Beim Spaziergang durch eine alte Stadt bemerkt man nur in seltenen Fällen, alten Strukturen zu folgen. Sie waren einmal von der Topographie begünstigt worden und sie erlaubten eine Nutzung, die sich für eine Ansiedlung als geeignete Funktion herausstellte. Und diese Funktion hing von Faktoren der Sicherheit ab, von der besonderen Art der Handelsabläufe, von Versorgung und ökonomischer Produktivität. Und vielleicht war noch entscheidender, dass die Siedlung allen Nutzern den Rechts-Schutz versprach. Der ergab sich aus dem erwartbaren Ablauf sozialer Regeln, dann wieder aus Gewohnheiten und zunehmender sozialer Differenzierung. Alfred Schütz merkte hier, was wohl gut als Präambel einer Stadtgeschichte gelten kann: „Wir blicken also auf den fremden Dauerablauf und auf unseren eigenen in einem einheitlichen Akte hin, der beide Abläufe umfasst.“(112)
Sind nun die daraus ableitbaren Schlussfolgerungen, die Schütz anstellte, heute noch zu verwenden? Ist am Weg über den Wiener Kohlmarkt in Richtung Michaelerplatz jene Realität gegeben, die Schütz im Auge hatte? Er meinte, dass die Gleichzeitigkeit einer unterscheidbaren Dauer eintritt. Er nannte nicht nur das Phänomen des „Zusammenalterns“, sondern es bildet sich im raumzeitlichen Zusammenhang eine „imaginäre Zeit“ aus.
Somit wissen wir, was ein Museum mit uns anstellt, eben zwei Zeiten in eins zu setzen, weshalb wir uns als Betrachter in eine Zeit zurückversetzen, wie das ausgestellte Objekt in unsere Lebenszeit eindringt.
Bei der Straßenzeile historischer Gebäude ist es ähnlich. Noch wissen wir nicht, dass wir die spätantike Ausfallsstraße aus dem römischen Militärcamp Vindobona entlang gehen, noch wissen wir nicht, dass jener Straßenzug, der die Tangente zum Platz bildet, die Nord-Süd-Verbindung darstellt, die bewusst das Kastell angepeilt hatte. Es sind Herrengasse und Augustinerstraße, die die politische Geschichte am Gängelband nach sich ziehen. Freilich muss man den Einwand von Sybil Moholy-Nagy gelten lassen. Sie sah schon vor 50 Jahren im Touristen nicht jenen Menschen, der bereit für Erlebnis und Deutung eine Straße wissbegierig entlang geht. „Der Mensch im 20. Jahrhundert ist völlig behext von einer einzigen Errungenschaft…in maßloser Selbstverehrung glaubt er sich für immer von der Kontinuität der Geschichte befreit zu haben,“(10)
Dieses Urteil widerspricht dem Versuch von Alfred Schütz, einen Sinnzusammenhang herzustellen, der mich als Spaziergänger in den Ablauf eines jeweiligen fremden Jetzt integriert oder mich das erleben lässt, was schlechthin die Bedingung einer Soziologie ist: der Wandel in Geschichte und Gegenwart. Nun zeigen diese alten Straßen die erstaunliche Neigung zu widersinnigen Funktionsveränderungen, womit qualitative Probleme städtischer Gesellschaft mit quantitativen Methoden gelöst werden sollen. Es entgeht dem Betrachter der Widersinn, wenn das vormals berühmte juristische Verlagshaus „Manz“, das Flaggschiff rechtlicher Gelehrsamkeit, nun ein Billigladen für Textilien ist. Es entgeht den Tausenden Touristen der schon verblassende Reiz der Geschäfte der k.u.k. Hoflieferanten, die der Aufdringlichkeit der Souvenirläden Platz machen mussten. So ist die bei Alfred Schütz noch existente Gleichzeitigkeit, die zur Besonderheit in der Beziehung zwischen Ich und Du werden, keine psychophysische Einheit mehr. Die von Henri Bergson geborgte Dauer und Simultaneität ist längst zerbrochen, auch wenn ein Liebespaar vor mir am Kohlmarkt am selben Eis schleckt und dabei die Menükarte vom „Demel“ studiert und weder mit Nussbotize noch mit Melange etwas anzufangen wissen.
Zwar übt die Kuppel des Michaelertors einige Anziehungskraft aus, weshalb die Menschen wie von Wellen getragen, strikt der Richtung zum Platz folgen, aber noch immer nichts vom qualitativen Sinn der Stadt begreifen. Da sind die teilweise beschädigten oder missbrauchten Fassaden nicht mehr im Augenmerk, sondern die Auslagen der flag stores, die schon die römische via Condotti vor der Spanischen Treppe dem gehobenen Konsum auslieferten. Allerdings hatte sich das Café El Greco jenem Schicksal widersetzt, dem der „Demel“ nicht einmal zu entgehen versuchte.
Was bedeutet im Strom der Touristen der „Erlebnisstrom“ von Alfred Schütz? Die Stadt ist darin zwar die symbolische Gestalt eines Punktes in der Geschichte, aber gerade in Wien fehlt die Identifikation mit der repräsentativ in die Mitte gerückten Geschichte. Sie ist auch nicht möglich, denn schon die Kuppel des Michaelertores untermauert den vermoderten Anspruch auf Donaumonarchie. Wie alle Kuppel-Konstruktionen soll das Universale im Blick auf die Astronomie Gültigkeit auf ewig erhalten, doch das war 1918 zu Ende gegangen. Schon dieses gewaltige Portal, gegen das sich die angrenzenden kaiserlichen Wohnbauten fast bescheiden ausnehmen, hat bereits wegen der Errichtung am Selbstverrat gelitten, denn mit dem Bau wurde das alte Burgtheater demoliert, dessen universale habsburgische Mundart ins neue Haus am Ring übersiedelte. Erst ein deutscher Theaterdirektor, Claus Peymann, der schon das braune Livree der Hofbediensteten für nationalsozialistisch hielt, beseitigte endgültig diese genuin österreichische Hoch- und Hofsprache.
Und vis a vis hatte mit Blick aufs Hoftheater Mestastasio gewohnt, den man wegen seiner rastlosen Arbeit an neuen Libretti endlich 1730 nach Wien holen konnte. Allerdings, kaum in Wien, stellte Metastasio seine schriftstellerische Tätigkeit ein. Im gleichen Haus wohnte später Joseph Haydn in einer Dachkammer,
Nun führt der Platz, der noch immer den städtischen Charakter abschließt, buchstäblich zwei Welten zusammen, nicht nur jene Welt der Kunst und Literatur mit jener der Politik, sondern er konfrontiert Geschichte und Tradition mit der Modernen. Hier sollte die Interpretation des Erlebens nach Alfred Schütz geprüft werden: Lässt sich die Erfahrung mit dem Erlebnis verschmelzen, um die Sinngebung auch als Selbstauslegung definieren zu können? Nach Schütz wäre die Einordnung der Erlebnisse in einen Gesamtzusammenhang von Erfahrung die Voraussetzung einer begrifflich-logischen Konsistenz vom Ich und Jetzt. Da werden alle Aktivitäten der Vernunft, des Gemütes oder des Willensbereiches erfasst. Im phasenweisen Nachvollzug werden das problematische Erlebnis konstituierender Akte, die unbestimmte habituelle Erfassung oder die explizite Klarheit eines Ereignisses blitzschnell konstitutiv und stellen sich hierauf als Erfahrung ein.
Diese Beurteilung im „sinnhaften Aufbau sozialer Welt“ trifft vielleicht die Reisenden, die in der einen Hand den alten „Baedeker“ hielten, die Beschreibungen lasen, in der anderen Hand den Stadtplan hatten, um diesen an Straßenecken zu Rate zu ziehen. Die meisten Touristen ziehen heute durch die Straßen, blicken unverwandt aufs Telefon oder sehen am Telefon die ausgewiesenen Sehenswürdigkeiten. Wie kann es zu konstituierenden Akten des Erlebens kommen? Welche Erfahrung wird hier gewonnen?
In der Stadtplanung haben wir es ja in Wien weit weniger mit den ehrgeizigen Projekten von Camillo Sitte zu tun, der erstaunlich innovativ den späten Historismus im Entwurf zur Ringstraße interpretierte, öfter mit der kritischen Beobachtung einer „Stadtevolution“ nach Wortlaut von Patrick Geddes, der nun mit Alfred Schütz zu konfrontieren ist – am Beispiel des Michaelerplatzes. Geddes notierte 1915: „Wenn ökonomische Verschwendung und funktionale wie künstlerische Wertlosigkeit vermieden werden sollen, dann muss jedes Projekt die volle Ausnutzung lokaler und regionaler Aktivbestände zum Zielhaben und der Ausdruck einer regional-lokalen Gemeinschaftspersönlichkeit sein. Lokalkolorit ist keineswegs ein altmodischer Romantizismus, wie seine Verspotter uns glauben machen wollen, sondern eine Notwendigkeit, die nur durch die Beschäftigung mit der Gesamtumgebung und mit tätiger Sympathie für das essentielle und charakteristische Leben eines Platzes verstanden werden kann.“
Und der Michaelerplatz ist gerade wegen seiner Geschichte der Ort, an dem die von Schütz erwartete Gleichzeitigkeit von Erleben und Verstehen stattfinden könnte, würde nicht in dessen Mitte diese Ausgrabung sein, ein fake, der das babenbergische Mittelalter in Erinnerung rufen soll, ähnlich dem fake der „Anker Uhr“ am Hohen Markt. Zum Gaudium eines Bürgermeisters war vor der Nase der Herzogsburg ein Bordell entdeckt worden, das nun mit Aufbringung der Ziegel aus dem 19. Jahrhundert, Geschichte vorgibt, wie an der Mauer des Michaelertores ausgerechnet für ein Sisi-Museum geworben wird, für eine bulimische Nebenfigur Cisleithaniens. Der wirkliche Bestand aus dem Zusammenspiel des ersten modernen Gebäudes in Wien von Adolf Loos, dem Café Griensteidl als Heimat der österreichischen Literatur um 1900 bis 1930, der Michaelerkirche als bestes Beispiel der Transformation von Gotik in die barocke Apotheose in der Apsis, entworfen und ausgeführt vom Mathematik-Lehrer der kaiserlichen Kinder, wird der Möglichkeit eines Fremdverstehens von Geschichte und Gegenwart beraubt. Also werden die übers Handtelephon ohnehin schon mit Blindheit belasteten Touristen mit einer Inszenierung in die Irre geführt, die von nun an der falschen Geschichte mehr Glauben schenken als der Lineatur geheimnisvoller Strukturen. Hier wird die Stadtzersetzung sichtbar, die jene Sinnstiftung erst gar nicht aufkommen lässt, die Schütz benötigt, um etwas über die soziale Mitwelt zu erfahren. Und das scheint ein Thema des Tourismus zu sein, in einer kommerziell gestalteten Lebenswelt, den historischen Plätzen einen Kryptochauvinismus zu unterstellen, der dem Betrachter, so er die Augen vom Telefon trennen kann, eine perfekte Täuschung präsentiert. Das Loos-Haus ist keine Bank mehr, sondern wird von einem Juwelier benutzt, das Haus Herberstein, wo einst das berühmte Café war, in dem Arthur Schnitzler, Hofmannsthal, Karl Kraus verkehrten, ist einer Ladenkette gegeben worden und am Dach breitet sich jene Heterotopie aus, von der die Immobilienmakler behaupten, dass ganz oben eine Stadt erst bewundert werden kann. Man muss also nach oben kommen, um von oben auf die Stadt zu blicken, eine sonderbare soziologische Metaphorik.
Das heißt, dass jener Anspruch, den Schütz in der sozialen Reziprozität als konstitutiv für die Gesellschaft erachtete, in den gegenwärtigen ästhetischen Kategorien der Stadterhaltung und Stadterneuerung nicht mehr erfüllt wird.
Man hatte ernsthaft geglaubt, die Rehabilitierung der Stadt ab den 60er Jahren über den Spekulationsprofit erreichen zu können. Im gleichen Augenblick ist der „sinnhafte Aufbau“ des Gesellschaftlichen in vergleichbarer Weise an ein Ende gekommen wie die demokratischen Systeme 1933 und 1934. Zwar war bis 1945 ein blutiges Lehrgeld zu zahlen, doch im neuen Selbstbewusstsein der Stadt, soll im historischen Kern die Verwaltungs- und Erholungsfunktion dominieren. Der Eindruck der Selbstauflösung der Stadt wird leicht nachzuvollziehen sein, doch schon ist der alte Teil der gleichen Stadt, die vor mehr als zweihundert Jahren über 200.000 Bewohner beherbergt hatte, eine Geisterstadt geworden, ein anti-urbanes Hirngespinst. Es lässt die Assoziationen zu, dass nun diese historischen Städte wieder Stadtattrappen wurden, wie es sie in der Vorgeschichte unserer Zivilisation in Babylon, Persepolis, Angkor und Satrunjaya gegeben hat. Zwar gibt es keine unbetretbaren Tempelbezirke, dafür Plätze, die wegen der marodierenden Touristen kaum mehr zu betreten sind.
Der Michaelerplatz hatte alle Chancen, der Kernpunkt einer alten Siedlungsgeschichte zu sein, doch dessen Verneinung dokumentiert die Pflanzung mehrerer Bäume am Platz.
In einem Punkt ist Alfred Schütz unbedingt zu Rate zu ziehen: mit der Anwendung verstehender Soziologie lässt sich der Fortschritt anti-urbaner Intentionen gut veranschaulichen. Gegenwärtig scheinen die Menschen vergessen zu haben, auf welchem Boden sie stehen…
Nun waren wir vom Kohlmarkt zum Michaelerplatz gekommen, folgten einem Pärchen das am gemeinsamen Eis schleckte und waren von der Perspektive der Straße zur Kuppel des Michaelertores fasziniert. Damit war dieser Bereich der Stadt für den Betrachter einem immerwährenden Wandel unterworfen, hier die formalen Gestaltungen der Hausfassaden und die Aufdringlichkeit des Hintergrunds. Wie die Straße sich aus dem 17. Jahrhundert löste und zur Modernen aufschließt, etwa an der ersten Geschäftsfassade von Adolf Loos am Kohlmarkt, am ehemaligen Freytag&Bernd-Haus von Hans Baron, das natürlich niemand beachtet, so erfüllt sie eine empfindsame Balance zwischen zwei Arten der Seinsfülle, die Straße und der Platz als solche und ihre Monumente.
Das kann das vormalige Kerzengeschäft von Hans Hollein sein, der mächtige Portalbau des Tores, das den Platz bekrönt, die behäbige Fassade der Kirche oder diese sanfte Bescheidenheit einer Fassade von Adolf Loos. Das eine ist mit dem anderen gemeint. Eine kaiserliche Burg wird erst durch die Nebensachen zur Hauptsache, erst über die Kritik an der Literaturbeilage der Zeitung wird das Café ein Zentrum der Literatur. Das Geistige ist im anderen eingeschlossen und gewinnt ähnlich der Perspektive Form und Plastizität. Mit der Zweckänderung der gesamten Platzanlage werden diese Arten der Seinsfülle ausgelöscht. Es kommt, wie Peter Eisenmann bemerkte, zur Anwesenheit des Abwesenden. Damit ist die von Alfred Schütz vorausgesetzte Konstitution des sinnhaften Erlebens nicht mehr gegeben. Wir gehen zwischen und an Kulissen vorbei, die ihre Scheinpräsenz mit den verschmitzten Um- und Ausbauten, mit der Verbauung der Dächer und vulgären Geschäftsportalen unangenehm zum Vordergrund werden und sogar an die Anwesenheit einer Zukunft zweifeln lassen. Die Geschichte gibt es ohnehin nicht mehr….