Gedanken Reinhold Knolls

Die unsichtbare Kraft

Es war sieben Uhr und pünktlich rückte die Putzbrigade ins Rehabilitationszentrum Himmelsbad ein. Jeder Tag ist wie der andere. Man nennt es Alltag. Sie war dem zweiten Stock zugeteilt. Ehe sie die Herrschaft über Besen, Schaufel, Fetzen und Kübel antrat, zog sie sich um. Im Himmelsbad war es üblich, zur weißen Bekleidung drüber das hellblaue Jersey anzuziehen. Alle hatten dieses hellblaue Leibchen. Es war die Hausmarke für Reinigung im Unterschied zum Gelb der Therapeuten. Nur Ärzte blieben ganz in Weiß.

Bei ihrer Einstellung war sie als ungelernte Arbeitskraft entlohnt worden. Es war ihr wie eine Gnade gewährt worden. Im Rückblick amüsierte sie diese Einschätzung. Von wegen ungelernt? So viel hatte sie noch nie gelernt im Laufe der Jahre des  Putzens und Schrubbens. Bei ihrer Aufnahme hatte der Verwaltungsdirektor sie ermahnt, dass Sauberkeit das Markenzeichen eines Rehabilitationszentrums ist. Sauberkeit zählt mehr als irgendwelche Fehler in der Therapie, die man ohnehin nicht gänzlich ausschalten kann. Fehler vergisst man schnell, Lurch unterm Bett nie. Wird es einmal publik, dass das Heim nicht das sauberste ist, ist der Ruf auf Jahre ruiniert, hatte der Verwaltungsdirektor gesagt. Und sie soll sich vor den Rekonvaleszenten hüten, den Kontakt aufs Notwendigste beschränken, am Besten nur grüßen, hatte er gesagt. Er hatte sich wie ein gutherziger Onkel aufgeführt und so getan, als hätte er noch vor kurzem alle Gänge und Stiegen persönlich gewaschen, die Bettwäsche gewechselt. Sie hatte schon damals erkannt, dass der Direktor keine Ahnung von Reinigung hatte. Am liebsten hätte sie ihn gefragt, worin die Unterschiede der diversen Putzmittel bestehen? Sie mag eine ungelernte Arbeitskraft sein, aber deshalb war sie nicht blöd. Der Hochmut in der Verwaltung war ihr seit jeher auf die Nerven gegangen.

Sie richtete alle nötigen Utensilien zusammen und prüfte, ob auch alles am Wagen war, die Scheuer- und Desinfektionsmittel, die Putzlappen und faserfreien Reinigungstücher zum Fensterputzen. Und darunter war die Etage für die Handtücher und Bettwäsche. Ab sieben begleitete sie der Wagen bis Mittag. Und sie vergewisserte sich, ob auch alle Schlüssel dabei waren, mit denen sie die Zimmer öffnete und nach getaner Arbeit wieder verschloss. Jetzt war sie ja bereits gut eingestellt auf jene Arbeit, die ihr zugemutet werden konnte und was nicht zu ihrem Aufgabenbereich zählt. Das war anfänglich schwierig gewesen. Manche Insassen bildeten sich ein, sie sei zu deren persönlicher Bedienung abgestellt worden. Und so lernte sie diese informelle Grenze zwischen Pflicht und Hilfe kennen, zwischen Kontrolle sachgemäßer Nutzung der Zimmer durch die Insassen und deren individuelle Eigenheiten, die man akzeptieren kann.

Aus dem Dienstraum des Putzpersonals fuhr ein Wagen nach dem anderen, die sich hierauf in verschiedene Richtungen verteilten. Sie hatte die Zimmer gleich anschließend zu reinigen und den Gang davor. Diesmal herrschte unter dem Reinigungspersonal eine gute Stimmung. Es war Frühjahr und sonnig. Bei gutem Wetter waren auch die Patienten früh auf den Beinen. Und die Neuzugänge hatten ohnehin ab halb sieben Blutabnahme und Bestimmung des Blutzuckers. Die waren also schon aus den Federn. Das war eher angenehm, die leeren Zimmer zu betreten. Der Zustand ließ eine Menge Schlüsse auf die Benutzer zu.

Und sie machte sich einen Sport daraus, vom Zustand des Zimmers auf Geschlecht und Charakter zu schließen. Sie wollte die Insassen gar nicht erst sehen. Mit Leidenschaft begann sie jeden Morgen dieses Rätselspiel und merkte sich, wann sie einem Irrtum unterlag und wann sie die richtige Einschätzung ermittelte. Das begann bei den Schuhen. Früher war es leicht gewesen, denn es gab noch eindeutig zuzuordnendes Schuhwerk, also Damen- und Herrenschuhe. Das war schon Jahre zuvor nicht mehr eindeutig. Diese Welle der Turnschuhe hob schon beim Eingang ins Zimmer die Geschlechtsunterschiede auf. Bestenfalls waren es die Schuhgrößen, die aufs Geschlecht schließen ließen. Im Zimmer war es dann klar. Das Nachtgewand, die am Sessel verbliebenen Kleider waren Hinweise genug. Dieser Unterschied besagte gar nichts. Die grobe Unterteilung zwischen ordentlich und schlampig war gänzlich unspezifisch geworden. Jüngere Frauen waren ebenso oft schlampig wie früher die Männer. Das Alter der Insassen war wieder leichter zu bestimmen. Die Älteren versuchten, das Zimmer adrett zu hinterlassen, je nach Möglichkeit ihrer Behinderung, deren Art man im Bad ablesen konnte. Bei diesen fehlten die Körpercremen und speziellen Kopfwaschmittel. Und die Parfummarken waren ziemlich altmodisch.

In dieser Leidenschaft für Unterscheidung und Urteil war es obendrein von höchstem Interesse, den Generationenwandel zu überprüfen. Bei den jüngeren Männern hätte man im Badezimmer ein Parfumeriegeschäft eröffnen können. Da gab es alles in höchst differenzierter Form. Die Fußcreme war so speziell wie die Gesichtscreme, und dazwischen war der Anwendungsbereich der Körpercremen. So es noch Haare gab bei den Herren, war der Haarfestiger ebenso vertreten wie das Haargel, je nach Bartwuchs entweder Elektrorasierer oder Rasiercreme. Früher hätte sie sich nie träumen lassen, dass Männlichkeit sich in diese Richtung entwickeln wird. Sollte sie an ihren Vater denken, so war Pitralon der Höhepunkt der Geruchsspender, und das auch nur sonntags. 

Die Zimmer der alten und allein stehenden Männer erkannte sie sofort an der mangelhaften Körperpflege. In diesen Räumen stinkt es nach Ziegenbock. Anfangs ekelte es sie, doch nun hat sie sich daran gewöhnt. Man musste eben schnell zum Fenster, es öffnen und die Türe zum Gang offen halten. Dann war es bald erträglich. Und Lysoform verbreitete im Badezimmer bald den angenehmen Geruch nach Desinfektion. Nie hätte sie gedacht, dass ihr Lysoform einmal so wichtig wird.

Die alten Frauen waren um nichts besser, war ihre Überzeugung. Die blieben am Zimmer. Immer musste man sie extra auffordern, endlich zum Frühstück zu gehen. Und unter diesen waren extrem lästige, die offensichtlich unter Geltungsdrang litten. Sie wollten Befehle erteilen ohne Bitte oder Danke zu sagen. Absichtlich ließen sie die Krücken fallen, da es ihnen viel bedeutete, wenn sich vor ihnen wer bücken musste. Sie spürte es, wie glücklich die Alte war, wenn sie ihr den Stock aufhob. Und zuweilen artete es aus in Willkür und Bosheit. Sie hatte den Eindruck, dass im Alter Bosheit zur Lebensfreude wird. Ja das kannte sie nur zu gut. Ab elf Uhr vormittags begann ja regelmäßig der Kampf um die Waschmaschine. Blitzartig kämpften die Insassinnen um die Zeitenfolge des Wäschewaschens. Und wehe, eine überzog die Zeit um fünf Minuten. Das Gezeter war im ganzen Haus zu hören. Die Waschmaschine verursachte eine beispiellose Tyrannei. Da musste sie den Männern Abbitte leisten. Wenn auch die Wäsche öfter einer Pflege bedurft hätte, hin und wieder Seife und warmes Wasser, immerhin hatten die Männer nie um eine Waschmaschine so erbittert gestritten wie Frauen. Im Turnus war einmal ein Mann, an dessen Zimmer sie sich gut erinnern konnte. Viele Bücher, Füllfedern und handschriftliche Aufzeichnungen. Er hatte ihr mitgeteilt, er würde seine Wäsche grundsätzlich nach Mitternacht waschen und hierauf auch bügeln. Da sei eine heilige Ruhe. Oft war er vor dem Gezeter der Damen geflohen. Als er die Ordnung noch nicht gekannt hatte, sich also verspätete im Abholen der gewaschenen Wäsche, habe er seine Hemden und Unterwäsche am Boden vorgefunden. Absichtlich habe man die nasse Wäsche auf den Boden geworfen. Diese Erzählung hatte sie aber überhaupt nicht in Erstaunen versetzt. Sie sage ja immer, Hyänen sind die Weiber, und besonders im Himmelsbad. Vier, fünf sind immer am Gang, die Streit suchen. Beginnen am Tag der Anreise mit Beschwerden und nach der Abreise schreiben sie bitterböse Briefe. Kein Wunder, dass sie ohne Kurerfolg wieder heimfahren.
Also sie kennt jetzt diese Moribunden zur Genüge. Nun lasse sie sich kein X mehr vor ein U machen. Wenn es heißt, dass fast die Hälfte der Insassen übergewichtig ist, so ist mindestens ein Drittel kaum in der Lage sich ordentlich zu waschen. Und die Proportion ist in etwa 2:1.
Jetzt habe sie es sich abgewöhnt, sich zu wundern, auch wenn sie doch hin und wieder überrascht werden kann. Wichtig ist ihr das gute Einvernehmen mit den Kolleginnen, das Arbeitsklima und der Scharfblick für Schmutz. Wenn sie ein abschließendes Urteil fällen muss, so kann sie behaupten, im Großen und Ganzen zufrieden zu sein. Sie hat es  nicht weit zur Arbeit, genieße am Wochenende den Garten, fühle sich in Baden wohl und die Arbeitszeit ist gut organisiert. Sie kann sagen, im Himmelsbad habe sie es gut getroffen.