Gedanken Reinhold Knolls

Cherchez la femme

Während des Mittagessens im Kurheim in Baden waren sie einander bekannt geworden. Vor einer Woche hatte eine launige Bemerkung die andere ergeben und es war dann die Entdeckung nicht mehr überraschend gewesen, dass die drei Gesprächspartner der gleichen Berufsgruppe angehören. Anfänglich war es ihnen gar nicht so angenehm. Hatten sie vielleicht vor fremden Ohren einen zu offenherzigen Einblick in ihre Tätigkeit gegeben? Es war ihnen ja bewusst, ihr Beruf muss immer mit öffentlichem Interesse rechnen; immer hatten sie sich vor aller Augen zu rechtfertigen, sollte irgendwo ein Kollege einen Fehler begangen haben. Und im Kurheim war die Gefahr noch größer, sollten sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen wollen. Der Älteste von den Dreien hatte noch die geringste Scheu, über dienstliche Pannen zu reden, was er stets mit der Redewendung versah, dass es niemanden gebe, der nicht auch einmal einen Fehler macht.

Als Kriminalpolizist hatte er bei Tisch hohe Achtung gewonnen, die sich herumsprach und deshalb war man mit dessen Eintreffen im Himmelsbad am Witwentisch etwas schweigsamer geworden. Da war nicht mehr bei der Erwähnung eines Todesfalles gelacht worden. Für den Rauchertisch war der Kriminalbeamte eine Bereicherung. Trotzdem war er allen ein wenig unheimlich, ging er doch wirklich auf leisen Sohlen und er genoss es sichtlich, bei jedem ein schlechtes Gewissen zu verursachen. Es war zu seiner Gewohnheit geworden, jeden prüfend wie bei einer Einvernahme anzusehen. Damit verstummte in seiner Gegenwart jedes Gespräch oder reduzierte sich aufs Notwendigste, also auf die Bitte bei Tisch, das Salz zu reichen, etwas Wasser nachzugießen oder dass das Wetter für die Jahreszeit zu kühl ist. Der Kriminalpolizist spielte gegenüber seinen Kollegen den altgedienten Allrounder, den nach jahrelanger Ausübung des Dienstes nichts mehr überraschen kann. Die beiden Kollegen billigten dessen dominante Stellung am Mittagstisch, waren klug genug, die tatsächliche Leistung eines Journalbeamten in einer Kriminalabteilung nicht zu hinterfragen, denn sie hatten längst mitbekommen, dass der geschätzte ältere Kollege intrigant zu sein scheint, Kollegialität heuchelte und vermutlich jede ihrer freimütigen Äußerungen der vorgesetzten Dienststelle melden würde.

Der Kriminalbeamte, übergewichtig und nach Bandscheibenvorfall beeinträchtigt, den er aber als willkommene Abwechslung vom dienstlichen Alltag empfand, ließ es vom Frühstück an mit Hinweisen und Anmerkungen nicht fehlen, nahezu von allen Interna der Politik zu wissen, über Entgleisungen und kleine Unregelmäßigkeiten, nach deren Erwähnung er aber gnädig hinzufügte, darüber den Mantel des Schweigens zu hüllen. Am liebsten erzählte er, wer gerade mit wem liiert sei, wie selbst ein Bundespräsident sich in den Fallstricken der Eitelkeit und Begehrlichkeit verstrickt hatte, woraus sich weittragende politische Entscheidungen ergeben hätten. Ja die so genannten Sanktionen einer EU vor mehr als zehn Jahren seien letztlich auf Liebeshändel in Mürzsteg zurückzuführen. Er verurteile es nicht, denn gerade diese kleinen Schwächen bekannter Politiker, merkte er nachsichtig an, würden selbst diese zu normalen Menschen machen, und in seinen Augen erlaube seine Kenntnis diverser Verstöße, Mächtige an eine bis dahin unbekannte Macht zu erinnern, so dass allein schon deshalb die Demokratie gewahrt werde. Die beiden Kollegen kannten zwar dieses Phänomen geschickter Anwendung von Wissen oder  offiziellem Nicht-Wissen, beschränkten aber die Nutzung dieser Kenntnis auf ihre Wohnungsnachbarn im Gemeindebau, auf den Vorstand jener Vereine, deren Mitglieder sie sind, denen sie unter der Bedingung einer Parteimitgliedschaft die Häuschen verdankten, also Kleingarten-Verein oder Fischereiverband an der Donauinsel.

Und nach einer Woche im Himmelsbad hatte der Kriminalpolizist sich so eingewöhnt, weshalb er plötzlich das Bedürfnis hatte, seiner Tischgesellschaft zu Mittag den Polizeialltag zu schildern, die wahren Zustände, wie er behauptete. Und alle hingen an seinen Lippen. Man solle sich kein falsches Bild machen, eröffnete er seine Enthüllung beim Löffeln der zu heißen Suppe, aber bei der Aufnahme eines Einbruchdiebstahls könne er ja den Betroffenen schwerlich mitteilen, auf Seiten der Behörde werde man darum keinen Finger rühren. Ja, den meisten Anzeigen würde keine Beachtung geschenkt, denn die Anzeigen, so sie nicht ohnehin fingiert sind, erfüllten ja nur den Zweck, die Schadensmeldungen bei Versicherungen zu beglaubigen. Er selbst könne sich nicht erinnern, in den letzten Jahren der Anzeige eines Einbruchs nachgegangen zu sein. So stehe man mit Recht bei der Behörde auf dem Standpunkt, Eigentumsdelikte seien ausschließlich eine private Angelegenheit der Bestohlenen, die sich mit ihren Versicherungen einigen mögen. Und wenn die Bestohlenen endlich das Kommissariat verlassen haben, herrsche unter den Kollegen die heiterste Stimmung, man würde sich vor Lachen auf die Schenkel schlagen, denn die Verbrechensopfer erwarten sich nun eine Polizeiaktivität wie im Fernsehkrimi. Wenn die wüssten, sagte er beim Essen der Suppe. Und die Zuhörer rund um den Tisch waren fassungslos ob der Offenheit der Darstellung. Also, setzte er fort, nur mit Mühe kann er beim Verfassen des Protokolls die boshafte Bemerkung unterdrücken, dass nur der bestohlen werden kann, der auch etwas zu stehlen hat. Immerhin war man bis zum Einbruch glücklicher Besitzer eines Wohlstandsinventars gewesen und dafür solle man dankbar sein, so lange darüber selbst verfügt zu haben, was hierauf ein Dieb zu schätzen begann. Und für die bestohlenen Eigentümerinnen von Gold-, Ohr- oder Armringen habe er überhaupt kein Verständnis. Im Grunde brauche man das alles nicht, es sei blanke Verschwendung und Protzerei. Obendrein ziehe genau solcher Schmuck und Tand die Verbrecher an. Und er sehe nicht ein, dass man damit eine Polizei behelligt, die immer schon den Kopf für die begüterten Klassen herhalten musste.

Da wagte eine höhere Beamtin einen empörten Zwischenruf. Im Schlafwagen waren ihr der kostbare Perlenschmuck und die brillantenbesetzte Uhr geraubt worden. Der Kriminalist lachte bitter auf, als wäre die Beamtin sein bestes Beispiel für frivolen Luxus, für Verschwendung dank überzogener Gehälter im Bundesdienst in der Besoldungsklasse der Akademiker. Daher genügte nur ein scharfer Blick des Kriminalbeamten über den Tisch hinweg und sofort war wieder Ruhe. Die Beamtin war froh, nicht Objekt seiner Charakterisierung zu werden. Und der Beamte nahm sich auch kein Blatt vor dem Mund, erklärte freimütig, was er alles für unnötig halte und da stünde an erster Stelle Schmuck. Nebenbei sagte er beziehungsvoll im Blick auf die gnädige Frau, dass diese Klientel, die da immer Polizeischutz fordere, sogar im Schlafwagen teuren Schmuck mit sich führe, also bewusst ein Risiko heraufbeschwöre. Kabinettschefin war sie ja dank eines guten Einvernehmens mit dem Minister. Damals hatte sie aus der außerordentlichen Dienstzulage als Kabinettschefin den besagten Perlenschmuck gekauft, echte Barockperlen. Daher zeigte sich der Kriminalbeamte ex post geneigt, sogar für einen Mord Verständnis zu haben, doch da war er zu weit gegangen.

Der eigene Kollege sah sich genötigt zu widersprechen. Das war ja vom Kollegen wirklich eine ungeheure Darstellung. Dieser Oberpolizist untergrub jeden Sinn der Polizei. Er würde, begann er locker zu plaudern, den Anblick einer gepflegten Frau schätzen. Da erntete er den dankbaren Blick der Sektionsleiterin im Bundeskanzleramt. Als Verkehrspolizist könne er ein Lied von ungepflegten Fahrerinnen singen, die nach Gutdünken die Spur wechseln oder stundenlang am Steuer telefonieren. So könne er die vom Kollegen so strikt propagierte  Entsagung gegenüber Wohlstand und bescheidenen Luxus als Verbrechensverhütung nicht teilen. So nebenbei möchte er erwähnen, nach Anhaltung einer eleganten Dame nach der Abfahrt von der Autobahn sein Glück gemacht zu haben. Ohne Fahrtrichtungsanzeige sei sie abgebogen, ein lässliches Vergehen, weshalb er sie zur Rede gestellt hatte. Ihm gefiel ihre Zerknirschung. Sie war rührend, sagte er schwärmerisch. Ein Wort ergab das andere und drei Monate später bestellte er das Aufgebot für seine dritte Ehe in Eisenstadt. Die Standesbeamtin hatte zwar gesagt, nicht Sie schon wieder, aber er ließ sich nicht davon abbringen, beim dritten Mal ein Haus mit Frau zu ehelichen, wie er es jetzt mit Witz formulieren will. Jedenfalls würde er kein Verkehrsvergehen durchgehen lassen. Er würde sich eben nicht von einer Statistik leiten lassen, wie der Kollege aussagte, obwohl eine lückenlose Beaufsichtigung des Verkehrs eine Illusion ist und die Verstöße nicht verringert. Auch wenn sein stehendes Auto hinten angefahren wurde, er somit ein Peitschenschlagsyndrom erlitt, so sehe er sich dennoch als Freund und Helfer im Straßenverkehr. Und nicht nur dort. So er Zeuge von Übergriffen in U-Bahnstationen ist, betrachte er sich sofort im Dienst und würde sich auch vor einer Handgreiflichkeit nicht scheuen. Seine Regel ist, einmal Polizist, immer Polizist. Und damit sei er gut gefahren.

Mit einigem Missvergnügen bemerkte der Kriminalbeamte, dass sein Kollege von der Verkehrspolizei alle Sympathien rund um den Tisch gewann. Da sah er sich gezwungen, etwas menschlicher zu wirken. Er sei ja kein Unmensch. Er wollte ja nur davor warnen, dass oft ein Idealbild von der Polizei transportiert wird, das man in der Realität nicht einlösen kann. Natürlich würde auch er eine Blinde über die Straße führen, einem Kind den Ball aus der Wiese holen und anderes mehr, doch das kam bei den Zuhörern nicht mehr an. Da mischte sich der Dritte ein. Der hatte ja mit wachsendem Unmut den Erzählungen zugehört. Er war kreideweiß vor Zorn über diese Berichte seiner Kollegen. Im Unterschied zu den Kollegen müsse er im Dienst gleichsam an der Front stehen. Ja, die Schmelz im 15. Bezirk in Wien ist die Front. Und bei einer Amtshandlung sei er von einem Türken getreten und schwer verletzt worden. Davon war natürlich in keiner Zeitung zu lesen, während der geringste Fehler der Polizei sofort kommentiert wird. In seinem Fall war es eine türkische Bande, die ihn angegriffen hatte. Der gleiche Fehler werde ihm nicht mehr passieren, so sagte er laut und hob die Rechte wie zum Schwur. Mit der Verletzung habe er alle Dienstzulagen verloren, habe nur Nachteile erlitten, Einbußen und Enttäuschungen, während diese Türkenbande mit einer bedingten Strafe hohnlachend den Gerichtssaal verließ. Ausgelacht hatten sie ihn, da er hinkend den Zeugenstand verließ. Im nächsten Ernstfall würde keiner mehr davonkommen, das schwöre er, stieß er verbittert hervor. Jetzt würde er auch im Privatleben die Dienstwaffe bei sich führen, um gewappnet zu sein für alle Fälle. Selbst wenn er erst drei, vier Jahre bei der Wiener Polizei ist, so habe er genug gesehen, um sich gegen diesen Großstadtsumpf zur Wehr zu setzen. Selbst wenn er als Einzelkämpfer auf verlorenem Posten stehen sollte, für diese Verletzung werde er sich rächen. Ihm ist bewusst, von denen da oben, wie er die Leitung seiner Behörde mehrmals bezeichnet hatte, nichts erwarten zu dürfen. Ja vor Jahren war unser Präsident selbst in die kriminelle Szene involviert, die zu überprüfen die Aufgabe gewesen wäre. So stinkt der Fisch vom Kopf, erklärte er vorwurfsvoll, wofür er dann auf der Schmelz den Kopf hinhalten soll. Um es kurz zu sagen, künftig werde er die Pistole ziehen.

Den beiden Beamten waren die Wut und die Rachegefühle des jungen Polizisten unangenehm. Der Ältere meinte, einen guten Rat zu geben, wenn er nun dem jungen Kollegen begütigend zuredet, er müsse nur noch ein paar Jahre bei der Polizei sein, dann werde er wissen, nichts mehr zu riskieren, nur auf die Pension hinzuarbeiten und sonst auf gar nichts. Man sei als Polizist immer der Blöde, sagte der Kriminalbeamte, müsse Kriminelle fangen und stehe dabei selbst mit halbem Fuß im Kriminal. So war er froh, im Journaldienst zu landen. Genau das Gegenteil habe ihn am Beginn der Laufbahn gereizt, doch auch der junge Kollege wird bald erkennen, dass es nicht um Verbrechensbekämpfung geht, sondern um ein Leben ohne Wellen. Nichts hasse er mehr als wenn ein Innenminister von Polizeiaufgaben predigt und den Betrieb gar nicht kennt. Und der Verkehrspolizist fügte hinzu, für ein zufriedenes Leben müsse er die richtige Frau finden. Bei einer Frau sei ein gewisser Wohlstand kein Nachteil, wie er es jetzt daheim in Göttlesbrunn erlebt, meinte er. Eigentlich ist das der wahre Polizeidienst, und das sage er jetzt vertraulich und es sei der beste Rat, den er geben könne, die Jagd nach einer wohlhabenden Frau gerade im Dienst aufzunehmen. Ein guter Polizist sei dann ans Ziel seines beruflichen Erfolgs gekommen, wenn ihm der Raub wenigstens einer Sabinerin gelingt, der Raub der Europa zu eigenem Vorteil. Wieweit er den Ausflug in die antike Geschichte versteht, so kann er daraus lernen, dass die Festnahme einer wohlhabenden Frau der größte Erfolg polizeilicher Ermittlung ist. Da lachten alle und beneideten den Verkehrspolizisten, der so früh seine Vorstellung vergnüglichen Lebens trotz Peitschen- schlagsyndrom  verwirklichen konnte.