Seit dem Mittelalter, also ab 900 beherrscht Wien die Zugangsstraßen ins Donautal. Böhmen und die Alpenländer haben eine andere geographische Gliederung, reihten sich aber seit jeher um dieses mächtige Zentrum. Mit einiger Phantasie kann man die Hügelketten als die Ausläufer der Karpaten, Sudeten und Alpen bezeichnen. Vom Kahlenberg aus ist die topographische Besonderheit gut zu sehen.
An diesem Ort saß später der Schirmherr des Reiches gegen das osmanische Reich. Weit früher war die Siedlung zugleich der Sitz der 12. römischen Legion. Das Straßennetz ist noch erkennbar am Kohlmarkt, Herrengasse und Augustinerstraße. Am Kreuzungspunkt – Michaelerplatz – hatten die Babenberger ihre bescheidene Burg nach 800 gebaut und waren mit dem Land um Wien belehnt worden.
Schließlich waren es Kaiser, die bis 1806 die Krone des sächsischen Kaisers Otto I. trugen. Diese Kaiser waren in der Kutte der Kapuziner in Wien begraben worden. Sie regierten ab 1500 nach spanischem Zeremoniell. Deshalb hatten Kaiser und Kaiserin getrennte Gemächer in den Schlössern. Das zwang zu weitläufigen Gebäudeplanungen, zu endlosen Korridoren und auskragenden Stiegenhäusern. Der Kaiser nahm an der Fronleichnamsprozession teil, am 60. Tag nach Ostern – der letzte war Franz Joseph. Seinetwegen war die Prozession in Rücksicht auf das Alter in den Verbindungsgängen des Kellers abgehalten worden. Begleitet wurde er von allen jenen Ländern, deren Krone er inne hatte. Selbst Triest zählte dazu, die der Kaiser gemäß der Satzungen der Guelfen als Podestá regierte. Dazu gehörte natürlich Böhmen samt böhmischer Landeskirche, die die kaiserlichen Vorgänger nach 1620 mit strenger Hand „katholisch machten“. Über Ungarn herrschte er als König kraft der parlamentarischen Ständeordnung, deren Magna Charta die Stefanskrone ist. Sie war nachweislich 1185 bei Bela III. vorhanden. Auf der Rückseite zeigt die Bilddarstellung den byzantinischen Kaiser. Daher besteht die Stefanskrone aus zwei Teilen. Der eine Teil – die corona Graeca erhebt den Anspruch auf die byzantinische Tradition, die spätere corona Latina beansprucht Ungarn als Teil des Reiches im 15. Jahrhundert. Österreich ist daher nur mit der historisch-problematischen Rolle Ungarns kaum zu verstehen. „Die Ungern“ vermochten die habsburgische Entfremdung vom Reich zu fördern und veränderten die politische „Schwerpunktbildung“ für Wien – immer mit dem Versprechen, Österreich im Konflikt mit dem Reich beizustehen.
In den übrigen Ländern herrschten diese Kaiser ab 1700 als aufgeklärte Landesfürsten, deren berühmtester Josef II. war. Er erhielt auch ein Denkmal, das Franz Zauner bewusst in der „Gestaltungstradition“ von Marc Aurel, dem spätantiken Denkmal vor dem Konservatorenpalast in Rom errichtete. Im 19. Jahrhundert war den meisten Ländern der Donaumonarchie ein liberales Recht höchst unaristokratisch gegeben worden, der Probegalopp war zuerst in Galizien vor 1811. Hier hatte man es zwei Jahre lang getestet und dann das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch in der gesamten Monarchie eingeführt. Vom „alten Recht“ blieb nur die fideikommissarische Regelung über, die den Aristokraten den unveräußerbaren Grundbesitz sicherte und dem bürgerlichen Erbrecht entzog.
Zu dem Kaiser in Wien flüchteten die hannoverschen Welfen und französische Emigranten, katholische Preußen und Juden aus dem zaristischen Russland.
Zu den Völkern der Donaumonarchie zählten Spanier, Italiener, Ruthenen und Juden, Belgier und Serben, Baschkiren und Kumanen. Bis ins 20. Jahrhundert blieb der Maria-Theresientaler das Zahlungsmittel im Orient, auch nach dem Ersten Weltkrieg.
Der Kaiser war der Inbegriff eines Universalmonarchen. So besaß Franz Joseph über den Kurienkardinal und Erzbischof von Gran (Esztergom) ein Vetorecht bei der Papstwahl, das er noch 1903 auch ausgeübt hatte. Nach dem Ende des Römischen Reichs 1806 und der „Mutation“ von Franz II. zum österreichischen Kaiser Franz I. wurde der nunmehr als Donaumonarchie bezeichnete politische Verband zum Beispiel einer multinationalen, multiethnischen und multikulturellen Konstruktion. So ergaben sich für die Erblande des Hauses Habsburg differenzierte politische Aufgaben. Und diese hatten ihre Geschichte.
In Kopie der Territorialpolitik Ludwigs XIV., der ja seine Mitgliedschaft im Reich schon vorher aufgekündigt hatte, was ja auch Heinrich VIII. bei der Errichtung seiner Hochkirche in England ebenfalls getan hatte, versuchten auch die Habsburger die Wahlordnung der „Goldenen Bulle“ Karls IV. von 1356 zu überspielen, um zwar der übernationale Kaiser in der Einbildung zu bleiben, aber dennoch den Landbesitz als Eigenbesitz aus dem Reichsverband zu lösen. Somit wurde der Titel einer des Erbkaisertums und hörte auf ein gewählter Kaiser des Reiches zu sein.
Zwei wesentliche Ereignisse haben die europäische Reichsgeschichte an den Rand der Existenz gebracht. Durch Bestechung gewann Karl V. 1519 die Wahl gegen den französischen König Franz I. Die französische Antwort war der enttäuschte Rückzug aus der Reichspolitik. Die Folge waren später die Reunionskriege, die Ludwig XIV. leidenschaftlich geführt hatte, um dann überhaupt den Spanischen Erbfolgekrieg vorzubereiten. Pikant ist der Umstand, dass Ludwig XIV. Straßburg im gleichen Jahr eroberte, während der Sultan Wien belagerte.
Erst der bayrische Abenteurer „Karl VII.“ hatte für kurze Zeit die habsburgische Erbfolge nach dem Tod von Franz Stefan von Lothringen, dem Gemahl von Maria-Theresia, unterbrochen.
Die zweite Belastung des Reichs durch habsburgische Politik war die Ausdehnung nach dem Südosten Mitteleuropas. Wegen der folgenden schlesischen Kriege mit Preußen geriet der Anteil der Deutschen im „Kaiserstaat“ in die Minorität. Obendrein verabsäumte man in Wien, Böhmen als ebenbürtigen Teil der habsburgischen Erbbesitztümer anzuerkennen. Am Beginn des 30-jährigen Kriegs hatte Ferdinand II. die administrative und intellektuelle Elite Prags nach Wien übersiedelt. Damit war Prag dazu verurteilt, eine Provinzstadt zu sein. Die Tschechen waren ihrer Eigenständigkeit endgültig beraubt. Das rächte sich 1918.
Hingegen ist es der Weitsicht habsburgischer Politik anzurechnen, Russland nicht aus den Augen verloren zu haben. Weithin unbekannt ist der Versuch Maximilians I. um 1500, den Zaren mit einer Königswürde des Reiches auszustatten. Der Zar, der sich als direkter Nachfahre der byzantinisch-„griechischen“ Kaiser sah, lehnte hochnäsig ab. Allerdings hatte er durchschaut, dass mit der Königswürde eine Abhängigkeit vom „West-Reich“ abgeleitet werden könnte. Und der zweite Versuch scheiterte ebenfalls. Maximilian II. hoffte in der Bedrängnis durch den Sultan auf die Hilfe des Zaren. Also bot er ihm die Anerkennung der „griechischen Kaiserwürde“ an, gleichsam eine Rolle, die im Doppeladler zum Symbol beider Reiche wurde.
Dafür hatte der Zar nur den Spott über, schon längst ein Kaiser zu sein, da er sich als direkter Nachfolger der Byzantiner fühlte.
Alle diese Facetten sind in der Stadtgeschichte zu erkennen. Im 18. Jahrhundert gab es jene Konfessionen in Wien, die die Zuwanderer mitbrachten: Kroaten, Serben, Griechen und ungarische Calviner, da ja Calvin in Wien studiert hatte. Deren Sprachtradition war in Wien erhalten geblieben, die im Einflussbereich des osmanischen Reichs verloren ging. Also wurde in Wien von Theodor von Karajan das Neugriechische „erfunden“, von kroatischen Mönchen das Serbische samt zyrillischer Schrift und Fürst Trubetzkoi sicherte nach seiner Flucht aus Russland den Bestand jener genuinen „Tonart“ in Wien: die osteuropäische Volksmusik. (Bis heute existiert sie im Schallarchiv der Akademie der Wissenschaften.) Und in Wien lebten im 18. Jahrhundert mehr „Italiener“ als in Rom.
Die jüdischen Viertel waren in Wien seit dem frühen Mittelalter im halb geduldeten Verhältnis zu Kaiser und Stadt, bald als Geldverleih, bald erpresst und verfolgt. Zwar standen sie immer wieder unter dem Schutz des Kaisers, doch so es günstig schien, die Schulden liquidieren zu können, war der Schutz der Juden deutlich eingeschränkt worden und das grausame Kesseltreiben begann. Hervorzuheben sind jene Fürsten, die im Schatten der Kaiserstadt ihre Schlösser hatten und jederzeit Juden aufnahmen, so ihnen in Wien Hetzjagd und Ermordung drohte: Dietrichstein und Batthyány-Stratmann. Und es wiederholte sich fast in jedem Jahrhundert.
Nun war Wien wegen vieler Bedrohungen bis ins 19. Jahrhundert als „unterentwickelt“ angesehen worden. Bekannt ist, dass die westeuropäischen Städte eine genuine Geschichte entwickelten, sich vom Muster der oberitalienischen Städte lösten und zu Trägern der Innovationen und Modernisierung wurden.
Das war in Wien anders.
Die Truppen des Sultans standen zwei Tagesmärsche von Wien entfernt – immer Gewehr bei Fuß. Und zweimal war der Bedrohungsfall auch eingetreten: 1529 und 1683. Damit war jene Stadtentwicklung nicht möglich, die im „Westen“ bereits stattfand. Über 150 Jahre hatte Wien eine Schutzfunktion für die Bevölkerung in und um die Stadt zu erfüllen, weshalb es zu keinem nennenswerten ökonomischen Aufschwung kam. Wer hätte in diese Stadt investieren sollen, in der keine Sicherheit geboten werden konnte? Somit hatte sich auch kein Bürgertum gebildet. Es fehlten die „Leistungsträger“ für Modernisierung und Reform. Und „die Habsburger“ waren eifrig bemüht noch vor dem Westfälischen Frieden 1648 jenen Grundsatz mit allen Mitteln durchzusetzen: eius regio cuius religio…
So war die darauf folgende Aufklärung von der aufgeklärten Landesverwaltung verfügt worden und konnte nur mit wenig Gegenliebe rechnen. Obendrein war die Aufklärung schon durch Franz Stefan von Lothringen, dem Vater Josefs II. inauguriert worden, wobei der „hoheitliche“ Charakter sehr betont blieb. Eine Wiener „Jakobinerverschwörung“ gab es um 1792, doch war sie bald enttarnt worden und die Rädelsführer zum Tod verurteilt.
Also musste nach der Befreiung von der Türkengefahr eine Stadt erst ausgebaut werden. Das war durch eine „Zwangsverpflichtung“ möglich geworden: Die Adeligen waren gut beraten ihre Stadtpalais in Wien zu errichten, ebenso die Mönchsorden, die im weiten Umland von Wien ihre Klöster hatten. Mit Ausnahme der „städtischen“ Orden, die in Wien schon ansässig waren – Dominikaner, Franziskaner, Kapuziner, Minoriten, Augustiner Eremiten – zogen nun alle Orden „benediktinischer Regel“ nach Wien, um ebenfalls bei Hof präsent zu sein. Nirgendwo in Europa war eine derartige räumliche Nähe von „Thron und Altar“ eingetreten.
Die Barockstadt war innert weniger Jahre mit hervorragenden Baumeistern errichtet worden. Sie schufen erstmals eine städtische Aura, die heute selten zu sehen ist, da die Ensemble-Wirkung verloren ging. Ein Rest ist im Umkreis der Akademie der Wissenschaften, der früheren Universität zu sehen. Ein Förderer dieses städtischen Bauprogramms war der savoyische Prinz Eugen, der aus „Reichsnostalgie“ zum Kaiser eilte, um von diesem Hilfe gegen die Territorialstaatspolitik Ludwigs XIV. zu erbitten. Diese Illusion zerplatzte bald. Mit großem Talent war er erfolgreicher Militär, Politiker und Wissenschaftler. Er vertrieb endgültig „die Türken“ bis weit hinter Belgrad, er musste den Spanischen Erbfolgekrieg diplomatisch lösen, der den Habsburgern Spanien kostete, aber nicht die spanisch besetzten Gebiet rund um die Niederlande und nebenbei war er der angesehene Versicherungsmathematiker, dessen Buchbestand heute den Prunksaal der Nationalbibliothek zur Gänze füllt..
Allerdings waren Eifersucht und Konkurrenzkampf zwischen Eugen und dem Kaiser immer deutlicher geworden. Karl VI. ließ die Karlskirche von Fischer von Erlach dort errichten, wo der Blick von der Hofburg auf Eugens Belvedere nicht mehr möglich war. Ebenso wurde Schloss Schönbrunn nicht auf dem Hügel errichtet, wie es der Plan Fischers vorsah – heute steht dort die Gloriette – sondern der Kaiser verfügte, das Schloss in der Senke zum Wien-Fluss zu bauen. Vom Hügel aus hätte er auf die Stadt blicken müssen, was einem barocken Potentaten nicht zuzumuten war, sollte er auf jenes Land blicken müssen, das nicht seines ist/war.
Für die Stadtentwicklung war das Bombardement der Stadt durch französische Artillerie entscheidend. Die nach 1192 errichteten Kasematten aus dem Lösegeld (23 Tonnen Silbermünze) für die Freilassung des englischen Königs Richard „Löwenherz“ schnürten die Stadt schnürten bis 1809 ein und erlaubten im Vorfeld der Stadt nur eine dörfliche Entwicklung. Auf den Trümmern der Befestigungsanlage wurde ab 1860 die Ringstraße errichtet – mit Militär als Bauarbeiter. Die Gründe wurden teuer verkauft. Zuerst war an Adelige gedacht worden, wie damals im Barock, doch weit attraktiver war es, den jüdischen Bankhäusern Repräsentation anzubieten und dem kulturellen Anspruch der Stadt einen Rahmen zu bieten.
So begann sich Wien als Kunststadt zu fühlen – 1880. Nun war die Stadt eher an der Dekoration interessiert, Im Unterschied zu München – „Isar-Athen“ – war dort eher ein humoriger Anstrich geboten worden, während in Wien davon wenig zu spüren war. Außer gefälligen Feuilletonismus war kaum eine Literatur von Rang vorhanden, da Franz Grillparzer und Adalbert Stifter inzwischen verstorben waren. Noch weit vor der Jahrhundertwende, mitten im Historismus wurde alles nach Dekorationsbrauchbarkeit eingeschätzt, also behäbige Palastfassaden wurden aufgerichtet, hinter denen kümmerliche Mietwohnung versteckt wurden. Der Schönheitsvirtuose war der Maler Hans Makart, dessen Aufsehen jenem von Franz von Stuck in München glich. Wenigstens wurde Makart nicht geadelt. Wien errang aber für die Musik- und Theaterwelt eindeutig eine „Weltbedeutung“. Allerdings zwang das verspätete Bekenntnis zum Historismus zur Museumshaftigkeit, die bald mit Kultur verwechselt wurde. Wegen dieser Verwechslung war der Stadt der Status der Einmaligkeit verliehen worden, was gegenwärtig in jeder phantasielosen Reklame für Städtetourismus repetiert wird. Wundersamer Weise waren Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms und Bruckner in dieser Stadt integriert, weshalb man sich hier den „Wagnerianismus“ ersparte, so dass Wien eine musikalische Institution und Kontraindikation war. Daraus entstand im krassen Missverständnis dazu die Vorliebe für die Operette, die seichte Unterhaltungsmusik nach Johann Strauß, alles zusammen ein einziges Verfallszeichen, mit dem es sich aber gut leben ließ. Denn Verfall im Elend führt zum Vegetieren, zur Heurigenseligkeit bei Alkohol, der kulturelle Reichtum ins Museum. Das Museale in Wien ist das Vegetieren im Reichtum, ein heiteres Vegetieren….bis 1914.
Die Reaktion auf diese Gewissenlosigkeiten begann bei
Sigmund Freud, der diesen kollektiven Verdrängungen im „Unbehagen in der Kultur“ nachspürte, in der Philosophie nach Ernst Mach mit dem „Wiener Kreis“, dessen Gast Ludwig Wittgenstein war, den großen Schulen der Ökonomie (Karl Menger), der Kunstgeschichte (Alois Rigl), der Medizin (Carl Rokitansky und Theodor Billroth), der Physik (Ludwig Boltzmann), der Individualpsychologie (Alfred Adler), der Ethnologie (Wilhelm Schmid), der Mineralogie (Gustav Tschermak), der Phänomenologie (nach Edmund Husserl) und der Geschichte (Theodor Sickel) – oder die Wiener Schule der Musik (Arnold Schönberg). Die Architektur erlebte einen gewaltigen Aufschwung, nachdem man Theophil Hansen engagiert hatte, der der Schwiegervater von Otto Wagner wurde. Daraus bildeten sich bedeutende Gruppierungen um Adolf Loos, Josef Hoffmann, Josef Plecnik.
Das alles ist nur teilweise sichtbar geblieben. Bereits Herrmann Broch musste feststellen, dass ausgerechnet in Wien, wo doch das Museale daheim sein soll, im barbarischen Zwang Vieles vernichtet wird. Man muss sich immer vor Augen halten, in welcher Ambiguität die Stadt existiert. Mit aktuellem Bezug kann man die Gegenüberstellung als Beispiel nehmen, nämlich in Wien zwischen Umarmen und Erwürgen zu existieren. Das eine schützt nicht vor dem anderen. Es zählt zur Wiener Eigenart, dass umgekehrt der Erdrosselte immerhin die Chance erhält, in Wien einmal hochgeehrt zu sein: wie Sigmund Freud oder Ludwig Wittgenstein.