Gedanken Reinhold Knolls

Was suche ich – suche ich?

Eine Humoreske

Während der Fahrt zwischen Seewalchen  und Vöcklabruck wünscht man zu erblinden. Nur in der Erblindung schwindet selbst ausgesuchte Hässlichkeit dahin.  Zur Immunabwehr summt man im Auto: Kein schöner Land in dieser Zeit / als hier das unsre weit und breit… Scheußlichkeiten haben schon längst das gelobte Salzkammergut penetriert. Sie verhöhnen die im Biedermeier gemalten Idyllen von Hallstadt bis Mondsee. Tourismus und Gemeinsinn der Zweithäusler verstärken diese mondänen Kolonisation im Anthropozän. Es sind Geschwüre ausgesuchter Geschmacklosigkeit. Alles ergibt sich der Grauzone perversen Bauens, speziell entlang der Seeufer. Sie hätte die Grundlage der  Perlenschnur erlesenen Bauens sein sollen. Fortgesetzt wurden nur die Sagazitäten der letzten 150 Jahre: obszön und mickrig.  

Am Eingang zum Stadtplatz grüßt die Gruppe geschädigter Betroffener. Auf ihrem Flugblatt lautet die berechtigte Frage:  Was suchen Sie hier?

Ich suche am Stadtplatz einen Parkplatz, einen Bäcker, ein Wirtshaus. Dem alten Platz begegnete schon Franz Stelzhamer mit Häme

Vöcklabruck

Obn a Turm

untn a Turm

und in der Mittn

lauter Surm…

Was suche ich hier? Die Antwort verschweige ich. Den Grund zu nennen, käme einer Beichte gleich: Ich suche nämlich eine Bank. Keine Sitzbank und nicht irgendeine Bank. Ich suche weder die Hypo Oberösterreich, noch Raiffeisenbank, auch nicht die Oberbank. Ich bin deshalb in Vöcklabruck, um mit Erlagschein aufs Konto meiner Visa-Karte „einzuzahlen“. Ich bin nicht freiwillig hier. Ich erlernte, einen Zahlschein nur bei jener Bank einzahlen  zu dürfen, bei der man auch ein Konto hat. Und diese nun halb-italienische UniCredit gibt es im Umkreis von hundert Kilometer nur in Vöcklabruck.

Wahrscheinlich kommen auch viele Italiener nach Vöcklabruck, weil sie das Gedicht von Stelzhamer noch nicht kennen. Sie würden das Gedicht für zutreffend halten, würden sie deutsch können. Was sagt ein Mensch aus Florenz zu Vöcklabruck?

Die Adresse dieses winzig konzipierten Bankinstituts ist wenigstens weltstädtisch, obwohl nicht am Hauptplatz: Salzburgerstraße. Da denkt man nicht an Überziehungsrahmen, Abhebungslimit sondern an Mozart. Und gleich weiter links ist die Doktor Anton Bruckner Straße.

Ich beschloss, in die Doktor Anton Bruckner-Straße zu gehen. Vielleicht kann ich mich dort von den Strapazen der Überweisungen erholen. Früher waren Bankangestellte nie so boshaft und pingelig wie diese Maschinen. Die hatten  damals Mängel des ausgefüllten Zahlscheins selbst beseitigt. Jetzt steht man einer herzlosen Maschine gegenüber.

Ich fragte nach der Doktor Bruckner-Straße? Die Antwort war: Ja gleich am nächsten Eck hat der Enkel die Kanzlei. Meine Assoziationen waren falsch. Kein Einsatz der „Hörner“ am Beginn des dritten Satzes der Vierten Symphonie.

Beim Kaffee berichtet man mir am Stadtplatz beim Oberen Turm ohne viel Umschweife, dass sich hier alle den Arsch aufreißen, aber in Wien lässt man den Tüchtigsten nicht ans Ruder – bei gezählten 37%!    

An mir entdecke ich wachsende Sympathie für Feministinnen. Es war falsch, sie zu verteufeln. Es war mein Fehler, sie für die Ursache dieser Trash-Mode zu halten, sie als Marktsegment zu denunzieren. In Vöcklabruck war mir das klar geworden. Obendrein würden sie nie 37% der Zustimmung erreichen

Um mich herum die Gruppe deutscher Rentner im Café. Was suchen die hier? Am Tisch vor ihnen das obligate Bier. Wie zur Meditation sehen sie unverwandt aufs Krügel. Das Wort kennen deutsche Biertrinker nicht. Sie bestellen gleiche ´ne Halbe. Ab fünfundfünfzig schlüpfen die Deutschen aus dem Kokon ihres Arbeitslebens. Aus der Raupe wird der Schmetterling. Wie die Schwalben Ende September und der Storch im  Herbst, wie die Blumenkinder in früheren Zeiten fährt der sechzigjährige Deutsche in den Süden. So bleibt der finanzschwache Deutsche im Salzkammergut hängen, zumeist schon in Salzburg. Die anderen auf Mallorca oder Kosa Mui.

So sitzen um mich herum in Vöcklabruck im Stadtplatz-Café Deutsche, die von ihren letzten schönen Jahren profitieren wollen,  mit Nah- und Fernreisen im Bus oder Flugzeug, in der Zweitwohnung am Traunsee oder Wolfgangsee. Sie  lungern herum am See entlang, ebenso die Häuser. Wirtshäuser erwachen aus dem Dornröschenschlaf und preisen Kasseler Rippchen an, Sauerbraten und nachher Eisbombe nach Art Fürst Pückler..

Die schönsten Orte Europas werden ausschließlich von deutschen Rentnern bewohnt. Mit ihnen als Gäste kamen die Gastarbeiter ins Land..

Ich wollte der Gruppe deutscher Rentner mein Flugblatt geben. Vielleicht wissen die, was sie suchen? Wie Menschen aus Afghanistan oder Jordanien und Ägypten hierher kamen, so kamen auch die Deutschen hierher – bei saisonbedingter Völkerwanderung. In der Analyse neuer Heimat unterscheidet sich ihr Urteil nicht wesentlich vom Urteil der Türken: Überall muss noch Vieles verbessert werden.

Im Wirtshaus schütten Deutsche gern ihr Herz aus – nach dem Essen. Es sind Gedanken auf der Durchreise, sie zählen nicht wirklich und erzählen auch nichts. Es sind immer nur Ortsnamen, Preise oder ungenießbares Essen, worüber berichtet wird. Alles ist irgendwo und nirgends. Geklagt wird, dass in Afrika, Asien, Südamerika noch immer nicht der Standard des internationalen Tourismus erreicht wurde, aber man bemüht sich. Diese Anerkennung darf nicht fehlen. Da werden alle zu Kosmopoliten: Zum Beispiel: empört sich einer aus der Gruppe, dass man in Äthiopien noch immer kein Helles mit Schuss kennt, erntet er Worte der Beruhigung und Naschsicht. Das wird sich ändern, wenn auch dort Kempinski Kost und Logis bietet. Weltbürger trösten einander. Und es klingt wie eine Drohung.

Weiters berichten sie, die Kinder sind per Charterflug gerade in Nairobi, in Lima oder Quebec. Man hat sie eben international erzogen, gerade wegen der Geschichte.  

Meine Gedanken trüben sich ein. Ich höre mitten in Vöcklabruck einen  geographisch-kulinarischen Kunterbunt. „Das Essen auf den Kanaren ist besser als auf den Kornaten.“ Die Exponenten aller „reichen Länder“ sind so. Es sind nicht nur die Deutschen. Alle sind so. Unser Glück, dass wir die anderen nicht verstehen. Daraus wird die Toleranz geschöpft. Und  dem Satz des pensionierten Intervalltrainers ist auch nicht zu widersprechen: Alle Religionen sind zu respektieren. Die kennt er wie den Club Med.

Durch übereinstimmende Meinungen konstituiert sich die Gruppe zur Gesinnungsgemeinschaft. Daraus besteht die neue Solidarität der Fernreisenden. Ein neuer Sozialismus der Satten wächst heran. Irgendwie scheinen sie Weltbürgertum und Nationalstaat auf einen Nenner gebracht zhu haben –  in Vöcklabruck….