Da er wusste, seinen Beschwerden würde man nirgendwo Abhilfe verschaffen können, war er zu aller Erstaunen dennoch frohgemut nach Baden gefahren. Er rechnete eben mit keiner Besserung seines Zustands, war aber überzeugt, im Rehabilitationszentrum Himmelsbad wenigstens eine angenehme Zeit verbringen zu können. Er dachte an Ablenkungen aller Art, an die Erholung vom Alltag, an die gut gemeinten Kuren, Anwendungen und Massagen, an regelmäßige Nahrungseinnahme und ungestörte Nachtruhe. Mit diesem bescheidenen Wunsch war er im Himmelsbad angekommen.
Nach der Phase der Eingewöhnung verteilte er seine Vorlieben nach Gutdünken, war also von der Physiotherapie begeistert, von elektrophysikalischen Behandlungen, hingegen das gemeinsame Wandern oder Turnen schätzte er bei weitem weniger. Der Grund lag nicht in der Aufforderung zu Bewegungen aller Art, sondern gegenüber Gruppen war er grundsätzlich misstrauisch. Da ist man gezwungen, die kaum erträglichen Kommentare der Schicksalsgenossen wider Willen anzuhören, diese demonstrativen Erläuterungen der Leiden und Behinderungen, womit schon vor der Stunde im Wartesaal begonnen wurde. Er hasste dieses Gejammer und Selbstmitleid. In der Stunde selbst mutierten die Teilnehmer zu bemitleidenswerten Prototypen neuer Symptome, zu medizinischen Sonder- und Einzelfällen, alle zusammen atypisch und singulär. Ein Sachbuch der unwahrscheinlichsten Anamnesen hätte man füllen können. Nicht, dass er von solchen Versuchungen frei gewesen wäre, wer wünscht sich nicht Beachtung und Mitgefühl?, doch seine Leiden waren meistens von Schmerzen geplagt, von denen er meinte, nur durch Humor werden sie erträglicher. Es war ein schwarzer Humor. Er entwickelte eine Vorliebe fürs Absurde und Surreale, was man im Himmelsbad nicht besonders schätzte, die Rekonvaleszenten eher kategorisch ablehnten, da sie es als Provokation empfanden, als Verspottung oder Geringschätzung. Im Nu war er Einzelgänger geworden, isoliert, wozu er im Grunde keine Neigung besaß, was er aber nicht verstand und auch nicht begründen konnte. Sein Witz erntete Aggression, sein Hang zum Absurden Unverständnis und sogar seine Selbstdisziplin war falsch eingeschätzt worden, nämlich an gar nichts zu laborieren, war die allgemeine Vermutung. Man verwehrte ihm deshalb die Teilhabe an der Leidgenossenschaft. Noch nie hatte er erlebt, einer befremdenden Distanz zu begegnen, die so gar nicht in diese moderne Vertraulichkeit passte, die sich in der Verwendung der Vornamen äußerte, in der Verwendung des Du-Worts ohne je gefragt worden zu sein. In dem Maß also bei den Tischgesellschaften die zweite Person Singular zur Regel wurde, die man vorerst bei der ersten Anrede am Beginn des Kuraufenthalts mit der zweiten Person Plural eröffnete, beharrte er demonstrativ auf die dritte Person Mehrzahl, was ihn noch unbeliebter machte.
Als er einmal während des Mittagessens die Meinung äußerte, er stehe in Gefahr, ebenfalls ein Opfer des repressiven Du zu werden, denn bei den Gruppenstunden waren alle zu solcher Vertraulichkeit aufgefordert worden und gleich zu Beginn hatte man den Vornamen zu nennen, da hatte er nicht nur einen falschen Namen gesagt, sondern auch auf seine Schwierigkeiten mit der Grammatik verwiesen, eben das Personalpronomen im Singular nicht zu kennen, schon gar nicht die persönlichen Fürwörter erlernt zu haben, was ihm vielleicht erlaubt hätte, die Leidensgenossen in der hierorts üblichen Art anzureden. Er habe nun einmal in der dritten Person Plural die allgemeine Anrede erlernt und habe sie auch in seiner Familie beibehalten. Diese Begründung seiner grammatikalischen Eigenheit war sofort mit heftiger Ablehnung quittiert worden, da den meisten in der Gruppe vergleichbare Kenntnisse fehlten, was mit Singular oder Fürwort gemeint war. Selbst sein Hinweis, die dritte Person Plural habe ihn vor beleidigenden wie zotigen Schimpfwörtern bewahrt, weshalb er für überaus höflich gehalten wurde, nützte nichts.
In der Gruppe war sofort das Unbehagen spürbar, wenn er bei nächster Gelegenheit mit Leintuch wieder an einer Gruppenstunde teilnahm. Ihm wurde unterstellt, eingebildet, hochnäsig und elitär zu sein, dass er nicht zu Ihresgleichen gezählt werden will, sondern sich eine beleidigende Distanz bewahren will. Das könne er halten wie er wolle, war ihm gegenüber angedeutet worden, doch damit sei er ein Störenfried, ein Fremdkörper und Spielverderber.
So hatte sich eine merkwürdige Drehung ergeben. Während die Mitglieder der Gruppe ihre Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit über die ausführlichen Schilderungen ihrer Leiden erzielen wollten, so er in der Eigenart seiner Rede, in seiner Idiomatik samt der nun diskriminierten Neigung zur Distanz. Anfänglich war es ihm gar nicht so bewusst gewesen, sich immer deutlicher außerhalb der diversen Gruppen und Tischgesellschaften zu befinden, doch bald widerfuhr ihm eine eindeutige Ablehnung, da er im Café des Rehabilitationszentrums Platz nehmen wollte. An keinem Tisch war ein Platz frei. Jeder leere Sessel würde demnächst besetzt werden, wie es auch keine freie Zeitung gab, da jedes Exemplar gehortet wurde. Das ging so weit, dass selbst jene Zeitung verlangt wurde, die er sich vis a vis in der Tabak Trafik in der Weilburgstraße besorgte hatte, ja er müsse sie sofort hergeben, da er bereits zu lang darin gelesen habe. Er wurde beschimpft, da er seine Zeitung niemandem zur Verfügung stellte, deshalb sei er asozial und habe daher eine wesentliche Voraussetzung des Gesellschaftlichen nie erlernt, nämlich teilen zu können. Dabei hatte er die Zeitung ohnehin nur im Auf- und Abgehen lesen können, bestenfalls war es ihm möglich, am Rauchertisch im Regen zu sitzen, da ihm unter solchen Bedingungen ein Platz nicht verwehrt werden konnte.
Dennoch hatte er seinen Frohsinn erhalten. Je finsterer die Blicke waren, wenn sie seiner ansichtig wurden, desto freundlicher war er, grüßte unaufgefordert und hatte stets ein Scherzwort auf den Lippen. Zu den Fettleibigen meinte er ironisch, sichtbar abgenommen zu haben, zu den Hinkenden, eindeutig aufrechter zu gehen. Es war seine Art der Rache für die Unfreundlichkeiten. Erst später musste er sich eingestehen, dass diese Beharrlichkeit in der Darstellung eigenen Leids, in der gekonnten Wiedergabe der Leiderfahrungen einen erheblichen Teil der neuen Persönlichkeit ausmacht, somit die Patienten oder Rekonvaleszenten in der Art ihrer Betroffenheit erstmals wieder ihr Ego erleben, ihre Eigentlichkeit und Unverwechselbarkeit. Diese pervers anmutende Bindung von Schmerz an ein Ich ergab zwar die Person, machte sie aber zugleich unleidlich und unerträglich. Da er eines Tages versucht hatte, diesen Gewinn an Identität auszuprobieren, sich also zwei Krücken besorgte, um ebenfalls im Storchenschritt nach Bandscheibenvorfall über den Gang zu gehen, hatte man sich sofort bei der Anstaltsleitung beschwert, er würde die Moribunden ausspotten, ohnehin die Ärmsten unter den Armen, was aber abgewiesen wurde.
Zu seiner Erheiterung beobachtete er diesen Prozess der Verpuppung an den Rekonvaleszenten, die gar nicht so glücklich waren, wenn die Therapeutin ihnen mitgeteilt hatte, nun bereits Fortschritte gemacht zu haben. Gewiss waren die Insassen mit Problemen nach Baden gekommen, mit Beeinträchtigung oder Behinderung, doch die Minderung der Folgen von Krankheit oder Unfall hatten bei den meisten die Freude darüber nicht vergrößert. Dank der Behinderungen hatten sie eine Identität erworben, von der Abschied zu nehmen immer schwerer war als erwartet. Nur ungern ließ man sich sagen, die Krücken nicht mehr zu benötigen, ja endlich den freien Gang zu üben, weshalb man allzu gern das Hinken absichtlich verstärkte, die Bitternis im Mienenspiel noch deutlicher zu erkennen gab. Während er also ein schmerzstillendes Mittel nehmen musste, hin und wieder dem Rat der Ärzte folgte und zwischen Seractil und Tramal schwankte, insgesamt die Einnahme der Medikamente als delikates Frühstück bezeichnete, haderten die Rekonvaleszenten mit dem Schicksal, nämlich die Einzigartigkeit der Person dank Schmerz bald zu verlieren. Alle hätten sofort im Schauspiel Molières eine Rolle gefunden, hätte man sie dafür gewonnen. Durch Knie oder Hüfte hatten sie eine dominante Rolle in ihrem sozialen Umfeld gewonnen.
In wenigen Tagen hatte er diese Stimmungslage durchschaut, diese merkwürdige Solidarisierung der Moribunden gegenüber der gesunden Außenwelt, die in ihren Augen eine feindliche ist. Und diese wurde immer feindlicher, je weniger man sich in ihr erneut zu integrieren wünschte. Im Rehabilitationszentrum war den meisten klar geworden, eine Gesundung bringt unweigerlich einen Abstieg in Ansehen und Zuwendung. Das bilden sie sich vornehmlich ein. Und mit dieser Analyse hatte er das Interesse für jeden weiteren Aufenthalt im Rehabilitationszentrum ab Nachmittag verloren.
Die Alternative war die Erkundung Badens. Mit Vergnügen durchwanderte er die Stadt. Er fand gleich beim Gymnasium in der Frauengasse eine steirische Vinothek. Auch dort war natürlich Rauchen erlaubt, wie in den meisten Lokalen. Er kehrte um und näherte sich erneut dem Hauptplatz. Der Besuch des Café Central war zu verlockend, um auf eine Einkehr zu verzichten. Er las Zeitung, trank Kaffee, nahm ein Croissant und fühlte sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt. So nahm er sich vor, während des Aufenthalts in Baden jeden Nachmittag einen Stadtbummel zu machen. Einen Kaffee würde er entweder weiterhin am Hauptplatz nehmen oder gleich am Erzherzog Rainer-Ring Ecke Rathausgasse, je nach Witterung. Etwas enttäuscht war er über das Programm im Stadttheater. Operetten Lehars waren nicht nach seinem Geschmack und „Paganini“ war nicht einmal eine der guten. Es störte ihn nicht weiter, denn er war mit den Rundgängen durch die Stadt mehr als zufrieden.
Beim Flanieren durch die Fußgängerzone war recht gut die Tageszeit zu erraten. Gegen Fünf Uhr trippelten die Teenager mit ihren Bienenkorbfrisuren durch die Pfarrgasse, flankiert von knapp veralteten Beatle-Mähnen, Milchgesichter mit angeklebten Wimpern in flauschigen Pullis. Wie ferngelenkt bewegten sich die gegerbten Blue Jeans, die Stretch-Hosen mit Eclair-Waden durch die Gasse, zuweilen in Elfen-Stiefel und hochhakigen Stöckelschuhen. Es war ein Staccato der Bleistiftabsätze, da das wackelige Pflaster sich dem flotten Schritt nicht erwehren konnte. Das war immerhin bis halb sechs. Bis sechs wirbeln noch die letzten Mädchen an den Schaufenstern vorbei. Die Augen sind wie Schirme aufgerissen, was die Wimperntusche noch unterstrich. Die Parker-Jacken machten aus ihnen Slum-Hippies. Die Burschen schlenderten rauchend nebenher in verzückter Agonie. Ein untersetzter Bursch, sicherlich über dreißig, wackelte herum in italienischen Hosen, im Sun Valley-Skihütten-Pullover und Schirmmütze, auf der seine Liebe zu New York verkündet wird. I love NY. Langsam und weich wie Sirup gleiten dessen Augen über die Schar der Verkäuferinnen, deren Leben nach Ladenschluss erst beginnt. Gemeinsam bildeten sie verspätete Kopien alter Untergrundfilme. Und um die Badener Allegorie zu beglaubigen, bahnten sich gleichzeitig die Alten, die Kurgäste den Weg durchs Gewimmel. Da ist der Stock weniger Stütze, weit öfter Instrument der Abwehr und Selbstverteidigung. Jetzt haben auch die Alten Turnschuhe an, war seine Wahrnehmung durchs Schaufenster der Vinothek. Da schlurften sie geängstigt dahin, ihnen nach vielleicht ein Rollator, den ein Übergewichtiger wie einen Rammbock vor sich her schob. Prompt stieß er mit zwei Jugendlichen im „Armen-Leute-Sweater“ zusammen, das dunkle Haar wirr in Strähnen, doch mit Kohlenstoff-Bleichung. Sie trugen hautenge Hosen und die Hüften waren schmal. Aus den Ärmeln schauten spindeldürre Arme mit langen Fingern.
Sie hatten während des Telefonierens den Alten nicht bemerkt. Der zeterte laut, beklagte den Zustand heutiger Jugend, die es früher nicht gab, denn da war der Krieg. Und dieses Wort sprach er aus als wäre damals die bei weitem bessere Zeit gewesen. Es hörte sich wie ein Wunsch an. Die Burschen lachten und spotteten über sein hilfloses Gehen. Das entfachte ein diskantes Schimpfen beim Alten, dessen Koloratur wirkungslos blieb.
Entgeistert beobachtete er die Szenen weiterhin von der Vinothek aus. Noch nie war ihm derart bewusst geworden, dass diese überständige Elite-Kultur, die sich jährlich beim Wiener Opernball ein geschmackloses Stelldichein gibt, die dann in Baden „Paganini“ anhört, endgültig abgelöst wurde. In der Vinothek stand ebenfalls der Baron mit einem Glas Merlot, beklagte den Verlust seiner Privilegien, meinte inständig, der Sinn für Stil und Benehmen sei verloren, während vor seinen Augen diese neue Kultur um sich greift, eigentlich seit dem Zweiten Weltkrieg.
Das Seufzen des Barons beantwortete der Beobachter, der unverwandt nach draußen blickte, recht lapidar, dass eben diese so genannte High Society der Pop Society weichen musste. Er könne das nicht wirklich bedauern, denn eines war diese neue Generation nicht: verlogen. Diese proletarischen Visionen, die da am Schaufenster vorüberziehen, waren in den Verkleidungen, im Tatoo und Piercing kreiert worden und würden die versnobten Formen der Kunst ersetzen. Jetzt ist man gekleidet in der Buntheit der Bonbons, hat die Haare mit Henna gefärbt, hat grüne oder blaue Strähnen im Haar und in absichtlich zerschlissenen Hosen widersetzt man sich den Modejournalen, dem Design und den unerreichbaren Idolen, die in den Medien unter der Rubrik „reich und schön“ firmieren. Das war seine Analyse und direkt zum Baron gewandt, sagte er laut, dass jetzt Las Vegas das Versailles Amerikas ist, wenn nicht überhaupt für die ganze Welt, und der Baron quittierte diese furchtbare Wirklichkeit mit der gedanklichen Rückkehr zu Oswald Spenglers Buchtitel über den Untergang des Abendlandes. Mehr kannte der Baron ja von diesem Autor auch nicht außer dem Buchtitel. Bücher kannte er generell nur vom Hörensagen, was aber der Einschätzung seiner Bildung keinen Abbruch tat. Anscheinend zitierte er diesen oft und litt darunter, hundert Jahre später den Untergang tatsächlich zu erleben, der mit seiner Insolvenz begonnen hatte.
Und andere Gäste der Vinothek zählten auf, welche Statussymbole beseitigt worden waren, welche Modeaccessoires endgültig veralteten. Also war beispielsweise der Besuch von Herrenfriseuren mit Voranmeldung abgekommen, die rituellen Gänge in Museen oder Konzerte, die Abonnements vom Theater der Jugend und das Auswendiglernen von Gedichten. Alle seufzten und meinten, der Gegenwart nicht gewachsen zu sein, denn in ihr diktierten völlig unvermittelt die kulturellen Frühformen der Menschheitsgeschichte das Geschehen. Eine Schweigeminute brach an, die ein tiefsinniger Schluck aus dem Rotweinglas beendete.
Im Zentrum von Baden beginnt die abendliche Ruhe um halb sieben. Noch durchqueren ältere Herren gemessenen Schritts zwei drei Gassen, um dann von diversen Eingangstoren der Kornhäusel-Häuser verschluckt zu werden. Aus den Fenstern flimmert bald das kahle Licht der Fernsehröhren wie ein Lockmittel, aber erst die Nachrichten um halb acht spenden den Spätbürgern der Kleinstadt den abendlichen Segen.
Er war inzwischen zum Nachtmahl ins Rehabilitationszentrum geeilt. Beim Durchqueren der Beethovengasse beschäftigte ihn der Gedanke, dass er in der Kunst stets diese Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen beobachtet habe. Also Beethoven war der unbestrittene Meister der Musik gewesen, ja in keinen anderen Künsten ist eine vergleichbare Leistung zu erkennen. Sollte er eine Sonate mit der Architektur Kornhäusels vergleichen, die doch Zeitgenossen waren, so konnte eben kein Entwurf des Architekten mit der kompositorischen Genialität Beethovens Schritt halten. Gleiches würde für die Malerei gelten. Im umgekehrten Fall wird man nicht ernsthaft versuchen dürfen, ein Werk Leonardo da Vincis mit jener Musik der Renaissance zu vergleichen, von der man behaupten könne, in Kinderschuhen gewesen zu sein. Er überlegte hin und her und sah sich gezwungen, die jeweils im Schatten stehenden Künste mehr zu beachten, müssten diese doch den gleichen Geist besitzen wie die prominenten Werke ihrer Zeit. Unter anderen Erwägungen würde man keinen Begriff eines Stiles entwickeln können, kein Merkmal oder Erkennungszeichen. Beim Betreten des Himmelsbades verflogen diese Spekulationen im Nu.
Er hatte sich verspätet. Bei der Rezeption erntete er einen vorwurfsvollen Blick. Er trug sich in der Essensliste ein und suchte nach einem Sitzplatz an einem der Tische. So er sich dem ersten näherte, rückten alle merklich zusammen und mit Hilfe der Ellenbögen machten sie sich möglichst breit. Am dritten Tisch war eine Ablehnung nicht möglich, denn dort saßen nur mehr zwei ältere Damen, Lehrerinnen. Er bat um Platz, was ihm ausnahmsweise gewährt wurde. Während der Mahlzeit äußerte er eine Idee vor den Lehrerinnen, die ihn schon seit langem beschäftigt hatte. Beim Einschlafen hatte er immer noch nachgedacht, wie er sich für diese erlittene Ablehnung durch die Rekonvaleszenten mit einem Scherz rächen könne – oder an Ansehen gewinnen? Also jetzt bei Tisch, die Lehrerinnen gegenüber, erwähnte er, dass er diesen Unkostenbeitrag, den er bei Eintritt ins Himmelsbad zu entrichten hatte, erstattet haben will. Mit Staunen wurde er angesehen und befragt, wie und weshalb er diese Rückerstattung verlangen werde? So führte er aus, der Unkostenbeitrag betreffe die Zahlung des üppigen Bilderschmucks im ganzen Himmelsbad. Er habe erfahren, mit seinem Geld werde eine Teilzahlung der erworbenen Gemälde abgegolten, deren Ankauf man nicht anders verrechnen könne und die Krankenkasse war nicht bereit gewesen, diese enormen Beträge dem Himmelsbad zu bezahlen. So muss jeder Insasse von Anfang an gewissermaßen in diesen Fond einzahlen zur Tilgung der Schulden, die das Himmelsbad gegenüber den Künstlern habe. Die Lehrerinnen schüttelten den Kopf und schön langsam fanden sie den Zweck des Inkassos nicht gerechtfertigt. Die eine sagte sogar, nicht bereit zu sein, für jenes hässliche wie peinliche Gemälde in ihrem Zimmer nur einen Cent zu bezahlen. Es stelle einen toten Fisch dar, der im Schoß einer nackten Frau liegt. Es ist eine Szene an der Küste und unerfreulich. Regelmäßig beim Aufwachen bereitet ihr das Bild Missvergnügen und war bislang an der Deutung der Allegorie gescheitert. Er fuhr hingegen fort, würde man alle Gemälde zusammenzählen, die Kohlezeichnungen und Aquarelle, die Lithographien und Ölskizzen, die Gouachen und Radierungen, so sind es gewiss bei achthundert Kunstwerke insgesamt. Also, und das mit erhöhter Stimme, im Himmelsbad ist ein Vermögen angehäuft, das von den Moribunden bezahlt wird, von Kranken und Rentnern, ohne dass daraus ein Rechtstitel am Eigentum erworben wird, wie sonst im Kunsthandel üblich! Er, so er sein Eigeninteresse nennen will, würde zumindest verlangen, dass in seinem Zimmer ein Gemälde seiner Wahl hängen müsse! Er fände es gerechtfertigt, führte er aus, da er ja die üblichen vierhundert Euro gezahlt habe, also mehr als für eine Karte in der Opernloge. Und wenn er schon keinen Titel auf ein Gemälde hier erworben hat, so stehe ihm wenigstens ein Recht zu, während des Aufenthalts ein Gemälde seiner Wahl im Zimmer zu haben. Die eine Lehrerin, die mit Widerwillen an das Gemälde in ihrem Zimmer dachte, war sofort Feuer und Flamme für seine Idee. Sie forderte ihre Kollegin auf, diese Forderung zu unterstützen. Es sei mehr als billig, meinte sie, dass wir hier zumindest die Auswahl haben, also von den achthundert Kunstwerken müsste eins dabei sein, das gefällt und damit gegen das Bild mit der Nackten und totem Fisch auszutauschen sei. Sie gratulierte ihm, sagte ihm direkt ins Gesicht, doch nicht so unsympathisch zu sein, wie ihr berichtet worden war.
Er dankte ihr, dass sie ihr Vorurteil berichtigte. Daher könne sie ihm vertrauen, sich die Sache reiflich überlegt zu haben. Sie entgegnete, man müsse diese Angelegenheit in größerem Rahmen erörtern. Wenn es recht ist, sagte die Lehrerin, in einer Sekunde könne sie ein halbes Dutzend Moribunde einberufen, um dem Anliegen eine breitere Basis zu geben. Er willigte ein.
Vier Minuten später war eine ansehnliche Gruppe in der Lobby versammelt. Man entschloss sich, diese wichtige Sache nicht im Haus, sondern auswärts zu besprechen. Einhellig wurde der Heurige Zierer als Versammlungsort genannt. Zumindest winkte dort ein bemerkenswerter Rotgipfler.
In geschlossener Formation machten sich fünfzehn Insassen auf den Weg zum Zierer. Bei heftigem Regen erreichten sie durchnässt den Heurigen. Ein Polizist übernahm den Vorsitz, flankiert von den beiden Lehrerinnen, die umgehend von der empörenden Tatsache berichteten. Ungeheuerlich ist es, sagte Lehrerin Linke, dass ohne unsere Zustimmung im Himmelsbad Gemälde angekauft werden. Sie habe daheim bewusst kein einziges Bild, bevorzuge Photographien, die selbstverständlich besser sind als alle Portraits von heute. Am heutigen Gemälde erkenne man niemanden, sie seien schlechter als die Kinderzeichnungen in der Schule, dennoch würden diese Tausende bringen, was kaum zu verstehen ist, Und deren Kollegin zur Rechten des Polizisten sekundierte ihrer Vorrednerin. Es sei im Grunde ein Skandal, dass man gezahlt habe nicht für Therapien, sondern für fragwürdige Kunst. So man die Kirche im Dorf lasse, könne man für keine Zukunft garantieren, setzte sie ziemlich erregt fort. Inzwischen war der Rotgipfler serviert worden. Alle tranken und die Selbstzufriedenheit wuchs mit jedem Schluck aus dem Glas. Um die Sitzung nicht ins Leere laufen zu lassen, ergriff der Polizist das Wort. Er bedaure, sagte er, dass er noch niemanden verhaften könne, da der Hausdurchsuchungsbefehl fehlt, aber deswegen solle sich niemand in Sicherheit wiegen. Wie ein Schießhund werde er aufpassen. Ihm würde niemand entgehen. Und die Zuhörer meinten, er bezeichne damit die Umstehenden, so dass sie sich ängstlich zurückzogen. Da er nichts weiter zu sagen wusste, bat er den Urheber dieser Versammlung um dessen Wort.
Und der erhob sich. Zuerst dankte er der Gruppe für deren Erscheinen! Er sei gerührt in deren Mitte sein zu dürfen – erstmalig! Und gleich zu Anfang bitte er um Entschuldigung, zu ihnen in der dritten Person Mehrzahl zu sprechen. Sie mögen ihm das nachsehen. Alle billigten seine Art der Anrede durch wohlwollendes Lachen und signalisierten, ihm seine Marotte nachzusehen. Er wies darauf hin, nun müsse er ein Grundsatzreferat bei Rotgipfler halten. Wiederum lachten alle vergnügt und tuschelten rund um den Heurigentisch, er sei immer ihr Mann gewesen, jetzt noch mehr als vorhin. Und, unterbrach er das Schwätzen, in der Frage der Kunst im Himmelsbad ersuche er, dass hier jeder seine eigene Meinung haben müsse. Man dürfe keine Angst haben, die eigene Meinung zu sagen, schon gar nicht Angst haben vor Aussagen der Kritiker und Experten. Er schlage vor, alle Gemälde vom Himmelsbad sollten von Kunstkritikern und Museumsdirektoren bewertet und beurteilt werden, hierauf von den Insassen. Er freue sich darauf, wenn hier erstmalig der Unterschied zu Tage tritt, was wem gefällt. Es sei ein Umweg, doch so werde man mit einem Schlag die Blödheit los, nämlich einerseits immer Experten gegen die eigene Ansicht glauben zu müssen, andererseits würde man eine realistische Schätzung des Werts dieser Bilder erhalten, durch deren Verkauf der Unkostenbeitrag abgegolten werden könne.
Die Zuhörer waren begeistert. Man beschloss, der Leiter des Arnulf Rainer-Museum am Josefsplatz möge beigezogen werden, der Kulturredakteur der Niederösterreichischen Nachrichten, ein Kunsthistoriker aus dem Wiener Museum. Er selbst werde dazu auffordern, die Jury möge die Kunstwerke des Himmelsbads einstufen; unabhängig davon die Insassen, war sein Vorschlag. Die Diskrepanz im Geschmack würde vernichtend für die Experten sein, war seine Prognose. Und wenn dann die Hohenpriester der Kritik, die Museumsdirektoren und Verkünder irgendeines Mumpitz merken, die Insassen stimmen nicht mit dem Urteil überein, ja dann werden die Herren gleich andere Töne anschlagen. Hoch erhobenen Hauptes und voll Zuversicht über die im Himmelsbad zu erwartende Kunstdebatte kehrte die Gruppe vom Heurigen Zierer heim.
Gleich beim Frühstück am nächsten Morgen ging man ans Werk. Die Vorsprache bei der Verwaltung schlug wie eine Bombe ein. Die anfängliche Ablehnung musste aufgegeben werden wegen der beharrlichen Proteste. Immer mehr Menschen versammelten sich im Parterre vor der Hausverwaltung und forderten Aufklärung darüber, wie es zur Kunstsammlung gekommen war, aus welchen Mitteln? Den Beteuerungen des Verwalters glaubte man nicht. Um jeden Verdacht zu zerstreuen, die Kunstwerke wären nicht rechtmäßig im Besitz des Himmelsbades, würden eher anteilsmäßig den Insassen gehören, ging der Verwalter auf den Handel ein, dass ein Expertengremium den Bestand zu bewerten habe. Der Urheber dieser Aktion betrachtete dann mit Vergnügen einige distinguierte Herren mit Brille im Himmelsbad von Kunstwerk zu Kunstwerk schreiten, beraten und mit den Köpfen nicken. Drei Tage später war eine Auswahl der besten Exponate im Vortragssaal ausgestellt worden. Die Experten, der Verwalter, einige Ärzte und Therapeuten zählten zur Partei der Kunstbeflissenen, interessierte Insassen erwarteten im vollen Saal gespannt die Expertisen. Ein Museumsdirektor ergriff das Wort, begrüßte zuerst schmeichlerisch die Initiative der geschätzten Insassen, wobei er gleich eingangs betonte, sich in die finanziellen Belange nicht einmischen zu wollen. Und er setzte fort, im Himmelsbad habe man der zeitgenössischen Kunst einen wertvollen und beispielhaften Dienst erwiesen, die sich hier vor zahllosen Menschen täglich zu behaupten habe. So habe man Beispiele des gegenwärtigen Kunstverständnisses mit Bedacht ausgewählt, Arbeiten, die die Bandbreite niederösterreichischen Kunstschaffens repräsentieren. Und der Kulturredakteur sekundierte, die Arbeiten hätten das Verdienst, unser bisheriges Kunstverständnis in Frage zu stellen. Ferner läge das Exemplarische in der Spontaneität der Herstellung, distanziere sich also gegenüber dem Gegenständlichen, das fürs Bürgerliche firmiert, für Warenwelt und Konsum. In Niederösterreichs Kulturpolitik sei man nun endgültig auf die Linie der Modernen gebracht worden, wie hier die Exponate beweisen.
Im Publikum wurde das Gemurmel immer lauter. Endlich meldete sich ein Hofrat, der sich mühevoll mit Hilfe der Krücken aufrichtete und diese Ausführungen empört als leeres Gewäsch bezeichnete. Wenn da diese Werke als Sprachrohr der Menschheit gelten wollen, so sind es Werkzeuge barbarischer Kräfte. An der Auswahl könne man erkennen, dass diese selbst ernannten Experten die Zivilisation durch Furcht, Verzweiflung, Rohheit und Rebellion im Bild zu bedrohen versuchen. Und dafür würde man die heutigen Künstler missbrauchen. Er wolle an dieser Stelle nur an Platon erinnern, der zu Recht behauptete, dass jene Dichter, die die Menschen in die Verzweiflung treiben, vom Staat zu verbieten sind. Und wenn der antike Gelehrte, so der Hofrat, zu dieser Erkenntnis gekommen war, so habe er hier im Himmelsbad immer den Beigeschmack gehabt, mit diesen Machwerken, die den Titel einer Kunst nicht verdienten, wolle man ihn reizen, provozieren oder gar sein ästhetisches Empfinden verletzen.
Der Beifall im Auditorium war stark genug, um die Experten auf den Plan zu rufen, jetzt deutlich heftiger und kompromissloser. Der Redakteur erklärte die Worte des Hofrats für typisch reaktionär, geeignet für die so genannte und berüchtigte Kulturbremse, doch der Herr Hofrat werde es noch erleben, dass die Moderne über ihn hinwegrollen werde, weshalb er nicht wie jetzt ein Gestern verkörpere, sondern demnächst ein Vorgestern. Er als Kulturredakteur sehe sich immer wieder mit solchen Ewig-Gestrigen konfrontiert, die vermutlich von Nazi-Künstlern schwärmen oder von Gemälden röhrender Hirsche.
Die letzten Worte gingen im Protestgeheul unter. Im Zwischenruf monierte ein empörter Rekonvaleszent, allemal in seinem Zimmer hätte er ein Bild mit röhrenden Hirschen. Eine andere Stimme fügte hinzu, die Zeichnungen der Enkelkinder wären allemal geeigneter als diese Dokumente künstlerischer Hilflosigkeit, die sie obendrein mit ihren Kostenbeiträgen finanzieren. Die liebenswerte Zeichnung eines Kindes sei wenigstens eine süße Erinnerung, sagte eine andere. Es sei der eigentliche Skandal, dass da wie bei einer Befehlsausgabe die Exponate zur Kunst erklärt werden. Ein anderer mahnte zur Ruhe, dass man auch besonnen und ohne Schmähungen über Kunst sprechen könne.
Der Landeskunstexperte machte die Wortmeldung zu den graphischen Leistungen von Kleinkindern genüsslich zum Thema seiner Einwände. Der Zwischenruf habe wieder einmal bewiesen, dass es heute mehr Ignoranten gäbe als je zuvor. Der Zwischenrufer habe nichts verstanden. Erst unlängst habe er bei Gelegenheit die Klage des Landeshauptmanns gehört, dass weit weniger die Bankenkrisen ein Problem sind, der ominöse Reformstau in der Politik, sondern die Rückständigkeit der Menschen in diesem Land sei belastend, das Desinteresse an den hochherzig geförderten Landesausstellungen. Und hier erlebe er wiederum, dass die Politiker schon weiter denken, hingegen sehe er unter den Rekonvaleszenten keinen, der eine Idee von Morgen hat. Diese Veranstaltung ist das beste Beispiel, dass man unter Kunst nur eine Ikone haben will wie in der Musik Mozart oder in der Malerei Waldmüller.
Der Landeskunstexperte war durch wütende Zwischenrufe unterbrochen worden. So war es der Museumsdirektor, der zu schlichten versuchte. Man sei missverstanden worden. Er habe vor vielen Jahren die Ausstellung schizophrener Künstler in Maria Gugging noch in bester Erinnerung, so dass er nun nicht anstehe, die Vorlieben der Insassen hier und somit seiner geschätzten Museumsbesucher repräsentativ auszustellen. Es ist eben der Vorteil in unserer Zeit, jedem eine Stimme zu geben und jedem auch die Gelegenheit dazu zu bieten. Wenn es hier Unstimmigkeiten gibt, führte der Direktor aus, dann haben sie den Sinn, das Interesse an Kunst zu vertiefen. Wenn es nun von den Insassen Vorschläge gibt, welche Objekte akzeptiert werden, so wird man hier im Himmelsbad darauf eingehen und es berücksichtigen.
Der Verwalter machte ein langes Gesicht, da er bereits im Vornherein wusste, was da auf ihn zukommt. Die Insassen waren begeistert. Eine Lehrerin setzte fort und beantragte, dass man nicht gezwungen werden kann, die Bilder in den Zimmern zu akzeptieren, sondern darüber bestimmen soll, welches Bild überhaupt im Himmelsbad aufgehängt werden darf. Die allgemeine Zustimmung bewog den Landeskunstexperten, dies als ein demokratisches wie vernünftiges Votum anzuerkennen, das auch leicht umzusetzen sein wird. Und der Hofrat mit den Krücken rief im Sitzen in die Runde, dass alle Bilder zu beseitigen sind, ausnahmslos alle. Im allgemeinen Applaus war dem Verwalter klar, ab morgen auf mehr als 800 Gemälden zu sitzen, die in irgendeinem Abstellraum auf bessere Zeiten zu warten haben. Diese Schreckensvision plagte ihn, so dass er nur mit halbem Ohr gehört hatte, dass der Hofrat sein Beisein beim Abhängen der Bilder verlangte.
Endlich meldete sich ein Arzt. Er hatte schon geraume Zeit beobachtet, dass im Saal eine hysterische Stimmung herrschte. So gab er zu bedenken, dass man vom Personal niemanden für diese Tätigkeit abstellen könne. Alle haben ihre Pflichten und Aufgaben und wer von den Patienten würde auf eine Therapie verzichten, nur weil ein Therapeut die Bilder fortschaffen muss. Wenn es wirklich das Begehren der Patienten ist, die Bilder zu entfernen, so müssen sie es selber tun, allerdings mit Billigung der Krankenkasse. Und diese würde die Lagerung, die Pflege und Katalogisierung der Exponate in Rechnung stellen. Das drohe solchen Forderungen unmittelbar, nämlich weitere Kosten zu verursachen. Bislang hätten die Bilder weder gestört, noch eine höhere Aufmerksamkeit erhalten, war seine beruhigende Auffassung, also müsse man in realistischer Einschätzung der Umstände die Dinge so belassen wie sie gerade sind. Die Patienten waren beruhigt und stimmten der Beibehaltung des ästhetischen Status quo ante zu. Auch die Lehrerin dachte, sich lieber mit dem Bild in ihrem Zimmer abzufinden als eine weitere Erhöhung des Kostenbeitrags in Kauf zu nehmen. Darum hatten alle gewonnen und waren zufrieden. Der Verursacher dieses Sturms im Wasserglas hatte endlich jene Beachtung und Wertschätzung im Himmelsbad gewonnen, die ihm bislang vorenthalten worden war. Als er endlich wieder sein Zimmer betrat, die Türe hinter sich schloss, konnte er sein Gelächter nicht mehr zurückhalten, ein lautes boshaftes Lachen.