Im Speisesaal des Kurheims Himmelsbad waren beide nebeneinander gesessen – zufällig, sprachen bald über dies und das und entdeckten zur großen Überraschung, dass sie einander vielleicht gut verstehen. So war für den Ausgang am Nachmittag vereinbart worden, gemeinsam in den Kurpark zu gehen, zu plaudern und zugleich die frühen Boten des kommenden Frühlings zu bewundern, Primeln, Krokus und Traubenhyazinthen.
Vom Himmelsbad in der Weilburgstraße war es ja zum Kurpark nicht weit; ohne besondere Eile durchquerten sie gemessenen Schritts die paar Gassen, um am Ende der Theresiengasse nach Überquerung des Kaiser Franz-Ring in den Kurpark zu gehen. So schnell ging das aber nicht. Unterdessen dozierte nämlich der eine Passant über Baden im allgemeinen, blieb immer wieder stehen, wies auf eines der Häuser und machte mit dem Regenschirm weit ausholende Bewegungen, um die Stadt insgesamt als Panorama darzustellen. Die wenigen Bemerkungen zur Architektur zeigten ein recht kritisches Urteil, dass eben das Wachstum der Kurstadt vor 200 Jahren Wien in Maßen wiederholen wollte, allerdings nur Teile davon, nur die noblen Stadtbezirke Wiens erfuhren in Baden eine Wiederholung, also noch ein Cottage-Viertel oder Döbling im Kleinformat, nochmals ein Biedermeier, das es in Salmannsdorf nicht mehr gibt und eine Art Ringstraße.
Diese Zivilisation war damals wenigstens für Baden noch eine glückliche Anomalie gewesen, war von der Gefahr des dürren Hochmuts der Gründerzeit noch weit entfernt, ja mit der Nähe zum kaiserlichen Lustschloss in Laxenburg war eine politische Idylle gestiftet worden, die noch weit entfernt von der bestialischen Übermenschlichkeit war, die nur kurze Zeit später mit Begeisterung zur Orientierung sogar in Baden diente. Das war zur Erläuterung und Einleitung gesprochen worden und der Arm samt Regenschirm zog immer weitere Kreise, so dass die vorübereilenden Fußgeher ängstlich in Deckung gingen. Diesem Passanten war die Verwendung eines Stockes peinlich, weshalb der Regenschirm diesen Dienst erfüllen musste, denn er liebte es nicht, als Kurgast identifiziert zu werden, als Behinderter oder gar Krüppel. Vor der Fassade von Metternichs Palais verwickelten sie sich in eine ihrer politischen Debatten. Beide waren bei der Betrachtung von Kornhäusels außerordentlich bescheidener Hausfront über die politische Zurückhaltung des Gebäudes erstaunt, denn immerhin hatte es einen mächtigen Mann Europas beherbergt. Also begannen sie über politische Systeme zu diskutieren, wobei der bei weitem stärker hinkende Passant mit Krücke die lapidare Feststellung machte, dass man immer nur vor der Wahl steht, welche Polizei man gegenüber einer anderen bevorzugt.
Wenn also Charles Sealsfield als Flüchtling aus dem Kaiserreich, setzte der hinkende Gesprächspartner mit Krücke seinen Einwand fort, diesen Spaziergang des Kaisers durch Baden beschrieb, so waren Polizei und Spitzel zur Idylle hinzuzuzählen. Gleich hinter den Exzellenzen, Mumifizenzen und Magnifizenzen wie Eminenzen schlichen die Sekretinisten, wie man sie nannte und schnüffelten wie Straßenköter in den Hausecken und Winkeln nach Empörten. Selbst eine Klaviersonate Diabellis, so sie bei geöffnetem Fenster zu hören war, erregte Misstrauen und Verdacht. Und er ergänzte, dass er immer verwundert war, dass dieses Ausspionieren der Menschen speziell nach den Karlsbader Beschlüssen dem großen Metternich nicht zuwider war, ja dass er es nicht für ungeeignet und für denkbar blöd hielt.
Der Mann mit Regenschirm antwortete ihm, obwohl er bereits den Weg fortgesetzt hatte, Tyrannen würden immer erst nach Befriedigung ihrer Grausamkeit leutselig; oder man habe sie immer zu spät ermordet. Selbst wenn er kein Sympathisant von Revolutionen ist, müsse er diese grausame Konsequenz für richtig halten, denn die hier bewunderte ästhetische Idylle habe namenloses Unglück verdrängt, auf die Freiheit vergessen. So war dieses krankhafte österreichische Klima in Baden entstanden, diese Jausenlandschaft mit heißer Schokolade und Gugelhupf bei Schwefelgeruch. Und es waren immer Kurorte, in denen die Zukunft aller politischen Unglücke beschlossen wurde. Eine typische Ergänzung dazu bilden die Heurigen der Thermenregion, die endgültig jeden politischen Verstand umnebeln.
Nicht, dass jetzt sein Gesprächspartner eine grundsätzlich gegensätzliche Meinung gehabt hätte, er wünschte sich nur, diese Zeit samt ihren überspielten Schrecknissen und Notlagen zu relativieren. Sie sei doch harmloser gewesen oder immerhin bemerkenswerter mit Beethoven oder Schubert, selbst wenn man in zerstörten Hoffnungen gelebt hat und die Gelassenheit Goethes ein Luxus. Erst im nachfolgenden Jahrhundert hat sich die Gosse mit dem Mythos verbunden, antwortete er, weshalb ihm der misstrauisch-missmutige Biedermeierkaiser noch lieber ist als jene Gauner, die sich selbst zur Elite zu zählen begannen und nur dank ihrer Phantasieuniform so aussahen.
Der Hinkende akzeptierte diese Beschönigung überhaupt nicht. Seiner Meinung nach ist es der direkte Weg in die Hölle, wegen des Schlimmeren das Schlimme zu entschuldigen. In diesem Vergleichen und Gegenüberstellen wird der Salto mortale der Historiker erlernt, so dass man von Anfang an die Menschen zu Opfern ausbildet. Das ist ja überhaupt seine Vermutung bei einer Zeitgeschichte, dass es immer weniger um ein Wissen um das Leid der anderen geht, sondern um die Eingewöhnung ins kommende Inferno. Immer kann Schlimmeres als das eigentlich Schlimme gedacht werden. Es ist das bevorzugte unappetitliche Verwirrspiel historischer Kenntnisse, welches soeben unsere Gegenwart bestimmt. So möchte er allen Ernstes unterstellen, dass die Verbrechen der Vergangenheit heute zur Zerknirschungsroutine degradiert wurden, um von den Skandalen abzulenken, vom gegenwärtigen skandalösen Diebstahl aus den Staatskassen. Ihm ist es daher unerklärlich, warum die Historiker kein höheres Honorar für die Festansprachen über das Weltkriegsende verlangen, müssen sie doch darin die Gegenwart vergessen machen, die zunehmende Entmündigung der politischen Institutionen. Wenn im Himmelsbad Leiden weggezaubert werden sollen, in der Physiotherapie zur Wollust verwandelt werden, das ist jetzt seine entschiedene Meinung, wird in der Beschwörung der Vernichtungslager die Gegenwart zunichte gemacht. Was heißt denn dieses törichte Wort von der Vergangenheitsbewältigung, wenn es nicht kollektive Wollust zu sein scheint, damit nur die Gegenwart ungeschoren bleibt? Gerade hier in Baden, wo mit jeder restaurierten Fassade die Vergangenheit beschworen wird, soll diese zugleich auch das Böseste offenbaren, den Mord und die Infamie der Mitmacher. Diese Synchronisation von unaufgelösten oder willkürlich aneinander gereihten Widersprüchen ist die Methode im historisch-politischen Verwirrspiel. Der Hinkende hatte immer schneller und lauter geredet, hüpfte dank Krücke in wilden Sprüngen über den Kaiser Franz-Ring, weshalb auch manche Spaziergänger kopfschüttelnd stehen blieben.
Ihm nach der Herr mit Schirm. Dieser war vorerst verblüfft über diesen Ausbruch der Wut. Beim Durchqueren des Kurparks, der ja eine recht gefällige Anlage ist, wollte er diese begründete Wut nicht entkräften. Es steckte darin viel Wahrheit. Dennoch war er nicht bereit zuzustimmen, denn im Normalfall artet jede Kritik in kollektives Schimpfen aus. Schon längst war auch er der Auffassung, die Zeithistoriker seien inzwischen zu Schulmeistern des Vandalismus geworden und erfüllen unbewusst die Aufgabe, uns gegenüber der Gegenwart mit Blindheit zu schlagen. Aus Verlegenheit bohrte er mit dem Schirm ein kleines Loch in den Rasen.
Der Hinkende spürte die reservierte Zustimmung seines Begleiters, den Einwand, den die Körpersprache nur zu gut zu verstehen gab. Und dann das Bohren mit dem Regenschirm in den Rasen kam ihm überaus infantil vor. So warf er dem Begleiter aggressiv an den Kopf, dass er demnächst bei den Feiern zum langen Bestehen der Republik wird sehen können, dass es die Dynamik der Geopferten und Opfer für die Republik nicht mehr gibt. Er könne sich noch erinnern, sinnierte er, dass das ganze Land über die Wiedergeburt der Republik nicht nur glücklich war, sondern dass es bewusst aus dem Geist der Geopferten gegründet wurde. Das sei nun lange her, zu lange, sagte er. Wie leicht kommt den Menschen heute das Wort Auschwitz über die Lippen, während er noch immer sich scheue, es auszusprechen, dieses Unheil allein im Wort heraufzubeschwören. So beobachte er einen professionellen Missbrauch der Ermordeten zu Zwecken beliebiger Interessen, als wäre man in den Lagern Märtyrer für Marktwirtschaft oder Wohlstand und verbesserte Handelsbeziehungen gewesen.
Da das also unmöglich der Sinn gewesen sein kann, frage er seinen geschätzten Begleiter, ob ihm noch nie in den Sinn gekommen ist, dieses Grauen einmal auch theologisch zu interpretieren? Heute sei ja alles Theologie, nur nicht das, was Theologen so tun. Das sei stets seine Rede, sollte er einmal eine Predigt hören, die bestenfalls nur ein Reizmittel gegen das Absurde ist. Wenn er es nun im Sinne seines Gefährten fortsetzen darf, so ist es schon bemerkenswert, dass Holocaust oder Shoa nicht als Ermordung der Zeugen Gottes verstanden werden, um endlich behaupten zu können, dass Gott tot ist. Der Skandal daran ist, schon wieder müssen Juden selbst nach dieser Todesfuge für die ihnen zugeschriebene Erwerbstüchtigkeit stehen, für den Tanz ums goldene Kalb, für Mammon und allem drum und dran. Und da es so zu sein scheint, gönnen wir uns in der Geschichte den Hass.
Beide blieben vor einem reizenden Blumenbeet stehen, doch es erfreute sie überhaupt nicht.
Völlig unvermittelt wie unpassend stellte der Herr mit Schirm die rhetorische Frage, ob denn heute nur mehr Hyänen Optimisten sein können? Und das kann doch nicht sein, beteuerte er. Es ist nicht alles schief gelaufen, wie es immer behauptet wird. Immerhin können wir heute die Toleranz in der Gesellschaft nach dem Grad und der Stärke des Antisemitismus messen, ob also jene Zivilisationsstufe wirklich erreicht wurde, die wir uns wünschten? Immerhin verkörpert das Rehabilitationszentrum eine unermessliche Verfeinerung der Zivilisation durch die Sammlung und Behandlung der Bresthaften, Moribunden, der Leber- und Zuckerkranken und den zahllosen Empfängern diverser Prothesen. Das beweist, dass sich deshalb die frühere politische Dummheit als Krankheitsträger nicht gleich in ein allgemeines Laster verwandelt hat? Also so dürfe man ihm mit der Behauptung nicht kommen, dass es keine Wiederbetätigung in diesem Wahnsinn gibt, sondern weit eher die Weiterbetätigung – was sein Gesprächspartner behauptet.
Fast hätte er ein Loblied aufs Land angestimmt, auf dessen Kultur und Tradition, auch wenn er die gegenwärtige politische Lage nicht begrüßen könne. Schweigsam waren sie den Kurpark hinaufgegangen und hatten die Grenze zur natürlichen Bewaldung überschritten. Es war vielleicht dieser Überblick über Baden, der Blick hinunter auf das Städtchen, auf ein behäbiges Hotel, die sie beide zu diesen waghalsigen Feststellungen verführten. Trotzdem nahm der Hinkende diese Hommage ans Heimatland nicht krumm. Dummheit ist die schlimmste Infektionskrankheit, rief er aus, wie der Kollege ja richtig bemerkt hatte. Wie Unaufrichtigkeit Intelligenz anregt, so kommt die Dummheit zur Grausamkeit. Die Vorstufen sind die Intransingenzen, wie er es zu nennen liebt, das beginnt bei grantigen Kurgästen, bei den alten Nazis und jungen Extremisten. Die Nichtigkeiten sind die großen Themen, das dauernde Jammern über das Selbstverständliche beim Altern, das Klagen übers zu rasch Vergangene, über Ausländer und Arbeitslose. Rundherum haben wir kein Talent für Gewissensbisse, bedauerte der Hinkende. Er lehnte die Krücke an die Parkbank und setzte sich. Notgedrungen musste es sein Begleiter ihm nachtun.
Sie blickten auf zwei großen Villen, die gleich am Rand des Parks errichtet worden waren. Kopfschüttelnd betrachtete der Hinkende diese skurrilen Behauptungen gegen die bekannte Gesellschaftsentwicklung vor hundert Jahren. Es war Wasser auf seinen Mühlen. So stellte er die Frage, wie diese Häuser einzuschätzen sind? Da hatten sich doch die Reichen in ihr abgehobenes Villenghetto begeben, um im Umland Badens zwei Fliegen mit einem Schlag zu treffen: Bedeutung und Erholung. Sollte diese üppige Architektur einer Gesinnung entstammen, so war sie zeitgemäß asozial. Kein Schloss vermochte Öffentlichkeit so auszuschließen wie die bürgerliche Pathologie der Gitter, Zäune und Mauern rund um die Villa. Das Eigentum war zur Einsperrung geworden, weshalb man sich sehr um die Einbildung bemühen musste, frei zu sein. Jetzt müsse er seinen geschätzten Leidensgenossen bei der Nase nehmen! Ohne erkennbare Unterscheidung habe er die Gebäude Kornhäusels in einen Topf geworfen mit diesen Gespensterburgen. Und nun dokumentieren beide Villen noch immer diesen Zustand eines Mythos in Trümmern.
Das Gespräch kam ins Stocken. Beide kamen überein, hier umzudrehen. Diese beiden Häuser waren wie Fußnoten zu ihrem Gespräch.
Gewiss, dessen war sich der Herr mit Schirm sicher, verkörperten diese Sitze, wie man es damals genannt hatte, immerhin ein Paradies, das ganz kurz am Ende einer Epoche möglich wird. Und als korrekt gekleideter Herr meinte er, dass es immerhin eine Blüte war. Es war eine Blüte und ein Paradies.
Da platzte dem anderen der Kragen. Diese Blüte, wie er sie bezeichnet, endete nach den Weltausstellungen im Weltkrieg! Jetzt war vollendet worden, was in den Augen der Philosophen mit einer Weltanschauung so verheißungsvoll begonnen hatte. Er wundere sich, dass er das nicht sieht, wo er doch jede Fassade eines Hauses so akribisch beschreiben kann. Somit sind diese noblen Villen Abbilder davon, was hätte sein können, sagte der Hinkende. Und das ist so typisch fürs Österreichische, dass es immer wieder Zeichen gibt, wie gut etwas sein könnte, aber daraus wird nichts. Und es ist nie etwas daraus geworden. Im Gegenteil. Das Land hat einen erstaunlich hohen Anteil am Unglück der Weltgeschichte. Vor allem die Beiträge an Grausamkeit sind beispiellos bis heute!
Flott gingen sie schweigend bergab, soweit es die Beschwerden erlaubten. Sie schwiegen. In ihren Anschauungen wuchs die Distanz. Ein wenig hatten sie sich übernommen. Einem schmerzte das Knie, dem anderen die Hüfte. Sie gestanden sich diese Schmerzen ein, die sie einander wieder näher brachten. Mit den Bemerkungen über die Beschwerden begannen sie zu lachen. Wenigstens diese irreparablen Schäden stimmten sie heiter. Das war aber auch schon alles. Beim Verlassen des Kurparks beschloss der Herr mit Schirm, er würde noch die Vinothek in der Pfarrgasse besuchen wollen. Halb fragend, halb einladend hatte er dieses Vorhaben ausgesprochen. Der Hinkende zögerte nur kurz. Irgendwie war er froh, einen deftigen Streit vermieden zu haben. Um nun gute Miene zu machen, stimmte er zu, doch mit der Auflage, es bei einem Glas bewenden zu lassen. Nur ein Glas, sagte er.
Sie tauchten wieder ins Stadtbild Badens ein. Bis zur Pfarrgasse war es nicht weit. Beim Stadttheater vorbei begann der Herr mit Schirm wieder zu dozieren, welcher Segen es für die Stadt war, dank sowjetischer Verwaltung der Modernisierung auf zehn Jahre entgangen zu sein. Der Hinkende antwortete als würde er einen Buchtitel zitieren: Verdrängter Humanismus und verzögerte Aufklärung. Das sind hier noch die sympathischen Seiten.