Was es zu bedenken gilt….
Die Schlussfolgerungen der bisherigen Gedanken über unsere Gegenwart bewegen sich im Schlagschatten des Totalitarismus. Sein Wesen, das alle Menschen erfasst, die unter ihm und in ihm leben, sieht auf den ersten Blick wie die perfekte Demokratie aus, denn in welcher Herrschaftsform werden alle aufgerufen, sich in den Dienst dieser Sache zu stellen? Es war eine der wichtigen Studien Michel Foucaults – „Das Leben des infamen Menschen“ – in der er sehr anschaulich ausführte, welche „demokratisierende Kraft“ der Absolutismus unter Ludwig XIV. besaß, ja ohne willige Teilnahme vieler an diesem politischen System hätte es keinen Absolutismus geben können. Immer wieder begegnet man dem Fehler, der oft von Historikern einem auf die Zunge gelegt wird, dass Zwang, Nötigung und Erpressung jenes totalitäre Regime eröffnen, das ohne Polizei, ja Geheimpolizei und Nachrichtendienste nicht eingeleitet und fortgesetzt werden kann. Es stimmt schon, dass es diese Zwangsmittel gibt, die das Merkmal eines autoritären Systems sind, doch diese Instrumente der Macht werden ja gegen jene ausgeübt, die an der Machtausübung nicht teilnehmen, dieser Nötigung widersagen und sich an der subtilen „Machtergreifung“ gegenüber dem Nächsten nicht beteiligen. Im Studium der Polizeiakten des 17. Jahrhunderts beobachtete Foucault, dass es wohl damals ein unübertroffener Genuss gewesen sein muss, sollte man nach einer Denunziation die Polizei beim Nachbarn beobachtet haben. Das Erlebnis war, an einer gleichsam demokratisierten Machtausübung, die nur der König zu besitzen schien, teilzunehmen.
Nun gut. Diese unappetitliche Geschichte ist nur die Vorhut von Unappetitlicherem. Die Zeithistoriker schilderten uns den Sündenfall in Mitteleuropa im 20. Jahrhundert stets als unfassbares Resultat verschiedenster unglücklich verlaufender Entwicklungen, ohne unmissverständlich mitzuteilen, was schon Friedrich Nietzsche bemerkt hatte: Bismarck, schrieb der Philosoph um 1888, habe zwar Deutschland groß, aber die Deutschen klein gemacht. Nach gewaltigen Bestechungen, denen wir im Übrigen die Schlösser des bayrischen Königs Ludwig verdanken, war das Deutsche Reich in Versailles 1871 ausgerufen worden. Die vielen Könige, von Hannover bis Sachsen hatten offenbar ihr Königtum gegen Geld eingetauscht und zugunsten dieser Kreation eines „deutschen Kaiserreichs“ im Grunde abgedankt. Sie meinten, diesem Augenblick der Reichsgründung einen historischen Dienst erwiesen zu haben.
So blieb der Wiener Kaiser in Schönbrunn allein, von allen deutschen Fürsten verlassen und musste bis ans bittere Ende in dieser Verlassenheit ausharren.
Die politische Dimension war kaum zu ermessen, denn nun wuchs dieses neue Reich samt neuem unromantischen Nationalismus unglaublich schnell als neue europäische Macht heran, dominiert von „deutschen Mandarinen“ auf allen Gebieten der Wissenschaft, Kunst, Ökonomie und Kultur, wie es Fritz Ringer bezeichnete. Die Diagnose Nietzsches bestätigte sich.
Diese Vorgeschichte soll vor allem den gewaltigen Unterschied markieren, denn das Motiv Hitlers während seiner Festungshaft 1922/23 ein Buch zu schreiben, war kein Rückblick auf Bismarcks Reichsgründung. Er benötigte keine Unterlagen, kein Überprüfen möglicher Quellen oder gar die Annäherung an vergleichbare Dispositionen, die es ja gegeben hatte. Hitler hatte sich an den Schreibtisch gesetzt und schrieb wie in Hypnose ein Buch, für das er seine Wiener Lebenserinnerungen nutzte. Und dabei kamen die unterschiedlichsten Erinnerungen hoch, sein Scheitern in Wien, beginnend mit der vergeblichen Mühe um eine Aufnahme in die Akademie der Bildenden Künste.
Ein Ausweg war das Malen von Ansichtskarten, die wirren Gespräche im Ottakringer Männerheim in der Wurlitzergasse. Für alle diese Halbheiten, Halbwahrheiten und politischen Pauschalverdächtigungen soll der Wiener Bürgermeister Karl Lueger Pate gestanden haben. Anders wäre ja der Umfang der Niederschrift nicht zustande gekommen. Aus diesen Erfahrungen und Erlebnissen bestand im Buch der rote Faden, der ihn zu ermächtigen schien, die lange politische Geschichte Deutschlands in Europa einseitig und knapp zu charakterisieren – teils als Leidensweg, teils als Irrweg.
Die Triebfeder fürs rasende Schreiben war sein Hass. Er merkte aus der Erinnerung auch an, „dass in diesen Nächten der Niederlage der Hass wuchs“. Es war ein fanatischer Hass, dessen Motiv in der Niederlage von 1918 begründet schien. Nun ist entscheidend, dass Hitler bewusst die geistesgeschichtlichen Befunde links liegen ließ, also in „Mein Kampf“ sich weder an der frühen „Staatsromantik“ Adam Heinrich Müllers orientierte, noch an den Kritiken am „Modernisierungs- und Industrialisierungsprozess“ in Deutschland, noch an den sozialpolitischen Konzepten der „Kathedersozialisten“. Er gebärdet sich zielbewusst und stellt sich prinzipiell außerhalb dieser speziellen „Genealogie“ deutschen Denkens. Aus eigener Anschauung erfindet er eine „proletaroide Interpretation“ deutscher Geschichte im 19. Jahrhundert, anfänglich vom Hass geleitet, um dann in seinem Hass eine objektive Begründung zu haben.
So ist es die wichtige Einsicht, dass Hitler auf keine geistesgeschichtliche Entwicklung Bezug nahm, sondern aus seiner Einbildung und Anschauung den zwingenden Weg zur Machtergreifung imaginierte. Daher ist „Mein Kampf“ das Ergebnis von Hass und Gewaltphantasien, aus denen er seine Weltanschauung komponierte.
Im Buch sind die Kriterien des politischen Wunschprojekts zwar genannt, stammen aber nicht aus dem „elfenbeinernen Turm“ fragwürdiger Gelehrsamkeit, sondern sind Entnahmen aus Hitlers Vorstellungswelt und Einbildung. Man kann diese Versionen auch als seinen politischen „Naturalismus“ bezeichnen: „Blut“, „Boden“, „Rasse“, „Volk“ und „deutscher Geist“ haben nichts mit Anthropologie, Ethnologie, Völkerkunde oder Geographie oder gar Deszendenztheorie zu tun, sie sind auch nicht das Kondensat einer hybriden politischen Philosophie, sondern Schlagworte eines „Besserwissers“ am Stammtisch, ein „Leitartikelwissen“ aus Flugschriften und fragwürdigen Zeitschriften wie die „Ostara“, die Hitler in Wien für den Redakteur Lanz von Liebenfels vertrieben hatte.
In dieser Analyse wird die Forderung von Jacques Derrida verständlich, da er der Überzeugung war, dass der Nationalsozialismus noch immer kein Teil eines wissenschaftsgeschichtlichen Diskurses ist. Da das Motiv des Buches der Hass war, hatte sich Hitler a priori jeder Auseinandersetzung entzogen. Und hier ist der entscheidende Punkt für die weiterhin „unbewältigte Vergangenheit“, auch wenn sie immer weiter im „kollektiven Vergessen“ verschwindet.
Nehmen wir als Beispiel die Publikation zur Innsbrucker „Pogromnacht“ am 10. November 1938. (Thomas Albrich (Hg.), Die Täter des Judenpogroms 1938 in Innsbruck, 2019) Die Misshandlung und auch Ermordung von Juden war zum erheblichen Teil unter Anleitung von promovierten Akademikern ausgeführt worden. Unter ihnen waren Ärzte, die bereits der SS angehörten, aber ihre Berufsethik dem Terror und der Grausamkeit „unterordneten“. Juristen führten eine Schlägerbande an, obwohl sie sicherlich gewusst haben, dass gewaltsames Eindringen in Wohnungen, Insultierung, Misshandlungen und Drohungen strafbar sind.
In dieser Disposition befand sich bereits Hitler 1923/24 beim Schreiben des ersten Teiles seines Buches. In seinen halbgebildeten Pauschalurteilen pendelt er im Vokabular hin und her. Im vulgären Antisemitismus bleibt er hängen, obwohl er ein wenig von der ebenso absurden Rassenforschung aufgeschnappt hatte. (Sogar bei Arnold Gehlen konnte man von der „Rassenwissenschaft“ lesen!) Die Publikationen hatten aber noch die deutliche Enthaltsamkeit gegenüber politischen Anwendungsbereichen. Bei weitem unklarer war Hitlers Anwendung von „Blut“ zur Bestimmung von Kultur und Genealogie. Da hatte er einen Reinheitsbegriff vor Augen, der viel später nach der ominösen Machtergreifung die Rassebiologen zu Untersuchungen anregten und schlechthin verbrecherisch waren. Diese Reinheitsvorstellung prägte dann Himmlers SS, konzentriert in Ordensburgen und –Schulen. Die Reinheit wart so vorangetrieben worden, dass im Grunde nur die Homosexualität die Reinheit zu bewahren schien,
Damit wird wohl klar, dass in dieser schriftstellerischen Wut Hitler nicht nur seine Contenance verlor, sondern sich blindlings in seine eigenen Fiktionen verhedderte.
Dieser erstaunliche Umstand versetzte Hitler in dauernde Unruhe und Rastlosigkeit, steigerten seine Rachegefühle gegen den Pariser Vorortefrieden und sein Hass wurde die Konstante seiner politischen Karriere.
Nun hat man nicht nur der Hypothese zu folgen, dass in diesem Gefühlsleben für die Vernunft kein Platz war, sondern Hitlers Hass hatte sehr wohl einen realen Beweggrund. Es wird wohl wenige Regionen auf dieser Welt geben, in der ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung das eigene Herkunftsland ablehnen. Sehr deutlich beschreibt Robert Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ diese Untiefen, die im Satz ihren Höhepunkt finden: „In Österreich ist Patriotismus Landesverrat.“ Das heißt, im Roman wendet sich die österreichische Version des Deutschnationalismus aus verschiedensten Motiven in eine grundsätzliche Verachtung österreichischer Tradition und Kultur. Längst war die politische „Modernisierung“ im „Deutschliberalismus“ von 1848 und 1867 erloschen, zu dem sich Franz Grillparzer bekannt hatte. Die „Schönerer“-Bewegung beanspruchte im Grunde ihre politische „Exterritorialität“ in Österreich, nach Musil ein Fremdkörper, der so gern die Donaumonarchie als Teil in Bismarcks Reich gesehen hätte. Dieses eigentümliche mitteleuropäische Phänomen hatte hierauf Hermann Broch in der „Massenwahntheorie“ untersucht, mit der ja das politische Bewusstsein des überwiegenden Teiles der österreichischen Bevölkerung nach 1918 dargestellt werden kann. Hitler kann sowohl nach dem Dispositiv des Landesverrats nach Robert Musil, als auch mit dem Konzept von Hermann Broch interpretiert werden. In beiden spielte der Hass eine dominante Rolle. Im Roman wird Österreich durch die Parallelaktion im Salon von Diotima in einer „Arkanpraxis“ „gerettet“. Bei Hermann Broch sind „Ich-Verengungen“ die Ursache der Furcht und Lebensuntüchtigkeit. Es bildet sich – nach Broch – eine hypertrophe säkulare „Theologie“ des Systems im Denken und Handeln. Wie es eben im 16. und 17. Jahrhundert Hexen „gegeben haben muss“, so sind jetzt die Verursacher allen Übels Juden und Außenseiter.
Das alles mündet in der lapidaren Feststellung von Hermann Broch: „Wo keine Werte sind, wird gehasst.“ Nun ist in derselben Analyse die Mitteilung enthalten, dass der Aufstieg totalitärer Systeme sich nicht aus der politischen Wirklichkeit ergibt, weshalb diese immer wiederholten Beteuerungen, Arbeitslosigkeit, Not, soziales Elend habe das Unglück bewirkt, sondern der Hass wird künstlich erzeugt und kanalisiert von politischen Bewegungen. Und diese Annahme Hermann Brochs ist aktueller denn je.
Der Hass „beseelt“ gegenwärtig einen Parteiführer in Österreich. Dass er die Funktion eines Bundeskanzlers verfehlte, verdankt er seinem Wunsch, unbedingt wieder das Innenministerium in die Hände zu bekommen, die Instrumente der Polizei, das „Wissen“ der Archive, die Kontrolle alles Geschehens durch Staatspolizei und Nachrichtendienste. Da war er zu vorlaut gewesen und der unerfüllte Wunsch ist sein Fundament für den nun begründeten Hass. Da fällt einem nur die grausame Persiflage auf Schillers „Ode“ ein, musikalisch durch Beethoven gesteigert und als Glaubensbekenntnis für Europa konzipiert, doch unverstanden geblieben. Kurt Sowinetz singt es in unnachahmlicher Abneigung: „Alle Mensch´n san mir z´wider, i möcht´s in die Gosch´n hau´n….“
Der Hass ersetzt das Denken wie er auch die Bewältigung und Beseitigung großer Belastungen oder völlig neuer Herausforderungen im Gewaltakt sieht. Hitlers Hass war kein vages Gefühl, der sich eben aus Versehen oder aus Not entlädt. Hitlers Hass war kein Affekt! Sein Hass wurde zur Triebfeder seiner kruden Weltanschauung. Zum Unglück trug der Umstand bei, dass Hitler mit seinen fixen Ideen und seinem Hass nicht allein war, sondern Beides war schnell verstanden worden, schien also aus „jedermanns Seele zu sprechen“.
Nun gab der Hass Hitler Halt, war das Fundament seiner Überzeugungen und kontaminierte damit die politische Schieflage in Deutschland und Österreich. Sein Kampf war ab nun sein persönlicher Kampf ums Dasein geworden, ein heroisches Ringen um jene Identität, die Hitler für „deutsch“ gehalten hat. So hat er Deutschland nachhaltig korrumpiert und ruiniert, wo er doch zuerst den Zuhörern seiner langen Reden imponierte – in München und in Österreich sowieso. Wie ein apokalyptischer Drache hatte er sich auf Europa gestürzt, freilich unterstützt und gefolgt von fanatischen Anhängern, die sich nicht schämten, sich den Verstand von Lemmingen angeeignet zu haben. Das alles endete in der Todesfuge, die Millionen Menschen das Leben kostete.
Damit war man der Überzeugung gewesen, der Nationalsozialismus samt seinem abschreckenden Führer ist ein für allemal erledigt. Dem ist aber nicht so. Man dachte über die Triebfeder dieses Wahns, über den Hass nicht mehr nach. Offenbar ist es eine Begleiterscheinung einer liberalen Gesellschaft, und nur diese sind hier zu betrachten, Veränderungen, die sich wie „Konjunkturabschwünge“ ausweiten, Wandlungsphänomene, die Vollbeschäftigung bedrohen, die die soziale Homogenität belasten, die zugleich die in politischen „Schönwetterphasen“ erreichte Identifikation mit Demokratie und Rechtsstaat deutlich schmälern, mit politischer Kehrtwendung zu bestrafen.
Es sieht fast wie ein willkürlicher Jux aus, sollte man die Parolen der Gegenwart kennen, die ebenso bedrohlich klingen wie 1933. Die „Antwort“ ist die Revitalisierung von Chauvinismen, von rechtsextremen Positionen, ja sogar einer wortwörtlichen Entnahme aus dem Nationalsozialismus, um jenen Zustand wiederherzustellen, der ohnehin im Bewusstsein lebendig blieb. Genau dieser Fall ist eingetreten.
Sogar in Staaten, von denen man zuvor angenommen hatte, gegenüber Populismus und Rechtsextremismus immun zu sein – so etwa Holland – machte sich eine Strömung breit, die ihre Überzeugung erfolgreich verbreitet, eine gedankliche Anlehnung an den Nationalsozialismus täte Not, zumindest wird eine starke Führung oder gar ein „eiserner Besen“ benötigt. Diese neuen politischen Bewegungen nennen aber eine neue Perspektive, die ganz gegen ihre Tradition ins Treffen geführt wird, nämlich sich mit dem politischen System Russlands anzufreunden. So geht es nicht allein um einen neuen Faschismus, sondern man kann gut beobachten, wie die „Neue Rechte“ in Europa aus Russland die Initialzündung für einen neuen Totalitarismus herbeisehnt, gleichgültig ob links oder rechts. Hauptsache ist der Wandel des liberalen Rechtsstaats in einen illiberalen Unrechtsstaat. Diesen Zweck verfolgte vermutlich der „Freundschaftspakt“ zwischen FPÖ und Putins Partei.
Es ist das Kernstück der neuen Obszönität. Nur sie mag die Ermahnungen aus der Geschichte zurückweisen, nur sie kann im Heraufbeschwören eines neuen politischen Hexensabbats die Begeisterung für den Hass wecken.
Und was vom Nationalsozialismus übrig ist, fließt hier ein. Und übrig blieb in Segmenten der Gesellschaften in Europa der Hass, die immer wiederkehrende Einflüsterung der Gewalt, als könnte diese die anstehenden Probleme lösen. Wenn Bert Brecht sein Theaterstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ mit den Worten enden lässt: „Und der Schoß ist fruchtbar noch – aus dem dies Untier kroch“ – so ist diese Geburtsstunde da. Man hatte es nicht vermocht, diese Kontinuität des Hasses zu transformieren. So blieb der Faschismus für die Enttäuschten und Deklassierten, für die Modernisierungsverweigerer und -verlierer ein Asyl fürs hasserfüllte Denken. Im Hass erweist sich der Nationalsozialismus lebendig und vermag wieder erhebliche Teile der Bevölkerung anzusprechen. Diese Obszönität verbreitet sich wie ein Lauffeuer bis zu den USA…. beschädigt nachhaltig Gehirn und Herz.