Wegen allgemeiner medizinischer Annahmen, Rauchen schade der Gesundheit, sind Raucher generell in allen Heimen oder Anstalten diskriminiert. Mit Würde tragen die Raucher dieses Los, zu Außenseitern der Gesellschaft geworden zu sein, wo sie doch einst dank Tabakreklame zu echten Männern gemacht wurden, als Erfolgsgeneration galten. Jetzt sind sie zu einem diskriminierten Häufchen geworden, heißen sogar offiziell Drogenabhängige, was früher nur Morphinisten waren, Kokainschnupfer oder Haschischkonsumenten. Im Badener Kurheim haben sie ihren Extratisch im Freien und sie hatten sich als Gruppe wegen ihrer Leidenschaft auch als erste konstituiert. Mitleid empfinden die Raucher füreinander, nicht wegen der Leidenschaft zum Tabak, sondern unter so ungünstigen Begleiterscheinungen die kleine Freude einer kurzen Zigarette zu genießen. Nicht nur Alkohol löst bekanntlich die Zunge, inzwischen ist die Gesprächigkeit bei Rauchern weit größer, weshalb sie auch schon nach kurzen Minuten ins Gespräch vertieft sind. Am Rauchertisch in Baden beflügeln die gemeinsamen Erinnerungen an die Spitäler die Neigung zum Erlebnisbericht. Ja, wo auch immer das Knie, die Hüfte repariert wurden, für Raucher trifft zu, dass in jedem Fall der Eingriff im Ablauf einmalig, wegen der Komplikationen erstmalig und insgesamt einen gerade noch glücklichen Verlauf genommen hatte. Und die Spitäler werden reihum qualifiziert, von Zwettl abwärts bis Sankt Pölten und Hollabrunn. Man glaubt es kaum, sagte da ein Raucher ungefragt in die Runde, dass es in Zwettl erlaubt ist, ein Knie zu operieren. Es war ein Leidensweg!, rief er aus. Noch vor dem Eingriff hatte er den Chirurgen gefragt, ob denn ein künstliches Knie die Lösung seines Problems ist, doch der antwortete nur, dass man nichts Genaues wissen könne, so dass sich erst nach dem Eingriff die tatsächliche Notwendigkeit erkennen lasse. Damals war er nicht gewitzigt genug, eine zweite Meinung einzuholen, also war er wenige Stunden später mit dickem Verband ums stählerne Knie im Bett gelegen wie ein Maikäfer bewegungslos. Schon damals waren ihm die heftigen Schmerzen aufgefallen. In Zwettl hatte man aber behauptet, dass es normal sei. Auch bei seinen Bettgenossen im Zimmer war immer geantwortet worden, dass Beschwerden normal seien, eigentlich ein gutes Zeichen der Genesung. Letzten Endes hatte er es nicht mehr ausgehalten. Unter Händeringen hatte er gebeten, man möge das Knie betrachten. Und das ist in Zwettl eine Gnade. Sie wurde erteilt und da sah er nun das Malheur. Sein Knie hatte das Aussehen von einem Pferd. Da waren alle zusammengelaufen. Und solche Vorfälle macht man in Zwettl den Patienten zum Vorwurf. Zu spät sei er gekommen. Das hat er nun davon. Schließlich war er mit heiler Haut dem Zwettler Spital entronnen.
Ein anderer Raucher rümpfte nur die Nase über diese Zwettler Unzulänglichkeiten. Er war in Sankt Pölten gewesen. Weit vor der Operation hatte man in Sankt Pölten von Sankt Pölten geschwärmt. Das Spital in Sankt Pölten, so war ihm eingeschärft worden, sei das beste. Dort war die Hüfte operiert worden. Anfänglich hatte er wirklich einen guten Eindruck vom Krankenhaus. Es hieß, auch der Landeshauptmann würde das Spital hier bevorzugen. In seinem Fall entpuppte sich Sankt Pölten als Schicksalsschlag. Prompt war einer der namenlosen Keime in der Prothetik. Alles müsse wiederholt werden. Ihm sagte man, doppelt hält besser. Heute könne er nicht mehr sagen, wie lange er in Sankt Pölten war. Jetzt in Baden könne er sagen, dass er knapp dem Tod entrann. Jetzt sei er wieder optimistisch trotz der Krücken und Beschwerden!
Da konnte die andere Raucherin nur auflachen! Von wegen Beschwerden, sagte sie. Bei ihr sei alles von Anfang an schief gelaufen! Zur Vollendung allen Unglücks war sie stationär in Hollabrunn. Der Grund war eine gebrochene Schulter als Resultat einer heftigen Diskussion in der Familie. Bisher hatte sie Vorfälle dieser Art unbeschadet überstanden. In Hollabrunn behauptete man, sie würde konservativ behandelt. Das müsse sie nun bis heute bereuen. Selbst hier im Siechenheim in Baden könne sie den rechten Arm nicht bewegen. Nicht einmal winken könne sie, sollte sich wer von der Familie zeigen. In Hollabrunn war sie angeblich in den besten Händen, sagte das Pflegepersonal, woran sie jetzt zweifelt. Sie könne nicht einmal eine lange Nase drehen, so sehr schmerzt der Arm. Irgendwann sagte ein Röntgenologe, die Schulter sei ganz falsch zusammengewachsen. Was er da sehe, sei ein Katastrophe. Zur Aufmunterung sagte ihr der Unfallchirurg, ihr stehe ab nun die Karriere eines einarmigen Banditen offen. Diese Bemerkung hatte er für überaus witzig gehalten. Sie frage sich aber, berichtete sie verbittert, dass diese Aufforderung, Straftaten zu verüben wohl nicht der Weg zur Wiederherstellung sein kann? Oder soll sie sich im Kasino von Baden um eine Anstellung bewerben wegen ihres Vorteils, nur einarmig zu sein?
Und der Vierte in der Runde sah sich endlich bemüßigt, der schiefen Optik, in die die Landeskrankenanstalten geraten waren, zu widersprechen. Es sei kein generelles Versagen zu beobachten, kein Leistungsabfall in der Schulmedizin, wie oft behauptet wird. Er sei wegen eines schweren Unfalls nach Wiener Neustadt gekommen. Es ist ein mustergültiges Krankenhaus und es gibt wenige andere, die diesem Spital das Wasser reichen können. Man müsse sich vor Augen halten, dass bis in das Gebiet rund um Gloggnitz und Neunkirchen die Menschen grundsätzlich eine Patientenverfügung bei sich tragen, im Eventualfall nicht nach Neunkirchen gebracht werden wollen, sondern um jeden Preis nach Wiener Neustadt. Und er hatte dieses unverschämte Glück, da der Sanitäter am Unfallort gesagt hatte, dass er nach Wiener Neustadt gehöre und ja nicht nach Neunkirchen. Somit kam er in den Genuss eines Spitals, in dem es auch erlaubt ist, von Angehörigen versorgt zu werden. In dankbarer Erinnerung hat er das Eintreffen burgenländischer Bauern während der Besuchszeit. Da war im Nu eine derart fröhliche Stimmung im Krankenhaus, die bekanntlich mehr zur Heilung beiträgt als die beste Klassenmedizin. Das ist ja leider in Baden nicht der Fall. Er selbst war Nutznießer der vielen Doppler, die unter den Betten der Patienten standen und für alle Notfälle auch ausreichten. Speck und Surbraten waren an Nachmittagen in Wiener Neustadt serviert worden, Bauernbrot und die Neusiedler Spätlesen. Da könne sich auch Baden eine Scheibe abschneiden, wo es in diesem Asyl der Krankenkasse keinen Tropfen gibt. Seiner Meinung nach stocke daher insgesamt der Heilungsprozess in Baden, Missmut ist vorherrschend und eine gewisse Resignation. Er kann da nur Neunkirchen als Beispiel heranziehen. Dort sei Alkohol ebenfalls verboten. Und somit ist die rhetorische Frage erlaubt: worin zeichnet sich eine derartige Maßnahme im Vergleich zu Wiener Neustadt aus? Er kenne nur eine Antwort und die lautet, dass der Neunkirchner Friedhof proportional sich schneller vergrößert als der Wiener Neustädter. Schon früher habe er es sich zur Gewohnheit gemacht, vor einem Spitalsaufenthalt den Ortsfriedhof zu besuchen. Wenn man da von Wien absieht, denn das Wachstum der Wiener Friedhofsflächen hat eine konstante Entwicklung, die selbst das AKH nicht zu beeinflussen vermochte, so schießt augenscheinlich Lilienfeld den Vogel ab. Vor Jahren war er dort wegen des Blinddarms und er hatte geglaubt, seine letzte Stunde habe geschlagen.
Ihm antwortete ein übergewichtiger Raucher, dass man über Lilienfeld nicht so reden könne. Im Gegensatz zu Wiener Neustadt versöhnt in Lilienfeld die traumhafte Landschaft mit dem Spital. Und die Schönheit der Natur ist immerhin ein Wert, den selbst bester burgenländischer Wein nicht überbieten könne. Er war in Stockerau gewesen. Ein Zehennagel hätte entfernt werden sollen. Kurze Zeit später war’s eine Blutvergiftung. Das Bein wollte man ihm abnehmen. In Stockerau hatte er für sein Bein wie ein Löwe gekämpft. Und diesem Einsatz verdanke er jetzt, auf zwei Beinen zu stehen. Umständlich packte er eine Zigarillo aus und war der festen Überzeugung, er habe sein Bein selbst gerettet, nicht Antibiotika oder andere ärztliche Interventionen.
Der Rauchertisch war dank des Zuspruchs nur mehr eine symbolische Mitte und man konnte kaum das eigene Wort verstehen. Alle berichteten gleichzeitig von ihrer Krankengeschichte. Diese standen allesamt unter einem glücklichen Stern, für dessen günstige Konstellation kein Spital etwas konnte. Für die Raucher war klar, dass ihre Einlieferung ins Spital bei weitem nicht einer erwarteten Lösung ihrer Probleme diente, kaum etwas mit Medizin zu tun hatte, wie oft behauptet wird, sondern ihre Heilung bestand im Sieg in je einem Daseinskampf, den sie offenbar gewannen. Mag schon sein, resümierte man am Rauchertisch, dass in Sankt Pölten manche das Spital auch gesund verlassen, sollte man hier nicht das Personal meinen, so ist der Zweck des Spitals im allgemeinen, einem Patienten die Chance zu bieten, im Daseinskampf zu bestehen. Nichts anderes ist der Sinn im Spital, sagten einige. Jedenfalls, so ein Neuankömmling, der die Zigarette einem silbernen Etui entnahm, im Allgemeinen überlebt man nur, sollte man rechtzeitig aus dem Spital entlassen werden. Und das gilt von A bis Z, von Amstetten bis Zwettl. Und er selbst stelle so ein Wunder dar. In Amstetten hätte man ihn partout behalten wollen. Ganz gegen die Gepflogenheit im Wiener AKH, wo die Unfallchirurgie nicht im Altersschnitt der Patienten, aber im Querschnitt des Ärztestabes eher einer gerontologischen Leitung entspricht, behält man die Patienten so lang als möglich, was sein Ende bedeutet hätte.
An dem Punkt hätte er gern mehr erzählt, doch das Stammpublikum des Rauchertisches hatte für diesen Morgen genug analysiert, kommentiert und den tatsächlichen Zustand der Medizin herausdestilliert. Wie auf Befehl erhoben sich alle Raucher und drängten sich durch die Tür zum Badener Siechenheim.