Gedanken Reinhold Knolls

Turnen täglich

Im Rehabilitationszentrum Himmelsbad in Baden ist in der Regel ein tägliches Turnen unter verschiedenen Vorzeichen angesagt. Davon sind die Teilnehmer am Gruppenturnen nicht gerade erbaut. Sie fühlen sich überfordert und durch die Aufforderungen, Arme und Beine zu bewegen, in ihrer wohl verdienten Ruhe gestört. So war eine Therapiestunde von Anfang an von lauten Protesten begleitet. In diesen kam deutlich zum Ausdruck, diese Mehrbelastung sei nicht nur kontraproduktiv, sondern nachgerade gesundheitsschädlich. Seit jeher, und das war in der Gruppe die einhellige Meinung, gilt angeblich der Grundsatz, dass man auch übertreiben könne, also ein zu viel an Bewegung sei ebenso schädlich wie zu wenig Aktivität. Man selbst, so war es der Konsens der Gruppe, halte sich daher strikt an ein vernünftiges Mittelmaß, eben weder zu viel noch zu wenig, sei daher in der Verfassung, die man allgemein als nicht schlecht bezeichnen könne, trotz künstlicher Knie, Hüften, Stent oder was es da sonst noch gibt. Die Leiterin der Gruppe ließ man erst gar nicht zu Wort kommen, sie sei auch inkompetent, sagten alle unisono, denn in deren Alter hatte man ja auch keine Beschwerden, sei wie ein Reh über Stock und Stein gehüpft und kannte keine Grenze der Belastbarkeit. Mit den Altersbeschwerden sei das alles anders gekommen, man verändert sich eben, davon habe natürlich eine jugendliche Therapeutin keine Ahnung, jetzt häufen sich die Abnützungserscheinungen und daher werde sie auch einmal erleben, wie es einem im Alter ergeht, sollte sie überhaupt dieses Methusalemalter erreichen. Schon vor der Stunde habe man im Warteraum darüber gesprochen, dass die Therapeutin Unglaubliches verlange, selbst aber die Übungen nur andeute, nur knapp ausführe und nur so tue als ob…..; gern hätte man sie gesehen, würde sie den vollen Umfang der Übungen ebenso machen müssen wie die Rekonvaleszenten. Da wäre sie schnell außer Atem, denn man habe sie ja auch beobachtet, insgeheim hinter dem Schwimmbad zu rauchen. Das erklärt auch die Sparsamkeit der Bewegung, es bleibe beim Andeuten entweder ein Bein zu heben oder mit den Fingern die Fußspitzen zu erreichen. Man habe so seine Zweifel, meinte einer, ob sie überhaupt in der Lage ist, vergleichbare Leistungen zu erbringen, die wohl alle Gruppenmitglieder in der Jugend erbrachten. Ja, sie würde staunen, sollte sie wissen, was man früher alles vollbringen musste. Früher gab es keine Therapie und keine Therapeutin, die neckisch Bein oder Arm hob wie Tänzerinnen im Nachtlokal, damals war noch eine gewisse Sittsamkeit gefragt und auch an der Tagesordnung. Heute ist das alles anders. Da ergriff auch eine Hausfrau das Wort, so bezeichnete sie sich selbst, und führte aus, ein Leben lang nur im Haushalt tätig gewesen zu sein. Das sei ja heute mit einem Makel behaftet, doch sie könne eines sagen, dass sie vielfach mehr leistete und unbelohnt, während ihre früheren Schulkolleginnen sich den Vormittag über im Büro die Fingernägel lackierten. Also sie hätte damals keine Therapeutin benötigt, denn im Haushalt hatte sie sich immer zu bewegen. Leiter auf und Leiter ab war ihr tägliches Brot. Fenster putzen war ihr Sport und Geschirr-Waschen die isometrische Übung. Das ist alles später erst erfunden worden und seither gibt es mehr Kranke als Gesunde. Sie musste nie Sport betreiben, denn den gab es täglich im Haushalt. Das könne eine Therapeutin nicht beurteilen, die ja bestenfalls einen Singlehaushalt zu versorgen hat, wenn überhaupt. Und eine andere Teilnehmerin mischte sich ein und behauptete, heute bleiben die jungen Menschen alle aus Bequemlichkeit im elterlichen Haushalt und die Vermutung ist am Platz, dass es die blutjunge Therapeutin nicht anders macht. Kehrt nachmittags von der Arbeit nach Hause, streckt die Beine von sich und setzt sich vor die volle Schüssel. Wäre es ihr so ergangen, würde sie niemals dieses Heim hier benötigt haben. Für die herangewachsenen Kinder sind heute die Eltern das Bedienungspersonal – vom Kochen bis zum Wäschewaschen. Und dann darf man in den Zeitschriften lesen, dass man an dieser Lage selbst schuld sei. Zum Schaden erntet man noch den Spott. Jedenfalls lasse sie sich nicht mehr herumkommandieren, schon gar nicht von einer Turnerin, die noch keine 30 ist. Zuerst sollte dieses süße Kind das Leben kennen lernen und dann eine Gruppe leiten. Da würde sie erst wissen, welche Mühe das Leben bereitet, welche Wunden es schlägt. Da vergeht einem das Zahnpastalächeln. Und das sei ohnehin eine Provokation, denn Bewegungen nachzumachen nach einer Hüftoperation ist schlechthin die Hölle, klagte ein Mitglied. Die blanke Wut überkommt sie, wenn die jugendliche Therapeutin in den Turnsaal schwebt und so tut als wäre sie der Frühling. Schmerzverzerrt und ächzend muss man sich auf die Matte legen, während die Therapeutin das Musikband startet. Es ist ein Hohn! Und alle stimmten zu, dass die Gruppenstunde eine Verhöhnung ist, eine Verspottung der Alten, der Krüppel und Behinderten. So werde man bei der Anstaltsleitung um Einstellung dieser Gymnastikstunde ersuchen, um Schonung und Verschonung, sollte man von Seiten der Krankenkasse den Aufenthalt erfolgreich gestalten wollen.