Gedanken Reinhold Knolls

Wie auch

Gleich nach dem Abendessen im Badener Kurheim verließ sie den Speisesaal. Ihr war es schon unangenehm genug, mit wildfremden Personen an einem Tisch zu sitzen. Während der Mahlzeiten musste sie die dümmsten Gespräche über sich ergehen lassen, weshalb auch ihr Versuch, freundlich zu bleiben, gründlich misslang. Den ärgsten Blödheiten musste sie widersprechen, doch ihr erschienen alle Wortmeldungen bei Tisch unsagbar primitiv. Also verließ sie den Speisesaal gleichsam fluchtartig, früh, mittags und abends. Der einzige Gedanke, der sie während der Mahlzeiten belustigte, doch das konnte sie nie laut sagen, war ihre Vorstellung von Gleichheit, die nur mehr über die Ähnlichkeit der Beeinträchtigungen erzielt wird. Gleicher Verstand, gleiche Bildung, dieses Dogma einer Bildungsidee, die sie einmal mit Leidenschaft vertreten hatte, war hier zur lächerlichen Karikatur verkommen, wenn sie diesen Redereien zuhörte. Die Gleichheit bestand in der Vergleichbarkeit der Bandscheibenvorfälle, der künstlichen Knie oder in den Verplattungen des Rückgrats. Das hatte sie seit Tagen im Kurheim bestärkt, darauf stolz zu sein, mit solchen Leuten nichts gemein zu haben. Und wenn sie dann ihr Zimmer im Kurheim im dritten Stock erreicht hatte, atmete sie stets erleichtert auf, wenn sie endlich hinter sich die Türe schließen konnte. Dort war die unberührte Innenwelt ihrer Vorstellungen von Aufklärung und Fortschritt entstanden
Somit hatte sie sich mit dem Zimmer wegen der allgemeinen Umstände während der Rehabilitation in Baden abgefunden und ein positives Verhältnis aufgebaut. Am Zimmer schätzte sie die Sachlichkeit und Zweckmäßigkeit. Auf einen Blick aus dem Fenster musste sie verzichten. Es war gerade noch ein kleiner Teil des Sauerhofs zu sehen, dessen Fassade ihr furchtbar langweilig erschien, unprätentiös. Im Zimmer erinnerte sie die Einrichtung an ihre Direktionskanzlei. Seit dem Beginn ihres Schuldienstes vor Jahrzehnten in einem Wiener Gymnasium waren es immer nur bene-Möbel, Aktenschrank, Schreibtisch und Sessel- so auch jetzt im Himmelsbad. Für diese Askese der Ästhetik hatte sie Verständnis. Früh war ihr ja in der Ausbildung zur Lehrerin beigebracht worden, dass nur der Mensch zählt und nicht der äußere Pomp der Paläste. Und ihr Ideal der Askese war der Fassade des Sauerhofs nicht anzusehen. Der Architekt Kornhäusel aus 1820 war ihr gleichgültig und sagte ihr nichts. Hätte man ihr die kunsthistorische Bedeutung mitgeteilt, hätte sie geantwortet, dass Architektur kein Unterrichtsfach in einer Allgemeinen Höheren Schule ist. Also musste sie es nicht wissen. Sie war überhaupt der Meinung, dass in den vergangenen Jahrhunderten immer nur falsches Wissen unterrichtet wurde, wie zum Beispiel Latein. Für ein Dekor im Bildungsbürgertum hatte sie nichts übrig. Weit wichtiger wäre eine bessere Mathematik-Ausbildung gewesen. Damit haderte sie noch bis in ihre Pension hinein, keine weitere Mathematik-Stunde im Unterricht der Oberstufe erreicht zu haben. Sie sagte als Direktorin immer, dass Naturwissenschaften die wichtigsten Gegenstände sind. Im Speisesaal rettete sie sich in diese Erinnerungen. Mittags hätte sie dann gern noch einen Kaffee getrunken. Das war aber unmöglich. Die Tische waren alle besetzt. So blieb sie müde und am Zimmer erlebte sie, der Aufforderung ihrer Bücher nicht folgen zu können. Die Augen wären ihr beim Lesen zugefallen, was sie enorm ärgerte. Selbst das Ende ihrer aktiven Zeit bedeutete nicht, den Bildungsethos des Lesens zu beenden. Am Schreibtisch im Kurheim hatten sich inzwischen die Bücher breit gemacht, die sie als Pflichtlektüre empfand: Jelinek natürlich, Christa Wolf, Ruth Klüger. Sie erinnerte sich, über Jahre jeden Roman wie eine Deutschschularbeit gelesen zu haben. Es ist gar nicht so lange her, dachte sie beim Blick auf die Bücher, dass sie jetzt beim Lesen den Rotstift weglegte, mit dem sie früher sogar Sätze von Grass mit Wellenlinien untermalt hatte. Niemand ist perfekt, antwortete sie, wenn sie ein entliehenes Buch mit der Frage zurückbekam, welche Rolle ihre Wellenlinien spielten?

Sie war immer rechtschaffen müde, wenn sie mittags mit Krücken das Zimmer im dritten Stock erreichte. Der Schmerz im Knie war lästig. Die Krücken brachten noch immer keine Erleichterung. Sie ärgerte sich natürlich darüber, dass der Arzt ihr Gewichtsreduktion geraten hatte. Beim Weg vom Fahrstuhl zum Zimmer war es immer der gleiche Gedanke, dass einem Doktor so eine Bemerkung nicht zustünde. Sie war wütend, dass sie gegenüber diesem Krankenkassenarzt nicht ihre Pädagogenstimme einsetzte. Damals war die ja im ganzen Schulgebäude zu hören. Ein Schnösel. So dachte sie, ehe sie ihr Zimmer erreichte. Ist selbst nicht untergewichtig, murmelte sie und sagt einer Direktorin einer Allgemeinen Bildenden Höheren Schule mitten ins Gesicht das Wort: Gewichtsreduktion! Sie hätte ihm sagen müssen, danke, setzen, fünf. Und Betragensnote wird im Halbjahreszeugnis eine drei. Das wäre früher ihre disziplinäre Androhung gewesen. Und dieser Arzt wäre dann nie ein Arzt geworden, hätte er ihre Schule besucht! Sie entschuldigte ihr Versäumnis eines Widerspruchs, dass sie sich nicht mit jedermann abgeben könne und wolle. Ihr Zugeständnis an die gegenwärtige  Umwelt waren die Krücken, der Storchengang mit gestreckten Beinen, die Leidensmiene. Und wenn sie die Zimmertür aufsperrte, dann überkam sie regelmäßig der Gedanke, diese Leidensmiene nun nicht mehr zu benötigen. Im Zimmer war kein Mitleid mehr zu erwarten und auch keine Beachtung ihrer heroischen Haltung.

Im Zimmer war ihr im Moment nicht nach Jelinek. Die beiden Mandarinen aus dem Speisesaal legte sie auf den Schreibtisch und entschied sich für eine Entspannungspause. Die hatte sie sich redlich verdient, nach Moorbad, Unterwassertherapie und Turnen. Zur Entspannung las sie immer die Kronenzeitung. Selbstverständlich wusste sie, dass es die Postille des Klassenfeinds ist, oft hatte sie diese in der Lehrerkonferenz gerügt, doch in der Pension war sie milder geworden. Immerhin war das Fernsehprogramm übersichtlich und nie musste sie sich deshalb die Brille aufsetzen. An der Zeitung schätzte sie in gewissem Maß das offene Wort. Politisch hatte man ja die Schule umgebracht, sagte sie sich beim Entfalten der Zeitung. Und sie wusste genau, wann der Mord geschah!

Sie setzte sich umständlich in den Lehnstuhl, prompt fiel eine Krücke zu Boden, unerreichbar, die Schmerzen waren unerträglich, nicht einmal das Fernsehen bot ein ansprechendes Programm trotz der sechzig Sender. In Gedanken ertappte sie sich bei der Lüge, früher in der Schule immer gesagt zu haben, dass bei ihr Fernsehen nur für die Nachrichten in Frage kommt. Für sie waren es nunmehr bloß zwei Sendungen, die sie grundsätzlich nicht sah und daher für sie um keinen Preis in Frage kamen: Fußball und Skifahren. Die heimatlichen Erfolge hinterließen bei ihr keinerlei Wirkung. Sie ächzte im Lehnstuhl und ihr leerer Blick aus dem Fenster nahm die Fassade aus dem Atelier Kornhäusels nicht wahr. Der Schmerz okkupierte ihre Aufmerksamkeit. Sie dachte sich, ob es nicht doch ein Fehler war, kein Verständnis fürs Schulturnen gehabt zu haben. Turnlehrerinnen hatten es bei ihr während der gesamten aktiven Amtszeit schwer. In ihren Augen war die Zeit der Arbeitersportvereine vorbei. Mit dem Aufstieg des professionellen Sports war ihre Akzeptanz von Gymnastik in der Schule geschwunden. Wäre es nach ihr gegangen, hätte sie Sport in der Schule überhaupt gestrichen wie Skiwoche und Landschulwoche. Da war sie gar nicht so unglücklich darüber, dass diese Schulaktivitäten wegen des Sparprogramms der Regierung gestrichen wurden. Alles habe zwei Seiten, hatte sie über Jahre gesagt, allerdings mit einer Ausnahme, wo sie diesem Dogma nicht gefolgt war: das war die Schüssel-Regierung. Da hatte sie sogar für Aufregung im Stadtschulrat gesorgt, denn sie hatte den Schülern und Schülerinnen erlaubt, wie es ab nun zu heißen hatte, an den berüchtigten Donnerstagdemonstrationen teilzunehmen. Da hatte sie auch den Verdienstorden des Bürgermeisters bekommen wegen ihres zivilen Ungehorsams, wie es der Amtsdirektor in der Laudatio formuliert hatte. Es war der Höhepunkt in ihrer Schullaufbahn, gleichsam als Vorbild zu gelten für eigene Meinung, Haltung und politischer Überzeugung. Damals war sie überzeugt, dem Sozialismus einen Dienst erwiesen zu haben, der zu ihrer Realutopie in der Regierungszeit von Bruno Kreisky geworden war. Und unlängst war sie namenlos enttäuscht worden. Derselbe Bürgermeister, der ihr den Orden überreicht hatte, äußerte im Fernsehen, für Lehrerarbeit bestenfalls eineinhalb Arbeitstage zu benötigen. Das war sogar ein Rückschlag in ihrer Rekonvaleszenz. Mit einiger Empörung musste sie jetzt im Fernsehen in den Nachrichten sehen, ein schwarzer Gewerkschafter kämpfe für die Arbeitszeit der Lehrer gegen ihren roten Bürgermeister. Sie empfand, vor einer Gewissensfrage zu stehen. Sie bemühte sich, die Krücke aufzuheben und dachte dabei, wie sehr sich die Wertschätzung von Arbeit, Bildung und Schule in ihrer Partei geändert hatte. Nicht, dass sie jetzt ein Parteiprogramm erwartet hätte, eine Zielansprache von tausend Fachleuten, wie sie noch Kreisky vereinigt hatte, aber sie entmutigte der Mangel an Anstand beim Bürgermeister. Wenn er gesagt hätte, Lehrerinnen, wir, die Partei, brauchen  euch, sie hätte sich reaktivieren lassen. Aber so? Seit Schüssel ist alles schamlos, analysierte sie. Und sie las von Bankenkrisen und den Schulden einer Bank in Kärnten in der Kronenzeitung. Die Erinnerungen bedrängten sie: Da war der Konkurs vom Konsum, der Verkauf der Post, der Korruptionsskandal rund ums Krankenhaus in Wien, die Vernichtung der verstaatlichten Industrie, also die Beendigung von jeder Form von Sozialismus und sie fragte sich,  was noch als sozialdemokratisch zu bezeichnen ist? Ist diese schwarze Bundeskrankenkasse sozialistischer als die Gewerkschaft, fragte sie sich? Sind diese Polizisten, die beim Mittagstisch jeden Türken im Zweifelsfall sofort zu erschießen wünschen, ihre Genossen, dachte sie verunsichert?

Mühsam erhob sie sich dank Krücken vom Lehnstuhl. Sie ging ins Badezimmer und kontrollierte den Sitz ihrer Frisur. Die Frisur war für sie zum Merkmal der emanzipierten wie fortschrittlichen Frau geworden. Perfekte Frisur und unverheiratet war ihre Lebensregel, wie es ihr Idol, die Ministerin Firnberg, damals repräsentiert hatte; als Zugeständnis an den Fortschritt und als Erfolg der Sozialdemokratie vielleicht auch noch eine Krokohandtasche und ein Abonnement im Philharmonischen. Das war ihr nun beim Blick in den Spiegel des Badezimmers vollkommen klar als Ziel erschienen, als Aufstieg der Arbeiter, während der 70er Jahre. Ja, da hatte Leonard Bernstein zum Geburtstag des Kanzlers Mahler dirigiert und sie war dabei gewesen! Der Händedruck des Bundeskanzlers war ihr zum Vermächtnis geworden. Und jetzt im Badezimmer des Kurheims hätte sie weinen können, denn alles war dahin. Mit Schüssel war der Sozialismus zerstört worden, hatte die ganze Kraft eingebüßt, weshalb der Bürgermeister meinte, er könne sie mit dieser Zote gegen die Lehrerinnen wieder gewinnen. Gegen die Schule sind jetzt alle, dachte sie, nahm den Kamm und legte die Dauerwellen zurecht. Sie hatte gerade noch den Beginn  der Demontage erlebt. Im Badezimmer könne sie es sich ja offen denken, dass die Politiker aus Schulversagern rekrutiert werden, aus den Unterbegabten und Unbegabten, die sich dann an der Schule für jeden Fünfer detailliert rächen. Heutige Bildungspolitik ist die Rache der Schulversager an deren Scheitern in der Schulzeit. Dessen war sie sich jetzt sicher!

Die Sozialdemokratie, einmal die Pionierin der Bildungspolitik mit Otto Glöckel und Alfred Adler, hatte die Schule so fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel, weil in die Politik waren ja vornehmlich nur die „drop outs“ gekommen. Sie erkannte, dass damit ihr gesamtes Berufsleben vergeblich gewesen war. In der Herzgegend empfand sie ein heftiges Brennen. Es gelang ihr, gerade noch zum Bett zu kommen. Sie legte sich hin. Ihr Gedanke war, ob die Frisur in Ordnung geblieben war? Wenn schon sterben, dann als Unverheiratete, aber frisiert. Mit offenen Augen erwartete sie den Tod. Nach einer guten Stunde war ihr klar, dass sie nicht gestorben war. Zum Abendessen wird sie wieder die aggressiven und fremdenfeindlichen Schilderungen der Polizisten hören und sie entschloss sich, diesen künftig ein offenes Ohr zu leihen.