Gedanken Reinhold Knolls

Konvaleszent

Schon nach drei Tagen in der Kuranstalt Himmelsbad in Baden empfand er die Vielfalt der Therapien und deren Zeitplan wie einen Stundenplan aus der weit zurückliegenden Schulzeit. In der Jugend hatte er ja auch die verschiedenen Wissensbestände im Zuschnitt aufs  beschränkte Interesse von Schülern hingenommen wie sie eben als Lehrziel der Ausbildung vorgesehen waren. So war es eben jetzt das Radfahren als ergonomische Ertüchtigung wie die Unterwassertherapie zur Hebung der Mobilität unterer Extremitäten. Er hatte diese Maßnahmen als unvermeidlich hingenommen wie damals Physik oder Biologie. Jedenfalls mit der Anzahl der Therapien und deren Dauer stieg die Sehnsucht nach einer Art Schulschluss, zumindest nach Beendigung der Gesundheitspflichten am frühen Nachmittag. Jedes Mal blähte sich ab Mittag der Wunsch auf wie ein Luftballon zum Kindergeburtstag, nämlich bald frei zu sein, das Kurheim verlassen zu können, den Nachmittag zu genießen. Ganz deutlich war dem Rehabilitanden wieder einmal bewusst geworden, dass der Zustand fremdbestimmter Unmündigkeit die Sehnsucht nach Selbstbestimmung stärkt. Diese Empfindung hatte er aus der Zeit seines Militärdienstes noch in Erinnerung. Jede Stunde der Physiotherapie, so unangenehm sie auch sein mochte, wenn das vermaledeite Rückgrat gehörig gebeugt werden musste, stärkte die Sehnsucht nach Freiheit weit mehr als die schlaffe Bauchmuskulatur. Die Stunde schmachvoller Qual verflog viel schneller, wenn er in Gedanken schon unterwegs war, in der Phantasie die zwei, drei Gassen zum Café durchquerte oder gar weiter zur Vinothek in der Pfarrgasse.

Endlich war also der letzte Pflichttermin absolviert, das Gruppenturnen. Dazu musste man ein großes Leintuch über die Matten legen, um jeder Infektion vorzubeugen. So lag man dann hilflos wie ein Maikäfer am Rücken und hatte die Beine zu heben und zu senken. Es war in der Anstalt generell geregelt, dass immer das Leintuch parat sein musste, überall. Er bezeichnete es als Grabtuch von Turin. Ihm kam es witzig vor, doch niemand verstand den Scherz. Immer wieder trat im Himmelsbad die Situation ein, nicht verstanden zu werden. Ja, seine ironischen Bemerkungen ernteten mehrheitlich empörte und aggressive Antworten übergewichtiger Damen. Sie waren allesamt furchtbar humorlos und fassten jede Bemerkung als Beleidigung auf. Breit und schwergewichtig saßen diese Matronen in den Warteräumen vor den Türen der Therapeuten. Sie wirkten wie überdimensionierte Schaumstoffpolster, die kaum auf einen Sessel passten. Ihm waren sie wegen des Mangels an Humor ein Dorn im Auge, wie er für sie. Er konnte es nicht ausstehen, dass diese  feisten Barockmöbel sich so schnell als Maß aller Dinge aufspielten. Dabei  beschuldigten sie Gott und die Welt, beide hätten ihr Unglück verursacht, an den Bandscheiben, Hüften oder Knien, und nicht das üppige Essen über Jahre. Für ihn waren sie nur abstoßend dick. Selbst im Café im Kurheim fühlte er sich bedrängt von diesen kuchenessenden Pelztieren. Ihr schlagendes Argument zur Legitimation des Verhaltens war immer nur ihr Körpergewicht. Da waren sie unschlagbar und unwiderleglich.

Damit begründete er seine Sehnsucht nach dem Café außerhalb des Heims: bis dorthin schaffen es die Adipösen mit den gebogenen kurzen Beinen sicherlich nicht. Und er lachte bei dem Gedanken, dass allein schon das Überqueren des schmalen Stegs über die Schwechat den Adipösen Angst einflößt, weshalb das Café für diese in unerreichbare Ferne rückt. Der Schwefelgeruch, der über dem Fluss im Nebel sehr aufdringlich in die Nase stieg, war ein weiteres Hindernis. Vermutlich gemahnte das Pestilenzialische im Geruch die Fettleibigen an künftige Höllenqualen, hüteten sich also ängstlich davor ohne zu wissen, dass sie selbst schon längst für andere eine Höllenqual sind. Menschenfreundlich waren seine Gedanken nicht.

Langsam stieg er nach der Physiotherapie wieder die Stiegen im Kurheim hoch. Er kämpfte mit dem Atem. Nach seinem Unfall hatte jede Form der Menschenfreundlichkeit bei ihm stark gelitten. Im Grunde war das sein größeres Leid als die gequetschte Lunge, die Atemnot, die er immer aufs Neue wie einen exakt eintretenden Tod durchlebte. Anderes konnte er im Moment nicht denken, da ihm beim Stiegensteigen  wieder einmal die Luft wegblieb. So überlegte er, ob nicht eine positive Wissenschaft über den Sinn des Lebens im Nu die Welt menschenleer machen würde? Und es müsste dann die nächste  gewaltige Raserei geben, um vom Neuen die ganze Geschichte wieder zu beginnen. Er konnte nicht entscheiden, ob man das wirklich wollen soll? Das Stiegenhaus war weiß und kahl, er hielt sich am Handlauf fest, in der anderen Hand das Leintuch, das ihm jetzt wie ein Grabtuch vorkam, und keuchte. Nun war ihm klar, dass jetzt auf der Stelle nur das Café helfen wird. Nur mehr zweiundzwanzig Stufen würden ihn  davon trennen, das Umziehen, um respektabel zu erscheinen, obwohl er mit diesen Symptomen jeden Respekt vor sich selbst verloren glaubte. In ein  paar Minuten im frischen Hemd, mit Krawatte und Zubehör zu erscheinen, beurteilte er jetzt noch vor dem Umziehen als prunkvolle Nutzlosigkeit. Die gegenwärtige Adjustierung war ihm aber bei weitem widerlicher: Trainingsanzug und Turnschuhe.

Er schleppte sich zu seinem Zimmerchen. Die Kargheit der Einrichtung stärkte ihn. Ihn begeisterte stets diese Funktionalität in Heimen oder Hotels, die er daheim nie erreicht hatte. Daheim war alles stets Heu und Streu, die Zettel, Bücher, Hefte und Schreibzeug. Die Lesebrille war immer verschollen. Mit zusammengekniffenen Augen musste er stets lesen, da die Brille überall und nirgendwo war. Er schien aber auch zu wissen, mit der Brille weniger zu sehen als ohne sie. Im Kurheim hatte er die Brille immer bei der Hand. Das war kein gutes Omen. Während des Duschens dachte er sich, dass es sich mit dem Sprechen ähnlich verhält. Wer spricht, hat kein Geheimnis, wie man auch mit Brille weniger sieht. Und allein schon der Weg durch diese Lobby im Kurheim war von dem Geplapper zahlloser Münder erfüllt, quoll über vor wortreichem Unsinn. Damit verraten wir uns. Damit machen wir alle Mysterien zunichte. Das Sprechen ist der Sündenfall, dachte er und stumm genoss er den heißen Wasserguss am Rücken. Sein Ich empfand er als Plural, das unter dem heißen Wasser immer größer und frei von Schmerzen wurde. Beim Ankleiden überprüfte er vor dem Spiegel nicht nur den Sitz der Krawatte. Es war stets der Beginn seiner Selbstgespräche, wenn er vor dem Spiegel den Krawattenknoten knüpfte. Das war bei weitem nicht mehr wie früher, als er noch sein Aussehen bewertete. Im gegenwärtigen Selbstgespräch wollte er ergründen, welche Sprache dem Schweigen entspricht? Alle, die im Namen anderer sprechen, sind Betrüger, dachte er sich und nahm das Sakko aus dem Kleiderkasten. Das betrifft die Politiker und Philosophen im gleichen Maße. Jeder Sammelbegriff ist bei Menschen bereits eine Lüge. Sein Plural in der Grammatik des Schweigens ist da doch etwas anderes.

Und das schätzt er am Café im Unterschied zur Vinothek. Dort saß man unter Menschen ohne mit ihnen reden zu müssen. Allerdings würde er den Wunsch gehabt haben, hätte niemand mit ihm geredet, denn alle ringsum im Café sehen verzückt auf ihre Mobiltelefone. So töricht es ihm erschien, so angenehm war es, denn so blieb er mitten unter den Kaffeehausgästen allein. Und so wird es gleich im Café sein, nämlich über zwei Stunden nur zwei Sätze zu sagen, einen für die Bestellung des Kaffees und den zweiten bei dem Ersuchen um die Rechnung. Mit Vorfreude verließ er sein Zimmer im Kurheim.

Tadellos adjustiert verließ er das Himmelsbad in Richtung Café. Er spürte die hasserfüllten Blicke jener, die ihre sehr nachlässige Bekleidung als gelungene Bequemlichkeit ausgeben. Das nasskalte Wetter erfreute ihn, da nur wenige Menschen auf den Straßen zu erwarten waren. Überhaupt zeichnet sich Baden dadurch aus, dass spätestens nach sieben Uhr abends dann überhaupt kein Mensch mehr auf der Straße ist. Und um  neun Uhr ist es so still wie sonst nur im Hochwald im Gebirge. Da lebte er beim Spaziergang auf, wenn andere vom Sterben der Badener Innenstadt redeten.

Ja, wenn er das Café verließ, gestärkt und durch Lektüre nachdenklich gemacht, bedauerte er, dass Gott so kraftlos ist. Er hat bereits diese Scheußlichkeiten der neuen Gebäude zugelassen, diese Ausgeburten der Hässlichkeit erlaubt ohne mit dem Blitz dreinzufahren, was nur der bescheidene Anfang seines Strafgerichts wäre. Schon diese Häuser beweisen, kein Teufel benötigt einen Tempel oder Synagoge, denn alle Abscheulichkeit des Lebens und Bauens ist dessen Lobpreis. Die Verachtung des Menschen, von der Menschen glauben, sie erfunden zu haben, sie als Werk ihrer höchsten Verstandeskraft bezeichnen, ist die Beschwörung des Teufels und er wohnt unter uns. Er lässt selbst einen Gott zu, weil der so entrückt ist und kaum sichtbar wie ein gotischer Turm im nächtlichen Himmel.

Diese bangen Gedanken beim Verlassen des Cafés bewogen ihn, doch noch die Vinothek aufzusuchen.  Zerstreuung, so meinte er, würde er in der Vinothek finden, nicht etwa im Geplauder mit jenen, denen der Alkohol die Zunge löste, sondern in der Gaumenfreude, die nur ein Rotwein schenken kann. Beim Weg durch die Rathausgasse wurde ihm klar, dass es generell eine Besserung der Umstände nicht geben könne, diesen Quantensprung zur Tugend, der so oft in den politischen Illusionen beschworen wird, denn Trauer müssten somit alle Laster   tragen. Die Bosheit wäre bedroht, dachte er und war nicht sicher, ob das Ende der Bosheit nicht zu bedauern ist? Immerhin erscheint uns die hartnäckige Bosheit realistischer als der sanftmütige Gott, der in den zeitgenössischen Gemälden und in den Devotionalien blutarm oder als Gnom präsentiert wird. Es beschlich ihn die grauenhafte Vorstellung, dass die Adipösen im Kurheim nicht nur die Vergegenwärtigung eines barocken Zwergengartens sind, sondern auch ihre bildhafte Gottesvorstellung durchsetzten, was wahrscheinlich die Vorliebe für Buddha-Skulpturen in agnostischen Haushalten erklärt. Das strotzt dort alles vor Leben, stellte er bedrückt fest und das nötigt zu Rotwein.

Die Vinothek war überhaupt zum Mittelpunkt anonymer Alkoholiker geworden, weshalb seriöse Hausfrauen dort ebenso Zuflucht suchten wie verarmte Adelige oder Geschäftsleute während ihrer Insolvenzverfahren vor dem Handelsgericht. Da fühlte man, dass mit jedem Schluck bei den Liebhabern die Überzeugung wuchs, ab nun das Leben zu bewältigen. Voneinander getrennt standen sie um die Tische herum, blickten in keine Mobiltelephone, sondern ins Glas, von dem sie sich wünschten, nie leer zu sein. Man benötigte kein Wort um zu wissen, in einer Schicksalsgemeinschaft zu sein. Nach dem grüblerischen Caféhausaufenthalt schätzte er diese nahezu philosophische Meditation der Genießer. Ihm kam die Vinothek vor wie Auerbachs Keller. Freilich waren die Insassen keine Studenten mehr und aus keinem Tisch rann Alkohol in Strömen.

Immerhin ergab sich dann doch ein Dialog über eine leichthin über den Tisch geäußerte Meinung, entweder über Politik oder über die Pleite einer Bank. Es war das Rollenspiel, was ihn dabei faszinierte. Völlig unerwartet begann eine Shakespeare-Komödie wie im Sommernachtstraum. Der Baron entpuppte sich als vermögenslos, die züchtige Hausfrau als Kurtisane. Ohne Kraftaufwand war in der Vinothek eine Wirklichkeit hergestellt, die ihn erstaunte. Dort waren die entwürdigenden Versuchungen des Lebens keine Schande mehr, sondern wurden zur Erfahrung geadelt, erhielten die Würde der Lehre fürs Leben, ja war eine Inszenierung einer in ihr Gegenteil verkehrten Biblia pauperum. So liebte er dort das Groteske als das Eigentliche, was ihm half, sein eigenes Verstummen zu begreifen. Je lauter in der Vinothek das Absurde zitiert wurde, das Unwahrscheinliche als das Wirkliche, desto mehr sah er sich bestätigt, dieser Wirklichkeit keine Gedanken mehr zu widmen. Kein Wort sollte für diese Realität erübrigt werden. Wie man eben weiß, dass nach drei Achtel genug ist, man keinen Schluck mehr trinken will, so ist ihm in der Vinothek in der Pfarrgasse klar geworden, dass die Wirklichkeit keine Aufmerksamkeit verdient, keine falsch verstandene Vitalität, wie sie im Kurheim geübt wird, sondern man hat mit Sorgfalt das Verstummen vorzubereiten. Und wirklich, wenn man das noch so schreiben kann, ist dieses Verstummen erkennbar beim Überqueren des Stegs über die Schwechat bei der Rückkehr ins Kurheim, wenn in der Dunkelheit nur die Schattenrisse der Häuser erkennbar sind, das selbstlose Glitzern des Flusses im Mondschein. Mitten auf der Brücke blieb er stehen und bewunderte den Scherenschnitt, den der Mond verursachte. Durch das Gegenlicht des Mondscheins waren Räumlichkeit und Perspektive der kleinen Welt entlang des Flussufers verloren gegangen. Im Ohr hatte er die Musik des Pierrot lunaire von Schönberg; Den Wein, den man mit Augen trinkt/ Gießt Nachts der Mond mit Wogen nieder……