Die Geburt der Gesellschaft aus dem Geist der Medien…
- Die Rekonstruktion des Begriffs von der Gesellschaft
Das Thema hätte noch vor wenigen Jahren Verwunderung erregt, ja es wäre als gänzlich unglaubwürdig sogar heftig abgelehnt worden. In aller Augen war es die übereinstimmende Überzeugung, dass die Gesellschaft eine nahezu endlose Kraft der Erneuerung besitzt. Letztlich war es seit dem 18. Jahrhundert geläufig, dass trotz des Zwischenspiels von Neoabsolutismus nach 1848, dass trotz der scheinbaren Haltbarkeit der Diktaturen im 20. Jahrhundert, letztlich der gesellschaftliche Wandel den Fortgang der Geschichte bestimmt. Es waren Kriterien einer Gesellschaftspolitik ermittelt worden, die sich genau der geschichtsmächtigen Faktoren besannen, die allesamt zum Bestand der Gesellschaft zählten. In der Reihenfolge der Einteilung nach Durkheim waren es in der soziologischen Betrachtung Solidaritäten, die sich entweder traditionell ausbildeten, wie Familien, Gemeinschaften, Institutionen, oder aber jene organischen Solidaritäten, die sich aus den Veränderungen der Arbeits- und Wirtschaftsprozesse ergaben. Daran war die Entwicklung der Arbeitsteiligkeit maßgebend beteiligt, die direkt und indirekt teils die Industrialisierung gefördert hatte, teils mit der Industrialisierung alle industriell-ökonomischen Tätigkeiten zu dominieren begannen. Und es waren Faktoren ermittelt worden, die schließlich Max Weber in der Gegenüberstellung seiner Handlungstheorie und der Herrschaftssoziologie als gesellschaftliche Triebkräfte ermittelt hatte. Alle diese Ermittlungen waren im Rahmen der Sozialwissenschaften außerordentlich erfolgreich, so dass man fast zur Meinung kommen sollte, die Gesellschaft sei endlich eine Kreation der Soziologie geworden. Dass dies nicht durchgängig geglaubt werden konnte, war einfach dadurch denkbar geblieben, dass es nun noch immer Kräfte gab, die sich aus der Logik der Geschichte als Realität durchhalten konnten, also die Vielzahl der gesellschaftlichen Konflikte, von denen die Soziologen behaupteten, sie seien das Ergebnis sozialer Ungleichheit. Freilich gab es noch stärkere Motive, die sich in den Kriegen äußerten, die immer umfangreicher wurden, immer mehr Teilnehmer wurden auf die Kriegsschauplätze gezwungen, so dass man auch darin eine gesellschaftliche Kraft vermuten durfte, zumindest waren Mentalitäten ausgebildet worden, die eine Fortsetzung der Aggressionen immer wieder provozierten. Über hundertfünfzig Jahre gab es die deutsch-französischen Animositäten, ja im Mittelalter gab es den hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich und im 17. Jahrhundert war der erste gesamt-europäische Krieg über dreißig Jahre bis 1648. Im Grunde stand diesen Konfliktszenarien als gesellschaftsbildende Faktoren immer weniger die Konfessionen kritisch gegenüber, sondern weit erfolgreicher die Wissenschaften, die nun selbst wieder eine gesellschaftsbildende Kraft werden konnten, sei es als Aufklärung, sei es als Szientismus. Spätestens mit der Französischen Revolution war klar geworden, dass die bisherigen sozialen Strukturen, die allesamt feudale Merkmale besaßen, also auf die Legitimation durch Traditionalismus aufgebaut waren, nicht haltbar blieben. Wie auch immer die Selektionen beschaffen waren, die politisch bestimmenden Kräfte bezeichneten sich als Volk, holten sich über dieses Pluralitandum ihre Bestätigung für politisches Handeln und knüpften es durch ein immer öfter geläutertes Wahlrecht, das als Kurienwahlrecht nach Einkommen begann, um dann als allgemeines, geheimes Wahlrecht am Beginn des 20. Jahrhundert etabliert zu werden. Und heute stehen wir vor der Tatsache, dass immer mehr Menschen einer Wahl als Entscheidungsfindungsprozess mehr als nur skeptisch gegenüberstehen. Wir sahen diese kräftigen Lebenszeichen der Gesellschaft, wobei die Unterscheidbarkeit von Gesellschaft und Volk immer schwieriger wurde. Nach den vielfachen Missbräuchen in den Diktaturen war der politische Begriff „Volk“ buchstäblich aus der Mode gekommen. Es ist nur mehr in den Verfassungen als Relikt erhalten geblieben. Heute ist Volk in den Verfassungen wie ein Mysticum erwähnt, wie ein Heiligtum, das man kaum mehr zu definieren vermag. Volk ist wie ein politisches Sakrament, das aber niemand mehr definieren kann. In den Gründungen der demokratischen Republiken war damals stets das Volk vorangestellt worden – eben mit der Formel: das Recht geht vom Volk aus, – aber natürlich unter der Bedingung sozialer wie ethischer Homogenität, wie Talcott Parsons immer zu betonen wusste. Das entsprach zwar der Kampfansage gegen Nationalismus als Relikt des 19. Jahrhunderts, doch man hatte es nicht wirklich durchgehalten. Der Bestand der Staaten nach 1918 verdankt sich dieser Homogenität, die Parsons als Voraussetzung sozialer und politischer Stabilität betrachtete. Man könnte sagen, wenn es nicht der Nationalsozialismus desavouiert hätte, dass diese Republiken zuerst in Europa ihre Existenz nach 1918 der Uniformität von Ethnizität, Sprache und gemeinsamer Geschichte verdanken. Das meinte auch immer Talcott Parsons, der Gesellschaft als deren Produkt bezeichnet hatte. Da haben wir bereits einen Punkt, der den USA als erste verloren ging, auch wenn es ernste Bemühungen zur sozialen Integration des schwarzen Bevölkerungsanteils gab. Und Stück für Stück wandelten sich auch die westeuropäischen Staaten nach der Umkehr des Kolonialismus und mussten den Wanderungsbewegungen mit Angeboten der Integration entgegenkommen. Es ist dort auch das erste Merkmal zu erblicken, wie man die Neuzugänge zu unseren Gesellschaften zu integrieren wünscht, ein Beispiel sind immer öfter TV-Moderatoren mit einen Migrationshintergrund. Im deutschen Fernsehen ist es bereits ein gewohntes Bild, den Hegelschen Morgensegen, also die Nachrichten zu sehen, die von Personen mit türkischem Migrationshintergrund vorgetragen werden. Das ist eine völlig normale Entwicklung, aber diese Homogenität ist nicht mehr vorhanden, die die Geburt der Republiken noch begünstigt haben. Man wird also im Rahmen der Vorlesung die Hypothese zu betrachten haben, ob damit diese bisherigen Annahmen über Gesellschaft noch die Gültigkeit behielten. Will man eine Geschichte bösartig interpretieren, so will sie den Fortschritt über Kriege erzielt haben, wie es schon Heraklit diagnostiziert hatte. Es ist unleugbar ein Faktor, der sich durch die gesamte Geschichte zieht und wie ein Fluch auf allen Gesellschaften lastet.
- Wer macht Gesellschaft?
Wir werden uns freilich nicht mit diesen Konstanten der Geschichte befassen, wo wir doch die Konfliktfälle seit 1945 tunlichst immer ausblenden, klein schreiben und sie als lokale Auseinandersetzungen bewerten. Viel wichtiger ist es, sich wieder der These zu erinnern, die am Beginn geäußert wurde. Man könnte das auf die Frage zuspitzen, wer eigentlich die Gesellschaft macht? In der uns geläufigen Geschichte war eine frühe Gesellschaft durch einen Bund gestiftet worden, den Moses am Berg Sinai geschlossen hat. Es war das Gründungsdokument für eine politische Theologie. Über eine göttliche Verfügung war ein Bundesverhältnis geschlossen worden, das Israel zum Zeugen Gottes machte. Sie werden den Folgen misstrauen, nicht allein wegen der zeitlichen Distanz, die jede Quelle in Zweifel zieht, sondern weil sie das als Religionsstiftung interpretieren, was aber bei den Angehörigen des Bundes bis heute keine Zustimmung finden kann. Wir kennen ein anderes Bundesverhältnis, das ebenfalls als Mythos in die Geschichte einging. Es ist der Rütli-Schwur, der die Eidgenossenschaft der Schweiz begründete. Er wurde von den Vertretern von Schwyz, Uri und Unterwalden geleistet und Schiller hat im Wilhelm Tell die dazugehörige heilige Legende erzählt. Der historische Hintergrund war der Bundesbrief von 1291, der im 19. Jahrhundert als Gründungsurkunde der Schweiz verehrt wird und der Historiker Ägidius Tschudi gab als Gründungsdatum 1307 an. Immerhin hatte diese Eidgenossenschaft in mühevollen Kleinkriegen ab Napoleon sich aus jeder Krise in Europa herausgehalten und nachgewiesen, in dieser Sonderform gut gelebt zu haben. Immerhin waren die Gründungsdokumente der USA von vergleichbarer Bedeutung und hatten in der Konföderation den Aufstieg zur Weltmacht zielstrebig verfolgt, um diese zum Schluss des Ersten Weltkriegs erstmals auch als neue poltische Rolle auszuüben.
Nun wird es mehrere dieser Beispiele geben. Die Bündnissysteme der griechischen Stadtstaaten gegen Perser waren durchwegs eine merkwürdige Interessengemeinschaft, die den Feind immer mehr aus den Augen verlor und einander zu übervorteilen begann. Diese Erzählung will nur in Erinnerung rufen, dass sich daraus gesellschaftliche Formationen bildeten, die bald durch intraspezifische wie exspezifische Konfliktfälle entweder gestärkt oder geschwächt wurden. Der Bürgerkrieg gegen die Gracchen und gegen deren Bodenreform hatte die römische Gesellschaft in ihrem Bestand eher geschwächt, hingegen haben die grausamen Unterwerfungen von Sklavenaufständen oder Piraten diese Mittelmeer-Gesellschaften gestärkt. Da wir heute Geschichte mit anderen Augen sehen als noch vor 150 Jahren, sind wir generell eher auf der Seite der Unterlegenen und bedauern deren Schicksal, das eine Hoffnung auf bessere Gesellschaft verheißen hatte. Das ist natürlich weitgehender Unsinn wie auch die Parteiergreifung für die jeweiligen Machthaber in der Geschichtsschreibung ein namenloser Opportunismus war, eine Speichelleckerei, deren Nutznießer bis heute Caesar ebenso ist wie Perikles in Athen. Caesar war drauf und dran eine monarchische Herrschaft zu errichten wie die Karthager oder die Parther, was dann seine Nachfolger inszeniert hatten; Perikles wiederum hatte die Verfassung Athens ruiniert, für die Opposition eine Kolonialpolitik erfunden, in der der athenische Adel den Tod fand und hatte für die Stadterweiterung Athens den Schatz des delischen Seebunds geplündert.
Wie auch immer diese Interpretationen aussehen, so war die Interpretation dieser Geschichte stets von der Idee getragen, die Qualität historischer Kontinuität zu erfüllen, eine Dauerhaftigkeit anzustreben, in der sich eine politische Doktrin behauptet und damit die Position von Staat, Volk oder Gesellschaft garantiert. Es war die vornehme Aufgabe der homines politici, diesen Zustand mit Dauer auszustatten, oder mit Geschick eine Dauerhaftigkeit gegen alle Widerstände zu behaupten. Das Volk Israel selbst ist das beste Beispiel, in der ein im Grunde recht kleines Volk sich dennoch behauptet, Jahre in Gefangenschaft verbringt, auch im Exil, um wieder aufzustehen und sich aufs Neue zu konstituieren. Nirgendwo ist diese Stelle dieser Geschichte berührender als in der Darstellung bei Nemehia. Esra erhielt die Aufgabe, als Priester dem Volk das Gesetz vorzulesen, das sich aus dem Bundesverhältnis ableitet. Einen Tag dauerte diese Lesung und die Leviten erhielten die Aufgabe, das Gesetz im Detail den Männern und Frauen zu erklären. Nach getaner Arbeit sollten alle ein Festmahl halten, süßen Wein trinken und die Armen daran teilhaben lassen. So wurde der Bund wieder lebendig.
3. Zur Identität von Republik und Gesellschaft
Unseren Republiken war diese Weihe nicht zuteil geworden. Es fehlte nicht nur am Vortrag der Verfassung, sondern die wenigsten schenkten diesem Dokument Aufmerksamkeit. Die Illoyalität war von Beginn an ein Motiv, dieses Gründungsdokument zu missachten. Und wirklich waren diese Republiken zusammengebrochen, in Österreich, in Weimar, in Ungarn, in Polen, in Italien, am Balkan und in Spanien und Portugal. So negativ auch die Folgen waren, so waren selbst diese erschreckenden Faktoren stark genug, das politische Bewusstsein der Menschen nachhaltig zu beeinflussen. So kann man behaupten, es waren Prozesse gewesen, die aus der Gesellschaft entstanden und auf die Gesellschaft eine rückwirkende Folge besaßen. Das alles waren gesellschaftliche Kräfte, keineswegs nur induziert durch Eliten oder Pseudo-Eliten, sondern mehrheitlich getragen, geteilt, befürwortet. So groß auch der Irrtum gewesen sein mag, den die Propaganda perfekt verbergen konnte, so waren die Untugenden in der Politik noch immer von der Reziprozität des sozialen Handelns bestimmt. Jetzt kann man noch immer recht gut die Bestimmungen Max Webers heranziehen, denn selbst ein Totalitarismus war von der allgemeinen gesellschaftlichen Zustimmung abhängig. Selbst das schlimmste Bedrohungsszenario der Menschen konnte generell die Idee einer humanen Alternative auslöschen. Dass es bei der Geburt der Gesellschaft aus dem Geist der Medien gelingt, wird nicht nur zu erörtern sein, sondern damit stehen wir vor einem neuen Phänomen. Hier sei es nur in Kürze erwähnt, dass es nämlich die Fähigkeit dieser Vielzahl von Medien ist, nicht nur alles zu zerreden, sondern damit die einzelne Rede buchstäblich im Redegewirr untergehen zu lassen. Die geschwätzigen Medien ermöglichen nur mehr das Schweigen.
4. Demokratisierungen haben nichts mit Freiheit zu tun
Das ist jetzt sehr weit ausgeholt. Bei meinem letzten Besuch in Berlin photographierte ich die Büsten der großen griechischen Philosophen. Berühmt war Sokrates, dessen Rede am Marktplatz die athenische Stadtgesellschaft vor furchtbare Probleme stellte. Immerhin war ihm eine Verteidigungsrede zugestanden, deren Aufzeichnung wir Platon verdanken. Darunter war dann auch Demosthenes, der große Lehrer der Rhetorik, die sich noch der Redlichkeit verpflichtet sah. Oder denken wir an die Reden des Cicero, der immerhin den Senat ebenso zu beeinflussen vermochte, wie die römischen Gerichte in seinem Streit gegen korrupte Gouverneure. Gewiss war die Partei des Caesar, die Popularen, über dessen Reden nicht begeistert, aber sie waren betroffen, mussten mit Zähneknirschen die politischen Händel verurteilen, die damals mit Catilina begonnen hatten.
Nun ist es nötig, jene Faktoren isoliert zu betrachten, die zumindest bis zum Entstehen moderner Gesellschaft eine bedeutende Rolle spielten. Nur in dieser Revision vermögen mir in phänomenologischer Betrachtung jenen Wandel darzustellen, der offenbar nach unserer Hypothese die Gesellschaft selbst zu einem Produkt macht, wo sie doch noch vor hundertfünfzig Jahren in der Sozialwissenschaft zur Verantwortung gezogen wurden, die Menschen zu ihrem Produkt gemacht zu haben. Alles was da das Lamento enthält, das mit der Entfremdung begonnen haben soll, hat nicht nur erst die modernen Sozialwissenschaften begründet, sondern zugleich auch auf Dauer die mögliche Originalität und Unverwechselbarkeit des Individuum beendet. Es war das Wortspiel bei Feuerbach, das gern wiederholt wurde, dass nämlich der Mensch das ist, was er isst. Es hat auch die Mentalität jener Realisten geprägt, die letztlich alles in ihren Nihilismus tauchten und in der Gesellschaft ein Spiel sahen. Es zählte nur, wer in diesem Gesellschaftsspiel dominiert, was sinngemäß Bert Brecht zur Aussage motivierte, dass zuerst das Fressen kommt und dann die Moral. Das war nicht nur das Leitmotiv für die Mutter Courage, sondern es waren zugleich die letzten Randbemerkungen von Menschen, die als Produkte endeten, also ihre Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit nicht glauben konnten.
5. Die Sozialwissenschaften versprachen uns eine „bessere“ Gesellschaft
Das alles klingt jetzt sehr betroffen, was es auch sein soll. Zu vermitteln ist eben, dass die Sozialwissenschaften an der Todesspirale des Menschen beteiligt sind, ja keinerlei Bedenken haben, diese Spirale voranzutreiben, sei es aus Leichtsinn, mangelhaftem Vorstellungsvermögen oder bewusstem Menschenhass. Genau diesen haben wir in vielen Ideologien erlebt und überlebt und im Grunde haben wir uns schon längst dem Paradigma des Procrustes gebeugt. Das heißt, in diesem Intelligenz-Opportunismus sehen wir die brennenden Probleme sofort gelöst, würde man die Menschen in einen festen Rahmen zwängen können, wie Procrustes in der Maßvorgabe eines Bettes die Gleichheit verwirklicht – im Abhacken der Beine bei den Großen und beim Dehnen der Gliedmaßen der Kleinen. Nichts anderes ist gerade im Laufen, wenn elektronische Konzerne die bedeutendsten Institute der Psychologie in ihre Planungen einbeziehen, um das individuelle Verhalten einerseits zu erheben, andererseits zu manipulieren. So beschrieb es Sushana Zuboff in ihrem „Beobachtungskapitalismus“. Da bin ich dem Thema weit vorausgelaufen und beende auch diesen Ausflug.
Gehen wir systematisch voran. In einer Wiederholung der Darstellungsinhalte von Jürgen Osterhammel in der „Verwandlung der Welt“ können wir ermessen, welche Grundlagen wir geschaffen haben, um uns genau von diesen wieder zu emanzipieren. Noch waren wir voll in diesen alten Modernisierungskonzepten im 19. Jahrhundert aufgegangen und waren uns sicher, Voraussetzungen für eine Gesellschaft zu schaffen, deren Zustand vermutlich im Schlaraffenland enden mag. In diesem Zeitraum besaßen die Medien eine nicht unwesentliche Rolle. Erstmals machten sie Wirklichkeit sichtbar in der Photographie. Das Photo vergegenwärtigte das Tatsächliche, ohne dass es uns bewusst wurde, dass wir Einmaliges insgesamt einbüßten. Das Photo, das gezeichnete Bild in der Zeitung war vielleicht am Anfang wie die Karikatur des Tatsächlichen erschienen, doch die Wirklichkeit wurde im Realismus zur Reportage, zur eher flüchtigen Beschreibung. In dem Maße die historischen Untersuchungen aufhörten, im historischen Material die politische Gegenwart zu reflektieren, so war die Reportage fähig, den Hergang der Ereignisse auszublenden. Und sie war immerhin begehrter als die langatmige Rekonstruktion des Geschehenen, das vielleicht noch in die Gegenwart hineinwirkte. Es amüsiert freilich, dass die Repräsentanten des öffentlichen Lebens sich in der knappen Veränderung ihrer historischen Uniformierung zeigten, also in den Phantasieuniformen, die die kaum mehr erträgliche barocke Mode ablöste. Es war nötig, denn die Nachahmung der Uniform war in der neuen Öffentlichkeit repräsentabler als der Schnickschnack barocker Mode.
6. Die Moderne kündigt das historische Menschenbild: Von Leonardo´s Menschen zu Picassos Demoiselles d´ Avignon
Ein wesentlicher Punkt in der Modernisierung war die mediale Verewigung der Person, wodurch die Basis einer neuen Form des Gedächtnisses geschaffen wurde. Obendrein konnte man sich selbst beobachten, was zuvor nur Rembrandt in der Abfolge seiner Selbstportraits versucht hatte. Ab nun vergegenwärtigte ich mir eine Person dank Zeitung sehr real, ohne jede Phantasie, das vorher nur über in meiner Einbildung möglich war. Gleichzeitig war das Gedächtnis buchstäblich organisiert worden, denn die Vielzahl gegründeter Museen, der Archive und Sammlungen waren zum Erinnerungshort geworden und die Aufdringlichkeit der Geschichte war weniger einer allgemeinen Reflexion darüber dienlich, sondern geriet in die Abarten der Propaganda, die sich in Mitteleuropa bis nach 1900 als klein- oder großdeutsche Geschichtsschreibung erhalten hatte. Daraus war die Mentalität der Geschichtslehrer geformt worden und möchte daher nicht wissen, was jetzt Geschichtslehrer formt.
Einer besonderen Erwähnung bedarf die Statistik, die im 19. Jahrhundert systematisch betrieben wurde und irgendwie dem neuen positivistischen Ideal genügte, nämlich die gesellschaftlichen Daten nicht nur zusammenzufassen, in ihrer Bedeutung zu ordnen, sondern daraus war ein self-monitoring der Gesellschaft entstanden. Einmal hatte es mit der Volkszählung begonnen, mit der Ermittlung von Viehbestand und Ernte, bald war es aber eine Kontrolle militärischer Kapazität geworden, ein Vergleichsmaßstab für Stärke und Akkuratesse in politischen Ambitionen. Die friedliche Variante dieses Kräftevergleichs waren die Weltausstellungen, buchstäblich Besichtigungen der Leistungskraft und des Erfindergeists. Um schließlich als Nachricht Auskunft über ein jeweiliges politisches Anspruchsniveau zu geben. Da konnte dann leicht komponiert werden: „Britannia rules the waves“ oder dass die Welt am deutschen Wesen genesen wird. Der Beitrag der Donaumonarchie war der Wiener Walzer bis Sankt Petersburg und wirklich hatten die Besucher der Operetten nicht geahnt, in welche Sackgasse sie sich bewegten, wenn sie von der „Fledermaus“ den Satz nach Hause nahmen: „glücklich ist, wer vergisst, was auch nicht zu ändern ist…“ In Ungarn machte man diese wilden Tänze hoffähig, schwärmte von Pferdehirten und Schweinespeck und war ernsthaft der Meinung, das alles werde für immer in diesem Wohlgefallen bleiben. In diesem Wahn befand sich eine Welt, die immerhin verschiedene Instrumentarien entwickelt hatte, um sehr Vieles zu sehen, zu hören, zu lesen.
7. Die Moderne als Zeit- und Raumgewinn
Man wird nicht lange suchen müssen, dass mit der Erfindung der Taschenuhr die Wahrnehmung der Zeit in die Vorstellung der Beschleunigung eindrang. Also die alten romantischen Idyllen, die noch bei Stifter dieses ruhige Andauern mitteilt, die unbewegte Bewegtheit im Alpenvorland, sind für immer dahin. Ich weiß nicht, ob es nur die Kenntnisse der Physiologie der Augen war, die die Impressionisten anhielt, gemäß der Sehweise des Menschen zu malen, die Bilder dann im Auge zusammensetzen zu lassen, ob nicht zugleich auch diese Hektik knapper Zeit eine Rolle spielte und den bis zum Punkt reduzierten Pinselstrich förderte. Jedenfalls wurde die Zeit knapp und wurde von jeder Taschenuhr abgelesen. Somit stellte sich auch ein Bewusstsein ein für Periodisierungen, die ja nicht nur Regierungszeiten bezeichneten, sondern auch Zäsuren oder Übergänge. Wie eben das Einfließen des Mittelalters in die Renaissance nahezu ohne Fuge gelang, diese überraschende neue Sichtweise von Mensch, Umwelt und Natur, so deutlich markierte man Zäsuren, die nicht allein die Trennung in Konfessionen berührten. Epochenschwellen waren entstanden, vielleicht die noch am wenigsten registrierte Unabhängigkeit der kommenden Vereinigten Staaten von Amerika. Ebenso wenig verstand man das deutliche Rumoren in Russland und wahrscheinlich war man der Meinung, auf dieser Landmasse würden sich kaum nachhaltige Veränderungen zutragen können. Es war der nachhaltigste Irrtum bei Karl Marx, der seine Revolution in Deutschland erhoffte. Dass dieser Mongolensturm in der Philosophie ausgerechnet Russland heimsuchte, ist eine der ungewöhnlichen Volten der Geschichte.
Dass diese erwünschte Stabilität der Gesellschaften in Europa nicht eintrat, obwohl man erstmals zu wissen begann, wie Stabilität erreicht wird oder in welchem Maß diese politische Beweglichkeit erlaubt, ein Mitspielen auf der politischen Bühne, die einmal Metternich oder Bismarck zu beherrschen meinten, so war die Sichtweise auf die Leistungskraft der Gesellschaft nur als Voraussetzung betrachtet worden, diese neue politische Wort im 19. Jahrhundert in die Wirklichkeit umzusetzen. Man sprach von Räumen, auf die man Anspruch erhob, oder in denen man zu leben beabsichtigte. Die Räume erhielten dementsprechende Bezeichnungen, die man aus den Sozialwissenschaften komponiert hatte. Vermutlich waren es überhitzte Phantasien, wie Frühhistoriker, Anthropologen und Ethnologen Siedlungsräume ermittelten, die Sprachwissenschafter ganze Sprachräume rekonstruierten und die politischen Geographen einem Volk Raumknappheit attestierten, aus der man völlig an den Haaren herbeigezogene Ansprüche erhob. Im Zuge von „Raumgewinn“ waren die Invasionen in den Wilden Westen begonnen worden, kam der verschärfte Kolonialismus in die übliche politische Doktrin europäischer „Kulturnationen“ und vernichtete autochthone Kulturen ohne Federlesen. So die politische Idee eines Friedens im Berliner Kongress ventiliert wurde, so war das immer mit der Konsequenz bedacht worden, dass Asien und Afrika friedlos zu bleiben haben.
8. Gesellschaft und Ortlosigkeit und Ortsverlust
Es gibt vermutlich ein einziges Phänomen, das mit der historischen Form und der Gegenwart übereinstimmt. Es ist die Fernmigration, von der im 19. Jahrhundert etwa 82 Millionen Menschen betroffen waren. Freiwillig verließen sie ihre Heimat und erhofften sich von der neuen Heimat die Beseitigung ihrer Not und Kargheit. Auf eine Million Menschen kamen etwa 666 Migranten. Ziehen wir einen Vergleich, so entfielen nach 1945 auf eine Million nur 213 Menschen, die sich auf die Wanderschaft begaben. Es war zu einer deutlich bemerkbaren Auswanderung gekommen, die Ausweitung bisher bekannter innereuropäischer Binnenwanderung. So hatten sich Diasporagesellschaften gebildet, in allen übrigen Kontinenten.
Nun muss man bedenken, dass die Auswanderer nach den jungen USA eine besondere Prägung verursachten, die einerseits dieses Wunderland geschaffen hat, andererseits sind die Tugenden der Durchsetzungskraft, obendrein gemäß Max Weber in der Säkularisation einer Gnadentheorie besonders auserlesen, ausgerechnet der ersten Blüte des Kapitalismus zu Gute gekommen. Nun muss man auch die Wanderungsbewegungen auf der gesamten Welt in Betracht ziehen, weshalb eine sonderbare Fügung eingetreten war, nämlich einerseits die steigende Anzahl von Menschen, die zu jeder Art der Arbeit bereit waren- von Westrussland bis Chikago, oder Buenos Aires – , andererseits war die ökonomische Konstellation von einem hemisphärisch integrierten System getragen, wie es Dick Hoerder beschrieben hatte. Nun war das keineswegs homogen, wie man glauben könnte, wenn man die Schauseiten des Fin de siecle bevorzugt betrachtet. Niedriglohnländer waren unvermittelt neben Länder mit hohem Lohnniveau gelegen, Gesellschaften mit steilen Hierarchien hatten sich ebenso behaupten können, wie Gesellschaften mit flacher Hierarchie die ideologischen Wunschträume beflügelten. Um 1820 kamen 366.000 Auswanderer in die USA, zumeist Iren, dann Schotten und Engländer. Wenige Jahrzehnte später folgten, Deutschland, Polen und die Donaumonarchie. Aus ihr wanderten um 1900 etwa eine Million Menschen aus. Und das war in den Jahren davor ebenso der Fall wie in den Jahren nach der Jahrhundertwende.
Das bedeutendste Einwanderungsland waren nicht die USA gewesen, sondern Argentinien. Von den 8 Millionen Bewohnern 1914 waren 58% nicht in Argentinien geboren worden, sondern besaßen durchwegs den heute bezeichneten Migrationshintergrund.
Diese wenigen Details, die noch beliebig erweitert werden können, zeigen an, dass die Gesellschaften nicht nur eine enorme Integrationskapazität besaßen, sondern es gehörte zum Merkmal der Gesellschaften des 19. Jahrhunderts, systematisch eine Homogenität herzustellen, sei sie nun über eine Rechtsordnung intendiert, sei es aber zugleich auch das Verdienst der Industrialisierung gewesen, die Zuwanderer relativ schnell in einen Arbeitsprozess zu integrieren. Das hatte natürlich den Antritt des neuen ökonomischen Systems extrem gefördert und nun hatte man die Bezeichnung „Kapitalismus“ korrekt anwenden können. Hundert Jahre zuvor war von Thomas Payne und Condorcet die Überlegung angestellt worden,, dass die neue Produktivität, die Steigerung der Erträge, die politische Neuordnung in die Lage versetzen, Armut generell aus den Gesellschaften zu vertreiben. Es war eine begründete Hoffnung, die auf Extrapolation der Tendenz zu Demokratisierungen beruhte und fest überzeugt war, dass das ökonomische System noch die deutsche Bezeichnung verdient, nämlich Volkswirtschaft zu sein. Die Daten schienen dieser Prognose zu entsprechen. Ab 1880 konnten in England Dampfdreschmaschinen den Großteil der Ernte einbringen, 1892 ging in den USA der erste Traktor in Betrieb. Um 1930 ratterten bereits über eine Million Traktoren über die amerikanischen Felder. Die Mechanisierung in der Landwirtschaft war das deutlichste Merkmal dafür, dass alle bisherigen Wirtschaftsweisen, traditionelles Arbeiten und Institutionen in neuer Gestalt auftraten. Das war nicht nur in der Ökonomie der Fall, in der umgreifenden Industrialisierung, sondern auch in der Ausweitung rechtsstaatlicher Regeln und mit der generellen Anhebung der Bedeutung des Parlaments in Europa, Südamerika und Nordamerika. Gewiss war noch Vieles in Kinderschuhen, gewiss konnte man noch nicht von einer parteienstaatlichen Demokratie sprechen, dennoch war eine moderne Zivilisation entstanden, die so aussah als enthielte sie bereits das Muster für alle weiteren gesellschaftspolitischen Fortschritte.
9. Das Paradigma der Modernisierungen
Nun waren die USA das Paradigma geworden, was schon angedeutet wurde. Dank der besonderen Konstellation war gerade ab 1865, also nach dem Ende des Bürgerkriegs, ein Reichtum entstanden, der dann das sichtbare Beispiel des Siegeslaufs des neuen Kapitalismus wurde. Die Stabilität der Träume und Phantasien war begründet worden durch die legendäre Überzeugung, dass jeder dieses Ziel erreichen kann. Es war zur Ideologie im melting pot geworden, in dem die Ungleichheit bewältigbar erscheinen konnte. Der Aufstieg vom Tellerwäscher zum Milliardär war der gängige Titel jeder Geschichte und stellte jeden Bericht über das Gegenteil in den Schatten. Selbst Charlie Chaplin, der mit ernstem Gesicht die Schattenseiten der Moderne ertrug, reichte nicht aus, diese unglaubliche Dramatik in der Gesellschaft vor Augen zu führen. Im Kurzfilm war das tragikomische Element großteils missverstanden worden, das zur besten Reportage über Formen der neuen Armut in den Großstädten wurde bei gleichzeitiger Thematisierung von Kriminalität und Prostitution. Während die Kurzfilme von Stan Laurel und Oliver Hardy das Groteske der Moderne isoliert zum Unterhaltungsprogramm für moderne Gesellschaft anboten, so war dennoch deutlich zu sehen, dass Anpassungsmängel an die Zeit, ans gesellschaftliche Leben ein dominantes Thema geworden war.
Alle diese Hinweise sollen nochmals die Hypothese in den Mittelpunkt rücken, dass damals hinter dem allgemeinen Begriff der Gesellschaft eine enorme Kraft zum Vorschein kam, die nach der Initialzündung zwischen Französischer und industrieller Revolution immer schneller und umfassender die Welt in ihren Bann zog. Und mit dem Fortschritt sozialen Gewissens schien es wirklich der Fall zu sein, dass in die Konstruktion der Gesellschaft ein Einblick geboten wurde und alle Arten eines social engineering denkbar wurden. Die Soziologie war ein Teil davon, in der man sogar die Auffassung entwickelt hatte, dass mit mehr oder weniger empirischen Methoden nicht nur der Zustand einer Gesellschaft ermessen werden kann, sondern in gleichem Verfahren eine Optimierung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu erzielen ist. Es war die sogenannte Umsetzung des Sozialismus in eine Wissenschaft zur Überzeugung geworden, was von den Sozialwissenschaften reihenweise adoptiert wurde. Es mutet eigenartig an, dass in der kurzen Zeit von Republiken nach 1918 wirklich die Überzeugung herrschte, Gesellschaft werde demnächst der Gegenstand eines rationalen Entwurfs sein.
Die Gesellschaft war wirklich im Mittelpunkt aller möglichen Interessen gewesen, ja selbst die Philosophie hatte ihr gewohntes Terrain verlassen und bemerkte die neue Bedeutung von Lebenswirklichkeit, von Lebenswelt und wie die Menschen darin ihre Bestimmung finden oder ihnen wird ihnen diese Selbstverwirklichung ungerechtfertigt vorenthalten. Zuerst hatte Hegel das Bewusstsein des Menschen innerhalb einer gesellschaftsontologischen Bestimmung gesehen, inwieweit es in ihren Erscheinungsweisen zwischen Säkularisaten der Theologie und zeitgenössischen Bestimmungen gesellschaftlicher Rollen zu stehen kommt. Damit erhielten wir die neue Aufgabe für die Philosophie, eben die Lebenswelt zu untersuchen, an deren Beginn dann Franz Brentano gestanden hatte, in weiterer Folge Edmund Husserl. Durch ihn wurde eine Sozialwissenschaft angeregt, die sich vermutlich in der Bestimmung der Mentalität einer Zeit besser behauptete als die meisten empirischen Befunde, die erst gar nicht gesellschaftliches Bewusstsein in Augenschein nehmen.
9a Einschub
Zur Vorlesung ist ein Zusatz zu formulieren, sonst bleibt die Hypothese unverständlich, dass nämlich die Gesellschaft von Faktoren bestimmt wird, die als Artefakte zwar irgendwann als Produkte gesellschaftlichen Tuns hervorgegangen sind, doch dann eine selbstreferentielle Funktion einnehmen. So war der Ausgangspunkt bei dem großen Werk von Karl Löwith gewählt worden, das in der deutschen Übersetzung 1953 für Diskussionsstoff sorgte. „Weltgeschichte und Heilsgeschehen“ war natürlich der bei weitem dramatischere Titel als der englische: Meaning in History. The Theological Implications oft he Philosophy of History 1949. Nun ist es für den Soziologen eine wesentliche Frage, wodurch denn die Fundierung einer Gesellschaftswissenschaft möglich und denkbar wurde. In der Ausbildung wird das oft als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt, ohne darüber nachzudenken, dass der Beginn des soziologischen Denken sich aus einer speziellen Art der Geschichtsphilosophie abgeleitet hatte. Bei Durkheim hatte sich die Hypothese von Comte sogar um die eigene Achse gedreht, da man das Konzept auch dadurch beschreiben kann, dass die Geburt der Gesellschaft aus dem Geist der Soziologie ermöglicht wurde.
Nun hatte Löwith eine solidere Grundlage gewählt, da er davon ausgeht, dass der deutsche Idealismus einen eigenständigen Begriff der Geschichte entwickelt hatte. Es reicht der Verweis auf Hegel, der ja erstmals im 18. Jahrhundert die Aufhebung der christlich-reformatorischen Geschichtsphase als Voraussetzung sah, eine Grundverfassung der modernen und geistigen wie politischen Welt schaffen zu können. Daraus resultiert das konstitutive Bewusstsein der subjektiven Freiheit. Bekanntlich hat sich auch das Gesellschaftsdenken im Zuge der vorrevolutionären Bewegungen diese Freiheit als Kollektivum angeeignet, ehe dann im Ausbruch der Revolution die Politisierung dieser Freiheit sogar die individuelle nahezu zerstört hatte. Nun hat Löwith diese Engführung des Heilsgeschehens mit der Weltgeschichte deutlich formuliert, also die Weltgeschichte hatte die Ebene eines Heilsgeschehens erreicht, was ja deutlich wird in der Identifikation von Gott, Geist und Geschichte bei Hegel. Somit erhielt vorerst die Weltgeschichte den Segen einer Heilsgeschichte und in weiterer Folge sogenannter Vergesellschaftungsprozesse in Industrie, Kapital und Recht tritt die Gesellschaft gleichsam die Nachfolge in der Funktion von Religion an. Es ist ja durchaus geläufig, dass man die These vom Proletariat bei Marx auch theologisch interpretieren kann, also als Auserwähltheit für die Einwirkung auf alle künftigen Gesellschaftsprozesse. Wenn also mit Hegel Heilsgeschehen und Weltgeschichte komplementäre Prozesse sind, als solche identifiziert werden können, wie es Löwith interpretiert hatte, dann ergibt sich eine Selbstrealisierung der Vernunft in der Geschichte. So lautete die Interpretation im 18. Jahrhundert und wirs in den Gesellschaftswissenschaften auf die Gesellschaft selbst übertragen. Sie wird zur geschichtsbildenden Macht, sie wird zur Verkörperung kollektiver Vernunft, wie auch immer diese Begründungen aussehen mögen. Spannend ist, dass sich offensichtlich Diskontinuitäten im Verweltlichungsprozess ergeben, besitzen aber in der ihnen immanenten Logik einige Kontinuität und historische Logik. Die Säkularisierung ist genau dieser Vorgang einer eigenständigen Geschichtswerdung, die sich aus der theologischen Vorgeschichte ergeben hat. Natürlich kann man diesen Hypothesen einigen Eurozentrismus vorwerfen, wie auch die Frage zu erörtern sein wird, ob Ähnliches allen anderen Kulturen ebenso beschieden ist, doch es ist das generelle Motiv der Weltgeschichte geworden, zumindest solange diese von Europäern verfasst wird. Sie bleibt auch dominant in Perspektive und politischen Zielvorstellungen, die wir viel später unter dem Begriff der „Verwestlichung“ zusammengefasst und für die Konstruktion einer Weltgesellschaft unverzichtbar ist. Mit der Konstruktion gesellschaftlicher Vernunft, eine Ausgangsbedingung aller weiteren Soziologie, erhält nun die Geschichte nicht nur die Funktion für eine Selbstvergewisserung, denn wie sonst könnte man den Zustand der Fortschritte und Verbesserungen messen, sondern die Vernunft benötigt das Konzept der Säkularisierung, weil durch sie die von Löwith behauptete Engführung eingetreten ist, aus der sich alle weiteren Legitimationen der Moderne ableiten lassen. Bei Löwith war es ein logischer Vorgang, so man Säkularisierung auch als Teil von Verweltlichung begreift. Dass die Verweltlichung speziell das Christentum trifft, das somit die Moderne ermöglicht, wird in der Soziologie zumeist unterschlagen und somit wird Säkularisierung eine Art von Selbstsetzungsform, eine Ermächtigung oder gar ein Kunststück, das nur von Baron Münchhausen zusammengebracht wird, sich nämlich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Wenn wir das nun derart interpretieren, dann schaffen wir nach eigenem Ermessen Epochen wie Mittelalter oder Neuzeit, die Differenzierungen sein wollen im Prozess der Bewusstwerdungen. Interesssant ist, in welchem historischen Kontext sich nun die gesellschaftliche Vernunft aufhält, die nämlich die bisherige europäische Geschichte überspringt, ja in Konkurrenz zur christlich-biblischen Geschichte die Geschichte der Antike hervorhebt. Seit dem Humanismus erleben wir die Erfindung der antiken Welt, die Rekonstruktion nicht-christlicher Vergangenheiten, nach deren Muster nun Vergesellschaftungsprozesse nachgezeichnet werden. Der schicksalhafte Bruch zwischen Natur und Geschichte zwingt zur Betrachtung der Antike, weshalb wir auch unser Interesse für das Ende der Neuzeit einschränken. Wir entwickeln ein historisches Bewusstsein, das sich erheblich aus den Verstrickungen der Gegenwart abwendet. Daraus entsteht nicht nur eine historische Gesamtverantwortung, die ja im Vergessen der europäischen Vorgeschichte erleichtert erscheint, sondern aus der antiken Zuversicht stammt auch die Gewissheit, in Fortschritten zu leben, so verhängnisvoll es auch gewesen sein mag. Sie müssen sich also immer wieder vergegenwärtigen, dass diese Umstände zur Vorgeschichte der Soziologie geworden sind, eine Geistesgeschichte, die sich den Realisierungen des Geistes in der Gesellschaft widmet. Das kann natürlich eine Gesellschaftswissenschaft nicht mehr leisten, so sie sich der Pornographie verschrieben hat, nämlich buchstäblich nur nackte Daten beachten zu wollen. Die in der Soziologie behauptete Linearität der gesellschaftlichen Entwicklung will nicht nur eine finale Autonomie des Gesellschaftlichen behaupten, sondern teilt mit Nietzsche die Entdeckung, dass alles nur die Wiederkehr des Gleichen ist. Unter dieser Bedingung beendet eine Gesellschaftswissenschaft ihre gesellschaftsontologische Disposition und flüchtet sich in eine naturontologische Bestimmung – und verfehlt ihren wissenschaftlichen Zweck. So ist ja in der beliebigen Verlängerung der Perspektive immer wieder von Zuständen zu lesen, die da meinten, dass man zu sich selbst gekommen sei, eine beliebte Wendung bei Adorno, dass man im Vorletzten den letzten Schritt zur Ungeschichte Kosmosbindung, wie man es im antiken Wortlaut beschreiben kann. erkennen kann, keine uninteressante Beobachtung, oder aber wir stehen vor einem jeweiligen Ende der Geschichte, was nicht erst Fukujamas Erfindung war.
10. Gesellschaft als Zukunftserwartung
Wenn wir uns auch immer wieder den Umstand ins Bewusstsein rufen müssen, dass eben Gesellschaften und die Menge der darin tätigen Personen diese neuen Wirklichkeiten erzeugt haben, so bemerken wir gleichzeitig die neue Dissonanz zwischen dem Einbruch in die gewohnten Lebenskreise und der Beibehaltung konventioneller Zukunftserwartungen. Es ist ein bemerkenswerter undefinierter Raum entstanden, der wie ein Gegenstand der Utopie auf die verschiedenartigsten Bestimmungen zu warten schien. Es war ein gesellschaftspolitischer Spielraum entstanden, der wie geschaffen für die vielfältigsten Phantasien war – für Sozialismus und Rassismus, für Anarchie und Antisemitismus. Den Propagatoren war wichtig, dass ein Abkommen von ihren Ratschlägen sogleich eine Apokalypse heraufbeschwört, das Weltende oder einen Untergang ankündigt, wofür Oswald Spengler seinen abenteuerlichen Bestseller geschrieben hatte. Das muss man sich immer wieder vergegenwärtigen und die Ankündigungen waren nicht gänzlich realitätsfern, denn schon der Erste Weltkrieg hatte mindestens Europa in ein Inferno gestürzt, dessen Nachbeben bis heute spürbar blieben. Auf der einen Seite war zwar die Sklaverei abgeschafft worden, auf der anderen Seite kündigten Visionen an, eben nach 1789 bis zur chinesischen Taiping-Bewegung um 1850, dass eine neue temporale Ordnung folgen werde, die immerhin mit der Schaffung neuer Kalender bereits recht optimistisch gesehen wurde. Als könne man sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen, das heißt, man könne sich aus der bisherigen Geschichte so verabschieden wie man einfach den Staub von den Schuhen schüttelt, so waren in Mitteleuropa nach 1918 die nationalen Revolutionen ausgerufen worden, von Budapest bis München, von Rom bis Berlin, doch die Ankündigung, es würde einen neuen Himmel und eine neue Erde geben, hatte sich nicht erfüllt.
Nun war es eine Eigenart der geistesgeschichtlichen und geisteswissenschaftlichen Analyse, dass zwar den Strömungen des Bewusstseins nachgegangen wurde, den vielfachen Penetrationen politischer und gesellschaftsphilosophischer Konzepte, die in eine ähnliche Nähe gerückt wurden wie später in der Kunstgeschichte die einzelnen Schaffensbereiche der späten Renaissance diesseits und jenseits der Alpen, so waren die Analysen seltsam ortlos geblieben, als würde ein Geist wirklich wehen, wo er gerade will. Dem war mitnichten so. Wie einige Universitäten zu Orten einer neuen Bestimmung von Wissenschaften wurden, wie bildungspolitische Initiativen wie jene von Wilhelm von Humboldt auf Dauer die Struktur der Zuordnungen von Wissen bestimmten oder eigens gebildete Körperschaften das Wissen zu verwalten und zu fördern hofften, so war ein Panorama das Ergebnis , das Aby Warburg in seinen Dokumentationen perfekt zur Schau gestellt hatte. Das alles war gesellschafts-bezogenes Wissen, war aus einer gesellschaftlichen Kultur herausgewachsen und in ein gesellschaftliches Selbstbewusstsein transformiert worden. Es waren gewaltige Faktoren, die immerhin jenen bedeutsamen Wandel einläuteten, den einmal Jürgen Habermas im Strukturwandel der Öffentlichkeit dargestellt hatte. Es war nämlich zu einer gesellschaftlichen Tugend geworden, an diesem gewaltigen Transfer teilzunehmen, diesen einzelnen Gesellschaften anzugehören, seien diese nun ein etwas snobistischer britischer Club am Trafalgar Square gewesen oder aber eine verbiesterte preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin. Mehr denn je verschränkten sich die Vorstellungen von Zeit und Raum, je größer die Erfolge in den verschiedenartigen „Daseinsbereichen“ der Menschen waren. Das Wachstum der Wirtschaft, die technische Mobilität und die Ausweitung des Kapitalverkehrs wie die geschickte Nutzung der Geldwirtschaft in der unglaublichen Auswirkung des Bankwesens, die Veränderung der Arbeitswelt, die Proklamation neuer Freiheiten und die Reform traditioneller Institutionen, das alles war plötzlich zu einem kompakten Zeitraum geworden, in dem sich die Gesellschaft ausgebreitet hatte, in deren Begriff man die Erwartungen placierte wie schnell erreichbare Ziele. Es war schon bei Hegel immer wieder zu lesen, was alles zum Zeitraum gehörte: Zeitgeist, Zeitbewusstsein, Volksgeist, Geist der Geschichte und Geist überhaupt. Rechtzeitig gesellte sich zu dem Konzept eines eigenständigen Zeitraums eine politische Geographie, die nicht mehr ihre Aufgabe vornehmlich in der Erforschung der Erdoberfläche sah, sondern die Landkarten, die nun in jeder Schultasche zu finden waren, bestätigten den obrigkeitlichen Anspruch auf Territorien, ja verstärkten das Bewusstsein von Zugehörigkeit, Größe und Identität. Vermutlich hatten die Atlanten den Zweck, die als Zugabe zu den großen Lexika-Editionen in den bürgerlichen Haushalten einen fixen Bestand hatten, die allgemeinen Vorstellungen von Volk, Kultur, Nation zu stärken, und die Geltung und bald überschätzte Stellung auf der Welt zu unterstreichen. Diese konkrete Einsicht in die einzigartige Stellung in der Welt dank Weltkarte erhielt in den publizierten Statistiken weitere Nahrung, die allesamt wie die Rangliste einer Fußballmeisterschaft gestaltet waren. Der Vergleichskampf um den Anteil an Weltwirtschaft oder Industrialisierung war in eine scharfe Konkurrenz zwischen England und Deutschland ausgeartet und daran wurden dann die Erfolge und Fortschritte gemessen. Das Stichwort, das die Gesellschaften der nördlichen Hemisphäre charakterisierte, war der Fleiß, keineswegs nur eine individuelle Anforderung, sondern war von der Gesellschaft selbst internalisiert worden. Damit soll der Nachweis geführt werden, dass bis ins 20. Jahrhundert die Gesellschaft trotz ihrer sozialen Schichtunterschiede, trotz der eklatanten sozialen Ungleichheit als handlungsfähiges Kollektiv angesprochen werden konnte. Allein schon in der Qualifikation sozialer Tatsachen hat Emile Durkheim diese rätselhafte Kraft entschlüsselt, nämlich ein Kollektivbewusstsein ermittelt, das die üblichen Momente sozialer Differenzierungen und Trennungsstriche leicht zu überwinden vermochte. Es waren eben die alten Sozialisationsagenturen in den Gesellschaften noch wirksam, die gemeinsame Konfession, die irgendwie die Aufklärung überstanden hatte, der allgemeine Schulbesuch und der Militärdienst. Was innerhalb der Soziologie nur bei Ludwig Gumplowicz bemerkt wurde, aber ungern als Wissensbestand in der Soziologie anerkannt wird, das war die Pervertierung des gesellschaftlichen Gemeinschaftsgefühls, das umgehend sich aus einem Sozialismus in einen Rassismus verminderte. Da war eine andersartige soziale Tatsache entstanden, die auf ihre grauenhafte Wirklichkeit nicht lange warten ließ.
11. Das Recht als sozialtechnologische Innovation – oder das Münchhausen-Syndrom
Mit diesen historisch zu rekonstrierenden Bestimmungsstücken ist erneut die gestiegene Kraft der Gesellschaft wahrzunehmen, die sich immerhin so robust erwies, dass selbst die größte Belastung sozialer Homogenität, die soziale Ungleichheit ausgehalten wurde. Man muss genau an diesem Punkt die europäische Rechtstradition zu verstehen beginnen, die ja das Regelwerk der Gesellschaft wurde, ja sich immer komplizierter erwies, je deutlicher das Regelwerk die Wirtschafts- und Produktionsweisen der Gesellschaft zu bestimmen begannen. Einmal war ja das Recht schöpfungstheologisch begründet. Bis in die Renaissance hinein galt die Einsicht, dass in der Natur Gottes ein Schöpfungswillen sichtbar geworden ist, weshalb genau diese Natur Gottes rechtsbegründend angesehen wurde. Mit dem Beginn der Gesetzgebung, die den schöpfungstheologischen Duktus des Denkens imitierte, wurde aus der vorgegebenen „Natur“ ein Bereich der Rechtsanwendung. In der zunehmenden „Materialisierung“ reduzierte sich die Rechtsanwendung immer mehr auf die Gesellschaft als die Wirklichkeit schlechthin. Allein damit war „Gesellschaft“ ein Zauberwort geworden, womit man die Totalität der Weltverhältnisse des Menschen zu erfassen und zu gestalten meinte. Mit den technologischen Evolutionen waren Prozesse der Vergesellschaftung eingetreten, die zugleich auch Natur und Rechtsbereich vereinte und keine Unterscheidbarkeit mehr erkennen ließ. Dass diese artifizielle Einheit erzielt werden konnte, die Übereinkunft von Natur und Recht bis hin zum Sammelbegriff eines Naturrechts, war das Ergebnis der Implikationen soziologischer Transformationen. Der Sinn lag darin, die technologischen, ökonomischen und biologischen Kategorien in eine Plausibilität zu verdichten, woraus der Elan juristischer Rationalisierungen entstehen konnte. Diese Plausibilität einer letzthinigen Instanz ist zwar in der Neuzeit Schritt für Schritt verloren gegangen, änderte aber nichts daran, dass sich ein System des Rechts durchhalten konnte, was wir in der Ablöse der Metaphysik aus dem Schöpfungsakt nach Kant kennen gelernt haben. Ab nun ist das Recht nicht mehr im Einklang mit dem Schöpfungswillen zu sehen, sondern in der soziologischen Transformation ist die Gesellschaft die rechtsschöpfende Instanz. Deren Geltung, die eine Motorik der Gesetzgebung verursachte, hatte bereits Thomas Hobbes angedeutet, denn er sieht das Recht als Resultat einer empirisch-analytischen Ermittlung oder eines Ermittlungsvorgangs. Ab nun ist darin die Naturgesetzgebung begründet, in die der Mensch einbezogen ist. Er verliert seine bislang naturhaft zu verstehende Autonomie und untersteht ab nun einer empirisch-analytischen Rationalität, wie diese ja später bei Kant im Kategorischen Imperativ gerade noch nobel zum Ausdruck kam. Im Zuge dieser Gesetzgebung wird Gesellschaft gleichsam produziert. Genau an diesem Punkt haben wir das erste Mal mit dem Umkehrungsvorgang zu tun, dass nämlich die empirisch-analytische Rationalität die Gesellschaft schafft, wo noch knapp davor die Meinung herrschte, dass das Recht von der Gesellschaft ausgeht, aus der Gemeinde der reformierten Pfarren, aus der so oft ins Treffen geführten Freiheit des Christenmenschen der Reformation. Diese Parthenogenese der Gesellschaft fand in der Phase der Säkularisierung noch weitere Fürsprecher und ist daher zum Glaubensbekenntnis der Moderne hinzuzählen. Das war die vielfach wiederholte Behauptung von Auguste Comte, die in den Sozialwissenschaften auch Furore machte, nämlich der Gesellschaft alle Fähigkeit der Selbstsetzungen zuzuschreiben. Es ist die geistige Voraussetzung für den wissenschaftlichen Sozialismus, der ohne diese Prämisse nicht denkbar gewesen wäre.
12. Weltgeschichte und Heilsgeschehen gehen getrennte Wege
So wird auch über die Revolution in der Weise nachgedacht, dass sie die nötige Beschleunigung der gesellschaftlichen Evolution zu sein habe. Auf der anderen Seite erstarrt dieses Denkmodell im „Positivismus“. So dann überhaupt noch die Souveränität im Recht enthalten blieb, so im weiteren Schritt, dass Recht nicht nur das Ergebnis von Verfahren sein wird, sondern das Recht hängt generell von Entscheidungen ab. Sie sind die neue Fassung für die Funktion des Rechts, das sich nun in der geübten Praxis selbst erzeugt. Es klingt zwar wie praktische Vernunft, aber es war jedem Gesinnungswandel ausgesetzt, weshalb Wilhelm Dilthey eine schonungslose Kritik anfügte: „Die Positivität des Rechts folgt nicht aus der Verfassung…sie folgt nicht aus dem logischen Bezug auf eine Grundnorm, die bestimmten Entscheidungen normative Geltung verleiht….sie folgt aus der gesellschaftlichen Entwicklung und korreliert mit einer Gesellschaftsstruktur, die durch die funktionale Differenzierung ein Übermaß an Möglichkeiten erzeugt und daher die Tendenz hat, alles Recht als kontingent erscheinen zu lassen…“ Nun ist die Positivierung des Rechts der bedeutendste Erfolg von Aufklärung und Säkularisierung. Nimmt man nun den Zuschnitt des damaligen Denkens, so war die Leitwissenschaft die Biologie, die Systematisierung der Naturtatsachen, wie es Linné in seiner Systematik der Pflanzen vorlegte. Nun wurde die Erscheinungsform der Welt eine der Bibliotheken, der Archive und Museen. Genau in diese Kerbe schlägt auch die neue Rechtsgeschichte, die den Gegenstand in seiner Genese begreift, als evolutionären Prozess, als Gegenstand von Entwicklung und Ermittlung. Nun muss man diese Überlegungen auf der Ebene ganz anderer Gedanken sehen, nämlich innerhalb der Diskussion über Weltbevölkerung,, Grenzen des Bevölkerungswachstums, also geht die Diskussion über Malthusianismus, Süßmilch und Bevölkerungskontrolle. Es ist das Fundament der nachfolgenden Diskussionen, die bis heute nicht verstummten.
13. Die Gesellschaft verschlingt die Person
Mit dem Stichwort über Bevölkerungskontrolle und den damit notwendig gewordenen neuartigen Rechtsgrundsätzen war eine Relativierung eines Schutzes der Person denkbar geworden. Diese neue Grundlage für weitreichende Überlegungen über das Humanum ist Hand in Hand zu sehen mit Energieverknappung und Umweltgefährdung. Es sind die heute aktuellen Themen, die erstmals den Menschen nicht als legitime Erstinstanz voraussetzen, sondern eher zu Anpassungsleistungen auffordern, zur Verpflichtung, sich in die natürlichen Gegebenheiten zu fügen. Das alles erscheint uns selbstverständlich. Nun muss man rechtzeitig durchschauen, dass wir keine Sekunde überlegen, da wir im Gesprächsverlauf uns selbst weit mehr in biologischen Funktionen sehen, weit mehr in unselbständigen Abhängigkeiten. Das Recht wird damit eine im Nachhinein legitimierende Kontrollinstanz in allen diesen Bereichen; Weltbevölkerung, Naturgefährdung und Energiegewinnung Dass im Hintergrund die schreckliche Lockerung des alten Rechts alle diese Überlegungen zulässt, ist das noch immer virulent gebliebene Erbe nach Auschwitz. Der Erfolg dieser auf Natur projizierte Ökonometrie liegt einfach am Umstand, die Vorstellung des sozialistischen Glaubens an Organisation beibehalten zu haben. Wie eben die Natur durch die hybride Nachformung der Natur verdrängt wird, wodurch eben eine Übernatur der Natur entstand. Helmut Kohlenberger ging bei seiner Analyse noch weiter, wenn er in seiner Auseinandersetzung der beiden Strukturbegriffe von Organismus und Organisation zu dem Schluss, kommt, dass auch die vermeintlich konservative Position bereits den Versuch an alte Tradition festzuhalten, unterlaufen hat. „Im Nachhinein kann man die Organologie konservativer Sozialtheorien als ein prominentes Beispiel jener programmierten Selbsttäuschung ansehen, die aus sentimentaler Anhänglichkeit an Vergangenes sich einer rationalen Bewältigung gegebener Situationen zu entziehen sucht.“ Zur Veranschaulichung dieses gewaltigen Wandels wurde in der Romantik rechtzeitig die Metaphorik der Marionette und des Automaten in der Literatur erfunden. Das zielt bis in die Mode hinein, in der das Mannequin als Männchen für die ideale Erscheinungsform der Frau firmiert. Daran ist immer wieder zu erinnern, denn nur so begreift man den Schritt von Kant, warum er einerseits Gesellschaft und Natur generell abgrenzt, sodass sich daraus eine deutliche Fassung für Gesellschaftskonstruktion und Gesetzgebung ergibt. Das ist nicht selbstverständlich. Kant ermächtigt gleichsam die Gesellschaft, der eigentliche und einzige natürliche Bezugspunkt des Menschen zu ein. Die Rolle, die der Mensch darin spielt, ist in der Gesetzgebung hinlänglich definiert. Der Bezug des Menschen zur Natur ergibt sich aus dem Umstand, dass die Natur als „Kunst“ oder Technik nach einem sinnadäquaten, naturgesetzlichen Handeln des Menschen verlangt. Aus diesen Details wird die Gesellschaft zum Gegenstand „sozialer Physik“ oder aber zu einer Physiologie des Sozialen.
Nun müssen wir uns erneut vergewissern. Diese Geschichte erzählte nichts anderes als den in der Gesellschaft selbst produzierten Fortschritt, der noch ganz und gar durch den genetischen Code der Gesellschaft in der Aufklärung entfaltet wird. Die Zuspitzungen, von denen wir soeben hörten, sind die gewaltigen Transformationen, die über den gesellschaftlichen Wandel angetrieben wurden.
14. Fortschritt als Flucht
Da mag ja Hegel recht gehabt haben, dass er darin die Art einer Urkraft vermutete, einen Geist in der Geschichte, der unaufhörlich die Zivilisationen vorantreibt, das Denkbare möglich zu machen. Es mag geheimnisvoll anmuten, an das Gedicht vom Zauberlehrling erinnern, aber das 19. Jahrhundert war erfüllt von diesen Neuerungen, Innovationen, dem steigen Wandel. Diesen zu erfassen bewog die Sozialwissenschaften, darin einen Mechanismus zu sehen, eine geschichtsträchtige Automatik, der sich kein Mensch zu entziehen vermag. Nun war es im 19. Jahrhundert keineswegs klar gewesen, wie man Organismus-Vorstellungen von jenen der Organisation trennen könne. Es war eine typisch wissenschaftliche Frage, die sich in Abstraktionen verlor, während eine horrende Mischung ausgerechnet im Fabrik-System sich etablieren konnte. Durkheim war das beste Beispiel, hier um jeden Preis eine Unterscheidung einzuführen, wobei er Organisches mit dem Solidaritätskonzept im Fabrikssystem verbunden hat, Organisatorisches aber der mechanischen Solidarität in Familien und Freundschaften zuordnete. Wichtig dabei war die verwirrende Umbenennung, die er zu begründen suchte. Natürlich ist die darin angewandte „soziale Physiologie“ geeignet, das soziale System nach Kriterien der sozialen Hygiene auszugestalten. Das machte diese gesellschaftliche Formung zu einem Erfolgsrezept, das sich auf der Ebene von Weltgesellschaft auf dem Niveau Vereinter Nationen, Weltgesundheitsbehörde oder UNICEF wiederentdecken lässt. Dass hier die Kontrollfunktionen eine neue Bedeutung erhalten, lag schon damals auf der Hand. Nun war ein Zustand erreicht worden, also zwischen Weltausstellung und Börsenkrach von 1873, der einen eigenen Mechanismus formaler Organisation benötigt – weltweit. Die politischen Konzepte lassen sich daher nach Kriterien unterscheiden, die einen Beitritt zum weltweiten System sozialer Organisation befürworteten, oder genau im Gegenteil sich diesem Zug der Zeit versagten.. Niklas Luhmann hat es klar präzisiert: „Erst dadurch kann der Bedarf für Recht, der Bedarf für kongruente Generalisierung normativer Verhaltenserwartungen in dem Maß befriedigt werden, als dies für die Aufrechterhaltung eines funktional, differenzierten, hochgradig interdependenten Leistungsgefüges unabdingbar ist.“ Es sind Grundlagen der heraufbeschworenen Weltgesellschaft, einer Internationalisierung des Rechts und zur Milderung der scharfkantigen Interessenkonflikte die regelmäßige Beschwörung der Menschenrechte. So müssen wir uns immer diese gewaltige Konstruktion vor Augen halten, die schließlich das Konstrukt Gesellschaft überfordert. In unserer bisherigen Darstellung werden wir beobachtet haben, dass in gegenstrebigen Fügungen die Komplexität der verschiedenen Zusammenhänge zunimmt, eben die ökonomischen Voraussetzungen auf dem Weg zur Weltwirtschaft, die Beschleunigungen aller Art – von den Finanzmärkten, Börsen bis zur Weitergabe von Informationen – ferner haben auf verschiedenen Ebenen Internationalisierungen für schwer zu bewältigenden Penetrationen gesorgt, beginnend bei den Wanderungsbewegungen bis zur Zunahme von Marginalisierung und Pauperisierung ganzer Landstriche, es sind die deutlichsten Merkmale, dass die einzelnen Staaten ihre Omnikompetenz gegenüber ihren Gesellschaften einbüßen. Also können wir von der Tendenz sprechen, dass der dauerhafte gesellschaftliche, technologische und ökonomische Wandel die bisherigen historisch gewachsenen Entitäten teils überfordern, teils einfach überspielen und gänzlich neue Entitäten schaffen, die teils aus Institutionen bestehen, teils von Emanzipationen getragen werden, die wie ein stochastisches Modell in der Mathematik anmuten. Damit wird die Hypothese deutlich sichtbar, dass nicht mehr die Gesellschaft selbst im weitesten Sinn die soziale Wirklichkeit schafft, bestimmt und gestaltet, sondern dass scheinbar eine Umkehr eintrat, dass nämlich Faktoren, die sich aus der Gesellschaft heraus entwickelten, nun ihrerseits die sozialen Prozesse zu bestimmen beginnen. Dafür war das Beispiel aus der Genese des Rechts wichtig, um zu zeigen, dass in ihrer Entwicklung die letzthinige Legitimation der Gesetzgebung entfiel, es ist also eine Offenbarung an Moses nicht mehr nötig, sondern seit Kant sind einerseits die organisatorischen Rationalisierungen schon Begründung genug, verbindliche Normen zu kreieren, andererseits geht es nur mehr um Ausdifferenzierungen von Entscheidungen und deren Anpassung an bereits eingespielte Systeme, die einmal eine allgemeine Akzeptanz für sich beanspruchen konnten. Recht schnell können wir somit erkennen, was es heißt, mit selbstreferentiellen Systemen zu tun zu haben. Dieser Exkurs dient der Vorbereitung auf eine andere Sicht auf die Sozialwissenschaften.
15. Weltbild an Stelle von Weltreligion
Freilich verdankt sich diese überraschende Wende einer Zeit, in der die Geschichte nach Weltbildern interpretiert wird. Für unsere gegenwärtige Weltlage haben sich zwei Komplexe von Weltbildern herausgebildet. Dabei ist zu beachten,, dass sie nicht mehr in ihren realen Gegensätzen vorhanden sind, bald die gleiche Gestalt aufweisen. Sie verkörpern oft einen Zusammenhang im gleichen Zeitraum, aber bald driften sie in genealogischer Filiation auseinander, bald treten sie zueinander in Konkurrenz und verlieren ihr Unterscheidbarkeit. Es sind Dutzende Beispiele anzuführen, die diesen bemerkenswerten Prozess begleiten. Russland versucht erneut eine Sowjetunion zu werden, allerdings ohne einer ideologischen Grundlage verpflichtet zu sein, großteils dominiert von Personen die in kapitalistischer Weise agieren, aber ihre Herkunft aus marxistisch-leninistischen Erziehungsanstalten nicht verleugnen. Dennoch ist darin ein Weltbild zu erkennen, nämlich mit Überzeugungskraft den Anspruch oder die Erklärung der Welt zu beanspruchen. Es ist also der weltmissionarische Anspruch erhalten geblieben, obwohl die Ideologie fast fallen gelassen wurde. Spiegelbildlich ist Gleiches in den USA zu sehen, die wenigstens eine eindeutigere Position bezogen, nämlich alles einem Typus des Wirtschaftsstils zu unterstellen, der erst jetzt die Kriterien des Kapitalismus erfüllt. Neu ist, dass in beiden Fällen Weltbilder beschworen werden, die im Grunde Überzeugungsgemeinschaften ins Leben rufen, die sich über alle Grenzen hinwegsetzen. Die traditionellen Gemeinschaftsformen werden ebenso übergangen, werden nahezu gegenstandslos, wie die alten Institutionen nur mehr eine Fassade abgeben. Die Verbreitung dieser Weltbilder, sei es nun ein chinesisches, amerikanisches oder russisches, oder gar eines der Europäischen Union, bezwecken je einen weltgeschichtlichen Befund, der zur Leitlinie des politischen. Kulturellen und ökonomischen Handelns wird. Es wäre fast leichtfertig, allen diesen Befunden eine kapitalistische Intention zu unterstellen, auch wenn dieser Wirtschaftsstil die gelungenste Form der Durchsetzung eines Weltbildes zu sein scheint.
Einmal hatten die Weltreligionen diese Absicht verfolgt und in dieser veralteten Form versucht es der Islam noch immer. Allen Weltreligionen war aber eine Einsicht gemeinsam, die Welt als eine ethisch sinnvolle Ordnung zu begreifen. Eine durchaus ähnliche Absicht verfolgte die Aufklärung, selbst wenn sie vornehmlich in Europa ein Maßstab geblieben war. Der erste Angriff der Aufklärung galt den Religionen, an deren Stelle sie die rationale Verbesserung des Lebensentwurfs anboten und in neuer Weise den Sinn einer sozialen Ordnung interpretierten. Nun war das keineswegs eine monolithische Überzeugung, wie es im 18. Jahrhundert den Anschein erwecken konnte, sondern bald waren die darin formulierten Weltbilder einander ähnlich, übereinstimmend, oder aber gänzlich entgegengesetzt. Der nächste Angriff galt den alten politischen Mächten und diese mussten sich erheblich verändern, wollten sie diesen Angriff halbwegs überstehen. Nach allem war die feindselige Gegenüberstellung der Weltbilder im 19. Jahrhundert übrig geblieben und mit Hilfe der technologischen Innovation war dieses Konfliktpotential bald über die gesamte Welt verbreitet worden. Die genealogischen Affiliationen und Konkurrenzen waren ebenso wenig zu übersehen wie die neuen politischen Offenbarungen und säkularen Reformationen. Am Ende stand der Weltkrieg 1914.
16. Die Gesellschaft als ein Produkt der Weltanschauung
Die gegenwärtige Welt hat sich in erheblichem Ausmaß aus diesen Weltbildern entwickelt, deren Charakterisierung mit Marxismus oder Kapitalismus ungenügend ist. Es sind die jeweiligen Mischformen, die bei den Weltmächten eine Rolle spielen. So stehen wir vor der Spurensuche, wo und wann sich die Verzweigungen ergaben und warum? Allerdings werden wir einigermaßen verblüfft feststellen, dass die Aufklärung keine eigene Weltgeschichte bildete. Es ist eben nicht das Thema, die Aufklärung in den Revolutionen aufgehen zu lassen, die ungleichzeitigen Emanzipationen darzustellen, die aber aus verschiedenen Strukturen kamen, die geistige Freiheit als Ziel anzugeben oder gar die Erringung der Menschenrechte. So es behauptet wird, lässt man die genuinen Strukturen beiseite und stellt sich beispielsweise nicht die Frage, warum je nach sozioökonomischen Gegebenheiten verschiedene Auffassungen von Freiheit oder gar Menschenrechten bestehen blieben, obwohl gemäß eines Glaubensbekenntnisses die Kriterien der Aufklärung geteilt werden. So ist die Aufklärung stets im Verein mit Kolonialismus und Kolonialverwaltung oder mit Befreiungsbewegungen kontaminiert gewesen Mögen die Faktoren vergleichbar gewesen sein, so zogen Ideologien um die Welt, die sich nach recht unterschiedlichen Gesichtspunkten mit Religionen, Kulturen, Weltanschauungen und auch Wissenschaften amalgamierten. Im Sinne einer „Weltindustriekultur“ waren davon weltweit politische Einrichtungen, soziale Bewegungen oder gar Lebensformen beeinflusst worden. Wer also heute versucht, die politischen Ereignisse in Russland, China, Vietnam oder Chile, Korea oder Japan zu verstehen, stößt umgehend auf das Dilemma, wie diese entgegengesetzten Bestände dieser Gesellschaften zu bewerten sind. Hier begegnet er noch einer gewandelten Stammesgesellschaft mit den Resten traditioneller Religionen, Kulturen und gleichzeitig war mit der Entkolonialisierung die Moderne eingekehrt und verursachte enorme Spannungen, Verunsicherungen, die als Bürde für die Innovationen gelten. Allein schon die Tatsache, wie die Spielarten der Aufklärung in die diversen europäischen Länder kamen, stellt jeden Historiker vor eine fast unlösbare Aufgabe, sollte er im Sinne einer universalgeschichtlichen Darstellung eine Verwandtschaft zwischen der Aufklärung in Siebenbürgen und in Schweden festzustellen haben.
17. Die Mutationen der Aufklärung
Diese Spannung, die sich aus dem Konzept der Aufklärung selbst ergibt, ob sie nun eine obrigkeitlich induzierte Aufklärung war, oder aber in früh nationalen Unabhängigkeiten entwickelt wurde, zeigt auf der anderen Seite die Gelegenheit an, dass in Ideologisierungsprozessen eine Uniformität angestrebt wurde, die sich eben recht gut vereinheitlichen ließen, sei es auch in Formen von Schlachtrufen der Französischen Revolution oder aber in den Terminologien von Kapitalismus und Marxismus. Ab nun werden von diesem Raster die Beurteilungen angefertigt und im Zuschnitt auf die entsprechende Ideologie angepasst. Zur Vergegenwärtigung muss man sich das Folgende vorstellen. Die Aufklärung hatte sich in England und Frankreich schnell entwickelt, auf der einen Seite als Folge der Philosophie von David Hume, auf französischer Seite war die Aufklärung ein politisches Anliegen nach Montesquieu und gleichzeitig ein literarisches Anliegen rund um die Gruppe der Verfasser der Enzyklopädie – Diderot, d´Alambert. Als man sich in Überwindung barocker Philosophie und der als esoterisch bezeichneten Gedankenwelt von Jakob Böhme endlich zur Aufklärung entschloss, so zeigen die Quellen ein recht differentes Erscheinungsbild. Auf der einen Seite folgte Lichtenberg der englischen Version mit einem starken Bezug zur Naturwissenschaft, Lessing hingegen schloss sich der literarischen Aufklärung Frankreichs an, was dann in Deutschland eigenständige Fragen und Antworten zur Aufklärung bewirkte. Der Exponent dieser Aufklärung war schließlich Kant, zu dessen Wochenend-Jausen die russischen Aristokraten regelmäßig erschienen. Russland stand somit vor dem Problem, welche Variante von Aufklärung anzuwenden ist? Da war die deutsche Prinzessin und Zarin Katharina, die Diderot verehrte und dessen Nachlass nach Sankt Petersburg bringen ließ, hingegen die politische Aufklärung stärkte eher die Zentralmacht des Zarenhofes und zugleich war die Aufklärung in der russischen Version der Motor für den Panslawismus. Nikolai Danilewski zeigte jetzt in der Vereinigung der Slawen die neue politisch-romantische Form auf, eine Substitution des Reichs, wobei die politische Repräsentanz ziemlich unklar blieb. Später tritt uns das unverwechselbar Russische in den Romanen von Dostojewskij entgegen, vor allem in der Gleichsetzung von Lebensform, Wissenschaft, Kunst und in der Repristination von Volk. Es sind die Bezugspunkte künftiger „Intelligentzija“, die wie ein religiöser Orden diese Version der Aufklärung verkörpert und sich auf den Weg macht, die Revolution von 1917 vorzubereiten. Würde man nun dieses Schema als Realisierung der Aufklärung anwenden wollen, würde man in Brasilien eines besseren belehrt werden. Dort war ein säkulares Weltbild verkündet worden und schnell von den politischen Eliten adoptiert. Das Schlagwort war Comte entnommen worden – ordre et progres – und zierte bald die brasilianische Flagge. In diesem politischen Positivismus war eine Menschheitsreligion verkündet worden, weniger eine Freiheit, weit mehr ein „Frei-Sein“ von allen möglichen traditionellen Bindungen, ein Plädoyer für freimütiges Denken, das die trügerischen Absichten der alten Gesellschaft durchschaut und im hellen Licht der Aufklärung die Klarsicht erlaubt, die jedem Denken und Handeln Pate zu stehen hat. War in Brasilien ein säkulares Weltbild als generelle Emanzipation von allen vorangegangenen Stadien angesehen und verbreitet worden, so sah sich die Intelligentzija in Russland als Werkzeug einer Welterlösung. Allerdings stieß hier die Aufklärung als Modell des Westens mit der Verbundenheit mit dem russischen Volk hart aufeinander und steigerte diese Gegenüberstellung zur Gesinnungsfrage. Mit deren Politisierung war der Marxismus die Chance, beiden Motiven zu genügen. Das Lamento der Marxisten, der Marxismus habe am falschen Ort Fuß gefasst, ist also blanker Unsinn, der von Beginn an als eine atheistische Heilslehre zu verstehen war, die natürlich im damaligen Deutschland die gleiche Verbreitung gefunden hätte wie der Nationalsozialismus. Es wäre die entbehrte deutsche Revolution gewesen, um oder nach 1918.
Hier kann am Beispiel Brasiliens oder Russlands gezeigt werden, dass Aufklärung nicht nur unterschiedliche Sozialisationen geschaffen hat, nicht nur höchst differente Ziele anstrebte, sondern in dem Maß die historischen Unebenheiten sich einer Ideologisierung widersetzten, im gleichen Ausmaß war die Ideologie zu einem Glaubensbekenntnis geworden, das sich mit mehr oder weniger Gewalt gegen die Landesgeschichten durchsetzte. Und für unsere Aussage ist es wichtig, dass erstmals eine Ideologie sich gänzlich von kulturellen, sozialen, ökonomischen und ethnischen Kontext zu lösen vermochte und wie ein deus ex machina ab nun das richtige Handeln und Denken diktierte. Und es ist noch immer in unserem Denken präsent, denn wer denkt bei Russland an eine Geschichte vor dem Dekabristenaufstand, vor den Attentaten auf den Zaren oder vor der Revolution. Der Marxismus ist im Verständnis Russlands bis heute eingebrannt und nicht einmal dieser völlige politische Wandel vertreibt den Gedanken, ob es sich nicht doch um ein weiteres Fortspinnen von Marxismen handelt? Darin ist zugleich auch die Tendenz zur Globalisierung der Aufklärung zu erkennen. In den Überlegungen kann die Tendenz erkannt werden, dass sich die Wandlungsprozesse nicht mehr aus dem Schoß der Gesellschaft ans Tageslicht bewegen, sondern die Akzente werden von nun an, nehmen wir den Zeitpunkt der Französischen Revolution, aus philosophischen Ambitionen nicht nur als Anamnese der Wirklichkeit angeboten, sondern man weiß auch, was zu ändern ist und wie etwas geändert werden soll. Wir können bei diesem historischen Exkurs stehen bleiben. Es kann darin erstmals die Umkehrung beobachtet werden, dass im Gegensatz zu früheren Annahmen die Bedingungen von gesellschaftlichen Bedingungen verändert werden, eine Korrektur oder eine Verbesserung erfahren, wie es im Kernstück des Parlamentarismus vorgesehen ist, sondern mehr oder weniger selbst ernannte Eliten, sich frei spielende Institutionen bestimmen das weitere Geschehen und entscheiden über das Fortbestehen der traditionellen sozialen Institutionen. Daraus ergibt sich die Frage, wie sieht es mit der moralischen Ausstattung aller jener Kräfte aus, die in der Nachfolge eines totalitären Regimes stehen und sich nun rechtzeitig für die Alternative entschieden, also für Demokratie und Rechtsstaat.
18. Rechtstechnik als soziale Moral
Inzwischen haben wir ja aus der Literatur erfahren, dass das Verhältnis von Moral und Moderne mehrere Wandlungen schon hinter sich hat. Inzwischen ist das Ergebnis eine erhöhte Unsicherheit, ob nicht jene Bemühungen um Ethik und Moral ab Kant fehl schlugen, nicht nur weil Weltkriege einen Verlust bezeugen sowohl öffentlicher Moral wie auch der privaten, sondern weil eine Reihe unserer verschiedenen Vorstellungen in unerfüllbare Ferne gerückt erscheinen, deren Einlösung, Umsetzung, Verwirklichung nicht mehr wirklich gelingt. Auf der einen Seite ist es einen Binsenweisheit, dass die Zunahme der Freiräume und Freiheiten den moralischen Anspruch erhöhten, wie andererseits das Programm der Aufklärung vorsieht, Religion und Moral nur mehr reduziert wahrnehmbar zu machen. Wenn schon Juristen in unserer Gegenwart wichtiger sind als die „Moralisten“, die den Fortschritt in der modernen Zivilisation eher behindern und verkomplizieren. Das erklärt auch den Wandel von moralischen Motiven zu technisch-instrumentellen Entscheidungen, wie es in der späten Aufklärung propagiert wurde. Es ist die Stunde des Rechtspositivismus. Da Recht in unserem Empfinden eher wie eine Illusion aussieht, sind die rechts-technischen ad hoc Lösungen je nach Maßgabe eine erwünschter Realismus gemäß Gewohnheit und Übung. Somit war es totalitären Positionen leicht gemacht, die Veränderungen der modernen Zivilisation zu beklagen und anzuklagen, weshalb selbst Diktaturen wie Moralisten auftreten konnten. Wenn wir nun jenen Satz beleuchten, dass die neuen Freiheiten eine besonderes Ausmaß der Moral erfordern. Es ist das Argument, dass Freiheit grundsätzlich von einer Selbstdisziplinierung begleitet sein soll. Wir kennen diesen Zuschnitt, der uns gerade bei extremen Übertretungen gesellschaftlicher Regeln auffällt, dass die Vielfalt der Freiheit in lebensdienlicher Selbstbestimmung eine Formatierung erhält, ohne die das Konglomerat unserer Zivilisation, eben Freiheit, Sinn und Lebenssinn, keine realistische Fassung mehr besitzt – oder nennen wir eindeutiger, eine Verfassung zu benötigen.
19. Die neue Lebenskultur
Wenn wir oft hören, dass Moral und Sitten verfallen, dass heute das nicht mehr gilt, was gestern noch gewohnter Lebensvollzug war, so gilt das Lamento, das es immer gegeben hat, vielleicht den Änderungen der Alltagsmoral nicht mehr folgen zu können. Meistens richten sich die Beschwerden ohnehin nur gegen Kinder, die ihre Essensreste nicht ordnungsgemäß beseitigen, aber anspruchsvoller sind die Vorwürfe, sollte die Alltagsmoral eine wohlfahrtsabhängige Freiheit ermöglichen, durch die eine neue Lebenskultur die Zivilisation verändert. Das Beispiel einer sehr bemühten Integration der Homosexualität in der öffentlichen Wahrnehmung wäre ein Beispiel, wo Lebensform, Freiheit und Moral in neue Dispositionen gebracht werden. Die logische Folge ist die veränderte Lebenskultur, die immer weniger von einer Arbeitswelt strukturiert erscheint, sondern von Freizeit und Bildung einer leisure class. Nun ist die Alltagsmoral nicht mehr in der Weise präsent wie man es zuvor in den soziologischen Schriften zur sozialen Kontrolle lesen konnte, sondern längst hat die individuelle personifizierte soziale Kontrolle an Kompetenz verloren. Das äußert sich einmal darin, dass genau gegen diesen Vollzug vormaliger Alltagsmoral jede durchschnittliche Talk Show das weite Feld tatsächlichen oder möglichen Verhaltens präsentiert und generell die Kriterien sozialer Kontrolle untergräbt. Entweder wird je nach medialer Entscheidung ein Verhalten in Öffentlichkeit verurteilt, oder aber ein außergewöhnliches Verhalten wird zum sogenannten Normalverhalten. Inwieweit hier Veränderungen nahezu internalisiert erscheinen, zeigt die Debatte vor gut einem Jahr. Da hatte sich ein lesbisches Pärchen in einem Café mehr als auffällig und ohne Unterbrechungen geküsst, Intimitäten ausgetauscht, die die Lokalbesitzerin teils als Störung und teils als Provokation empfand. Sie wies die beiden Personen aus dem Lokal. Diese wiederum erhoben Anzeige, schwerwiegend diskriminiert worden zu sein und der Hinauswurf aus dem Café wäre nicht gerechtfertigt gewesen. Die Reaktion war, dass Tausende Sympathisanten einen Protest vor dem Café planten. Das Ergebnis war nicht mehr verblüffend. Die Geschäftsführerin musste sich öffentlich entschuldigen, denn ihr Verhalten war unangepasst und offenbar im gegenwärtigen kulturellen Kontext sittenwidrig. Über viele Jahre waren es die deutlichen Verbesserungen der Werbung, die den Konsumenten die Entscheidung abzunehmen schienen und ihn zu bevormunden begannen. Nun hat sich diese Situation mit der Entwicklung der Massenmedien stark verändert. Immer deutlicher nimmt man wahr, dass die moderne Zivilisation ohne diese Vielgestalt der Massenmedien nicht denkbar ist. Nun ist es ein verbreiteter Irrtum zu meinen, diese Medien würden gleichsam eine „Vermassung“ bewirken, einen starken Konformitätsdruck ausüben und somit eine Gleichschaltung von Mentalitäten, Bewusstseinsformen und Einstellungen bewirken. So einfach ist das nicht. Die Wirkungsweisen sind ziemlich anders geartet.Mit der Telekommunikation und den elektronischen weiterführenden Medien kommt es zuerst einmal zu einer Individualisierung. Deren Merkmal mag vorerst überraschen, denn die sogenannte Bürgerkompetenzscheint zuunehmen, die Kritikfähigkeit umfasst weite Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und gleich die ganze Welt. Mit der Konsumation höchst individuell zugeschnittener Nachrichten sind die Menschen lange Zeit beschäftigt, diese >Mitteilungen aufzunehmen und sie weiterzugeben, obendrein vielleicht mit einem eigenen Kommentar versehen. Die Informationsrezeption wird exzessiv, wie jeder Waggon der U-Bahn beweist. Es kommt, wenn nicht zur Implosion, so zu einem progressiven, intellektuellen Passivismus. Die Orientierung in diesem Dickicht der Informationsflut ist sowohl selbstbestimmungsabhängig als auch moralisch bedingt. Da meinen die einen, derartige Apparaturen erst gar nicht zu kaufen, verweigern sich also dem informationstechnologischen Fortschritt, was nicht ganz der Sinn in dieser Zivilisation sein kann, die anderen geben vor, die Teilnahme von strikten Selektionen abhängig zu machen. Daher wird von den Menschen eine Mediennutzungsmoral gefordert, die immer schwerer durchzuhalten ist. Das kulturelle Niveau der Nutzer zeichnet sich gerade in der Gestaltung der Beziehung zu den elektronischen Medien ab, weniger wird es durch die kulturelle Qualität der Medien definiert. Zu unserem Erstaunen ist eben nicht die Uniformität das Ende der sozialen Beziehungsformen, sondern weit eher werden enorme kulturelle Differenzierungen ausgelöst, die die bisherigen gesellschaftlichen Verbindlichkeiten weit in den Schatten stellen. Es ist die Ursache für die soziale Fragmentarisierung. So stellen sich völlig neue Situationen ein. Wie die Gesundheit offenkundig durch Askese eher gewährleistet ist als durch exzessive Lebensformen, so sind die alltagsmoralischen Anforderungen nicht mehr gegenüber Not und Mangel zu entwickeln, sondern in bewusster Mäßigung in der Nutzung angebotener Möglichkeiten. Allerdings gibt es ein neues Phänomen in der Gegenwart. War es eben in der Phase der Industrialisierung immer dringlicher, sich an Zeiten zu orientieren, einer gemeinsamen Zeitmessung zu folgen und die gestiegene Arbeitsteiligkeit wäre ohne Uhr undenkbar gewesen, so ist jetzt die Verfügung über Zeit stark individualisiert. Wenn die Pünktlichkeit zum Bestand früherer bürgerlich-industrieller Gesellschaft gehörte, so scheint es eine Verbindlichkeiin der Pünktlichkeit nur ehr sporadisch zu geben. Die bei Niklas Luhman so köstlich beschriebenen Erwartungserwartungen treten nur noch selten ein, denn die erste und wichtigste Tugend wäre dabei die Einhaltung eines übereinstimmenden Zeitpunkts gewesen. Plötzlich kommen ethische Kriterien ins Spiel, von denen wir aber wissen, dass sie kaum mehr geteilt werden oder bestenfalls ein Merkmal von Sekten sind, von Alternativbewegungen, die innerhalb der Gesellschaft ein insulares Dasein bevorzugen. Das sind die neuen laizistischen Bettelorden, die Bewegungen zwischen Green Peace und dem Kinderkreuzzug gegen den Klimawandel. Zumindest die seit der Frühindustrialisierung zeitlichen Koordinationen erfuhren eine Lockerung, speziell im Home Office. Es war der Eisenbahnbau, der dafür gesorgt hatte, dass über hunderte Kilometer hinweg die Gültigkeit der Pünktlichkeit eine überragende Rolle spielte. Aus der Eisenbahn stammte dieses industrielle Zeitbewusstsein, das einerseits eine Vereinheitlichung der Uhrzeit bewirkte, sondern auch eine gelungene Anpassung der Abläufe benötigte. Die Auflösung dieser Verbindlichkeiten würde und modernitätsunfähig machen. Und wieder ist in Erinnerung zu rufen, dass selbst das Zeitbewusstsein einen Verlauf zu nehmen scheint, der aus einer langsam erreichten Bereitschaft zur Synchronisation ab dem 17, Jahrhundert eine stete Steigerung erfuhr und nun scheint es nicht nur Lockerungen zu geben, sondern die Zeit wird immer mehr individualisiert. Waren früher, also in der vorindustriellen Gesellschaft die Jahreszeit oder der Umlauf der Erde um die Sonne das Maß aller Dinge, hatte man sich danach orientiert, so war in der postindustriellen Gesellschaft die Arbeitsteiligkeit stark verändert, schien eine Selbstbestimmung zu stärken, doch jetzt konnten Erscheinungen festgestellt werden, die fast wie eine Emanzipation von Zeit aussehen.
20. Soziologie als Zukunftsforschung
Nun sind das alles Spuren, die sich gut verfolgen lassen, denn die Soziologie selbst ist von ihrer Geburtsstunde an jene Hypothese, die meint, in Kenntnis der sozialen und historischen Zusammenhänge über die Zukunft der Gesellschaft bestimmen zu können. Es genügt also, den Bauplan für eine Gesellschaft festzulegen, um hierauf die entsprechenden Weichenstellungen vorzunehmen. Das war schon ein Anliegen der frühen Statistik gewesen, die Einrichtung der sogenannten Staatstafeln, und nicht zuletzt war es der Gegenstand klassischer französischer Politik an der Wende zum 18. Jahrhundert, den Ausbau des künftigen Staates danach auszurichten. Das war ein typisch barocker Gedanke, der uns so gar nicht geläufig ist, da wir uns von der Ästhetik täuschen lassen, nämlich an den Bau eines Wohlfahrtsstaates zu denken, dessen Ziel eine hohe soziale Stabilität war – bei gleichzeitiger Beibehaltung traditioneller sozialer Schichtung. Das war natürlich gründlich verfehlt worden und die Revolution ist der Nachweis dafür. Immerhin hatte sie aber diese Intention vollständig adoptiert und ihre Propagatoren hingen allesamt diesem Gedanken barocker Aufklärung an. So war die Revolution weniger die Umkehrung der bisherigen politischen Gestaltungsvorstellungen, sondern eher vom Gedanken getragen, sie erstmals auch umsetzen zu können. Das alles ist an den Entwürfen zur Architektur bei Claude-Nicolas Ledoux und Etienne-Louis Boullée gut zu erkennen. Im Grunde stand diesen Ideen und deren Verwirklichung nur das ancien regime entgegen. Dieses Problem meinte man, über die Guillotine lösen zu können. Es wurde dann für alle künftige Zeiten ein probates Mittel, das Gesetz politischen Handelns auf die eigene Seite zu bringen. Wenn diese Verbrechen die Grundlage sozialer Innovationen sein sollen, wird es schwierig werden, dauerhaft Menschenrechte und –würde einzuhalten.
Wenn nun ein alternatives Modell der Aufklärung das gesellschaftliche Bewusstsein gestalten soll, so war dieses nach langen Bemühungen im Bildungs- und Schulsystem damit erreicht worden, dass man begann, Religion und Moral gleichzustellen. Dass nach der Einebnung der Unterschiede, die heute nicht mehr wahrgenommen werden, zeigt an, dass einerseits Religion – in dieser Bezeichnung bereits eine Definition aus der Aufklärung – nicht mehr in der Vollzähligkeit ihrer Dimension verstanden wird, andererseits fällt schließlich nicht auf, dass Moral als eine Konstruktion der Wohlmeinungen vorgestellt wird, die sich einfach aus den Resultaten diskursiver Ethik ergeben soll. Die Einebnung oder Gleichstellung verweist auf das Problem, dass wir gerade in den politischen Perfektionierungen unzulässige Verkürzungen vornahmen, die sich da im Positivismus nach Auguste Comte als Kompensation aufdrängten, dort aber das frühere Gesellschaftskonzept mit der neuen Identität nationaler Zugehörigkeit in der Romantik austauschte.
21. Die Subjektivierung der Moral
Die weitere Emanzipation ist im Verhältnis von Moral und Recht zu verfolgen. Man muss einmal begriffen haben, dass die Vielzahl der Kodifikationen, die Tonnen von ausgeklügelten Konstruktionen des Rechts zwar aus moralischen Quellen gespeist wurden, aber mit der Verschriftlichung, mit dem Segen Gesetze beschließender Institutionen die ideelle Seite der Moral zuerst verwischen, schließlich Vergessen machen. Wenn es zum Beispiel heißt, nicht stehlen zu dürfen, so gäbe es heute keine Sanktion, würde die gesetzliche Legitimation anders lauten. Erst das Strafrecht macht uns den Rechtsbruch bewusst, nicht mehr die aus einer Ethik abgeleitete Überzeugung. Heute können wir es sofort nachvollziehen, wenn wir an Korruption denken, denn wir können nur schwer nachvollziehen, auf welcher Ebene ein strafrechtlicher Tatbestand erfüllt wird. Der ganze weite Bereich des sogenannten „White collar crime“ besteht aus einer langen Liste, mehr oder weniger geduldeter Vergehen, die im gesellschaftlichen Bewusstsein nicht nur gern nachgesehen werden, sondern eine etwaige Ahndung wird im Grunde als Pech für den Betroffenen angesehen. Dabei bleibt es aber nicht, denn wie oft hörten wir, dass für alles Mögliche die politische Verantwortung übernommen würde, doch wir rätseln, welche Bedeutung diese Aussage haben soll, dann sie hat keinerlei Folgen. Da ist Moral, mehr oder weniger eine Art internalisierter Rechtsordnung, nicht mehr wirklich vorhanden, sondern großteils fiktional, zwar gern gelesene Empörungen in Print-Medien, aber ohne jede Folge für die Angehörigen einer politischen Klasse. Während das alte Kirchenrecht noch vorsah, dass niemand zu einer Ehrenstellung ernannt werden dürfe, der nur in einem geringfügigen Verdacht steht, so ist heute die Verantwortung stets vom Satz eröffnet, dass man eine etwaige Schuld erst nachweisen müsse. Das zeigt genau die Spannung an, in der die Gesellschaft sich zwar in die Richtung eines Rechtsstaats bewegte, aber die Regeln dieser Rechtsordnung stehen nicht mehr im Zusammenhang mit ethischen Dispositionen, die zumeist eine sehr alte Geschichte haben, sondern sind zu Spielregeln gemindert worden, die eher zum Glücksspiel passen als zu der beschworenen Rechtsstaatlichkeit. Am Höhepunkt dieser Entwicklung beschloss der medizinisch-juristische Sachverständigenbeirat des Ministerausschusses im Europarat, zur Erleichterung des Betriebs der Samenbanken in den Familienrechtssystemen der Mitgliedsländer das Recht der Individuen auf Kenntnis ihrer genetischen Abstammung zu tilgen. Im ersten Moment wird man diese Sachverhaltsdarstellung mit der Hypothese der Vorlesung nicht in Einklang sehen. Dennoch ist die langsame Drehung wahrzunehmen, dass die auf Funktionalität hin ausgerichtete Legalität der Verfahren nach und nach die Legitimität der Rechtssätze in den Schatten stellt. Es gerät die Rechtsgenese nicht mehr aus dem Schoß der Gesellschaft in die politische Öffentlichkeit, sondern die verschiedensten Institutionen schaffen Rechtsverhältnisse oder verändern Lebensordnungen, die ihre Rechtmäßigkeit erst im und durch das Verfahren erlangen. Sollten an diesen traditionellen Verfahren, an dem Regelwerk Zweifel geäußert werden, dann wird man bald bemerken, dass gemäß gegenwärtiger Zivilisation jeder Zweifel beseitigt werden kann, denn jede beliebige Regelung kann in die technisch-instrumentellen Struktur unserer Rechtsordnung schnell integriert werden und erhält die Weihen der Sachlichkeit und Objektivität. Also gilt der Verfassungsartikel nur mehr außerordentlich begrenzt, dass in unserer demokratischen Republik das Recht vom Volk ausgeht. Nun war die Warnung Hans Kelsens gerechtfertigt, dass hier eine Illusion formuliert wird, die Karl Renner nach langem Ringen durchgesetzt hatte, aber Kelsen hatte nicht bedacht, dass inzwischen gesellschaftliche Institutionen auf die Geltung rechtlicher Normen Einfluss nehmen, ohne den Spießrutenlauf durch die politischen Entscheidungsfindungsprozesse in Kauf zu nehmen. Es sind mediale, ökonomische und politische Transformationen eingetreten, die das bisher geltende Regelwerk der Rechtsstaatlichkeit überrunden oder unterlaufen. Nun muss man sich auch klar sein, dass diese Wandlungsformen, die sind die Gesellschaft betreffen, auf eine breite Akzeptanz bei den Individuen stoßen, die in diesen Veränderungen und schleichenden Umstellungen in den Lebensvollzügen die Vorstellung der Individualisierung und Entbindung aus Formen gesellschaftlicher Bindungen erfüllen, ja besser erfüllen als die in der Verfassung dekretierten Freiheitskataloge.
22. Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Nun muss man die Hypothese neuerlich in Erinnerung rufen, dass die Wirklichkeit eigentlich zum Abziehbild der Wirklichkeit geworden ist. Es mag absurd anmuten, dass genau jene Wissenschaften eine Beihilfe leisteten, die überzeugt waren, kein Abziehbild sondern ein Abbild der Wirklichkeit anbieten zu können. Ausgerechnet in der Ausarbeitung sozialwissenschaftlicher Methodologie wurde einerseits eine hohe Qualität quantitativer Erhebungstechniken erreicht, andererseits gleichen diese Mühen oft einer perfekten Küche, in der aber nichts gekocht wird. Trotz vieler Versprechungen über bevorstehende Perfektionierung der Erhebungsmethoden sind keine Überraschungen in der Soziologie bekannt geworden, dass etwa ab nun soziale Veränderungen oder gar Ereignisse erklärt oder gar prophezeit werden können. Zumindest sind diese Erklärungen nicht besser oder eindrucksvoller als die Resultate bisheriger philologischer und historischer Methoden. Nun berührt das noch nicht unser Thema. Es ist aber die Vorbereitung getroffen worden, und das kann man durchwegs behaupten, dass die anfänglich gelehrsamen Überlegungen ab Lazersfeld nicht nur Versprechungen waren, ab nun über Lenkungspolitik die Gesellschaft auf die recht Bahn zu bringen, sondern in der Umsetzung waren die Ergebnisse immer bescheidener geworden. Im Buch „Personal Influence“ hatte Lazersfeld noch überzeugend dargestellt, dass Massenmedien keinen unangemessenen Einfluss auf die Konsumenten ausüben. Noch hatten die Autoren aus eigener Anschauung diese Überzeugung begründet, dass ein Freundeskreis stärkeren Einfluss auf die Person ausübe als Radio oder Zeitung. Allerdings wurde keine weitere Überlegung angestellt, denn sie hätte gerade dem Empiriker vor Augen geführt, ob nicht diese besagten Freunde die Leser gleicher Zeitung oder Hörer desselben Sender gewesen waren? Und natürlich war man noch weit entfernt, jene Wirkungen zu überprüfen, die durch die sozialen Medien ausgeübt werden. An diesem Punktr hätte die Untersuchung zu starten, oder da hätte sich gut zeigen lassen, dass die damaligen Freunde in der Kommunikation mehr oder weniger die Artikel aus der gleichen Zeitung zur Sprache brachten und bestenfalls waren die Zusätze originelle zusätzliche Kommentare. Diese Homogenität ist aber nicht mehr gegeben. Die Unübersichtlichkeit in der Nachrichtenflut lässt die Bezieher verwirrt zurück. Und dieser Umstand gibt das Fundament für unsere Hypothese, dass diese Informationen die Wirklichkeit wie Material behandeln, das es erst zu bilden gilt und die tatsächliche Wirklichkeit überrunden soll.
23. Eine Gesellschaft aus dem Geist der Soziologie
Die Gründe dafür sind vielfach gegeben. Einerseits kann eine bewusste Desinformation erfolgen, andererseits wird der Erfindungsgeist bevozugt oder gar ein Vorgang stattfinden wie beim Spiel „Stille Post“. Und in der Gegendarstellung erhebt Stanislav Andreski in seiner Kritik an den Sozialwissenschaften den Vorwurf: „Da sehr wenige wichtige Probleme adäquat mit Hilfe der in den gängigen Lehrbüchern beschriebenen Techniken gelöst werden können, verschafft exzessive Beschäftigung mit Methodologie einn Alibi für furchtsamen Quietismus. Die Ergebnisse lassen sich an den Inhalten der Zeitschriften ablesen. Niemand könnte sich je aus der Lektüre amerikanischer soziologischer und politologischer Zeitschriften die brennenden Probleme der Gegenwart der Vereinigten Staaten erwarten. Ja, schlimmer noch, selbst wenn er die Probleme kennte, könnte er sein Verständnis nicht vertiefen, indem er solche Periodika läse, und müsste auf Monatsschriften oder andere populäre Magazine zurückgreifen. Sogar die populäre Wochenzeitschrift „Time“ gäbe einen viel besseren Einblick in die amerikanische Gesellschaft als die Fachzeitschriften.“ Allerdings kommen noch weitere Facetten hinzu, die dazu dienen, die Wirklichkeit zu verfehlen. Gegen die schädlichen Umwelteinflüsse, die den Sozialforscher beeinträchtigen, ist die Steigerung des methodologischen Purismus gleichsam die Rettung vor der Banalität des Realen. Die Steigerung komplizierter Erhebungsmethoden, bald unterstützt von riesigen Rechenprogrammen der elektronischen Maschinen stellt einen weltweiten Erfolg in Aussicht, den eine Wissenschaft nicht oft erzielt. Daraus wurde ein Glaubensbekenntnis und damit war ein Dogma verbunden, dass nur innerhalb dieser Datenverarbeitungen die Wahrheit über die Gesellschaft zu Tage träte. So waren Sozialwissenschaften zum Glaubensbekenntnis der Modernen geworden. Das war im Grunde durch die Automatisierung der Wissenserzeugung eingetreten, die aus den Anwendern dieser Methoden begehrte Auskunftspersonen machte, um von ihnen über den Zustand der Gesellschaft Sicheres, Gewisses, Eindeutiges zu erfahren. Da geschah es, dass sogar Marxisten sich in diesem Ablauf der Wissenserzeugung wohl zu fühlen begannen und die perfekte Vermischung erzielten, wie und was alles über Gesellschaft in Erfahrung zu bringen ist. Eigentlich war die Sozialwissenschaft wieder in die ursprüngliche Art der Polizeiwissenschaft zurückgefallen, doch das war schon nicht mehr reflektiert worden. Mit der Konstruktion von Eckdaten der Gesellschaft meinte man, einem Realitätsprinzip zu folgen und das Ergebnis landete dann in den Ministerbüros, in den Büros der Parteien, die diesen Wust politisch zu verschlagworten hatten. So konnte es gelingen, dass die Ausstattung mit Rechenmaschinen, Fragebögen und Statistiken zwar die ideologischen Standorte scheinbar zum Schweigen brachte, aber sie flossen dessen ungeachtet ungeprüft in die Interpretationen der Ergebnisse ein. So war unter der Hand eine vermutlich objektiv erhobene Wirklichkeit eine Scheinwirklichkeit geworden. Das erklärt es auch, warum diese Art der Sozialwissenschaften in nahezu allen Typen totalitärer oder autoritärer politischer Systeme leicht eine Bleibe finden konnte und kaum mit der politischen Macht in die Haare geriet. Das war ja noch die tiefe Überzeugung von Lazersfeld in seiner Darstellung der Bedeutung der Soziologie für die freie Welt in einem UNESCO-Bericht, dass die selbstbestimmte Tätigkeit des empirischen Soziologen ein Merkmal für Freiheit und Fortschritt in der Welt ist. Dass über diese Bedingung dann die Wirklichkeit buchstäblich hergestellt werden konnte, als Erzeugnis gelten kann, liegt auf der Hand. Inzwischen sind alle diese Illusionen verflogen. Noch vor 40 Jahren hatte man behaupten können, Soziologie würde die Wirklichkeit unverändert wiedergeben, würde also besser und genauer sein als üblicherweise ein Photo von einer Person, doch inzwischen war die Zuverlässigkeit der Aussagen und Analysen stark in Zweifel gezogen worden. Wie sehr die eingebildete Wirklichkeit sich von der tatsächlichen Unterschied, war relativ leicht zu erkennen als die Berliner Mauer 1989 fiel. Ausgerechnet Soziologen überboten sich am Ende der DDR in der gegenseitigen Versicherung, dieses Ereignis nicht erwartet zu haben oder es war auch nicht zu erwarten gewesen. So sehr hatten sie an der von ihnen selbst konstruierten Wirklichkeit festgehalten, dass sie gegenüber den Ereignissen in Berlin und in der DDR fast blind blieben. Es ist nun leicht, über diesen Umstand einen Kübel von Spott und Hohn zu gießen.
24. Von der Agonie des Realen
Viel wichtiger ist, den Hergang dieser Blindheit zu rekonstruieren und zugleich inwieweit mit dem Brustton der Überzeugung eine soziale Wirklichkeit wiedergegeben wurde, die nichts mit dem Zustand, der Mentalität, dem Bewusstsein in der Gesellschaft zu tun hatte. Weit früher war schon eine Agonie der Realität eingetreten, wie es Jean Baudrillard in den 70er Jahren bezeichnet hatte. Nun muss man diese Aussage dahingehend korrigieren, dass nicht die Wirklichkeit an sich in einen Zustand der Agonie geraten war, sondern den Zustand bewirkte eine reproduzierte Wirklichkeit, im Grunde eine Nicht-Wirklichkeit, die sich realer darstellen konnte als die Realität selbst. Das war über zwei Umstände möglich geworden. Ein gutes Beispiel für dieses gedoppelte Phänomen bietet Burrhus Skinner. In der bewussten Engführung einer Darstellung zur Struktur des Menschen in „Beyond freedom and Dignitiy“ geht er von der Hypothese aus, dass die Menschen allgemein das Vergnügen suchen und jeden Schmerz meiden. Selbst Epikur oder Seneca hätten sich als sogenannte Hedonisten gehütet, ihre Überlegungen auf einer derart schwache Hypothese aufzubauen. Immerhin war es deren Ambition, in diesem Spannungsverhältnis eine Ethik zu erforschen, die beide Faktoren als unabdingbar für den Erfahrungshaushalt des Menschen angesehen haben. Bei Burrhus Skinner werden solche philosophischen Gedanken nicht wiederholt, da er nur die alte Initialidee neu aufgreift und meint, sie würde recht gut empirisch ermittelt werden können. In seinem Jargon bilden dann Vergnügungen Verstärker aus, die das Gemütsleben positiv beeinflussen, hingegen Schmerz wäre ein negativer Verstärker, der eher Pessimismen, Depressionen oder Resignationen hervorruft. Die Lösung der Problems ist schließlich einfach wiederzugeben, da Skinner schrieb: „Die Menschen arbeiten nicht, um Vergnügen zu maximieren und Schmerz zu minimieren, …Sie arbeiten, um vergnügliche Dinge zu machen und schmerzliche Dinge zu meiden…Die Menschen arbeiten, um ….Gefühle… zu erreichen oder zu vermeiden, und nicht wegen der Art und Weise, wie sie fühlen, sondern weil diese Dinge positive oder negative Verstärker sind“. Dieser Umstand zeigt, dass eine konstruierte Wirklichkeit aus der Psychologie verabsolutiert wird und ab nun ist die Auswahl der Handlungsmöglichkeiten nach dem Grad der Verstärkung zu ermitteln, nicht nach anderen Zweckbestimmungen. Hatte also Max Weber unter dem sozialen Handeln ein typologisches Gerüst errichtet, in seiner Version Handlungsmöglichkeiten ermittelt, so ist das bei Skinner bereits verfestigt, besitzt eine Eindeutigkeit, die sich gänzlich von philosophischen Vorarbeiten zu emanzipieren versucht. Uns zeigt sich diese Transformation insofern als Neuerung, da wir begonnen haben, solche psychologisch-empirische Kriterien gelten für den Menschen, weshalb wir damit das individuelle Handlungsrepertoire zu interpretieren beginnen – nach Lust und Unlust, nach der Funktion der Verstärker. Und so verschwindet die Einzigartigkeit des Menschen in der berüchtigten Skinner-Box, die ab nun das Erklärungsmodell psychischer Regungen oder Einstellungen geworden ist. Und es fällt nicht mehr auf, dass alltagssprachliche Begriffe wie Schmerz oder Vergnügen überzogen werden und sich selbst von empirischen Psychologen nicht auf materielle Objekte reduzieren lassen. Es ist eine Vergewaltigung der beiden Begriffe, wenn so getan wird als wären es unhinterfragbare Fakten der Empirie wie Phänomene der Physiologie. So wollen wir diese Einsicht auf Sozialwissenschaften übertragen. Das war schon der Fall, als wir von der Agonie des Realen sprachen. Daher muss man diese Agonie genauer betrachten. Vermutlich wird sie nicht mit dem gleichen Instrumentarium zu analysieren sein wie es Baudrillard versucht hatte. Weder war die politische Entwicklung einer solchen These bereits günstiger gestimmt als heute, noch waren die Medien in dieser Vielfalt vorhanden, wie es heute der Fall ist. Nun muss man erneut innehalten.
25. Die bösen Medien
Ehe man in ein Wutgeheul ausbricht über die Einflussnahmen von Medien. Ehe man alles über Medien vermittelt sieht und die Meinung gewinnt, dass Gesellschaft ein Produkt ist, das sich wie im second-hand-Shop erwerben lässt, muss man generell für moderne Gesellschaft einmal vorausschicken, dass die Ausdifferenzierungen das Ergebnis von Einrichtungen ist, die zur Voraussetzung der Modernisierung unerlässlich sind. Es ist bekannt, dass die Ausbildungszeiten fast ein Drittel der Lebenszeit beanspruchen, weshalb andere Tätigkeitsformen entweder in spätere Lebensjahre verschoben werden, oder aber die Hochleistungsorientierung, wie es Luhmann nannte, eine deutliche Einschränkung der Lebensentwürfe bedingen. So eine soziale Umwelt noch wahrgenommen werden kann, außerhalb von U-Bahn, Bus oder Eisenbahn, so wird generell auffallen, dass die traditionellen Instanzen fehlen, die gleich besser verstanden werden können, wenn wir zu diesen auch Ethik oder moralische Handlungsnormen hinzuzählen. Luhmann war hier der festen Überzeugung, dass solche Instanzen ihre gesamtgesellschaftliche Verbindlichkeit verloren und nur innerhalb von klar umgrenzten sozialen Funktionssystemen bestehen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Vergleich einer freien Wahl von Lebensentwürfen mit der bewussten Einschränkung dieser Wahlfreiheit. Auf der einen Seite ist der eine Bereich von steigender Libertinage gekennzeichnet, von einer gesellschaftlich vermittelten Verpflichtung zur Akzeptanz unterschiedlichster Selbstbeschreibungen und Selbstzuordungen, weshalb wir heute etwa 5 Geschlechtszugehörigkeiten verzeichnen, hingegen eine vergleichbare Einlösung von selbstbestimmten Lebensentwürfen, die sich nicht mehr an traditioneller Moral orientieren, medial verfolgen und mit Spott und Hohn bedenken, da gegen die institutionell verpflichtenden Lebenshaltungen verstoßen wurde. Das betrifft in erster Linie die Spannung zwischen gesellschaftlicher und kirchlicher Sexualmoral. Dabei geht es weniger um die Fortsetzung der bekannten Debatten innerhalb oder außerhalb strafrechtlich relevanter Missetaten, sondern Moral und Hypermoral brechen auseinander. Es zeigt vor allem an, dass es für die alte Zuständigkeit von Gesellschaft keine verbindliche Instanz mehr gibt. Das zeigt sofort das Problem an, wenn über Forderungen nach Umweltschutz ein individuell ethisches Handeln als Konsequenz gesehen wird, aber für welchen Bereich der Gesellschaft soll hier eine Geltung durchgesetzt werden?
26. Die Wirklichkeit wird erfunden
Es gibt die alten Schichtmodelle der Gesellschaft nicht mehr, in denen für den Adel der Begriff der Ehre eine soziale Kompetenz beanspruchen konnte, ebenso für den Stand des Militärs, hingegen fürs Bürgertum war es die private Rechtschaffenheit, der man noch immer im Handelsrecht begegnet. Es gibt keine gemeinschaftliche Lebensführung, an die man appellieren könnte. Dieser Umstand wird in gleicher Weise beklagt, seien es Marxisten oder Konservative. Bei Marxisten ist es besonders deutlich, weil sie Verhaltensweisen nur aus ökonomischen Dispositionen ableiten wollen und andere Kategorien unterschätzen. Bei Konservativen ist es hingegen ein latenter Opportunismus, der sie lebensnäher und gegenwartsbezogener als Realisten erscheinen lässt. Nun kann man entlang dieser Grenzziehungen trefflich streiten und wir werden uns keiner Lösung annähern, wenn es uns nicht deutlicher bewusst wird, dass das Eigenlebe der Wissenschaften in Institutionalisierungsprozesse hineinlief, wofür die Universität hier das beste Beispiel ist. Es mag als Beispiel der Hinweis auf Robert von Mohl gelten, der 1851 notiert hatte: „Es sei eine neue Wissenschaft entstanden, die als Thema das Wort „Gesellschaft“ gewählt hatte. Dieses Wort wurde zuerst von Schwärmern und ihren Schulen ausgesprochen, dann allmählich auch auf der Rednertribüne, in der Schenke und in den heimlichen Versammlungen Verschworener; es wird in entsetzlichen Straßenschlachten als Banner vorangetragen. Jetzt öffneten sich plötzlich die Augen…Die Gärung auf dem Markt und in der Hütte hat aber auch bald eine zahlreiche Literatur hervorgerufen…So ist durch Tat und Schrift ein ganz neuer Gegenstand des Bewusstseins, Wollens und Denkens entstanden..Die Wissenschaft von der Gesellschaft ist zu begründen und zu entwickeln.“ Da war also nicht nur der Schlüsselbegriff entstanden, sondern wir denken gar nicht mehr darüber nach, dass über diese Wissenschaft wir unsere Begriffe von Gesellschaft formten, die vielleicht mit dem tatsächlichen Zustand nur wenig gemein haben. Sollten wir in herkömmlicher Weise von Gesellschaft reden, dann wohl vom Typus einer Industriegesellschaft, in welcher Phase sich diese wie auch immer befinden sollte. Plötzlich entschwinden unsere Kenntnisse dem Gedächtnis über andere oder gar alternative Gesellschaftsformen, die wir entweder wegen ihrer Rückständigkeit für nicht repräsentativ halten, oder aber wir müssen von Gesellschaften reden, die sich sogar im selben Territorium entwickeln können und dennoch aus den wissenschaftlichen Qualifikationen des Sozialen schlicht herausfallen. Es wird zwar in der Regel der Oberbegriff Gesellschaft beibehalten, um die Konturen des Wissenschaftlichen zu benutzen und zu stärken, doch schon längst sind mit Vergegenständlichungen erhebliche Einschränkungen der Kompetenz eingetreten, was wir an der Bindestrich-Soziologie sofort erkennen. Sie begründet über Eigenschaften ihre Gesellschaftsfähigkeit, also über Bildung, Wissen, Freizeit, Industrie oder multioptionale Entscheidungsstrukturen, weshalb die jeweilige Gesellschaft Entwicklungen durchläuft, die von ihr internalisiert werden und mit ihnen moderne Institutionen zu erschaffen scheint. Mit der Bildungsgesellschaft wird ein Zuschnitt zur politischen Verbindlichkeit, wie die Freizeitgesellschaft zwar in keinem Punkt mit dieser Bildungsgesellschaft verbunden erscheint, aber im wissenschaftlichen Kontext scheint es gleichzeitig mehrere Gesellschaften zu geben, die maßgeblich das individuelle Handlungsrepertoire beanspruchen und wegen der Vielgestalt auch überfordern. Über die Wissenschaften werden Normierungen in der Gesellschaft geschaffen, die den technischen Innovationen an Bedeutung und Wirkung nicht nachstehen. Bei Auguste Comte galten sie bereits als „positive Tatsachen“, bei Durkheim als „soziale Tatsachen“, womit wir Zugaben zu den bestehenden Wirklichkeiten als Wirklichkeit hinzufügen.
27. Die Wirklichkeit ist Grausamkeit
In der Geschichte dieser Universität hatte man in ganz anderer Weise buchstäblich Tatsachen geschaffen. Mit der Gründung 1365 war man gut vorangekommen, da man einen Schwarm von Scholaren und Lehrern der Sorbonne einfangen konnte. Diese kündigten ihrer Universität und waren daher am freien Markt einzukaufen. Es waren vorwiegend Nominalisten, die die bereits wirksame Reformtheologie über Kirche und Beichte, Papst und Kirchenrecht heftigst bekämpften. Sie waren als Vertreter der Universität zum Konzil von Konstanz gerufen worden, wie alle anderen Städte und Landstände. Bis 1415. hatten sich die Wiener Nominalisten durchgesetzt und erwirkten die Verbrennung von Jan Hus, obwohl diesem freies Geleit vom Kaiser zugesichert worden war. Diese Geschichte hat insofern Bedeutung, da nicht nur in unserem Sinn eine neue Wirklichkeit theologischen Denkens geschaffen wurde, die auch prompt zu diesem schrecklichen Erfolg führte, sondern man sieht sehr gut, dass sich die noch junge Universität innerhalb von dreißig Jahren eine Position am Konzil erringen konnte, also zu den Gründerjahren dieser Universität auch ein Mord gehört, der längst vergessen ist. In Wien selbst war der Einfluss der Nominalisten noch schrecklicher. Hier wurden 1421 über 200 Menschen am Scheiterhaufen lebendig verbrannt, der Rest der jüdischen Stadtbevölkerung in Booten auf der Donau ausgesetzt ohne Ruder und Steuer. Damit war nicht nur eine dramatische Entwicklung zu befürchten, sondern auch die Wirklichkeit einer Institution, die ein Herzog aus Renommiergehabe nach Wien geholt hatte.
Mit der Soziologie war es ähnlich verlaufen. Sie war ja um 1850 nicht nur in aller Munde, beanspruchte für sich nicht nur Wissenschaftlichkeit, sondern die Soziologie begann „Gesellschaft“ als Naturtatsache zu beobachten, zu beschreiben und daher waren die einwirkenden Faktoren nicht mehr dauerhaft oder besaßen ihre genuine Geschichte, sondern wurden wie revolutionierende Kräfte verstanden. Daher war der Gegensatz von Früher und Heute erlebbar geworden, äußerte sich in der Dichotomie von Gemeinschaft und Gesellschaft und reflektierte die neue Unsicherheit als soziale Wirklichkeit. Diese Gesellschaft konnte nicht mehr in der antiken Terminologie beschrieben werden, hörten auf in eine Typologie von Polis oder civitas zu gehören. In beiden sozialen Körpern war eine relative Ordnung vorausgesetzt worden, die Vorform politischer Öffentlichkeit und schließlich eine Staatlichkeit. In weiterer Folge waren die Menschen aus dieser Ordnung herausgelöst worden und gerieten in unberechenbare Freiräume. Das war ja die deutlichste Folge der Französischen Revolution, dass das alte Gehäuse, das alle möglichen Individuen unter einem Dach hatte, eingestürzt war. Ab nun war jede historische Kontinuität artifiziell geworden, eine Künstlichkeit wie der österreichische Kaiser oder der Kaiser der Franzosen oder dann der deutsche Kaiser, die geschmackloseste Imitation einer Reichsgeschichte. Die Gesellschaft war eben nicht mehr gesellschaftlich verfasst, sondern schon an der Differenz von Staat und Gesellschaft war zu erkennen, dass hier Neues entstanden war. Diese Gesellschaft entbehrte schnell der Geselligkeit, sondern war zur willkürlichen Assoziation beliebiger Individuen geworden.
Diese Umkehrung der Bedeutungsstruktur in jenen Sozietäten, die wir ab nun Gesellschaft nennen, ist natürlich von Jean Baudrillard zum Gegenstand der Analyse gemacht worden. Am Beispiel vom Disney Land ist eine Extrapolation aus den positiven Faktoren der Stadtentwicklung als Modell vorgenommen worden. So sind imaginierte Wirklichkeiten die eigentlichen Wirklichkeiten. Baudrillard bezeichnete diese Drehung eine Dissuasionsmaschine, die eine Fiktion nicht nur verlebendigt, sondern die Fiktion wird vor die Wirklichkeit geschoben. Das Wirkliche ist nicht mehr wirklich, doch damit wird das Realitätsprinzip gerettet. Das heißt in konsequenter Fortsetzung, dass zwar ein Prozess der Infantilisierung eintritt, aber darin ist die Wirklichkeit als Vorbild vorhanden. Einfacher als Baudrillard hatte Paul Feyerabend in seiner Essay-Sammlung dieses Phänomen beschrieben, das eben seinen Ursprung in der Renaissance hatte. Bei der Frage, was denn die Wirklichkeit ist, hatte Brunelleschi 1401 ein Bild des Baptisteriums gemalt. Dieses war durch eine winzige Öffnung zu betrachten, doch durch einen Spiegel war das wirkliche Baptisterium ebenso zu sehen. In der verwirrenden Anleitung war man bald nervös, denn es war nicht zu entscheiden, was denn das wirkliche Baptisterium ist oder was die gemalte Darstellung ist. Allerdings wollte Brunelleschi die Wirkung der Zentralperspektive nachweisen. Es ist das erste Mal, wie erwähnt, dass eine Wirklichkeit gegen eine fiktive Wirklichkeit ausgespielt wird und weder Ghiberti, der das Hauptportal des Baptisteriums angefertigt hatte noch spätere Überlegungen kehrten zur vormaligen Theorie eindeutiger Wirklichkeit zurück, sondern hatten sich nur mehr mit der Herstellung von Illusionen oder deren fiktionale Bestimmung beschäftigt – in Architektur, Malerei und Skulptur. Das heißt, dieser Umgang mit Wirklichkeit hatte eine alte Tradition und war eben zuletzt in den Sozialwissenschaften dadurch übergangen, dass mit der Bestimmung von Gesellschaft als Naturtatsache die bisherigen Dimensionen des Gesellschaftlichen an Bedeutung verloren und über die konstruktiven theoretischen Elemente war ein soziologischer Nachbau des Sozialen in Angriff genommen worden. Während also Weber oder Simmel sich strikt an die Wirklichkeitsbezüge hielten, hier an die Geschichte in typologischer Organisation, dort in den Erscheinungsformen gemäß des Wahrnehmungsapparates, woraus dann die gesellschaftlichen Formen entstehen. Simmel hatte deutlich gemacht, dass so eine Hyperwirklichkeit das Geld wurde, sich als Realität immer weiter nach vorne schob, um schließlich die Gesellschaft von sich abhängig zu machen. Diese Hypothese ist wohl geeignet, den Titel der Vorlesung zu rechtfertigen. In einer Fortsetzung dieses Gedankenexperiments stehen wir unmittelbar vor der Frage, wie dann die im allgemeinen Sinn gefasste Politik als Merkmal des Humanum in Geltung bleibt, oder an und für sich eine Veränderung widerfuhr. Hatte Michel Foucault die Forschung bis zur konkreten Darstellung von Bio-Politik vorangetrieben, so war das Ergebnis, dass in unserer Gegenwart eine wachsende Einbeziehung des natürlichen Lebens des Menschen in die Mechanismen und das Kalkül der Macht zu beobachten war. Das beginnt mit den Konventionen der Menschenrechte, bei den adäquaten Berücksichtigungen von Behinderungen und erfährt beliebige Weiterungen bis hin zur Auflösung bisheriger Geschlechtszuordnungen. Noberto Bobbio hat als Jurist diese Veränderungen analysiert und kommt zum Schluss, dass in dialektischer Umdrehung die Ausformulierung der Menschenrechte schließlich in einer Stigmatisierung enden. Konfrontiert man diesen Umstand mit den Bedingungen, die über tausende Jahre relevant blieben, dann ist ein Prozess eingetreten, in dem das Leben selbst zum Einsatz der Politik wird. Das zeigt sich nicht nur ab dem Zeitpunkt allgemeiner Wehrpflicht seit den napoleonischen Kriegen, damit wird die Teilnahme an Kriegshandlungen erstmals nicht von einem privaten Vertrag abgeleitet, den jeder einzelne für sich abschließen konnte oder musste, sondern kraft der ethnischen, nationalen, sprachlichen Zugehörigkeit wird man quasi ex offo für den Kriegseinsatz nominiert und das einzige befreiende Kriterium ist das Lebensalter.
28. Das Leiden der Menschen
Bei Foucault hieß es zur Vorbereitung auf Bio-Politik: „Jahrtausende hindurch ist der Mensch das geblieben, was er für Aristoteles war: ein lebendes Tier, das auch einer politischen Existenz fähig ist. Der moderne Mensch ist ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht.“ In weiterer Folge untersuchte Foucault immer wieder, was wohl den Menschen dazu bewog, das eigene Selbst zu objektivieren und sich als Subjekt zu konstituieren, indem er sich gleichzeitig an eine äußere Kontrollmacht bindet. Es geht also nicht ausschließlich um das Einwirken der totalitären Systeme auf soziale oder individuelle Befindlichkeit, sondern um die – so man es so nennen darf: um die geisteswissenschaftliche Bestimmung von Institutionen, die genau diese anthropologische Struktur zu nutzen haben, zu nutzen verstehen und anzuwenden beabsichtigen. Waren es vorerst die geschlossenen Anstalten, Spitäler, Altenheime, Gefängnise, psychiatrische Anstalten, so waren diese immer größer geworden, bis sie zu einem Konzentrationslager ausgebaut wurden. Es ist die Minimierung des Lebens auf Überleben.
Ab nun sind uns die theoretischen Konzepte geläufig, die ebenso Hannah Arendt in der Analyse totalitärer Herrschaft vorgelegt hatte oder in der Rekonstruktion der Form des Überlebens bei Michel Foucault. Genau an diesem Punkt hatte auch Karl Löwith seine politische Philosophie angesetzt. Nicht nur, dass Demokratie und Diktatur ein verwandtes Bauprinzip haben, so Löwith, es ist eben die Frage wie der volonté general abgeleitet wird, demokratisch oder als Legitimation für Machtstrukturen. „Die Neutralisierung der politisch maßgebenden Unterschiede und das Hinausschieben ihrer Entscheidung hat sich seit der Emanzipation des dritten Standes und der Ausbildung der bürgerlichen Demokratie und ihrer Weiterbildung zur bürgerlichen Massendemokratie bis zu dem entscheidenden Punkt entwickelt, wo sie nun in ihr Gegenteil umschlägt: in eine totale Politisierung aller, auch der scheinbar neutralsten Lebensgebiete. So entstand im marxistischen Russland ein Arbeiterstaat, der mehr und intensiver staatlich als jemals ein Staat der absoluten Fürsten, im faschistischen Italien, ein korporativer Staat, der außer der nationalen Arbeit auch den Dopolavoro und das gesamte geistige Leben normiert, und im nationalsozialistischen Deutschland ein völlig durchorganisierter Staat, der auch noch das bisher privat gewesene Leben durch Rassengesetze politisierten.“
29. Die Auslöschung der Menschen
Von da an steht das Leben selbst zur Disposition. Was bis in die Zeitgeschichte unbemerkt blieb, ist wohl die dialektische Beziehung zwischen Freiheit und Unfreiheit. Die Räume, die Freiheiten, die Rechte, welche die Individuen in ihren Konflikten mit den zentralen Mächten erlangen, bahnen jedesmal zugleich eine stille, aber wachsende Einschreibung ihres Lebens in die staatliche Ordnung an und liefern so der souveränen Macht, von der sie sich eigentlich freizumachen gedachten, ein neues und noch furchterregenderes Fundament. Es ist nicht eine Agonie des Realen zu erwarten, sondern weit mehr, sondern die Umwertung der realen Bestände in die Anonymität zwingender Verhältnisse. Zur Hälfte hat Baudrillard recht, wenn er aus der Bedingung des Kapitalismus sowohl die gesellschaftliche Rationalität ableitet, der dann im Namen der gleichen Rationalität zu bekämpfen ist, wie er auch daraus die Ambiguität der Moral ableitet, so geht es schließlich, ob diese Positionen als Bestand der Wirklichkeit Anerkennung finden – oder eben nicht. Baudrillard meinte hier, dass das Gegenteil dieser Disposition das Verschweigen ist, die Leugnung, die Behauptung, die Spannung existiere nicht. Es ist die übliche politische Finte, Konstellationen die Anerkennung zu versagen. Es sind Inszenierungen nötig, die den Skandal verdecken, eine andere Wirklichkeit meinen wollen als die tatsächliche. Das alles wird unter der Rubrik der Simulation und Dissimulation abgehandelt. Dahinter steckt aber das wesentlichere Element, das immer an der Errichtung anderer Wirklichkeit interessiert ist und behauptet mit dem Brustton der Überzeugung, aus angeblicher Wahrheit und Kenntnis in der umgestellten Wirklichkeit handeln oder gehandelt zu haben: es ist die perfekte Lüge. Und da wir nicht das Gebrechen wie Pinocchio haben, wächst uns keine lange Nase, während die Lüge ausgesprochen wird. Nun war zu beobachten, dass das Leben in den Focus des Rechts gerät, beginnend im 13. Jahrhundert. Rechtliche Bestimmungen regelten damals die persönliche Anwesenheit vor Gericht. Man muss also physisch präsent sein. Das ist ja auch der Punkt in Reinecke Fuchs von Goethe, dass der Reichstag nicht zusammentreten kann, wenn die maßgebenden Personen nicht anwesend sind. Bei Goethe artet es absichtlich zum Witz aus, also eine Regel wird unterlaufen und zeigt die Machtlosigkeit gegenüber der Missachtung der Regel. Es war auch der Grundeine öffentliche Polizei zu schaffen, die für die physische Präsenz zu sorgen hat, denn ein Urteil in absentio ist stets wenig zufriedenstellend wie wir es aus Anklagen beim Gerichtshof für Menschenrechte oft erfahren haben. Also die Habeas corpus Akte von 1679 werden zwar als Grundlage jeder Demokratie gehandelt, aber das Individuum erscheint nicht als Subjekt innerhalb feudaler Beziehungen, wobei es eine juristische Definition hätte, es erscheint auch nicht als citoyen in den Katalogen städtischer Freiheiten, sondern der Mensch ist zum corpus geworden, wenn wir den Ausführungen von Giorgio Agamben folgen. „Als 1215 Johann ohne Land mit der Magna Charta seinen Untertanen Freiheitsrechte einräumte, wandte er sich an die Erzbischöfe, Bischöfe, Äbte, Grafen, Barone, Vicomtes, Vögte, Beamten und an die Gerichtsdiener, an die Städte, Burgen und Dörfer und allgemeiner noch an die freien Menschen unseres Königreiches, dass sie ihre Arten Freiheiten und freien Bräuche und diejenigen, die er nun besonders anerkennt, genießen sollen.“ Und der Artikel 29, der die physische Freiheit der Untertanen garantieren soll, lautet: „Kein freier Mensch darf verhaftet, eingesperrt seiner Güter beraubt noch außerhalb des Gesetzes gestoßen noch irgendwie belästigt werden, wir werden nicht die Hand auf ihn halten noch halten lassen, wenn nicht auf Grund rechtmäßigen Urteils von seinesgleichen und nach dem Gesetz des Landes.“ In der Interpretation heißt das, dass nicht etwa der Mensch als solcher der Gegenstand des Verfahrens wird, er bleibt im Grunde unberührt. Er bleibt sein eigenes Eigentum, hingegen im Zugriff des Rechts ist hier nur der Körper gemeint, das äußere Erscheinungsbild. Die Demokratie meinte immer nur das äußere Erscheinungsbild und mischt sich in die inneren Bedingtheiten des Menschen nicht ein. Noch immer gilt die alte römische Trennung, die wohl die res publica ausmachte, nämlich eine Grenze stets zu beobachten, die die res publica von der res privata unterscheidet. Das ist nicht einfach die Privatangelegenheit, nicht einfach der Eigensinn oder was niemanden ettwas angeht, sondern ist vornehmlich der Schutz des Nutzens des Einzelnen. An Hand dieser Beispiele erlernen wir, dass angefangen beim Recht bis zu den Zuspitzungen in den Arbeitsprozessen der Industrie Fakten geschaffen werden, die sich der allgemeinen Fassung des Gesellschaftlichen entziehen, gleichsam so unberührbar erscheinen wie Klima oder Umwelt, womit die Umkehr möglich wird, nämlich die Bestimmung deer Gesellschaft über diese Konstruktionen, die schließlich in den Medien die herausragende Rolle spielen. Sie erwecken den Anschein, eine allgemeine Teilnahme am Diskurs einzuräumen, doch in ihrer Ausgestaltung zu sozialen Medien beginnen sie von einer anonymen Autorität oder Instanz legitimiert, ihren Einfluss auf die Menschen geltend zu machen.
Das Ausmaß der Einflussnahme ist kaum mehr abzuschätzen und klar ist nur, dass die Absicht in der Verwirrung liegt, im Verlust der Orientierung, was vor allem politisch durchgängig der Fall zu sein scheint. Nun beobachten wir, dass gerade über Vermittlung von Medien Gewalt und Grausamkeit buchstäblich spruchreif werden. Wie auch immer Umsetzungen dann aussehen, so ist es allgemein bekannt, dass es nicht nur zu diesen sprachlichen Gewaltakten kommt, sondern darüber hinaus werden die traditionellen Formen sozialer Beziehungen beendet. Hass und Abneigung dominieren mehr als die beschworene Vernunft, die grundsätzlich ein Für und Wider im Meinungsspektrum einmal vorgesehen hat. Auf der einen Seite erlauben die Funktionen der sozialen Medien die nahezu unbegrenzte Steigerung der Meinungsäußerungen, auf der anderen Seite ist das Ergebnis dieser zahllosen Sprachrohre und der Redseligkeiten die unüberbrückbare Entzweiung. Das heißt zugleich, dass alle Vokabel der Vergesellschaftung, der Solidarisierung, der Gemeinschaftsformen, Sozialisationen und der Vielfalt sozialer Beziehungen weniger gelten als zuvor, diese Kraft nicht mehr haben, um jene soziale Tatsache einzulösen, die bei Durkheim als kollektives Bewusstsein formuliert wurde und als gesellschaftliches Ziel bezeichnet wird. Dennoch sollten wir zu jenem Punkt zurückkehren, wo die direkte Auswirkung dieser demokratisierenden Mächte, wie sie ja Medien vorgeben zu sein, erkennbar werden. Es überrascht daher nicht, wenn Hannah Arendt in ihrem Buch über den Totalitarismus die Position einnimmt, dass mit dem jeweiligen Ende des Nationalstaates die Wirksamkeit der Menschenrechte ebenfalls zu existieren aufhören. Diese Erklärung lässt aufhorchen. In der Soziologie wurde uns ja prophezeit, auf dem Weg zur Weltgesellschaft zu sein oder gar schon in dieser ankamen. Wieso sah Arendt im Nationalstaat eine bessere Schutzfunktion als in anderen politischen Formen oder Systemen? Sie stützte sich auf die Erfahrung, dass der Flüchtling zwar seine Existenz als Mensch beibehält, jedoch alle anderen Eigenschaften und spezifischen Zugehörigkeiten verlor. Unter anderem verlor er die Staatsbürgerschaft, die ihn in einer Zugehörigkeit beschreibt und definiert. Betrachten wir nun die Erklärung der Menschenrechte von 1789, so wird uns genau diese Ambiguität auffallen, von der Hannah Arendt sprach. Die Menschrechte richten sich in ihrer Verkündigung an Menschen und zugleich auch an Bürger. Es gibt also den Menschen in zweifacher Erscheinungsform. Er ist hier Mensch an und für sich, im anderen Fall ist er Bürger. Nun hat daran Agamben eine eingehende Analyse angefügt, die unter anderem das Dilemma zeigt, dass zwar immer mehr die Natürlichkeit des Menschen in den Vordergrund gestellt wird, seine Natürlichkeit sogar als schützenswert ab der Geburt zu bezeichnen ist, doch diese Natürlichkeit erfuhr im citoyen eine Überhöhung, die die existentielle Beschaffenheit des Menschen grundsätzlich übersteigt, da diese Natürlichkeit im Bürger aufgegangen ist. Dieses natürliche Leben ist in der Transformation die Grundlage der Rechtsordnung geworden, die wiederum das Leben biopolitisch zu interpretieren beginnt. Es ist relativ leicht festzustellen, dass dieses natürliche Leben in Frieden und Wohlstand die weit entfernten Wünsche, Sehnsüchte und Absichten des Menschen vergegenständlicht, was umgehend mit der Rechtsordnung akkordiert werden muss. Seither diskutieren wir Abtreibung und Euthanasie. Und hätte es nicht den Nationalsozialismus gegeben, würden wir eine Abtreibung bis in beliebige Lebensalter erweitert haben, was wir im Moment ansatzweise diskutieren. Abgesehen davon haben wir in der neuen nationalen Souveränität einerseits die Sicherung des Lebens, andererseits wurde der Bürger kreiert, der mit seiner Geburt Zugehörigkeit und damit verbunden auch seine individuelle wie politische Souveränität verkörpert. Das ist wichtig zu wissen: der Bürger wurde zur Konstitution der Souveränität aufgerufen, schafft damit die nationale Konsistenz des Staates, erscheint aber nun nicht als zoon politikon in diesem Gemeinwesen, sondern nur mehr als physisch-natürliche Voraussetzung kraft der Geburt. Nation und Nativität bedingen einander, ohne das bewusst werden zu lassen. Der moderne Staat hat zur Voraussetzung das nackte Leben. Der Körper, nicht der Mensch ist ein souveränes Subjekt.