Wie der Zufall so spielt, oder es braucht auch keinen Zufall, hatten sich zwischen den Tischen der diversen Neigungsgruppen im Café des Badener Kurheims auch einer für Witwen befunden, die ein ähnliches Lebensschicksal zusammengeführt hatte. Freilich verstreicht einige Zeit, um ein Gespräch zwischen den Teilnehmerinnen zustande zu bringen, denn selbst bei Wahrung der Anonymität benötigt man Vertrauen, Zuverlässigkeit und letztlich Zustimmung in der je eigenen wie eigenwilligen Bewältigung von Lebenssituationen. Alle um den Tisch herum verfügten über die Pensionen der verstorbenen Männer, besaßen eine unangefochtene Kompetenz in der Verwendung der Gelder und waren ob der täglichen Belastungen und Sorgen keineswegs unglücklich! Im Gegenteil: endlich waren sie unabhängig, unbelastet und ungebunden. Wenigstens einmal wollten sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen, was im Kreis der Familie ihnen sehr zu raten gewesen wäre. Also war die Runde täglich am Nachmittag mit gemeinsamem Seufzen eröffnet worden. Immer versicherte man einander, man denke noch immer voll Dankbarkeit an den verstorbenen Mann, der ja am Beginn jeder Erzählung als eine Seele von Mann beschrieben wurde, als arbeitsam, sparsam und fügsam, ja ein Tugendbold, kann man sagen, um dann nach und nach mit der Wahrheit über den vergötterten Ehemann herauszurücken. Es war endlich der Punkt freier Rede erreicht worden. Den Lobliedern widerfuhren Einschränkungen. Weit öfter habe man ein Auge zudrücken müssen als normal, eigentlich waren die letzten Lebensjahre der Männer nicht der Leidensweg, wie man oft sagt, sondern das Leben davor war der bei weitem strapaziösere Leidensweg. Jetzt kann man es ja offen sagen, dass in jeder Hinsicht der Tod die Erlösung war. Als er da nun tot im Bett lag, hatte man nichts anderes als eine einzige Erlösung empfunden. Vor der Familie beteuerte man, er sei endlich erlöst worden, doch in Wahrheit fühlte man sich selbst erlöst, ja befreit. Und eine Teilnehmerin mischte sich ein und meinte, dass der plötzliche Tod ihres Mannes für sie kein Schock war, sondern eine unerwartete Überraschung. Sie würde ihm ja nie etwas Böses nachsagen, also war der Tod durch ein Aneurhisma dennoch ideal für beide Seiten. Ja, bestätigte die Sitznachbarin, der Tod habe auch etwas Gutes. Früher, allein wenn sie hörte, der Mann würde gerade die Eingangstür aufschließen, erwartete sie Sätze, die immer wieder kehrten – tausendmal. Was es zu essen, was es im Fernsehen, was es zum Nachtisch gibt? Über Jahre immer das Gleiche! Und noch heute hat sie den Albtraum, er würde die Türe öffnen und sie nach dem Fernsehprogramm fragen. Er wurde ihr immer mehr zum Horror. So begann sie zwei Jahre vorm Ableben des Mannes die Dosis der Medikamente zu verändern. Langsam und konsequent bekam er von allem mehr. Und innerlich konnte sie lachen, wenn er zur Nachspeise die Medizinen schluckte und voll Zuversicht war, die Beschwerden würden einmal geringer. Und zur Runde sagte sie in unverhohlener Offenheit, dass sie Genaueres wohl nicht andeuten müsse? Alle nickten, sie hatten nur zu gut verstanden. Allerdings war beim Tod des Mannes der Arzt verwundert, doch diesen konnte sie überzeugen, ihr Mann habe sich nie an Vorschriften gehalten. Das konnte er nie. Also war er gestorben. Friedlich sei er eingeschlafen und das habe sie mit ihm im Grunde wieder versöhnt. In ihrem Fall, so die nächste Witwe, war es bei weitem schwieriger. Ihr Mann fühlte sich schon die längste Zeit kränklich. Er war kaum aus dem Bett zu bewegen, aus dem Haus überhaupt nicht. Bestenfalls saß er jahraus und jahrein nachmittags im Schlafrock beim Fenster und seine einzige Tätigkeit war das Lesen der Zeitung. Es war furchtbar, sagte die Witwe.
Auf Zustimmung musste sie nicht warten. Wie eine Puppe saß er von früh bis spät am Fenster, fuhr sie fort. Er aß wenig und trank nicht. Es war zum Verzweifeln. Die Aussicht, noch viele Jahre mit dieser Gliederpuppe am Fenster zu verbringen, war grässlich. Woran hätte er sterben sollen? Sein Zustand war der eines unendlichen Winterschlafs. Er war zum Leitfossil am Fenster geworden. Da war es ihr schwerer Entschluss, diesem Zustand ein Ende zu machen. Lange hatte sie nachgedacht. Die rettende Idee war, ihm einzureden, sie würde mit ihm gemeinsam sterben wollen. In der Schweiz ist es möglich. Und endlich hatte sie ihn so weit gebracht, dass er zustimmte. Da waren sie in die Schweiz gereist, nach Zürich. Erstmals nach 14 Jahren hatte er das Haus verlassen. Gute Lust hätte sie gehabt, ihn auf den Stiegen stolpern zu lassen. Da lachten die Witwen, denn dieser Einfall war ihnen oft gekommen. Also auf in die Schweiz. Das war ihr nicht leicht gefallen, denn sterben wollte sie nicht um die Burg. Endlich war es dann soweit nach 14 Tagen. Also hatte sie sich gewünscht, er möge in ihren Armen sterben. Das hatte sie immer wollen. Und diese Bitte hatte sie nach langem Zureden durchgesetzt. Er willigte ein. Er trank wie ein Lamm den Giftbecher. Und zu aller Überraschung erklärte sie, nun nicht mehr sterben zu wollen. Ihr Mann hatte noch große Augen gemacht. Irgendwie hatte sie das Gefühl, er habe zu spät ihren Plan durchschaut. Der Psychologe war ebenso verblüfft. Es war dann ihr heroischer Kampf, den Giftbecher abzulehnen, den der Psychologe ihr einflößen wollte. Es sei dann doch gut ausgegangen und die Rückreise war ihre schönste im Leben. Die Witwen waren erschüttert, dass sich die Schicksalsgenossin in der Schweiz fast den eigenen Tod eingehandelt hätte, nur um als lustige Witwe weiter leben zu können. Befreit atmeten sie auf, dass es einen glücklichen Ausgang nahm. Schon 14 Tage später hatte sie vom Sparbuch des Mannes eine Weltreise angetreten. Höhepunkt war die Witwenverbrennung am Ganges, sagte sie kichernd. Sie war irgendwie amüsiert, dass das ihren Mann und nicht sie betraf. Im Schlafrock hätte er lichterloh gebrannt, dachte sie sich. Und es war das Stichwort für die vierte Witwe am Tisch. Weltreisen, sagte sie mit einiger Erfahrung, sind immer ein Risiko. Im Gegensatz zur Vorrednerin ging ihr die Reiselust des Ehemannes gründlich auf die Nerven. Es waren immer weite Reisen und mühsam. Bei einer Fahrt durch den Dschungel waren sie für eine Wanderung aus dem Bus gestiegen. Pünktlich sollten sie in einer Stunde abgeholt werden. Ihrem Mann hatte sie eingeredet, es seien zwei Stunden im Urwald zu verbringen. Er war immer schon schwerhörig, was dieses Schreien in sein Ohr notwendig machte. Immer dieses Schreien, weil er gar nichts verstand. Rechtzeitig kehrte sie zum Treffpunkt zurück. Die kurze Visite im Dschungel war äußerst ereignislos. Nicht einmal ein Affe war zu sehen. Geschickt entfernte sie sich von ihm und der Gruppe sagte sie, ihr Mann sei bereits mit dem ersten Bus gefahren. Man hat ihn nie mehr gefunden. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Sofort fuhr sie heim. Jetzt genießt sie die Kur in Baden, die Ruhe, die vertraute Umgebung, keine Abflug- oder Abfahrtszeiten, kein Stress wegen Umsteigen in Frankfurt oder in London. Und die sechste Witwe bedauerte sie, da sie im Vergleichsfall die Sache anders löste. Sie wäre ebenfalls am liebsten daheim geblieben. Ihr Mann hingegen schwärmte davon, in der Pension werden sie reisen – überallhin, wo der Pfeffer wächst. Und er ließ es immer auf die letzte Sekunde ankommen, ehe sie sich zum Flughafen bewegten. Immer beim letzten Aufruf seien sie in Schwechat gewesen. Vom Taxi aus hörte sie schon ihren Namen. Sie fühlte sich mehrmals im Jahr einem Herzinfarkt nahe. Und er machte es absichtlich! Doch das letzte Mal, sie war schon im Taxi, wollte er noch etwas aus der Villa holen. Und er kam nicht und nicht zurück. Da stieg sie aus, um nachzusehen. Im Aufzug war er stecken geblieben. Da kehrte sie um und trat die Reise an, völlig entspannt und ruhig. Nach fünf oder sechs Tagen mitten im Ozean war sie verständigt worden, ihr Mann sei im Aufzug gefunden worden. Das Beileid des Kapitäns kam ihr vor wie ein Glückwunsch. Das Schiff konnte mitten am Weltmeer nicht umdrehen. Nach Tagen kam sie zurück und besuchte das frische Grab. Sie fand, dass unter der Erde ihr Herzklopfen begraben ist, der Stress, die Aufregungen und Quälereien ihres Mannes. In der Witwenrunde war man sich schnell einig geworden, richtig, ja endlich richtig gehandelt zu haben. Viel zu lange habe man zugewartet. Viel zu lange das eigene Leben zur Hölle machen lassen, daher genieße man jetzt Baden umso mehr. Baden ohne Ehemann ist wie ein Traum. So dachte die ganze Runde. Hier ist man wie befreit. Endlich könne man tun, was das Herz begehrt. Jetzt kann man offen sagen: das Leben ist schön. Und man war in der Runde überzeugt, dass es im Kurheim mehrere Witwen gibt, die ein ähnliches Schicksal teilen, die im Fall eines Gerichts einen einzigen generösen Freispruch verdienten, sollte man da etwas aufrollen wollen. Obendrein wäre damit niemandem gedient. Mit ruhigem Gewissen wünschten sie einander einen angenehmen Nachmittag!