Noch heute ist die Enttäuschung seiner Eltern gegenwärtig. Recht schonungslos hatte er ihnen damals mitgeteilt, künftig in einem Rehabilitationszentrum arbeiten zu wollen. Ohne jemals darüber geredet zu haben, war es der geheime Wunsch der Eltern, nach seinem erfolgreichen Studium und guter Fachausbildung würde er eine Ordination einrichten, am besten im Wiener Cottage-Viertel, um bald ein angesehener Arzt zu sein. Bis zuletzt war es die Hoffnung der Eltern, einmal auf den tüchtigen Sohn stolz sein zu können. In Gedanken malten sie sich aus, noble Limousinen würden bei der Ordination vorfahren, Chauffeure würden den Wagenschlag öffnen und irgendwelche wichtige Personen, auch vom Fernsehen bekannt, werden aussteigen und würden ihre gesundheitlichen Probleme dem Sohn anvertrauen. Im Gedächtnis hatte er, dass die Phantasie der Eltern im Punkt seiner beruflichen Laufbahn Kapriolen schlug, also Wunschvorstellungen waren mit ihnen durchgegangen und galoppierten in eine blühende Zukunft. Sie hatten mit der tatsächlichen Lage der Ärzteschaft fast nichts mehr gemein. In seinen Augen war es hingegen eine glückliche Entscheidung, einen völlig anderen Weg eingeschlagen zu haben.
Während seines Turnus, den er im Wiener Allgemeinen Krankenhaus absolviert hatte, war ihm schnell klar geworden, dass diese Mehrfachbelastungen ihn nicht nur überfordern würden, sondern sehr schnell würde seine ärztliche Tätigkeit von finanziellen Überlegungen überschattet sein. Das berüchtigte Sammeln der Krankenscheine war ja das häufige Gesprächsthema in der Öffentlichkeit, das weit mehr das allgemeine Interesse berührte als die unbestrittenen Fortschritte der Heilkunst. Und es war nicht allein bei diesem Wermutstropfen in einer allgemeinen Arztkarriere geblieben. Wenn er zurückdenkt an seine Tätigkeit in der Unfallchirurgie, an das dramatische Ungleichgewicht zwischen ärztlicher Kunst und Spitalsorganisation, an die hoffärtige Hierarchie, deren Interesse vornehmlich in der Behandlung von Sportverletzungen im Freundeskreis bestand, hingegen ein üblicher Unfall eher als Störung empfunden wurde, dann sah er sich bestätigt, diesen Weg nicht weiter verfolgt zu haben.
Natürlich wusste er, dass seine berufliche Entscheidung im öffentlichen Ansehen noch immer keine entsprechende Wertschätzung erfährt. Noch immer gab es dieses Berufsbild des Arztes in der Gesellschaft, eben ein Gott in Weiß zu sein, noch immer schätzte man die medizinische Reputation nach der Art eines Luxusautos ein, selbst wenn da und dort schon gemunkelt wurde, dass ein teurer Sportwagen noch lange keinen guten Arzt macht. Dennoch war es ein unausrottbares Vorurteil, dass ein Arzt in der Kategorie eines Angestellten nichts verloren habe, da man nicht bereit war, die Spitalsärzte ebenfalls als Angestellte zu bezeichnen.
Das alles ging ihm durch den Kopf und erneut ärgerte er sich darüber, dass er sich immer wieder gezwungen sah, sich wegen solcher Vorurteile zu verteidigen, als wäre seine Tätigkeit im Auftrag einer Krankenkasse von geringerem Wert und mit geringerer Kenntnis verbunden als etwa die Kompetenz eines Professors, der es sich zur Gewohnheit machte, überall und nirgends zu sein, im Grunde das nicht halten kann, was der Titel verspricht.
Wie oft war er in Gedanken diese Verteidigungsrede durchgegangen? Wie ein Albtraum verfolgte ihn dieser elterliche Vorwurf, sich falsch entschieden zu haben. Und zum x-ten Male hatte er vor sich selbst diese Antwort formuliert. Dieser bedrückenden Ablenkung wollte er nicht weiter folgen.
Soeben hatte er die Unterlagen der neu eingetroffenen Patienten im Rehabilitationszentrum durchgesehen, akribisch diese Arztbriefe gelesen und sich Notizen gemacht, worauf er bei der ersten Begegnung mit den Patienten sein Augenmerk legen müsse. Oft hatte er argumentieren müssen, bei ihm ist ein Patient keine Nummer, nicht irgendwer, sondern in erster Linie ein Mensch, der in ängstlicher Sorge vor ihm Platz nimmt. Er hatte sich immer bemüht, sagte er zu sich und nippte am kalten Kaffee, einem Patienten Zuversicht zu schenken, Vertrauen in eine Medizin, die zwar nicht so viel kann, woran Patienten wie an einem Mythos festhalten, aber immerhin gut genug ist, in vielerlei Dingen Abhilfe zu schaffen. Sein Thema ist mehr und mehr Prophylaxe und Rehabilitation geworden und er war der Überzeugung, in vielen Fällen erfolgreich gewesen zu sein, also bei jedem Neuzugang von 20 Patienten wenigstens zweien davon konkret zu helfen.
Angesichts der vielfältigen Nöte und Beschwerden seiner Patienten hielt er es für völlig unangebracht und ungehörig, diesen als Gesundheitsapostel zu begegnen. Das hatte er noch in den Ambulanzen des Wiener Krankenhauses kennen gelernt. Da waren wirklich diese armseligen Bosnier, Serben, Türken oder Schwarzen aus Afrika angebrüllt worden, was sie alles falsch machten, falsch aßen, falsch leben und falsch gehen. Bei Diabetes hatte man dem Patienten gedroht, er werde die Beine verlieren, hierauf den Verstand, dann die Arme, sollte er sich nicht an die Diät halten. Diabetes verkrüppelt, war der Patient in der Ambulanz angeschrien worden. Ein derartiges Verhalten würde er nie an den Tag gelegt haben. Niemals würde er einem Alkoholiker den Konsum des Brandweins vorwerfen, sondern zuerst einmal nachdenken, womit man diese Abhängigkeit kompensieren kann?
Er wusste nur zu gut, dass der Kranke dem Gesunden niemals sein Vertrauen schenkt. Ebenso hatte er oft genug erfahren, dass die längste Zeit im Leben die Gesundheit ein belangloser Zustand der Vollkommenheit ist. Ja, fast hätte er laut zu lachen begonnen, was er auch zum Glück rechtzeitig unterdrückt hatte. Im angrenzenden Zimmer sollten die Mitarbeiter, die Schwestern und Therapeuten, nicht irritiert werden, wenn er wieder einmal belustigt feststellte, dass die vielen Krankheiten sich zumeist wie ein wütender Protest im Körper melden und den Betroffenen buchstäblich von einer Sekunde auf die andere überraschen, in Schrecken versetzen. Da werden erkrankte Organe gleichsam asozial, die man mit Medizinen wieder zur Zusammenarbeit zwingen will. Mit Verwunderung bemerkte er am Schreibtisch, dass einerseits sein Blick in eine nicht wirklich wahrgenommene Ferne schweifte, andererseits konnte er buchstäblich beobachten, wie sich die Gedanken von ihm lösten und er sein eigener Zeuge seiner sich überstürzenden Gedanken wurde. Er stellte sich vor, dass erst Schmerzen aus der Namenlosigkeit hervorheben und in vollem Umfang empfindet man das Ich. Es ist vermutlich die Krankheit, und diese neue Idee jagte ihm durch den Kopf, die uns die Authentizität des Bewusstseins schenkt, doch leider fühlen wir uns dadurch nicht frei oder unabhängig, sondern hilflos. Das kann man nun drehen und wenden wie man will, doch eine Krankheit, die uns das Ich so unnachsichtig in Erinnerung ruft, vermag eben die Vorteile nicht zuzulassen, sondern wir wünschen uns das Gegenteil davon, was als Anregung bezeichnet werden kann, nämlich in den Formen von Spannung und Konflikt. Jedes Medikament verringert die Spannung oder beseitigt gar den Konflikt, den ein Organ mit unserem Leib hat. Darum verstehen wir das Leben kaum mehr. In den Wunschvorstellungen der Patienten sollte das Leben schmerzfrei wie in Trance ablaufen, beschwerdelos und konfliktfrei, währenddessen unsere leibliche Materie aufgerieben wird, ohne dass wir es merken oder wahrnehmen wollen. Erst alte Photos belehren uns, einmal anders ausgesehen zu haben, nicht nur jünger, sondern auch vor Entscheidungen gestellt, deren Mut wir im Rückblick bewundern.
Er zweifelte, ob er sich noch länger mit solchen Extrakten seiner Gehirnphysiologie beschäftigen soll. Es lagen ja noch drei Krankengeschichten vor ihm, zwei Hüften und ein Knie, denen er sowohl Gymnastik zu verschreiben hatte, als auch Unterwassermassage und Ergotherapie, doch noch nie hatte er so deutlich diese Trennung erfahren zwischen dem Selbstzweck der Medizin als Wissenschaft und als recht gute Hilfe, Alltagsprobleme wieder bewältigen zu können. Da ersah er aus der Krankengeschichte, dass das künstliche Knie auch Diabetes hat, Stoffwechselstörungen insgesamt, übergewichtig und im fortgeschrittenen Alter. Soll er nun dieser guten Frau morgen früh die Nachteile der Gesundheit schildern? Soll er dem Patienten mit der Hüftprothese raten, baldigst mit Gymnastik zu beginnen? Und er ahnte jetzt schon die Enttäuschung, denn zu gern hätte der Patient eher ein Medikament, ein Wundermittel an Stelle von Bewegung. Schon seit Jahren beobachtete er diese Veränderung in der Einstellung zum eigenen Körper. Das antike Ideal war gänzlich in Vergessenheit geraten, dass nämlich ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sein soll. Dieses ideale Verhältnis im Fall eines Rehabilitationszentrums bedeutet, der Geist müsse den Körper zur Selbstdisziplin raten, zum neuerlichen Erwerb eingebüßter körperlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten. Von solcher Überzeugung war nichts mehr vorhanden. So oft war er gefragt worden, ob es nicht stattdessen ein Medikament gibt? Und obendrein war es so nicht formuliert worden, wenn er es jetzt genau wiederholen will: Es hieß immer, ob es dagegen nichts gibt? Ob es also ein Medikament gegen sich selbst gibt, gegen ein künstliches Knie? Und er fühlte es sofort, wie man von ihm enttäuscht war, denn er wollte nur Krücken empfehlen, aber kein Pulver anbieten, wo Bewegung genügt, Wandern oder Radfahren. Diesmal war er von seinem Arbeitstag recht enttäuscht. Der Gedankenflug zwang ihn zu einer Notlandung, die an den Patienten kein gutes Haar ließ. Für heute hatte er genug. In seiner Gedankenwelt siegte wieder einmal das Unbelehrbare über das Vernünftige. Er beschloss, nach Hause zu fahren. Der Arbeitstag endete also mit diesem Misston. Er stand auf, verabschiedete sich vom Personal des Nachtdienstes und verließ das Himmelsbad in Richtung Josefsplatz. Das unbedarfte Stadtbild beruhigte ihn. Er schätzte es, die paar Schritte zu Fuß zur Badener Straßenbahn zu gehen. Der Platz erheiterte ihn zusätzlich. Es mag grotesk sein, aber der Josefsplatz hatte eine ähnliche Ortlosigkeit wie die Plätze in Berlin, obzwar hier in Baden die Plätze und Straßen ungleich älter waren als diese preußische Erfindung. Die Gebäude standen zusammenhanglos herum und es war ihnen anzusehen, um keinen Preis der Welt einen Platz bilden zu wollen. In einem Eckhaus, vormals ein nobles Hotel, tagte der Generalstab für die Isonzofront und vis a vis wurde aus dem Frauenbad ein Museum für Arnulf Rainer. Der Menschenvernichtung folgte die Vernichtung alter Folianten durch Übermalung. Ihn gruselte, denn auf der Brücke über die Schwechat war ein kalter Windstoß. Vielleicht achtete er zu wenig auf den Verkehr, obwohl er am Zebrastreifen die Straße überqueren wollte. Ein Fahrzeug erfasste ihn und schwer verletzt blieb er liegen. Um ihn herum wurde es tiefe Nacht. Irgendwo gab´s ein bisschen Helligkeit, die ihn erstaunte. Als er dennoch erwachte, sahen ihn ein halbes Dutzend Gesichter fragend an, Fratzen und Masken wie auf Gemälden von James Ensor. Er konnte nur so viel erfassen, dass an ihn dümmste Fragen gerichtet wurden. Das Eintreffen der Rettung befreite ihn von diesen dümmlichen Gesichtern. Er merkte, die Professionalität der Sanitäter verwandelte ihn in ein Objekt. Die Fragen vermochte er nicht zu beantworten: Wie heißen wir? Wo wohnen wir? Er war sich trotz der Desorientierung sicher, nicht den gleichen Namen wie der Sanitäter zu haben. Der Arzt wäre nicht der seines Vertrauens gewesen. Der meinte, er sei das Übliche. Genau das war er überhaupt nicht. Er wollte sein Ich zurück und nicht den Namen des Sanitäters tragen. Er wollte seine Verletzung und kein übliche. Es fühlte sich am Asphalt namenlos gedemütigt. Er überlegte sich gerade noch, ob er dann, also irgendwann ins Himmelsbad kommt? Bei diesem Gedanken begann er haltlos zu weinen. Er verlor das Bewusstsein, was der Notarzt bezweckt hatte. Wie ein Paket war er auf der Trage ins Rettungsauto geschoben worden. Alles, was er sah, schwankte und verlor an Beständigkeit. Er hörte, dass die Türen geschlossen wurden. Den Grund dafür verstand er nicht mehr. Mit Getöse raste das Rettungsauto davon.