Ehe die Schreckensnachrichten über die Folgen der Pariser Revolution in Europa die Runde machten, fertigte Goethe gerade noch rechtzeitig eine optimistische Bleistiftskizze an: dunkle, finstere Gewitterwolken über dem Reich, Bedrückung und Unfreiheit, jenseits des Rheins heller Sonnenschein über freier Natur. Man möchte meinen, Goethe glaubte den Schalmeienklängen, die Europa veränderten.
Heute: Die Angelobung eines Präsidenten in Washington und in der ersten Reihe saßen die Honoratioren brav beisammen: Zuckerberg, Gates bis Musk. So hatten vor vierhundert Jahren auch die Kurfürsten in der Frankfurter Paulskirche dem neu „gewählten“ Kaiser die Aufwartung gemacht. Goethe war beim Festmahl für Leopold II. ein Zaungast von der Empore aus. Jetzt sind es Milliardäre. Es war eine Demütigung des Leitsatzes, den hierzulande die dümmsten Funktionäre gern als der politischen Weisheit letzten Schluss erwähnen: Geld regiert die Welt. Trump triumphiert. Ihm war soeben die Kernschmelze von Macht und Geld gelungen. Und es geschah: Er und Melanie räumen noch schnell mit neuer Kryptowährung die Konten der Höflinge ab und er unterschreibt schnell über 100 Dekrete. Wie Kaiser Claudius amnestiert er seine Prätorianer von 2021. Neugeborene verlieren das in der Verfassung vorgesehene Bürgerrecht und Zuwanderer ihren Aufenthalt. Es sind Federstriche, die Existenzen in Frage stellen. Seine Unterschrift ist ein einziges auf und ab mit drei Türmen auf dem D , T und auf dem p. Die Feder stöhnt und biegt sich bei des Schreibers Lustgewinn. Für ihn ist die Unterschrift unter jedem Dekret ein sexueller Akt. Auf und Ab…
Einschub: Auf Anweisung hatte die US-Botschafterin noch während der Feierlichkeiten Wien zu verlassen. Das ist der neue Wind…
Das gekratzte Auf und Ab der Unterschrift ist groß, machtvoll und vom Papier geduldet. Endlich kann man zusehen, wie regiert wird. Es sind die ersten Szenen des Zusammenbruchs althergebrachter Repräsentationssysteme. Der Zusammenhang von Staat und parlamentarischer Demokratie ist von der konstitutionellen Herrschaft des Kapitals bestimmt. Die Geldzirkulation hält diesen Anschein am Leben. Mit den Schildträgern zeigt sich Trump als Vollender des kapitalistischen Universalismus. Obwohl man darin in Europa schon weiter fortgeschritten ist, wird in dieser politischen Dämmerung das neue „demokratische Subjekt“ sichtbar: es verbarrikadiert sich hinter den Hürden lahm gewordener Gesetze, hält sich hinter der Bastion der Geld- und Börsenwirtschaft versteckt, um Spaß zu haben. Es befriedigt vornehmlich animalische Bedürfnisse, glaubt an das Prinzip der Austauschbarkeit und agiert nach kalkuliertem Nutzen. Der Imperativ des Genießens strukturiert den Alltag – aber nun soll die Macht genossen werden…Und Trump ist der Genussmensch der Macht.
Vorgestern: Putin wird ein langmütiger Beobachter dieser Koterie in Washington gewesen sein. Und wahrscheinlich konnte er das Lachen nicht verbeißen. Was der „Westen“ für Macht hält, erscheint einem russischen Präsidenten lächerlich. Putin ist um ein Vielfaches reicher als Musk. Besitzt Musk eine Polizei? Befiehlt er über eine Armee? Was bedeutet Putin Geld? Und sollten seine Oligarchen in ersten Reihen sitzen, ist es eine zitternde Freude. Jeder von ihnen weiß, bereits am nächsten Tag könnte er aus dem Fenster stürzen. Putin hat nur eine Überlegung: ist der neue Trump ein Abenteuer wert? Noch weiß er nicht – ob mit oder ohne Xi.
Und Xi ist bei weitem mächtiger als Trump oder Bill Gates zusammen. Sollte etwa Xi den Himalaya nicht wollen, könnte er 100 Millionen Chinesen anweisen, den Berg zu beseitigen. Sollte der Jangtsekiang trocken gelegt werden, würden weitere 100 Millionen Chinesen den Fluss wegtrinken. Das ist Macht.
So bleibt Trump armselig zurück, verdient das Mitleid der Mächtigen. Trumps Triumph hat viel mit Pyrrhus gemein: die Einbildung. Imponieren kann er bestenfalls Europäern, die schon jetzt in der Angst vor der Angst leben.
Sollte man heute eine Bleistiftskizze anfertigen, so vom demokratischen Menschen gegenüber dem russischen: Der Demokrat lebt im Hier und Jetzt, achtet kein Gebot, kennt nur sein wechselhaftes Verlangen. Nach durchzechter Nacht schwört er auf die Askese nach Hindu-Art, „Fastenstrenge, Quellwasser und Nachhaltigkeit…. Das ist ein Leben. Immerhin. Kein Plan, kein Gedanke, aber doch ganz nett…Vor allem: so frei wie nichtssagend. Die Freiheit um den Preis der Belanglosigkeit…“ (Alain Badiou). Der russische Mensch: Er schaut nicht links und nicht rechts. Er weiß, er ist nie allein. Jedenfalls ist hinter ihm die Kriminalpolizei. Kein Scherz, kein Schnaps. Immerhin: er ist polizeibekannt. Kein Russe lebt in Anonymität. Väterchen Staat nimmt sich seiner an. Der Polizist nimmt ihn ernst und nimmt sich seiner an – im Verhör. Jetzt darf er alles sagen. Diese Aufmerksamkeit hätte er sich vor zwanzig Jahren nicht träumen lassen….
Was ab nun alle verbindet ist die Clownerie von Elon Musk: der Hitler-Gruß….Plötzlich keimt neue Hoffnung – für Millionen….