerkung hinzu, Texte nicht zu überfliegen, sie nicht wie Stichproben nach Zufall auszuwählen: Nusquam est ubique est/ weil, „wer überall ist, ist nirgends“.

Es wäre zugleich ein sehr aktueller Rat an jene, die Texte in der Version elektronischer Datenverarbeitung am Display ihres Telephons zu lesen beginnen. Bald „scrollen“ sie ungeduldig, um dann wieder an einer beliebigen Textstelle hängen zu bleiben. Aus dem wenigen „Aufgefangenen“ reimen sie sich ein Urteil zusammen. Offensichtlich hatte es auch schon damals vergleichbar oberflächliche Leser gegeben….

Und  unmissverständlich ermahnte auch Epictet (50-138), sich mit dem Gelesenen zu brüsten, ohne aber den Inhalt verstanden zu haben. In den „Discourses“ erwähnte er mehrmals die Untugend, sich ein Wissen angeeignet zu haben, ohne den Sinn wiedergeben zu können: „Das Schaf zeigt seinem Hirten nicht, wie viel es gefressen hat; es verdaut die Nahrung und bringt Wolle und Milch hervor. So zeige auch du nicht die Lehrsätze, sondern die Taten, die aus ihnen hervorgehen.“ – Το πρόβατον οὐ δείκνυσιν τῷ ποιμένι ὅσον ἔφαγεν, ἀλλὰ τὴν βοτάνην ἐκτρέφει ἔνδον καὶ ἐκφέρει ἔξω ἔριον καὶ γάλα.

Später ergänzte Terentianus Maurus um 200 n. Chr. Seneca mit seinen eigenen Erfahrungen mit diversen Büchern. Im Kopf des Lesers treten sie nämlich eine abenteuerliche Reise an, von der nicht einmal der Leser weiß, wann und wo sie endet oder ob die Reise überhaupt endet: „Habent sua fata libelli….“  Jedenfalls sind die Bücher von der Auffassungsgabe des Lesers abhängig, was schon in der Antike geläufig war -„pro captu lectoris“ und seit jeher wird jedes neu gedruckte Buch vom Wunsch des Lucrez auf seiner Reise in die „Bildungswelt“ begleitet – ne ventis verba profundam/ es möge nicht in den Wind gesprochen sein… .

Und diese alten Erwartungen an ein Buch galten 2 Jahrtausende. Zum großen Teil waren alle diese Jahrhunderte vom Buch und dann auch vom Buchdruck geformt worden. Astronomen ließen ihre Vermutungen und Theorien drucken und veränderten unser Weltbild, Schriftsteller lehrten uns verschiedene Blickwinkel auf Gesellschaft und Politik, Wissenschafter wünschten, ihre Annahmen würde uns die Geheimnisse des Lebens besser verstehen lernen, Philosophen und Theologen waren in den Fragen der Aufklärung entschieden anderer Meinung, prägten aber unser Bewusstsein. Von diesen Intentionen sind die Bibliotheken voll. Und bis hierher gab es keinen Mangel an Büchern, die immer wieder zu erbauen, zu ermahnen, zu belehren und zu deprimieren wussten.

Nun hatte Niklas Luhmann in  seinem Werk „Gesellschaft der Gesellschaft“ ausführlich den Transformationsprozess beschrieben, den der Buchdruck verursachte. Ein Lesepublikum hatte sich mit eigenständigem Bewusstsein gebildet, gründete Lesevereine und debattierte heftig bereits im 18. Jahrhundert in London. Somit waren völlig neue  Gesellschaftsformationen entstanden: Bildungs-, Wissens- und Informationsgesellschaft sind jene „Kürzel“, die nicht nur einen neuen gesellschaftlichen Zustand beschreiben, sondern auch soziokulturelle Akzentverschiebungen vor Augen führen. Es geht ja nicht mehr allein um die Reproduktion des Wissens in Büchern, sondern mit der Lesefähigkeit des Publikums sind die Leseinteressen nicht mehr überschaubar. Ein heftiger Wettkampf um die Anteile am Buchmarkt begann. Und vielfach war dadurch eine Unsicherheit in der richtigen Wahl der Bücher entstanden. Man meinte, diese Unsicherheit nicht nur durch Empfehlungen verringert zu haben, sondern in den letzten Jahrzehnten wechselte auch ein erheblicher Teil des Lesepublikums Schritt für Schritt zur neuen Informations- und Kommunikationstechnologie.

Nur wenige Jahre später – 1994 – konnte das kleine Smartphone jeden seiner Besitzer den Anschein verleihen, ab nun zur Informationsgesellschaft zu gehören. Ohne die Tragweite dieser Neuerung zeitgerecht bemerkt zu haben, folgte dieser soziokulturellen Innovation eine Bewusstseinskrise, die nach Byun-Chul Han in der weit verbreiteten „Infokratie“ stark narzisstische Tendenzen auslöste.

Der Konkurrent des Buches war vorerst nur der Computer gewesen. Noch in den 70er Jahren hielt man den PC anfänglich für eine deutlich verbesserte Schreibmaschine. Kurze Zeit später dominierten diese Geräte bereits den Kommunikationsfluss, wobei die Wirkung der veränderten Information und Kommunikation als signum des Fortschritts galten, als Teil einer gelungenen Individualisierung. Nicht bedacht oder nicht wahrgenommen wird nicht nur die veränderte Informationsbeschaffung, sondern auch der stetige Verlust an Glaubwürdigkeit, die selbst ein altes Lexikon stets zur Zuverlässigkeit der Information grundsätzlich verpflichtet hatte.

An den Instituten war in den 70er Jahren weit öfter das stundenlange „Ausreizen“ der technischen Möglichkeiten im Mittelpunkt des Interesses am PC als das Verfassen eines originellen Fachartikels.

Früher bestand kein Zweifel daran, dass ein neu gedrucktes Buch auch Neues vermittelt, was speziell Fachbücher betraf. Jetzt steckt das Neue im Computer, in den Programmangeboten. Zunächst schien die „Sprache der Gespräche“ einer Simplifizierung zu unterliegen. Der durchschlagende Erfolg des alten PC lag an der Fähigkeit, jedes Dokument nicht nur in eine ansehnliche Form zu bringen –rechtsbündige Ausrichtung der Zeilen – sondern im Handumdrehen Wörter kursiv zu „schreiben“ oder Buchstaben „fett“ wiederzugeben. Dieser Fortschritt in Form und Gestaltung ließ die ersten Hürden von Bewerbungen leicht überwinden. War der große Erfolg des Buchdrucks einmal darin gelegen hatte, über das Lesen der Bücher die Umgangssprache zu vereinheitlichen, so war der Inhalt eines Schreibens der äußeren Form fast nachgereiht worden. Mit dem PC wurde jeder sein „eigener Setzer und Lektor“.  Langsam waren selbst Landes- und Wissenschaftssprachen im Umgangston in die „elektronisierte“ Kommuniksationskultur integriert worden. Es gab zusätzlich auch noch die Eigenheiten einer Sprache der Literatur, die sich von der Umgangssprache zum Teil löste, emanzipierte oder sogar die autochthone Mundart während der Industrialisierung beibehielt.  

Das Buch hatte schließlich die Art des Lesens verändert. Das Buch verlangt immer nach ungeteilter Aufmerksamkeit, wollte der Leser den Inhalt des Geschriebenen auch erfassen. Die Erfahrungen Epiktets mit den Lesern „von damals“ schienen sich zu wiederholen. Natürlich blieb das Kulturmerkmal des eingefleischten Lesers oder „Bücherwurms“ erhalten und reüssierte sogar zum Vorbild, doch wegen der neuen elektronischen Kommunikations- und Informationssysteme konnte selbst eine „Leseratte“ ihren Vorsprung nicht halten. Es scheint die Tendenz immer stärker zu werden, die Wissensaufnahme zu beschleunigen. Mit der Entwicklung der „artificial intelligence“, mit der Nutzung des gigantischen Angebots aus den Wissensvorräten gerät das alte Buch nicht nur ins Hintertreffen, sondern verliert auch die Eigenschaft des Innovativen. Neuigkeiten sind generell früher im Internet als zwischen zwei Buchdeckel.  Die Frage, was denn als neu zu bezeichnen ist, wird nie beantwortet. Es siegt der „letzte Schrei“ wie in der Mode. Auf die Verbindlichkeit des Wissens kommt es nicht mehr an. In den Wissenschaften führt diese Art der Kommunikation zu Dogmatismen, zum Stallgeruch „herrschender Meinung“, in der Literatur zu endlosen Beschreibungen von Selbstbefindlichkeiten.   

Ein Beispiel für diesen Wandel war die Ankündigung des Verlags der „Encyclopedia Britannica“ 2012, keine weitere Edition mehr zu drucken. Die 15. und letzte gedruckte Ausgabe erschien 2010. Damit hatte sich der Verlag als Flaggschiff traditioneller Buchkultur seit 1768/1771 aus der europäischen Repräsentation der „Wissenskultur“ endgültig zurückgezogen.

Einmal waren Bibliotheken und Buchhandlungen jene Institutionen gewesen, die Gedächtnis und Innovation verkörperten. Sie boten eine kulturelle „Stabilitätsgarantie“, unabhängig vom Generationénwechsel. Die Buchhandlung war zum organisatorischen Fixpunkt zur Erkundung einer nicht fest gelegten Zukunft geworden. Der Buchhändler war gerade durch seine Spezialisation jene Sozialisationsagentur geworden, in der das traditionelle und familiär tradierte Wissen ergänzt, ersetzt oder gar völlig verändert worden war. Der Buchhändler hatte als Sozialisationsagent eine vergleichbare Rolle übernommen, wie Jewgeni Basanow in Iwan Turgenjews Roman „Väter und Söhne“ aus 1861. Er konnte über viele Wissensgebiete Auskunft geben, wie ein Bibliothekar, dessen Funktion Robert Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ und Mircea Eliade im Roman „Der besessene Bibliothekar“ ein „Denkmal setzten. Nun muss man wieder Zweifel haben, ob diese Funktion des Buchhandels, ja das Buch schlechthin als symbolischer Bestand dieser seltsamen Kultur auch in Zukunft bestehen kann. .  

Die Zukunft des Buches steht auf dem Spiel. Das Gesamtarrangement des Wissens entzieht sich in der „Elektronisierung“ jenen Kontrollen, die in Jahrtausenden auf der „Unterscheidbarkeit von Mitteilung und Information entwickelt worden waren. Man kann von Mitteilungen berührt werden oder ungerührt bleiben, es fehlt aber in der technischen Verarbeitung der Information die  Unterscheidbarkeit von „wahr und falsch“. Während der Leser bei Unklarheit im Buch nachblättern konnte, einen Absatz nochmals lesen kann, eigneten sich die Informationen in der Informationsgesellschaft eine Flüchtigkeit an, weshalb sie bereits vor der nachfolgenden Information schon in Vergessenheit geraten. Das Gedächtnis der „user“ droht ein „Nudelsieb“ zu werden.

In Würdigung der Buchhandlung & Antiquariat Schaden müssen wir wieder zurück in die Geschichte, in der das Buch eine unverwechselbare kulturelle Rolle spielen konnte. Da galt einmal die Behauptung von Geoffroy de Breteuil  fürs Mittelalter: claustrum sine armario quasi castrum sine armamentario – ein Kloster ohne Bibliothek ist ´wie eine Burg ohne Waffen. Und damit es Schriften zu drucken gibt, war der Grundsatz bis ins 18. Jahrhundert gültig  geblieben: scribere est cogitare – schreiben heißt denken. Roger Bacon hatte diesen Grundsatz beherzigt, der schon in der römischen Antike als Regel galt, die knapp und klar Plinius der Ältere niedergeschrieben hatte: Nulla dies sine linea – was für Roger Bacon ein Prinzip im alltäglichen Handeln war und viel später von Benjamin Franklin als Aufforderung verstanden wurde, täglich die Ereignisse des Tages ins Tagebuch einzutragen. Da war Wissen zur Macht erklärt worden: scientia potentia est. Alle diese Merksätze, bei Schülern gefürchtet, hat Seneca in seiner unnachahmlichen Ironie als Hindernis fürs selbständige Denken formuliert: Non scholae sed vitae discimus. Der Zustand unserer Schulen vermag es nicht, Senecas Ironie Lügen zu strafen……

Qui legit, sapit…Man könnte es sinngemäß auch völlig frei übersetzen: Durchs Antiquariat Schaden wird man klug….

(Allein schon deshalb herzlichsten Dank fürs jahrzehntelange Löschen des Wissensdursts)

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