Die Ankündigung, alle Insassen des Kurzentrums Himmelsbad haben verbindlich an der Stunde der Ernährungsberatung teilzunehmen, war missmutig zur Kenntnis genommen worden. Dieser Aufforderung musste auch er Folge leisten. Beim Eintritt in den Saal zur festgesetzten Zeit, sah er, dass er gerammelt voll war. Sein erster Gedanke war, die Krankenkasse hegt noch immer die naive Vorstellung, dass eine Ernährungsberatung etwas nützt. Es stimmt schon, die meisten Rekonvaleszenten sind übergewichtig, daher auch moribund, zeigen einen grantigen Gesundheitswillen, womit sie im Voraus signalisieren, ohnehin zum großen Teil gesund gelebt zu haben. Männer sind da eher schweigsamer wegen ihrer Neigung zum Alkohol. Frauen hingegen gehen über vor Wissen, geregeltem Leben und die Kenntnis zahlloser Diäten wird ohne Unterbrechung ungefragt wiedergegeben. Frauen wissen alles. Und die Expertin, die sich zu Beginn höflich vorstellte, nannte ihren Namen, doch diesen konnte er aus der letzten Reihe nicht verstehen. Er konnte nicht entscheiden, ob die Dame in Weiß Apollonia oder Apollodor oder so ähnlich heißt. Gemäß seiner klassischen Bildung nannte er sie nach dem epikureischen Philosophen Apollodor Kepityrannos. Ob dieser antike Denker so gesundheitsbeflissen war wie die Vortragende, überstieg seine Kenntnis antiker Philosophie. Sie glich zwar keiner griechischen Skulptur, was man im Saal auch nicht erwartet hatte, aber dafür platzte sie vor Gesundheit, Lebenslust und Gemüsefetischismus. Bald hörten die Insassen des Kurzentrums, wie wichtig alles Gemüse, Eiweiß und Ballaststoffe sind. Das Auditorium gewann den Eindruck, bei Befolgung dieses Speisezettels würde man die Sterbestunde auf den Nimmerleinstag verschieben können. Apollodor oder Apollonia übergab hierauf das Wort an ihre Assistentin. Deren Namen hatte er mit Scheuchenhuber besser verstanden. Als jüngere musste sie jetzt die Sisyphosarbeit übernehmen, dem übel gelaunten Publikum diese frugalen Speisezettel schmackhaft machen. Apollodor oder Apollonia war nicht willens, ihr Wissen wie Perlen einfach wegzuwerfen – vor Schweine, wie sie sich vermutlich gedacht hatte.
Scheuchenhuber, sehr blass, sehr dünn, zeigte als erstes diese ominöse Pyramide: Nach oben zu wird alles Essbare immer schlechter. Die Krone des Verwerflichen ist der Wein. Davor warnte sie eindringlich! Gleich darunter sind tierische Fette, Süßigkeiten und vieles andere. So erklärte sie, dass im Fastenjoghurt etwa sechs Stück Würfelzucker sind. Er konnte es kaum glauben, war er doch als Hungerkünstler verschrien, da er grundsätzlich nur Fastenjoghurt gekauft hatte. Obst wird im Speisezettel nicht begünstigt, hingegen Broccoli. Broccoli sind überhaupt die Nahrungsquelle und kommen noch vor dem Fisch, schwärmte Scheuchenhuber. Man soll nur mehr Broccoli essen, predigte Scheuchenhuber als müsse sie zum Kreuzzug aufrufen. Broccoli sind allerdings sehr kompliziert in der Zubereitung, denn meistens kocht man die Broccoli zu Tode. Man sollte sie dünsten, aber gleichzeitig die andere Hälfte roh essen. Dazu darf man höchstens zwei gekochte, aber ungesalzene Kartoffel nehmen, mit etwas Petersilie. Und wenn einem das aus dem Hals hängt, dann eben Fisch, was aber im Grunde schon ein Bruch in der Nahrungskette ist.
Ein Teilnehmer wollte seine Bedenken gegen Fisch anmelden, doch Scheuchenhuber überging den Einwand. Am Vortag war nämlich in der Zeitung zu lesen, dass das Donauwasser bei Klosterneuburg über eine unerwartet hohe Konzentration von Drogen, von Kokain bis Ecstasy verfügt. Angeblich soll sich bei Klosterneuburg das alles von Passau herunter sammeln und würde man dort in der Donau schwimmen, käme man „high“ aus dem erquickenden Fluss, etwa beim Strandbad Kritzendorf. Jedenfalls sind es die Fische in erhöhtem Maß, sind sogenannte glückliche Fische, war sein stummer Kommentar in Gedanken, was ja bislang nur von den Hühnern in den Kühlvitrinen behauptet wurde.
Scheuchenhuber fuhr fort, die dringend gebotenen Empfehlungen einer Diät für Diabetiker zu erörtern. Der Inhalt der Fastenpredigt war ein einziges „Hände-weg“ von Obst und Schokolade, von Wurst und von fast allem weiteren. Deutlich regte sich bei den 100-Kilo-Zuhörern erbittertes Murren. In einer Wortmeldung erklärte eine Dame, dass es nach jüngsten Berichten vor der Neudefinition der Body-Maße steht. Diese quälende Grenze von 100cm Bauchumfang werde demnächst fallen. Es sei nur mehr eine Frage der Zeit, bis die body-Maße sich realistisch an der Wirklichkeit orientieren. Sie sagte es im Brustton der Überzeugung und ihr ganzer runder Körper bebte vor Erregung. Er schätzte deren Bauchumfang auf etwa 135cm ein.
Jetzt war im Saal der Bann gebrochen. Kaum zu glauben, wie vehement die Übergewichtigen ihre Beschwerden gegen Diäten im Allgemeinen und gegen diese Pyramide der empfohlenen Esswaren vorbrachten. So sagte einer, dass man wegen einer verzeihlichen Schwäche ohnehin für alle zahlen muss, also wenn er schon alles zahlt, wird er wohl alles essen dürfen. Und dem pflichteten die Damen bei. Sie hätten immer in voller Verantwortung gekocht, und an ihrer Küche war bislang niemand gestorben. Da war alles gesund und die Familie gedieh zur allgemeinen Zufriedenheit. Und eine weitere Beleibte legte nach, warf Scheuchenhuber vor, die Güte Wiener Küche in Zweifel zu ziehen, was sie auch nicht wundere, wenn man die Vortragende ansieht, eben eine Vogelscheuche, wie der Name schon sagt. Und sofort sekundierte eine andere, dass das Vogelscheuchenartige ein sichtbares Signal für die Unhaltbarkeit der gemachten Aussagen ist. Wenn es da geheißen hat, hier seien 42% übergewichtig, so ist das eine Sache der Interpretation. Das stimme schon lang nicht mehr! Über die Qualität einer Schweinsstelze werde man wohl nicht diskutieren müssen, war die rhetorische Frage, die man Scheuchenhuber provokant gestellt hatte.
Er merkte, dass die Scheuchenhuber immer blasser und blasser wurde. Ein Schwindel ergriff sie und sie musste sich setzen. Ein moribunder Notfallpfleger leistete ihr Erste Hilfe und andere öffneten Fenster und Türen. Manche reichten Wasser und aus dem Hintergrund war eine Stimme zu hören, dass das alles nicht passiert wäre, würde die Scheuchenhuber mehr gegessen haben und sich nicht an diese Diäten halten, die ja selbst die Hungerjahre der Kriege in den Schatten stellen. Er war sich in diesem Moment nicht sicher, ob er nicht dieser Kritik zustimmen solle. Im allgemeinen Eklat löste sich die Versammlung auf und schon beim Ausgang war man sich einig, das Schicksal der Scheuchenhuber habe zur Genüge bewiesen, dass deren Empfehlungen ungesund sind, während man selbst rüstig und wenn, dann eben altersentsprechend mit den Wehwehchen zu leben verstehe, wie es im Alter so ist. Jedenfalls so eine Diät kann nicht gesund sein, wenn deren Propagatorin schon nach 35 Minuten w.o. geben musste. Er machte sich so seine Gedanken und konnte sich nicht entscheiden, ab nun vornehmlich Broccoli zu essen, Karfiol, Karotten und Paradeiser und jedem Schweinebraten abzuschwören.