Gedanken Reinhold Knolls

Woran es in unserer Republik mangelt…

Hätte man einmal  aufmerksam Cicero  gelesen und dessen Briefe, hätte man von ihm Anderes gelesen als die geifernde Rede eines Anwalts gegen Catalina. Bald wäre aufgefallen, dass der große Philosoph der Politik die römische Republik sowohl retten, als auch am Geist der Republik festhalten wollte. Leider ist bis heute im Lateinunterricht die „Soldatensprache“ Caesars die Pflichtlektüre, also der Gallische Krieg, seltener die Darstellungen des „Bürgerkriegs“ – de bello civili. Dass Caesar eigentlich einen Putsch gegen die Mehrheit des Senats gestartet hatte, gegen Pompeius siegte, mit dem er vorher ein Triumvirat gebildet hatte, wird kaum bedacht. So lernen unsere Jugendlichen in einem Alter, in dem sie im Grunde über die Vorteile der Demokratie unterrichtet werden sollten, die Talente eines Diktators kennen, ja geraten auf die Seite des neuen „Caesarismus“ eines Kaisers Augustus. Wenn Jugendliche überhaupt noch „in Geschichte denken“, identifizieren sie sich eher mit diesem politischen Wandel in Rom. Damit wird der Zusammenbruch der Republik zum Normalfallt. Die verzweifelten Senatoren werden zu kriminellen Attentätern gestempelt, die sich willkürlich und im Hass fürs Staatsverbrechen entschieden, Caesar im Senat zu ermorden. Der Böse schlechthin ist Brutus, Cassius nicht besser. So  kann man vielleicht gut erklären, warum Latein- und Deutschlehrer in der Donaumonarchie oder im Reich Bismarcks von autoritären Systemen schwärmten und ihre Begeisterung nach 1918 jetzt erst recht noch steigerten.

Cicero hatte wirklich anderes im Sinn. Hin und wieder taucht ein Vokabel auf, das er zuerst aus dem Griechischen verwendete: „eusebeia“. Man kann es als Respekt übersetzen, es ist weniger eine „Furcht“, die das dazugehörige Verbum aussagt: „sebomai“. In weiterer Folge ist der Sprachgebrauch „latinisiert“ worden und wir begegnen bei Cicero der „pietas“. Im späteren „Kirchenlatein“ war diese pietas immer als Frömmigkeit übersetzt worden. Sofort hat man den goldenen Reifen über den Häuptern der Heiligen im Sinn, die verzückt nach oben gerichteten Augen, die gefalteten Hände.

Im klassischen Latein ist das eine völlig falsche Übersetzung. Was bereits bei Vergil in der Aeneis zitiert wird, ist in der Intention des Dichters der Gemeinsinn. Diesen benötigt Aeneas nach gelungener Flucht aus Troia als politische Grundlage für die Errichtung des neuen  Gemeinwesens in der Fremde. Und Cicero hatte diesen Gedanken mehrfach auf seine politische Philosophie übertragen. Für ihn als prominenten Juristen ist es in erster Linie die Anerkennung des Rechts. Oft beschrieb Robert Harris in seiner Romantrilogie „Das Imperium“ diese Überzeugung Ciceros, um sich mit aller Kraft gegen die Entwicklung zum autoritären Staat zur Wehr zu setzen. In den ersten Phasen der politischen Karriere war es das Stichwort für Ciceros politische Überzeugung geworden, in der Tugend der pietas der Republik den höchsten Dienst zu erweisen. Diese Gesinnung hat viel später Eric Voegelin in der kleinen Schrift „Politik, Wissenschaft und Gnosis“ zitiert, dass gerade eine demokratische Republik in ihren „Funktionären“ diese politische Glaubensüberzeugung benötigt, die zur gleichen Zeit vom Totalitarismus mit den Füßen getreten wurde. Es war auch die Funktion der großen Tragödien von Aischylos bis Sophokles gewesen, dem Gemeinwesen des Stadtstaates diesen Mythos zu verleihen, den eine Diktatur entweder in eine widerliche Zote verdreht, oder diesen politischen Mythos der Republik zur Schauseite der Selbstinterpretation des Tyrannen missbraucht. Sehr schnell könnte man das politische Verbrechen durchschauen.

Es war vermutlich keine gute Empfehlung, im Sinne eines politisch-philosophischen Positivismus den Staat auf eine Maschinerie unterschiedlicher Mitbestimmungen zu reduzieren, in ihm nur den Mechanismus zur Wahrung des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu sehen. Der Rechtspositivismus ist ein hervorragendes Instrument für Schönwetterlagen, ist aber in Österreich inzwischen  ein Wechselbalg geworden, da seit 1945 1400 Gesetzesvorlagen in den Verfassungsrang erhoben wurden.

Cicero erblickte in der pietas eine politische Tugend, die sich im Dienst am Staat verzehrt, vielleicht die sprichwörtliche Leistung einer korrekten Bürokratie in der Zeit der Donaumonarchie. Da soll es eine Dienstauffassung gegeben haben, von der Anton Wildgans in seiner „Rede über Österreich“ 1936 gesagt hatte, „dass man wegen der Butter aufs Brot die pflichteifrige Amtsausübung nicht aufs Spiel setzt“.

Genau diese Gefährdung des Verwaltungsapparates durch Korruption und Machtmissbrauch war schon in der Antike deutlich wahrzunehmen, was später Seneca zur ersten Satire bewog, nämlich die „Apocolocynthesis („Verkürbissung“) des Kaisers Claudius“ zu beschreiben. Cicero hatte seinen Schreiber besonders in dem „Traum des Scipio“ (somnium Scipionis in: de re publica, VI. Buch, 16) angewiesen, von der ersten Pflicht des politischen Akteurs genau nach Diktat zu beschreiben, also speziell den Respekt vor dem Recht und dem Gemeinwesen. Dem folgt die Verehrung der politischen Dogmen, die auf dem Revers jeder Münze zu betrachten waren: die Sicherung der politischen Instanzen und die Teilnahme an den Weihen der politischen Heiligtümer. Das waren die Ausdrucksformen der politischen pietas in der römischen Antike.          

Dieser politische Begriff taucht ausgerechnet am Ende des 17. Jahrhunderts wieder auf. Es ist die Pietas Austriaca, wie sie wortwörtlich hieß. Sie unterscheidet sich von den ersten Experimenten des Absolutismus Ludwigs XIV. in Frankreich dadurch, dass korrekte Verwaltung und Amtsführung die Voraussetzung der Stabilisierung der habsburgischen Dominien ist. Hier entwickelt sich jene Konstitution, aus der sich nicht nur die Pragmatische Sanktion von 1721 für den Regierungsantritt Maria Theresias über die österreichischen Länder ableitet, sondern es zeigt sich in der Übergabe der Verwaltungsagenda an die Erbin als kommendes Gerüst eigenständiger Verfassung. Pietas war die politische Tugend, die in den Fresken der barocken Prunksäle im Mittelpunkt politischen Wollens ist.

Ehe man sich in diese schwierige Landesgeschichte verstrickt, die  auf weitaus sympathischerer Weise die Länder ökonomisch, fiskalisch und geistig zusammenzufassen wünschte als das absolute Regime Ludwigs XIV., war immerhin eine soziokulturelle Grundlage geschaffen worden,  die sowohl den Josefinismus ermöglichte als auch ein Staatsrecht und öffentliches Verwaltungsrecht auf dem Fundament früher Gleichheitsvorstellungen und Toleranz – entworfen von Joseph von Sonnenfels. Ohne diesen ausdrücklich internalisierten Dienst am Staat – eben der pietas – wäre die politische Landschaft längst zusammengebrochen, vor allem unter dem Druck dreier schlesischer Kriege im 18. Jahrhundert.

Und heute: Dem Respekt  und der Gemeinsamkeit des Nutzens dieser Tugend steht die gern zitierte Drohung entgegen, der Verwaltungsapparat würde einen Dienst nach Vorschrift versehen. Leider haben die Unterhändler für eine Regierungskoalition, diese Drohung für sich beansprucht. Die politischen Akteure wissen zwar um die prekäre Situation des Landes und Europas, das bewog sie nicht, für Verhandlungen ein Wochenende zu riskieren. Während in Brüssel bei stockenden Verhandlungen das geflügelte Wort die Runde macht, dass nun „drei-Hemden-Sitzungen“ anzuberaumen sind, also drei Tage und drei Nächte um eine gemeinsame Lösung gerungen werden wird, so gönnten sich die Koalitionsverhandler für die Feiertage, Silvester und Neujahr eine Pause. Pietas?

Hatte Cicero seine reiche erste Ehefrau um Kredite gebeten, um über Geld für die Strafverfolgung  korrupter Verwalter zu verfügen, Pläne eines Staatsstreichs aufzudecken, sehen sich heute die politischen Akteure in Österreich noch immer im Land der Phäaken. Cicero hatte seiner Frau jeden Heller und Pfennig des Kredits zurückbezahlt….  Ferner behält der Satz seine Gültigkeit: Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra…sprach Cicero am 8. November 63 vor Chr.