Mit der Verschreibung seiner Krankenkasse für eine Rehabilitation in Baden war er stolz im Himmelsbad eingetroffen. Die Tochter hatte ihn chauffiert und ihm zugleich während der Fahrt Vorhaltungen gemacht, viel zu viel Gepäck zu haben. Er würde nur Sportadjustierung benötigen, sonst nichts. Noch im Auto hatte er Angst, sie würde ihm die übliche Alltagskleidung wieder mitnehmen, so dass er ohne Krawatte und Flanellhose, ohne Doppelreiher und Hemd, ohne ordentliches Schuhwerk zurückgelassen werde, somit um jeden Stadtspaziergang a priori beraubt. Er hatte ja nicht wissen können, dass sich seine Tochter Sorgen machte, denn hin und wieder war er unkonzentriert, vergisst auf Raum und Zeit, wandert einfach planlos dahin und wird dann irgendwo aufgegriffen. Mehrmals war es schon der Fall, dass er verwirrt nicht mehr heimgefunden hatte.
Letztlich hatte er es doch geschafft, seine Habe vollzählig auszuladen, da ein Zivildiener alles an sich nahm und sich erbötig gezeigt hatte, alles aufs künftige Zimmer zu bringen. Und derart beharrlich war seine Tochter auch nicht, so dass sie ihm seinen Willen ließ, in gleicher Weise in Baden auf die Straße gehen zu können wie daheim.
Der Verwaltungskram im Himmelsbad war bald erledigt, im dritten Stock erhielt er die wichtigsten Anweisungen, die ab dem nächsten Tag ihre Gültigkeit erhielten. Nebenher stellte er fest, dass alle derartigen Häuser einen typischen Geruch haben. Bei manchen zieht sich der Küchengeruch durch die Gänge und Stiegenhäuser, andere wiederum haben den ziemlich aufdringlichen Geruch nach Raumspray, das Himmelsbad hingegen roch nach Sauberkeit. Die Putzmittel hätte er nach ihrem Geruch den Erzeugerfirmen zuordnen können, großteils deutsche Konzerne, die ja seit jeher für die sprichwörtliche nationale Sauberkeit verantwortlich zeichnen, sei es bei Waschpulver oder Scheuermittel. Das Himmelsbad roch nach deutscher Gründlichkeit im Putzen, Fegen und Wischen. Es war ihm nicht unsympathisch. Der Geruch glich jenem seiner Jugendzeit in Kassel. So erinnerte er sich, dass er vor so vielen Jahren nicht im Traum daran gedacht hätte, später ausgerechnet in Österreich zu landen, hier sein Geld zu verdienen und somit ins soziale Netz der Republik Österreich zu kommen.
Und er war schon so lang im Nachbarland seiner vormaligen Heimat, dass er bei der Frage nach seiner Staatszugehörigkeit zuweilen bei der Antwort unschlüssig war. Er ist zum Zwitter geworden: Die Sprache blieb gleichsam als Erinnerung an Kassel erhalten, die alte Lebensart war nach und nach dem Assimilationsprozess zum Opfer gefallen. Würde er ein Merkmal nennen wollen, so war es sein Wechsel vom Bier zu Wein. Ohne es noch recht zu wissen, war er da in Baden am richtigen Ort gelandet.
Schnell hatte er sich eingewöhnt im Rehabilitationszentrum, aber nur was die Abläufe betraf. Das künstliche Knie musste trainiert werden, die dazugehörige Physiotherapie war durchaus geeignet, den Heilungsprozess zu beschleunigen. Rundum war er mit der Betreuung zufrieden. Er wusste, Deutsche sind in der Regel mit Lebensbedingungen bald zufrieden. So war er es auch. Womit er schwer zu kämpfen hatte, war der Umstand, wegen seiner Sprache im Speisesaal wieder zum Deutschen zu werden. Es war ein fürchterlicher Rückschlag in seinem subjektiven Empfinden. Vielfach hatte er ja gemeint, seine Herkunft würde man nicht mehr bemerken. Im Himmelsbad, in dem dieser sonderliche Dialekt der Alpenrepublik die Umgangssprache ist, sagte man ihm seine Herkunft auf den Kopf zu, was stets wie ein Vorwurf klang. Natürlich wusste er, sollte ein Österreicher ihn in Gesellschaft wahrnehmen, wiederholt dieser mit gespielter Überraschung: ah a Deitscher, wobei die Verwunderung zunimmt, wenn er mit dem Hinweis antworten sollte, hier zu arbeiten, also nicht zu den angeblich beliebten Touristen zu gehören. Sofort spürte er die unausgesprochene Kritik, ebenfalls an der üblichen Arbeitsberauschtheit zu leiden wie alle Deutsche, dafür aber kein Talent zur Gemütlichkeit zu haben. Der Vorwurf eines Mangels an Gemütlichkeit hatte er damit entkräften können, dass diese TV-Sendung Musikantenstadl in Deutschland ebenso beliebt ist wie hier, somit habe man in Fragen der Gemütlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg fast gleichgezogen.
Frühstück für Frühstück musste er sich am Tisch gegenüber neun schmatzenden Rekonvaleszenten behaupten, dass auch er Humor habe, über einige Kenntnisse in Leichtlebigkeit verfüge, die seine Tischgesellschaft im Verweis auf die Operettenseligkeit ihm nicht zubilligen wollte. Ihn ärgerte, bei jeder Mahlzeit belehrt zu werden,
wie talentiert Österreicher sind, ein unvergleichlicher Sinn für Kunst habe sich ausgerechnet entlang dieses Teils der Donau entwickelt und zum Überdruss musste er anhören, dass mit dem Wiener Walzer samt dem Kitsch des Neujahrskonzerts eine Weltgeltung zu erkennen ist.
Es war ihm nicht möglich, dieser dreisten Überheblichkeit zu entkommen. Er hätte sich im Zimmer einsperren müssen, dann hätte er diese peinlichen Selbstüberschätzungen nicht gehört.
So oft er versicherte, dass dieser Kleinstaat anerkennenswerte Leistungen erbringt, eigentlich in allen Bereichen, waren ihm die falschen Nachweise serviert worden. Es war mit Gewissheit zu erwarten, dass ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Bedeutung des Landes mit den Namen Mozart und Hermann Mayer vor die Nase gehalten wird, obwohl in der Regel solche Wortführer offensichtlich Schweinsohren hatten, was sie mit dem Musikgeschmack nachwiesen, und wegen eines Übergewichts für die historischen Siege des Skihelden keinerlei Beitrag leisteten. So oft hatte er zum eigenen Vergnügen sich im Stillen ausgedacht, dass hier endlich eine Kreuzung vorgenommen werden sollte, also zwischen Mayer und Mozart, was dann vermutlich zu einem österreichischen Golem führen würde in Gestalt des kalifornischen Gouverneurs aus der Steiermark.
Es war ein Glück, dass er wegen der Tagestermine von solchen Debatten befreit wurde. Nun wollte er das den Eingeborenen hier nicht vorwerfen, auch wenn er Österreicher im Allgemeinen als Aborigines Austriacenses bezeichnete. Nur zu gut wusste er aus eigener Erfahrung von der mangelhaften Ausbildung zu Wort und Schrift in den landeseigenen Elementarschulen, doch umso mehr wunderte ihn noch immer diese Überheblichkeit, die keineswegs auf untere soziale Schichten eingeschränkt bleibt. Die Architekten in Wien werden wie Weltmeister im Automobilsport gefeiert, die Professoren der Medizin verehrt wie Götter, die Musik für unübertroffen gehalten und der Schönheit der Natur insgesamt wäre ausschließlich im Kleinstaat zu begegnen. Ja selbst dieses finstere Wiener Rathaus wird für das schönste in der Welt gehalten, alles unübertroffen.
Während des Wartens auf die Gruppenstunde hatte er endlich ein deutsches Pendant zu Wien gefunden. München, das man dort gern als Isar-Athen bezeichnet, wird von ähnlicher Überschätzung geplagt, für ähnlich einmalig. Das Isar-Athen ist zur Zeit der Oktoberfeste eine Farce, dachte er, hat bestenfalls in der Kleinkunst eine bayrische Nationalbissigkeit, was es in Wien ja seit dreißig Jahren auch nicht mehr gibt. Da wie dort herrscht aber eine ungewollte Selbstironie, die buchstäblich zur Wirklichkeit wird, wenn eben Hermann Mayer oder Niki Lauda zu Landespatronen mit Weltgeltung erhoben werden, weitere Heilige Leopold, wie in München die ortsansässige Fußballmannschaft für das unverwüstlich Bayrische mit europäischer Geltung herhalten muss.
Das alles hatte er tagsüber bei sich zu behalten. Mit wem hätte er darüber reden können? Hätte ihm bei der Tischgesellschaft irgendwer zugestimmt, würde er sofort gewusst haben, dass es sich um einen an deutschnationaler Infektion leidenden Narren handelt. Und das wäre noch eine wohlwollende Beurteilung, da es zumeist waschechte Nazis sind, die ihm tendenziell beipflichten. Im Kleinstaat wird das in jedem Wirtshaus offen zur Schau getragen. Bei seinen Besuchen in Kassel war er stets der entschiedenen Ablehnung des Nationalsozialismus begegnet, in Österreich eben nicht. Sollte er sich dieses Phänomen nun vergegenwärtigen, dachte er, dann kennt er seine Pappenheimer daran, wenn sie ihre Gesinnung hinter einer entgegenstellenden Satzreihe verbergen.
Und auch jetzt hörte er vor dem Schwimmbad diese dummdreiste Bemerkung, dass der Hitler zwar ein Diktator gewesen sei, aber – und dann folgt stets die Aufzählung der Segnungen mit Autobahn, weniger Kriminalität, Beendigung der Arbeitslosigkeit und Volkswagen. Ihm ist da immer zum Kotzen.
Er war froh, dass er zur Therapie aufgerufen wurde. Damit konnte er seine Gedankenspielerei beenden. Während die Therapeutin vorsichtig das rechte Knie zu beugen versuchte, war er aber schon wieder von diesen Überlegungen bedrängt worden. Aus diesen ging hervor, dass Wien überhaupt nichts mit Kunst zu tun hat. Da ist alles nur mehr oder weniger Dekoration – wie die Illuminationen zur Weihnachtszeit plus Punschausschank nichts mit dem eigentlichen Fest zu tun haben. Das war nach der Makart-Zeit immer fürchterlicher geworden und von Jahr zu Jahr werden die Peinlichkeiten aufdringlicher.
Ihn schauderte bei dem Gedanken, dass Wien als Musikstadt bis Japan gilt. Als Gegenbeweis hat er im Musikverein regelmäßig beobachtet, dass bei langsamen Sätzen einer Symphonie kollektiv im Programmheft geblättert wird, viele gähnen, es wird gehustet, manche fingern in den Handtaschen nach Zuckerln, doch kaum wird das Orchester zum Forte ermuntert, im schnellen Satz zur handwerklich-musikalischen Leistung gedrängt, dann bewundert man das Orchester, ja in den oberen Rängen stehen die Zuschauer auf, wohlgemerkt Zuschauer, wie sie es im Zirkus beim Trapezakt tun.
Jahre benötigte er für die Ermittlung einer stichhaltigen Erklärung. Im Himmelsbad war es ihm jetzt klar geworden, dass diese Wiener Musikalität nicht viel mehr ist als routinierte Gleichgültigkeit. Musik gehört eben zum Leben wie Schnitzel und Gurkensalat. Da plätschert im weltberühmten Goldenen Saal an den Ohren die Eroica vorbei, die keine einzige moralische Spur bei den Zuhörern hinterlässt. Ab jetzt verstand er den Schritt zur Grausamkeit, die man diesen musikalischen Menschen nicht zugetraut hätte. Wie die Menschen sich im Himmelsbad zum Bad drängen und drängeln, ebenso nach der Eroica dann bei den Garderoben im Musikverein, wo der Einsatz der Ellbogen ein probates Mittel ist. Ihm war es lange Zeit ein Rätsel, was das für Menschen sind, die soeben durch Brahms in Trance versetzt worden waren und bei den Garderoben umgehend wie Ziegenböcke zu stoßen begannen.
Allein für diese Schlussfolgerung ist er dem Aufenthalt im Himmelsbad dankbar, denn nun ist es klar formuliert. Wenn es also etwa in Wien bedeutende Künstler gab wie Egon Schiele oder Richard Gerstl, so war es eine ausgesuchte Gemeinheit, sie einerseits bei Lebzeiten nicht zu beachten, andererseits an allen Ecken und Enden zu behindern, um dann die spätere Bedeutung als Folge dieser letztlich gut gemeinten Behinderungen zu begründen. Diese Eigenheit hatte er in den Hundelaufzonen oft genug sehen können, da die Hundebesitzer stets der Meinung sind, die besondere Leistungsfähigkeit verdanke der Hund den Schlägen und Strafen. So war man zur Musealisierung aller Gegenstände und Ideen immer geneigter als zur Kreativität, auch wenn die Voraussetzungen dafür die schlechtesten waren. Jetzt ist der Museumsdirektor im Kleinstaat der eigentliche Künstler, meinte er keck. Hier ist das Museale zugleich der Verfall schlechthin, sinnierte er und das Knie schmerzte abscheulich. Allerdings führt der in der Vitrine präsentierte Verfall im Museum zum Vegetieren, zur Geistlosigkeit, was ausgerechnet im Museum so aussieht als wär´s kultureller Reichtum.
Von solchen Gedanken hatte er für heute genug. Im Zimmer zog er sich um und begann mit seinem Spaziergang am Nachmittag. Gewiss gefiel ihm diese entzückende Atmosphäre Badens, die Ruhe und Gelassenheit, fühlte aber dennoch, dass diese Welt in einem Vakuum des Unbestimmten lebt, ja sich zu nichts entschließt, denn das wäre doch nur mit Entschlusskraft möglich. Auch hier entdeckte er erneut diesen Defekt, das Fehlen der Entschlusskraft aber von Fall zu Fall und je nach Opportunität mit einer grausamen Version des Willens zur Macht zu ersetzen. Das beginnt in den Ratsstuben und Rathäusern, in den unteren bürokratischen Rängen und setzt sich fort im Polizeigehaben der angeblich Mächtigen, die sich aber nur aufspielen, um mächtig zu wirken.
Von Nestroy war in dem Land keine Rede mehr. Davon hatte er gerade noch den letzten Nachklang österreichischen Schauspiels in den ersten Jahren in Wien erleben können. Der Verlust von Sinngebung oder, wie man es heute bezeichnet: sozialer Werte war spätestens mit dem Strauß-Walzer hörbar geworden. In plattes Amüsement, in pure Idiotie führten die gefeierten Walzer ins 20. Jahrhundert und vernichteten die sensiblen Ansätze kritischen Musizierens seit Josef Lanner oder Schubert. Vor lauter Musik konnte man das Vakuum nicht hören, hinter den Dekorationen des Jugendstil nicht sehen. Und jetzt ist nicht einmal mehr das Dekorative vorhanden, sondern die neue Wiener Offenheit scheint das Vulgäre, das Zotige bis zum Ordinären zu sein, das Sterkorale, wie es ein französischer Kunsthistoriker erläutert hatte. Und dabei bleibt es offenbar, war sein Resumé.
Mit diesen Entwürfen zur Geistesgeschichte im Kopf hatte er das Himmelsbad verlassen. Von da an verlor sich jede Spur. Es musste ein Unfall geschehen sein. Er wurde nirgendwo gefunden. Die Polizei zeigte keine große Anstrengung nach ihm zu suchen, da ihr mitgeteilt wurde, er sei ein Deutscher. Bei der Vermisstenanzeige hatte die Tochter die landesübliche Antwort erhalten: Ah so a Deitscha…… Mit ihm waren auch die Entwürfe zur Geistesgeschichte verschollen.