Gegen seinen Willen war er der gelehrige Schüler des Sprichworts geworden, dass ein Unglück selten allein kommt. Was im Alter jede normale Krankengeschichte schonungslos auflistet, Abnützungserscheinungen bei Fettleber, Tachykardie samt Extrasystolen bei Anforderungen befremdenden Inhalts, Schlaflosigkeit und rheumatische Beschwerden, Fehlhaltungen und Stoffwechselanomalie, Diabetes und Spreizfuß, waren die Symptome, doch die Liste könnte man fast vorausschauend bis zur ausschlaggebenden Todesursache ergänzen. Sein subjektives Empfinden war das Gegenteil davon. Dem Morgen begegnete er mit Freude und Tatendrang, zumindest vor einem Jahr sah er voll Zuversicht einem neuen Tag entgegen. Er ging voll Schaffensdrang ins Wiener Ministerium und jede neue Aufgabe wollte er in aller Ruhe an sich herankommen lassen, betrachtete sie als Prüfung seiner Akkuratesse und Kenntnis. Wenn er schon mit dem Temperament eines Demiurgen die Jugend verbrachte, so war ihm die Fortsetzung dieser Rolle nicht fremd. Wahrscheinlich war er als Sektionsleiter deshalb über Jahre geschätzt, geachtet und das steigerte sein Glücksempfinden. Alle Beamten der Republik, so sie eine geringfügige Kenntnis der Bürokratie hatten, wussten genau, dass er der Mann war, der letztlich über die Besoldung entscheidet, über Biennien und Vorrückungen, Dienstzuteilungen und Beförderungen. Er war der Regierungschef eines Staates im Staat. Seit geraumer Zeit sonnte er sich im Hochgefühl seiner amtlichen Kompetenzen und kollegialen Verehrung, dachte oft darüber nach, dass es im weiten Erdenrund nicht viele geben kann, mit denen er noch tauschen würde. Nicht einmal ein Schatzmeister der Bank von Amerika wäre eine attraktive Alternative, waren seine Worte, wenn die Beamtengehälter dem Lebenskostenindex wieder einmal angeglichen wurden.
Frohgemut war er also eines Morgens zur Straßenbahn gegangen. In Gedanken legte er sich die Tagesordnung der vordringlichen Erledigungen zurecht, zuerst die Dienstpost, dann die Berichte der zugeordneten Abteilungen, die Akten und dann Mittagspause. Er lächelte auf dem Weg zur Straßenbahn nachsichtig und leutselig, da er sich plötzlich an Kollegen in den Bundesländern erinnerte, die sehnsüchtig auf einen der zahlreichen Orden oder Ehrenzeichen warteten. Die Urkunde harrte nur noch seiner Unterschrift der Befürwortung für den Bundesminister und diese Zeit des Bangens war ein Teil seines heimlichen Vergnügens. Sogar Landeshauptleute hatten bei ihm interveniert: Für einen ihrer Beamten sei mindestens ein Hofrat fällig oder ein silbernes Ehrenzeichen der Republik. Er würde sich in keinem dieser Fälle offiziell quergelegt haben. In der Antwort formulierte er verklausuliert, mit welcher Gegenleistung er bei schneller Erledigung rechnet, wo auch immer. Da wies er arglos auf den Finanzausgleich hin, aufs Budget der Länder und Gemeinden, und stets musste der Titel eines Hofrats buchstäblich erkauft werden. Und die Länder ließen es sich etwas kosten, da die Zahl der Hofräte in den Amtsstuben der Provinzen wuchs und wuchs.
Er sah die Straßenbahn und beschleunigte seine Schritte. Bei der Überquerung der Gasse übersah er ein Auto. Zwei Tage später war er im Spital wieder bei Bewusstsein
Er war das erste Mal in seinem Leben hilflos. Er sah sich als Schildkröte am Rücken, zahllose Schläuche verbanden ihn mit Apparaten, am Monitor bildeten geheimnisvolle Kurven unbekannte Funktionen ab. Vermutlich war auch der Herzschlag dort zu sehen. Hin und wieder raubten ihm Schmerzen das Bewusstsein. Im Unterschied zu den Leidensgenossen kamen keine Besuche. Bei ihm gab es keine Obstsäfte, Joghurt und Früchte, nicht einmal Blumen, die ihm so sinnlos erschienen.
Früher hatte er seine Überlegenheit gegenüber Kollegen genüsslich zur Geltung gebracht, beim Heurigen, bei Weinfahrten oder späten Besuchen diverser Lokale. Er war unverheiratet und auf ihn wartete niemand. Die jungen Kollegen rutschten hingegen unruhig am Sessel hin und her in Erwartung der Standpauken daheim, wenn es nicht allein beim Heurigen geblieben war. Da schmunzelte er immer, wenn ihm das Leid des Eheglücks geschildert wurde, nach dem vierten Viertel. Da meinte er stets zu wissen, was ein Freiherr ist. Sicherlich hieß es nicht, in den Tag hinein zu leben. Hingegen alles Außerdienstliche wollte er keiner Regulierung unterwerfen, niemals. So anziehend hätte keine Frau sein können. Im Krankenbett erinnerte er sich, einmal der Leidenschaft nachgegeben zu haben. Bis zum Tag des Unfalls schien es ihm als die gefährlichste Verführung. Jetzt aber? Um die Betten scharten sich die Mütter und Töchter. Bei ihm war niemand. Die Zuwendung der Schwester war das Verabreichen der Urinflasche. Jetzt hätte er sogar Blumen dankbar entgegengenommen und in einem Gurkenglas aufs Nachttischchen stellen lassen.
Er war erst fünf Tage nach dem Unfall von der Sekretärin besucht worden. Sie schwatzte Belanglosigkeiten, dass er eben so vielen fehlt und alle auf ihn warten. Sofort war ihm klar, dass sie lügt. Da er den Betrieb in der Himmelpfortgasse kannte, werden ihm dort alle den baldigen Tod wünschen. Er wusste von früher, dass jetzt bei jeder Sitzung beziehungsvolle Blicke seine Abwesenheit kommentieren werden. Die Augen rollen nach oben und gleichzeitig seufzt man. Ja, wird immer gesagt, zu unserem Unglück ist Herr Sektionschef X oder Y verunglückt. Es ist für die Republik ein unersetzlicher Schaden. Hierauf beginnen sicherlich die ersten zu kichern. Er wusste es, denn er selbst hatte in den sechziger Jahren das Lachen bei Todesnachrichten kaum verbeißen können. Jeder tote Beamte war zugleich die Chance auf eine höhere Stufe in der Hierarchie. Also waren beide schließlich nicht unglücklich beim Abschied, da die Sekretärin ihre Erleichterung kaum verbergen konnte, ihn endlich zu verlassen.
Da lag er nun Tag für Tag und allein. Er hätte nicht einsamer sein können, selbst wenn man ihn auf den Mond geschossen hätte.
Nach fünfzehn Tagen kam der Hausmeister. Er brachte Post, Erlagscheine, die Grüße der Nachbarn, eine Biskuitroulade seiner Frau. Darüber hätte er weinen können. Er erinnerte sich, am Unglückstag beim Verlassen des Hauses die Hausmeisterin nicht gegrüßt zu haben. Es reute ihn jetzt. Dem Hausmeister trug er ausdrücklich besondere Grüße an die Frau auf. Der Hausmeister verstand diese übertriebene Zuwendung überhaupt nicht. Er zweifelte am Sektionschef, ob der noch der Alte ist und lange bleiben wird?
Nach der Entlassung aus dem Spital hatte er den Haushalt eines Junggesellen kaum bewältigt. Er hoffte auf die Überweisung in ein Rehabilitationszentrum. Er erhielt die Zuweisung für Bad Pirawarth.
Er freute sich auf Bad Pirawarth. Eines Tages schneite es aber und bei ihm daheim war kein Brot. Am Weg zum Bäcker rutschte er prompt auf einer Eisplatte aus.
Der Unfallchirurg berichtete von der Art der Verletzung und brachte ihm bei, dass der Oberschenkelbruch Probleme machen wird. So erlebte er wieder etwas Erstmaliges: die Mischung aus Verzweiflung und Wut. Ihm blühte erneut das Dasein der Schildkröte, der Schmerz, die Einsamkeit im Dreibettzimmer, die Besucherinnen der Bettnachbarn und nur er allein ohne Orangensaft und Blumen.
Der Spitalsaufenthalt verlief nicht ohne Komplikationen. Die Pechsträhne könne er nicht mehr nacherzählen, sie hätte ohnehin niemand hören wollen. Zwei Monate verbrachte er im Spital, sehr zum Missvergnügen der Station, die ihn am liebsten irgendwohin abgeschoben hätte. So erlernte er erstmals im Leben, nicht erwünscht zu sein. Er fühlte ganz genau, die einzige Anerkennung und Aufmerksamkeit, die ihm im Spital zuteil würde, müsste sein Selbstmord sein. Er war ihm nicht wirklich nahe gelegt worden, aber die Station hätte seinen gewaltsamen Abschied nicht ungern gesehen. Das waren seine finsteren Überlegungen während schlafloser Nächte.
Seine depressiven Phasen nahmen zu. Die Zeit vor Weihnachten erlebte er während der Besuche, die mit Adventkränzen anrückten, heimlich heißen Punsch aus der Thermoskanne ausschenkten und bei Dämmerung die erste Kerze am Kranz anzündeten. Religiös war er nie, doch das Bewusstsein, einsam auch für alle Zukunft zu sein, bedrückte ihn.
Er konnte sich recht gut vorstellen, was einen Junggesellen daheim erwarten wird. Und die spärlichen Besuche der Kollegen lehrten ihn, dass die Lücke, von der immer behauptet wird, jeder Mensch würde sie bei seinem Abgang hinterlassen, längst geschlossen war. Sein Selbstbewusstsein wäre gestärkt worden, hätte sein Fehlen etwas länger zu Engpässen geführt. Aber nein, die Bürokratie war organisatorisch in der Lage, Lücken sofort zu schließen. Nicht zuletzt war er es selbst gewesen, der in der Reorganisation der Beamtenhierarchie bei möglichen Ausfällen für adäquaten Ersatz bei reibungslosem Ablauf gesorgt hatte Nun betraf ihn diese Maßnahme selbst. Er merkte es natürlich, da die Kollegen am Spitalsbett ihn zu beruhigen meinten, wenn sie erzählten, dass alles seinen gewohnten Verlauf nehme. Der Minister habe sogar die Fragestunde im Parlament glorios bestanden, der bekanntlich nur in einer Form des Abhängigkeitsverhältnisses gegenüber seinen Beamten bisher bestanden hatte.
Daheim war er unsicher. Nach der Heimkehr aus dem Spital erledigte er die Mühsal seines Haushalts. An eine übliche Reinigung war nicht zu denken. Telefonisch bat er den Hausmeister um Hilfe. Er fragte, ob die gnädige Frau, wie er jetzt die Hausmeisterin nannte, bereit wäre, eine Haushaltshilfe zu sein? Diese Bitte war seine Degradierung. Der Hausmeister war kein Unmensch, was er sich aber bezahlen ließ. Im Februar langte endlich der Brief der Krankenkasse ein, in dem ihm für März die Rehabilitation zugesagt wurde. Man würde ihn Mitte März nach Baden schicken. Das Rehabilitationszentrum heißt Himmelsbad und bei Eintritt in die Behandlung müsse er rund vierhundert Euro zahlen. Das Schreiben der Krankenkasse war wie ein Lichtblick. In Baden, im Schatten der Erinnerung an Metternich die Kur zu nehmen, schien ihm außerordentlich attraktiv. Es war der erste Lichtblick seit November des Vorjahres.
Seinen Kuraufenthalt trat er Mitte März bei Schneetreiben an. In recht forschen Worten erklärte ihm ein Pfleger, welche Aufgaben ihn erwarten. Am nächsten Tag um halb sieben Blutabnahme. Stuhlproben aller Art in den nachfolgenden Tagen. Bestimmung des Blutzuckers ist täglich vorzunehmen. Er konnte sich die vielen Aufgaben kaum merken. Wie benommen torkelte er in seine Unterkunft, um seine sieben Sachen zu verstauen. Er war sehr niedergeschlagen. Hätte er es gekonnt, hätte er geweint. Er sah sich zwar nicht hilflos, aber einsam. Mit den beiden Krücken konnte er gut umgehen. Den Empfang im Kurheim empfand er forsch und etwas lieblos. Es war ihm auch mitgeteilt worden, ab morgen erhält er einen genauen Plan, der einzuhalten ist. Ferner gibt es Essenszeiten, deren Einhaltung er vor der Mahlzeit abzeichnen muss. Dass hatte er gleich vergessen. Über Lautsprecher wurde er ermahnt, die Essenseinnahme nicht bestätigt zu haben. Wie ein Häftling schlich er in sein Zimmer. Er hätte sich gern aus dem Fenster gestürzt, doch es war darunter das Dach der Küche.
Am nächsten Morgen fasste er den Entschluss, einen so genannten Anschluss zu suchen, selbst familiärer Anschluss würde ihn nicht schrecken.
Mit beiden Krücken humpelte er zum Frühstück. Er setzte sich bewusst zu einem Zweiertisch, um die anderen beobachten zu können. Der letzte große Tisch für zwölf erregte seine Neugier. Dort lachten alle. Bereits ab Mittag wollte er dort Platz nehmen. Er wurde abgewiesen. Schon wollte er aufbrausen und erklären, dass er wohl als einer der wichtigen Beamten der Republik einen leeren Sitzplatz beanspruchen könne, so zog er den Kopf ein und nahm zur Kenntnis, an diesen Tisch nicht erwünscht zu sein. Auf der Suche nach einem Platz, wurde er zu seiner Überraschung von einer recht attraktiven Dame eingeladen, an deren Tisch Platz zu nehmen. Sie erklärte, seine Unsicherheit bemerkt zu haben, eine rührende Hilflosigkeit. Das war für sie Motivation genug, ihn nicht so hilflos herumstehen zu lassen. Er war bei dieser Mitteilung fassungslos, so dass er zur Überzeugung kam, im Himmelsbad würde er sich von der Einsamkeit befreien können. Die geheimnisvolle Dame war bald verschwunden.
Bei einem der folgenden Abendessen erklärte ihm die liebenswürdige Helferin in der Bewältigung von Einsamkeit, zwar eine nur kleine Pension zu haben, aber die damit verbundenen Schwierigkeiten der Lebenshaltung könne man durch den Synergieeffekt gemeinsamer Planung verbessern. Er sah sich als Fachmann in diesen Fragen. Am gleichen Abend berichtete er ihr, Einsamkeit sei im Alter außerordentlich kostspielig. In Berücksichtigung etwaiger vorhergehender familiärer Pflichten, würden diese noch lange das Glück alter Menschen nicht beeinträchtigen können.
Beim nächsten Frühstück wartete die liebenswürdige Witwe auf ihn. Sie erkundigte sich, wie er geschlafen habe, ob er sich alles reiflich überlegt habe? Er bejahte. Er dachte, noch nie so leichtfertig gewesen zu sein
In der Pause zwischen zwei Anwendungen wünschte er sich einen Kaffee. Die liebenswürdige Gesprächspartnerin hatte ihn schon im Café erwartet. Da er ja die informelle Struktur der Tischvergabe im Himmelsbad nicht kannte, hatte er keinerlei Bedenken, am ominösen Witwentisch Platz zu nehmen. Er nahm Platz, sie umfasste seine Hände und mit treuherzigem Augenaufschlag teilte sie ihm mit, als Witwe die Einsamkeit zu kennen. Dieses Schicksal müsse er nicht erleiden, sagte sie. Sie verfüge über einige Lebenserfahrung, dass gemeinsam das Maximum aus dem Leben herausgeholt werden könne. Sie stelle es ihm aber frei, sich zu entscheiden. Sie erhob sich, um ihm Gelegenheit zu geben. nachzudenken.
Beim Abendessen trafen sie erneut zusammen. Er wollte sie erneut in die Vinothek einladen, wenigstens auf ein Glas Sekt. Sie lehnte ab. Ihr war das zu schnell, wie sie behauptete. Sie bat ihn um seine Adresse in Wien. Sie verabschiedete sich und wünschte Gute Nacht.
Verwirrt und glücklich ging er in sein Zimmer. Dort erwartete sie ihn schon. Auf der Zunge war ihm die Frage, wie es möglich ist, dass sie …….und hier ist? Bei der Annäherung zum Bett erinnerte er sich an die jungen Kollegen, die ihm beim Heurigen erzählt hatten, Intimität werde unnachsichtig eingefordert. Und sollte man zu müde sein, zu spät oder alkoholisiert, erntet man den Ehekrieg. Im Hinblick auf die Erzählungen riskierte er sein unerklärliches Versagen, ins dunkle Zimmer gegangen zu sein, in sein Zimmer, obwohl er ahnen konnte, die Witwe würde ihn erwarten.
Beim Frühstück verfolgten ihn zahllose neugierige Blicke. Er meinte, alle wüssten Bescheid über diese Nacht. Ihn erstaunte, dass die Blicke Anerkennung verrieten. Sie ermunterten ihn. Er sah sich berechtigt, heute viel zu essen, viele Proteine. Und er hatte den Eindruck, die Freundinnen der Witwe würden sich über diesen höchst intimen Glücksfall freuen, also über ihn und sie.
Beim Verzehren des Gebäcks war er noch immer verwirrt. Und dann kam sie endlich. Sie wirkte, als hätte sie diese Nacht nicht erlebt. Für ihn war es ein einmaliges Erlebnis. Er blickte sie fragend an? Sie zeigte sich desinteressiert und entnahm das Frühstück dem Buffet. Sie setzte sich an einen anderen Tisch. Das empfand er als seine Vernichtung.
Beim Weg zur Therapie ging er an ihr vorüber. Er fragte sie schnell und überhastet, ob er ihr etwas bedeute? Sie lachte ihn aus. Sie antwortete, gleich nach den Therapien würde sie ihn treffen wollen.
Unmittelbar vor dem Treffen erfuhr er völlig unerwartet, dass seine Pensionierung eingereicht wurde – eineinhalb Jahre vor dem offiziellen Ruhestand. Niedergeschlagen und erneut hilflos ob der neuen Situation stand er pünktlich um drei in der Lobby – nicht im Turngewand. In seiner Empfindung erschien sie wie ein Rettungsengel vor dem drohenden Berufsende. Erstmals wünschte er sich eine Gesprächspartnerin, sah sich bereits abhängig von der adretten Witwe, wo er doch bisher der unnahbare Sektionschef war!
Da war sie! Er wunderte sich, dass erstmals im Café des Kurheims ein Tisch frei war, den man allgemein als den Witwentisch bezeichnete. Er nahm Platz, nachdem er ihr zur Begrüßung die Hand geküsst hatte. Er dachte keine Sekunde nach, wie es ihr gelungen war, diesen Tisch frei zu bekommen? Hätte er gefragt, würde er auch keine Antwort erhalten haben, keinen Kommentar. Er wollte diese Frage nicht weiter verfolgen. Er war glücklich. Sie machte ein paar belanglose Bemerkungen. Das änderte nichts an seiner Begeisterung.
Er berichtete ihr vom ministeriellen Schreiben, dass man ihn pensionieren wolle. Er hätte bei der Wendung lachen können, dass er ein Recht auf den verdienten Ruhestand habe. Er war empört! Da hatten sie ein Gesprächsthema und sie machte ihm die Pension schmackhaft, die ihre Gemeinsamkeit ermöglichen wird, gemeinsame Pläne und Reisen. Bald wird er ja die Krücke nicht mehr benötigen,
Am Nebentisch saßen die Witwen, denen man am Erbschaftstisch bereitwillig Platz gemacht hatte. Ungeniert beobachteten sie die vertrauensvolle Zwiesprache zwischen Sektionschef und Witwe.
Sie stand auf, trat an ihn heran und umarmte ihn. Sie flüsterte in sein Ohr, wie gern sie das Leben nunmehr mit ihm zu teilen wünscht. Er war ihr so dankbar für diese Worte und küsste sie. Er hörte daher nicht, dass die Witwen hellauf lachten. Über seine Schulter hinweg zwinkerte sie den Witwen zu. Die Witwen hatten es gesehen und waren maßlos vergnügt. Er war fest überzeugt, im Himmelsbad sein Glück gemacht zu haben.