Gibt es sie noch? Die Wirklichkeit? Eben erst bis zum letzten Molekül ausgekundschaftet, untersucht und beobachtet, ist sie im Grunde nicht mehr da.
Die alte Frage von Pilatus: Was ist Wahrheit? – haben wir längst beiseitegelegt.
Also interessiert uns vornehmlich die Wirklichkeit.
Heute lautet aber die Frage: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Die Physikalisten in der Philosophie – wie Otto Neurath – belehrten uns, die Frage nach der Wahrheit ist nur eine Scheinfrage gewesen und führt stets in die Irre. Jeder Mensch weiß heute: Wahrheit gibt es nicht. Und niemandem fällt das Paradox auf, da diese kluge Äußerung natürlich wahr sein soll! Fast ist man versucht hinzuzufügen: „so wahr mir Gott helfe…“
Also bei der Wahrheit sind wir uns einig: der einzig wahre Satz lautet, dass es keine Wahrheit gibt. Ein Fortschritt in allen Belangen. Wie es für Psychologen kein Gewissen gibt, es sei denn erzwungene Anpassungen an gesellschaftliche Konventionen der Sittlichkeit, so gibt es heute beides nicht: Wahrheit und Gewissen sind sonderliche Erfindungen des Menschen mit schwacher Vernunft.
Um die alte Wirklichkeit ist es nicht besser bestellt.
Wir leben im Grunde in Atavismen. Das lehrt bereits die Straßenverkehrsordnung. Was soll noch ein Vertrauensgrundsatz, wenn es weder Gewissen, Verantwortung noch Rücksicht gibt? Das sind doch Fiktionen! Erfunden zur Gängelung der Menschen. Jeder Radfahrer belehrt uns eines Besseren. Vielleicht ist die Emanzipation von Verkehrsregeln der erste Schritt neuen Verhaltens?
Doch zurück: Die Frage, ob es Wirklichkeit noch gibt, kann ich seit ein paar Tagen klar beantworten: Es gibt sie zwar rudimentär, aber nicht mehr in gewohnter Form. Jene Wirklichkeit, in der wir uns vor 70 Jahren bewegten, ist heute eine willkürliche und veraltete Konstruktion geworden, in der vielleicht noch Schwer- und Anziehungskraft eine Bedeutung haben. Auf einer Raumstation sind beide Kräfte aufgehoben und Isaac Newton ist widerlegt. Wahrscheinlich ist die alte Physik immer schon ein Humbug gewesen? Schwerkraft als Faktor der Wirklichkeit ist längst überwunden, zwar nicht seit Jules Verne oder Baron Münchhausen, aber mit Wernher von Braun. Und die Bestätigung der Aussage, dass die Wirklichkeit, also die wirkliche Wirklichkeit ausgedient hat, bewies am Wiener Graben eine kleine Familie.
Vater und Mutter zogen in einem „Wagerl“ den etwa fünf-jährigen – nicht gehbehinderten Sohn. Sie fuhren an der Stephanskirche vorbei in Richtung Fresstempel von Hans Hollein, vorbei am historistischen Prachtbau, dem Equitable-Palais, in Richtung des Graben-Hofes von Otto Wagner. Das Bürschchen im „Wagerl“ hatte Kopfhörer und auf einem Brett seinen Laptop, auf den er unverwandt blickte. Rechter Hand hatte er das Telefon, linker Hand die Maus. Am Tabulator tippte er manchmal wie wild, wahrscheinlich waren bedrohliche Geister abzuschießen oder sonstige Ungeheuer.
Dieser modernen Familie kam eine etwas altmodische Familie entgegen: Der Vater telefonierte aufgeregt, die Mutter versuchte die beiden Kinder zu überreden, endlich weiter zu gehen. Am Schaufenster eines Uhrengeschäfts lehnten zwei Kinder, etwa neun und sechs Jahre alt. Das eine Kind blickte unverwandt aufs Display des Telefons, bewegte sich hin und her, bald krümmte es sich, bald hüpfte es vor Freude. Das andere Kind weinte, da die Mutter es weiter zerren wollte. Sie hatte die Zuwendung ihres Kindes zum Telefon unterbrochen. Das Kind plärrte aus Zorn.
Alle sieben an dieser „sozialen Situation“ Beteiligten, hatten ihre eigene Wirklichkeit und ihnen konnten Dom, Hans Hollein, Palais und Otto Wagner wirklich gestohlen bleiben. Und diese neue Wirklichkeit hatten die Telefone geschaffen, weil sie ihre virtuelle Wirklichkeit vor die Wirklichkeit schieben konnten. Da hatte der Realgehalt aller Baukunst ausgespielt. Was ist ein gotischer Dom gegenüber dem imaginären Labyrinth, das eine fiktive Figur wie Herakles im Kampf durstreift?
Die beiden Familien kannten einander. Sie grüßten, blieben stehen und die Erwachsenen begannen zu plaudern. Die Kinder waren an dieser Begegnung desinteressiert. Ihre Wirklichkeit spielte sich am Display statt. Sie redeten nicht, sahen sich nicht um, sie zeigten nur spontane Reaktionen. Sie befanden sich in einer anderen Wirklichkeit. Und ihr entsprach das Verhalten der Kinder. Wenn eine Konstellation am Display zu ihrer Zufriedenheit eintrat, jauchzten sie auf und strahlten über ihre virtuellen Rekorde im Töten, Morden und Vernichten. Vielleicht waren 50 Räuber erschossen, zwei Raketen abgewehrt worden, oder ein Männchen hatte endlich einen Graben im Weitsprung überquert. Kinder sind ja bei solchen Herausforderungen namenlos geschickt.
Man kam überein, am Wiener Graben im Café das nette Gespräch fortzusetzen.
Und so war es auch.
Nach Schilderung diverser Urlaubspläne berichteten die Eltern über die Fortschritte ihrer Kinder. Die ältere Schwester sei nicht mitgekommen, denn sie besucht freiwillig einen Programmierkurs für Fortgeschrittene am Wochenende. Sie sei der ganze Stolz des Vaters, sagte die Mutter. Überhaupt müsse man sich über die Zukunft der Kinder keine Sorgen machen. Bei guter Kenntnis des Englischen und souveräner Beherrschung der Programmiersprachen stehen alle Türen weit offen. Und die Erwachsenen lachten hellauf bei Erwähnung des veralteten Schulunterrichts ohne PowerPoint, Textverarbeitung und Visualisierung. Welche Kenntnisse benötigt man noch, wenn diese mit der KI kompensiert werden können?
Heute würde die KI jedes Problem der Archäologie lösen, also sollte man keinen Ägyptologen mehr ausbilden, denn die Hieroglyphen würde die KI im Schlaf entschlüsseln. Die Eltern schwärmten von Möglichkeiten, die ohne langwierigen Unterricht einfach über die KI wahrgenommen werden. Die Kinder beachteten nicht einmal das Cola, da sie von ihren Spielen voll in Anspruch genommen waren, sie wollten einfach sitzen bleiben, obwohl die Eltern zum Aufbruch mahnten.
Selbst das Eintreffen der Rettung in der Fußgängerzone – mit lautem Tatütata – , um einen gestürzten Touristen zu versorgen, hatte die Kinder nicht neugierig gemacht. Die Eltern lobten die Konzentration der Kinder. Schnell bestätigten sie einander, dass selbst der spannendste Film im Fernsehen die Kinder vom Computer nicht weglocken kann. Letztlich ist das Interesse selbst für die Natur nicht wirklich vorhanden, denn das Wissenswerte ist in diesen kleinen Geräten immer greifbar und im unvorstellbaren Ausmaß vorhanden.
Allerdings bestünde die einzige Sorge im Bewegungsmangel. So flink die Finger sind, so träge sind die Kleinen bei physischen Anforderungen. Sie wollen nicht wandern, schon gar nicht laufen. Im Urlaub hocken sie im Fond des Wagens und wollen nicht einmal aussteigen, wenn sie gerade inmitten eines anspruchsvollen Clips sind.
Jedenfalls leben die Kinder schon in einer anderen Wirklichkeit. Demnächst wird diese Wirklichkeit wirklich, sagten die Eltern und waren recht zuversichtlich….
Das Bürschchen bestieg sein Gefährt, setzte wieder die Kopfhörer auf und die beiden anderen Kinder wurden wieder weiter gezerrt – zum nächsten Ziel, das ihnen völlig gleichgültig ist…. Beobachtet am 4.10.2025 in Wien, Innere Stadt, zwischen 14Uhr30 und 15Uhr20.