Gedanken Reinhold Knolls

Vom Ende einer Kreuzfahrt

A (sehr dick): Hunger, elender Hunger…

B: Jetzt etwas essen, wäre nicht schlecht…

C: Es gibt nichts.

A: Bei der Buchung war mir versprochen worden: Selbst beim Untergang des Schiffes, was nicht der Fall sein kann, ist für Monate vorgesorgt. Niemand verhungert. Und jetzt…?

C: Beim Schiffbruch hatte ich noch Konserven gesehen. Für das feine Schiff ein Überraschung: Bedenken Sie, Konserven für Captains Dinner. Möchte nicht wissen, was wir da zum Essen bekamen.

A: Leider schwimmen Konserven nicht.

B (gereizt): Ich will jetzt essen!

C: Wem sagen Sie das.

A: Jetzt, auf der Stelle – aber was? Die Küche unter Wasser.

C: Alles Essbare schwimmt unter uns

B: (schwärmt) Kabeljau, Scholle, Thunfisch, Lachs

A: Unerreichbar. Roher Fisch. Sushi. Und der Koch ist ertrunken.

B: Können Sie fischen?

A: Ich? Nein. Ich kann aber essen.

C: In dem Wrack ist nichts. Also was essen wir? Es gibt noch den Speisesaal.

B: Der steht so schief, dass die Teller vom Tisch rutschen.

A: In der Not verzichte ich auf den Tisch, auf Tischtuch und Serviette.

B: Bei Fisch bitte keine Messer.

C: Und Weißwein natürlich.

A: Wenn es nichts gibt, müssen wir uns umschauen, wie wir den Hunger stillen.

B: Sehen Sie wen?

A: Ja!

C: Ich sehe niemanden…(stockt)…oder doch?

A: Ich muss schon sagen, Ihnen mangelt es an Phantasie und Erziehung.

B: Was soll jetzt Phantasie? Mir knurrt der Magen.

C: Ich Idiot habe vorgestern das Dessert noch abgelehnt!

A: Zur Sache! Sie sollen sich keine Mahlzeit einbilden. Wären Sie halbwegs gut erzogen, gibt es jetzt keine Alternative.

C: Ich sehe nichts, wofür es eine Alternative geben könne…

A: Sie sind ein Idiot. Im Internat lernt man zu teilen, sich aufzuopfern ohne an Stil zu verlieren. Das ist eben Freundschaft!

B: Ich war in keinem Internat.

A: Ich merke es.

C: Was meinten Sie, wenn Sie sagten, Sie sehen jemanden..?

A: Also ich erwartete, dass einer von Ihnen sagt: Bitte, hier bin ich, ich stelle mich zur Verfügung. Ich gehorche dem Kameradschaftsgeist. Das habe ich von Ihnen erwartet. Ich stelle zu meiner Enttäuschung fest, selbst die teuerste Kreuzfahrt ist noch lang keine Garantie für gutes Benehmen.

B: Sie einen eine Regel, die bei Schiffsuntergang den Kapitän trifft?

A: Ja, in diesem Sinn.

B: Für wen halten Sie uns? Sie stellen sich also vor, einer von uns sagt zuvorkommend und selbstlos: Bitte essen Sie mich. Warum sagen Sie es nicht, wenn Sie schon im Internat waren, vielleicht im Theresianum? Sie wissen sich ja zu benehmen?

C: Richtig. Sie sind dick, Sie im Magen, da kämen wir leicht aus, bis uns ein Rettungsschiff entdeckt.

A: Aha. Ihr Lumpenpack, das sind Eure Gedanken. Sie wollen mich essen. Sie haben nicht die geringste Ahnung, wie wichtig ich bin. Als Egoisten riskieren Sie, sollten Sie mich essen, dass ein paar Tausend verarmen und verhungern.

B: Diese Tausend sind nicht auf diesem Wrack, leben irgendwo am Festland und erhalten Unterstützungen aller Art. Niemanden verhungert, wenn wir Sie essen.

C: Haben Sie für Ihre Zubereitung einen speziellen Wunsch? Etwa wie Schweinskopf in Aspik?

A: Ihre Geschmacklosigkeiten können Sie sich sparen. Also was schlagen Sie vor?

B: Ich bin für ein Ausleseverfahren. Der Untüchtigste wird verspeist.

C: Wie wollen Sie das ermitteln?

B: Ganz einfach. Wir schwimmen um das Wrack, der letzte wird gegessen.

A: Sie bevorzugen als Kriterium der Selektion die körperliche Eignung. Sind Sie ein Nazi?

B: Ja, mit Geld werden Sie jetzt nicht weit kommen.

C: Und niemand, der für Sie schwimmen wird. Pech.

A: Warum beherzigen wir nicht den Kommunismus?

B: Wie soll das gehen?

C: Das geht nur, wenn wir Sie brüderlich teilen.

A: Blödheit! Jeder trägt was bei. Wir schneiden uns ein Bein ab und genießen das Bein des je anderen. Es ist wie ein Schinkenbein. Bei Ihnen kommen wir weniger auf unsere Rechnung…(zeigt auf C)

B: Sie müssen zugeben, dass der Kommunismus zur sozialen Gerechtigkeit führt.

C: Ja, Kommunismus ist die Lösung.

A: Und wie sind Sie als Kommunisten zu dieser teuren Reise gekommen?

B: Das ist jetzt kein Thema. Beim Essen können wir über Marx reden.

C: Wenn mein Bein zu mager ist, warum soll ich es opfern, wenn es Ihnen eh nichts bringt?

A: Der Entschluss steht fest. Es gibt keine Ausnahme. Es ist ein demokratisches Prinzip.

C: Dann wählen wir, wessen Bein zuerst abgetrennt wird.

B: Da sind Sie privilegiert, an Ihnen ist ja nichts dran und im Grunde entscheiden Sie wegen Ihrer Magerkeit über unser Bein.

C: Das ist die Regel in der Demokratie.

A: Meine Herren, ich habe Hunger. Sollten Sie mich auswählen, das unterstelle ich Ihnen, sage ich Ihnen schon jetzt, mein Oberschenkel ist zäh, flachsig und weitestgehend schlecht verdaulich. Freude werden Sie an meinem Bein keine haben…

C: Eine typische Ausrede. Unappetitlich fett zur Kompensation fürs unternehmerische Risiko.

B: Ich will es wissen, wie sein Bein schmeckt.

A: Sind Sie so sicher, dass der Magere Sie unterstützt? Die Mageren liebäugeln immer mit den Fetten. Das Proletariat kann Ihr Pech sein.

C: Sie haben recht. Die Selbstsicherheit dieses Tüchtigen und Angepassten geht mir auf die Nerven. Wir essen sein Bein.

B: Halt! Wir verletzen soeben ein Prinzip des Rechtsstaats. Da hat jeder sein Recht auf seinen Körper. Sie können nicht wegen fragwürdiger Mehrheit über meinen Oberschenkel verfügen! Zumindest müsste ich zustimmen! Und ich stimme nicht zu.

A: Also wenn wir uns entschieden, wessen Bein gegessen wird, bekommen Sie nichts. Sie können mit Ihrem Recht verhungern. Und es wird uns ein Vergnügen sein, dabei zuzusehen.

C: Eigentlich geben Sie aber mehr her. Pfeif auf Recht, Rechtsstaat, ich habe Hunger. Da wir nicht wissen, wann wir gerettet werden, garantiert Ihr dicker Beinschinken das beste Durchhalten.

B: Ich höre etwas. Seien Sie endlich still! Ich höre etwas.

C: Ich auch.

(Man hört leise Hilferufe.)

A:Da schwimmt wer auf uns zu. Retten wir ihn.

B: Ja. Ein Seil.

C: Werfen Sie es ihm zu.

A: Er sieht ganz gut aus. Den nehmen wir.

B: Gute Idee.

C: Zuerst müssen wir ihn retten.

(Der Schwimmer wird ins Wrack gezogen.)

D: Danke. Ich hatte mit meinem Leben schon abgeschlossen.

A: Dann bleiben Sie dabei!

(Alle drei machen eindeutige Handbewegungen. Sie erschlagen den Geretteten.)

B: Auf seinem Floß war doch eine Kiste.

C: Ja. Wo  ist Sie?

A: Schauen wir, was uns die Kiste bietet.

(Sie brechen die Kiste auf. In ihr befinden sich Konserven: Kalbfleisch mit Erbsen.)