Gedanken Reinhold Knolls

Tischgesellschaft

Nach der Besetzung der Kaffeetische durch anfänglich informelle Gruppen während der Dauer des Aufenthalts im Himmelsbad waren sie zum fixen Treffpunkt geworden. Neben dem Tisch der Kartenspieler stand jener der glücklichen Witwen. An diesen reihte sich der Platz der Erbschaftsgruppe und wieder dahinter war der Sitz der Kritiker allgemeiner Logistik einer Kuranstalt. Für einfache Kaffeetrinker war kaum ein Platz, es sei denn er verwandelte sich zum Frühaufsteher und belegte zeitgerecht einen Sessel im Café. Das war dann für jeden Stammtisch eine Störung, ja Zweckentfremdung, denn die Ratschläge in Erbschafts- oder Witwensachen unterblieben. Also konnte sich an einem der gerade freien Stammtische eine Gruppe nur zufällig für ein vertrauliches Gespräch treffen, eben kurzfristig und spontan. Deren Mitglieder waren unauffällig, verbrachten den Tag im Trainingsanzug und zeichneten sich im Speisesaal durch Gelassenheit und Gleichmut aus. Und so ein Tisch frei war, setzten sie sich und bald steckten sie die Köpfe zum Gedankenaustausch zusammen. Grundsätzlich war nur ein bedeutungsvolles Flüstern zu hören, wahrscheinlich vertrauliche Mitteilungen, doch regelmäßig beendete dröhnendes Gelächter den geflüsterten Monolog eines Teilnehmers. Die längste Zeit stand diese Gruppe im Verdacht, mehr oder weniger frivole Witze zu erzählen, sich die Zeit mit zotigen Geschichten zu vertreiben, doch selbst die neugierigsten Beobachter, die möglichst nahe um den Tisch schlichen, kamen nicht dahinter, wodurch diese Fröhlichkeit bewirkt wird, dieses helle Auflachen, die Begeisterung und Zufriedenheit mit sich selbst. Es war die Runde nach und nach beneidet worden, denn soweit man erkennen konnte, erlaubte diese Ausgelassenheit zugleich das erstaunliche Vergessen aller Beschwerden. Es war wie ein Lourdes-Wunder, dass die Mitglieder sich ohne erkennbare Mühe vom Tisch erheben konnten, flott unterwegs waren und keinerlei Beeinträchtigung zeigten. Nicht einmal, sondern mehrmals hatte immer einer der Teilnehmer seine Krücke bei Tisch vergessen, was ihm auch längere Zeit nicht aufgefallen war. Auch dieser Umstand sorgte für Heiterkeit in der Runde. Bereitwillig hatten sie ja ostentativ zuweilen die Krücken getauscht oder den Rollator zur Probe verborgt und bezeichneten ihn als idealen Einkaufswagen mit dem Vorteil, sich an einer Kasse nicht anstellen zu müssen. Allein aus diesem Grund wollten sie nie mehr auf diese Hilfsmittel verzichten, hatten sie im Speisesaal verkündet, da die Rollatoren und Krücken ihnen so viele Vergünstigungen brachten, Aufmerksamkeit und Rücksicht in der Öffentlichkeit.

Diese informelle Gruppe bestand keineswegs aus Außenseitern wie die Teilnehmer am Rauchertisch, aber blieb dennoch exklusiv ohne erkennbare Merkmale, wie sie die Raucher aufwiesen.

Über mehrere Tage hatte man alles versucht, das einigende Band dieser Gruppe zu entdecken, das Geheimnis zu lüften, ihnen hinter die Schliche zu kommen. Vom medizinischen Zentrum der Kuranstalt im dritten Stock fragte man nach den Namen, nach Beruf oder Rente, nach Verletzungen oder Beschwerden. Man erhielt ausweichende Antworten, dennoch reichte das Wenige, um in Erfahrung zu bringen, dass sie weder ein künstliches Knie noch Hüfte erhalten hatten, keine Brüche der Arme oder Beine in letzter Zeit erlitten, auch keine nennenswerte innere Erkrankung besitzen. An ihnen war auffallend, medizinisch betrachtet, keine Auffälligkeiten zu haben. Daher munkelte man, es seien psychiatrische Fälle, Paranoiker oder Schizophrene, Hypomanen vielleicht. Nur Depressionen hatte man ausgeschlossen, denn dafür war in der Runde zu viel gelacht worden. Die Gruppe blieb ein Rätsel.

Nie hätte man über den Zusammenhalt dieser Gruppe erfahren, hätte es nicht einen Überläufer gegeben. Der berichtete sogleich am folgenden Abend im Speisesaal, dass diese informelle Gruppe aus Simulanten bestehe, die sich darin vergnügen, einen Grund für den nächsten Kuraufenthalt auszuhecken. Es sind Simulanten, war sein erregter Kommentar. Und sie sind bereits in geschickter Präsentation ihres Münchhausen-Syndroms nach Baden gekommen, zuvor natürlich in andere Heime und Niederlassungen der Krankenkasse. Einem von der Gruppe sei bei einer weit zurückliegenden Untersuchung in Waidhofen an der Ybbs vorgehalten worden, er betreibe ein Krankenhauswandern, was der Betroffene als böswillige Unterstellung empört zurückgewiesen hatte. Jedenfalls berichtete der Überläufer, anfänglich habe er geglaubt, seine Beschwerden in der heiteren Gruppe leichter ertragen zu können, weshalb er auch den Anschluss an die Gruppe gesucht hatte. Man hatte aber schnell bemerkt, dass er wirklich rekonvaleszent ist, wirklich ein künstliches Knie erhalten hatte, obendrein Beschwerden in der Wirbelsäule. Da sei er aus der Runde ausgeschlossen worden. Man habe ihn des Verrats bezichtigt, unter Umständen würde man ihn der Anstaltsleitung melden. Man munkelte hierauf, er sei im Sold der Krankenkasse extra ins Himmelsbad abkommandiert worden, um Simulanten aufzuspüren. Man würde sie demnächst als unverschämte Parasiten des Missbrauchs sozialer Einrichtungen beschuldigen und für deren Ende der Heilbehandlung sorgen. Nun aber fühle er sich nach dem Ausschluss aus dieser Simulantengruppe an keine Schweigepflicht mehr gebunden. Also offen könne er jetzt auch sagen, so der Überläufer während des Abendessens, dass in dieser Runde nicht nur berichtet wird, unter welchen Vorspiegelungen ein Antrag auf Kur oder Rehabilitation erfolgreich ist, dass speziell pseudologische Krankheitsbilder eine Chance auf Behandlung erhalten, die man aber nicht mutwillig bis zum Dermatozoenwahn steigern sollte. Also erfuhr er, dass solche Wahnvorstellungen bei den Kassenärzten nicht auf taube Ohren stoßen oder gar auf weniger Mitgefühl, aber man solle berücksichtigen, dass in den Augen der Sozialversicherung Wahnvorstellungen für nahezu unheilbar gehalten werden, man sich von einer Kur nur sehr geringen Erfolg verspricht. Und daher machte man die Erfahrung, dass das Übertreiben solcher Krankheiten nicht erfolgreich ist und obendrein könne man sie auch schlecht simulieren. Es sind verlorene Kilometer, war in der Simulantenrunde behauptet worden. In Harbach soll einer mit einer Trichotillomanie gewesen sein, den man aber bald wieder heim schickte, da er nicht nur den Abfluss des Waschbeckens mit seinen ausgerissenen Haaren verstopft hatte, sondern dann auch versuchte, die Therapeutinnen an den Haaren zu ziehen. Da verlautbarte damals die Anstaltsleitung, dass diese Psychose zu weit ginge. Bei der Erzählung hatte man in der Runde aufgelacht, vor allem belustigte die Erwähnung, eine Physiotherapeutin war an den Haaren gezogen worden. Bei weitem erfolgreicher war in Sauerbrunn eine Dysmorphophobie, nicht allein deshalb, da nahezu alle älteren Menschen solchen Erscheinungsbildern entsprechen mit ihrem Übergewicht und Rheuma; einer der Simulanten hatte dieses Leiden erlernt, schwärmte vor den untersuchenden Ärzten von einem Körpergewicht, das zu erreichen unmöglich ist. Diese geistige Störung erlaubte ihm einen Aufenthalt in Sauerbrunn. Zur Bestätigung seines Leidens war er als Inhaber eines Adonis-Komplexes bezeichnet worden. Das hatte er aber nach kurzer Zeit in Sauerbrunn bereut. Bald war er im Mittelpunkt des Interesses gewesen, da man ihn zum Lebemann gestempelt hatte. Da hatten ihn die Simulanten aufrichtig bedauert. Er musste nämlich das Adonis-Syndrom mit taktiler Halluzination koppeln, um der aufdringlichen Damenwelt zu entkommen. In Sauerbrunn musste er mit Fug und Recht behaupten, Berührungen nicht zu ertragen, ja schon im Voraus empfinde er sie als unangenehm. Und der Überläufer berichtet, in der Runde war diese Darstellung kritisiert worden, da man neurotische Exkoriationen für bei weitem günstiger hielt. Ein Experte war sogar der Meinung, darüber fehle jede Erfahrung, da weder in Vigaun, Villach, Großgerungs noch in Baden derartige Fälle aufgetreten sind. Nun mag der Rat, sich auf Extrasystolen zu spezialisieren, häufig gegeben werden, da man Tachykardie ja beliebig behaupten kann, allerdings kann man das nur als einen Teil des umfassenderen Krankheitsbildes ins Treffen führen, nicht als ausschließliches Leiden.

Die Runde war nach dem Wortlaut des Überläufers darauf spezialisiert, sich häufige und dauerhafte Aufenthalte in Kurheimen zu verschaffen. Inwieweit die Treffen ergiebig sind, konnte der Überläufer nur vermuten. Immerhin war behauptet worden, die Diagnosen der diversen Fachärzte beeinflusst zu haben, man habe ihnen sogar das Blaue vom Himmel erzählt, entscheidend ist wie immer die tatsächliche Überschreibung zu einer Kur. Bereits beim Durchlaufen der Diagnosestraße müsse man mit der Manipulation der Ergebnisse beginnen, war die übliche Rede unter den Simulanten. Dass dann die fingierten Leiden im Bewegungsapparat die einfachsten Täuschungen waren, auch wenn sie die beliebtesten sind, liegt nicht nur auf der Hand, sondern wirft ja auch ein bezeichnendes Bild auf die Orthopädie, war von den Simulanten behauptet worden. Irgendeinen Schatten am Röntgenbild gibt es immer, wie man weiß, weshalb man den Röntgenologen leicht verunsichern kann. Und bei den Berichten war stets ein lautes Gelächter die Antwort. Nun sei er als Überläufer den wahren Kranken moralisch verpflichtet, diesen Missstand im Himmelsbad aufzudecken, diesen Missbrauch anzuzeigen. Das hatte er im Speisesaal zu laut gesagt. Mehrere hörten diese Beschuldigungen gegenüber den Simulanten, fühlten sich aber doch auch betroffen. Bald hatte sich ein wütender Protest im Speisesaal eingestellt. Ein Wort gab das andere und die Mehrheit im Speisesaal verlangte die sofortige Entlassung des Überläufers aus der Kur. Er würde die Seriosität aller Rekonvaleszenten in den Schmutz zerren, so dass auf alle der Anschein eines Schwindels laste. Empört ballten die Rekonvaleszenten und Moribunden die Fäuste gegen den Überläufer und es fehlte nicht viel, dem Wortwechsel wären derbe Handgreiflichkeiten gefolgt. Die Simulanten erwiderten diese Unterstellungen mit dem Argument, ihr Gegner sei wegen seiner Unfähigkeit zu gelungenen Aggravationen erst ein einziges Mal zur Kur entsandt worden, also habe kein Talent zu Hypochondrien. In Wahrheit seien ja die echten Rekonvaleszenten bei weitem die schlimmere Mehrheit, da sie sowohl Spitalskosten verursachten, als auch die Kosten der Rehabilitation. Als Simulant würde man nur ein Minimum der Behandlungen beanspruchen, sei insgesamt sparsamer als diese hypochondrischen Plünderer der Krankenkassen, die deshalb auch in den roten Zahlen stecken. Genau habe man beobachtet, dass etwaige Kritiker ihrer Simulantengruppe bestenfalls schlechte Darsteller von Molieres eingebildetem Kranken sind, unglaublich schlechte, humorlos würden sie mit den Krücken herumstolzieren, kein Lächeln würde ihnen auskommen und reden fortwährend von ihrem Leid. So stünden den Simulanten, und das würde man nun auch offen zugeben und sich damit verteidigen, diese Patienten gegenüber und es sei leicht zu entscheiden, wer da eher legitimiert ist im Himmelsbad in Baden zu sein! Immerhin habe man schon im 19. Jahrhundert gelungene Simulationen dadurch anerkannt, dass man sagte, wenn eine Erkrankung so gut imitiert werden kann, dann ist der Patient auch objektiv krank. Und so hatte es ein Militärsenat entschieden, weshalb der inkriminierte Simulant vor über hundert Jahren nicht erschossen wurde! Das möge man bei den Vorwürfen bedenken, die einem hier im Himmelsbad entgegengehalten werden! Also endete der Streit unentschieden, ohne wirklich Frieden zu stiften. Ohne Angabe von Gründen wurde der Überläufer am nächsten Tag aus der Kur entlassen. Es sollen disziplinäre Gründe gewesen sein, sagte man. In Wahrheit hat die Gruppe der Simulanten, der sich dann viele anschlossen, bewirkt, dass die vom Überläufer geforderte Aufdeckung den Einrichtungen der Kuranstalt keine Ehre gemacht hätte. Letzten Endes war auch die Verwaltung davon überzeugt worden, als man von ärztlicher Seite die Simulation der allgemeinen Aggravation aller anderen Insassen grundsätzlich gleichgestellt hatte.