In den vorangegangenen Stunden war vom Konzept der Zeitenwende abgegangen worden, da die politischen Abläufe in den USA eines Kommentars bedurften. Es zeigte sich im Rückblick auf die US-amerikanische Geschichte, dass einerseits das inzwischen historische Programm der republikanischen Partei vom gegenwärtigen Präsidenten wiederholt wird, andererseits verwendet er die darin enthaltene politische Logik, um daraus seine Drehungen der politischen Perversionen zu begründen. Schutzzölle, Rückzug aus den außenpolitischen Interessen und Interventionen, Sozialpolitik aus einer Kreuzung zwischen Sozialdarwinismus und Herbert Spencers „survival of the fittest“ und die Nutzung des US-amerikanischen Tugendmythos, der sich fast schon wie eine Religion präsentiert, das sind die Punkte, die seit dem 19. Jahrhundert die Republikaner bewegen. Daher ist es keine Schockstarre in dieser Partei, wenn erst jetzt der älteste Abgeordnete im Senat die kritische Stimme gegen den Präsidenten erhebt, sondern noch meint man die Handschrift zu erkennen, die seit jeher zum Wesen der Republikaner gehört. Freilich müssen wir heute trotz der zurückliegenden Zeitenwende von 1977 und 1979 Russland in den Mittelpunkt der Betrachtungen stellen.
Wahrscheinlich sind wir gut beraten, wenn wir für die Ausgangslage Russlands einmal die Überlegung voranstellen, wie die spirituale und temporale Ordnung in Europa einmal ausgesehen hatte, die mit Papst und Kaiser artikuliert war. Das war im ausgehenden Mittelalter das Strukturprinzip gewesen. Nun hatten beide „Funktionäre“ auch einen existentiellen und transzendenten Sinn verkörpert. Leider versteht niemand mehr, in welcher Aura diese politische Repräsentation agierte, denn beide kleidete ein liturgisches Gewand, wobei der Kaiser zugleich auch Reichsdiakon war. Wie die Kaiser sich in ihrem Selbstverständnis auf die jüdischen Könige beriefen, auf Salomo, David und Saul, so blieb die fränkische Genealogie dennoch erhalten, dann die salische der Ottonen, die sich beide in der Engführung von germanisch-feudalem und kanonischen Recht legitimiert sahen. Beim Papst war es anders. Er hatte nach dem 3. und 4. Jahrhundert die synagogale Herkunft der Kirche für immer überwunden, sah sich nicht mehr als Judenchrist, was bis über dreihundert Jahre die Praxis war, sondern nun empfing er aus entweder aus seiner Stammeszugehörigkeit oder aus seiner Zugehörigkeit zum ehemaligen Imperium Romanum eine neue Identität, die er nur dadurch zu verkörpern in der Lage war, dass er die Universalität des Evangeliums in dieses politische Bewusstsein eines Fürsten dieser Welt integrierte. Das ist die Ursache der verschiedenen Repräsentationsprobleme im Früh- und Hochmittelalter, worin erst die Eschatologie des Reiches die Bedeutung gewann. Man kann sagen: Man hatte sich die Frage gestellt: Ist das Reich von dieser Welt oder nicht, und welche Beschaffenheit hat dieses Reich? Dass es für die Menschen damals schwer zu klären war, ist heute für uns und unserem etwas kargen politischen Selbstverständnis kaum nachvollziehbar, da wir die politische Transzendenz nicht mehr verstehen, die in den politischen Schatzkammern dokumentiert ist. Mit dem Hochmittelalter tritt erst die deutliche De-Divination der Gesellschaft ein und erhält im 12. Jhdt. eine schärfere Symbolik. So hatte es Eric Voegelin in seiner politischen Wissenschaft formuliert. Man kann sagen, Gesellschaft in unserem Sinn gibt es erst, nachdem Joachim de Fiore nicht mehr an eine christliche Gemeinschaft aller Lebenden glaubte, nicht mehr an die wunderbare Ausbreitung einer civitas Die, sondern er übertrug die Trinität auf den Geschichtsprozess. Im Dreischritt vollzieht sich der Wandel, und es wurde damit denkbar, dass nicht nur diese Zeitabschnitte berechenbar waren, sondern um 1260 beginnt das Zeitalter des Heiligen Geistes – nach Joachim de Fiore. Das heißt, dass einerseits eine spirituell von Mönchen getragene Epoche eintritt, andererseits erscheint ein Gott, der aus Babylon abgeleitet wird – Marduk. Er hatte bereits unter Hamurapi menschenähnliche Gestalt und stellte die Vereinigung aller babylonischen Götter dar. Man muss wissen, dass in der trinitarischen Eschatologie von Joachim de Fiore das Aggregat der Symbole, die bis heute die Selbstinterpretation der modernen politischen Gesellschaft beherrschen, im geheimnisvollen Dreischritt die Geschichte stattfindet. Die Varianten des Symbols kündigen an, es gibt ein humanistische und eine enzyklopädisch orientierte Periodisierung der Geschichte – und wird dann später als Altertum, Mittelalter und Neuzeit konzipiert.
Das erste Symbol betrifft also die neue Auffassung der Geschichte.
Das zweite Symbol ist bei Dantes Monarchie genannt. Es gibt ein hierarchisches Modell, das sich aus der franziskanischen Bewegung heraus entwickelt. Im neuen Zeitalter muss es einen politischen Spiritual geben. Er wird im Ludus de Antichristo sichtbar, denn nur er kann den Fürsten dieser Welt vertreiben. In der Phase der Säkularisierung taucht daher automatisch der Fürst des Machiavelli auf. Daraus bezieht man die Idee des Übermenschen, die von Condorcet über Comtes und Hegel bis Marx reicht. Im 20. Jahrhundert gab es diesen im parakletischen Führer des neuen Reiches, das sich wie bei Joachim auch als Drittes Reich gefällt.
Das dritte Symbol bilden die Propheten des neuen Zeitalters. Sie werden die Zeitabschnitte zu deuten beginnen. Der Ablauf der Geschichte muss verständlich sein, wird also zum Schauplatz einer plausiblen Interpretation, muss einen Sinn ergeben, der nun nicht mehr in die Metaphysik abhebt, sondern in direkten Offenbarungen von einer Steigerung der politischen Erwartungen spricht und zugleich die spekulative Gnosis produziert.
Das vierte Symbol bildet die Bruderschaft autonomer Personen. Joachim meinte, mit der Herabkunft des Geistes wird die sakramentale Gnadenvermittlung sowohl deprofessionalisiert, ist also nicht mehr an Papst und Kirche gebunden, sondern die Menschen werden zu Teilhabern am neuen Reich. Da benötigt man keine Kirche mehr, auch keine verbindliche Reglementierung. Fast könnte man ins Schwärmen geraten, da auch auf eine institutionelle Autorität verzichtet werden kann.
Das alles wird zur Vorgeschichte jenes Dritten Reiches, das als Sonderfall den prognostizierten Ablauf der Geschichte unterläuft. Immerhin war dieser Mythos für Hitlers Reich von Bedeutung, denn nun werden die Wiedertäufer entdeckt, die Flügel der Endzeit-Propheten wie Nostradamus, wie in der „Mystik“ der Astronomen. Es ist nicht schwer, johanneische Visionen wieder bei Fichte, Hegel und Schelling zu entdecken. Dennoch erscheint die konkrete Anwendung des trinitarischen Schemas sehr oft angewendet worden zu sein. Der erste Haltepunkt war 1806 mit dem Ende des alten „römischen Reiches“, Darauf folgt 1918 der Untergang des Bismarck-Reichs und so konnte nur das das Dritte Reich der Nazi folgen. Verglichen mit den weltgeschichtlichen Spekulationen der deutschen Idealisten, von Comte oder Marx, war diese Erklärung flach und engstirnig. Der nationalistisch-zufällig-einfältige Einschlag ist darauf zurückzuführen, dass das Symbol des Dritten Reiches nicht dem spekulativen Bestreben eines Philosophen von Rang entstammt, sondern durch zweifelhafte literarische Übertragungen entstanden ist. Die NS-Propagandisten entnahmen es dem Buch von Moeller von der Bruck. Und das war nun 1923 nicht an einer Vorbereitung des NS-Regimes interessiert, sondern Moeller entdeckte bei der Arbeit an der deutschen Ausgabe von Dostojewskis Werken ein geeignetes Symbol kommender Geschichte.
Erst jetzt nimmt man die Bedeutung des „dritten Rom“ im „Westen“ wahr. Diese Vermischungen weisen den gleichen Charakter auf wie die eschatologischen Vermischungen. Da wird ja nicht nur die Verwirklichung eines spiritualen Reiches imaginiert, sondern es wird auch an die Verwirklichung einer politischen Gesellschaft gedacht. Plötzlich wurde die Idee des Dritten Reiches nationalsozialistisch. Das war sie so lange nicht, musste man doch an der Idee des Dritten Rom festhalten. Jetzt tritt zwar wieder die Idee in Kraft, dass die Gesellschaft in der Form des Volkes geheiligt ist. Es ist die politische Re-Divination. Die vorbereitenden Ideen finden sich in der politischen Romantik. Sie war das vorrangige Interessengebiet für Carl Schmitt, nämlich die politischen Transformationen und deren Legitimation im Staatsrecht zu untersuchen.
Nun hat man im Westen Europas grundsätzlich an einer Zweiteilung der Machtausübung festgehalten. Es ist die doppelte Repräsentation der Gesellschaft, die sich hinter der Formel des Bestands zweier Rechtsinstitute verbarg. Man studierte eben die Rechtswissenschaften mit dem Ziel eines doctor utriusque juris. Die beiden Herrscher, der spirituale und der temporale, hatten in strikter augustinischer Interpretation das Glück, lokal getrennt zu agieren. Rom war weit entfernt von den Reichstagen des Kaisers. Obendrein war Rom ein Ort geblieben, während der Kaiser ortlos blieb – bis ins 16. Jahrhundert. Er war gezwungen, sich auf die Gefälligkeit der Fürsten zu verlassen, von denen er oder von der Stadt die Möbel und Übernachtungen für die Abhaltung des Reichstags erbitten musste – oder wie im Fall von Nürnberg, von den Stadtbürgern die Einrichtungen zu mieten.
Im „Osten“ war die byzantinische Form gewählt worden, die sehr schnell zum Caesaropapismus neigte. Der byzantinische Kaiser war wie im antiken Rom ein hellenistische Kaiser geworden, also war Konstantinopel das zweite Rom: Justinian ließ ausrichten: „Unser Rom ist jedoch nicht nur das alte Rom, sondern auch als unsere königliche Stadt zu verstehen.“ Als nun 1453 Konstantinopel gefallen war, wurde in russischen kirchlichen Kreisen die Idee geboren, dass Moskau die Nachfolge antreten soll. Das dritte Rom war Moskau geworden, jedenfalls früher als man es hier zitiert hatte. Hierfür ist der Brief des Philotheos von Pskov eine gute Erläuterung: „Die Kirche des ersten Rom fiel infolge der gottlosen Häresie des Apollonaris. Die Tore des zweiten Rom wurden durch die Ismaeliten eingeschlagen. Heute erstrahlt die heilige apostolische Kirche des dritten Rom in deinem Reich im Glorienschein des christlichen Glaubens über die ganze Welt. Wisse, o frommer Zar, dass alle Reiche der nichtgläubigen Christen sich zu deinen vereint haben, Du bist auf der ganzen Erde der einzige Zar aller Christen….Nach den prophetischen Büchern werden alle christlichen Reiche der Erde ihr Ende finden und sich zu einem Reich vereinigen, den unsere Gossudars, das heißt zum Reich Russlands vereinen. Das heißt, zwei Rom sind gefallen, aber das dritte wird bestehen, und es wird kein viertes geben.“ Siehe dazu Hildegard Schäder, Moskau – das Dritte Rom, 1929; und Hugo Rahner, Vom Ersten bis zum Dritten Rom, 1950.
Dieser Prozess benötigte ein Jahrhundert, um als russische Variante eines politisch-theologischen Denkens rezipiert zu werden. Iwan IV. wer der erste Rurikide, der sich 1547 zum Zaren der Orthodoxen krönen ließ. Und 1589 wurde der Patriarch von Konstantinopel gezwungen, den ersten autokephalen Patriarchen von Moskau einzusetzen nunmehr mit der offiziellen Anerkennung Moskaus als Drittem Rom.
Nun muss man sich vergegenwärtigen, dass die Regierungszeit Iwans des Großen in die Zeit der Konsolidierung der westlichen Nationalstaaten fällt, also es gibt England, Frankreich, Spanien. Iwan III, 1440-1505, gilt als Befreier und als Sammler russischer Erde. Er hatte die Nichte des letzten byzantinischen Kaisers Konstantin XI geheiratet. Seit 1478 war er der Zar. Und die Regierungszeiten Iwans IV. und Fjodors I. fallen mit der Zeit der Reformation zusammen. In der Zeit des Zusammenbruchs der westlichen Reichsorganisation als sich Europa in westliche Gesellschaften, in Nationen aufsplitterte und in eine Vielzahl von Kirchen, trat Russland das Erbe Roms an.
Von Anfang an hatte sich Russland nicht als Nation im westlichen Sinn verstanden, sondern ist ein Kulturkreis, der ethnisch von den Großrussen beherrscht wurde. Erst mit dem byzantinischen Erbe trat Moskau in die Nachfolge Roms ein und war als politische Gemeinschaft gestaltet worden.
Die längste Zeit hatte man im Westen nicht verstanden, dass die russische Gesellschaft eine sui generis ist und bleibt. Als 1488 Maximilian I. versucht hatte, Russland in das „westliche“ politische System einzubinden, da er Iwan III. eine Königskrone anbot, so war das in Moskau entschieden abgelehnt worden. Der moskowitische Großfürst ließ wissen, seine Autorität stamme von seinen Ahnen ab, habe den Segen Gottes und bedürfe keiner Bestätigung eines westlichen Kaisers. Hundert Jahre später verfolgte Maximilian II. dieselbe Idee. Allerdings war der Hintergedanke ein anderer. Während Maximilian I. sich offenbar eingebildet hatte, den moskowitischen Großfürsten in den Lehensverband aufzunehmen, somit politischen Einfluss ausüben zu können, versprach sich Maximilian II. eine Hilfe im Kampf gegen das osmanische Reich. Er bot Iwan IV. an, ihn als Kaiser des griechischen Ostens anzuerkennen, sollte er zu Hilfe gegen die „Türken“ kommen. Daran hatte Iwan IV. keinerlei Interesse. Er war gerade beschäftigt, die Verwaltung seines Reiches zu straffen, die oligarchischen Fürsten zu entmachten und diese durch einen neuen Dienstadel zu ersetzen – oprichnina. Dadurch wurde dieser Zar zu dem berüchtigten Iwan der Schreckliche. Ihm gelang, Russland dauerhaft den Stempel einer unzerstörbaren sozialen Gliederung aufzudrücken. Während es im Westen zu den selbstzerfleischenden Religionskriegen kam, war in Russland ein monolithisches Reich errichtet worden. Transzendental war Russland der imperiale Repräsentant geschlossener Christenheit geworden, Repräsentant christlicher Wahrheit und ein in sich ruhender politischer Gigant. Die Begründung dieses Anspruchs findet sich – so die Interpreten damals – im ersten Brief des Apostels Johannes. Die soziale Neugliederung im 16. Jahrhundert begünstigte den Zaren, der „existentielle“ Repräsentant zu sein, allgegenwärtig und allmächtig. Durch diese Entwicklung wurde Russland auf Dauer von der Möglichkeit jener Entwicklung ausgeschlossen, die die westlichen Staaten nach dem Religionsfrieden einschlugen. Es kam zu keinen Institutionen, die sich gegenüber den mächtigen Fürsten zu artikulieren vermochten, politisch zur Ebenbürtigkeit heranwuchsen. Jetzt war ein radikaler Schnitt vollzogen worden, den sogar Napoleon akzeptieren musste. Er sah erstmals Europa in einer Gegenposition zu Russland.
Nun entwickelte sich Russland sowohl existentiell als auch transzendent anders. Jene Verwirklichung der Alternativen zu den europäischen Instituten unter Peter dem Großen war strikt durchgesetzt worden. Was organisatorisch am Hof Peters der Fall war, hatte die soziale Gliederung des Volkes nicht betroffen und umgekehrt. War im Westen die Idee der Bauernbefreiung spruchreif geworden, die zu grausamen Bauernkriegen führte, war in Russland die Leibeigenschaft überhaupt die dominante poltische Erscheinungsform – bis ins höfische Leben. Mag zwar im Adel eine Verwestlichung eingetreten sein, so hatten sie sich zu keinem „oppositionellem“ politischen Selbstverständnis durchgerungen, wie es etwa dem politischen Modell der Aufklärung entsprochen hätte. Es war eine deutsche Prinzessin, die spätere Katharina II., die diesen politischen Putsch versucht hatte, doch bald erkannte sie, sich mit dem bestehenden System anfreunden zu müssen – in ihrem eigenen Interesse. Der Adel verstand sich bald als Hofadel, als Beamtenadel und hatte keine Ambition, sich innerhalb eines politischen Standes zu verständigen, wie auch sich keine Ständegesellschaft herausbildete. Es gab nur kurz nach der Auseinandersetzung mit Napoleon eine Bewegung, die politische Aspirationen zur Sprache brachte. Im Dekabristenaufstand waren diese 1825 gescheitert. Allerdings war das Gegenmittel gegen die an der Aufklärung orientierten Dekabristen eine neue Geschichtsphilosophie in Umlauf gekommen, deren Einfluss nicht hoch genug einzuschätzen ist.
Alexei Chomjakow (1804-1860) war die romantische Gestalt, der eine slawophile antiwestliche Geschichtsphilosophie entworfen hatte und nun war offen darüber gesprochen worden, dass das Dritte Rom in eine Apokalypse gerät, sollte sich Moskau nicht zu einer messianischen, eschatologischen Sendung entschließen, durch die die Menschheit ihre Erlösung findet.
Alois Dempf hatte in seiner Interpretation von Dostojewski in den „Drei Lastern“ die Tiefenpsychologie Dostojewskis ergründet und diesen genuin russischen „Volkskonservativismus“ 1949 klar dargestellt. „Er (Dostojewski) hatte ja gerade in Sibirien erlebt, dass im russischen Volk trotz aller Laster durch die Orthodoxie der Gottesglaube lebendig ist, dass also verantwortliche Führung Opferwilliger hier möglich und der Beruf Russlands zur panslawistischen Führung aller Sklaven gegeben ist. Es muss seine heilige Stadt Konstantinopel, das dritte Rom, selbstlos befreien und dann die Verbrüderung aller Völker …verwirklichen…..der radikale Sozialismus kenne nur die Ermordung und Beraubung aller Klassenfeinde…und das verwestlichte Petersburg, die phantastische Stadt über den finnischen Sümpfen, wird mit in diesen Untergang hineingezogen werden…..Die Bürgerdichtung reicht von Balzac bis Gustacv Freytag, von Gogol bis Turgenjew. Ihre russische Note ist die Satire auf den verrotteten Feudalismus und gerade darum Bejahung der Bodenlosigkeit des Westlertums, die bis zum Nihilismus gehen kann. Sie ist von Anfang an der böse Feind, den Dostojewski zuerst als Sozialist und Elendsdichter und dann als Konservativer bekämpft.“ Es ist die Konsequenz aus Dostojewskis tiefen Glauben an den russischen Christus.
Bei Dostojewski bewirkte diese Übertragung des Messianismus die Kristallisation zu der seltsam ambivalenten Vision eines autokratischen, orthodoxen Russland, das unter welchen Umständen auch immer die Welt zu erobern hat, doch noch hatte diese Eroberung nichts anderes im Sinn als eine freie Gesellschaft aller Christen zu gründen. Das lässt die Orthodoxie die lutherischen politischen Vorstellungen weit verwandter erscheinen als es weithin angenommen wird. Als Ziel stand eine blühende Christenheit vor Augen, aus der sich eine Begeisterung für die Orthodoxie ableitet, die auch Miguel Unamuno in seiner „Apokalypse des Christentums“ in den Bann gezogen hatte. Es war die „westliche“ Stimme gewesen, die sich von den Aporien der „westlichen Kirchen“ abgewendet hatte.
Unamuno sah in der russischen Orthodoxie die politische Engführung, die in der tiefsten Demütigung zugleich auch die höchste Form der Befreiung wahrnimmt. So schrieb er: „Leo Schestow sagt, dass Pascal uns keine Erleichterung, keinen Trost zu bringen vermag und dass er jede Art von Trost vernichtete. Das ist es was viele glauben, aber welch ein Irrtum ist das! Es gibt keinen mächtigeren Trost als den der Verzweiflung. Man sagt, die Menschen suchten den Frieden. Aber ist das auch wahr? Man sagt doch auch, sie suchten die Freiheit. Ich sage: Nein, die Menschen suchen den Frieden in Zeiten des Kriegs, und den Krieg in den Zeiten des Friedens. Sie suchen die Freiheit unter der Herrschaft der Tyrannei, und die Tyrannei, solange sie frei sind….Nicht der Tyrann macht den Sklaven, im Gegenteil. ….“.
So liegt es auf der Hand, dass Russland vorweg geistesgeschichtlich in eine Ambivalenz geriet, die in der politischen Belastungsprobe um 1910 die Vision einer säkularen Form des vormaligen orthodoxen Denkens begünstigte. Das Begehren der Welteroberung schien weiterhin legitimierte. Allerdings war das nicht durch die Orthodoxie zu erreichen, sondern durch eine „Operationalisierung“ des „orthodoxen Gottesvolkes“ als Proletariat.
Russland – ein eigener Kontinent
Mit dem Angriff der russischen Armee auf die Ukraine hatte sich Russland als politischer Akteur zurückgemeldet. Der letzte Akt der Sowjetunion war Gorbatschows Entlassung der DDR in die Freiheit des nunmehr vereinigten Deutschland. Putin verband seinen Amtsantritt als russischer Präsident nach Jelzin mit einer Rundreise durch Europa und gab sich als wissbegieriger Lehrling in Fragen der Demokratie und Modernisierung. Putin wurde nicht mehr im Kontext der Oktoberrevolution von 1917 gesehen, eher als „Westler“, der sein Land im Stil von Republik und Aufklärung modernisieren will. 2000 und 2001war Russland in den Hauptstädten Europas attraktiver als die US-amerikanischen Präsidenten. Gleichzeitig witterten die Europäer die einmalige Chance, mit Putin die Energie-Frage schneller und billiger zu lösen als im Verein mit OPEC oder der amerikanischen „Hydraulic-Fracturing-Methode“. Es war geradezu ein Sport in Europa, noch schneller und noch umfassender den Erdöl- und Erdgas-Handel der russischen „Gazprom“ zu übertragen. Die harten militärischen Interventionen Russlands in Georgien, Tschetschenien und Syrien waren geflissentlich nachgesehen worden.
In Russland leben an die 174 Nationalitäten mit 125 Sprachen, in sieben Zeitzonen und ist im Unterschied zu allen anderen europäischen Ländern auch nach dem 1. Weltkrieg ein „Reich“ geblieben. Nun hat man kaum eine Vorstellung von der stabilen Lebenslage der Menschen in diesem Land. Unter extremen klimatischen Bedingungen waren die Bauern der dominierende Teil der Bevölkerung. Nun muss man sich vorstellen, dass Russland im 14. Jahrhundert etwa 560.000 qkm umfasste, im 17. Jahrhundert bereits 14 392000qkm und 1885 22 311 992 qkm. Und dem wachsenden Landgewinn entsprach die Wanderungsbewegung der Bauern. Die Steppe wuchs, doch die Kolonisation der neuen Länder wuchs noch stärker. 1581 kam mit der Festung Sibir das asiatische Russland hinzu und in dieses neue Territorium wanderten die Bauern ein. Nun war es kein Bauer im westlichen Sinn. Wir kennen diese aus der niederländischen Malerei. Es ist der sesshafte Bauer, der eine genuine Kultur entwickeln konnte, die wir in den Heimat-Museen bis heute bewundern können. Der russische Bauer bleibt die längste Zeit bereit, in neue Gebiete aufzubrechen und da ist er den frühen Siedlern Nordamerikas nicht unähnlich. Die zaristische Okkupationspolitik blieb oft hinter den bäuerlichen Landnahmen zurück, also war diese Landnahme nicht nur eine Intention der Regierung. Das machte auch die strikt anti-industrielle Haltung aus, denn der Kapitalismus würde in erster Linie das Bauernland zerstört haben. Jede Fabrik war zugleich die Zerstörung einer bäuerlichen Hausindustrie, jede kapitalistische Landnahme zugleich eine Enteignung, jede Exportsteigerung zugleich die Umwandlung des Selbstproduzenten in den Warenproduzenten. Es bedeutete in Russland im 19. Jahrhundert die finanzielle Eingliederung in den Kapitalprozess durch Hypothekarschulden. Also war in der Analyse klar ausgesagt worden: „Der Kapitalismus ist die erste Wirtschaftsform mit propagandistischer Kraft, eine Form, die die Tendenz hat, sich auf dem Erdrund auszubreiten und alle anderen Wirtschaftsformen zu verdrängen. Es ist aber zugleich die erste, die allein, ohne andere Wirtschaftsformen als ihr Milieu und ihren Nährboden, nicht zu existieren vermag.“ So schrieb es Rosa Luxemburg.
Nun waren am Ende des 19. Jahrhunderts zwei extreme Welten aufeinandergestoßen: dem städtisch expandierenden Kapitalismus stand die Bauernexpansion gegenüber. Nun waren die Ideen von 1789 auf die russische Expansion gestoßen und schienen eine grenzenlose imperialistisch-kapitalistische Expansion zu verursachen.
Es kann sein, dass in der positiven Beurteilung dieses Zeitabschnitts, wie dies bei Dugin dann der Fall ist, Putin sich davon angesprochen sieht und überzeugt ist, diese Stärke noch einmal umzusetzen, die es knapp vor der Oktoberrevolution schon gab.
Nun war die Idee der Französischen Revolution einerseits die Grundlage für den Nationalstaat, für die Herrschaft der Stadt übers Land, die Befreiung des Bürgertums vom Adel und Geistlichkeit. Das war auch in Russland bekannt. Die Ideen kamen in zweifacher Weise nach Russland. Durch den Kriegszug Napoleons. Er musste einsehen, dass hier ein Code Napoleon nicht die Wirkung haben kann wie in Westfalen, Polen oder Venedig. Dieser Verschnitt einer Kaiserideologie, die auch ohne politische Metaphysik nichts als ein Machtstaat war, hatte aus der Perspektive Russlands nur tönerne Beine. Das griechisch-orthodoxe Landleidet weder unter Kirche noch unter Adel. Das ist der Gegenstand späterer Erzählungen. So wurde der Heroismus Napoleons jedes Sinnes beraubt. Der friedliche Teil der Reform hatte sich im Aufstand der Dekabristen 1825 geäußert. Hier waren die Ideen der Aufklärung völlig überraschend rezipiert worden. Der Träger des politischen Protestes war Großfürst Konstantin. Die ersten Ängste, sollte Russland aus dieser Totenstarre erwachen, beschrieb Joseph de Maestre als Botschafter in St. Petersburg.
Von diesen Schreckensbildern war man im Westen noch weit entfernt. Die einzige sichtbare Konsequenz von 1789 in Russland war 1861 die Bauernbefreiung. Das war aber eine Maßnahme, die ohne die Bauern durchgesetzt wurde. Was bedeutete diesen die politische Freiheit? Sie verloren ihre Lehensherrn, also verloren diese aus Interessen geformte Reziprozität. Die Söhne der Bauern verdingten sich beim Militär, sehr wenige fanden in den Städten in den frühen Industriebetrieben Arbeit. Der Freisetzung der Bauern entsprach keine politische Ordnung, keine Standesvertretung oder keine vergleichbaren Streiter für die Rechte der Bauern wie im Kaiserstaat Hans Kudlich 1848 und in Nassau August Hergenhahn.
In Russland gab es eine derartige politische Überzeugung nicht, die im „Westen“ seit dem 16. Jahrhundert, also seit den Bauernkriegen und seit dem Konzept einer republikanischen Verfassung von Michael Gaismair (1490-1532) über einige Tradition verfügte.
Mit der Bauernbefreiung hatte sich nämlich die Lage der Bauern verschlechtert. Seit 1861 warteten sie darauf, dass der Zar ihnen jenes Land nun geben werde, das sie nun in Eigenregie bearbeiten könnten. Es kam zur Stagnation, da die Bauern in Erwartung der Zuteilung von Bauernland keine Parzelle mehr dazu kauften, nichts investierten, also es trat ein Stillstand ein, der bei den Bauern den Glauben an den Zaren erschütterte. So war die Freiheit ein Fluch geworden und wenn sich etwas bei den Bauern bewegte, dann die Wut auf jene politische Elite, die sich immer mehr aus der früheren Gemeinsamkeit von Herrn und Knecht entfernte. Wenn also revolutionäre Gedanken hoch kamen, dann gegen diese Freiheit der Bauernbefreiung, gegen diese Elite.
Stimmungsmäßig hatte die Modernisierung des Bewusstseins in der politischen Elite stattgefunden, vor allem in den Hinweisen, nun die Segnungen der französischen Revolution als Muster zu nehmen. Die Enttäuschung war groß bei den Bauern, denn sie verstanden nur zu gut, dass die Zarenfamilie, die gut orthodox schien und in dieser Tradition die griechischen Namen tradierte: Nikolaus, Alexander oder Konstantin – damit nichts mehr anzufangen wussten. Die Versprechung war nicht mehr Teil der politischen Ziele, nämlich die Hagia Sophie zurückzugewinnen, auf ihr wieder das Kreuz zu setzen, das alte Byzanz wieder erstehen zu lassen. Das galt alles nichts mehr, dafür war von der Zarenkapelle 1889 die Marseillais gespielt worden. Diese alte Erinnerung, dass Alexander I. im Sieg über Napoleon diese alten Ziele bekräftigt hatte, galt nichts mehr. Im Gegenteil: diese politische Elite wendete sich dem Börsenhandel zu, spekulierte an der Pariser Börse. Der Ministerpräsident und Finanzminister Wladimir Kokowzow wies den Kriegsminister Sergeij Sasonow an, dass es da günstige Veranlagungen in Paris gibt, um die Aufrüstung russischen Militärs zu finanzieren. Ebenso sollte über Spekulationen der Eisenbahnbau beschleunigt werden. Die transsibirische Eisenbahn war 1903 bis Wladiwostok fertig gestellt worden, 38 Jahre nach der Durchquerung Nordamerikas mit der Eisenbahn.
Die Basis der Modernisierung Russlands war der Holzhandel mit England. Der Getreidehandel stand an zweiter Stelle. Anders als in Europa beteiligte sich die traditionelle Elite an diesem schwunghaften Handel und spielte damit den europäischen Interessen in die Hände. „Die regierende Klasse“ sieht im Außenhandel das große Geschäft. An ihm beteiligen sich der Zar, die Großfürsten und der Hochadel. Damit dreht sich das Interesse am Land in ein Gegenteil: zum eigenen Nutzen wird das Land ausgebeutet, das heißt, die Bauern verlieren ihre hervorgehobene Position. Die europäischen Interessen werden damit zu den russischen der gesellschaftlichen Elite. So beschreibt ein Engländer 1905 die Lage in Russland: The czarist state was a state without a people…chiefly interested not in Russia but in Europe, in foreign politics, in the prestige or territory which it could find abroad.“ Oder an anderer Stelle heißt es: „ Das russische Staatsbudget erweist seine Verfasser nicht als Steuerleute, Minister und Schiedsmänner einer Nationalwirtschaft, sondern als eine Junta von Privateigentümern, Schuldenmachern und Alkoholverkäufern, deren ausschweifende Geschäfte zwei Urteilsketten vereinigen: Jedes denkbare Unheil, das man dem steifsten Staatssozialismus nachsagen könnte, und die Gifte eines Geistes, der jeder Form des Sozialismus fremd ist, nämlich Heimlichkeit, Räuberei und Unehrlichkeit, die sogar bei den amerikanischen Trusts nicht zu finden sind.
Nun muss man gleichzeitig in Betracht ziehen, dass die an Russland angrenzenden Staaten im Grunde Russland verwalteten, nämlich über die Handelsbeziehungen kehrte auch in Russland eine seriöse Administration ein. Was gab es in russischen Dörfern: eine Kirche, die von den letzten 1000 Jahren unberührt blieb, was im Westen seit Allerseelen 996 unmöglich war. Die Betreuung der Kirchen war geeignet, den Aberglauben im Volk noch zu stärken; es gab kaum einen Schulmeister in den Dörfern, auch keinen verantwortungsbewussten Grundherren. Um 1914 waren von 1000 891 Analphabeten. Der Dörfler war in Russland einer Natur ausgeliefert, die menschenfeindlich war, so war er eigentlich ein Halbnomade, denn es gab kein Benediktinerkloster, das ihn belehrt hätte, in Landwirtschaft ausgebildet hätte. So blieb es bei der Feldgraswirtschaft, man betrieb nebenbei den Hausierhandel und mit der zunehmenden Versandung der Steppen musste man bereit sein, das Land zwar nicht zu verlassen, aber weiterzuziehen. Jährlich versandeten 200.000 qkm im 19. Jahrhundert.
So waren die deutschen Kolonisten die ersten Lehrmeister wider Willen geworden, die „Nemez“. Florierende Güter besaßen nur die Fürsten, die auch die Landwirtschaft zu organisieren verstanden. Ein Fürst Galizin war stolz, auf der Krim 516 Rebsorten angebaut zu haben, angeblich alle auf dieser Welt, Einen Bauern im westeuropäischen Sinn gab es erst mit dem Fürsten Stolypin, dessen Agrarreform einige Struktur bewirkte, also einen selbstbewussten Bauern protegierte. Deshalb hatte die russische Revolution mit diesen Kulaken kurzen Prozess gemacht. Sie wären ein Hemmschuh gewesen.
Der russisch-japanische Krieg war nicht nur eine verheerende Niederlage für Russland geworden, sondern erstmals siegte eine nicht-europäische Macht.
Die politischen Folgen waren für Russland schwerwiegend. Die Regierung war geschwächt, die Sozialrevolutionäre besaßen aber nicht die Kraft, weite Kreise der Bevölkerung zu repräsentieren.
Diese Mutation hatte sich wegen des 1. Weltkriegs als erfolgreich erwiesen. Nahezu messianisch war diese Spielart des Marxismus rezipiert worden, nämlich mit der Diktatur des Proletariat, nun der Heilsträger an Stelle eines Volkes im Alten Bund, würde man ins Reich der Freiheit gelangen, womit alle Entfremdung aufgehoben würde. Die Berührungspunkte zwischen ersten politischen Visionen und Messianismus verkörperte Pavel Florenskij, orthodoxer Mönch, Mathematiker und Berater Lenins, was ihn vor der Ermordung unter Stalin nicht schützte.
Nun war der Versuch einer Modernisierung der russischen Gesellschaft gemacht worden, allerdings waren die Bemühungen in den Wirren des Krieges in sich zusammengebrochen. Der liberale Zar konnte die Revolution von 1917 nicht mehr anhalten. Somit kehrte die russische Gesellschaft erneut in das bekannte Verhältnis der Untertänigkeit zurück. Die Kader der Kommunistischen Partei rückten in die Funktionen des Dienstadels ein, beherrschten bald alle wesentlichen Schaltstellen und das war dann mit dem Stichwort des Stalinismus belegt worden. Hatte Iwan der Schreckliche sein Regime durch eine strikte Agrarwirtschaft gestärkt und gestützt, so war es nach 1917 die industrielle Wirtschaft.
Nun haben wir es in dieser Phase der russischen Geschichte – also 1920 – mit einer immanentistischen Eschatologie zu tun, die die Logik der westlichen politischen Entwicklung teils zu überholen beabsichtigt, teils antagonistisch interpretiert – dank des künstlich aufgeblähten ideologischen Apparats. Die westliche Geschichte enthält zuerst den mittelalterlichen Immanentismus, zeigt sich über den Humanismus in der Aufklärung, überspielt die Schatten der Pariser Revolution im nationalen Progressivismus und verwandelt sich schließlich in die parteilichen Gruppierungen des Liberalismus, Positivismus und Marxismus. Damit ist eine perfekte Verdunkelung eingetreten.
Nun muss man sich immer wieder vor Augen halten, dass die Substanz der Geschichte auf der Ebene der Erlebnisse zu finden ist, nicht in Ideen oder Ideologien. Diese Anschauung müssen wir auf die Wandlungen in Russland richten, denn dort war nie der marxistische Mensch am Werk. Für Marxismus wurde gehalten, wenn die Projektion des Besten im Menschen wie ein Idol zum diesseitigen Gott wird und das hypostatische Jenseits ein politisches Morgenrot, das man vielleicht in Sankt Nimmerleins Tagen erlebt. Das ist im stalinistischen Skulpturenprogramm immer wieder zu betrachten und der Aufwand entgeht nicht der Versuchung des kitschigen Manirismus.
Da hat es der rassisch-nationalistische Übermensch leichter. Er bedarf weder der Revolution noch eines Abstreifens aller Entfremdungen, er ist bereits der vollkommene Artgenosse, der der Marxschen Verklärung spottet – und genau diese Mutation hat die tief empfundene Vergeblichkeit russischer Geschichte im 20. Jahrhundert bewogen, zwar den Stil beizubehalten, aber darin ein politisches Realitätsprinzip zu erhalten. Für diese Mutation hatte Wladimir Putin die Regie übernommen.
Worum wäre es vor 20 Jahren gegangen?
Damals ging es um die Frage, zählt Russland zum politisch-kulturellen Bestand Europas? Die geographische Zuordnung bis zum Ural war nicht gemeint. In konsequenter Beantwortung dieser Frage war das Motiv schnell zu erkennen: Russlands Geschichte soll nicht mit Putin identifiziert werden. Mag es nahe liegen, die Abfolge autokratischer Regierungen für das Wesen russischer Geschichte zu halten, so bietet sich nicht nur ein sehr differentes Erscheinungsbild, sondern in der russischen Geschichte geht es kaum um Beweggründe gegen Diktatur und Totalitarismus. Es gibt die Idee der Neugestaltung Russlands immer wieder, doch sie äußerte sich im politischen Mystizismus.
So ist der eine politische Beweggrund der Wunsch nach einem „Heiligen Russland“, der andere war verspätet im Programm der Aufklärung gesehen worden. Und mit diesen Entwicklungen politischer Alternativen waren zugleich die „Elementarformen“ politischer Institutionen verknüpft. Das Verhältnis der orthodoxen Kirche zum „Staat“ bedarf immer diverser Deklinationen, die sich in der orthodoxen Bilderwelt finden lassen. Die orthodoxe Kirche war zur Vorbedingung für die spätere Trennung der „Westler“ von den „Slawophilen“ geworden. Die auf Kontemplation ausgerichtete Orthodoxie – im Gegensatz zur „westlichen Kirche“ und den Mönchsorden, war unter Peter dem Großen zur Staatskirche erniedrigt worden. In Notzeiten erinnert man sich gern daran. Die autokephale Struktur hatte sie schon in Byzanz besessen, also war diese Integration in den politischen Apparat nicht ungewöhnlich. Dem Patriarchen Nikos blieb nichts anderes über, diese Entwicklung zu akzeptieren. Er wollte noch eine ähnliche Selbstständigkeit wie die anglikanische Kirche im „Westen“, kapitulierte aber vor dem Zaren. Seither ist die orthodoxe Kirche sowohl ein Instrument der Polizei als auch der Seelsorge. Das erklärt die Funktion des Patriarchen Kyrill I. in Putins Reich. Dessen Verhalten erscheint uns als unverständliche Willfährigkeit, ist aber nicht neu. Die religiösen Bezugsformen, die Spiritualität waren fast prinzipiell den heiligen Eremiten vorbehalten, den byzantinischen Heiligen. Weder Pfarren noch Klöster hatten sich als spirituelle Gestaltungskraft für Volk oder Gesellschaft verstanden. Jede Ikone ist das ideale Beispiel für einen Platonismus der Anschauung. Daher versteht sich auch die orthodoxe Kirche nur als formaler Rahmen für Frömmigkeit und Einkehr. So war auch die in Russland entstandene abstrakte Malerei die neue Ikone für die Anschauung der Moderne.
Der starke platonische Einschlag der östlichen Kirche mit seiner Ablehnung alles Materiellen regte zur extremen Askese an, zu den Wüstenvätern des Frühchristentums, zu deren Darstellung auf der Ikonostase. Sie trennt das Heilige, das nicht sichtbar ist, vom Profanen, vom Volk. Bemerkenswert bleibt, wie inmitten eines engen Traditionalismus wie in der Malerei der Ikonen plötzlich eine überraschende Modernität hervorbricht und eine gänzlich andere „Bilderwelt“ kreiert.
Ehe die Gesellschaft in Russland von der Kontroverse zwischen „Westlern“ und den „Slawophilen“, den „Raskolniki“, bestimmt wurde, konnte sie gleich zu Beginn den schwachen Einfluss der Ortskirchen leicht verdrängen. So war nicht die Konfession eine latente Ursache soziopolitischer Spannungen wie im „Westen“, sondern seit dem 18. Jahrhundert ist der unversöhnliche Gegensatz zwischen „Raskolniki“ und „Westlern“ die Grundlage jedes weiteren Selbstverständnisses und zugleich des sozialen Wandels – bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Der maßgebende erste Interpret dieser Entwicklungen war Nikolai Karamsin, dessen Geschichte Russlands in vorerst acht, dann 12 Bänden 1818 gedruckt wurde. Im Laufe der Darstellung wechselte er seine Optik vom klassizistischen Stil später Aufklärung zum „Sentimentalismus“ der Romantik. Die politisch-philosophischen Konsequenzen sind jenen von Alexei Chomjakow nicht unähnlich. So gab er den widerstreitenden Gruppen der „Westler“ und der Raskolniki in je einen Zeitabschnitt unterschiedliche Beurteilungen. Es war nicht schwer zu erraten, dass er in der romantischen Phase Volkstum und nationalsprachliche Identität in den Mittepunkt rückte. Er hatte nicht nur die russische Sprache erneuert, sondern auch neue Begriffe wie Bewusstsein, Entwicklung oder Industrie in die russische Sprache eingeführt.
Nun muss man sich immer wieder vergegenwärtigen, dass Putin sich in diese Rolle wahrscheinlich erst einfinden musste. Diese historischen Bezüge, die in seinem politischen Bewusstsein präsent sind, waren sicherlich kein Gegenstand der Ausbildung im KGB. Im „neuen Russland“ meinte er nun, wie Peter der Große nicht nur kirchliches Oberhaupt zu sein, sondern ein Teil seiner russischen Identität liegt auch in dieser Geschichte der moskowitischen Orthodoxie. Mag sein, dass er diese konfessionelle Seite seiner Politik erst spät entdeckte, mag sein, dass sein Eintritt in die demonstrative Gläubigkeit nur zufällig mit dem Ende der Sowjetunion übereinstimmt, so bewegt er sich im Gegensatz zu seinem alter ego Donald Trump im realen Rahmen einer Konfessionalität. Überhaupt entnimmt er der Geschichte wichtige Daten und Anregungen und setzt sie um. 2005 erklärte er den 5. November zum Nationalfeiertag. Es war der Sieg des russischen Heeres über Polen 1612. Im gleichen Jahr gründete er das Beratungsgremium für den Präsidenten, wie es Peter der Große als Ratskammer des Zaren ebenso eingerichtet hatte. Immer öfter begegnet man Zitaten, die Putin der Vergessenheit entreißt. Also finden sich in der Biographie Putins, die Dugin verfasste, eine Reihe von Hinweisen auf historische Bezüge, die teils schon „reanimiert“ wurden, teils noch vor der Verwirklichung stehen. Auffallend ist, dass Putins Abgrenzung gegen den „Westen“ im Hinweis auf dessen Dekadenz ein altes Leitmotiv in der Einschätzung des „Westens“ ist – speziell seit dem „Dekabristenaufstand“ 1825. Er wiederholt den Vorwurf gegen den „Westen“, der früher den russischen „Westlern“ galt. Der Sieg im 2. Weltkrieg wird wieder zu einem ebenso großen politischen Motiv in der Erneuerung der weltpolitischen Rolle Russlands, wie einst der Sieg Alexanders I. gegen Napoleon. 1812 war Russland zur europäischen Ordnungsmacht aufgestiegen und die Pläne, dieses Unternehmen zu wiederholen, bewogen Putin zu den militärischen Interventionen in Georgien, gegen Tschetschenen, gegen die Ukraine. Es ist auch der Beweggrund, in Syrien interveniert zu haben, also ein „global player“ zu sein.
Und im Vorjahr – 2024 – wurde Dugins Geschichtsschreibung nicht nur zum verbindlichen Lehrstoff für alle Schulen Russlands erklärt, sondern bildet auch bei der „Matura“ den Prüfungsstoff für alle Kandidaten.
Was ist aber für Russland der „Westen“? In der Zeit Peter des Großen war bereits Helsinki der „Westen“. Mit sehnsüchtigen Blicken sah er dort jene Zukunft, die er sich für Russland gewünscht hatte. In der „Gespensterstadt“ Sankt Petersburg dachte man an Nordeuropa als einer denkbaren Alternative. So war man in Russland bis über 1920 hinaus überzeugt, die lutherische Kirche sei in Finnland der Motor der Modernisierung gewesen und würde strukturell mit der orthodoxen Kirche verwandt sein. Man bewunderte den „politischen Protestantismus“, der schließlich auch von Bismarck verkörpert wurde. So gibt es genügende Hinweise, dass auch Dostojewski die Unabhängigkeit des Christen in der reformierten Kirche schätzte. Die evangelische Kirche hielt er für einen durchaus ebenbürtigen Partner der orthodoxen Kirche – gemeinsam gegen die römische Kirche. In diesem traditionellen Sinn war recht „spät“ vom Zaren der Bau des Doms in Helsinki 1831 gespendet und 1852 fertiggestellt worden. Der Dom wurde nach Zar Nikolaus I. benannt, doch die klassizistische Halle des Doms dominieren die mächtigen Skulpturen von Luther und Melanchthon.
Der Sieg gegen Napoleon, der den Aufstieg Russlands zur Führungsmacht in Europa eröffnete, war zugleich die Triebfeder der russischen Romantik. Mit den Historikern Karamsin und Chomjakov war eine neue Identität geschaffen worden, wie Leopold von Ranke in „Deutschland“ die wissenschaftliche Seite der Romantik prägte, nämlich Historismus und Diplomatik. In der Literatur waren Alexander Puschkin, Michail Lermontow und Nikolai Gogol die weit bekannten Schriftsteller. Zur Romantik zählten die Bildungsreisen russischer Dichter und Schriftsteller zu Goethe, Wieland oder von verschwenderischen Aristokraten war der Besuch des Spielkasinos in Baden-Baden für eine Verpflichtung gehalten worden – wie es Dostojewski im Roman „Der Spieler“ beschrieben hatte. Diese Welle der Romantik war bald verflogen, denn Lermontow und Puschkin starben im Duell, Gogol hungerte sich als Mönch zu Tode, nachdem er seine Schriften verbrannt hatte.
Die Ablöse dieser romantischen Welle, die nur in der Musik eine Fortsetzung erfuhr, waren die „Idealisten“ der 30er Jahre, also die leidenschaftlichen Leser Hegels. Sie rekrutierten sich aus der Gruppe der „Westler“. Recht schnell waren frühsozialistische, liberale und demokratische Gedanken in politischen Hoffnungen formuliert worden. Dagegen formierten sich ebenso eifrig die „Slawophilen“, die letztlich aus den „Raskolniki“ hervorgingen und die romantischen Selbstbeschreibungen „modernisierten“. Beide Gruppierungen waren überzeugt, dass Russland die Wiege aller Neuerungen sein wird, gleichsam ein „Messias aller Völker“. So waren die „Westler“ gleichsam zu „Modernisten“ geworden. Die „Raskolniki-Slawophilen“ sahen hingegen in den altrussischen Eigenheiten das einzige Mittel, dem Individualismus und Liberalismus entgegenzutreten. Allerdings fanden beide Richtungen im System Hegels eine beglaubigende Instanz.
Alexander Herzen, der spätere Financier der 1. Sozialistischen Internationale 1864 mit Bakunin und Marx, beschrieb diesen Wandel recht genau in seinen Lebenserinnerungen: „Man fing mit Schelling an und ging dann zu Kant über, mit dem man nicht viel anzufangen wusste; man machte sich daher an Fichte, dessen „Vorlesungen zur Bestimmung des Menschen“ in den jungen Köpfen einen unglaublichen Wirrwarr hervorriefen. Erst bei Hegel kamen die Geister zur Ruhe. Hier hatten sie gefunden, was sie brauchten.“
Heute mag es uns verwundern, dass nach Angabe von Herzen die „jungen Geister“ bei Hegel ihre Ruhe finden konnten. Unter diesen waren Bakunin und Belinski. Für beide war der wichtigste Satz in Hegels System: Alles Wirkliche ist vernünftig. Und davon leiteten sie höchst unterschiedliche Konsequenzen ab. Belinski war zumindest am Beginn seiner Laufbahn tiefst überzeugt, dass das autoritäre System in Russland für die Russen selbst vernünftig ist. Das würden die meisten russischen Politiker stets bestätigt haben. Selbst bei ihm war die Einschätzung seiner Landsleute recht abschätzig, denn er sah sie als Kinder, unreif, die manchmal auch der Rute bedürfen. Für diese Messianisten war der Zar das „Väterchen“ und das Verhältnis zwischen Zar und Volk sollte familiär bleiben.
In „unruhigen“ Zeiten war der Regress aufs Familiäre, auf die fast biologische Vaterschaft eines Zaren bis Stalin fürs gesamte Volk ein Element kaum überschätzbarer Bindung. Darin sieht sich auch Putin als „Väterchen“, wofür ihm aber viel fehlt. Er zeigt sich im Gegensatz zu seinem Vorgänger Jelzin modern und bevorzugt das Erscheinungsbild des Funktionärs von Staatsaufgaben. Er zeigt, das Volk mit harter Hand erziehen zu müssen, freilich muss er es besonders vor Einflüssen aus dem „Westen“ beschützen. Diese personale Bindung, die für die politische Lage in Russland von so hoher Bedeutung ist, war das Geheimnis der so oft erwähnten Leidensfähigkeit des Volkes, die gern mit einer passiven Grundstimmung verwechselt wird. Niemand würde diese personale Bindung aufs Spiel setzen wollen, es sei denn die Dissidenten – Alexander Sinowjew. Putin hatte daher oft genug diese Leidensfähigkeit angesprochen, leidenschaftslos benutzt und beansprucht. Da war dann die Heiligung Russlands im Leiden apostrophiert worden. Inzwischen musste er nicht so weit wie Stalin gehen, aber die Hinweise, sich an ihm zu orientieren, sprechen eine deutliche Sprache.
Pjotr Tschaadajew (1794 – 1856) war jener Autor, der in „Philosophischen Briefen“ oft über die Minderwertigkeit der Russen klagte und jeden Zugriff auf die „Volksseele“ für berechtigt erachtete. Wichtig ist, dass die Interpretation der „Gesellschaft zwischen China und Deutschland“ von Tschaadajew aus Hegel entnommen wurde und bezeichnete ein autoritäres System für alle Russen als ein Remedium. So waren Belinski und er als maßgebende Autoren ein Sprachrohr für die historischen Erfahrungen und Einschätzungen von Russland, befürworteten eine politisch starke Hand und es darf nicht verwundern, wenn selbst die russische Intelligenz diese Einschätzung teilt. Die Idee, züchtigen zu müssen, in einer Partei eine auserwählte politische Avantgarde zu sehen, die sich zu terroristischen Maßnahmen berechtigt erachtet, war nur ein weiterer Schritt verbreiteter Anschauungen, auf die Lenin sich schon berufen konnte – und warum nicht auch Putin?
Dennoch bleibt es ein Rätsel, wie sich die „slawophile“ Richtung mit der russisch-hegelianischen Orientierung vermischen konnte? Das Bindeglied war die Auffassung eines idealisierten Russland, das aus der Vorstellungswelt der „Westler“ herausgelöst wurde. Die intellektuelle Lücke, die nach dem „Dekabristenaufstand“ entstanden war, wurde weitestgehend von den „Slawophilen“ geschlossen, allen voran von den Brüdern Iwan und Peter Kirejewskij, von Alexej Chomjakow und Konstantin Aksakow. Mit diesen war der Weg in den russischen Chauvinismus nicht mehr fern. Um 1880 dominierten sie als Nationalisten das politische Stimmungsbild. Und im Gegensatz zum „Westen“ sah diese nationalistische Strömung ihre Identität in der orthodoxen Kirche bestätigt. Die bislang nur als politische Handlangerin agierende Orthodoxie zählte nun als Ort aller möglichen Mystizismen. Es lag auf der Hand, dass nun die katholische Kirche im „Westen“ zur Feindin erklärt wurde, als ein Irrweg galt, und die unversöhnliche Feindschaft des orthodoxen Russland gegenüber dem katholischen „Westen“ wurde noch schärfer. Die Kritik an der römischen Kirche hatte man dann im „Westen“ zum Anlass genommen, in die nationalistischen Strömungen einen Antiklerikalismus zu adoptieren. Moskau kam nun als „Drittes Rom“ ins Gespräch. In dieser moskowitischen Orthodoxie sei der Heilsauftrag erhalten geblieben und die Russen selbst sind „Gott-Träger“, gerade im russischen Volk ist die Erlösung der Menschen zu erwarten. Waren in den Städten die aufrührerischen Intellektuellen weiterhin am agnostischen Sozialismus interessiert, so entwickelte sich am „Land“ in den Dorfgemeinden eine bäuerlich-kommunistische und zugleich naiv-orthodoxe Zusammengehörigkeit. Der Geist dieser Gemeinschaftsbildung verdankte sich dem ungebrochen vorhandenen Friedens-Gedanken, dem „Mir“. Hatte es eine ähnliche Vorstellung im “Westen“ während des Mittelalters gegeben, nämlich sich fest in einer „Landfriedensordnung“ verankert zu sehen, die zugleich ethische Normen und Regeln enthielt, so war ein vergleichbares Bewusstsein in Russland erhalten geblieben. Von den Slawophilen war diese Mentalität als genuin russischer Tugendkatalog dargestellt worden und war der Motor eines neuen russischen Selbstbewusstseins. Iwan Kirejewskij sah im russischen Bauern den Kulturträger und allen Menschen im „Westen“ haushoch überlegen. Es kann sein, dass Putin seine Herkunft aus einer derartigen traditionellen russischen Familie nicht nur in seine Karriere einbezog, sondern im Unterschied zur Sowjetunion legitimierte das „alte Russland“ seine politischen Pläne weit besser. Wenn die letzten Jahre der Sowjetunion vom Plan bestimmt waren, eine zügige Modernisierung endlich fortzusetzen, der auch der Anschluss an die westlichen Standards gelingen soll, ab Juri Andropow bis Gorbatschow, so profitierte davon die städtische Bevölkerung, die die neuen Liberalisierungen zu nutzen verstand, während die kleinstädtische und Landbevölkerung nicht in den Genuss dieser Neuerungen kam. Diese Modernisierung ging auf Kosten des Marxismus-Leninismus, der nur mehr formelle Geltung besaß. Für die Sowjetunion war es ein namenloses Pech, dass Gorbatschow ausgerechnet mit seinen Reformen den Untergang heraufbeschwor, weil die doktrinäre Ideologie keine Anpassung mehr zuließ. Dieses Kunststück scheint ja bislang in China zu gelingen.
Putin interpretierte diese letzte Phase als Katastrophe, die in seiner Einschätzung zugleich den Verlust russischer Identität bewirkte. Also war als ideologischer Ersatz die Rückbesinnung auf ein Russland der Slawophilen notwendig geworden. Diese Rückbesinnung samt ihren rücksichtslosen Verfolgungen von Regime- und Systemgegnern wird sehr irreführend als Faschismus bezeichnet Weniger bekannt ist, dass noch immer die Vorstellung verbreitet ist, Russland sei ein friedliebender Bauernstaat mit religiösem Imperialismus. Der Krimkrieg förderte diesen eigenartigen Patriotismus, dessen Stärkung man auch vom Krieg gegen die Ukraine erhofft. Für Putin ist „sein“ Krieg gegen Kiew gleichsam die Reifeprüfung für seine weltpolitischen Ambitionen, die er so hoffnungsfroh in Georgien oder Syrien und mit der Okkupation der Krim begonnen hatte.
Sollte man erneut die Biographie Dugins in die Hand nehmen, so sind die hier angeführten historischen Bezüge beim Biographen präsentiert und scheinen sich zur Charakterisierung des Präsidenten zu verdichten. Bei der Sammlung der diversen Quellen muss man den Fehler vermeiden, in den differenten historischen Positionen um jeden Preis eine Übereinstimmung zu suchen, oder aus dem Wust der Widersprüche eine kompakte Einheit zu konstruieren. Der geheimnisumwitterten Imagination eines russischen Volkes, das in der Romantik zu einem festen Bestand des Denkens wird, entspricht dann ein sonderbarer Quietismus. Allerdings kann ebenso schnell eine fast übermütige revolutionäre Raserei eintreten, die auch der Bolschewismus in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution nützte. Hin und wieder erfährt man dennoch vom eigenständigen Denken während der 20er und 30er Jahre, so man den Säuberungen Stalins entging. Es waren auch Gruppen der „Westler“ unterwegs, Ingenieure und Naturwissenschaftler, oder „Slawophile“. Sie agierten bereits im 19. Jahrhundert in ähnlicher Weise wie im Mittelalter Waldenser oder Wiedertäufer. Dieser Abweichungen nach „links“ wurden ebenfalls verfolgt, in politischen Zugriffen entweder beseitigt oder mündeten erneut in der Orthodoxie. In ihr war die Lebensform eines „Urkommunismus“ nicht fremd. Jedenfalls wurde eine „politikartige“ Frömmigkeit beibehalten, die von einer Naturreligion schwerlich zu unterscheiden ist. In dieser Spielart sind die religiösen Gesten Putins zu interpretieren, die ihm vielleicht nichts bedeuten oder den Zweck haben, ihn zu bestätigen. Bald sind die Gesten wie der Vollzug der Erinnerung an die Großmutter, bald gibt er in seinem sphinxartigen Lächeln zu erkennen, das orthodoxe Kirchenoberhaupt zu sein. Das Bramarbasieren Putins im Fernsehen gilt ja nicht allein dem Krieg, in den er immer mehr Menschen schickt, sondern im Rundumschlag will er die westliche Zivilisation als ein Verfallsprodukt bezeichnen. Und doch will er wie der amerikanischer Superman auftreten, bald wie Tarzan oder Schwarzenegger und Bud Spencer in einem. Dabei ist Putin schmächtig, leptosom, man neigt dazu, ihn zu unterschätzen, wenn man meint, er sei ein Dreikäsehoch. Die offenbar erfolgreiche Ausbildung beim KGB gibt ihm die Technik der infamen Rache und des gezielten Tötens. Oft wird erwähnt, Putin inkliniere zum Faschismus. Diese Bezeichnung ist, wie bereits erwähnt, irreführend und legt den Vergleich mit der mitteleuropäischen Clownerie nahe. Freilich besteht der Eindruck, in Putin sei eine Führerfigur entstanden und viele Interpreten wollen damit Putin charakterisieren. Eine solche Figur passt so gar nicht zur russischen Geschichte. Wenn der Vergleich zulässig erscheint, dann ist wahrscheinlich das Moderne an ihm, ein recht bescheidener Mussolini zu sein. Manche Indizien sprechen dafür, denn oft bezeichnet er seine Gegner als Faschisten, seit Stalin das probate Reizwort gegen die Feinde Russlands. Und vielleicht trifft diese Beschimpfung schließlich auf ihn selbst zu. Er ist alles das, was andere in ihm vermuten. Damit verletzt er die Kontinuität der eigenständigen russischen Geschichte. Selbst wenn eine derartige Umkehrung in den russischen Traditionen zu finden ist, in den Romanen und großen Entwürfen zur Charakterisierung dieses rätselhaften Subkontinents, so erfüllt es noch lange nicht diesen enormen Aufstieg zum Präsidenten. Unterdessen sind viele Menschen eines gewaltsamen Todes gestorben, viele wurden eingekerkert und die Medien steigerten sich zur verrückten Raserei, deren tiefes Niveau erschreckend ist. Nun muss man endlich die Frage beantworten, die am Beginn gestellt wurde? Hinterließ die russische Geschichte ab 1917 eine Lücke in Europa? Kurzfristig hätte man der Meinung sein können, dass der „Westen“ in den 60er Jahren zu erkennen glaubte, die Rezepturen des Marxismus verdrängt zu haben und startete einen gewaltigen Prozess des Nachholens an den Universitäten. Immerhin war diesen Bewegungen ein nachhaltigerer Erfolg beschieden als den Kommunistischen Parteien in Westeuropa nach 1945. Trotz der enormen Leistung Russlands zwei Mal Europa stabilisiert zu haben – nach 1812 und 1945, war der Erfolg nur kurzfristig spürbar und Großteiles in Verruf geraten. Auf einem anderen Blatt stehen jene ästhetischen Leistungen, die in Russland ein Qualitätskriterium wurden. Jene Beiträge für Europa fehlen, die vor 100 Jahren das „visuelle Konzept“ des Modernen geschaffen hatten – in der dynamischen abstrakten Malerei. Es fehlt die Rezeption rezenter russischer Literatur, die den unglaublichen und geförderten Provinzialismus der mittel- und westeuropäischen Schriftsteller überwinden hilft. (Wiktor Pelewin, Ljudmilla Ulitzkaja, Sachar Prilepin, Wladimir Sorokin, Michail Schischkin, Jewgeni Wodolaskin, Gusel Jachina) Und schließlich war es den russischen Komponisten ab Igor Strawinskij bis Dimitri Schostakowitsch gelungen, eine Alternative zu Schönbergs Zwölfton-Musik“ zu bieten, die kompositorische Schablone zu zerbrechen, worunter auch die Schule nach Schönberg litt.