Erst nach anfänglichem Zögern hatte sich dann doch eine Kartenrunde verabredet, die im Café des Kurheims Himmelsbad sich zu fixen Zeiten abends traf. Es benötigte weitere Zeit, um sich auf ein Kartenspiel zu einigen. Und was in der Türkei das ominöse „Pisty“, ist in Österreich das „Schnapsen“. Vier Spieler erhalten je fünf Spielkarten, wobei die einander Gegenübersitzenden sich bemühen sollten, gemeinsam das Spiel zu gewinnen. Dieses Kartenspiel kann man wirklich nicht als schwer bezeichnen. Die große Verbreitung zeugt weit eher von einer gewissen Schlichtheit, da das Kartenspiel kaum einen Bewohner ländlicher wie städtischer Regionen intellektuell überfordert. Und dennoch war in der Kartenrunde ein heftiges Debattieren zu hören, da bereits nach dem Ausspielen der zweiten Karte vergessen wurde, welche Farbe nun zum Atout erklärt worden war. Von Mal zu Mal vergaßen die Mitspieler auf das ausgewählte Trumpf. Und wenn diese Frage erneut geklärt wurde, hatte man wieder vergessen, wer den letzten Stich gemacht hatte und daher ausspielen sollte. Jedes Spiel war in endlose Debatten verstrickt, die anfänglich durchwegs höflich geführt wurden. Nun mag es schon vorkommen, dass die Anforderungen eines Kartenspiels nicht mehr erfüllt werden können. Im Alter lässt der Merksinn nach, die Fähigkeit des Kombinierens, der Vorausschau und die Einschätzung des Risikos bei gewagter Spielansage. Das alles hätte auch auf die Kartenrunde im Himmelsbad zugetroffen, allein es war kein intellektueller Mangel, der zu diesen unliebsamen Überraschungen und Debatten führte, sondern es wurde vorwiegend plump geschwindelt. Und der regelmäßige Vorwurf des Schwindelns führte zu Empörungen, zur Androhung, das Spiel abzubrechen oder sogar zum Schwur, in dieser Runde nie wieder zu spielen. Die lautstarke Unterhaltung bis zum Spielabbruch erlaubte dann auch keine Feststellung mehr, wer nun das Spiel gewonnen habe, weshalb es wiederholt werden musste. Es waren mehrere Spiele nötig, um wenigstens eines ordnungsgemäß abzuwickeln, selbst wenn dann nur ein Minimum der Punktezahl erreicht wurde. Zum Glück wurde ohne Geld gespielt, was zu noch härteren Auseinandersetzungen geführt hätte.
Diese allgemeinen Verhaltensweisen, die über den ganzen Spielverlauf zu beobachten waren, bildeten keineswegs das Hauptmerkmal der Kartenrunde. Die Verlierer beschuldigten die Gewinner namenloses Kartenglück zu haben, dass es über Tage zu beobachten ist, vom Glück begünstigt zu werden, weshalb das Spiel auch unter einem Spannungsverlust leide. Und daher ist es doppelt verwerflich, dass diese Glückspilze obendrein noch schwindeln. Sollten sie beim Spiel selbst erfolglos sein, so helfen sie sich beim Aufschreiben der Erfolge oder Misserfolge. Sollte einmal ein etwas besseres Blatt zu einer Ansage ermutigen, so nörgelten die notorischen Verlierer, sollten sie das Spiel auch gewinnen, dann würde ihnen beim Schreiben der erzielte Punkteerfolg mehrfach unterschlagen. Man komme bei keinem so genannten „Bummerl“ auf einen grünen Zweig, klagten sie. Und da hatten sich im Verlauf des Spieles auch Kiebitze eingefunden, die von den lautstarken Debatten angelockt wurden. Sie mischten sich ein, bezichtigten die Verlierer eines jämmerlichen Spieles, unfähig sogar, ein Spiel mit drei Atout in einer Hand erfolgreich zu gestalten. Trotz dieser Stärke werde irgendeine niedere Karte ausgespielt und so dürfe man sich nicht wundern, dass der Gegner entweder gewinnt oder nur einen geringen Verlust erleidet. Da gab ein Wort das andere, so dass in Kürze acht, neun Personen in heftigste Wortwechsel verwickelt waren. Es fielen Kraftausdrücke jeglicher Art. Es mischten sich auch die beiden Sieger ein. Denen wurde aber sofort vorgehalten, bereits drei Spiele in Folge übel geschwindelt zu haben. In einem durchschnittlichen Wiener Lokal hätte jeder von ihnen sofort den so genannten Leberstich. Also lebend käme da niemand davon. Das erboste das erfolgreiche Paar. Die ältere Dame rang nach Luft und rief laut immer nur: Impertinenz! Ihr Partner trachtete sie zu beruhigen, aber es bewirkte das Gegenteil. Ein Kiebitz meinte, er habe noch nie so unbegabte Spieler gesehen, worauf ein Mitspieler das alte Sprichwort vom Maulhalten zitierte. Das kam gerade recht. Die Kiebitze bestätigten einander, dass es im Grunde eine grobe Ungerechtigkeit ist, dass solche Leute in einem Bett schlafen, hingegen Pferde in einem Stall. Mit der Zeit ging den Involvierten der Stoff aus. Das erlaubte die Fortsetzung des Spiels. Und allein beim Rufen der Atout-Farbe schüttelten die Kiebitze den Kopf angesichts solcher Unfähigkeit. Und laut jaulten sie auf, als der Rufer trotz seiner Schwächen der stichfähigen Farbe prompt diese ausspielte, so dass die Gegner mit Lustgewinn die Karten einstreiften. Sie murmelten nur und bedauerten, dieses Spiel nicht kontriert zu haben. So gewannen sie ein Spiel nach dem anderen. Nach dem zwölften oder fünfzehnten Spiel merkte ein Kiebitz an, der obendrein angab, im Berufsleben Polizist zu sein, dass er noch nie ein so übles Schwindeln erlebt hatte. Ausgerechnet in einem Heim der Krankenkasse lerne er Falschspieler kennen, also inmitten Seinesgleichen, da alle Insassen in gewissem Sinn Bundesangestellte sind oder waren, also solcher Vorstellung in der Öffentlichkeit zu entsprechen hätten, nämlich seriös zu sein! , also hier begegne er der übelsten Sorte von Falschspielern. Eigentlich könne er solche Prestidigitateure nicht ausstehen, er würde auf der Stelle diese saubere Dame und den sauberen Herrn sofort festnehmen, aber das erlaube sein Status nicht im Heim. Wegen einer Schussverletzung in einem Prater-Café habe er sich geschworen, nie wieder sich einzumischen, aber hier muss er es! Also er muss den Gegnern schonend mitteilen, dass die Sieger sich mit einem Code verständigen! Es ist kein Wunder, dass die einen Schnapser oder gar Bauernschnapser nacheinander spielen und gewinnen! Jetzt ist es seine Amtspflicht als Polizist, wenigstens für Waffengleichheit zu sorgen! So habe er bemerkt, wenn einer dieser Oberschummler so nebenher „Komm“ sagt, meint er Treff. Somit fragt er, ob der Partner eine Karte in Treff habe oder aber umgekehrt, der Partner rät dem Rufer, Treff zum Atout zu wählen. Das Gleiche betrifft das Wörtchen „Geh!“ Das ist eindeutig Pik, sagte der Polizist. Und wenn einer der beiden so harmlos ausruft „Spiel!“, so ist Karo gemeint und Herz heißt „Aus“. Das kann man in einem simplen Satz verbergen. Wenn etwa die saubere Dame beim letzten Spiel sagte, sie könne etwas nicht ausstehen, dann ist eindeutig die Herz darunter zu verstehen. Alle diese Vokabel könne man in Sätze kleiden und selbst ein Schwerhöriger kapiert, was er zu spielen habe. Vor fünf Spielen war die Lage der Gewinner etwas prekär. Prompt sagte der saubere Herr zu seiner Partnerin “ ausse“ und sofort spielte sie die Herz, die der saubere Herr prompt mit Atout, dem einzigen, das er hatte, stechen konnte. So hatten sie das Blatt noch zu ihren Gunsten wenden können und gewonnen! Es ist hier im Kurheim ein Skandal, dass auch Menschen gepflegt werden, die in Wahrheit hinter schwedische Gardinen gehören! Der Polizist war offensichtlich erregt und empört! Mehrmals rief er aus, er würde gerade als Polizist alle dem Haftrichter vorführen wollen! Es ist eine Schande, dass in einem Rehabilitationszentrum, obendrein mit der Bezeichnung Himmelsbad diese Straftaten begangen werden! Und am Nebentisch saß eben die Gruppe der Witwen und auf der anderen Seite die Erbschaftsgruppe, die nun beide den Polizisten zu beschwichtigen versuchten, dass doch alles nur ein Spiel sei, ein Vergnügen, und zum Vergnügen gehört das Falschspiel ebenso dazu wie weiterer Schwindel beim Schreiben oder Lizitieren. Beide Gruppen waren in Sorge, das Eingreifen des Polizisten am Kartentisch könne zur Folge haben, dass auch ihre Lebenslage näher unter die Lupe genommen wird. Mit diesen Befürchtungen hatten sich die abendlichen Tischgesellschaften recht schnell wieder aufgelöst. Es war nicht wegen eines Endes der Therapien, es war die Angst vor der Aufdeckung. Eine der Witwen hatte sich noch bei der Rezeption beschwert, dass die Rehabilitation von Sicherheitsorganen nicht nach Baden gehöre, erzielte aber keinerlei Wirkung. So war es einzig und allein der Rauchertisch, der sich über eine dauerhafte Kontinuität erfreute, allerdings waren an diesem Tisch im Freien nie wirklich sensible Themen erörtert worden!