Gedanken zum Verhältnis der Phänomenologie zur Geschichte – Aufzeichnungen eines Lesers
Die Auswirkungen der Phänomenologie Edmund Husserls auf die verschiedenen Denk- und Wissenschaftsrichtungen zeigen vor allem die Lebendigkeit an, die eher schon tot gesagte wissenschaftliche Schulen zu neuem Leben erweckte. In erster Linie muss die neue Richtung der Historiographie erwähnt werden. In ihr sind nicht mehr die politischen Daten von herausragender Bedeutung. Sie würden im Blick auf die jüngsten Daten, die das Thema der Zeitgeschichte sind, eher deprimieren als ermutigen.
Erinnert man sich an die Schulzeit, so waren folgenreiche Kriege und Schlachten, ab der Seeschlacht von Semiramis, 480 v. Chr., Punkte der zeitlichen Orientierung. So blieben die Bedeutungen des Investiturstreits oder gar Themen Politischer Theologie des Mittelalters eher unerwähnt, hingegen die Schlacht am Lechfeld 955 war ein Angelpunkt für den Vortrag in mitteleuropäischer Geschichte, weshalb die Schlacht auch die Weihe zum Prüfungsgegenstand erhielt.
Dass diese Schlacht vermutlich in der Interpretation des 19. Jahrhunderts die Quelle für alle späteren „Nationalismen“ war, erreicht mit der „Deutschen Geschichte“ Heinrich von Treitschkes eine dauerhafte Aktualität bis ins 20. Jahrhundert hinein. Es war eine Fortsetzung der Tradition der Siedlungsgeschichte des Frühmittelalters, in der die gemischten Siedlungsgebiete von Slawen und Bajuvaren oder Sachsen entweder unterschlagen oder säuberlich getrennt wurden. Ab 1930 hatte man in Österreich nur mehr germanische Gräber entdeckt, hingegen slawische unbeachtet gelassen. Ein Beispiel ist die „Geschichte der deutschen Ostkolonisation“ 1935 von Hermann Aubin. Ähnliche Tendenzen bewirkten schließlich die ebenfalls lang dauernde Diskriminierung genuiner ungarischer Geschichte, auch über den Renaissancefürsten Matthias Corvinus Hunyadi hinweg. So waren die Siedler zwischen Donau und Theiss wieder zu „Hunnen“ oder „Awaren“ geworden, ungeachtet der großartigen Funde in Nagyszentmiklos aus dem 7. bis 9. Jahrhundert. Bereits diese Drehungen in den historischen Darstellungen würden ein dankbarer Gegenstand phänomenologischer Analyse sein.
Da Husserl nach einer „Wesensschau“ verlangte, hatte er genau die Geschichtswissenschaft im Blick, deren Befugnis es sein soll, die Ereignisse zu ordnen und zu bewerten, um Sinnzusammenhänge ermitteln zu können. Nun hatte die Entwicklung der Sozialgeschichte ab 1880 genügend Material zur Verfügung, um nach einer Vorannahme, die sozialpolitisch und von neuen Theorien der Ökonomie inspiriert worden war, jene sozialen Schichten oder „Klassen“ zu untersuchen, die trotz ihrer Deklassierung das Fundament der aufbrechenden Industriegesellschaft bildeten. Nach Friedrich Engels „Geschichte der deutschen Bauernkriege“ im 16. Jahrhundert war die Darstellung eher die Untermauerung einer Gesellschaftstheorie und förderte neue Begriffsbildungen, die gerade rechtzeitig für die Soziologie bereit gestellt wurden.. Die Engführung zwischen Parteien- und Sozialgeschichte waren bei Carl Grünberg, Ludwig Brügel, Franz Mehring in Mitteleuropa thematisiert worden.
Da Husserl seine Methode theoretisch auch auf der Ebene der Intention des Handelns ausgedehnt hatte, es ist die Voraussetzung für Aufdeckung verborgener Motive, kann er die Angelpunkte der Geschichtsschreibung anders darstellen als in der Dichotomie Nietzsches, der hier zwischen „Monumentalisch“ und „Archivalisch“ unterschieden hatte. Weder die gewaltigen Biographien von „Männern und Mächten“, noch die Entdeckung ungehobenen Archivmaterials kann den Forscher entzücken, so spannend auch die neuen Einblicke sein mögen, sondern erst in der Konstruktion Husserls kann die historische Intention des Handelns in Augenschein genommen werden, da sie sich innerhalb der Sinnstruktur des historischen Verlaufs ergibt oder vom Handelnden selbst mit der Intention einer Veränderung vorgegebener Sinnstruktur verbunden wird. Hans Blumenberg hat an diesem Punkt angemerkt, dass dieser Sachverhalt „über die vermutete oder gesicherte Punktualität des Cogito hinausgreift. Wir wüssten, was ein anderes Ich ist, weil wir dies schon selbst für uns selbst werden können.“
Das kann für den Historiker gelten, der nun nicht mehr die angenommene Bedeutungshierarchie historisch-politischen Handelns allein berücksichtigt, im Grunde an der Einzigartigkeit Napoleons desinteressiert ist, aber in diesem ein funktionales Äquivalent sieht, die zerrüttete Gesellschaft speziell in Paris nach der Revolution zu stabilisieren. Und Napoleon tat es, indem er das große politische Zerwürfnis nach 1789 zu neuem Ziel einte, zum Sturz aller Monarchen in Europa – koste es, was es wolle. Die Sinnstruktur postrevolutionärer Dispositive blieb erhalten und war die Voraussetzung für die „exspezifische Aggression“ im europäischen Krieg. Dass ausgerechnet dem „leidenschaftlichen Geographen“ der Lapsus unterlief, den Sitz des Zaren ausgerechnet in Moskau anzunehmen, hat der Historiker Wolfgang Schivelbusch im „Rückzug“ fast schon belustigt kommentiert und zugleich als phänomenologisch zu erklärende Fehlleistung dargestellt.
Nun hat sich die Interpretation des historischen Erfahrungsraums in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert und war wegen der sozialwissenschaftlichen wie psychoanalytischen Kenntnisse um mehrere Dimensionen erweitert worden. In den „klassischen“ Darstellungen des Historismus war, wie erwähnt, der „große“ Mensch wie ein antiker Held in der Ilias als Vorbild und Muster gleich einer ganzen Nation präsentiert worden. Das bestätigt die neue Konstruktion des Individuums am Ende der Aufklärung, denn es war in seiner Genialität und „Sonderform der Natur“ der Nachweis für Edgar Zilsel gewesen, dass von Anfang an die bürgerliche Gesellschaft einer genuinen „Genie-Religion“ huldigte. Die mit Genialität (Mozart) bezeichnete Einmaligkeit überstrahlte alles. Dort waren die „Herren der Geschichte“ zu finden, wofür Dutzende Theaterstücke ab der Aufklärung Zeugnis ablegen. Die präsentable und „vor-bildliche“ Geschichte zwischen „Fiesco“ und „Egmont“ oder „Götz von Berlichingen“ zwang die Geschichtsschreibung zu neuen Motiven. Die geistesgeschichtliche Grundlage erlaubte einen Blick auf die Weltgeschichte, die in der Absicht des Historismus gelegen war, sei es, dass aus ihm die Besonderheit des Staates nach Montesquieu „herausgeschält“ worden war – im Gegensatz zum absoluten Staat des 17. Jahrhunderts, sei es, dass die Geschichte angesichts von 1789 mit der Frage konfrontiert wurde, wie denn ein absolut regiertes Königreich zugrunde gehen kann?
Dafür gab es die frühe Antwort bei Montesquieu, der erstmals Überlegungen über den politischen Konkurs des römischen Weltreichs anstellte. Also schrieb er in den „Considerations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur decadence“ 1734, dass der Untergang nicht durch ein einzelnes Ereignis verursacht wurde, sondern im Niedergang der politischen Tugenden. Es ist damit ein Verfall der Strukturen durch Verlust der politischen Tugenden eingetreten. Ebenso war die auf agrarwirtschaftlicher Grundlage errichtete Konstruktion der römischen Republik vom neuen Konzept des Anspruchs und der Ausdehnung zur Weltmacht überfordert worden. Neu war der Gedanke, dass die Inkongruenz zwischen den veränderten Handlungsdspositiven und dem Geist der Republik das Ende des Weltreichs bedeuteten.
Dieser Frage widmete sich am Ende des 18. Jahrhunderts Edward Gibbon. Vor ihm kommentierte Friedrich II. von Preußen die Darstellung Montesquieus an den Seitenrändern des Buches als Versagen der imperialen antiken Bürokratie. Diese Einsicht bewog den preußischen König, durch Straffung der Verwaltungsinstanzen nach militärischem Muster die politische Stabilität des Landes zu erreichen. Später analysierte Theodor Mommsen in konsequenter Manier des Historismus den „Untergang Roms“. In Beachtung der friderizianischen Reformen in Preußen, war in dessen Überlegungen der Untergang dadurch bewirkt worden, da die Aufrechterhaltung der republikanischen Ordnung ein strukukturelles Versagen verursachte. Er konnte aber in seiner Perspektive nicht erklären, weshalb nach der Reichs-Teilung in „Ost-Rom“ oder Byzanz, und Rom, also die hellenistische Version einer Staatenbildung über Jahrhunderte noch überdauern konnte.
Es war dann das Forschungsgebiet russischer Historiker zwischen Wassili Ossipowitsch Kljutschewski und Georg Ostrogorski gewesen, die Russland als Erbin des oströmischen, byzantinisch-orthodoxen Reiches betrachteten. Durch die Glaubensspaltung von 1054 war überhaupt die eigenständige Alternative zur europäischen Reichsentwicklung begünstigt worden und teilte Europa in Ost und West. .
Nun war in der Folgezeit die Analyse Max Webers zum Untergang des römischen Weltreichs von überraschenden wie paradoxen Dichotomien zur plausiblen Erklärung geworden, wobei er methodisch bei Paradigmen ansetzte, die uns aus der gesellschaftlichen Entwicklung der Neuzeit geläufig sind: Die übers Christentum in die römische Politik gelangenden humanitären Herausforderungen hatten am Untergang ebenso Anteil, wie die billigere Nahrungsversorgung der antiken Kernlande „Italiens“. Also ein Aspekt humanitärer Selbstverständlichkeit war zugleich das Syndrom eines politischen Zerfalls. Also standen Sklavenbefreiung samt Zugeständnis der Eheschließung, also neue Freiheiten dem System der Sklaverei entgegen, wie die Billigimporte von Getreide aus Nordafrika die Agrarstruktur des Binnenlandes im römischen Reich schwächte. Die Bauern zogen in die Stadt und verkörperten dort das Unwort gesellschaftlicher „Modernisierung“ – proles. Und die Sklaven lebten nun in familiären Bindungen, was in unseren Augen ein gewaltiger humanitärer Fortschritt war. Somit hatte Max Weber einige Zeit für den Untergang des römischen Weltreichs die beste Analyse geboten, ohne im entferntesten mit der bereits seit Franz Brentano geläufigen Phänomenologie zu tun gehabt zu haben, mit jener Hegels noch weniger.
Der unmittelbare Kollege Max Webers, der Althistoriker Eduard Meyer, hatte 1908 in seiner Darstellung der Entwicklung „vom Principat des Pompeius zur Monarchie Caesars“ im Vorwort seine verblüffende Mutmaßung festgehalten, dass wohl die Vereinigten Staaten von Nordamerika in eine vergleichbare politische Situation kommen werden wie durch Julius Caesar heraufbeschworen, denn die republikanischen Paradigmen werden den machtpolitischen Aspirationen nicht standhalten können, was entsprechende weltpolitische Folgen zeitigen wird.
Diese Untersuchungen über den Zusammenbruch eines Weltreichs, begünstigt durch eine reiche Quellenlage, hatte zwar die historiographische Würdigung politischen Tatendrangs großer Männer noch durchhalten können, konnte aber die grundsätzliche Wende in der Geschichtsschreibung nicht aufhalten. Nun wurden Ideen untersucht und als Leitlinien historischer Entwicklung betrachtet.
Zu gleicher Zeit wie Eduard Meyer hatte Friedrich Meinecke Motive in der Geschichte zu entdecken vermocht, die er offensichtlich als Vektoren eines soziopolitischen Wandels aus einer Gegenwart in eine Zukunft verstand. In „Weltbürgertum und Nationalstaat“ wie auch in der „Idee der Staatsräson“ hatte er entweder über gegenstrebige Fügungen zwischen wohlfahrtsstaatlicher Entwicklung und Nationalismus berichtet, oder aber eine durchgängige Idee verfolgt, die im Absolutismus unter und auch schon vor Ludwig XIV. „geboren“ in die komplexe Erscheinungsform des Josefinismus führte. Meineckes „Idee“ war, die Staatsräson kann des feudal-höfischen Betriebs entbehren, schafft also einen non-personalen Herrschafts- und Lenkungsbereich, der für den modernen Staat die Folie sein wird. Hier war eine politische Idee in ihrer Genese untersucht worden, die weit vor der Soziologie Phänomene des Wandels zu definieren verstand.
Diese neue Form von Geistesgeschichte brachte schließlich Eugen Rosenstock-Huessy auf den Gedanken, die gesamte europäische Geschichte nach Paradigmen zu ordnen, die gleichzeitig den Charakter nicht nur der Revolutionen prägten, sondern auch die weitere Geschichte der Nationen. Er hatte in „Out of Revolution“ in der Charakterisierung mit dem Investiturstreit begonnen, bezeichnete ihn als „Papstrevolution“, setzte mit der Reformation fort, die sich schließlich im Säkularisierungsprozess in nationalen Revolutionen entfaltete – in englische, französische, bürgerliche und russische Revolution. Fast könnte man der Auffassung sein, Rosenstock-Huessy wiederholt die geschichtsphilosophische Spekulation Auguste Comtes, doch ihm war es kein Anliegen, Fortschritt und Erfüllung des Stadien-Gesetzes im „positiven Zeitalter“ zu begleiten, sondern je ein Paradigma gaben den Jahrzehnten vor und nach dem jeweiligen Ereignis Sinn und Struktur. Mag sein, dass hier jene Metaphorik zu beachten ist, die Karl Löwith in der Ambivalenz zwischen „Weltgeschichte und Heilsgeschehen“ darstellte, doch es war damit eine andere Geistesgeschichte ermittelt worden, die sich von der genuinen (Natur-)Wissenschaftsgeschichte löste. Nun war der politische Gedanke der Revolution auf die Wissenschaften übertragen worden. Die gewaltigen wissenschaftlichen Fortschritte von der Astronomie bis zur Biologie/Chemie nötigte zu einer anderen Geistesgeschichte, die noch im 19. Jahrhundert begonnen hatte, die mächtigen Könige, Generale und Gouverneure der Geschichte durch „Geistesheroen“ und Künstler zu ersetzen,
Immerhin war hier bereits eine andere Struktur von Bedeutung, die nicht nur den Blick zum Strukturalismus in Ethnologie und Gesellschaftswissenschaft öffnete, sondern erstmals war von Historikern der Erfolg des „großen Menschen“ innerhalb der gleichzeitigen situationsbedingten Konstellation gesehen worden. Somit hatte dann Fernand Braudel die Überzeugung besessen, es gäbe in der Historiographie die Möglichkeit die jeweilige „Zeit“ objektiv zu rekonstruieren. Der Mensch ist in diesen Strukturen eingebettet, somit sind dessen Handlungen immer nur Ergebnisse aus strukturell gebotener Möglichkeit.
Diese Einschätzung führte zur Ursachenforschung. Welches Ereignis ist aus welchen Bedingungen entstanden? War die russische Revolution das Zusammenspiel der schrecklichen ökonomischen und militärischen Situation, die die drei Kriegsjahre im 1. Weltkrieg in Russland herbeigeführt hatten und zugleich in der Umsetzung das Resultat des agitatorischen Geschicks Lenins? Oder aber drohte schon zuvor – 1905 – eine unhaltbare politische Situation, die jedem Schriftsteller klar war, deren politisch-revolutionäre Radikalisierung durch Lenin mit dem Ausbruch des Weltkriegs eher verzögert – oder aber beschleunigt wurde? Während hier Braudel für eine „entsubjektivierte Tiefengeschichte“ eintrat, hätte gerade Alfred Schütz in seiner phänomenologischen Soziologie gegenüber der Revolution 1917 seine Frage nach dem Zustand der Sinnkonstruktion im russischen Alltag gerichtet. Um diese Frage beantworten zu können, hatte Karl Schlögel im „sowjetischen Jahrhundert“ die unterschiedlichsten Phänomene zusammengetragen, um daraus die Sinnkonstruktion nach Schütz leisten zu können. Während Reinhard Koselleck seinen historischen Erfahrungsraum in der „Vergangenen Zukunft“ strikt hermeneutisch erfassen will, in der Darstellung immer mit Berücksichtigung eines kulturell vermittelten Erwartungshorizonts, würde Alfred Schütz die Geschichte vom Erleben her zu interpretieren beginnen, sei es nun im Erleben der vielfältigen Grausamkeiten oder in den seltenen Fällen angewandter Humanität.
Diese Perspektive hat offenbar in der Geschichte nicht die Auszeichnung von Braudels zuverlässiger „langer Dauer“ erhalten, im Gegenteil, hier stößt man bald auf die Ratlosigkeit Heideggers, ob der Zeitlichkeit des Daseins mit Humanität begegnet wird oder mit der Aporie eines „Seins-zum-Tode“ hin..
Diese Positionen haben speziell in der „Zeitgeschichte“ ihre Bedeutung erhalten. So absurd die Bezeichnung ist, die offenbar bei der Gründung des gleichnamigen Institutes in München in den 50er Jahren nicht weiter aufgefallen war, so war man erstmals überzeugt, die drängenden Fragen einer gerade „abgelaufenen“ Geschichte gebietet eine Aufarbeitung, die gleichzeitig das psychologische Programm einer Bewältigung unmittelbarer Vergangenheit zu erfüllen hat.
Obzwar man immer vor dem Problem einer Bewältigung steht, stets sich selbst zu prüfen hat, Anforderungen genügt oder in diesen versagt zu haben, würde in dieser Bereitschaft zur „Aufarbeitung und Bewältigung“ die Phänomenologie Husserls herangezogen werden, so ist immer die Anschauung als unentbehrliche Voraussetzung der Beschreibung angemahnt. Nun sind wir überzeugt, gerade über den Abschnitt der Zeitgeschichte genügend gesehen zu haben, also keiner weiteren Anschauung mehr zu bedürfen. Nun lehrte Husserl, dass jede Anschauung immer schon in Grundbegriffen enthalten ist. Sollte es um den Grundbegriff des Totalitarismus gehen, so wird die Anschauung jene sein, die die inhäerente Inhumanität als unerträglich verabscheut. Die Rekonstruktionen, die erstmals über eine medial getragene fast schon aufdringliche Anschaulichkeit verfügen, leiden schließlich am Mangel an Intersubjektivität, da selbst nach einem Zeitraum, der im Grunde nicht mehr ins Terrain der Zeitgeschichte zugeordnet werden kann, die Verständigung über Wesen und Unwesen des Totalitarismus noch immer gestört ist. Die Überlieferung einer „Erlebniswelt“ blieb stark genug, um sich die Repristination zu wünschen, die Kritik daran ist hingegen nicht kompetent genug, denn es unterbleibt die Analyse der historischen Lebenswelt, was die Vergegenwärtigung dieser Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in eine paranoide Konsequenz aller Motive der Darstellung drängt. Die Geschichte wird zum Grenzfall der Fremderfahrung.
Nun wird recht vollmundig die „Bewältigung der Vergangenheit“ gefordert. Dass diese inzwischen eine andere Vergangenheit hat, sollte nach 100 Jahren der Geschichte des Ungeists oder des humanen Kompetenzverlusts in der „Massengesellschaft“ anders überlegt sein, als in den Dokumentationen nahe gelegt wird. Dass diese Geschichte einen Haltepunkt kreieren will, liegt auf der Hand, doch blieb hier der durchschlagende Erfolg versagt. Die Geschichte erzählt immer wieder einem sich in der Erinnerung oder sich mit Erzählungen identifizierenden Subjekt, trägt vielleicht zu einem veränderten Selbstverständnis bei, doch wird der Adressat, der „Ansprechpartner“ in der Zwischenzeit zu einem Anderen seiner selbst. Das hatte bereits Manes Sperber in den „Sieben Fragen zur Gewalt“ festgehalten.
Nun tritt das Phänomen hinzu, dass Erinnerungen trügerisch sein können. Die Fakten verändern ihr Wesen in der zeitlichen Distanz. Die Trübung der Erinnerung ist offensichtlich die Voraussetzung, um in einer flüchtigen gesellschaftlichen Wirklichkeit leben zu können. Hatte Hans Blumenberg in den „Wirklichkeiten in denen wir leben“ noch den Optimismus besessen, indem er die paradigmatische Handlungskompetenz von der ästhetischen Omnikompetenz Leonardo da Vincis ableitet, so stellte er dieser den Pessimismus in der Lyrik Paul Verlaines dagegen Da schwindet jede Motivation, die Welt zu verändern, sondern ma hat sich den Unpässlichkeiten anzupassen.
Also begegnet man der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die an einem Fernsehabend ausreichende Einblicke zu gewähren scheint, ohne belastende Theorie, ohne absichtsvolles Verschweigen, zwar nicht ganz unvoreingenommen, doch in der Stärkung des Urteils, nun über die richtige Erinnerung zu verfügen. Gewiss hatte in diese Überzeugung Arthur Schopenhauer viele Wermutstropfen gegossen, da er in seinen handschriftlichen Notizen anmerkte: „Die eigentliche Gesundheit des Geistes besteht in der vollkommenen Rückerinnerung.“ Da wir daran zweifeln wollen, um uns aus der Klemme nicht zureichender Erinnerung zu lösen, ist uns auch nicht zu helfen. An diesem Punkt beginnt inmitten der Beschäftigung mit Geschichte das gern zitierte „falsche Bewusstsein“. Nun hat dieses seine Beschaffenheit aus einer Antinomie gewonnen, die unsere Intentionalität im Alltagshandeln nicht stören soll, andererseits entpuppt sich die schwache Erinnerung als eine Möglichkeit der Erfahrung.
Das Problem, dem die noch immer als Zeitgeschichte bezeichnete Bewältigung des Totalitarismus in Europa nachhängt, liegt am Umstand, dass die Erinnerung entgegen der Phänomenologie aus Selbstmitleid zur „Selbstgegebenheit des erinnerten Ich“ wird. In dieser „Verarbeitung erleiden die Erinnerungen Restriktionen und produzieren eine zeitgespaltene Subjektivität.
Nun sind diese Ausführungen die Grundlage, weshalb es eine an der Phänomenologie orientierte Geschichtsschreibung gibt. Jürgen Osterhammel hat in der Einführung zu seiner Geschichte des 19. Jahrhunderts die Vorbemerkung getroffen – „Die Verwandlung der Welt“, dass der Historiker jenes Terrain zurückgewinnen sollte, die er an die Sozialwissenschaften verlor. „Für die großen Fragen der historischen Entwicklung wurden jene Soziologen und Politologen zuständig, die sich ein Interesse für die Tiefe der Zeit und die Weite des Raumes bewahrten. Historiker schrecken von ihrem gelernten Habitus her vor kühnen Verallgemeinerungen, griffigen Universalformeln und monokausalen Erklärungen zurück.“ Er mahnt aber dann seine berufliche Kompetenz ein, wenn er charakteristische Dinge oder Merkmale als Erkenntnisleitungen in der Zivilisation diagnostiziert – wie in seiner Darstellung die Entwicklung der Photographie oder der Statistik an Aufmerksamkeit gewannen.
Allerdings beginnt Jürgen Osterhammels Geschichtsschreibung mit Skizzen zu „Gedächtnis und Selbstbeobachtung“. So ist die Voraussetzung für Historiographie eine Erinnerung, an die sich niemand mehr erinnert – da inzwischen verstorben. Also muss die Geschichte mit dem Tod der Schildkröte Harriet 2006 in einem australischen Zoo beginnen, der Charles Darwin 1835 auf Galapagos begegnet war. Der Witz am Beginn einer Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts liegt wohl darin, dass hier der Historiker für sein Fundament Gesellschafts- und Naturontologie zusammenzieht, was wir auch erst jetzt verstehen können, nachdem wir in unseren zivilisatorischen Abstraktionen, und die Soziologie ist die Nutznießerin dieser Reduktionismen, zur Einsicht kamen, dass die Voraussetzung unserer Lebenswelt die Natur bleibt. Wahrscheinlich würde kein Historiker die Lebenswelt phänomenologisch erfassen können, würde es nicht mit dem Anbruch der Modernen im 18. Jahrhundert eine steigende Angleichung der Lebensformen gegeben haben, die auch die bisherigen Kleiderordnungen der städtischen Barock-Gesellschaft auflöst. Martin Bolte machte dieses Faktum zum Ausgangspunkt seiner Darstellung der Vergesellschaftung bei spezifischer Differenzierung innerhalb „sozialer Ungleichheit“.
Nun würde Alfred Schütz sich den Folgen dieser unausgewogenen Beschreibung der Lebenswelt entzogen haben. Für ihn ist die Geschichte ähnlich einem geologischen Aufschluss, der die Sedimentierung zeigt, das Geschiebe des Gerölls, das Ergussgestein und die Ablagerungen der Weltmeere vor Millionen Jahren. Geschichte war bei ihm immer von der zuweilen stärkeren oder schwächeren Intersubjektivität abhängig, also wegen des Totalitarismus von Störungen begleitet, die ein Ich im Anderen nicht erlauben. Also ist in die Lebenswelt jene Störung eingetreten, die unsere Erinnerung, unser Gedächtnis, unsere Arten der Vergewisserung strukturieren, indem diese sich teils mitzuteilen wünscht, sich teils verschweigt.
Nun liegt es in der Absicht in der Weltgeschichte Osterhammels, nichts zu verschweigen. So kommt es zur „Auferstehung“ der Dingwelt, die bislang ihr Eigenleben in der Geschichte des Kunsthandwerks oder der Kunst als Monographien der Kunstgeschichte behalten hatte. Das Vorbild waren bis ins 19. Jahrhundert die Entwürfe zur Kunstgeschichte in „De satua“ und „De pictura“ von Leon Battista Alberti um 1435.
So war der Versuch von Siegfried Kracauer über den Weg einer Biographie Jacques Offenbachs in die frivole Lebewelt von Paris einzudringen, ein neuer Weg. Er integrierte das musikalische Schaffen Offenbachs als ein textiles Motiv in das soziale Gewebe der hybriden soziokulturellen Lage in Paris, also unterstellte der bürgerlichen Gesellschaft einen spezifischen „Kunstgenuss“, der uns in der französischen Romanliteratur auf Schritt und Tritt begegnet. Nun sind diese Werke keine objektiven Erinnerungsstützen mehr, wie sie etwa Jan van Eycks Arnolfini „Hochzeit“ 1434 samt abscheulicher Vorgeschichte gewesen ist, oder keine verhöhnende Gesellschaftskritik wie im Gemälde von Francisco Goya über die spanische königliche Familie um Karl IV. von 1800/01.
In der empirischen Wende der Soziologie nach Paul Lazersfeld war der jeweils gewählte Untersuchungsgegenstand gleichzeitig zum Leitmotiv im empirischen Zugang geworden. Schließlich waren ohne Klärung des Begriffs Krethi und Plethi befragt worden, zugleich hatte man an diese die Hoffnung geknüpft, durch sie den Begriff des Untersuchungsgegenstands eigentlich in erzählten Selbstbeschreibungen klären zu können. So war die anfängliche Forschung zum Wahlverhalten vom politischen System unabhängig, wie auch Bildung Bildung geblieben ist – eine Tautologie. Mit den geläufigen Titeln zur Bildungsgesellschaft oder Industriegesellschaft, zur Risikogesellschaft oder Freizeitgesellschaft hatte man sich grosso modo die wissenssoziologische Begriffsklärung zu Bildung, Industrialisierung, Freizeit und Risiko erspart und dennoch das Forschungsinteresse durchgehalten, ohne dass Bildung in ihrer Qualität oder in ihrer Geistesgegenwart für die Gesellschaft objektiv ermittelt wurde. Also waren Schulabschluss oder zweiter Bildungsweg, Bildungsmodule und Gesamtschule große Themen geworden, die aber nichts über die Bildungsgesellschaft aussagen konnten. Ob nun „Gesellschaft“ für gebildet erscheint, als industrialisiert oder durch Freizeit entlastet, ist von Einschätzungen abhängig, wird aber nie objektiv in der phänomenologischen „Hermeneutik“ rekonstruiert. Man könnte ermitteln, dass das Risiko immer weniger in der bürokratisch organisierten Arbeitswelt zu spüren ist, speziell nach der „elektronische Revolution“, dafür aber in den Freizeitaktivitäten beim Skifahren bis zum Klettersport und zum enormen Leistungs- und Profilierungsdruck führt.
In der Befolgung der Phänomenologie setzt die Prüfung des Untersuchungsgegenstands die „Ausschaltung des Existenzprädikats“ voraus, wie auch ein Konzentrat aus naturalistischer-objektivistischer Implikationen die Ergebnisse zwar plausibler macht, aber verzerrt.. Die Heranziehung von Ergebnissen aus positivistischen Bestimmungen oder Wissenschaften hilft nichts. Mit der Reduktion des Gegenstands in dieser Prüfung wird die Dimension oder die Sphäre der „Wesenheit“ des Gegenstands geklärt und erlaubt die phänomenologische Anschauung.
Wie im Wort „Weltanschauung“ ein Bewusstsein der Weltkontingenz hervortritt und ein Produkt der „Modalisierung dieses Bewusstseins“ ist, so bedarf jeder Begriff vorerst seiner „Wesensschau“, einer Bestimmung seiner „Wesenheit“. Die Schritte dazu hatte Hans Blumenberg in der „Beschreibung des Menschen“ als Lehrstück für Edmund Husserl formuliert: „Was Husserl die Thematisierung der Lebenswelt gelehrt hat, ist die Vorwissenschaftlichkeit, Vorpositivität, Vorlogizität, einer Form von Urdoxa, die noch nicht Thesis ist; ihr Sitz im Leben und auf dessen Grunde ist so etwas wie der „Ernst“ des Lebens selbst, das ihm inhärente Realitätsprinzip.“
Hier behauptet sich der Historiker besser, selbst wenn es ihm an einer Theorie der Geschichte mangelt. Gerade in der Neufassung der Historiographie erlaubt ihm die Dingwelt eine erweiterte Reflexion, die ihm eine „monumentalisch“ entworfene Geschichte nie erlaubt hätte. Im Historismus hätte ein Historiker fürs Leben des Mark Aurel gerade noch die Reiterstatue am Kapitol in Rom gelten lassen, aber er hätte die Christenverfolgung des philosophisch talentierten Kaisers als Teil der Ausübung politischer Vernunft für legitim erachtet. Nun könnte man in einer gewagten Hypothese behaupten, gerade ein Eklektizismus im Denken des Kaisers bewog ihn, intolerant zu sein. Es ist die scheinbar nötige Konsequenz dieser eher atavistisch konstruierten Staatsreligion. Sie zu vollziehen, war die Beibehaltung ihrer mangelhaften Glaubwürdigkeit, die sonst in äußerstem Maß gefährdet gewesen wäre. Mithras-, Kybele- und Isis-Kulte waren unter den Legionssoldaten geübte religiöse Praxis, war zur „lebensweltlichen“ Alternative geworden, die auch vom Christentum genutzt wurde´, was schon zuvor dem Judentum mehr schlecht als recht gelungen war.
So war man zwei, drei Jahrhunderte später in der römischen Staatsdoktrin noch weit davon entfernt, die klassische pietas als politische Klugheit und „Staatsdienst“, als politisch-religiöse Pflichterfüllung in die Form der humanitas zu transformieren..
Nun muss man auch die Motive der Weltgeschichte in ihrer phänomenologischen Bedeutung hervorheben. Ihren Ansatz verdankt sie der allgemeinen Durchsetzung der Kategorie „Universalgeschichte“, die ab der Romantik entworfen wurde, zuerst bei Friedrich Schlegel, Der Entwurf zur Weltgeschichte will die durchs Christentum entstandenen Gegensatzpaare auflösen, zumindest jene Spannung überwinden, die Augustinus in der Dualität von civitas terrena und civitas Dei skizziert hatte. Somit werden die Interpretationsmodelle der Weltgeschichte zu zeigen haben, dass die geschichtliche Weltzeit nicht nur mit Problemen konfrontiert, sondern sie auch löst. Jede Frage wird in der weltgeschichtlichen Beschreibung der geschichtlichen Zeit durch sie selbst beantwortet. Eine eschatologische Interpretation wird ersetzt durch eine prozesshafte Vorstellung vom „Lauf der Welt“. Was sich als Gegensatz zu Husserl darstellt, ist die in der Weltgeschichte vorgelegt Erledigung der dichotom dargestellten Gegensatzpaare „weltlich“ oder „geistlich“, „irdisch“ oder „göttlich“, „profan“ oder „heilig“. Giacomo Marramao hält in seiner „Säkularisierung der westlichen Welt“ fest, dass diese Auflösung Hegel in seiner „Philosophie der Geschichte“ vorgetragen hatte. „Durch dieses „Sich-nach-Außen-Wenden“ der Innerlichkeit, dieses Herausgehen aus dem Gehäuse einer eifersüchtig auf sich bedachten und weltfeindlichen Innerlichkeit kommt es Hegel zufolge zur Aufhebung der mittelalterlichen Entzweiung“. Die Engführungen in den alten Bänden zur Weltgeschichte konzipieren erstmals eine Wirklichkeit, die nicht mehr eine von Natur aus vorhandene Wirklichkeit meint, sondern eine nur geschichtlich-politische Wirklichkeit, in der die Forderung nach Verwirklichungen immer lauter wird.
Dass in weiterer Folge im Interpretationsrahmen von Weltgeschichte das Thema der Spätantike wiederholt wird, verwundert nicht, denn es ist grundsätzlich jeder Weltgeschichte inhärent, nämlich einen Zusammenhang zwischen Gnosis und Moderne anzunehmen. Bei Eric Voegelin lag es auf der Hand, dass die Moderne der jüngste Fall von Gnosis ist, womit ihm das Thema für „Order and History“ vorgegeben war. Während also Hans Blumenberg überzeugt war, dass mit der Modernen der Gnosis der Garaus gemacht wurde, sieht sie Voegelin auf ihrem Siegeslauf in der Modernen. Bei Voegelin kehrt die Gnosís in die Gegenwart des Menschen zurück, nicht nur in dessen Selbsterlösungs-Phantasiewn, sondern auch in der existenziellen „Introjektion“, womit der Sinn der Existenz „immantisiert“ werden soll.
Ohne nun diesen Streit weiter zu verfolgen, der gewiss eine geistesgeschichtliche wie wissenssoziologische Brisanz aufweist, ist den Arbeiten in den Wissenschaften der Effekt der Historisierung anzumerken. Inzwischen ist aus Thomas S. Kuhns „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ sehr gut zu entnehmen, dass mit der Nachzeichnung einer Geschichte von „Einzelwissenschaften“, speziell in der Historisierung von Naturwissenschaften nicht nur ein Krisenphänomen zu erkennen ist, eine Erschöpfung der Fragestellungen, sondern in der Phase der Historisierung beginnt auch ein Prozess der Selbstvergewisserung, von dem man erhofft, neue Fragen entwickeln zu können.
Und in der Arbeit von Jürgen Osterhammel ist die „Verwandlung der Welt“ nicht einfach durch Geschichte gegeben, die da oder dort etwas anders als vermutet verlief, sondern auch durch die Einbeziehung neuer Phänomene, die ziemlich überraschend „geschichtsmächtig und –trächtig“ werden.
Mit dieser Beobachtung kehrt man der traditionellen Geschichtsschreibung den Rücken. Zwar wird sie es weiterhin geben, in den Varianten der Orts- und Landesgeschichten, doch ein nach phänomenologischer Ausbildung neugieriger wie wissbegieriger Historiker wird relativ schnell feststellen, dass für die Menschheit in der Industrialisierung ein neues Kapitel begann. Und das sind nicht die Schornsteine, neue kleine Industrielandschaften, die in „Wilhelm Meister“ von Goethe geschildert werden, nicht nur die Erwähnung von Auswanderern nach „Amerika“, sondern unser „Wahrnehmungsapparat“ bekommt Neues zu sehen, muss auch anders sehen lernen und bekommt erstmals Dinge zu Gesicht, die er mit nichts davor vergleichen kann.
Das gegenwärtig Geläufige hat weder eine Herkunft, noch eine prognostizierbare Zukunft. Wolfgang Schivelbusch hat den Scharfblick in der „Geschichte des Eisenbahnreisens“ besessen, dass die Beschleunigung des Reisens ab 1800 die Geschwindigkeit eines Pferdes erstmals in der Menschheitsgeschichte bei weitem hinter sich lässt. Dem Reisenden selbst widerfährt eine Veränderung der Wahrnehmung von Zeit und Raum, wie auch das Sehen selbst im Waggon den neuen „panoramatischen“ Blick entwickelt. Das Nahe kann während der Fahrt nicht mehr wahr- und aufgenommen werden, daher muss der Blick in die Ferne trainiert werden. Die Abfahrts- und Ankunftsorte rücken zusammen, verringern die räumliche Distanz in flüchtige „Größenordnungen“ und gleichzeitig wird die bisher unterschiedliche Zeitwahrnehmung standardisiert. 1885 kommt es wegen der Abfahrtszeiten und Reisegeschwindigkeit zur übereinstimmenden Zeitmessung von Cornwall bis Schottland. Es ist eine denaturalisierte, non-astronomische Zeit, denn sie achtet weder auf Sonnenaufgang und –untergang, noch auf Tag oder Nacht. Beispielsweise will die Stahl- und Glasbauweise des Chrystal-Palace, erbaut 1851in London, den Einfall natürlichen Lichts in die Innenräume maximieren, Schivelbusch beschreibt in seiner Synopse, wie der neue Entwurf hybrider Wirklichkeit die gesamte Lebenswelt des Menschen verändert und die dauerhafte Kontinuität der Lebenszeit, die bislang die Geschichte ohne Bruch und Widerspruch zu beschreiben vermochte, verloren ging. „Die gleichmäßige Helle, das Fehlen der Licht-Schatten-Kontrasten desorientiert die eben an diese Kontraste gewöhnte Wahrnehmung so wie die neuartige Geschwindigkeit der Eisenbahn das überlieferte Raumbewusstsein irritiert. Die Bewegung der Eisenbahn, schnurgerader und gleichförmig, wird als abstrakte reine Bewegung erfahren, losgelöst vom Raum, durch den sie hindurchgeht.“
Der spätere Baudirektor der Berliner Bauakademie, Richard Lucae, charakterisierte 1869 in der „Zeitschrift für Bauwesen“ die Transformation der Erlebniswelt am Beispiel des Crystal Palace, dass es in diesem Industriepalast, „kein eigentliches Innen und Außen gibt. Wir sind von der Natur getrennt, aber wir fühlen es kaum. Die Schranke, die sich zwischen uns und der Landschaft gestellt hat, ist eine fast wesenlose…..Wir sind in einem Stück herausgeschnittener Atmosphäre.“.
Den Reisenden alten Typs hat Walter Benjamin in den beiden Essays zu „Charles Baudelaire“ 1940/41 aus seiner Erinnerung oder in seiner Vorstellungskraft aufleben lassen, die ein Flaneur in der Gemütlichkeit von Paris noch genießen konnte, sich also in einer freundlichen Stadt aufhielt, wie sie in den kolorierten Stahlstichen vor der stadtplanerischen Modernisierung durch Haussmann zu besichtigen ist. „Noch gab es Fähren, die dort wo später Brücken sich befanden, die Seine querten. Noch konnte….. ein Unternehmer auf den Gedanken gekommen, zur Bequemlichkeit bemittelter Einwohner 500 Sänften zirkulieren zu lassen. Noch waren die Passagen beliebt, in denen der Flaneur dem Anblick des Fuhrwerks enthoben war….“ Ein Bonmot von Karl Kraus schlug in die gleiche Kerbe und kleidete die Nostalgie der alten „Städtebilder“ in bittere Ironie: „Wien wird zur Weltstadt demoliert….“
Nun steht die Historiographie schon einige Zeit vor dem Problem, dass nicht mehr Akten, gedruckte Materialien, handschriftliche Notizen oder Protokolle ihrer Zeit ein Zeugnis ausstellen, denn im Sinne der „Verflüchtigung“ sind seit Jahrzehnten auch die Archivbestände einer vergleichbaren „Entmaterialisierung“ unterworfen. Das „Film- und Schallarchiv“ steht den alten Staatsarchiven ebenbürtig gegenüber. Obendrein besitzt die filmische Wiedergabe von Ereignissen eine Aufdringlichkeit, die jedem schriftlichen Zeugnis die Authentizität raubt. Und die Rezipienten sind über ihre elektronischen Geräte bestens „sozialisiert“ worden, sodass sie eher Ton- und Bilddokumenten Glauben schenken als einem schwer leserlichen Akt. Jeder Vorrat an schriftlichen Unterlagen, diese Vielzahl an Akten, geordnet nach Kriterien der Chronologie und des Gegenstandes bieten zwar den ähnlichen Einblick in die Vergangenheit wie Ausgrabungen, alte Stadtanlagen oder geheimnisumwitterte Burgen. Die Rekonstruktion erlaubt, erprobten Deutungsmustern zu folgen, aber das enthebt den Historiker nicht der Aufgabe, sich darüber zu vergewissern, über welche Information er zusätzlich verfügen kann, um sie seinem Befund hinzuzufügen.
Der Historiker steht seit mehr als hundert Jahren vor dem Problem, nicht nur den Wandel zur industriellen und post-industriellen Gesellschaft in die Geschichtsschreibung einzuarbeiten, sondern auch über die damit veränderten Bewusstseinslagen der Menschen zu reflektieren. So stößt man in den Überlegungen Walter Benjamins zu Baudelaire auf ein Zitat, das den Einfluss der Modernisierung auf die Individuen beschreibt und von Georg Simmel in dessen „Soziologie“ 1908 hervorragend erfasst und beschrieben wurde: „Im allgemeinen wird das, was wir vom Menschen sehen, durch das interpretiert, was wir von ihm hören, während das Umgekehrte viel seltener ist. Deshalb ist der, der sieht, ohne zu hören, sehr viel verworrener, ratloser, beunruhigter, als der, der hört, ohne zu sehen. Hierin muss ein für die Soziologie der Großstadt bedeutsames Moment liegen. Der Verkehr in ihr, verglichen mit dem in der Kleinstadt, zeigt ein unermessliches Übergewicht des Sehens über das Hören Anderer; und zwar nicht nur, weil die Begegnungen auf der Straße in der kleinen Stadt eine relativ große Quote von Bekannten betreffen, mit denen man ein Wort wechselt oder deren Anblick uns die ganze, nicht nur die sichtbare Persönlichkeit reproduziert – sondern vor allem durch die öffentlichen Beförderungsmittel. Vor der Ausbildung der Omnibusse, Eisenbahnen und Straßenbahnen im 19, Jahrhundert waren die Menschen überhaupt nicht in der Lage, sich minuten- bis stundenlang gegenseitig anblicken zu können oder zu müssen, ohne miteinander zu sprechen. Der moderne Verkehr gibt, was den weit überwiegenden Teil aller sinnlichen Relationen zwischen Mensch und Mensch betrifft, diese in noch immer wachsendem Maße dem bloßen Gesichtssinne anheim und muss damit die generellen soziologischen Gerfühle auf ganz veränderte Voraussetzungen stellen.“
Natürlich fehlen bei Georg Simmel noch die Merkmale phänomenologischer Soziologie, also eine systematische Reflexion zur Konstitution sozialer Wirklichkeit, wie es Alfred Schütz im „sinnhaften Aufbau sozialer Welt“ entworfen hat, aber seine Frage, wie soziale Formen entstehen, wie die Vergesellschaftung wirksam wird, wie Sinnzusammenhänge zu ermitteln sind, ist er der phänomenologischen Schule der Soziologie zwischen Schütz und Peter Berger sehr nahe.
Die Historiographie hat mit Wolfgang Schivelbusch, Jürgen Osterhammel und Karl Schlögel diese Anregungen aufgenommen. Es sind neue Einsichten und Anschauungen der Lebenswelt, die wegen der gewaltigen Wandlungsphänomene an allen Ecken und Enden reflektiert werden müssen. Zwar gibt es keinen hinreichenden Hinweis auf die systematische „ethno-soziologische Arbeit“ von Frederic Le Play, der immerhin der erste war, der sozialstatistisch und ethnographisch bis Südrussland reiste, um alle jene Bestände der Haushalte zusammenzutragen, denen er die summarische Bezeichnung eines „sozialen Inventars“ gab. Somit hat auch dort die Betrachtung der Welt begonnen. Wenig später war sie bei vielen Schriftstellern das Thema geworden. Die umfangreichen Reflexionen waren das Ergebnis der Beschreibung der allgemeinen Krisenjahre nach 1918. Daher war dieser zerbrechlichen Nachkriegsordnung kein Erfolg beschieden. Konrad Heiden hatte noch 1932 auf Grund seiner minutiösen Recherchen eine „Geschichte des Nationalsozialismus“ verfasst und hatte sie im Rowohlt-Verlag noch drucken können. Es waren durchaus präzise Erhebungen, die einerseits früh den Willen zur Macht dokumentierten, andererseits war der Autor zum Zeitpiunkt der Publikation von Zweifeln geplagt, welcher Weg überhaupt zur Stabilisierung der Lage eingeschlagen werden kann?
Trotz der „Betrachtungen eines Unpolitischen“ konnte Thomas Mann 1918 das Entsetzen bei seinen Freunden über seine anfängliche Kriegsbegeisterung nicht ganz zerstreuen. Der politische Pessimismus war dann in späteren Publikationen gewachsen, sowohl in der der Darstellung vom „Hilflosen Europa oder die Reise vom Hundertsten ins Tausendste“ von Robert Musil 1922 und Egon Friedells „Reise mit der Zeitmaschine“ um 1925. Als Mitteilung an eine Nachwelt verstanden sowohl Heinrich Mann seine Erinnerungen in „Ein Zeitalter wird besichtigt“ um 1943/44 und Stefan Zweig schloss unmittelbar vor dem Selbstmord die „Welt von Gestern“ 1939/40 ab. Es waren von Sorgen und Existenzangst diktierte Arbeiten, die trotz ihrer Authentizität von der Zeitgeschichte nur selten wahrgenommen wurden oder gar als historische Quelle gelten! Obzwar hier nicht jene Methodik einer phänomenologischen Analyse zu finden ist, so dient diese Gegenüberstellung zur Historiographie dem Vergleich, ob nicht bei jenen Historikern die wissenschaftliche Kompetenz zurückgewonnen werden konnte, die in der alternativen Darstellung das „Zeitdrama“ etwa in der historischen Lebenswelt des Totalitarismus akurat erfassen konnten und damit die Form traditioneller Historiographie überrundeten. Zum Vergleich kann man nur auf das Sammelwerk verweisen, das mit anspruchsvollem Titel das Ausmaß der Zerstörung „alter Welt“ 1993 dokumentieren wollte: „Weltbürgerkrieg der Ideologien, Antworten an Ernst Nolte“
Nun benötigt man beim ersten Augenschein keine besondere Kenntnis der phänomenologischen Methode, um deren Einfluss und Wirkung in den neuen historischen Analysen zu entdecken. Wenn Osterhammel die Geschichte des 19. Jahrhunderts damit eröffnet, dass sich General Ulysses Grant gewundert hatte, beim Verlassen des Bahnhofs in Boston erkannt worden zu sein, so weist das auf die sensationelle Neuheit hin, dass dessen Photo in einer Tageszeitung zu sehen war. Es ist mit der Beobachtung vergleichbar, die Karl Schlögel im „sowjetischen Jahrhundert“ wiedergibt, dass etwa Packpapier 1921 in Russland eine besondere Bedeutung erhielt. Oder Wolfgang Schivelbusch berichtet aus Zeitschriften der Medizin aus den Jahren um 1860, dass Eisenbahnfahren die Kommunikation einschränkt, da die Menschen in Abteile getrennt werden und jeder für sich in einem Buch oder die Zeitung liest. So hat das Reisen mit der Eisenbahn eine negative Wirkung auf die Gesprächsbereitschaft der Passagiere ausgeübt, während das Fahren in der Postkutsche die Unterhaltung förderte, da die Insassen sich schnell damit abfanden, einige Zeit miteinander verbringen zu müssen.
Diese Berichte kann man beliebig fortsetzen. Nun ist „das Phänomenologische“ nicht in diesem Umstand anzutreffen, sondern eher in der Einbeziehung der „Dingwelt“ in die Struktur der Historiographie, die sich –vielleicht auch unter dem Einfluss neuer Medien – gezwungen sieht, besser der Dimension des Wirklichen zu entsprechen. Es ist auch die Bedeutung der Dingwelt mit Hilfe eines psychoanalytischen Ansatzes zu begründen: Wenn Max Picard in einer der ersten Studien seine Beobachtungen in „Hitler in uns selbst“ 1946 damit interpretiert, dass über das Radio die suggestive Kraft akustisch nahe gebracht wurde, zahllose Hörer „massenweise“ den Inhalt des Gebrülls rezipierten und dann auch „internalisierten“, war eine „Kolonisation“ des Bewusstseins eingetreten, das unter der Begünstigung prekärer Lebensumstände zur Akzeptanz der Inhalte und dann zum „Mitmachen“ angeregt hatte.
Konfrontieren wir diese Beobachtung Picard´s mit dem allgemein phänomenologisch formulierten Satz bei Alfred Schütz, für den Menschen, „der in der intersubjektiven Welt des Alltags handelt, beruht jede Auslegung dieser Welt auf einem Vorrat früherer Erfahrungen….die Form des zuhandenen Wissens dienen als Bezugsschema.“ Sie bilden einen Wissensvorrat, meinte Schütz. Und es gilt weiters: „Ein pragmatisches Motiv beherrscht unsere natürlicher Einstellung zur Alltagswelt. Welt in diesem Sinne ist etwas, das wir durch unser Handeln modifizieren müssen oder das unser Handeln modifiziert.“
In der Anwendung der Darstellung durch Alfred Schütz zeigt sich erstmals die Rolle eines Mediums, Radio, bei den neuen Hörgewohnheiten, die so neu sind wie das Sehen aus dem Fenster des Eisenbahnwaggons. Damit wird in sehr einseitiger Weise das Handeln nach dem Zuhören einer Hitlerrede modifiziert, imaginiert eine Welt, die so aussieht, als würde sie künftig alle prekären Daseinszwänge beseitigen können. Und Alfred Schütz versäumt nicht darauf hinzuweisen, dass die Rezipienten „im Alltagsleben von einer „zuschauerorientierten Auffassung der Erkenntnis beherrscht sind“, der Mensch also eine „unengagierte theoretische Orientierung vornimmt, die nicht der ursprüngliche Standpunkt des Menschen in seinem Alltagsleben “ ist.
Die vielleicht als umständlich empfundene Erklärung, die für die weitere Wirkung der Beobachtung durch Max Picard nötig wird, hatte die Historiker bewogen, die Dingwelt in diesen Wahrnehmungsprozess einzubeziehen, da sie objektiv, allgemein verstanden und wirklich ist. Da ist eben das Photo die Voraussetzung für die „gesamte“ Dimension der Identifikation eines erfolgreichen Generals, die ab nun für eine demokratische Gesellschaftsordnung eine besondere Rolle fürs Wahlverhalten spielt, oder da ist eben das Radio in seiner persuasiven Wirkung zum Teil der Alltagswelt geworden. Schütz schließt daraus, im 3. Kapitel von „Praxis und Handeln“, dass die „Interaktion mit der Welt bedingt (wird) von der Art und Weise in der er handelt und be-handelt wird.“
Die Historiker beginnen, dieser Einsicht zu folgen. Die Dinge in der Wirklichkeit sind die Faktoren der Lebenswelt, die ab den Prozessen von Industrialisierung und Demokratisierung sich immer stärker in den Vordergrund schieben. Da ist die alte Sozialgeschichte, die vornehmlich Muster der Sozialisationen beschrieb, nicht mehr so aussagekräftig, wie es gleichzeitig die oft abschätzig beurteilte Geschichte der Ideen war. Die Geschichtsschreibung musste jene Bezugspunkte ernst nehmen, die der Anlass jeder Sozialwissenschaft waren. Letztlich reichte auch das nicht mehr aus und in der Sorge über die Unmöglichkeit, die Vielfalt neuer Lebenswelt zu beschreiben, war die Phänomenologie die Methode geworden, die charakteristischen Konfigurationen teils in Typisierungen, teils in Relevanzen darzustellen. In einer Replik auf diesen Vorschlag, welche Strategie die Dimension der Alltagswelt zur Sprache bringt, antwortete Richard J. Bernstein in The Reconstructing of Social and Politic Theory“ 1976: „Würden wir den Wissensvorrat eines Menschen zu einem gegebenen Zeitpunkt , so würden wir entdecken, wie seine Typisierungen durch ein System von Relevanzen organisiert sind. Und so, wie sich seine Situation ändert, ändert sich auch dieses System von Relevanzen.“
Wahrscheinlich kann die Phänomenologie der doppelten Aufgabe der Geschichtsschreibung unter die Arme greifen, sollte sie aus dem Entwurf der „Kunstgeschichtlichen Grundbegriffe“ aus 1915 von Heinrich Wölfflin folgen, wenn über die Malerei ausgesagt wird, entweder das Sichtbare darzustellen oder etwas sichtbar zu machen.